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Full text of "Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz ..."

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Beschreibende Darstellung 



der alteren 



Bau- und Kunstdenkmäler 



der 



Provinz Sachsen 

und angrenzender Gebiete. 



Herausgegeben 

von der 

Historisclien Commission der Provinz Sachsen. 



XXI. Heft. 

Die Kreise Jerichow. 



Mit 134 In den Text gedruckten Abbildungen 
und einer Denkmäler-Karte. 



Halle a. d. S. 

Druck und Verlag von Otto Hendel. 

1898. 



Beschreibende Darstellung 

der älteren 

Bau- und Kunstdenkmäler 



der 



Kreise Jerichow. 



Bearbeitet 



von 



Ernst Wernicke, 

Oberpfarrer zu Loburg. 



Herausgegeben 
von der 

Historischen Commission der Provinz Sachsen. 



Mit 131 In don Text gedrurkten Abbildungen 
und einer Denkmäler-Karte. 



Halle a. d. S. 

Druck und Verlag von Otto Hendel. 

1898. 



HARVARD UNIVERSITY 

LIBRARY OF THE 
fiERMANIC MUSEUM 









, ,f ARVARD 
^N'VERSITY 






Vorwort. 



Die Boreisung des in diesem Hefte behandelten Gebietes für die Zwecke der 
Denkmäler-Beschreibung ist im Sommer des Jahres 1893 ausgeführt worden. 
Zahlreiche Einzelbesuche sind vorher und nachher im Laufe von zwei Jahrzehnten 
dazu gekommen. Sodass das im Folgenden Dargebotene fast ausnahmslos auf 
eigener Anschauung und Untersuchung des Verfassers beruht. 

Die Ausarbeitung des Textes war bereits im Januar 1895 druckfertig beendet. 
Ihre Drucklegung hat sich so lange verzögert, weil die Herstellung der Ab- 
bildungen, welche Herr Stadtbauinspoktor a. D. Jaehn zu Magdeburg in höchst 
uneigennütziger Weise aus Liebe zur Sache übernommen hatte, sich bei seiner 
Überlastung mit Berufsarbeiten nicht in erwünschter Schnelligkeit hat erledigen 
lassen, sodass zuletzt doch die Erzeugnisse der photographischen Camera zur 
Aushilfe in Anspruch genommen werden mussten. In der Zwischenzeit sind so 
manche Veränderungen in dem Denkmälerbestande der Kreise eingetreten, dass 
eigentlich eine nochmalige Bereisung derselben angezeigt gewesen wäre. 
Für mich selbst war eine solche indessen völlig unausführbar, da ich 
unmittelbar nach Fertigstellung des Textes im Februar 1895 von einem unheilbaren 
Augenleiden heimgesucht worden bin, welches nach peremptorischer ärztlicher Ver- 
ordnung mich genötigt hat, meine archäologischen Forschungen und iitterarischen 
Arbeiten überhaupt gänzlich und für immer aufzugeben. Habe ich mich trotzdem der 
nunmehrigen Revision des Textes und Korrektur des Druckes, wofür eine geeig- 
nete Hilfskraft mir nicht zu Gebote stand, selbst unterziehen müssen, so ist das 
eine für mich so peinvolle und unter soviel Behinderung zustandegekommene Arbeit 
geworden, dass ich für das Ergebnis derselben sehr viel Nachsicht erbitten muss. 

Für die Bearbeitung des Textes sind die von der Historischen Commission 
der Provinz aufgestellten Satzungen massgebend gewesen. Ich bemerke nur, 
dass ich die lokalgeschichtlichen Mitteilungen thunlichst auf dasjenige beschränken 
zu sollen geglaubt habe, was eben zum Verständnis der vorhandenen Denkmäler 
und ihrer Geschichte erforderlich ist. 

Die gesamte einschlägige Litte ratur, soweit überhaupt erreichbar, ist 
für die vorliegende Arbeit noch einmal kollationiert worden. Bei der schönen 
neuen Arbeit von Stiehl über die romanischen Backsteinbauten ist das leider 
erst nach Vollendung des Druckes möglich geworden, sodass über sie nur 
in den „Zusätzen" äusserlich hat berichtet werden können. Eine Ausein- 
andersetzung mit derselben über abweichende Auffassungen, namentlich in 
einigen chronologischen Fragen, ist nicht mehr möglich, gehört wohl auch kaum 
in eine Arbeit wie die vorliegende. Hier möchte ich nur bemerken, dass die 
versuchte Zuweisung der Einführung des ßacksteinbaus in Norddoutschland au 



VI Vorwort 

Heinrich den Löwen mir doch nicht mehr Wert zu haben scheint als die an Hartwig 
von Bremen oder Anselm von Havelberg oder Albrecht den Bären. Ich bin von 
ganzem Herzen der Überzeugung, dass die grossen Kriegs- und Staatsmänner 
jener Zeiten, schon nach ihrem ganzen Bildungsstande, wirklich ganz andere 
Dinge im Kopfe hatten, als die prinzipielle Einführung eines bestimmten Bau- 
stiles oder einer solchen Bautechnik. 

Die kirchlichen und kommunalen Archive der einzelnen Ortschaften nach 
ungedruckten Materialien zur Geschichte ihrer Denkmäler zu durchforschen, ist 
nur bei einer sehr beschränkten Anzahl möglich gewesen. Diese zeitraubende, 
aber nicht unergiebige Arbeit wird füglich der Spezialforsch ung Ortseingesessener 
überlassen werden müssen, und ich möchte sie besonders meinen Herren Amts- 
brüdem ans Herz legen. 

Etymologische Deutungen der Ortsnamen, besonders der an Zahl über- 
wiegenden slavischen, habe ich als schlechterdings ausserhalb des Bereiches 
meines selbständigen Urteils gelegen und auch kaum zur Aufgabe dieser Inven- 
tarien-Werke gehörig grundsätzlich ausgeschlossen. Dagegen habe ich geglaubt, 
die Aufzählung und Beschreibung der Denkmäler nicht auf das an künstlerischem 
Wert oder kunstgeschichtlichem Interesse Bedeutendere beschränken zu sollen. 
Der Umfang dieses Heftes hätte andernfalls sehr viel bescheidener ausfallen und 
auf wenige Bogen beschränkt werden können. Indessen handelt es sich bei 
diesen Werken zugleich um Weckung lokalen Interesses und Verständnisses, und 
da werden auch die scheinbar geringw^ertigen Reste der Vergangenheit um so 
weniger unbeachtet bleiben dürfen, als ja das Urteil über ihren Wert fortwährenden 
Schwankungen unterliegt. 

Die Inschriften sind, soweit es mit dem verfügbaren Lettern -Material 
auszuführen war, mit diplomatischer Genauigkeit wiedergegeben, auch mit allen 
Abkürzungen und orthographischen Fehlem imd Seltsamkeiten, ohne dass auf 
letztere durch Ausrufungszeichen oder dergleichen besonders aufmerksam gemacht 
wäre. Nur in einigen schwierigeren Fällen habe ich die richtige Auflösung als 
Anmerkung unter den Text gesetzt. 

Was die Abbildungen betrifft, so hat an eine systematische und vollstän- 
dige Illustration des ganzen Heftes, wie etwa in dem beneidenswerten Mecklen- 
burg- Schwerinschen Denkmälerwerke, bei den zur Verfügung stehenden Mitteln 
nicht gedacht werden können, vielmehr Beschränkung auf bisher noch gar nicht 
oder ungenügend abgebildete Gegenstände und eine kleine Auswahl besonders 
charakteristischer Beispiele der verschiedenen in Betracht kommenden Denkmäler- 
arten und solcher, deren Abbildungen ohne allzu grosso Mühe und Kosten erreich- 
bar waren, eintreten müssen. Die Abdrücke der chemitypischen Reproduktionen 
photographischor Aufnahmen sind leider zum Teil recht unklar ausgefallen. Und 
für die mancherlei kleinen Detail- Skizzen, die ich, um zum Ende zu kommen, 
invita Minerva selbst zu liefern genötigt gewesen bin, muss ich auf grosse Nach- 
sicht mit dem guten Willen eines unbeholfenen Dilettanten hoffen. 

Die beigegebene Denkmäler-Karte hat auf alles, was, wie wünschens- 
wert und belehrend immer nach anderen Gesichtspunkten, doch ihren eigentlichen 
Zweck, den deutlichen Überblick über den Denkmal orbestand, benachteiligen 
würde, verzichtet. Für die graphische Darstellung des letzeren scheint mir ein 



Vorwort. VII 



n 



normales und allseitig befriedigendes System noch nicht gefunden zu sein. Ich 
habe mich demjenigen angeschlossen, welches schon Mithoff in dem Hannoverschen 
Denkmälerwerke befolgt hat, dabei aber ebenso die baugeschichtlichen Perioden, 
wie die zur Verwendung gekommenen Baumaterialien zu bezeichnen gesucht. 

Es erübrigt mir die angenehme Pflicht, den staatlichen und kommunalen 
Behörden, den Herren Amtsbrtidern, Küstern und Schlossbesitzern in beiden 
Kreisen, insonderheit auch den Vorständen des Staatsarchivs zu Magdeburg, sowie 
der Herzoglichen Bibliotheken zu Dessau und Wolfenbüttel und der Städtischen 
zu Magdeburg, bei welchen allen diese Arbeit die wohlwollendste und entgegen- 
konmiendste Förderung gefunden hat^ meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. 

Loburg, im Oktober 1898. 

Ernst Wernicke. 



Inhalts - Yerzeichuis. 



Einleitung 

1. Geographisches 

2. Geschichtliches 

8. Litteratur 

a) Topographisches .... 

b) Geschichtliches .... 

c) Eunstgeschichtliches . . 

Die einzelnen Ortschaften des 

S«lte 

.... 89 

.... 40 

.... 40 

.... 41 

.... 42 

.... 48 

.... 44 

.... 70 

.... 70 

.... 73 

.... 73 

.... 74 

.... 76 

.... 79 

.... 79 

.... 263 

.... 80 

.... 81 

.... 83 

.... 85 

.... 85 

.... 86 

.... 88 

.... 88 

.... 95 

.... 100 

.... 104 

.... 106 

.... 107 

.... 107 

.... 108 

.... 109 

.... 111 

.... 112 

.... 114 

.... 116 

.... 117 



Seite 
1 

1 

13 
88 
33 
34 
35 



Biederitz . . . 
Boecke . . . 
Brietzke . . . 
Buckau . . . 
Bücknitz . . . 
Buden. . . . 
Burg .... 
Oalenberge . . 
Oalitz .... 
Cöpernitz . . 
Cörbelitz . . . 
Cracau . . . 
Dalchau . . . 
Dangelsdorf 
Detershagen 
Dörnitz . . . 
Elbenau . . . 
Floetz. . . . 
Gehrden . . . 
Glienecke (Box) 
Glienecke . . 
Gloinc . . . 
Goebel . . . 
Goerzke . . . 
Gonunem . . 
Grabow . . . 
Gross -Lübars . 
Gross - Lübs 
Grüningen . . 
Gübs .... 
Güterglfick . . 
Hobeck . . . 
Hohenlobbese . 
Hohenwarthe . 
Hohenziatz . . 
Ihleburg . . . 
Isterbies , . . 



Kreises Jerichow I .... 87 

Kämeritz 118 

Klein -Lübars 119 

Klein -Lübs 120 

Klepps 121 

Klitsche 121 

Königsbom 123 

Ladeburg 128 

Leitzkau 129 

Loburg 167 

Lostau 194 

Luhe 195 

Lfittgenziatz 196 

Menz 197 

Moeckern 198 

Moritz 209 

Nedlitz 210 

Neu -Werbig 211 

Niegripp 212 

Parchau 213 

Pechau 214 

Pietzpuhl 215 

Ploetzky 218 

Pretzien 220 

Proedel 222 

Bandau 223 

Banies 224 

Rietzel 225 

Bosian 226 

Rottstock 228 

Schartau 229 

Schermen 230 

Schopsdorf 231 

Stegelitz 231 

Stresow 235 

Theessen 237 

Tryppehna 238 

Vehlitz 239 

Wahlitz 240 



Inhalts - Yerzeichnid. 



IX 



Wüsten - Jerichow 
Zeddenick . . . 

Ziepel 

Ziesar 

Zitz 



Seite 

Wallwite 241 

Walternienburg 241 

WentzJow 248 

Wörmlitz 244 

Wollin 245 

Wolteradorf 246 

Die einzelnen Ortschaften des 

Altenklitsche 267 

Altenplathow 270 

Bahnitz 272 

Bensdorf 278 

Bergzow 278 

Brandenstein 274 

Brettin 274 

Bukow 274 

Bnetzer 275 

GabelitE 276 

Cade 278 

Camem 281 

Carow 282 

CrOssau 284 

Derben 286 

Drctzel 287 

Ferchland 288 

Fischbeck 288 

Garz 290 

Oenthin 291 

Gladau 294 

Goettlin 295 

Gollwitz 295 

Gross- Mangelsdorf .... 296 

Gross -Wudicke 297 

Gross -Wulkow 297 

Gross -Wusterwitz .... 298 

Gmetz 301 

Gfltter 801 

Hohengoebno 802 

Hohenseeden 804 

Jercbel 805 

Jerichow 806 

Klietz 881 

Elietznick 882 

Knoblauch 884 

Knhlhausen 335 

LeofN^dsburg ...... 335 

Liebars 385 

Zun 8 tges ch ich t lieh -archäologische Übersicht 
Gloekenschan 



Kreises Jerichow II 

Mahlenzien . . . . 

Melkow 

Milow 

Moeser 

MoeUitz 

Neuenklit^he . . . 
Neuermark .... 
Nielebock .... 
Nitiahne. 
PapUtz ..... 

Pärchen 

Parey 

Bedekin 

Beesen 

Behberg 

Bingelsdorf .... 
Bogaesen . . . . 

Eossdorf 

Sandau 

Scharllbbe .... 
Scharteuke .... 
Schlagenthin . . . 
Schmetzdorf . . . 
Schoenfeld .... 
Schoenliauseu . . . 
Schollene .... 

Steinitz 

ßydow 

Tucheim 

Vieritz 

Viesen 

Warchan 

Woltersdorf. . . . 

Wulkau 

Wust 

Zabakuk 

Zerben 

ZoUchow 



Belto 

247 
247 
248 
249 
262 

265 

386 
836 
888 
889 
841 
848 
344 
346 
846 
846 
347 
349 
852 
855 
355 
359 
856 
358 
859 
367 
368 
869 
371 
878 
874 
378 
379 
380 
382 
385 
387 
388 
890 
890 
891 
394 
895 
895 

897 
430 



Znsätze und Berichtigungen 
während und nach Beendigung des Druckes. 



(Kleinere Druckfehler, die sich von selbst als solche erweisen und berichtigen, 

sind nicht mit aufgeführt.) 



ff 



9 


„ 25 


13 


« 3 


15 


,, 12 


33 


.. 8 



Seite 6 Zeile 7 von unten statt Niedebock lies Nielebock. 

„ oben Küsel gehört zum Kreise I. 

,, unten in der Anmerkung statt Königsberg lies Tübingen. 

fy oben statt servitum lies servitium. 

,f unten: Von dem Pfarralmanach ist inzwischen die 17. Auflage 
1898/99 erschienen. Nach derselben ist die Einwohnerzahl in den 
Städten nunmehr: Burg 19 700. Gommem 4 804. Loburg 2 280. 
Möckem 1762. Ziesar 2 718. Genthin 6 362. Jerichow 1 827. 
Sandau 1970. 
Seite 34. Zur geschichtlichen Litteratur ist nachzutragen: J. Gebauer, zur Gesch. der 
Reformation im Bistum Brandenburg. Progr. der Kitter- Akademie zu Branden- 
burg 1898. 

In Bezug auf die ehemals sächsischen Ortschaften (Stadt und Amt 
Gommem) ist zu vergleichen Dietmann, Karl Gottlob, die Priesterschaft im 
Churfürstentum Sachsen I.Teil 4. Bd. Dresden und Leipzig 1755; behandelt in 
Abschn. 3 Kap. 8 S. 259-288 die Diöcese Gommem; 

für die ehemals anhaltischen Ortschaften (Amt Walternienburg) Beck- 
mann, Historie des Fürstentums Anhalt, s. S. 242. Anm. 1. 
Seite 35. Zur kunstgeschichtlichen Litteratur ist inzwischen hinzugekommen 0. Stiehl, 
der romanische Backsteinbau besonders in Oberitalien und Norddeutschland, 
fol. mit 27 Tafeln üud 113 Textfiguren. Leipzig 1898. In Betracht kommt 
für unser Gebiet besonders der Schlussabschnitt S. 78— 84: Allgemeines über 
die norddeutsche Backsteinbaukunst. Von einzelnen Ortschaften und Bau- 
werken sind behandelt S. 66f. Klosterkirche zu Jerichow mit Fig. 81 Wand- 
säulen der Krypta, 82 Kämpfer der Seitenapsiden, 83 Fenster der Hauptapsis, 
110 Konsolen von den Friesen, 111, 1 Profil des Sockelgesimses einer Neben- 
apsis, Taf. 22 Nr. 1 Ansicht der Ostfront, Nr. 2 Innenansicht nach Osten, Taf. 
24 Fig. 6 Dienstkapitell im stidl. Querschiff. — S. 67 Kirche zu Schoenhausen 
mit Fig. 84 Ostansicht, 85 Wcstportal und Taf. 24 Nr. 1 Fenster des West- 
turms. — Stadtkirche zu Jerichow. — S. 68 Kirche zn Bedekin mit Fig. 86 
Ostansicht. — Kirche zu Gross -Mangelsdorf mit Taf. 24 Nr. 3 Hauptgesims 
der Apsis. — Dorfkirche zu Schmitsdorf mit Aufrissen und Details auf 
Taf. 21. — Dorfkirchen zu Wulkow, Melkow, Klietz und Stadtkirche zu San- 
dow mit Fig. 87 Trapezkapitell im Schiff, Fig. 88 Ansicht von SO und 
Fig. 111, 6 Sockelprofil. 

Einige, aber ganz unvollständige, grösstenteils irrtümliche oder missver- 
standene Notizen zur Denkmäler*Beschreibung und Geschichte enthält auch die 
überhaupt in hohem Grade unzuverlässige „Heimatkunde der Kreise Jerichow 
I und II für Schule und Haus" von W. Schmidt (o. J. Selbstverlag des Ver- 
fassers in Ferchels bei Schollene). 



Zus&tze uDd Berichti^Dgen. 



) 3S Zeile 14 von oben statt 84 lies 44. 

40 „ 2 „ „ „ 11B2 lies 1552. 

63 „ 2 „ „ „ freihändif^em liee freihängendem. 

70 ,. 26 „ „ „ 61 lies 16. 

77 „ 10 „ nnten „ Strampf lies Stumpf. 

79 „ 4 „ oben „ »CÄI^nOV lies DaÄLCIjOV. 

93 „ 2 „ nnten „ WE^E liea WERÖE. 
165 bei Fig. 46 statt Neuhaus lies Altbans. 
288 Zeile 26 von oben: Nocb der Baninscbrift Ober der Eircbenthür hiess der Bau- 

meiBter August Martini. 
828 ist Fig. 106 beim Abdruck auf den Kopf gestellt 
329 Zeile 7 von anten statt ebnen lies lehnen. 
888 „ 18 „ oben „ Hohlkehle lies Schmiege. 
409 „ 14 „ nnten hinter allergrOssten lies Teile. 

„ „ 6 „ „ statt hohlprosilierten lies hohlprofilierten. 



Abkürzungen in den Litteratnrangaben. 

Adler =• Adler, mittelalt, Bacbatoin-Bauwerlie u. b. W. sie 
Duncker = Duncker, ländliche Wohnsitze u. b. w. 
Geecb- B). ^ Geechichte- Blätter Für Stadt und Land 

Magdeburg; Zeilacbrifc des Magdeburger Ge- 

BchicbtB-VereiDR, eeit 1866 
LotE •= Lotz, Kunsttopographie Deutschlands 
Otte = Otte, Handbuch derkirchl.Kunstarchaolo^'e S.Aiifl. 
Riedel ^ Riedel, codex diplom. Braodenburgenais 
Wiggcrt = Wiggert, HistoriBche Wanderangen 



Einleitung. 



e gegenwärtigen beiden Kreise Jerichow haben in der Hauptmasse 
ihres Gebietes jahrhundertelang zusammen einen der vier Kreise des 
Erzstifts, später Herzogtums Magdeburg gebildet. Erst bei der Neu- 
gestaltung der Provinz Sachsen 1816 ist die Zweiteilung erfolgt, wo- 
bei der ehemals zur Kunnark Brandenburg gehörige und erst IHS in Austausch 
gegen den Luckenwalder dem Herzogtume Magdeburg zugelegte Ziesarsche Kreis 
an die beiden Kreise verteilt worden ist, während gleichzeitig die bis dabin zum 
Holzkreise gehörigen Ortschaften Randau undHohenwarthe und die eingesprengten 
fremdländischen Enklaven des ehemals kursächsischea Amtes Qommem und des 
einst zur Grafschaft Barby gehörigen anbaltischen Amtes Walter -Nienburg zum 
ersten, und die bis dahin zur Altmark gehörigen Orte Fischbeck und Schönhausen, 
sowie die zur Kiirmark gehörigen Bahnitz und Nitzahne zum zweiten Kreise ge- 
legt wurden; nur das zu Anhalt gehörige Domburg nebst Gödnitz und der zwischen 
Leitzkau und Goebel gelegenen Wiemermark ist als einzige fremdländische 
Enklave übriggeblieben. Da auch eine natürliche Grenze zwischen beiden Kreisen 
nicht vorhanden ist, so wird das zur Einleitung zu Sagende sogleich für beide 
zusammengefasst werden können. 

1. Geographisches. 
Beide Kreise bilden zusammen ein grosses, unregelmässiges, mit der Spitze 
nach Norden, mit der Basis von SW. nach NO. gerichtetes Dreieck, das sich 
zwischen 29" 19' und 30* 11' 26" östlicher Länge und zwischen 51 " 55' 20" und 
52" 48V»' nördlicher Breite lagert und im I, Kreise 24'/, Quadratmeilen mit 73173 
Einwohnern in 1 grosseren und 4 kleinen Städten, 2 Flecken und 108 Dörfern und 
Rittergutem, im H. aber 24*/,o Quadratmeilen mit 55,023 Einwohnern in 3 kleinen 
Städten und 116 Dörfern und Eittergütem umschliesst Die Grenze zwischen 
beiden Kreisen verläuft in einer sehr unregelmässigen, in der Mitte sich stark 
nach Süden ausbauchenden, in der westlichsten Ecke schroff nach Norden um- 
springenden lanie von W. nach 0. 

' Begrenzt wird das Dreieck im Westen in seiner ganzen Länge, mit Ausnahme 
zweier kleinen Strecken, wo Barby gegenüber der Kreis Calbe und Magdeburg 



Einleitung. 



gegenüber der Stadtkreis Magdeburg auf das rechte Ufer übergreift, von der 
Elbe; östlich in seinem nördlichen Theile von der Havel und südlich des Flauer 
Sees von der Plane-Niederung, An der südlichen Seite fehlt es an einer natür- 
lichen Grenze gegen das Herzogtum Anhalt und den Kreis Zauch-Belzig, während 
die nördlichste Spitze, die Landzunge zwischen Elbe und Havel unmittelbar vor 
deren Zusammenfluss, für den Kreis West-Priegnitz abgeschnitten ist. 

Der Spiegel der Havel, welche bereits mit dem Südufer ihrer Erweiterung 
im Planer und Wend-See die Grenze des IL Kreises bildet und nur auf der 
kurzen Strecke zwischen Plane und Briest in den Kreis Westhavelland zurück- 
tritt, um dann in sehr gewundenem Traufe und mit sehr geringem Gefälle der 
Elbe zuzustreben, liegt bei ihrem Austritt aus dem Planer See noch 28 m über 
dem Meeresspiegel. Sie wendet sich hier fast im rechten Winkel nach Norden, 
biegt unterhalb Prity.orbe scharf nach Westen um, unterlialb Milow aber nach 
Aufnahme der Stremme wieder ebenso scharf nach Norden. Oberhalb Rathenow 
liegt ihr Spiegel noch 27 m hoch, zwischen GöttJin und Grütz, wo sie um den 
nordöstlichen Ausläufer des Klietzer Plateaus herum einen neuen kurzen Bogen 
nach Westen macht, 26 m, unmittelbar unterhalb Schollene, kurz vor dem sie 
sich wieder nach Norden gewandt hat, nur noch 24 m. Eine abermalige Biegung 
nach Westen macht sie nördlich von Garz und Kuhlhausen, wo sie den Kreis 
wieder verlässt, um in mehreren nochmaligen grossen Windungen hinschleichend 
endlich zwischen Werben und Quitzoebel bei 22 m Meereshöhe die Elbe zu er- 
reichen. 

Weitaus stärker ist das Gefäll der Elbe. Ihr Spiegel liegt bei Aken, wo sie 
die grosse Wendung nach NW. macht, 47 m, gegenüber Schönebeck 43V2^ i^ 
Magdeburg 40, gegenüber Parchau 36, gegenüber Jerichow noch 30 m über dem 
Meeresspiegel, um bis zur Vereinigung mit der Havel auf 22 m zu sinken. Sie 
hat in ihrem breiten (z. B. zwischen Magdeburg und Königsborn 8 km breiten) 
Thale ihr Bett nicht nur in vorgeschichtlicher Zeit, worüber nachher noch Näheres, 
sondern auch in der geschichtlichen vielfach verändert und verlegt^ Oberhalb 
Magdeburg kann bis ins X. Jahrhundert der jetzige Hauptarm von Domburg 
über Schönebeck nach Salbke nicht vorhanden oder nur ganz unbedeutend ge- 
wesen sein, während die jetzige „alte'* Elbe, von Domburg über Plötzky und 
Heyrothsberge nach Lostau laufend, der einzige oder der Hauptarm gewesen sein 
muss. Dies ist daraus zu schliessen, dass die Pfarrorte des jetzt von den beiden 
Armen umschlossenen Elbenauer Werders in den genauen urkundlichen Orts- 
verzeichnissen des Brandenburger Bistumssprengeis nirgends aufgeführt werden, 
also wohl zu dem Magdeburger gehört haben müssen, dessen Ostgrenze die Elbe 
bildete. Wann die Verlegung des Bettes nach Westen erfolgt ist, lässt sich nicht 
angeben. Im XH. Jahrhundert muss sie jedenfalls längst vollendet gewesen sein, 
da der Rest des alten Elblaufes bei Zibkeleben bereits 1170 urkundlich als „See'' 
bezeichnet wird. Den jetzigen Plötzkyer Arm haben 1806 die Franzosen 



^ Vrgl. Maenss, J.^ die Elbo bei Magdeburg. Mit mehreren Tafeln; in Mitt. d. Ver. f.^ 
Erdkunde zu Halle 1885, S. 1— 10. ~ Schreiber, über ein aitcfl, durch den Hafenbau bei 
Magdeb. aufgedecktes Eibstrombett. 1892 (S. A. aus d. Jahrb. des Naturwiss. Vereins zu Magde- 
burg für 1891). 



Einleitung. 



ahzudänimen versucht; in neuerer Zeit ist seine Verlandung 1876 durcli Anlegung 
des grossartigen Pretziener Wehrs und des von hohen üferdämmen begleiteten 
Umflutkanals in Angriff genommen. 

Umgekehrt verhält es sich unterhalb Magdeburgs. Hier ging ursprünglich der 
Strom Ton M. ans ziemlich gerade nordwärts auf Wolmirstedt zu, daher gehörten 
die jetzt auf dem linken Ufer der Elbe gelegenen Orte Glindenberg und ßothen- 
see zur Diöcese Brandenburg, und eine Hauptzollstätte für die Schiffahrt war bei 
Elbei noch im Jahre 1136. Nachher aber entstand v^i^ieder ein östlicherer Stiom, 
der um die Anhöhe bei Hohenwarthe, sie scharf abspülend, herumging und all- 
mählich der Hauptstrom für die Schiffahrt wurde, an dem 1316 Erzbischof Bur- 
ehard HI. bei Hohenwarthe ein Schloss und eine Zollstätte zur Belästigung der 
Magdeburger anlegte. Die vielen ehemaligen Windungen dieses Armes nach 
Lostau und Hohenwarthe zu sind durch bereits 1740 teilweise begonnene und 
seit 1789 systematisch durchgeführte Gradelegungen abgeschnitten und existieren 
bei Gerwisch und Lostau nur noch als Seen. 

Für den nördlich von hier sich fortsetzenden Lauf der Elbe muss auf die 
Gestaltung dieser ganzen Gegend in vorgeschichlicher Zeit zurückgegangen werden.^ 
Nach der gegenwärtig ziemlich allgemein angenommenen Anschauung ist auch 
unser Gebiet in der (doppelten) Eiszeit durch die von Schweden und der 
baltischen Küste nach Deutschland vorgedrungene gewaltige Vergletscherung des 
Inlandeises bedeckt gewesen. Nach deren Abschmelzung trat zunächst das 
südlich vom Elbthal begrenzte diluviale Plateau des Fläming* hervor, das mit 
seiner nordwestlichen Abdachung fast den ganzen Kreis Jerichow I ausfüllt. Die 
liöheren Erhebungen desselben in dem grösseren östlichen Teile liegen aller- 
dings ausserhalb des Kreises, die höchste jedoch in dem 201 m hohen Hagelberge 
bei Beizig ganz in der Nähe der SO -Grenze desselben. Von da dacht sich 
das Plateau nach Süden steiler, nach N und W allmälilicher ab als eine in der 
Hauptsache ebene, nur durch die Auswaschungen der später zu beschreibenden 
mehr oder weniger tief eingeschnittenen und breiten Flussthäler gegliederte Hoch- 
fläche, an deren nordöstlichem Rande die Wolliner Berge sich im Eichberge noch 



' Yergl. hierzu besondnrs von älterer Litteratar: Girard, H., die norddeutsche Ebene 
insbeB. zwiBch. Elbe und Weichsel. M.Karte 1855. — Von neuerer: Wahnschaffe, Felix, 
die Quart&rbildungen der Umgegend von Magdeburg u. s. w., in Abband!, zur geolog. Speciallcarte 
von Preussen und den Thüring. SUaten Bd.YII, Heftl. 1885. M.Karte und 8 Abb. im Text. — 
Ders., die Ursachen der Oberflächengestaltung des norddeutsch. Festlandes. Mit 5 Lichtdruck- 
beilagen und 25 Abb. im Text, in Forschungen zur deutsch. Landes- u. Volkskunde VI (1892). 
S. 1 — 150 — wo auch die sonstige frühere Litteratur vollständig aufgeführt ist. — Ders., unsre 
Heimat zur Eiszeit. M. 4 Abb. Berlin 1896. 

' Der an die spätere niederländische Kolonisation anknüpfende Name ,,Fläming" oder 
y^Flemming" kommt nach Abel's handschr. Chronik von Möckem (Bd. II Buch 1. Hptst. 1. Abt. 4. § 1) 
urkundlich zuerst in einem Besponsum der Schoppen von Magdeburg nach Preussen von 1539 
vor, sonst gehört er nur der mündlichen Überlieferung an. Nach Torquatus (1574, vrgl. 
Dittmar, M. in Mitt. d. Vereins für Erdkunde 1893 S. 227.) hiess der Teil des Jerichovrschen 
Kreises südlich von der Stremme terra Flammgorum, weil aber dieser Name vreiter reichte als 
die ensstiftische Landesgrenze, nannte man den süd- und ostwärts von Loburg beginnenden 
and sich bis in die Lausitz erstreckenden, auch das erzstiftische Land Jüterbog umfassenden 
Landstrich den „dürren" Fläming. 

1* 



Einleitung. 



zu 96 m Höhe erheben, während sonst der Nordrand meist in einer Höhe von 
45 bis 55 m abschneidet, jedoch im Kapaunberg bei Pietzpuhl wieder zu KU m 
ansteigt. Die letzten Ausläufer nach Westen bilden den östlichen, über Zerbst 
Gehrden, Prödel, Dannigkow, Neu-Königsborn, Woltersdorf, Cörbelitz, Lostau und 
Hohenwarthe laufenden Rand des Eibthals, der bei dem letzten Orte mit steilem, 
30 m über dem Flussspiegel hohem Hange unmittelbar in die Elbe abfällt* und 
im benachbarten Weinberge noch wieder zu 75 m Höhe über den Meeresspiegel 
ansteigt. Im südlicheren Teile erhebt sich der Plateaurand in der Anhöhe, auf 
welcher die weithin in die Lande sichtbaren Gebäude des Schlosses, ehemals 
Klosters Leitzkau (St, Maria in monte) stehen, zu 108 m. 

Nördlich vom Sande des Fläming wird das ganze Dreieck zwischen Elbe 
und Havel von einer gewaltigen Niederung eingenommen, aus welcher mehrere 
kleinere diluviale Plateaus inselartig emporragen. Das grösste davon ist das 
nördlichste, jetzt von den Geologen als das K Hetzer Plateau bezeichnete, welches 
durchschnittlich 44—50 m über dem Meeresspiegel hoch, sich am südöstlichen 
Rande in den Kattenbergen zu 67 m, am östlichen im Weinberge bei Gross- 
Buckow zu 68, im Eichberge bei Göttlin zu 73 m, in der nördlichen Spitze aber 
in den Kamemschen Bergen zu 99, in den Rehbergen zu 101 und im Frau- 
Harkenberge sogar bis zu 108 m erhebt, während der westliche Rand durch- 
schnittlich nur zu 40, im nördlichen Teile sogar nur zu 35 m ansteigt. Von 
etwas grösserem umfange ist auch südlich das Wusterwitzer Plateau, dessen 
Ränder sich östlich im Friedensberge bei Rogäsen zu 68 und bei Moser zu 58 m 
erheben, westlich aber bei Carow auf 40 und bei Cade auf 39 m senken. Zwischen 
diesen beiden grösseren liegt eine ganze Anzahl ganz kleiner Inseln, die im 
Westen bei Derben um Ferchland sich zu 55 m., im Osten im Bützerschen Berge 
zu 69, im Vehlener imd Milower zu 71, im Vieritzer sogar zu 86 m erheben. — 
Die alle diese diluvialen Inseln umgebende Niederung ist durch die Vereinigung 
mehrerer aus den Schmelzwasserrinnen beim Ausgange der Eiszeit gebildeten 
grossen Ströme entstanden, die einstmals, ehe sie teilweise nordwärts einen andren 
Weg suchten, sämtlich ihre gewaltigen Wassermassen westwärts wälzten und 
gemeinsam bei Havelberg in das gegenwärtige Elbthal ergossen, unter mannig- 
facher Veränderung ihrer Betten und Zerstückelung des auch hier gewiss 
ursprünglich zusammenhängenden diluvialen Plateaus.^ Für unser Gebiet kommt 
von denselben vor allem das von den Geologen als das Glogau-Baruther 
bezeichnete Thal in Betracht, \velches vom oberen Oderthal und durch den Spree- 
wald kommend über Lübbenau, Baruth und Luckenwalde nach Brück geht, wo 
es sich in zwei Arme gabelt, deren einer nordöstlich durch die Plane-Niederung 
auf Plane geht, und dann durch das gegenwärtige untere Havelthal die Verbin- 
dung mit dem ehemaligen vereinigten Weichsel -Oderthale findet, während 



^ WahrsclieinUch ist jedoch das jetzige 6 km breite Elbthal zwischen Hohenwarthe und 
Wolniirstedt erst später infolge eines Durchbruches durch den mit den Höben bei Wolmirstodf; 
unmittelbar zusammenhängenden Ausläufer des Fläming entstanden. 

* Yrgl. hierzu ausser WahnschafTe besonders Keilhack, K., über alte Eibläufe z wisch. 
Magdeburg und Havelberg, im Jahrbuch der K. Preuss. Geolog. Landesanstalt u. s. w. 1886 
S. 2ft6— 252 mit einer sehr instruktiven Karte auf Tafel VII. 



Einleitung. 



der südwestliche am Nordrande des Flämings entlang über Genthija in das 
gegenwärtige Eibthal vorläuft. Der Best des letzteren Armes ist das etwa 
3 Quadratmeilen grosse Fiener Bruch, das in den mittelalterlichen Urkunden 
meist als silva bezeichnet erst 1777 — 85 entwässert worden ist und eigentlich 
die natürliche Grenze zwischen den beiden Kreisen bilden würde. 

Als die alten Urströme der Weichsel und Oder ihren Lauf nach Norden 
verändert hatten und von ihrer Vereinigung nur das gegenwärtige Havelthal 
unter Versandung der übrigen Rinnen übriggeblieben war, gleichzeitig aber die 
Elbe sich von ihrem westlichen Laufe am Südrande des Fläming nordwärts 
gewandt und die Felsenbarre zwischen Gommern und Magdeburg, sowie die 
Thonbarre zwischen Hohenwarthe und Wolmirstedt durchbrochen hatte, ergossen 
sich ihre Wasser auf mancherlei Wegen in jene bisherigen Binnen, bis sie sich 
endlich auf den gegenwärtigen fast grade nordwärts gerichteten Lauf zurück- 
zogen. Diese alten Eibläufe sind sämtlich an der Ablagerung des der Elbe 
eigentümlichen „Schlicks" zu erkennen, und es sind hauptsächlich folgende zu 
unterscheiden: 

1. der Burger Arm, der von Nigripp aus, dem Bande des Fläming von 
Biu*g bis zu dessen nördlichster Spitze bei Pärchen folgend, von hier nach 
Genthin weitergeht und da 

2. in den Genthiner Arm mündet, welcher zwischen Parchau und Zerben 
vom Elbthale sich abzweigend über Güsen und Bergzow nach Genthin geht und 
nach Aufnahme des Burger Armes sich in zwei Nebenarme gabelt, deren einer 
über Brettin, Altenklitsche und Zolchow, dann am Südrande des Klietzer Plateaus 
scharf nach Osten umbiegend bei Boehne in die Havel geht, der andere über 
Bossdorf und Klein wuster witz, dann um die Vieritzer und Milower Diluvial- 
inseln sich gabelnd mit dem ersteren im Havelthale zusammentrifft Diese 
Niederung wird jetzt von den beiden Armen der Stremme durchflössen, von 
denen der bei Brettin entspringende Hauptarm bei Bossdorf durch den Planer 
Kanal und von da über Zabakuk nach Neuenklitsche geht, unterhalb davon sich 
mit dem bei Bossdorf entspringenden Schlagenthiner Arme vereinigt und dann 
nördlich von Milow die Havel erreicht Zwischen beiden Flussläufen liegt das 
Stremmebruch, welches gleichzeitig mit dem Fiener entwässert worden ist Der 
Genthiner Arm nebst dem nördlich des Wusterwitzer Plateaus verlaufenden 
Arme des alten Glogau-Baruther Thaies sind zur Führung des 1743—45 an- 
gelegten Planer Kanals benutzt, welcher bei Derben aus der Elbe kommend 
und an Parey, Seedorf, Altenplathow , Genthin, Brettin und Cade vorbeigehend 
bei Flaue in den Planer See mündet 

3. der Bedekiner Arm tritt zwischen Pareyer Schleuse und Derben in 
einer kaum 500 m breiten Pforte aus dem Eibthal , erweitert sich aber bald auf 
2 bis 3 km, geht über Niedebock, Bedekin, Gross- Wulkow und Sydow auf Schmetz- 
dorf und gabelt sich hier am Bande der Klietzer Plateaus in zwei Arme, von 
denen der eine nach Osten geht und sich mit dem Genthiner Arme vereinigt, 
der andere aber nach NW bis Klietz, wo er das heutige Eibthal wieder erreiciit 
Dieser nimmt noch zwei kurze, aber breite Seitenarme auf, von denen der eine 
zwischen Jerichow und Fischbeck, der andere zwischen Schönhausen und Hohen- 
göhren das Elbthal verlässt, und mit denen er das etwa 2 Quadratmeilen grosse 



EiBleitung. 



Trübenbruch bildet, das ebenfalls gleichzeitig mit dem Fiener trocken gelegt 
worden ist— Alle diese Niederungen liegen in Meereshöhe von 30m. Übrigens 
hat die Elbe auch noch in späterer geschichtlicher Zeit bei ihren Durchbrüchen 
diese alten Läufe wieder aufgesucht. So ist 1566, 1595, 1653, 1709 durch Hoch- 
fluten der Elbe die ganze (legend bis Rathenow überschwemmt worden, und 
das Wasser stand z.B. 1595 mindestens 6 m über dem Nullpunkt des Rathenower 
Pegels ; 1845 konnte man am 3. und 4. April mittelst Kähnen direkt von Tanger- 
münde nach Rathenow gelangen. 

Die übrigen Nebenflüsse der Elbe und Havel in unserem Gebiete ent- 
springen sämtlich nahe bei einander auf der Höhe des Flämings, von da radial 
sich verzweigend. 1. Der südlichste ist die Nut he, die nach WSW fliessend 
erst in ihrem Unterlaufe, aus dem Anhaltischen kommend, bei Kämeritz in den 
I. Kreis eintritt, denselben aber bald unterhalb Wal ter-Nien bürg wieder verlässt, 
um bei Grüneberg im Kreise Calbe die Elbe zu erreichen. 2. Weiter nördlich 
die Ehle, die in der Schweinitzer Forst entspringt, überRosian, Isterbies, Loburg, 
Möckem, Vehlitz in wesentlich westlicher Richtung nach Gommern fliesst, in 
dessen Nähe sie sich ehemals wahrscheinlich in das alte Elbebett ergossen hat, 
jetzt aber sich nach Norden wendend in demselben ihren Weg weiter über 
Gübs, Königsbom und Biederitz suchen muss, bis sie bei Lostau in die alte Elbe 
fällt. Sie nimmt viele kleine Bäche auf, z.B. die in der Nähe von Leitzkau ent- 
springende Ziprane oder Zipora. 3. Die Ihle entspringt in der Nähe von Gross- 
Lübars und geht in nordwestlicher Richtung über Hohenziatz und Grabow nach 
Burg, das sie in zwei Armen durchfliesst, um dann in nordöstlicher Wendung 
über Ihleburg, Güsen, Parey und Bergzow den Planer Kanal aufzusuchen. Die 
Strecke von Burg bis Bergzow ist 1865—71 zu dem Ihle- oder Neuen Plauer- 
Kanal verwandt worden, der von Burg westwärts nach Nigripp in die Elbe ge- 
führt ist. 4. Der Gloiner Bach entspringt bei Gloine und fliesst über Dömitz 
und Magdeburgerforth in einem tief eingeschnittenen Thale, das sich in der Um- 
gebung des letzteren Ortes zu nicht unbeträchtlicher landschaftlicher Schönheit 
entwickelt, nordwärts nach Tucheim, wo derselbe ein breites Schotterdelta bil- 
dend^ in das Fiener Bruch verläuft. 5. Die Buckau entspringt bei Görzke und 
läuft ebenfalls nordwärts über Rottstock und Buckau nach Bücknitz, wo sie, 
gleichfalls ein grosses Schotterdelta bildend, den Fiener erreicht, nach dessen 
Durchquerung sie sich am Sndrande des Wusterwitzer Plateaus über Yiesen und 
Mahlenzien nach Osten wendet, um dann nach Aufnahme des 6. unweit Egelinde 
entspringenden und über Graeben und Wenzlow nach Norden fliessenden Ver- 
lorenen Wassers sich wieder nach Norden zu wenden und in den mit dem 
Planer zusammenhängenden Breitlingsee zu münden. 

Irgendwelche bemerkenswerte Seenbildungen befinden sich im ersten 
Kreise ausser dem schon erwähnten Zibkelebener und dem Parchauer See, 
welche aus alten Elbkrümmen entstanden sind, überhaupt nicht. Auch im 
IL Kreise sind der nördlich gelegene, etwa 1 Meile lange, aber nur schmale 



^ Vrgl. Keilhack, K., über Deltabildungen am Nordrande des Fläming und über Ge- 
bängemoore auf demselben — im Jahrb. der K. Preuss. geol. Landesanstalt u. s. w. 1886 S. 135— 147 
mit 4 Abb. 



Einleitung. 



Käme rn sehe und der südlich mit diesem durch Graeben verbundene, etwa 
gleich grosse Klietzer See auf gleiche Weise entstanden, während der 
etwa 1 Quadratmeile grosse Mösersche See nur eine Ausbuchtung des Flauer 
Sees ist und der dicht dabei gelegene, etwa halb so grosse Gross-Wuster- 
witzer durch einen Wasserabfluss mit dem Wendsee verbunden ist; ganz un- 
bedeutend ist der zwischen diesen gelegene fast kreisrunde heilige See. Durch 
einen Graben steht weiter nördlich mit der Havel in Verbindung der westlich 
von Schollene gelegene ^^4 Meile lange und Vs Meile breite Schollener 
oder Nierower See; unbedeutend sind auch die benachbarten Gross- 
Buckower und S teckelsdorfer Seen. 

Der Boden des gesamten Gebietes beider Kreise,^ sofern er den Plateaus 
angehört, stellt die nach Abschmelzen des Inlandeises zurückgebliebene Grund- 
moräne desselben dar, wie sie in völlig gleicher Ausbildung im gesamten nord- 
deutschen Flachlande nachgewiesen ist, in sehr verscliiedenen Höhenerhebungen 
aus Schichtungen verschiedener Mächtigkeit von oberem und unterem diluvialen 
Geschiebemergel und oberem und unterem diluvialen Geschiebesand zusammen- 
gesetzt, überall erkennbar an den in verschiedensten, zum Teil gewaltigen Grössen 
vorkommenden, meist aus Graniten, deren Heimat in Schweden und auf den 
nördlichen Inseln des baltischen Meeres nachgewiesen ist, bestehenden Ge- 
schieben. Im Bohrloch bei Pietzpuhl ist unter einem Lehm- und Thonmergel- 
Lager von 49^1^ Fuss Stärke eine Schicht solcher Geschiebe von SSV'g Fuss 
Mächtigkeit durchbohrt worden. Der Höhenrücken des Klietzer Plateaus ist da- 
gegen ganz aus diluvialem Geschiebesand und grandigem Sand ohne grössere 
Geschiebe zusammengesetzt, daher gänzlich unfnichtbar, fast unbewohnt und 
durchaus von einer zum Teil schrecklich öden Kiefernhaide bedeckt. „Wer im 
dürren Hochsommer verdrossen und müde seinen Weg mitten durch das sandige, 
dürstende Hügel- und Haideland zwischen der Elbe und der ihrer Mündung 
sich entgegenwindenden Havel verfolgt, weithin weder auf menschliche Woh- 
nungen noch menschliche Wesen stossend, nur hin und wieder angeregt durch 
die Yerschiedenartigkeit der Konstruktion und Kechtschreibung der Wegweiser, 
welche wenigstens das menschenfreundliche Walten einer Obrigkeit bekunden'^ — 
so beginnt ü. v. A. seine „Gedenkblätter aus dem Havelwinkel." übrigens ent- 
Avickelt sich die nördliche Spitze dieser dürren Haide in der Gegend derKamern- 
schen und Kehberger Berge zu ganz beachtenswerter landschaftlicher Anmut, 
wie andrerseits die am südöstlichen Fusse derselben sich vorlagernde Havelland- 
schaft mit den Vieritzer, Bützerschen und Katten- Bergen den Vergleich mit den 
HaveJgegenden bei Potsdam nicht zu scheuen hat 

Die Vermutung, dass die diluvialen Ablagerungen des Fläming auf einem 



' Von der grossen „geologischen Karte von Preussen und den Thüringischen Staaten im 
Masssiab von 1 : 25000, herausgegeben von der Königl. Preussischen Geologischen Landesanstalt 
und Bergakademie zu Berlin'^ sind bisher folgende auf unsere Kreise bezügliche Blätter er- 
schienen: Gradabteilung 43, Bl. 17 Sandau, ISStrodehno, 23 Arneburg, 24 Schollene, 28 Tanger- 
münde, 29 Jerichow, 80 Vieritz, 34 Wei>-senwarthe, 35 Genthin, 36 Schlagenthin, 40 Parey, 
41 Pärchen, 42 Carow, 46 Burg, 47 Thecssen, 48 Ziesar. Gradabt. 44, Bl. 31 Plane, 37 Wuster- 
witz, 43 Glienecke. — Es fehlen noch Gradabt. 42, Bl.39.45. 51—54. 57—59; Gradabt. 44, 
Bl. 49; Gradabt. 57, Bl. 4 und 5. 



S Einleitang. 



seiner Höhe entsprechenden festen Gebirgskeme auflagern würden, ist durch 
die Yorgenommenen Tiefbohrungen nicht bestätigt worden, vielmehr ist man 
unter dem mächtigen Diluvium sofort auf die märkische Braunkohlenformation 
gestossen. Im westlichen Teile des Fläming ruht dasselbe jedoch auf dem 
über der Braunkohlenformation lagernden, der Tertiärzeit angehörigen tief blau- 
grauen, in trockenem Zustande in scharfkantige Brocken zerfallenden Septarien- 
thon, von dem ein flacher aber breiter Bücken sich von den Ziegelgruben am 
Papenberge bei Loburg 5 Meilen lang bis nach Hohen warthe hinzieht, wo er in 
dem steilen Hang des östlichen Eibufers unter der diluvialen Lagerung un- 
mittelbar zu Tage tiitt Im Pietzpuhler Bohrloch ist er unter der Diluvialschicht 
in einer Mächtigkeit von 257 Fuss durchbohrt worden. 

Nur am westlichsten Bande des Fläming, in der Gegend von Gommcm 
tritt die in dem Zuge von Althaldensleben südöstlich über Dahlenwarsleben und 
Olvenstedt nach Magdeburg zu verfolgende und hier die Elbe durchsetzende 
Grauwacke (Kohlensandstein in Kulmformation) als unmittelbare Unterlage 
der Diluvialablagerungen auf, hier in zahlreichen Steinbrüchen von alter Zeit 
her ausgebeutet, in neuester aber gründlich untersucht und namentlich durch die 
an der Oberfläche beobachteten Gletscherschrammen als Bestätigung der zuerst 
Von dem Schweden Torell auf Norddeutschland übertragenen Inlandeis -Theorie 
wichtig geworden.^ 

Die zwischen den diluvialen Plateaus sich erstreckenden Niederungen sind 
durchgehends mit dem der Bückgangszeit der Gletscher angehörigen diluvialen 
Thalsand ausgefüllt. In demselben haben sich unter Bedingung stehender 
Gewässer vielfach Torfmoore von zum Teil bedeutender Ausdehnung wie das 
Fiener-, Trüben- und Stremme-Bruch gebildet. Andrerseits hat sich an der 
Westgrenze unseres Gebietes der überaus feinkörnige Thalsand des alten Elb- 
thales zu hohen Dünen zusammengeweht, deren Zug von Pretzien über Wahlitz, 
Menz, Königsbom, Heyrothsberge bis nach Gerwisch den Rand des Thaies be- 
gleitet und zum Teil von der Magdeburg- Zerbster Eisenbahn durchschnitten wird. 

Unmittelbar über diesem Thalsand lagert in den sämtlichen ehemals von 
Eibarmen durchflossenen Niederungen meist unmittelbar unter der Rasendecke 
in Lagern von nur 2 bis 3, zwischen Herrenkrug und Biederitz aber von 
4^/2 bis 6 Fuss Mächtigkeit der El b schlick, ein gänzlich kalkfreier, aber eisen- 
reicher, sehr fetter Thon, dessen Sandgehalt ausserordentlich schwankt; in 
der Biederitzer Forst kommen z. B. auf 93^/o Thon nur 7% Sand, während 
an der Chaussee zwischen Güsen und Parey auf 4,8% Grand und 56,3®/o Sand 
nur 38,9% Thon kommen. Diesem Schlick verdanken diese Niederungen 
ihre grosse Fruchtbarkeit und herrlichen Wiesen, auch die schönen Laub- 
waldungen des Elbenauer Werders und der Biederitzer Forst. Andrerseits ist 
er durch seine treffliche Verwendbarkeit zur Ziegelfabrikation nicht nur von 
industrieller Bedeutung, sondern auch für die Baugeschichte des II. Kreises mass- 
gebend geworden. 



^ Yrgl. Wahnschaffe, Felix, Ober Glacialerschelnungen bei Gommern unweit Magder 
bürg — in der Zeitschrift d. deutsch, geolog. Gesellschaft XXXV (1883) S. 831—848 mit Taf. 

XXVI und xxvir. 



Einleitimg. 



Dies führt auf die in unserem Gebiete von der Natur dargebotenen Bau- 
materialien. Das älteste und nächste ist auch hier das Holz gewesen. Noch 
heute sind nach all den Rodungen und Waldverwüstungen im I. Kreise fast 
*^Vs Quadratmeilen., also der siebente, im II. fast 4 Quadratmeilen, also der 
sechste Teil der Oberfläche mit Forsten bedeckt, meist Kiefemwaldiingen von sehr 
verschiedener Oüte, aber auch stattliche Laubwaldungen kommen nicht nur in den 
erwähnten Eibniederungen, sondern auch in den Thälem und auf der Höhe des 
Fläming, in den Ausläufern der Brand tshaide und in den Königlichen Schwei- 
nitzer und Magdeburgerforther Forstrevieren vor. Mehr oder weniger ausgedehnte 
und kunstvoll angelegte Parkanlagen, meist jedoch älteren Stiles finden sich bei 
den Schlössern inCarow, Goebel, Königsborn, Leitzkau, Möckem, Pärchen, Parey, 
Pietzpuhl, Rogäsen und Wüsten- (jetzt Wald-) Rogäsen. — Der Holzbau in den beiden 
Kreisen ist durchgehends Fachwerkbau, dessen Fächer ursprünglich allgemein mit 
Lehmstakenwerk ausgefüllt wurden, erst in neuerer Zeit mit Bruch- und Ziegel- 
steinen. Er beherrscht bis in unser Jahrhundert hinein nicht nur die bäuerliche 
Architektur, sondern auch, abgesehen von den Befestigungsanlagen, die bürgerliche 
der Städte bis in die Rathäuser hinein — noch jetzt ist z. B. selbst in Burg, 
von neuesten Neubauten abgesehen, die grosse Masse der Häuser Fachwerkbau, 
der nur grossenteils durch Ölfarbenanstrich , Putzbewurf oder in Backstein vor- 
gelegte Strassenfi-onten verblendet ist — und ebenso noch bis ans Ende des 
XVIL Jahrhunderts, wie die Prospekte von Alvenleben's darthun, den ländlichen 
Schlossbau mit wenigen Ausnahmen und abgesehen von den. Warttürmen und 
Teilen der Befestigungen. Auch im Kirchenbau ist er im IL Kreise noch jetzt 
vielfältig vertreten, nicht nur an so bescheidenen Bauten wie zu Brandenstein, 
Brettin, Jerchel, Knoblauch, Küsel, Nitzahne, Scharteuke und Schlagentliin, 
sondern auch an aufwändigeren wie zu Ferchland und Milow und dem merk- 
würdigen Centralbau zu Garz. Im I. Kreise ist er dagegen nur noch in 
den Kirchen des ehemalig kursächsischen Eibwerders zu Elbenau und Ranies 
erhalten. 

Denn in diesem Kreise war, wenn auch die ersten vorläufigen Notbauten 
auch hier in Holz errichtet wurden, sogleich ein anderes Material überall zur 
Hand, nämlich die in ungeheuren Massen auf den Feldern zu Tage oder 
unmittelbar unter der Oberfläche liegenden und daher schon im Interesse des 
Ackerbaus zu beseitigenden diluvialen Granitfindlinge, die schon in vor- 
geschichtlicher Zeit zur Errichtung der Hünenbetten und Steinkreise ^ gedient 
hatten. Dieselben bilden denn auch auf dem gesamten Gebiete des Fläming, 
mit Ausnahme des westlichen Randes am Eibufer entlang, und darüber liinaus 
bis an den Planer Kanalso gut wie ausschliesslich das im Mittelalter angewandte 
Steinmaterial nicht nur für den Kirchenbau ^ wie schon Wiggert hervorgehoben 
hat, selbst für so beträchtliche Bauten yrio die beiden Hauptkirchen zu Burg, 



^ Deren Darsti^llung gehört nicht zur Aufgabe der vorliegenden Arbeit. Es mag nber hier 
darauf liingewieseii werden, dass eine sehr grandliche, mit Abbildungen ausgestattete Bearbeitung 
der sämtlichen am Ende des XVIII. Jahrhunderts im Gebiete der Ehie und oberwärts bis nach 
Gebrden hin vorhandenen sich in ^bei's handschriftlicher Chronik von Moeckern auf der gräf- 
lichen Bibliothek zu Moecki*m befindet 



10 Einleitiing. 



sondern auch für die Befestigungsbauten der Städte und Schlösser, bei letzteren 
manchmal sogar für den Wohnungsbau, wie die Ruinen von Schloss Grabow und 
einzelne noch erhaltene Baulichkeiten des bischöflichen Schlosses zu Ziesar 
beweisen. An letzterem ist vereinzelt auch einmal der Raseneisenstein zur Ver- 
wendung gekommen. Einer künstlerischen Bearbeitung entzog sich dieses 
Material. Doch ist bei allen einigermassen bedeutenderen Bauten eine sehr regel- 
mässige Schichtung 1 der möglichst rechteckig gesprengten Findlinge und an den 
Ecken der Bauten sogar eine regelrecht hausteinmässige Bearbeitung derselben 
zur Geltung gekommen, welche in den verschieden gestalteten Heilern der 
Frauenkirche zu Loburg eine hohe Stufe der Vollendung erreicht hat Ein Ver- 
such einer figürlichen Darstellung daran zeigt sich nur in dem alten Handwerks- 
burschenwahrzeichen an der Laurentiuskirche zu Loburg. Die Westmauer des 
Turmes der letzteren bietet übrigens ein schönes Beispiel davon, wie durch 
Überzug mit einem goldgelb - bräunlichen Flechtenwuchs und Einnisten von 
kleinen Farrenkräutem und anderen Mauerblümchen in den Schichtungsfugen 
auch diese eintönigen Granitmassen eine wunderbar belebende Patina erhalten 
können. Heutzutage findet dies Material nur noch zu Fundamentbauten und bei 
Stall- und dergl. Gebäuden Verwendung. 

Als gewachsenes Steinmaterial findet sich nur im I. Kreise in der Gegend 
von Gommern der schon oben S. 8 erwähnte Kohlensandstein. Wann der- 
selbe zuerst durch Steinbruch -Botrieb zu Tage gefördert worden ist, lässt sich 
nicht nachweisen. Docli muss es schon in vorchristlicher Zeit geschehen sein. 
Denn der nachweislich älteste steinerne Kirchenbau ostwärts der Elbe, die 1114 
geweihte Petri- Kirche zu Leitzkau, ist bereits gänzlich in diesem Materiale auf- 
geführt worden. Dasselbe ist denn auch nicht nur in der unmittelbaren Um- 
gegend von Gommern, sondern auch am ganzen Rande des Eibthals auf- und 
abwärts, so weit die Abfuhr teils zu Schiffe, teils auch auf Landwegen sich 
einigermassen bequem ermöglichen liess, ganz allgemein und, obgleich es bei 
unvergleichlicher Dauerhaftigkeit eine kuustmässige Bearbeitung noch weniger 
verstattete als die Granitfindlinge, selbst zu so bedeutenden Bauten, wie die 
Klosterkirche zu Leitzkau (ursprünglich auch zu Jerichow) und der Dom zu 
Havolberg, verwandt worden. Es beruht lediglich auf Mangel an Lokalkenntnis 
durch den Augenschein, wenn noch in neuesten baugeschichtlichen Werken, wie 
z. B. Rob. Dohme, Gesch. d. deutschen Baukunst (1887) S. 103 f., und G. Dehio 
und G. von Bezold, d. kirchl. Baukunst d. Abendlandes I (1892) S. 501, diese 
beiden Kirchen als Beispiele dafür angeführt werden, dass der Sandstein des 
sächsischen Oberlandes (bei Pirna und aufwärts) auf Kähnen elbeabwärts aus- 
geführt und in das Unterland importiert worden sei. Gegenwärtig sind bei 
Gommern, Plötzky und Pretzien 21 Steinbrüche in Betrieb, das Material wird 
aber jetzt hauptsächlich zur Strassenpflasterung verwandt.^ 

Ebensowenig lässt sich bestimmt ermitteln, wann zuerst die Verwendung 



^ Einziges Beispiel der grätenförmigon Scbichtung sind nur einige wenige Schichten am 
Turme zu Hohenziatz. 

' Kurze Erwähnung bei Hugo Koch^ die natürlichen Bausteine Deutschlands. Berlin 
1892. S.76— 79. 



Einleitung. 1 1 



des geb rannten Backsteins aufgekommen ist. Derselbe ist für den nördlichen 
Teil des ü. Kreises auf dem Gebiete der alten Eibarme mit ihren zur Ziegel- 
fabrikation so hervorragend geeigneten Schlickablagerungen, während es hier an 
grösseren Diluvialgeschieben fehlt, ebenso ausschliesslich charakteristisch geworden 
— wie ebenfalls schon Wiggort bemerkt hat — als für das Flämingsgebiet der 
Granitbau. Obgleich es in letzterem nirgends an diluvialen Lehmen, Mergeln 
und Thonen fehlt», die von altersher in Burg, Goerzke und Ziesar eine beträcht- 
liche, wenn auch zu keinen kunstgewerblichen Leistungen gesteigerte Töpfer- 
waren-Industrie hervorgerufen haben, so hat hier doch in mittelalterlicher Zeit 
der Backsteinbau nur an so ganz vereinzelten Beispielen, wie die Magdalenen- 
kapelle zu Burg (bei dem umbau der dortigen Frauenkirche aber nicht) und 
die Schlosskapelle nebst der Hauptapsis der Stadtkirche zu Ziesar und einigen 
Turmbauten an beiden Orten und zu Viesen, Platz gegriffen und es ist erst sehr 
spät zur Anlage von Ziegelöfen gekommen. In Loburg fehlt es z. B. an Nach- 
richt, woher man zum Restaurationsbau der Laurentiuskirche 1569, zu dem man 
die Bruchsteine aus Gommern holte, die Backsteine bezogen habe, aber noch beim 
Bau an der Frauenkirche 1602 wurden sie von Dahlen (bei Goerzke) und aus 
der Gegend von Ziesar, die Dachsteine aber von Grimme im Anhaltischen geholt 
und erst nach dem grossen Brande von 1660 wurde hier eine eigene „Ziegel- 
scheune" angelegt, gegenwärtig aber sind im I. Kreise nicht weniger als 
42 Ziegeleien im Betrieb. 

Von woher in den nördlichen Teil des IL Kreises die von vornherein in 
völlig ausgebildeter Technik und in vollkommen fertiger, einer weiteren Ent- 
wickelung und Umgestaltung, sofern sie nicht durch den späteren Übergang in 
die Gotik gegeben ist, schlechterdings nicht unterworfener Formenspracho auf- 
tretende Backsteinarchitektur eingeführt sei, liegt beim Mangel urkundlicher oder 
chronikalischer Nachrichten noch völlig im Dunkeln. Durch Adler's Aufstellungen 
war die Hypothese massgebend geworden und bis in die neueste Zeit geblieben — 
noch bei Dehio — von Bezold a. a. 0. S. 502 heisst es, in Bezug auf die Fabrikation 
der Backsteine könne man darüber „nicht im Zweifel" sein — dass dieselbe den 
von Markgraf Albrecht dem Bär in Wetteifer mit Bischof Anselm von Havelberg 
eingeführten niederländischen Kolonisten zu verdanken sei. Neuerdings ist durch 
die scharfkritischen Untersuchungen von Theodor Rudolph [die niederländischen 
Kolonien der Altmark im XII. Jahrhundert. Berlin 1889. 8^ wo auch die 
wichtigste ältere Litteratur über den Gegenstand angeführt ist] die ganze Yor- 
stellung von dieser spezifisch niederländischen Kolonisation für die fragliche 
Gegend auf ein sehr bescheidenes Mass zurückgeführt worden, auch der Er- 
wägimg Raum geschafft, das diese Kolonisten mit ganz anderen agrikultur- und 
Wasserbau-technischen Aufgaben beschäftigt waren, die mit der Architektur nichts 
zu thun hatten. Völlig scheitert aber die Adlersche Aufstellung an der hand- 
greiflichen Thatsache, dass gerade auf dem Gebiete, welches wirklich eine so 
umfangreiche niederländische Kolonisation erhielt, dass davon sogar sein 
populärer Name des „Fläming" hergeleitet wurde, und im besonderen gerade an 
denjenigen Orten, wo uns ausdrückliche und genaue Urkunden über den Zeit- 
punkt und die besonderen Aufgaben und Bedingungen der niederländischen 
Besiedelung aufbehalten sind, in Cracau, Pechau, Burg und Wusterwitz — an 



12 Einleitung. 



yrelchem letzteren Orte heutzutage doch eine ganz beträchtliche Anzahl von 
grösseren Ziegeleien in flottem Betriebe ist — dennoch von Ziegelbau nicht die 
geringste Spur sich findet, sondern ausschliesslich der Bruchstein- und Granit- 
Bau herrscht Zu den mitgebrachten Stammes-Eigentümlichkeiten und Gewohn- 
heiten der niederländischen Kolonisten kann jener also unmöglich gehört haben.^ 
Sofern es sich um die kunstgeschichtliche Seite handelt, wird auf diesen Gegen- 
stand in den Schlussbetrachtungen dieser Arbeit zurückzukommen sein. — Der 
alte Backstein der romanischen Periode zeichnet sich, abgesehen von seinen 
Formaten, dadurch aus, dass er sich an den Wetterseiten mit einem silbergrau 
schimmernden Flechtenwuchs überzogen und dadurch eine ehrwürdige Patina 
gewonnen hat In glasiertem Zustande ist er nur in ganz vereinzelten Spuren 
in Jerichow und Buckow zur Verwendung gekommen, dagegen ist in Schönfeld und 
Wulkau durch Schwarzfärbung der Stirnen der Binder eine polychrome Musterung 
der Wandflächen versucht worden. Gegenwärtig befinden sich im II. Kreise, 
namentlich längs des Planer Kanals, nicht weniger als 92 Ziegeleien im Betriebe. 

Es erübrigt, der für die kultur- und auch kunstgeschichtliche Entwickelung 
unsers Gebietes wichtigen und aus demselben in den allgemeinen Weltverkehr 
hinausführenden alten Verkehrswege zu gedenken. Auser den Wasserstrassen 
der Elbe und Havel kommen natürlich die die massgebenden Bistumssitze Magde- 
burg, Havelberg und Brandenburg verbindenden Landstrassen hauptsächlich in 
Betracht Von Magdeburg ging als eine der jedenfalls ältesten Heerstrassen die 
nach Überschreitung der Elbe und Ehle über Burg, Altenplathow und Plaue 
führende nach Brandenburg und weiter in die Kurmark ; an derselben bildete 
die Plauer Havelbrücke mit dem Schlosse Plaue eine in den Kriegshändeln 
zwischen dem Erzstift und der Mark viel genannte und viel umstrittene wichtige 
Position. 

Von dieser Strasse zweigte sich gleich hinter Magdeburg eine zweite ab, die 
über Königsbom, Möckem und Hohenziatz bei Gross-Lübars in das Brandenburgische 
führte und über Magdeburgerforth nach Ziesar und weiter nach Brandenburg 
ging. Diese wurde später und blieb bis in den Anfang unseres Jahrhunderts die 
eigentliche Heerstrasse von Berlin nach Magdeburg und die Poststrasse für die 
sogenaiinte Clevische Post, die Verbindung Berlins mit den seit 1609 zu Branden- 
burg gekommenen rheinischen Besitzungen. Hinter Möckem zweigte sich von ihr 
eine breite nach Schweinitz, dem alten erzbischöflichen Jagdreviere führende ab. 

Eine dritte Magdeburger Strasse ging von Königsbom ab südwärts über 
Goramem undLeitzkau nachZerbst, um dann, bei Rosslau die Elbe überschreitend, 
den Verkehr nach Leipzig und weiter nach dem Südosten zu vermitteln. Sie 
ist durch die im J. 1583 bei Bosslau angelegte feste Eibbrücke, meist die „Dessauer 



' Nicht minder beachtenswert Ut der Umstand, dass gerade in derjenigen Landschaft der 
Altmark, welche jedenfalls am meisten der Kolonisation durch Niederländer Raum gewährt hat, 
der „Wische'S ein grosser Teil der nachweislich noch dem XII. Jahrhundert angehörigcn Kirchen 
(Calberwisch, Crevese, DrOsedau, Königsmark, Osterburg [St. Nikolai], Seehausen), nicht Backstein-, 
sondern Granitbauten sind und der Dombau Anselm^s, des gepriesenen Hauptbeförderers der 
niederländischen Kolonisation, an seinem Bischofsitzo Havelbcrg bis auf geringe spätgotische 
Veränderungen durchgehends aus Gommernschen Bruchsteinen hergestellt ist. 



Einleitung. lä 



Brücke"* genannt, als ein Hauptpass im dreissigjährigen Kriege für unser Gebiet 
besonders verderblich geworden. 

Der Handelsverkehr über Leipzig nach Norden fand übrigens von Zerbst 
aus einen zweiten Weg, der über Lindau nach Loburg ging und hier sich gabelte, 
indem der eine Arm über Wendgräben und Grabow nach Burg führte, der 
andre in GrOvSS- Lübars den Anschluss an die Strasse nach Ziesar aufsuchte. In 
diese mündete bei Drewitz ferner die Strasse, die von Burg über Grabow nach 
Ziesar führte. 

Endlich den Verkehr mit dem Diöcesancentrum Havolberg vermittelte von 
alters die von Altenplathow nordwärts über Jerichow und Schönhausen nach 
Sandau und von dort nach Havelberg führende Strasse, die von dem ebenfalls 
sehr alten Verbindungswege für die getrennten Teile der Mark von Tangermünde 
nach Rathenow gekreuzt wurde. 

Alle diese alten Verkehrsstrassen sind, allerdings mit manchen kleinen Ver- 
änderungen ihrer Züge, nach und nach von den Chaussee- und Eisenbahnanlagen 
wieder aufgesucht worden, die erst dem gegenwärtigen Jahrhundert, zum grössten 
Teile erst der zweiten Hälfte desselben angehören. 

2. Geschichtliches. 

Aus dem Dunkel der Vorzeit* taucht unser Ijandstrich zuerst auf im Jahre 
8Cß, als Karl der Grosse seinen gleichnamigen Sohn mit einem grossen Heeres- 
zuge gegen die Slaven schickte. Eine beträchtliche Abteilung desselben zog 
mit einer grossen Flotte an die Elbe, gelangte nach Magdeburg und verheerte 
dort die Gegend Oenewara^ mit welchem Namen allem Anscheine nach nur 
ein Slavengau auf dem östlichen Eibufer gemeint sein kann. Man hat ihn in 
der Gegend von Gommem oder von Kamem, selbst von Genthin finden wollen, 
doch sind dies alles sehr unsichere Kombinationen. 

Im folgenden Jahre wurde der Kriegszug erneuert, die Fürsten der Slaven 
unterwarfen sich, und Karl befahl« zwei feste Kastelle zu bauen, das eine 
an der Saale bei Halle, das andere ad aquüonem partem Albiae contra 
Magdeburg, in der nördlichen Eibgegend gegenüber von Magdeburg. Wo 
die Stätte des letzteren zu suchen sei, ist sehr streitig. Man hat an Biederitz, 
Hohen warthe, Pechau und Schartau gedacht. Hauptsächlich stehen sich zwei 
Ansichten gegenüber, von denen die eine für die ehemalige Hildagsburg bei 
Barleben, die andere für die Stadt Burg eintritt. Eine definitive Entscheidung 



1 Dass bereits, wenn auch nicht ein Verkehr der Römer selbst in unserem (Gebiete, 
80 doch ein Verkehr unserer Qegend mit der antiken römischen Welt stattgefunden haben 
mvm, beweisen u.a. mehrere römische Kaisermünzen, die an verschiedenen Orten auf Äckern 
und in O&rten bei Loburg gefunden worden sind. Es waren ein sehr gut erhaltener Denar 
des Hadrian vom Jahre 118, ein stark abgeriebenes und seil lieh abgefeiltes Bronze -As der 
Faustina II., der Gattin des Antoninus Pius (f 141), ein ebenfalls sehr abgegriffener kupferner 
Qnadrans des Diocletian (305 abgedankt, f 813) und ein völUg intakter Kupfer -Quadrans des 
Maximianus (ebenfalls 305 abgedankt, fSlO). Dieselben sind seinerzeit an Herrn Professor 
Konrad Lange, jetzt in Königsberg, abgegeben. Ein auf dem Gehöft des Rittergutes Klepps 
gefiindener Denar des Kaisers Trigan (nach 113, da die Umschrift ihn Poirthicus nennt) ist im 
Besitze des Herrn Dr. Milschewsky zu Loburg. 



14 Einleitung. 



zu treffen ist bei den vorhandenen Beweismitteln schlechterdings unmöglich., 
doch fällt immerhin der auffällige Name der Stadt Burg schlechthin, ohne jeg- 
liche weitere Hinzufügung wie bei anderen Ortsnamen, für diese schwer ins 
Gewicht. Abel in der handschriftlichen Chronik von Möckem hat auf Domburg 
verwiesen, und es lässt sich nicht leugnen, dass die Bedeutung, welche dieser 
Ort gleich im Anfange der Zeit der sächsischen Kaiser als kaiserliche EYalz und 
als Stelle, wo diese Kaiser, von Magdeburg kommend, zu ihren Kriegszügen 
gegen die Slaven über die Elbe zu setzen pflegten, besass, diese Annahme zu 
einer sehr gefälligen macht. Auffällig mag es sein, dass noch von keiner Seite 
auf Königsborn hingewiesen ist, dessen Lage zu der chronikalischen Angabe 
bei dem einstigen Laufe der Elbe vortrefflich stimmt, und dessen deutscher 
Name, zu dem eine Erklärung bisher nicht bekannt geworden ist, bereits bald 
nach 1150 urkundlich vorkommt Cuningesbume — auch Loburg findet sich 
in sehr alter Schreibweise als Luburn.^ 

In wieweit diese Kriegszüge zu einem dauernden Fussfassen deutscher 
Herrschaft, vielleicht gar schon zu Versuchen der Christianisierung in unserem 
Gebiete geführt haben, wissen wir nicht. Doch scheint wirklich weder diese 
Grenzburg die einzige geblieben, noch die deutsche Herrschaft selbst unter 
den spätesten Karolingern gänzlich untergegangen zu sein. Denn als Heinrich 
der Vogler und die ersten Sachsenkaiser ihre neuen Eroberungszüge in die 
slavischen Lande unternahmen* und deren Gewinn durch die blutige Eisenhand 
des Markgrafen Gero zu sichern wussten, richteten sie dieselben sogleich weiter 
ostwärts (Eroberung Brandenburgs durch Heinrich I.), in unserem Gebiete aber 
finden wir da sofort ein völlig ausgebildetes System einer mehrfachen Kette 
von Burgwarden das Land bedeckend, die allem Anscheine nach zum grössten 
Teile an ältere slavische und deutsche Burganlagen sich angelehnt haben — als 
genuin deutsche Namen erscheinen sogleich im I. Kreise ausser Burg, Dorn- 
burg, Ihleburg, Loburg (Löwenburg) und (Walter-) Nienburg auch die ehemalige 
Hildagsburg, im IL die Marienburg (Cabelitz) — die aber ihre Bedeutung als 
Grenzburgen des Reiches in jener Zeit bereits so sehr verloren haben, dass Otto 
der Grosse sich ihrer grossenteils zur Dotierung des neugegründeten Moritz- 
klosters zu Magdeburg (937) und der baldigst gegründeten Bistümer Havelberg 
(946) und Brandenburg (949) entäussern konnte. Bei diesen Gelegenheiten er- 
halten wir Nachricht über die alte slavische Gaueinteilung unserer Gegend. Dem 
Moritzkloster nämlich widmet der Kaiser unter anderen den Zehnt und den Zins 
von allen Käufen und Verkäufen in (den Gauen) Mortsani, Ligzice und 
Heveldun. Havelberg erhält in der provincia Zemzici die beiden Orte 
Malinga Buni (wahrscheinlich dem auf dem linken Eibufer zwischen Wolmir- 
stedt und Tangermünde gelegenen MelUngen gegenüber zu suchen) und Dro- 



^ Yrgl. von Mülyerstedt, das angebliche Schloss der Stadt Barg, seine Lage und ver- 
meiiitliche Entotehung, in Magd. Gesch. Blätter YII, S. 354-382. — Wolter, über den Ur- 
sprung der Stadt Burg, da8.yil, 8.442—448, mit Nachtrag von v.Mttlverstedt— Winter, 
Fz., die Entstehung der Stadt Burg, das. YII, S. 1—16. 

' Yrgl. Winter, Fz., die Qermanisierung und Christianisierung des Gaus Morzane, in 
Magdeb. Gesch. Bl. IV, 8.820-349; Y, S. 214-252. 



Einleitung. 15 



gavitz (ehemals bei Altenplathow) nebst dem halben Walde Porei und den darin 
gelegenen Dörfern (Parey), femer in der Provinz Liezizi die Marienburg 
(Cabelitz) mit elf dazu gehörigen Dörfern, und als südliche Grenze seines Sprengeis 
wird neben der Grenze der genannten beiden Gaue die Stremme (Strumma) 
bezeichnet* Endlich Brandenburg erhält unter andren die civitas Ezeri (Ziesar) 
und zu seinem Sprengel werden die provinciae Moraciani und Ploni gelegt. 
Von dem Zehnt des ersteren aber wird der in den Burgwarden Bidrm (Biede- 
ritz), Guntmiri (Gomraem), Pechovi (Pechau), Mokrianici (Möckern), Burg, Grabe 
und Ciertuvi (Schartau) ausgenommen, welcher inzwischen zur Dotation des 
Moritzklosters hinzugefügt war, jedoch sollte der Abt des Moritzklosters dem 
Bischof jährlich zu den Zeiten der Predigt und der Firmelung in Biederitz, 
Burg und Möckem Dienst leisten fservitum impendij und gewisse Natural- 
abgaben liefern. Der räumlich bedeutendste war offenbar der Gau Mortsani 
(in ausserordentlich wechselnder Schreibweise auch Mrozini, Moroszani, Mora- 
ciani, Morziani, Morcini, Morizine, Moritzani, Mortesan, Morstehne, Mortzene, 
Morsan, Morkeni und Morschowe lautend), der von der Elbe bis nach Ziesar 
östlich reichte, wo er an den Planegau oder die Zauche stiess, und zu dem 
auch die Vogtei Goerzke gehörte. Südlich bildete die Nuthe seine Grenze gegen 
den Zerbst-Gau, nördlich die Stremme und nachher die Havel gegen den 
ligzice- und Heveldun-Gau, letzterer mit der Hauptstadt Brandenburg. Es ist 
also in denselben in der Hauptsache der ganze, gegenwärtige I. Kreis einbegriffen. 
Der Gau lagzice* (liezici, Liezizi, lizzizi) dagegen befasst den nördlichen 
Teil des H. Kreises. Ausser der Marienburg erscheinen als zu demselben 
gehörig mehrere Burgwardbezirke, die später gewöhnlich als „terra" „Land" oder 
„Ländchen" bezeichnet werden. Das nördlichste ist das Ländchen Camern mit 
Sandau. Daran schliessen sich südlich am Eibufer entlang das Land Klietz, zu 
welchem Cabelitz, Fischbeck, Schönhausen, Hohengöhren, Palstorf (eingegangen) 
und auf der Ostseite des Klietzer Plateaus Mahlitz gerechnet wurden, am Havel- 
ufer entlang aber das Land Schollene, das 1354 noch besonders genannt wird, 
danach aber verschwindet Weiter folgt südlich das Land Jericho w, zu dem 
Gross- und Klein -Wulkow und Redekin gehörten; später erweiterte sich der 
Begriff, indem 1449 auch Schmetzdorf und die Schollenische Haide, 1479 Sandau, 
1503 auch die früher ausdrücklich zum Lande Klietz gerechneten Hohengöhren 
und Palstorf mit dazu gezogen wurden. Wann und aus welchen Gründen der 
Name des Landes nachher auf den ganzen Jerichowischen Kreis übertragen 
worden ist, kann nicht festgestellt werden. Jedenfalls ist es erst am Ende des 
Mittelalters geschehen, und dass dies nicht wegen der „organisatorischen" Be- 
deutung Jerichows, wie Adler meint, geschehen sein kann, erhellt schon daraus, 
dass von einer solchen Bedeutung Jerichows, wenn überhaupt jemals, jedenfalls 
zu dieser Zeit schlechterdings nicht mehr geredet werden konnte, am aller- 



' Yrgl. Leop. vonLedebur, die Landschaften des Havelbergischen Sprengels. I.Abteil. 
Die Landschaften der Provinzen Zerozizi, Liezizi, Nieletizi — in Märkische Forschungen I (1841) 
8. 200—226. — Die civitM und provincia Chorice Fiat der Dotationsurkunde kann nicht in 
AltenplathoW; sondern wird in Kyritz gesucht werden müssen. 

^ Etymologische Spielereien über die Bedeutung des Namens in „der Bär" XVII S. 207. 



16 Einleitaug. 



wenigsten aber in |6ezug auf das Gebiet des jetzigen I. Kreises. Der Gau 
Zamzici oder Zemzici niuss nach der Angabe über die in ihm gelegenen Ort- 
schaften zwischen Ligzice und Mortsani gelegen haben, jedoch sind weder seine 
Grenzen gegen beide sicher festzustellen, noch ist seine Zugehörigkeit zu den 
Sprengein von Havelberg und Brandenburg, denen beiden er in ihren Stiftungs- 
urkunden zugesprochen wird, klar zu machen. Ton Ledebur rechnet dazu aussei 
der Parey- Insel die Kirchspiele Derben, Ferchland, Nielebock, Altenplathow, 
Brettin und Zabakuk, und Brandenburg scheint ihn niemals wirklich besessen 
zu haben, wenigstens gehören diese Orte alle nicht zur Diöcese Brandenburg, 
dagegen blieb der Bischof von Havelberg wegen des Waldes Parey Lehnsherr 
(lerer von Plotho, welches Verhältnis z. B. noch 1487 urkundlich erneuert wurde. 

Wie weit die Oerraanisiorung und Christianisierung dieser Gaue unter den 
Ottonen bereits gegangen sein mag, lässt sich nicht mehr nachweisen. Kirchen 
werden wohl bei allen Burgwarden ebenso wie in Biederitz, Burg und Möckem 
(s. oben S. 15) schon angelegt worden sein, insonderheit werden die Laurentius- 
kirchen zu Loburg und Möckem auf Otto den Grossen selbst zurückzuführen 
sein, dessen besondere Verehrung für diesen Heiligen seit dem Siege über die 
Ungarn auf dem Lechfelde bei Augsburg an dessen Kalendertage, dem 
10. August 955 bekannt ist Alles aber wurde jedenfalls durch den grossen 
Wendenaufstand im Jahre 983 wieder völlig in Frage gestellt. Die Bistümer 
Brandenburg und Havelberg wurden zerstört, die Bischöfe mussten ausser Landes 
flüchten. 1034 wird von den Wenden gesagt: die ehemals nur halb Christen 
gewesen seien, seien nun wieder ganz Heiden. 

Gleichwohl scheint gerade das Slavengebiet unserer Kreise, vielleicht infolge 
des geschickt angelegten Burgensystems, wenn auch fast völlig der christlichen 
Kirche, so doch der deutschen Herrschaft nicht ganz entfremdet worden zu sein. 
Wenigstens erscheint fortan die Gegend um Leitzkau einerseits als der gewöhn- 
liche Sammelplatz östlich der Elbe für die deutschen Heere zu den Kriegszügen 
in das Slavenland und andrerseits wiederholt als das Ziel der Verwüstungszüge 
des christlichen Polen -Herzogs Boleslaus 1002 und 1008, welche letzteren so 
gründlich verfuhren, dass Kaiser Heinrich H, als er 1017 wieder bei Leitzkau seine 
Heerscharen zu einem Zuge gegen die Slaven sammelte, im Freien sein Lager 
aufschlagen musste, weil der dortige Hof des Bischofs Wigo von wilden Tieren 
wimmelte. 101 1 war der Burgward Dretzel noch im Besitze eines gewissen Siegfried, 
des Sohnes des Zrubo, also eines Wenden, der aber in der Taufe den deutschen 
Namen angenommen hatte. Als endlich um 1110 der Bichof Hartbert von 
Brandenburg seinen Sprengel wieder aufsuchen imd sich in Leitzkau niederlassen 
konnte, fand er für seine missionierende Thätigkeit und seinen Kirchenbau thätige 
Unterstützung bei dem Vogte Avello und andern hier schon ansässigen, zum 
Teil aus Goslar stammenden Deutschen. Ebenso konnte 1115 Loburg von Erz- 
bischof Adelgot dem jüngeren Grafen Wiprecht von Groitsch und seinem Gefolge 
als sicherer Zufluchtsort vor dem Kaiser angeboten werden, und der dort sitzende 
wendische Häuptling Priborn wird zwar als halber Heide bezeichnet, war aber 
demnach doch weinigstens getauft Und als die Kämpfe Albrecht's des Bären 
zur Wiedereroberung des Landes ostwärts der Havel begannen, war der Morzaner 
Gau völlig gesicherter deutscher Besitz. Ebenso war Jerichow, wo eine nach 



Einleitang. 17 



dem Orte genannte Yasallenfamilie sass, ein so völlig gesicherter Besitz der 
Markgrafen von Stade, dass der diesem Geschlechte angehörige Domherr von 
Magdeburg und Dompropst, nachher Erzbischof von Bremen Hartwig 1044 dasselbe 
zur Dotierung des Erzstifts Magdeburg und zur Gründung eines Klosters ver- 
wenden konnte. 

Es galt also in diesem Zeitpunkte vielmehr, den durch die anderthalbhundert- 
jährigen Kriege entvölkerten und verwüsteten Ijandstrich neu zu besiedeln und 
zu kultivieren und für die alten kirchlichen Institutionen neue und festere 
Begründung zu schaffen. Zu beidem vereinigten sich in wetteifernder That- 
kräftigkeit sowohl die Landesherren, nämlich der gewaltige Markgraf Albrecht der 
Bär (1134 — 1170) und der nicht minder gewaltige Erzbischof Norbert (1126— 1134) 
und seine Nachfolger, namenüich Wichmann (1152—1195), als auch die Inhaber 
beiden in Betracht kommenden Bistümer, Anselm von Havelberg (1129 bis 
1155) und Wigger von Brandenburg (1138 — 1160), beide dem von Norbert 
gestifteten und 1129 nach Magdeburg übertragenen Praemonstratenserorden 
angehörig. 

Dieser Orden — die pauperes becUae MariaCy wie sie sich selbst gern 
nannten — wurde denn auch zur Neubegründung der kirchlichen Verhältnisse 
in unserm Gebiete herbeigerufen. Zunächst, da eine Wiedereinnahme der alten 
Bischofssitze — deren Kapitel später ebenfalls mit Praemonstratensern besetzt 
wurden — noch nicht ausführbar war, durch Gründung eines Klosters in jeder 
der Diöcesen. Die Brandenburger nahm den Vortritt. Noch zu Lebzeiten 
Norberts 1133* wurde vom Mutterkloster zu Magdeburg aus eine Praemonstratenser- 
niederlassung bei dem alten Bischofshofe und der von Bischof Harbert 1114 
geweihten Basilika zu Leitzkau gegründet und von Wigger gleich nach seiner 
Erhebung zum Bischof 1139 nicht nur bestätigt und reich bewidmet, sondern 
auch dem Propste das Archidiakonat der Kirche und das Archipresbyterat der 
ganzen Diöcese und dem Konvente das Recht, aus seiner Mitte den Bischof und 
seinen eigenen Propst zu wählen, beigelegt Hiermit war also dem Leitzkauer 
Stift vorläufig vollständig die Würde eines Domkapitels übertragen. Indessen 
eben nur vorläufig. Denn obgleich der unter dem Namen Heinrich getaufte 
letzte Wendenhäuptling zu Brandenburg Pribislav, welcher dorthin eine Prae- 
monstratenser- Kolonie aus Leitzkau geholt hatte, sein Diadem noch dem 
Reliquienschrein des heil. Petrus zu Leitzkau gewidmet hatte, und die neue gross- 
artige Basilika der Jungfrau Maria auf dem Berge bei Leitzkau 1155 unter 
geflissentlicher Aufbietung pomphafter Feierlichkeit und Mitwirkung sowohl 
Albrechts des Bären als des Erzbischofs Wichmann geweiht war, so folgte doch 
^bereits Wiggers Nachfolger, Wilmar, zuvor zweiter Propst von Leitzkau, dem 
Zuge der politischen Verhältnisse nach Osten und verlegte 1160 ^ seinen Bischofs- 



* Diese seinerzeit vom Verfasser ausgesprochene Kollektor für das nur in einer späten 
Abschrift überlieferte, aber völlig unmögliche 1128 darf jetzt als allgemein angenommen gelten. 
Übrigens yrg). zum Folgenden Winter, Fz., die Praemonstratenser des XII. Jahrhunderts n. s. w. 
Berlin 1865. 

> Am Lacastage, den 18. Oktober, zu Magdeburg. So nach Sello statt der bisherigen 
Angabe 1161 zu datieren. 

Die Kreise Jerfchow. 2 



18 Einleitung. 



sitz und sein Domkapitel feierlich und förmlich nach Brandenburg. Auch Albrecht 
der Bär übertrug schon 1162 die bisher von ihm selbst ausgeübte Vogtei über 
Leitzkau einem Ministerialen, dem Evererus von Lindau. Gleichwohl verblieb 
Ijcitzkau ein Teil seiner Vorrechte. Zunächst die Teilnahme an der Bischofswahl, 
wobei der Propst von Leitzkau als der zweite seine Stimme nach dem Branden- 
burger Propste abgeben sollte, danach die übrigen Mitglieder der beiden Konvente 
in beliebiger Keihenf olge. Über dieses Wahlrecht gab es in der Folgezeit zwischen 
beiden Kapiteln fortwährend Streitigkeiten und daher häufig zwiespältige Bischofs- 
wahlen, die das Eingreifen des päpstlichen Stuhles erforderlich machten und im 
Laufe der Zeit einander völlig widersprechende Bestimmungen seitens der Bischöfe 
veranlassten. Im Laufe des XIY. Jahrhunderts verlief dieser immer wieder auf- 
brausende Streit allmählich im Sande, da in dieser Zeit fast alle Brandenburger 
Bischöfe durch päpstliche Provision ernannt wurden, nachher aber das Emennungs- 
recht de facto an die Kurfürsten tiberging. 

Andrerseits wurde ein Teil des Archidiakonats der Diöcese für Leitzkau 
erhalten. In Bezug auf die Abgrenzung beider Ai'chidiakonatsbezirke herrscht 
in den Urkunden ein unaufgeklärter Widerspruch. Zweifellos ist, dass im Princip 
die Ihle (Yla) die Scheidelinie bilden sollte. Bischof Wilmar überwies llöOdem 
Brandenburger Propst ausserdem die Burgwarde Sckarlowe, Mukeme (Möckern) 
Lotiburg excepta ecclesia Dalechowe, sodann Bukowe, Oorceke, Redieke (wahr- 
scheinlich Beetz, nicht Rädigke), Wismburg, Belüg (Beizig), MordxB (Mörz), 
Niemeke und luterhuck. Ganz ebenso bestimmte Bischof Balderam 1186 in der 
Bestätigungsurkunde für das Brandenburger Kapitel, nur noch Dame hinzu- 
fügend und hervorhebend, dass auch die Nikolaikirche zu Burg, obgleich 
westlich von der Ihle gelegen, dennoch als Pilial der dortigen Marienkirche 
zum Archidiakonat Brandenburg gehören solle. Dagegen bestimmt derselbe 
Bischof in der Bestätigungsurkunde für Leitzkau um 1187 (nicht bestimmt 
datiert), dass dessen Propsteisprengel durch die Ihle von ihrer Mündung bis 
zur Quelle begrenzt sei, von der Quelle der Ihle an aber in Ermangelung anderer 
Grenzen folgende Burgwarde umfassen solle: Loburg mit Ausnahme der jenseits 
der Ihle gelegenen Dörfer Lübars und Hohenziatz, Wisenburg, Cosswicz, 
Dobin, Wittenberch, Zane, Alstermunde. Die päpstliche Bestätigungsurkunde 
von 1189 übergeht hier die Bestimmungen über die Ihle, spricht aber den 
Burgward Loburg ohne Ausnahme Leitzkau zu. Dass hierdurch etwa die 
frühere, seit 1160 bestehende Teilung zu Gunsten Leitzkaus habe abgeändert 
werden sollen, ist nicht anzunehmen. Denn wenn auch Bischof Balduin (1204 
bis 1216) ähnliche Bestimmungen getroffen hat, so sind doch die Bestimmungen 
von 1160 durch Bischof Siegfried 1217 erneuert und 1234 durch Papst Gregor IX. 
bestätigt unter ausdrücklicher Nennung der Burgwarde Schartau, Möckern und 
Loburg (mit Ausnahme der Kirche von Dalchau) für Brandenburg. Die Urkunden 
über die einzelnen Parochien sind zu sparsam und bruchstückmässig, um diesen 
Widerspruch mit voller Sicherheit aufklären zu können, gleichwohl scheinen die 
Ausnahme-Bestimmungen von 1160 und 1234 der Wirklichkeit nicht entsprochen 
zu haben. Denn in der gleich nach dem Antritt des Bischofs Dietrich von 
Stechow (1459) aufgenommenen Matrikel des Bistums nach den Propsteistühlen, 
welche Einteilung, nachdem die der Archidiakonate alhnählich ihre Bedeutung 



Einleitang. 19 



verloren hatte, die massgebende geworden zu sein scheint, gehörten zur 9. Sedes 
Lizke: Lubiz parva (Klein-Lübs), Dorneborch deserta, Predel, Pretzin, Plotzke, 
Calenberghe, Gummem, Gubiz (Gübs), Pechov, Prester, Krakov, Rodensee, Lostov, 
Wardenberge deserta, Giyndenberge, Hogewardt, Nigrip, Schariau, Bluinendal 
deserta, Parehove, Deborch, Parey, Ditershagen, Kerbeliz, Wolterstorp, Bideritz, 
Mentz, Waltz (Wahlitz), Corith, Velitz, Nebeliz (?), Damekov (Dannigkow), Nedeliz, 
Ciepel, Worraeliz, Stegeliz, Ae ... (vielleicht Treppene = Tryppehna), Walviz, 
Möckern oppidulum, Dalchow, Raderstorp deserta (?), Coldiz deserta (Calitz), 
Lindov, Resegan (Kosian), Louborch oppidum, Klitzke (Klitsche), Hogen Nedeliz, 
Rotz (Reetz), Slamou (Schiammau), Wesenborch, Jeserick. Dagegen zur 10. Sedes 
Ziegesar, welche den zum Archidiakonatsbezirk von Brandenburg gehörigen 
Teil der Kreise umfast: Ziesar oppidum, Glyneke, WoUyn, Bukov, Rotstock, 
Gorzke, Gloine, Lübbars, Cyaz magna (Hohenziatz) , Tuchen, Restorp deserta, 
Gergov deserta (Wüsten- Jericho w), Scapstorp deserta, Borch oppidum, Resen, 
Grabe V oppidum, Ritzel, Stresov, Seden (Hohenseeden), Pärchen, Drizel, Gladov, 
Krüssov, Jserigk (Brandenstein), Genthin oppidulum, Gotstighe deserta, Beerkowe 
(Bergzow), Rotstorp, Dempniz deserta (Demsin), Slantin (Schlagenthin), Mylov, 
Plane, Wusterviz, Moser, Visen, Malenzin, Citz, Carov, Cade, Warchov, Vitzen 
(Vieritz), Jerchel, Motelitz, Bantz deserta (Bahnitz).i 

Zur Vergleichung mag denn hier gleich angefügt werden, in welcher Weise 
anderweitig verteilt sich die sedes Ziesar in der Matrikel des Archidiakonats 
Brandenburg über das Synodaticum und Cathedraticum von lötO darstellt.* Die 
Pfarrer wurden nämlich mit 4 Pf. Cathedraticum und 9 Pf. Synodaticum, zu- 
sammen 13 Pf. von jedem frustum ihrer Einkünfte eingeschätzt, imd es erscheinen 
nun von den hierher gehörigen Pfarrorten: 

In sede Ziesar: Gartzko (Görzke) mit 16 frusta zu 26 Groschen (der Groschen = 

8 Pfennige), Crussow mit Tetzem (Theessen) mit 12 fr. zu 19 Gr. 4 Pf., Tuchim 
mit 15 fr. zu 24 Gr. 3 Pf., Lubbars mit 20 fr. zu 32 Gr. 3 Pf. (statt 4), Czyas 
mit 10 fr. zu 16 Gr. 2 Pf., Chare (Carow) mit 15 fr. zu 24 Gr. 3 Pf., Chade mit 
Warchow mit 10 fr. zu 16 Gr. 2 Pf., Visen mit Malentzin desgl., Cy tz mit Roggasen 
mit 15 fr. zu 24 Gr. 3 Pf., WoUin mit 5 fr. zu 8 Gr. 1 Pf., Boke mit Glinicke 
und Wentzlo mit 8 fr. zu 13 Gr., Glaue (Gloine) mit 4 fr. zu 7 Pf., Rotstock mit 

9 fr. zu 14 Gr. 5 Pf. 

In sede Borch: Borch mit früher 8, jetzt nur 4 Gulden (rdiqtios defcUcat 
pro expensis pro quölibet floreno 21 sdidosj, Drytzell mit 8 fr. zu 13 Gr., Gladow 
desgl., Grabow mit ^/^ Mark gleich 30 Gr., Rietzel mit 8 fr. zu 13 Gr., Stresow 
desgl., Resen mit Altenseden und Pärchen mit 15 fr. zu 24 Gr. 3 Pf., Berckzow 
mit 8 fr. zu 13 Gr., Gentin mit 15 fr. zu 24 Gr. 3 Pf., Retzstorp (Rossdorf) mit 
8 fr. zu 13 Gr. 

In sede Brandenburg: Moser mit 8 fr. zu 13 Gr., Wusterwitz magna mit 
15 fr. zu 24 Gr. 3 Pf., Nyteran (Nitzahne) mit 10 fr. zu 16 Gr. 2 Pf., Benstorff 
mit Velen mit 6 fr. zu 9 Gr. 6 Pf., Demptzin magna (Gross-Demsin) mit 8 fr. 
zu 13 Gr., Stewentin (Schlagenthin) mit 15 fr. zu 24 Gr. 3 Pf., Jerchel mit 12 fr. 
zu 19 Gr. 4 Pf., Bentz desolata (Bahnitz) mit 8 fr. zu 13 Gr. eingeschätzt 



* Vrgl. Riedel A. VIII. S. 419. • Daselbst 8. 457. 

2* 



20 Einleitung. 



Leider fehlen gleiche, über die damalige Zusammengehörigkeit der Parochien 
und die Einkünfte -Verhältnisse der Pfarren wenigstens einige Auskunft gebende 
Nachweisungen von 1500 für den Arclüdiakonatsbezirk von Leitzkau. Gänzlich 
entbehren wir derselben für die Diöcese Havelberg. Hier folgte auf Leitzkau 
bald die Gründung des Klosters Jericho w. Hartwig von Stade (s. oben S. 17) 
stiftete 1144, nachdem sein Bruder Rudolf am 13 März von den Ditmarscheii 
erschlagen w^ar, im Verein mit ihrer Mutter Kicharda ihre in dem von Altei*s 
her zur Altmark gehörigen Jerichowschen Lande gelegenen Besitzungen, nämlich 
die Burgwarde Jerichow, Milow und Altenplathow und das Land Klietz dem 
Erzstift Magdeburg,^ jedoch gewisse Hebungen und Besitzungen samt der Pfarre 
zu Jerichow und die Dörfer Wulkow, Nizinthorp (Redekin) und Slavica oder 
Minor Wulkow dem Hochstift Havelberg, und zwar diese sofort mit der Bestimmung, 
dass hier ein Praemonstratenser- Kloster für ihr und der Ihrigen Seelenheil 
gestiftet werden sollte, zugleich zu dem Zwecke, dass durch die sanda 
conversatio der Mönche generatio illa prava atque perversa in der Diöcese, welche 
gentiUum cohnum harbarie qt4oquavet'sum horrd>at, Christianaqtie religione pessum- 
data fast nichts mehr war, gebessert werden sollte. Bischof Anselm bestätigte 
sofort diese Stiftung 1145 und widmete zu ihrer Dotierung die Marienburg mit 
den elf dazu gehörigen Dörfern; zugleich überwies er ihr den Zehnten von 
allem kultivierten und noch zu kultivierenden Lande zwischen den Flüssen Elbe 
westlich, Havel östlich, Stremme südlich und dem Klietzer See usque ad 
provinciam Schollene nördlich, und übertrug dem Propste das Archipresbyterat in 
denselben Flussgrenzen. Bei der Beschränktheit dieser Bevorrechtung darf aus 
derselben nicht geschlossen werden, dass Anselm etwa mit Jerichow dieselbe 
Absicht gehabt hätte wie Wigger mit Leitzkau, dem Konvent bei der vorläufigen 
Unbesetzbarkeit des Bischofssitzes, an dem es noch nicht einmal eine Kirche gab, 
die Stellung eines Domkapitels einzuräumen — in Wirklichkeit hat Jerichow 
später auch niemals eine derartige Stellung eingenommen oder beansprucht. 
Dagegen findet sich 1236 gelegentlich der Wahl des Bischofs Ludolf von 
Halberstadt die merkwürdige Nachricht, dass Jerichow Anspruch auf das 
Wahlrecht für Halberstadt machte. Sein Prokurator behauptete: ecclesia in 
Jericho pari jure eledionis et simili lihertate digendi a prima sui fundacUme 
semper est gavisa^ prout se papalihus et imperialibus privilegiis asseruit probaturum. 
Der vorhandene päpstliche Entscheid lässt die Sache im Dunkeln [s. Riedel, 
B. VI S. 2 und Reg. II, S. 492]. Woher Jerichow den Anspruch auf dieses Wahl- 
recht bekommen haben könnte, ist völlig unerfindlich. Die vorhandenen Urkunden, 
namentlich die kaiserlichen und päpstlichen Konfirmationen enthalten keine Silbe 
davon. Einkünfte des Klosters aus dem Bereiche des Halberstädter Stifts (Klein- 
Wanzleben) sind allerdings 1278 und 1317 urkundlich beglaubigt [vrgl. Urk.-B. 
Berge Nr. 128 u. 179]. 

In welcher Weise beide Klöster ihrer missionierenden und kultivierenden 
Aufgabe nachgekommen sind, entzieht sich dem Nachweise im Einzelnen. Jeden- 
falls wurde daneben die Kolonisierung und Kultivierung unsers Landstriches von 
den Landesherren selbst in der nachdrücklichsten Weise betrieben. Urkunden, 



1 c 



Sandiiu und Schollene blieben märkisch, Cabelitz bischöflich-Havelbergisch. 



Einleitung. 21 



die uns einen Einblick in deren Fortgang gewähren, giebt es hauptsächlich im 
Bereiche des I. Kreises. Einerseits lassen uns die verschiedenen Leitzkauer 
Urkunden über die fortschreitende Entrichtung des Zehnten, da die heidnischen 
Wenden diesen nicht zahlten, und er als eine der Hauptursachen zu ihrem 
Widerwillen gegen Christentum und Kirche erscheint, die fortschreitende 
Besiedelung der dem Kloster gehörigen Ortschaften mit deutschen Einwanderern 
erkennen, die nach den in den Urkunden genannten Namen meist aus Ost- 
sachsen gekommen zu sein scheinen. Andrerseits ^eben uns die Urkunden über 
Cracau (1158), Pechau (1159), Wusterwitz (ca. 1159) und Poppendorpstide (wüst 
Poppendorf 11G4) Anschauung von dem Verfahren, welches Erzbischof Wich- 
mann dabei einschlug. Es wurde der Ort einem bestimmten Unternehmer (in 
Pechau heisst er Heribert, in Wusterwitz Heinrich, in Poppendorpstide Werner) 
übergeben, der eine bevorzugte Landdotierung und nebst gewissen Geld- 
einnahmen die Gerichtsbarkeit des Ortes unter Ausschluss sonstiger Vogtei 
erhielt Es war ihm überlassen, die Kolonisten herbeizuziehen, denen die einzelnen 
Hufen ausgeteilt wurden mit der Verpflichtung, Dämme zu bauen (was nur in 
Wusterwitz und Burg fehlt) das Land zu entwässern und zu kultivieren. Dafür 
waren sie von der Burgwehr und andren landesherrlichen Diensten befreit, 
hatten nur einen geringen Zins und den Zehnt erst nach Kultivierung der 
Ländereien zu zahlen und behielten ihr heimatliches oder erhielten ein bevor- 
zugtes Recht, in Pechau das der Stadt Burg, in Wusterwitz das Schartausche, in 
Poppendorpstide das Magdeburgische. Zur Dotierung für die zu erbauende 
Kirche bezw. für den Geistlichen wurde sofort eine Hufe ausgeworfen, auch 
erhielt Wusterwitz gleich das Recht, jährlich einen grossen Markt zu halten. Die 
meisten dieser Ansiedler, wenn sie auch aus allen möglichen Gegenden kommen 
mochten, wie z. B. der Werner in Poppendorpstide als „quem Paderbumensem 
vocanV' bezeichnet wird, waren Niederländer, Bollandini gut et Flamingi 
nuncupantur, wie Erzbischof Wichmann schon 1152, als er noch Bischof von 
Naumburg war, sich ausdrückt. In Wusterwitz und in Cracau, wo ihnen aus- 
drücklich die jtistitia, consuetudines seu plebiscUa Hollandiensium vorbehalten 
werden, ist das bestimmt bezeugt, in Burg ^ ist es durch zahlreiche niederländische 
Familiennamen und die sogleich aufblühende Tuchfabrikation erwiesen. Auch die 
6 Hufen im Kener, welche Wichmann 1178 dem Kloster Jerichow behufs An- 
siedelung zur Entwässerung und Kultivierung unter ganz denselben Bedingungen 
wie an den andern Orten schenkt, sollen Hollandigenarum more in die Länge 
und in die Breite gemessen sein. Noch im Anfange des vorigen Jahrhunderts 
gab es einen Vers im Volksmunde,* der eine Anzahl von Dörfern als von 
Flamingem besiedelt zusammenfasste : 

Ladfburg und Leitsch (oder Letsche = Leitzkau) 
Gälite und Breitsch (oder Breische = Brietzke) 
Ziepd und Zedemiet (= Zeddenick) 



' Vrgi. L. Goetze, Niederländische Kolonisten in Barg, in Gesch. Bl. IV (1869) S. 
252-256. 

* Aufbewahrt von Beckmann, Anhalt Historie Tora. I pg. 22 und Thorschmidt, 
Antiq. Ploc. p. 14. 



22 EinleituBg 



Bühne ( = Buden) und Nedddig 
Seynd neun DSrffer mit GarUih, 

Zu bemerken ist, dass unter diesen nur Ladeburg einen deutschen Namen 
trägt, die andern slavisch benannten Orte also wohl schon vorher bestanden 
haben, wie denn überhaupt auf dem Fläming die meisten Ortsnamen slavisch 
geblieben sind. Zahlreicher sind die von deutscher Einwanderung zeugenden 
Ortsnamen im IL Kreise, wo sie z. B. im Burgward der Marienburg, welche 
selbst freilich den slavischen Namen Cabelitz eingetauscht hatte und behielt, 
gänzlich an Stelle der in der Stiftungsurkunde von Havelberg genannten slavischen 
Dorfnamen getreten sind. Es sei im Übrigen nur auf Bensdorf, Fischbeck, Hohen- 
göhren, Kuhlhausen, Mangelsdorf, Molkenberg, Neuermark, Palstorf, Kehberg, 
Schönfeldt, Schönhausen, Schmetzdorf, Steckeisdorf, Woltersdorf hingewiesen. 
Indessen ausser, dass der h. Willibrord, welcher urkundlich als Mitpatron der 
Kirche zu Schönhausen bezeugt ist, ebenso wie der Briccius zu Cracau und 
Pancratius zu Cörbelitz und Elbenau im 1. Kreise auf niederländischen Ursprung 
weisen kann,^ fehlt es in diesem Gebiete gänzlich an Zeugnissen für eine hervor- 
ragende Beteiligung gerade der Niederländer an seiner Besiedelung, wie ja denn 
die ganze Theorie von deren vorzugsweiser Heranziehung durch Albrecht den 
Bär und Anselm von Havelberg nur auf einer einzigen Stelle des im pomphaft 
hyperbolischen Stile der mittelalterlichen Kirchenschriftsteller schreibenden 
Helmold beruht Die Backsteinbauten dieses Gebietes zum Beweis für nieder- 
ländische Ansiedelungen heranzuziehen giebt einen Cirkelschluss, wie später noch 
weiter nachzuweisen sein wird. Übrigens wurden die alten slavischen Einwohner 
durch die deutschen Ansiedler keineswegs gewaltsam verdrängt, sie wurden 
eben nur allmählich von dem übermächtigen deutschen Element assimiliert. 
Wie in den märkischen Städten die wendischen Kietze bestehen blieben, so 
werden auch noch 1302 die cives und sclavi in Schollene urkundlich unter- 
schieden. 

Wenn nun hiemach während dieses Zeitraumes die Erzbischöfe von Magde- 
burg und die Markgrafen aus dem Hause der Askanier in bestem Einvernehmen 
und gesegnetem Wetteifer in unserm Gebiete walteten, so war es doch von vorn- 
herein ein bedenklicher umstand, dass während von Alters her in dem südlichen 
Teile, über welchen, als zu dem ducatus Transalbinus gehörig, die Erzbischöfe 
die Landeshoheit besassen, die Markgrafen nicht unbeträchtlichen Besitz, namentlich 
um Leitzkau und Möckern herum, inne hatten, umgekehrt in dem von Alters 
her unter die Landeshoheit der Markgrafen gehörigen nördlichen Teile das Erz- 
stift durch die Jerichowische Schenkung zu beträchtlichem Besitze gelangt war. 
Dieser Umstand ist in der Folgezeit der Quell langdauemder, äusserst erbitterter 
und verwüstender Grenzkriege zwischen den benachbarten Landesfürsten 
geworden, die erst nach drittehalbhundertjährigem Hinschleppen ein friedliches 
Ende fanden. Bedeutend erschwert und verwickelt wurden diese Verhältnisse 



^ Den h. Nikolaus, der zuerst 1178 urkundlich als Kompatron von Jerichow erscheint, auch 
in Sandau Patron ist, darf man hierher nicht rechnen. Er war so allgemein Schutzheiliger der 
SchifferhevÖlkerung, dans es für solche einer besonderen Stammeszugehörigkeit nicht bedurfte, 
um ihn als Titularheiligen Air ihre Ortskirche zu wählen. 



Einleitung. 23 



durch den in seinen Motiven noch immer nicht genügend sicher aufgeklärten^ 
Vertrag von 1196, in welchem die Markgrafen Otto IL und Albrecht II. ihre sämt- 
lichen nicht zu den Reichslehen, der Markgrafschaft, gehörigen AUodialgüter, 
unter denen im ducatus Transalbinus Möckem und in der Mark die Zauche und 
das Ijand Schollene besonders namhaft gemacht werden, dem Erzstift überliessen, 
unter der Bedingung, dieselben binnen Jahresfrist als Lehen vom Erzstifte zurück- 
zunehmen. 

Es ist nicht die Aufgabe des vorliegenden Werkes, diese langwierigen Ver- 
wickelungen und Kämpfe, in welchen unser Gebiet als das hauptsächlichste 
Streitobjekt und Schlachtfeld vor allem die Folgen der nach mittelalterlicher 
Weise in Raab, Plünderung, Brandschatzung und Totschlag aufgehenden Krieg- 
führung zu tragen hatte, in ihrem hin und her schwankenden Verlaufe im 
Einzelnen zu verfolgen. Ihren vorläufigen Abschluss fanden sie, nachdem der 
Erzbischof Otto (1327 — 1361), die nach dem Aussterben der Askanier in der 
Mark ausgebrochenen Wirren durch kluges Hinundhermanövrieren zwischen 
den Bayrischen Markgrafen, dem falschen Waldemar und Kaiser Karl IV. aus- 
nutzend, sich in den Besitz der Altmark und des Landes zwischen Elbe imd 
Havel zu setzen gewusst hatte, in dem Vertrage zu Treuenbrietzen 1354, in 
w^elchem Sandau, das Land zu Camem, Jerichow, Klietz, Schollene, Altenplathow 
und Flaue dem Erzbischof überlassen, dagegen Arneburg und Tangermünde den 
bayrischen Markgrafen zurückgegeben wurden. Allerdings wusste Karl IV. sein 
Verhältniss zu seinem Günstling Erzbischof Dietrich Kagelwit und dessen 
böhmischen Nachfolgern zu benutzen, um sich gemäss seinem Streben, die 
gesamten alten märkischen Lande für sein Haus zu erwerben, wieder in Besitz 
des grössten Teils des damals abgetretenen Gebietes zu setzen. Indessen nach 
den neuen wilden Kämpfen der Raubritterzeit unter den letzten Luxemburgern 
und den zur Markgrafenwürde emporgestiegenen Hohenzollern wurde durch den 
Zerbster Vertrag von 1420 und die sich weiter daran knüpfenden Verhandlungen 
das durch den Treuen brietzener Vertrag hergestellte Verhältnis neuerdings 
bestätigt, wenn auch erst im Vertrage von Zinna 1449 der Brandenburger Kurfürst 
allen Ansprüchen auf Möckem, Jerichow, Sandau, Milow, Bück au und Alten- 
plathow gänzlich und endgültig entsagte. Es gab zwar auch in der Folgezeit 
noch manche Schwierigkeiten darüber, doch waren sie wenig ernst gemeint, um- 
soweniger als es das konsequente Streben der Brandenburger Kufürsten wurde, 
die erzbischöfliche Würde dauernd an ihr Haus zu bringen. Die letzten Anstösse 
wurden beseitigt, als in dem Zerbster Vertrage von 1533 zwischen den beiden 
Brüdern, dem Kardinal Albrecht und dem Markgrafen Joachim L, Brandenburg 
auch die Lehnshoheit über Goerzke gänzlich aufgab, und betreffs der Landes- 
hoheit über Grabow eip freundliches Abkommen getroffen \vurde. 1547 trat 
Joachim H. endlich auch die Lehnshoheit über die ehemals dem Kloster Lehnin 
gehörigen Güter in und um Loburg und zu Moser an das Magdeburger Dom- 
kapitel ab. 

Neben diesen hauptsächlichen Landesherren finden sich auf unserm Gebiet 



^ Vrgl. darüber zuletzt G Sello, über d. Lehnsauftrag u.8. w. von 1196, in Gesch. Bl. XXI 
(1886) S. 272 ff. 



24 * Einleitung. 



noch zwei andere mit geringem Besitz. Einerseits besassen die Kurfürsten von 
Sachsen das Amt Gommern mit Ranies und Elbenau, auch dem Klostor 
Pioetzke, wozu dann auch noch die Ortschaften Güterglück, Moritz, Schora, 
Toeppel, Prödel, Pretzien, Dannigkow, Vehlitz, Wallwitz, Tryppehna und Ihle- 
burg gehörten. In späterer Zeit wurde dieser Besitz aus dem Burggrafenamte 
von Madeburg hergeleitet, welches die Herzöge Johann und Albrecht von Sachsen 
1269 erworben hatten. Indessen da sie dieses bereits 1293 weiter verkauften und 
doch im Besitz des genannten Gebietes blieben, so ist es wahrscheinlich, dass 
dasselbe ihnen schon früher aus der Verlassenschaft Albrechts des Bären zu- 
gefallen war.i Andrerseits gehörte das Amt Walter-Nienburg mit den Ortschaften 
Kämeritz, Flötz, Gödnitz und Gross -Lübs zur Grafschaft Barby, welche Otto II. 
974 dem Stift Quedlinburg gewidmet hatte, die aber von diesem später an die 
Herzöge von Sachsen und von diesen weiter an die Grafen von Mühlingen ver- 
liehen war. 

Was den schlossgesessenen Adel in unsem Kreisen betrifft, so tritt 
neben dem Dynastengeschlecht der Grafen von Arnstein, von denen ein 
Zweig als die nachmaligen Grafen von Lindow und Herren zu Ruppin und 
Möckern durch den Besitz der Herrschaft Möckern und die Advokatie des 
Klosters Leitzkau für unsere Gegend von hervorragender Bedeutung wurde, 
unter den milites und ministeridles , welche nach den ihnen überlassenen Burg- 
warden ihre in der Anfangszeit vielfach wechselnden Namen annahmen, in 
älterer Zeit besonders das in vielen Zweigen über das ganze Flämingsgebiet ver- 
breitete, bald nach Zerbst, bald nach Plane oder Wiesenburg oder Loburg 
genannte Geschlecht von Aisleben hervor, dem im II. Kreise die zur Zeit der 
Klostergründung bereits schlossgesessene und bis zum Aussterben der Askanier 
blühende und in fürstlichen Diensten vielbeschäftigte Familie von Jerichow an 
Bedeutung doch nicht gleichkommt. Neben diesen deutschen Einwanderern haben 
sich aber auch uralte slavische Dynastenfamilien erhalten, unter denen die nach 
dem Schlosse Plote (Altenplathow) genannte der Edelh.erren von Plotho die 
bedeutendste ist. In späterer Zeit treten im I. Kreise die von Arnstedt, von 
Barby, von Byern, von Kracht, von Schierstedt, von Wulffen, im 
IL Kreise die von Katte und von Treskowals dauernd in ausgedehnterem 
Besitze befindlich hervor.* Unter den Kriegswirren des XIV. und XV. Jahrhunderts 
versank auch hier der Adel tief in das Raubritterwesen. Die gegenseitigen Schaden- 
rechnungen des Erzbischofs Günther und des Kurfürsten Friedrich I. in den 



^ Yrgl. Frz. Winter, Wie kam Gommern, Elbenau, Ranies und Gottow zu Kursachsen? 
in den Neuen Mitt. des Thür. Sachs. Vereins X, 1. 8. 231 ff. 

• Vrgl. Frz. Winter, die Germanisierung u. s. w. (S. oben S. 4 Anm. 2.) Abscbn. 10. 
Die Besetzung der Burgen mit deutschen Adelsgesclilechtern im XII. Jahrh. (1870 S. 233 
bis 244). ~ Über die Grafen von Arnstein u. s. w. vrgl. Riedel, A. IV, ß. 1—34. und 
Strassburger, die Herren und Grafen von Arnstein, in Zeitschr. des Harzvereins XX, 8. 
146—147. — Über die von Alsleben von Mülverstedt in Gesch. BI. lY (1871)8.581 
bis 590. — Über die von Plotbo: Ders. ebenda 8. 432— 438 und die dort angeftlhrteLitteratur.— 
Über die von Barby: Ders. ebenda 8. 579 — 581. — Über die von Byern: Ders. daselbst IV 
(1869) 8.438—444. — Über andere teils auBgestorbene , teils an bestimmte Orte gebundene 
Familien Weiteres gelegentlich der Ortsbeschreibung im Einzelnen. 



Kinleitung. ^ 



Verhandlungen von 1421 [bei Riedel, B. III S. 264—361] geben uns ein 
grauenvolles Bild davon, in welcher Weise die beiden Landesherren damals 
dies jedem von ihnen selbst so unbequeme Wesen doch zur Beschädigung des 
andern ausgenutzt haben. Später lebte es noch einmal, wie in der Mark, so 
auch im Erzstift gerade in unserm Gebiete, wenn auch in etwas gezähmterer 
Wildheit wieder auf und nötigte den Erzbischof Johann (1464 — 1475) die zu 
Baubnestern gewordenen erzbischöflichen Schlösser Alten-Plathow, Sandau, Nigripp, 
Bukow, Milow und Grüssau regelrecht zu belagern und zu erobern und die 
dabei gefangenen Ritter, unter denen sich Werner von Kracht (f 1483) besonders 
hervorgethan hatte, nach Giebichenstein , Egeln und Wanzleben gefänglich 
abzuführen. 

In dieser Zeit des Verfalls des Rittertums finden wir dagegen auch in unserm 
Gebiete, wie überall in deutschen Landen, ein desto bemerkenswerteres Auf- 
blühen der Städte. Allerdings haben wir hier nur eine einzige einigermassen 
bedeutende Stadt, das von Anfang an als Jndustrie- und Handelsplatz vnchtigere 
Burg, welches bereits 1186 im Wesentlichen seine heutige Ausdehnung gehabt 
bat, da die beiden damals urkundlich genannten Kirchen St Marien und St. 
Nikolai so ziemlich die entgegengesetztesten Punkte in der Diagonale des Stadt- 
planes bezeichnen. Bei den andern, kleinen, zu denen zeitweise auch Grabow 
und Schollene gerechnet wurden, und aus deren Zahl Goerzke erst im gegen- 
wärtigen Jahrhundert ausgeschieden ist, konnte eine bedeutendere Entwickelung 
schon wegen ihrer Abhängigkeit von den landesherrlichen Schlössern, unter deren 
Schutz sie sich gesammelt hatten, nicht gut Platz greifen. Doch besass Goerzke 
unter den Askaniem eine eigene Münzstätte, und in Loburg konnte 1246 die 
Bürgerschaft die Geldmittel zur Wiedereinlösung des Schlosses aufbringen und 
dafür vom Erzbischof Wilbrand das Privilegium erlangen, dass Schloss und 
Stadt in Zukunft nicht mehr versetzt, sondern immer immediat bei dem Erzstifte 
bleiben sollten. Jerichow dagegen ist niemals ummauert worden; noch im 
Visitationsprotokoll von 1562 wird es bezeichnet als „flecken, wdchs sich vor eine 
stadi ausgibt" Wann bei unsem Städten ihr Zusammenwachsen aus mehreren 
früheren Dorfschaften zu einer ummauerten und mit Stadtrecht versehenen 
Gemeinde erfolgt ist, lässt sich nirgends feststellen. Die Jahre, wo sie in den 
uns erhaltenen Urkunden zufällig zuerst als Städte ausdrücklich erwähnt werden, 
setzen überall eine mehr oder weniger lange Vorgeschichte voraus. In Burg 
werden Richter und Rat urkundlich zuerst 1263 und das Recht, das doch schon 
1159 an Pechau verliehen war, erst 1301 als „Stadtrecht" namentlich erwähnt. 
Loburg wird zuerst 1246 als Stadt genannt und 1291 eine valva desselben (das 
jetzige Münchenthor) erwähnt, doch muss es wenigstens schon 1207 als ummauerte 
Stadt bestanden haben. In Goerzke werden scuUetus und scabini zuerst 1283 
urkundlich genannt — Wie sehr in den Zeiten fortwährend schwankender und 
streitiger Landesherrschaft und der Notwehr gegen das Raubritterwesen das 
Selbstgefühl auch der kleineren Städte erstarkt war, beweist neben dem sehr 
selbständigen Verhalten Sandaus und Goerzkes in der Zeit des falschen Waldemar 
auch der 1433 ausgebrocbene Krieg Magdeburgs gegen den Erzbischof, in welchem 
gleich Burg auch die übrigen erzstiftischen Städte unsers Gebietes, wenn auch 
zuerst von den Magdeburgern erobert, dennoch sehr bereitwillig sich dem Bund- 



26 Einleitung. 



nisse anschlössen und trotz der. abmahnenden Edikte des Baseler Koncils dabei 
verblieben. 

Werfen wir noch einen Blick auf die für die Denkmälerwelt massgebenden 
kirchlichen und Bildungsverhältnisse unserer Kreise im Mittelalter, so war 
für sie das Bedürfnis nach Elostergründungen offenbar durch Leitzkau und 
Jerichow in der Hauptsache befriedigt; bei der dominierenden Stellung dieser 
beiden konnten andere nicht gut aufkommen. Die Cistericenser, welche in 
kulturhistorischer Bedeutung für die ostelbischen Lande bald an Stelle der Prä- 
monstratenser traten, haben es hier nur zu zwei Frauenklöstem gebracht, das 
bedeutendere, 1228 als von den Herzögen von Sachsen gegründet schon vor- 
handene und ziemlich reich begüterte Ploetzke und das bescheidenere, wohl 
schon zu Ende des XIII. Jahrhunderts gegründete und, nachdem die von Ludwig 
dem Römer 1354 angebotene Verlegung nach Kathenow nicht zustande gekommen 
war, dauernd bei der Stadtkirche und mit massigem Besitz bis in die Refor- 
mationszeit daselbst verbliebene zu Ziesar. Dagegen ist das in ökonomischer 
und finanzieller Wirtschaft ausserordentlich geschickte Lehnin im I. Kreise zu 
grösserer Bedeutung wenigstens dadurch gelangt, dass es auf dem ihm 1207 von 
Heinrich von Flaue gewidmeten freien Hofe in Loburg eine grangia (Wirt- 
schaftshof) errichtete und von hier aus am Orte und in der Umgegend einen 
bedeutenden Besitz an Grundstücken, Gefällen und Kirchenpatronaten erwarb 
und vonvaltote. Die daselbst angesiedelte Kolonie des Klosters wurde so 
bedeutend, dass in den im XIV. Jahrhundert im Schosse des Konvents aus- 
gebrochonen Streitigkeiten die eine Partei die „Loburger" genannt wurde. 1457 
aber verkaufte der Abt Arnold den gesamten dortigen Besitz an Hans von 
Barby, wobei es freilich nicht mit rechten Dingen zuging, sodass nachher der 
Vorsuch gemacht wurde, den Verkauf zu Gunsten des Klosters wieder rück- 
gängig zu machen. Indessen gelang dies nicht, der Besitz verblieb der Familie 
von Barby, und die Lehnshoheit, welche dem Kloster noch verblieben war, wurde 
nach dessen Säkularisierung 1547 von Joachim H. dem Magdeburger Domkapitel 
zum Dank dafür, dass es seinen Sohn Friedrich zum Administrator und Koad- 
jutor postuliert hatte, überlassen. 

Templer, Johanniter und Deutschherren fehlen in unsern Kreisen gänzlich. 
Was Memleben an nur in ältesten Urkunden erwähnten Ländereien und Quedlin- 
burg an nomineller Lehnsherrschaft besessen hat, ist gänzlich bedeutungslos 
geblieben. Von Bettelorden, die sich nur in bedeutenderen Städten ansiedelten, 
gab es nur eine erst spät bezeugte geringe Niederlassung der Franziskaner 
zu Burg und eine vorübergehende, wohl zwischen 1220 — 1230 von dem Pfarrer 
Magister Elias errichtete, aber bereits nach dessen Tode 1237 nach Brandenburg 
verlegte zu Ziesar. Am letzteren Orte hatten 1341 die Augustiner Eremiten 
von Magdeburg ein vom Bischof Ludwig von Brandenburg (seit 1324) geschenktes 
hospüium, über dessen Verkauf an das Brandenburger Domkapitel damals 
verhandelt wurde. Beginen scheinen in Sandau vertreten gewesen zu sein, 
wenn auch als Zeugnis dafür nur der Name der dortigen Beginenstrasse vor- 
handen ist. 

Betreffs derBildungszustände geben für die Anfangszeit die noch vorhandenen 
Beste der Leitzkauer Klosterbibliothek Zeugnis von dort in beträchtlichem 



EinleituDg. 27 



Umfange getriebenen klassischen Studien, andrerseits der Bau der Klosterkirche 
zu Jerichow und der ganzen davon abhängigen Familie von Dorfkirchen von 
einer in technischer wie in ästhetischer Hinsicht hohen Stufe künstlerischer 
Entwickelung. Beides ist doch wohl frühzeitig in Stagnation geraten, die sich 
an dem Vorhandenen begnügen Hess ohne eigene Weiterarbeit. ÄJs einer der 
letzten Pröpste von Leitzkau auf einer Synode eine Predigt zu halten hatte, Hess 
er sie sich von Luther ausarbeiten.^ Aus dem Jahre 1489 wird uns chronikalisch 
berichtet, dass Erzbischof Ernst Jerichow mit Gewalt eingenommen und habe 
„reformieren'' lassen, wider Willen und Zustimmung des Bischofs von Havelberg, 
der die Jurisdiktion über das Kloster beanspruchte. Worin diese „Reformation'* 
bestanden hat, ist aber nicht überliefert. Derselbe Erzbischof musste dagegen 
1503 den Konventen von U. L. Frauen, Gottesgnaden und Leitzkau die von 
seinem Vorgänger Johann für einige Wochentage aufgehobene Erlaubnis 
uneingeschränkten Fleischgenusses das ganze Jahr hindurch mit Ausnahme der 
Fastenzeiten im Advent und vor Ostern wieder herstellen. 

Die Pfarrgeistlichkeit, die zum grossen Teil nur als gemietete Vice- 
plebanl auf Pfarren sass, welche den Klöstern unserer Kreise, namentlich aber 
auch den Magdeburger Klöstern und dem Domkapitel* inkorporiert waren, stand 
wohl immer auf einer geistig und wissenschaftlich sehr niedrigen Stufe, von der 
die Visitationsprotokolle der Beformationszeit noch drastische Beispiele bieten. 
Wenn es dem vorher erwähnten Pfarrer Elias zu Ziesar nachgerühmt wird, dass 
er innumerdbilia benefida dem von ihm gegründeten Franziskanerkloster gestiftet 
habe, so beschränkt sich deren Aufzählung auf eine Biblia glossata, die Historia 
scholastica (des Petrus Gomestor) und die Sentenzen und Summa des Raymundus (V). 
Dieser Klerus fand seine Befriedigung in den Kalandsgilden. Unter diesen 
war in unserm Bezirke wohl die ausgedehnteste die zu Loburg, welche einen 
beträchtlichen Landkreis, wohl auch den, auch besonders- genannten, Leitzkauer 
Kaland umschloss; ein kleines Copiarium derselben aus dem XV. Jahrhundert 
ist im Staatsarchiv zu Magdeburg erhalten. Die zu Burg besass eine Kapelle in 
Gemeinschaft mit den Franziskanern. Eine dritte wird bald nach Genthin bald 
nach Altenplathow benannt. Eine El enden- Gilde bestand zu Möckem, deren zu 
Ende des vorigen Jahrhunderts noch vorhandenes Obituarium wenigstens in 



* Sie ist in neuerer Zeit wieder gedruckt in der Erlanger Ausgabe von Luthers lateinischen 
Werken I, 8. 29 — 41 und in der akademischen von Knaake I, S. 8— 17. Früher vermutete 
man ihre Bestimmung für das Koncil zu Pisa 1511 oder das Laterankoncil 1512. Neuerdings 
bat man sie mit Sicherheit als für die am 22. Jimi 1512 zu Ziesar gehaltene Diöcesan- Synode 
bestimmt erkannt, deren Protokoll bei Riedel, A.YIII S. 469— 471 gedruckt ist. Die hiergegen 
von Brieger in der Zeitschrift för Kirchengeschichte XI (1890) 8. 106 ff. erhobenen Bedenken 
sind von keiner durchschlagenden Bedeutung. 

' Bereits 1260 werden in einer Abmachung vor der Wahl des Erzbischofs Burg, Loburg, 
Biederitz, Schartau, Bosian und Tucheim als dem Kapitel inkorporierte Pfarren ausdrOcklich 
genannt , in deren Besetzung sich der Erzbischof nicht hineinmengen solle , und die Erzbischöfe 
mussten sich später in ihren Wahlkapitulationen regelmässig hierzu ausdrücklich reversieren, so 
noch Albi«cht V. 1514. Burg und Schartau vertauschte allerdings Erzbischof Heinrich 1307 
gegen das Patronatsrecbt von Pretzien und die dortige Mühle an das Kloster U. L. Fr. zu 
Magdeburg. 



28 Einleitung. 



Abschrift in Abels mehrerwähnter handschriftlichen Chronik von Möckem erhalten 
ist. Auch zu Ziosar gab es ein Lehen extdum. 

Von Schulen, die es überhaupt nur in den Städten und für Knaben gab, 
erfahren wir durch urkundliche Nachricht von 1339, dass es zu Burg einen recht 
scholarum, also wohl eine mehrklassige Schule gab (zur Reformationszeit hatte 
sie drei Lehrer für sechs Klassen), und über Loburg aus dem Visitationsprotokoll 
von 1562, dass es unter dem Papsttum einen Schulmeister, welcher die Stadt- 
schreiberei mit verwaltete, nebst zwei Localis gegeben habe, die auch zum Singen, 
Lesen, Vigilien und Messehalten in der Kirche mitgebraucht wurden. In Möckern 
und Sandau finden wir nur die Hinweisung auf einen Schulmeister. Von ihren 
Leistungen und den Einrichtungen der Schulen ist uns nichts überliefert. Wenn 
der ehemalige Pfarrer Ambrosius Pape J611 die zweite Auflage seines zuerst 
1605 erschienenen Schuldramas „Jonas Rythmicus*' den Bürgermeistern, Richtern 
und Ratmannen der Städte Burg, Calbe und Loburg dedicierte, weil diese Städte 
„stets fein wohl bestellte Schulen gehabt, auch viele ihrer Bürger die Schulen 
zu Magdeburg und die Universität Wittenberg besucht" hätten,^ so bezieht sich 
das erst auf die nachreformatorische Zeit, über den Besuch der Universitäten 
aus unsem Kreisen im Mittelalter liegen nur wenige Nachrichten vor. Sparsam 
war der von Prag. In der Matrikel der dortigen Juristenfakultät von 1372 bis 
1418* kommen nur vier Burgenser vor, darunter allerdings der Heyningus 
Nyendorpy der 1374 sein Baccalaureatsexamen in der philosophischen Fakultät 
gemacht hatte und bis 1387 als beliebter Docent und Examinator der Baccalaureen 
erscheint; ferner 1407 der als pauper bezeichnete Heynricus de Karow. Zahl- 
reicher ist der Besuch von Leipzig gewesen.* In der Zeit von 1421 — 1471 sind 
im dortigen Album vierzehn Burgenser eingetragen, 1424 und 1461 je drei auf 
einmal, ausserdem 1426 ein Johannes Hoppener aus Sandau, 1428 ein Nicolaus 
Güssen und 1449 ein Conr. Bartholomei aus Loburg, 1460 ein Ludwicus Schauffei 
aus Ranies, 1476 auch ein Ämhrosius Wemeri de monctsterio Leteka. 

Luthers Auftreten fand anfangs bei seinem Diöcesanbischofe, Hieronymus 
Scultetus von Brandenburg* freundlich beschwichtigende Teilnahme, bei seinem 
nächsten Vorgesetzten als Archidiakon, dem schon vorher erwähnten und trotz 
des Altersunterschiedes ihm innig befreundeten Leitzkauer Propste Georg Maskow 
aber dauernd begeisterte Aufnahme, sodass derselbe häufig nach Wittenberg 
reiste um Luther zu sehen und zu sprechen und auf die Zumutung des Bischofs 
erklärte, dass er lieber auf seine Propstei verzichten als die Bannbulle gegen 
Luther zur Ausführung bringen wolle. Auch fand, wie in der Stadt Magdeburg 
bereits 1524 und 1525, die Reformation in dem kleinen kursächsischen Landes- 
teile sofort völlige Durchführung. Im Amte Gommem wurde bereits 1533 die 
Kirchenvisitation abgehalten.^ Das Kloster Ploetzke bestand damals allerdings 



* VrgL Hertel im Moiiti^blatt der Magdeb. Zeitung 1880 Nr. 47. 

* Vrgl. Winter Frz., in Gesch. Bl.V (1870) S.497 ff. 

' Vrgl. Winter Frz., Magdeburger auf der Universität Leipzig von 1421— 1489, daaelbet 
8. 359 ff. 

* Vrgl. Wernicke, Luther und d. Bischof v. Brandenburg 1870. 

* Vrgl. Winter Fz., die Kirchen Visitation von 1533 im Amte Gommem, in Gesch. Bl. VIII 
(1873) S. 315—318. 



Einleitung. 29 



noch, aber die meisten Nonnen hatten es bereits verlassen, und nach dem Tode 
der letzten Pröpstin 1534 wurde es säkularisiert Sonst aber wussten im erz- 
stiftischen Teile das starr an der alten Lehre haltende Domkapitel und im 
märkischen Kurfürst Joaclüm I. die reformatorische Bewegung im Ganzen vor- 
läufig energisch niederzuhalten, soweit ihre Macht eben reichte. Denn ganz Hess 
sich das Feuer doch nicht dämpfen. In Möckem schlief, wie die Kirchenrechnungen 
ausweisen, der katholische Kultus schon im dritten Jahrzehnt allmählich ein. In 
Loburg schaffte man ihn 1Ö37 auf eigene Hand ab. Auch einzelne Adelige, wie 
z. B. die Witwe von Treskow zu Bukow bei Rathenow, oder der von Byern zu 
Carow, waren für ihre Person, wie in ihrem Besitz eifrige Anhänger und Förderer 
der reformatorischen Sache. Merkwürdigerweise fiel auch in dieser Zeit bereits 
die älteste Klosterstiftung diesseits der Elbe, Ijcitzkau, der veränderten Zeit zum 
Opfer. Nachdem der grösste Teil der Mönche das Kloster verlassen hatte, machte 
1534 der Bischof von Brandenburg den Versuch, durch Aufhebung desselben 
und Einziehung seiner Güter die durch die Verluste im Kursächsischen sehr 
geschmälerten Einkünfte seines Bistums wieder aufzubessern, wozu auch Kurfürst 
Joachim I. seine Zustimmung erteiJt hatte. Dessen Nachfolger Joachim n. aber 
nahm das lOoster gleich nach seinem Begierungsantritte für sich selbst in 
Beschlag und wusste diese Säkularisation trotz der Proteste des Bischofs und 
der Pröpste der übrigen Prämonstratenser- Klöster und trotz der Abmahnungen 
seines Oheims, des Kardinals Albrecht, aufrecht zu erhalten. Ein ähnlicher 
Versuch, den etwa in derselben Zeit in Bezug auf Jerichow der Havelberger 
Bischof mit Hilfe des Propstes selbst schon beinahe zur Ausführung gebracht 
hatte, wurde durch energisches Eingreifen des Kardinals Albrecht mit Inhaftierung 
des bereits ins Märkische geflüchteten Propstes ü. s. w. wieder rückgängig gemacht. 
Mit dem Übertritte Joachims II. zur evangelischen Kirche 1539 und dem 
gleichzeitig auf dem Landtage zu Calbe von dem Kardinal- gegen Bezahlung 
seiner Schulden den Ständen der Stifter Magdeburg und Halberstadt gegebenen 
Zugeständnis der Religionsfreiheit änderte sich die Lage in unserm Gebiete voll- 
ständig. Für den märkischen Teil wurde bereits 1540 durch die Kirchenordnung 
und die darauf folgende Visitation, deren Protokolle allerdings gerade für unser 
Gebiet noch nicht veröffentlicht sind, die Reformation in ihren freilich noch stark 
katholischen Kultusformen durchgeführt. Im erzstiftischen Teile ging es lang- 
samer. In Wörmlitz erklärten 1541 die Bauern, dass sie einen von dem Patron, 
dem Propste des Marienklosters in Magdeburg, für sie erwählten Pfarrer nur 
annehmen würden, wenn er nach lutherischer Lehre predigen wolle. In Burg 
wurde erst 1542 am Sonntage nach Trinitatis zuerst evangelischer Gottesdienst 
gehalten und vom Magistrat, der das Patronat der Kirchen vom Kloster U. L. Fr. 
in Magdeburg an sich gebracht hatte, mit den evangelischen Geistlichen auf 
eigne Hand eine evangelische Kirchenordnung festgesetzt Auch Hess Erzbischof 
Friedrich Kloster Jerichow nunmehr 1552 in Beschlag nehmen und nach Aus- 
sterben der letzten Mönche 1554 seine Verwaltung gänzlich mit der des Amtes 
Jerichow vereinigen. Zu einer durchgreifenden allgemeinen Kirchenvisitation und 
sich daran schliessenden Einrichtung des evangelischen Kirchenwesens im ganzen 
Erzstifte kam es aber erst im Jahre 1562. Sie erfolgte in den Monaten August 
bis November dieses Jahres für den grösstenTeil unsers Gebietes, doch sind einige 



30 Einleitung. 



Orte erst 1563 im Oktober und November, Gübs und Wahlitz sogar erst im April 
1564 an die Reihe gekommen. Die Protokolle derselben sind von Danneil, und 
zwar, so weit sie unser Gebiet betreffen, im in. Hefte 1864 veröffentlicht. So 
widerstandslos, wie nunmehr die Einführung der Reformation, erfolgte nachher 
auch die der Konkordienformel. Am 30. Januar 1578 fand ihre Unterzeichnung 
durch die gesamten Geistlichen des Erzstifts zu Wolmirstedt statt. Nur zwölf 
sogenannte „Neben bedenckers" oder „Tergiversanten" sclilossen sich davon aus, 
darunter auch die Pfarrer von Loburg und Möckem, die aber auf einem neuen 
Konvente zu Jüterbog am 25. Januar 1579 ihren Widerspruch aufgaben. Aus 
der sächsischen Superintendenz Gommem finden sicli sämtliche 10 Pfarrer unter 
den Unterzeichnern der Formel, aus der märkischen „sedes Ziegeser^' jedoch nur 
sieben. 

In politischer Beziehung hat das Jahrhundert der Reformation ausser der 
später nur durch den dreissigjährigen Krieg auf ein halbes Jahrhundert unter- 
brochenen Yerbindung des Erzstifts mit dem brandenburgischen Kurhause nichts 
für unsere Kreise besonders Bedeutungsvolles gebracht. Folge jener war die 
schon erwähnte freundwillige Ausgleichung betreffs der Landeshoheit über 
Goerzke und Grabow und später der Anschiuss von Schönhausen und Pischbeck, 
die an die von Bismark ausgetauscht waren, an die Altmark. Der schmal- 
kaldische Krieg machte sich wenigstens im südlichen Teile unsers Gebietes 
insofern bemerkbar, als von der Belagerungsarmee von Wittenberg 1547 Truopen- 
korps, unter denen Spanier und die damals zuerst in Deutschland erschienenen 
und mit Schrecken gesehenen „Hissem" = Husaren besonders genannt werden, 
weit ins Land Requisitionszüge unternahmen und übel hausten, wovon sowohl 
chronikalische Nachrichten als Grabdenkmäler, z. B. in Loburg, Kunde geben. 
Dagegen scheint die spätere Belagerung von Magdeburg sich in diesen Gegenden 
nicht fühlbar gemacht zu haben. 

Im dreissigjährigen Kriege, dessen Aktionen sich zuerst 1626 (Schlacht 
an der Dessauer Brücke) in unser Gebiet zogen, ist dasselbe teils wegen dieses 
wichtigen Eibpasses, teils wegen der Nähe des auch nach seiner Zerstörung 1631 
fortwährend umstrittenen Magdeburgs, teils wegen der wichtigen Elbe- Havel- 
Pässe Tangermünde -Rathenow und Werben- Sandau-Havelberg besonders schwer 
heimgesucht worden, namentlich auch seit das Erzstift, das seit dem Siege 
Gustav Adolfs jure belli für die Krone Schweden in Besitz genommen und 
durch Fürst Ludwig von Anhalt als Statthalter verwaltet worden war, durch 
den Prager Frieden 1635 dem sächsischen Prinzen August als Administrator 
übertragen war (während die Ämter Querfurt, Jüterbog, Burg und Dahme davon 
abgetrennt und mit Kursachsen vereinigt waren) und nunmehr von den Schweden 
als Feindesland behandelt wurde. Die Jahre 1636—1638, 1642 und 1644 auf 1645 
waren durch besonders grauenvolle Yerwüstungen in Stadt und Land aus- 
gezeichnet. Einige Specialveröffentlichungen aus Kirchenbüchern und Chroniken 
unseres Gebietes^ geben davon erschütternde Kunde. Insbesondere sind auch, 



^ Z. B. Klewitz, M., die Gemeinde Möckem während des dreissigjährigen Krieges, im 
Montagsbl. der Magdeb. Zeitung 1892 S. 218—220, 225—227. — Schütze, Th., einige gesch. 
Nachrichten über die Stadt Sandau, in Gesch. Bl. XXYUI. (1893) S. 243 tL 



Einleitung. 31 



was die Denkmälerwelt anbetrifft, damals die Kirchen, ausser den Verwüstungen 
der Gebäude selbst, ihres aus dem Mittelalter erhaltenen Inventars, selbst an 
messingenen Taufbecken, zinnernen Kelchen und bescheidenen Altar- und 
Taufstein- Decken, bis auf wenige, beinahe verschwindende Reste gänzlich 
beraubt worden. Anderwärts sind auch solche Schätze nach alter Gewohnheit, 
um sie vor dem Feinde zu retten, vergraben worden, und nicht immer hat man 
sie, wie zu Melkow noch vierzig Jahre nachher, durch Zufall wieder aufgefunden. 
Merkwürdig ist, dass, während von Herausreissen der Orgelpfeifen (schon 1626 
inMöckem) und der Verbleiungen des Fensterglases, um Musketenkugeln daraus 
zu giessen, mehrfach berichtet wird, die Glocken im Ganzen gut weggekommen 
sind. Obgleich diese wegen ihrer Verwendbarkeit zum Kanonenguss ein so 
wichtiges Beutestück waren, dass z. B. Christian IV. von Dänemark dem Obersten 
Fuchs in seiner Bestallung als Infanterie- und Artillerie -General 1625 gleich 
ausmachte: Die grosseste Kloehe in solche gesturmähe sieUhen oder festungen 
soUen Ihm fsukotnmen,^ auch über Wegnahme von Glocken im Amte Sandau 
aus Garz, Kuhlhausen, Wamau und Wulkow berichtet wird, während das 
Kirchenbuch von Dalchau es als bemerkenswert verzeichnet, dass die dortige 
Glocke durch das ganze Kriegswesen hindurch erhalten sei, so ist doch die 
Zahl der aus der Zeit vor dem Kriege noch erhaltenen und der erst zum Teil 
lange nach demselben umgegossenen Glocken in unserem Gebiet eine bemerkens- 
wert grosse. 

Durch den Westfälischen Frieden wurde die Überlassung der vorher 
genannten vier Ämter an Kursachsen ratificiert, jedoch die Anwartschaft auf das 
übrige Erzstift als weltliches Herzogtum nach dem Tode oder sonstigem Ab- 
scheiden des Administrators August sofort dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm 
von Brandenburg zugesprochen, der sich denn auch sogleich 1650 zu Salze die 
Eventualhuldigung der Stände des Stifts leisten liess und seine Garnisonen in 
die Städte legte. Gleichzeitig waren die Ämter Loburg und Zinna dem ehe- 
maligen, in seiner Gefangenschaft zur katholischen Kirche übergetretenen 
Administrator Christian Wilhelm zum Rentengenusse überlassen worden und 
verblieben nach dessen 1665 erfolgten Tode noch bis 1669 im gleichen Genüsse 
des Grossen Kurfürsten. Nach dem am 4. Juli 1680 erfolgten Tode des Admini- 
strators August wurde ungesäumt das ganze Erzstift für den Kurfürsten in Besitz 
genommen , und am 30. Mai (9. Juni) 1682 nahm derselbe auf dem Marktplatze 
zu Magdeburg die Huldigung der Stadt Magdeburg und der Städte des 
Jerichauischen Kreises persönlich entgegen. Bald darauf gelang es auch, Stadt 
und Amt Burg, welche nach dem Tode des Kurfürsten Johann Georg von 
Sachsen 1657 an die Linie Sachsen -Weissenf eis gekommen waren, von dem 
Sohne des Administrators, Johann Adolf, durch Vertrag vom 14. Juni 1687 gegen 
Zahlung von 34 252 Thalem nebst Zinsen für das Herzogtum Magdeburg zurück- 
zuerwerben; die Übergabe selbst erfolgte jedoch nach vielfachen komissarischen 
Verhandlungen erst am 19. Juli 1688. 

So waren denn, während das Amt Walter -Nienburg nach dem Aussterben 
der Grafen von Barby 1659 als sächsisches Mannlehen an Anhalt- Zerbst ge- 



' Siehe Nyrop, C, cm Danmarks Eirkeklokker etc. Kjebenhavn 1882 S. 193. 



32 Einloitaug. 



kommen war, die gesamten ostelbischen erzstif tischen Lande wieder mit dem 
Herzogtum vereint unter dem Hohenzollemschen Scepter. Dessen gesegneter 
Einfluss machte sich sofort ausser einer strammen Ordnung der zum Teil in die 
grösste Verwahrlosung und Verwirrung geratenen Verwaltung, wie solche z. B. 
in Loburg aktenmässig nachzuweisen ist, insonderheit auch in der Aufnahme 
der hugenottischen Flüchtlinge geltend, welche durch das als Antwort auf die 
Aufhebung des Ediktes von Nantes am 29. Oktober 1685 erlassene Potsdamer 
Edikt eingeladen waren. Sie Hessen sich besonders in Burg nieder, wo von 
Waidensem schon 1688 303 ankamen, dann die Hugenotten und Pfälzer 1691. 

Von den Verheerungen der Eriegszeit unter Friedrich dem Grossen 
blieben unsere Kreise ganz verschont, dagegen brachte seine Regierungszeit 
ausser der Trockenlegung der Brücher (s. oben S. 10 u. s. w.) und manchen damit 
verbundeneu und andererseits von den Fürsten von Anhalt in der Gegend von 
Milow unternommenen Kolonisationen, 1773 die Verbindung des Ziesarschen 
Kreises der Mark, welcher auch die Enklaven Grabow, Leitzkau und Lübars 
mit Hobeck umfasste, mit dem Herzogthum. Auch pflegte der König in späterer 
Zeit alljährlich in den Maitagen zu kommen, um in der Gegend zwischen Körbelitz 
und Pietzpuhl eine mehrtägige „Spezialrevue" über die Truppen der Magdeburger 
Inspektion abzuhalten, ein Brauch, der unter seinen Nachfolgern bis 1806 fest- 
gehalten wurde.^ 

Durch den Tilsiter Frieden 1807 wurden unsere Kreise, mit Ausnahme 
von Cracau, Prester und dem Herrenkruge, die 1811 wieder zum Rayon der 
Festung Magdeburg gelegt wurden, von dem zum Königreiche Westfalen 
geschlagenen Herzogtume Magdeburg abgetrennt und zum Regierungsbezirke 
Potsdam der Provinz Brandenburg gelegt, während Gommem mit Elbenau und 
Ranies von Sachsen an das Königreich Westfalen abgetreten werden musste. 
Nachdem indessen durch den Einzug der Preussen und Russen in Magdeburg 
am 24. Mai 1814 auch die letzten Reste der französischen Eroberung beseitigt, 
und durch den Wiener Frieden Gommern und das nach dem Aussterben des 
Hauses Anhalt- Zerbst 1793 auf russische Verwendung gegen Zahlung von 
4000 Thalem jährlich wieder an Anhalt-Dessau verliehene Amt Walter-Nienburg 
zu Preussen gelegt waren, wurde durch Königliche Verordnung vom 30. Aprill 815 
die am 1. April 1816 ins Leben getretene Neuordnung der neuen Provinz Sachsen 
und mit ihr die gegenwärtige Umgrenzung unserer beiden Kreise bewerk- 
stelligt [vrgl.oben S. 1]. 

3. Litteratur. 
Die Spezial- Litteratur ist teils im Vorhergehenden bereits angeführt, teils 
wird sie in der folgenden Einzelbeschreibung nachgewiesen werden ; hier handelt 
es sich um zusammenfassende Werke, welche für unsere Kreise in Betracht 
kommen. Zu vergleichen ist, obgleich vielfach lückenhaft: „Die landeskundliche 
Litteratur für Nordthüringen, den Harz und den provinzialsächsichen wie 
anhaltischen Anteil an der norddeutschen Tiefebene. Herausgegeben vom Verein 
für Erdkunde zu HaUe,'^ in dessen „Mitteilungen" 1883, S. 65—234. 



^ Yrgl. M. Dittmar, Körbelitzer Erinnerungen an Friedr. d. Qr. im Beiblatt der Magd. 
Zeitung 1894, 8. 155 f., 164—166, 174 f. 



Einleitung. 3B 



a. Topographisches. 

(Gebhard von Alvensleben), Topographia, oder General- und Spezial- 
Beschreibung des Primats und Erzstifts Magdeburg u. s, w. u. s. w.;i nur in zwei 
handschriftlichen Exemplaren vorhanden, von denen das eine von 1655 sich im 
Königl. Staats -Archiv, das andere vollständigere, 1665 abgeschlossene mit vielen 
späteren Nachträgen von des Verfassers eigner Hand in 2 durchgehend foliierten 
Foliobänden, in der Stadtbibliothek zu Magdeburg befindet. 

von Gundling, Jakob Paul, geographische Beschreibung des Herzogtums 
Magdeburg. Leipzig u. Frankfurt 1730. Klein 8**. 

Oesfeld, Carl Ludwig, Topogr. Beschreibung des Herzogtums Magdeburg 
lind der Grafschaft Mansfeld u s. w. Berlin 1780. 8^ — giebt auch in Abt. 1 
Absehn. 1 [S. 1—32] ausführlichere Mitteilungen über die älteren Landkarten und 
auch Prospekte, Aufrisse u. s. w. von Städten des Herzogtums, darunter aber 
nichts auf die Jerichowschen Kreise speziell Bezügliches. 

(Heine cc ins), Ausführliche topogr. Beschreibung des Herzogt. Magdeburg 
u. d. Graf seh. Mansfeld. Berlin 1785. 4^. 

Hermes, J. A. F. und Weigelt, M. J., Histor.-geogr.-statist-topographisches 
Handbuch vom Regierungsbezirke Magdeburg. Zwei Teile, Magdeburg 1842 und 
1844. 40. 

Berghaus, H., Landbuch der Provinz Sachsen. Halle 1856. 8®. 

Alle diese, denen in gewisser Hinsicht der 

Denkwürdige und nützliche Antiquarius des Eibstroms etc., von dem 
Nachforscher In Historischen Dingen Frankfurt 1741. Kl. 8®, mit Karten imd 
Stadtansichten 

anzureihen ist, bieten nur ausserordentlich wenig, ganz sporadisch vereinzeltes 
and meist unzuverlässiges Material für die Denkmälerbeschreibung. Dagegen ist 
von Alvensleben von grosser Wichtigkeit durch seine in Tuschzeichnung bei- 
gefügten Prospekte, von denen einige in Lichtdruck -Nachbildung der folgenden 
Darstellung haben beigegeben werden können, allerdings nur in Verkleinerungen, 
die dem Formate dieses Buches entsprechen und bei der versclüedenen Grösse 
der Originale in verschiedenem Massstabe ausgeführt sind. 

Für die im Vorstehenden und Nachfolgenden gegebenen statistischen Nach- 
weisungen und für die vielfach — auch auf den amtlichen Karten — schwankende 
Rechtschreibung der Namen ist das auf Grund amtlicher Quellen bearbeitete 

Handbuch der Provinz Sachsen. 2. Aufl. Magdeburg Bänsch 1892. 8® und 
der ebenso bearbeitete 

Pf arr-Almanach u. s. w. der Provinz Sachsen u. s. w. herausgegeben von 
F. Hilbert, 15. Auflage Magdeburg 1894/5. Kl. 8® zum Grunde gelegt worden. Neue 
Aufl. im Erscheinen begriffen. 

von Brauchitsch, Statistische Darstellung des Kreises Jerichow H. Genthin 
1866. 8® ist mir nicht zugänglich geworden. 



^ Vrgl. über dieselbe M. Dittmar, die beiden ältesten Magdebarglschen Topographen, in 
JVCtt d-YereiiiB fr. Erdkunde Halle 1893, S. 139; zugleich auf den oben S. 3 Anm.2. erwähnten 
Torquatos bezüglich. 

Dl« KreiM Jericho w . 3 



34 Einleitung. 



b. Gesohiohtliohes. 

Die unser Gebiet betreffenden Urkunden sind zum grössten Teile in den 
vielen Bänden von 

Riedel, codex diplomaticus Brandenburgensis und von Heinemann, 
codex diplomaticus Anhaltinus, auch in 

Hertel, Gustav, Urkundenbuch des Klosters ü. L. Fr. zu Magdeburg [Gesch. 
Quellen der Provinz Sachsen Bd.X] Halle 1878. 8^ 

desselben, Urkundenbuch der Stadt Magdeburg, 3 Bände [Gesch. Quellen 
U.S.W. Bd.XXVI-XXVIII] Halle 1892, 1894 und 1896. 8« und 

Holstein, H., Urkundenbuch des Klosters Berge bei Magdeburg [Gesch. 
Quellen u. s. w. Bd.IXJ Halle 1879. 8® abgedruckt; Auszüge aus den Urkunden 
bis 1305 in 

von Mülverstedt, Geo. Adalb., Regesta archiepiscopatus Magdeburgensis 
3 Bde. 1876—1886. 8^ 

Ein Urkundenbuch der beiden Praeraonstratenserklöster unsers Bezirks fehlt 
noch. Was vonLeitzkau in Riedel A. X. gebracht ist, ist nicht vollständig und 
bedarf einer Neubearbeitung. 

Von grosser Wichtigkeit ist auch Hertel, Gust., die ältesten Lehnbücher 
der Magdeburgischen Erzbischöfe [Gesch. Quellen der Prov. Sachsen Bd. XVH 
Halle 1883]. 

A1& zusammenfassende Bearbeitung kommt nur 

Jacobs, Ed., Geschichte der in der preussischen Provinz Sachsen vereinigten 
Gebiete, Gotha 1883. 8® in Betracht, woneben 

Hoffmann, Friedr. Wilh., Gesch. der Stadt Magdeburg. Neue Ausgabe. 
3 Bde. Magdeburg 1871. 8^ [in neuer Bearbeitung von Dr. G. Hertel undF.Hülsse 
Magdeburg 1888] zu vergleichen ist. Dazu 

Jacobs, Ed., Früheste Entstehung der noch bestehenden Ortschaften des 
Herzogtums Magdeburg mit Ausschluss des Saalkreises, zuerst in Danneil, Proto- 
kolle u. s. w. Heft ni S. XXIX — LXVIII, dann mit Zusätzen und Nachträgen in 
Gesch. BlVn (1872) S. 469-494 und VIII (1873) S. 17— 48 veröffentlicht. 

Für das Kirchengeschichtliche ist neben der Einleitung zu dem genannten 
Heft III der Protokolle der Kirchenvisitation von 1562—64 

von Mülverstedt, Verzeichnis der in den beiden heutigen landrätlichen 
Kreisen Jerichow früher und noch jetzt bestandenen Klöster, Kapellen, Calande, 
frommen Brüderschaften und Hospitäler, sowie der geistlichen Schutzpatrone der 
Kirchen [in Gesch. Bl. II- (1868) S. 132—140] zu benutzen, wenn auch an manchen 
Stellen zu berichtigen, und 

Winter, Franz, die Prämonstratenser des zwölften Jahrhunderts und ihre 
Bedeutung für das nordöstliche Deutschland. Berlin 1865. 8®, 

während für die Erklärung der slavischen Ortsnamen besonders Brückner, 
Alex., die slavischen Ansiedelungen ^n der Altmark und im Magdeburgischen 
[Preisschriften der Fürstl Jablonowskischen Gesellschaft zu Leipzig XXH] Leipzig 
1879. 8^ in Betracht kommt, wozu 

Oelrichs, Joh. Carol. Conr., specimen reliquiarum linguae slavonicae in 
nominibus quibusdam regionum et locorum, quae nunc a Germanis . . . possidentur. 
Berolini 1794. 8<^ und 



Einleitnüg. 35 



Bronißch, R, die deutschen Ortsnamen mit besonderer Berücksichtigung 
der ursprünglich wendischen in der Mittelmark und Niederlausitz [in Neues 
Lausitz. Magazin Bd. 46. Görlitz 1869. S^^J verglichen werden können. 

Auch aus allen diesen geschichtlichen Werken ist die Ausbeute für die 
Denkmälerbeschreibung fast gleich Null. 

o. KunBtgeeohiohlioheB. 

Beschränkt sich für unsere Kreise auf das, was in 

von Minutoli, Alex., Denkmäler mittelalterlicher Kunst in den Branden- 
burg. Marken, I Thl. 1 . u. 2. Lieferung (mehr nicht erschienen) Berlin 1836. folio, 

Wiggert, Priedr., Historische Wanderungen durch Kirchen des Reg. Bez. 
Magdeburg und anstossende Ortschaften [Neue Mitt. des Thüring. Sachs. Vereins 
U.S.W. Bd.m Heft 4 Halle 1837. S. 99-122 mit 2 Holzschnitttafeln S^\ und 

Adler, F., Mittelalterliche Backstein -Bauwerke des Preussischen Staates 
Berlin foHo, besonders Band I (1862) S. 33-34 mit Tat XXI— XXIV und in dem 
unyollendet gebliebenen Bd. H S. 9 f und 19-24 nebst Tat TiXXTX 
dargeboten ist, wozu noch 

von Quast, Ferd., zur Charakteristik des älteren Ziegelbaues in der Mark 
Brandenburg mit besonderer Rücksicht auf die Klosterkirche zu Jerichow 
[Deutsches Kunstblatt, herausgeg. von Fr. Eggers Leipzig 4« I (1850) S.22&— 231, 
233-235, 241-244 m.l TafelJ und 

Essenwein, A., Norddeutschlands Backsteinbau im Mittelalter. Karlsruhe 
(1856) folio zu vergleichen ist. 

Auf diesen Quellen, nicht auf eigenen Studien beruht alles, was danach in 
sämtlichen kunstgeschichtlichen und baugeschjchtlichen Handbüchern bis auf 
die neueste Zeit, auch in Lotz, Wilh., Kunst-Topographie Deutschlands Bd. I, 
Norddeutschland. Cassel 1862. 8^, über unsere Kreise gesagt ist, hier demnach 
nicht weiter specificiert werden braucht Nur in seiner Bearbeitung der 5. Auf- 
lage von H. Otte, Handbuch der kirchlichen Kunstarchäologie des deutschen 
Mittelalters, 2 Bde. Leipzig 1884 und 85 hat der Verfasser gegenwärtiger Arbeit 
hier und da einiges aus seinen selbständigen Studien hinzugefügt 

Dazu kommt noch, was Winter, Frz., Wanderungen über den Elbenauer 
Werder [in Gesch. Bl. X. (1875) S. 97—114] zusammengestellt hat, während des 
Verfassers gegenwärtiger Arbeit Archäologische Wanderungen durch Kirchen des 
Kreises Jerichow I in Magd. Gesch. Bl. XIV (1879) S. 1—51 über den Anfang nicht 
hinaus gekommen sind. 

Kurze Notizen über die Kirchen der Kreise finden sich im Pfarr- 
Almanach der Provinz Sachsen X [Magdeburg 1882] IL Theil Die evangelischen 
Earchen der Provinz Sachsen etc. Es kommen in Betracht die Ephorien Alten- 
plathow S. 6, Burg S. 7, Gomraern S. 15, Loburg S. 18, Sandau S. 30 und 
Ziesar S. 43. 

Endlich finden sich, allerdings rein malerisch gehalten, Ansichten in Farben- 
druck von älteren und neueren Schlössern unserer Kreise mit Beigabe einiger 
geschichtlichen Notizen in Alex. Duncker, die ländlichen Wohnsitze und 
Schlösser in Preussen. 16 Bände Qu.-Fol. Berlin 1857—1883. 



36 Einleitung. 



Für die nachfolgende Einzelbeschreibung ist noch zu bemerken, dass, um 
eintönige Wiederholungen zu yermeiden, die übereinstimmende Anlage der 
grossen Masse der einschiffigen Dorfkirchen auf ein doppeltes Schema reduciert 
und danach überall kurz bezeichnet ist: 

Schema I: das meist ziemlich quadratische Altarhaus mit gewölbter Halb- 
kreisapsis ist schmaler als das Schiff, der rechteckige Westturm ist dagegen der 
ganzen Breite desselben vorgelegt und halb so tief. 

Schema TI: unterscheidet sich nur dadurch, dass der Westturm fehlt 
und durch ein höher emporsteigendes, mit Öffnungen zur Aufnahme von 
Glocken versehenes Stück der Westmauer ersetzt ist, an welches später meist 
ein Fachwerktürmchen angelehnt worden ist 

Die angegebenen Entfernungen sind überall in der Luftlinie nach der 
Oeneralstabs-Karte gemessen und zwar, wo nicht anderes ausdiücklich angegeben 
ist, von Kirchturm zu Kirchturm, bei grösseren Orten immer von der Haupt- 
kirche also z.B. bei Burg von der Frauenkirche, bei Magdeburg aber von der 
Johanniskirche. Endlich sei bemerkt, dass bei Beschreibung der Bildwerke 
„rechts" und „links" immer im heraldisch-liturgischen Sinne gebraucht sind. 




Fig. 3. Lobnrg, Lanrentiuskirche. 
Ornament von einem Grabdenkmal. 



Die einzelnen Ortschafben des Kreises 

Jerichow I. 



J 



f^.4. Leit*k»n, Sohloss Nenhau. Omamcnt tm dem UnHiusale. 



Biederitz. 

[949 Bidrici, 995 Bitrizi, 1159 Biderice, 1378 Byderitz, 1469 Bidoriz). 

Pfarrdorf, an derEhle 6 km nordöstlich von Magdeburg gelegen, Knotenpunkt 
der BeriinvMagdeburger, Magdeburg-Zerbster und Magdeburg-Loburger Eisenbahn. 

Gehört zu den ciritates, deren Zehnt bei Stiftung des Bistums Brandenburg 
als bereits dem Moritzkioster zu Magdeburg geschenkt erwähnt wird. Der Ort 
selbst wird 995 dem Grafen Sigibert übergeben, ist jedoch im XII. Jahrhundert 
im Besitze des Erzstiffs. Die Pfarre gehörte zu den dem Magdeburger Dom- 
kapitel inkorporierten, über welche dies bereits 1269 und 1297 beurkundet wird, und 
betreffs deren Kardinal Albrecht sich 1514 reveraiert auf ihre Verleihung keinen 
Anspruch zu erheben, und zwar ist 1562 Dorf und Kirchenpatronat im Besitze des 
Amtes der Möllenvogtei, so auch bis zur Aufhebung des Domkapitels. Von einer 
nach dem Orte genannten Familie wird zuerst 1159 Wemerus de biderice orwähnt 

Die Kirche, im südlichen Teile des Dorfes östlich einer von SW nach NO 
laufenden Strasse gelegen, ist ein oblonger, nach den Verwüstungen des dreissig- 
jährigen Krieges in geputztem Bruchsteinmauerwerk errichteter Bedürfnisbau 
einfachster Art Rest des mittelalterlich-romanischen Baues ist der Unterbau des 
W.-Turmes, der sich in zwei Rundbogen gegen das Schiff öffnet. Bruchsteinbau 
mit gut behauenen Ecken. Die Glockenstube ist Fach werkbau, mit Backsteinen 
ausgekleidet und mit niedrigem Zeltdache abgedeckt Die darin befindlichen 
Glocken sind Neugüsso von W, Engeicke in Halberstadt 1852 und Gebr. 
Ulrich in Apolda 1872. 

Der vereinigte Altar-Eanzel-Aufba« ist absonderlich hässlich. Über den 
Hiüren für den Altar- Umgang stehen die bemalten Statuetten der vier 
Evangelisten, welche, wie es scheint, von einem Altarbau aus der Zeit vor dem 
dreissigjährigen Kriege herrühren. Vom älteren Bau gerettet sind auch die 
beiden über den Thüren derNordseito eingelassenen unbedeutenden ganz kleinen 
queroblongen Sandsteingrabptatten eines 1572 im Alter von acht und eines 1576 
im Alter von zehn Jahren gestorbenen Mädchens mit Sprüchen und den l^bens- 
laufnotizen, neben welchen je die Verstorbene in Miniaturiormat gegenüber dem 
Gekreuzigten kniet 

Die Burg wurde im Jahre 1238 wegen vielfältiger Belästigung und Beraubung 
durch deren Besatzung von den Magdeburgern zerstört, wobei auch zugleich das 
Dorf und die Kapelle verheert wurden. 1378 sind sie nochmals verbrannt und 
die Bni^ seitdem, wie es scheint, nicht wieder aufgebaut Ihre Stelle an der 
Ehie ist nach Winter [Gesch. Bl. 1873 S. lOl noch bekannt 



40 Kreis Jerichow I. 



Boecke. 

[1420 Bücke, 1500 Boke, 1152 Boegke.] 

Pfarrdorf, 9 km ostnordöstlich von Ziesar, ehemals Ziesarsches Aratsdorf, im 
XVI. und XVn. Jahrhundert zum Teil den von Bardeleben zum Lehen gegeben. 

Die Kirche, fiskalischen Patronats, am S.-Ende des Dorfes, w. der NS- 
Dorfstrasse gelegen, ist ein einschiffiger romanischer Feldsteinbau, das Schiff 
4 Fenster lang, das einspringende Altarhaus mit 2 Fenstern jederseits und die 
nicht einspringende Apsis mit 3 Fenstern sind bedeutend niedriger. Der von 
Schema I abweichend quadratische Westturm mit NS- Satteldach ist bei einer 
neuzeitlichen Eestauration durch Werner verändert, indem ein Sandsteinportal 
eingesetzt ist und die Schallöffnungeji in Dreifenster-Gruppen mit je zwei Teilungs- 
säulen umgewandelt sind. Die beiden Olocken sind Bochumer Erzeugnisse. 

Von der alten Ausstattung ist nur der einfache achteckige Tauf^tein aus 
Sandstein erhalten. Das sehr hohe Becken misst übereck 0,86 m, die mehr als 
halbkugelig tiefe Höhlung 0,66 m im Durchmesser. Ein dazu gehöriger und 
sonst kaimi vorkommender, kupferner Kessel, welcher die ganze Höhlung völlig 
ausfüllt, befindet sich jetzt im Pfarrhause. 

Brietzke. 

[1306 Brizeke, 1562 Britzke, im Volksmunde auch Brietsche und Breitsch.] 

Kirchdorf mit Rittergut, 5 km westsüdwestlich von Loburg, ehedem erz- 
stiftisches, später königliches Domänen vorwerk, im XVHI. Jahrhundert Sitz des 
Königlichen Domänenamtes Loburg, 1831 durch Vererbpachtung in den Besitz 
der von Barby zu Loburg übergegangen, 1457 besass das Kloster Lehnin zwei 
Hufen im Orte, der 1562 nach Zeppemick eingepfarrt war, 1812 aber Filial zu 
Dalchau geworden ist. 

Die Kirche, fiskalischen Patronats, östlich vom Gute und von der SN- 
Dorfstrasse gelegen, ist ein einfaches Rechteck in Putzbau, 3 (Stichbogen-) 
Fenster lang, in der geraden Ostwand deren eins. Ob ein älterer Kern darin 
steckt, lässt sich nicht feststellen. Die gegenwärtige Erscheinung rührt aus dem 
Anfange des XVIIL Jahrhunderts her. Im Innern ist die flache Stuckdecke mit 
einfachem Rahmenwerk wie im benachbarten Calitz gegliedert, jedoch sind in 
ein ovales Mittelraedaillon der preussische Adler mit dem Namenszuge Friedr. 
Wilhelms I. und in vier kreisrunde Eckmedaillons musizierende Engel gemalt. 

Die Brüstungen des spärlichen Gestühls im Schiff und der Westempore sind 
mit gefälligen Blumenstücken im Stile der Herstellungszeit der Kirche bemalt. 
Diejenige der Empore an der Nordseite, welche den Gutsstuhl enthält, ist durch 
senkrechte, schmale geschnitzte Fruchtgehänge in 6 Felder geteilt, auf welche in 
Kartuschen auf blauem Grunde graue Fruchtstüche und einmal der Namenszug 
des Königs in Gold gemalt sind. 

Ähnliche Dekoration findet sich am Polygon der auf dünner gedrehter Säule 
an die Südwand gelehnten Kanzel ohne Schalldeckel, während der Altar- 
aufbau ein schlechtes halbverloschenes Gemälde der Einsetzung des h. Abend- 
mahls zwischen Pilaster einschliesst, welche mit einem eigentümlichen, fast 
romanisch aussehenden, in fast ganz durchbrochenem Relief gearbeiteten 



Boecke. Brietzke. Bnckau. 41 



Bankenwerk bedeckt und von durchbrochenen Flügelstücken mit Fruchtgehängen 
begleitet sind. 

Der Tauf stein, wie es scheint aus geputztem Backstein hergestellt, ist 
eigentümlicherweise als ein mit Sockel und Decksims versehener halber Gylinder 
von 1,15 m Durchmesser in die Südwand hineingemauert. 

Zwischen ihm und der Kanzel steht das sandsteineme Wandepitaph des 
Amtsrats Johann Christian Dallaeus f 1745. Über einem Unterbau mit der 
langen Orabschrift stehen zu den Seiten eines. Sarkophags zwei weibliche 
allegorische Figuren, links mit einem Lamme im Arm, rechts mit einem Stab in 
der herabhängenden Rechten. Darüber das von zwei Engeln gehaltene, auf eine 
Kupferplatte in ovalem Lorbeerkranz-Bahmen leidlich gemalte Brustbild des Ver- 
storbenen, hinter welchem sich ein mit dem Wappen desselben behängter, oben 
in eine Kammmuschel auslaufender Obelisk erhebt. Leidliche Handwerksarbeit 

In dem auf dem Westgiebel sich erhebenden Dachreiter mit Schweifliaube 
hängt eine von Peter Becker in Halle 1723 gegossene Glocke von 0,56 
Durchmesser. 

Buckau. 

[966 Bucounici, 966 Buchhoe, 1217 Buckowe, 1234 Buchowe, 1459 Bukov, 
1500 Buckaw, 1552 Bugkow.] 

Pfarrdorf an der Buckau, 5*/2 km südlich von Ziesar. 

Gehört zu den tirbes, deren Honigzehnt 965 von Otto L dem Moritzkloster 
zu Magdeburg gewidmet wurde. 966 wurde auf Bitte des Markgrafen Gero die ganze 
civiias dahin geschenkt. Der wegen der Entfernung wohl nie für das Erzstift 
recht sichere Besitz wurde im Zinnaer Vertrage an Brandenburg überlassen und 
war nachher ein Ziesarsches Amtsdorf, in welchem im XVL Jahrhundert die von 
Bardeleben mit allerhand Hebungen belehnt waren. 

Die Kirche, fiskalischen Patronats, in der Mitte des Dorfes, östlich der NS- 
Dorfstrasse im geräumigen ehemaligen Kirchhofe gelegen, ist ein langgestreckter 
einschiffiger romanischer Feldsteinbau nach Schema I. Das Schiff von 5 Fenstern 
Länge hat 8,50 m, das 2 Fenster lange Altarhaus 6 m\ der Triumphbogen aber, 
sowie der Bogen der Apsis (mit 3 Fenstern) 4,50 m lichter Weite. Auch hier 
hat eine Restauration durch Werner mancherlei Zuthaten dem ursprünglichen 
Bau hinzugefügt, so die Sandstein-Ecksäulen im Apsisbogen, die einfach recht- 
eckigen Kämpfer des Triumphbogens im Innern, das Kranzgesims aus Backstein 
aussen und den Portalbau mit romanischen Backsteingliederungen am Westturme. 

Von der alten Ausstattung ist in der Kirche nui* ein an der Wand über der 
Sakristeithür befestigtes kleines bemaltes und vergoldetes Holzkruzifix mit 
halbkreisförmigen Ausladungen an der Ober- und Unterseite der Enden des 
Querarmes erhalten, wohl ein ehemaliges Vortragekreuz. 

Auf der Orgelempore befindet sich, sehr vernachlässigt, aber doch der Auf- 
bewahrung wert, ein grösserer spätgotischer Flügel-Altaraufsatz. In der 
Mitte des Schreins eine vertiefte Nische mit der stehenden Gottesmutter in ^/^ 
Lebensgrösse unter hübschem Baldachine, aber mit blödem Gesichtsausdruck. 
Daneben unter kleineren Baldachinen jederseiis zwei gekrönte weibliche Heilige 
übereinander, r. Katharina über Hedwig, L Dorothea über Barbara. Die Innen- 



42 Kreis Jerichow I. 



selten der Flügel enthalten Gemälde auf, jetzt weiss überstrichenem, Goldgrund. 
Es sind die 12 Apostel, zu je zwei in drei Reihen untereinander, r. oben Petrus 
und Paulus nebeneinander — ziemlich grobe Handwerksarbeit, ähnlich der am 
Flügelaltare des Nicolaus Coci von 1465 im Dome zu Brandenburg [vrgl. 
R. Bergan, Prov. Brandenburg S. 205 b) 1]. Die Aussenseiten der Flügel sind 
mit Marmorierung in Ölfarbe überschmiert, der linke scheint eine Schmerzens- 
mutter mit edlem Faltenwurf enthalten zu* haben. 

Auf dem Kirchboden liegt noch der Rest eines zweiten Altarschreins mit der 
0,75 m hohen stehenden Gottesmutter, das Kind mit einem Apfel. 

Im Turm hängen 2 Glocken. Die grössere von 0,96 unterem Durchmesser 
hat oben am Halse einen Blatt-Fries mit nach oben stehenden Eicheln. Darunter 
zwei Zeilen Inschrift 1. mit einem Maskaron als Trennungszeichen: VOX EGO 
CAMPANA NVNQVAM DENVNCIO VANA. LAVDO DEVM VERVM PLEBEM 
VOCO CONGREGO CLERVM 2. ohne Trennungszeichen: ANNO CHRISTI 1591 
MADT MICH lOCHIM lENDERICH ZV HAVELBERG GEGOSSEN SPES MEA 
CHRISTVS. Darunter ein Fries, der abwechselnd aus zwei eine Krone über 
einer Blumenvase haltenden Engeln und zwei gegeneinander springenden Ein- 
hörnern, die aus Arabesken hervorwachsen, zusammengesetzt ist. 

An der kleineren von 0,72 unterem Durchmesser ist die Krone abgebrochen 
und durch eine Eisenkonstruktion ersetzt Sie trägt oben zwischen Bindfaden- 
schnüren die durch Einritzen einfacher Umrisse in den Mantel der Form her- 
gestellte Majuskelumschrift 

+ LVaV3 (sie!) • MäRQVJS • MÄTBV^ © lOhalö^ 

über die Geschichte der Baulichkeiten der Burg fehlt es an jeder Nachricht. 
Die letzten Resto der (Feldstein-) Baumaterialien sind in neuester Zeit zum Bau 
der Chaussee Görzke-Ziesar ausgegraben worden. Jetzt stellt sich der nord- 
östlich vom Orte jenseits der Buckau gelegene Burgwall nur noch als eine 
niedrige kreisrunde Erhöhung von etwa 150 m Durchmesser inmitten der 
sumpfigen Niederung, mit einem Getreidefelde bedeckt, dar. 

Bücknitz. 

[1420 Buckeuitz, 1552 Bugkenitz.] 

Kirchdorf an der Buckau, 3^3 km nordöstlich von Ziesar, ehemals Ziesarsches 
Amtsdorf. 

Die Kirche, fiskalischen Patronats (die Pfarre ist mit dem Diakonat zu 
Ziesar verbunden), in der Mitte des Dorfes, nördlich von der WO-Dorfstrasse 
gelegen, ist ein im Jahre 1887 restaurierter und dabei mehrfach veränderter ein- 
schiffiger romanischer Feldsteinbau nach Schema II, vor den ein stilloser West- 
turm mit geschw^eiftem, in eine steile Spitze auslaufendem Zeltdache gestellt ist, durch 
welchen jetzt der Eingang zur Kirche führt. Die Apsis mit 5 Fenstern ist sehr 
lang gereckt, eigentlich das mit der Apsis in eins zusammengezogene Altarhaus. 
Der Triumphbogen ist bei der Restauration mit zwei Rundstäben in den Ecken 
ausgesetzt. 

Der barocke Altaraufbau besteht, jetzt in Weiss mit Gold staffiert, aus 
zwei gewundenen korinthischen Säulen, welche über einem rankengeschmückten 



BüefaiitE. Bflden. 43 

AichitrsT einen Giebel tragen and ein sehr häseliclies oblonges Ölbild der 
KreuzigUDgsgruppe in Tei^oldetem^ mit flachreliefierten Barockblättem belegtem 
Rahmen einschliessen. Auf dem Altare stehen 4 kleine Messingleachter in 
zwei verschiedenen Formen aus der Barockzeit des Altaraufbaus, jedoch ohne 
Widmungsinschriften. Davor hängt ein kleiner secbsarmiger Eiigelleuchter 
von Messing, oben mit dem Doppeladler, die Anne laufen in bärtige Tartaren- 
köpfe ans. 

Von der mittelalterlichen Ausstattung ist noch erbalten ein über der Kanzel 
an der Wand befestigtes kleines gotisches Holzkruzifix mit Ausladungen an 
den Enden des Querarmea wie in Buckau. 

Das wertvollste Stück aber ist der romanische Taufstein aus Sandstein 
(Fig. 5) oder vielmehr dessen auf 
einem rohen achteckigen Fusse 
aus späterer Zeit befestigtes 
Becken in Form eines ausge- 
höhlten Würfelkapitäls von üJO m 
Seitenlange und Op2 m Höhe, 
dessen Seitenflächen gänzlich mit 
tiefausgegrabeneiD rohen roma- 
nischen Rankengeflecbt überzogen 
sind. An den Ecken hocken breit- 
beinig vier Löwen in seltsam 
verrenkter Stellung, sodass sie 
unten dem Beschauerihre Bücken- 
seite, an der sich der Schwanz 
unter dem linken Schenkel herum 

nach rechts über den Rücken legt, Fig.s. BSokaiti. TBuhtein. 

oben aber ihre Torderseite mit 
langen bartartigen Mähnen und 

emporgereckten Ohren der sonst ganz menschenähnlichen Gesichter zeigen. Ihre 
Vordertatzen strecken sie durch das Laubwerk hindurch nach oben zum Tragen 
der Platte, oberhalb welcher der Sims des Beckens noch mit Platte und 
Plättehen über einem teuförmig gedrehten Bundstabe gegliedert ist 

Die Glocken sind modern. 

Buden. 

[992 Budim, 1420 und 1562 Buden.] 

Kirchdorf an der Magdeburg- Loburger Eisenbahn, 13'/g km östlich von 
Magdeburg. 

Das Dorf wurde 992 dem Kloster Memleben geschenkt, gehörte aber später 
dem Domkapitel zu Magdeburg und zwar dem Obedientiarius desselben. 

Die Kirche, FUial zn Nedlitz (das Patronat gehörte früher dem Kloster 
Leitzkau, jetzt den von Münchbausen auf Neuhaus-Leitzkau), ist ein einschiffiger 
kreuzförmiger Neubau von 1879. Erhalten ist vom alten Bau nur der breite 
"Westturm von Bruchstein mit steilem Walmdache und drei resp. zwei, in Back- 
stein spitzbogig geschlossenen Schallöffnungen der Glockenstube. 



44 Kreis Jerichow I. 



Von den beiden Glocken ist die grössere von 0,78 m unterem Durchmesser 
ein ziemlich unreiner Guss von Friedrich Brackenhoff in Halberstadt 1784, die 
kleinere von 0,45 m Durchmesser trägt am Halse zwischen zwei Reifenpaaren 
nur den Spruch : SOLI DEO QLORIA . AO 1654, darunter einen kleinen Reif von 
Lorbeerblättern, wie sie später Martin Heintze liebte, aber ungeschickter. 

Beim Küster befindet sich ein silbervergoldeter Kelch, gestiftet laut Inschrift 
und Wappen am Fusse von dem Senior, Thesaurarius und Archidiakonus 
Erasmus Diedrich von Bennigsen, leider ohne Jahreszahl. Er bewegt sich in 
der nach dem dreissigjährigen Kriege noch so häufigen verkommenen Beminiscenz 
an die gotische Form; an den 6 Stirnflächen des Zapfenknaufes ausser einer 
Rosette auch die Buchstaben lESVS und auf dem Fusse ein kleines Kruzifix als 
signaculum. Nach dem Visitationsprotokoll von 1562 haben ,,die von Magdeburg 
a. 47 aus dieser Kirchen weckgenommen 1 silbern vorgulte Monstrantz vber 
100 fl wirdig; 1 silbern vorgulten Kelch; 1 silbern vorgulte pacem 1 silbern 
rorlein kost 4 fl/' Die Monstranz muss danach eine ziemlich beträchtliche 
gewesen sein, das Kelchröhrchen ist wegen seiner Seltenheit bemerkenswert 

Burg-^ 

[So 949 und 965 geschrieben, sonst das ganze Mittelalter hindurch abwechselnd 
Durch z.B. 1176 und Borch z.B. 1224.] 

Kreisstadt an der Ihle und der Berlin -Magdeburger Eisenbahn mit 
17 573 Einwohnern. 

über die Frage, ob in Burg das Kastell zu suchen ist, welches 806 
auf Befehl Karls d. Gr. diesseits der Elbe angelegt wurde, siehe oben S. 13 f. 
Urkundlich erscheint Burg zuerst als civUas, deren Zehnt dem Moritzkloster zu 
Magdeburg bereits verliehen war, 949 bei Stiftung des Bistums Brandenburg und 
965, wo auch der Honigzehnt daselbst dem Morizstift verliehen wird. Von 
einer daselbst befindlichen landesherrlichen Burg findet sich kein urkundliches 
Zeugnis, nur der Name des im Norden der Stadt gelegenen „Burgberges,'^ später 
auch Weinberg genannt, das Vorhandensein einiger unterhalb desselben gelegenen 
„Burglehen" und die zuerst 1144 urkundlich auftretende, noch heute vorhandene, 
nach dem Orte sich de Bwrg oder von Borch, auch latinisiert 1215 und öfter de 
Gastro nennende Familie ,2 endlich der Name des „Freiheitsthores," welcher eine 
Burgfreiheit, zu welcher es hinausführte, voraussetzt, weisen auf die Existenz 
einer solchen hin, die jedoch niemals eine bedeutende Rolle gespielt haben kann. 

Wann und wie aus dem Burgflecken durch Vereinigung mit umliegenden 
Dorffeldmarken, deren auch später noch eine ganze Anzahl dem Stadtgebiete 



* Litteratur: Schmidt, Martin, Versuch einer richtigen Historie der Stadt Burg u. 8. w. 
1. Buch 1747. — Fritz, Gustav, Chronik von Burg. Burg 1851. 4<> mit 40 Abb. in Holz- 
schnitt. — Helmuth, Arnold, aus alten Tagen der Stadt Burg. Burg 1870, 8®. —Wolter, 
F. A., Mitteilungen aus der Oeschichte der Stadt Burg. Burg 1881. 8^ Mit einer lithogr. 
Ansicht der Stadt aus d. Jahre 1680 nach einer im Magistratsarchiv daselbst befindlichen 
Zeichnung und einem Plane der Stadt von 1685 nach einer ebendaselbst befindlichen Gemeinde- 
karte. — Eine Ansicht der Stadt, gez. und lithogr. von Frank in Qu.-Folio, ist 1849 in 
Brandenburg erschienen. 

' Vrgl. von Borch, Leop., Begesten der Herren von Borch im Erzbistum Magdeburg. 



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46 Kreis Jerichow I. 



angeschlossen worden ist,^ die Stadt Burg entstand, lässt sich nicht nachweisen. 
Wo sie aber in Urkunden wieder auftaucht, erscheint sie sogleich als ein hervor- 
ragender Handels- und Industrieplatz. Bereits 1176 überliess Erzbischof Wich- 
mann den Burger Kaufleuten ein Kaufhaus am Markte zu Magdeburg, das damals 
dem Kloster Berge gehörte und im Besitze der Stadt Burg blieb, bis es von ihr, 
nachdem es in der Zerstörung Magdeburgs mit verbrannt war, 1696 an die 
Kirchenvorsteher der St. Johanniskirche verkauft wurde, welche an seiner Stelle 
das Predigerhaus der Kirche errichteten. 1179 schenkte derselbe Erzbischof den 
Burgensern 20 Budenstände in Magdeburg zur Benutzung während der Messzeit 
Es hat alle Wahrscheinlichkeit für sich, dass namentlich die bis in die 
neuste Zeit blühende Tuchmacherindustrie bereits durch niederländische 
Kolonisten, welche derselbe Erzbischof hierher gezogen hatte, eingeführt 
worden ist, wenn auch ein Privileg einer Tuchmacher-Innung erst von Erzbischof 
Burchard IL am 11. Juli 1299 ausgestellt vorliegt.* Bereits gegen Ende des 
Xn. Jahrhunderts muss die Stadt im Wesentlichen ihre jetzige Ausdehnung 
gehabt haben — s. oben S. 25 — und 1268 hören wir von einem Kaufhause 
auf dem Neuen Markte, das damals durch Feuersbrunst zerstört war. Schon 
1136 ist Burg Sitz eines Erzpriesters Walo und bald danach im Besitze eines 
eigenen Landrechts ,3 das schon 1159 nach Pechau übertragen und 1185 von 
den Kolonen des Dorfes Lubanitz im Stifte Meissen (bei Bitterfeld a. Mulde) 
angenommen wurde. Von der fortdauernden Gunst der Erzbischöfe für die 
Entwickelung der Stadt zeugt das Privilegium des Erzbischofs Burchard 11. vom 
18. Juli 1301, wonach alle Ritter, Edelfrauen, Priester und Diener, welche in der 
Stadt wohnen wollten, daselbst das Bürgerrecht erwerben und nach „Stadtrecht^' 
leben sollten. In der Folgezeit teilte die Stadt die Schicksale der ostelbischen 
erzstiftischen Lande, durch ihre günstige Lage und grössere Bedeutung vor vielen 
Verwüstungen der wilden Kriegszeiten geschützt, selbst noch im dreissigjährigen 
Kriege — so bewahrt z.B. das Archiv der Marienkirche noch einen am 21. Januar 
1631 ausgestellten Schutzbrief Pappenheims für die dortigen Kirchen und Schulen 
und deren Diener. Über die besonderen Schicksale der Stadt infolge des Prager 
und des Westfälischen Friedens siehe oben S. 30 f. Nach der Wieder- 
vereinigung mit dem Herzogtume Magdeburg wurde ihre Industrie neuerdings 
gehoben durch den Zuzug französischer und anderer Kolonisten,* deren erste 
1688 eintrafen und eine französisch -reformierte Gemeinde bildeten; aber auch 
noch 1770 wurde eine grössere Anzahl von süddeutschen Familien angesiedelt. Die 
Folgezeit der Stadtgeschichte bietet nichts für den Gegenstand der vorliegenden 
Arbeit besonders Erwähnenswertes. Grosse Brände, welche den baulichen 
Bestand der Stadt bedeutend verändert haben, sind ausser dem schon erwähnten 
von 1268 besonders in den Jahren 1626 (Beschiessung durch die Kaiserlichen 



^ Deren ausführliche NachweisuDg bei Wolter a. a. O. S. 82 ff. 

* Siehe oben S. 21 und L. Goetze a. a. O. — von Mülverstedt, in Gesch. Bl. 
VI S. 516. 

" Veröfifentlicht von von Mülverstedt in den N. Mitt. d. Thür.-Sächs. Vereins u. s. w. 
IX, S. 159 ff. 

* Vrgl. L. Goetze, die französischen und Pfälzer Kolonien in Burg, in Gesch. Bl. IX 
(1874), S. 74 ff. 



Burg. 47 

unter Schlick), 1677 (wo 234 der besten Häuser, darunter das Oildefaaus und die 
Ratsweinschenke, abbrannten) und 1691 vorgekommen. Von 1820 bis 1830 sind 
nicht weniger als 64 Einzelbrände verzeichnet, 1833 zwei grössere. 

Eine Kirche muss schon 949 bei der Barg bestanden haben, da hier der 
Abt des Moritzklosters jährlich zur Zeit der Predigt und Firmelung dem Bischöfe 
von Brandenburg Dienste thun sollte — s. oben S. 15. — Das wird schon da- 
mals die Frauenkirche gewesen sein, da 1186 das Filial Verhältnis der Nikolai- 
kirche zu dieser (s. oben S. 18) als ein längst bestandenes erscheint. Die Haupt- 
pfarre der Stadt war — es fehlt an jeder Nachricht, seit wann ? — der Pfründe des 
Thesaurarius im Domkapitel zu Magdeburg inkorporiert, ging aber 1308 in den 
Besitz des Marienklosters daselbst über, in welchem sie bis zur Einführung der 
Reformation verblieb. Diese erfolgte im Jahre 1542 durch Anstellung evan- 
gelischer Geistlicher und Aufstellung einer Art von Kirchenordnung durch den 
Rat, dem endlich auch 1588 das Patronatsrecht vom Kloster förmlich abgetreten 
wurde. Eine reformierte Gemeinde konstituierte sich infolge der Einwanderung 
der Refugi6s 1691 imd zwar eine französische und eine deutsche, die erst im 
Jahre 1811 völlig vereinigt wurden. Eine katholische Gemeinde hat sich erst 
1815 förmlich gebildet und seit 1839 in dem Grundstücke Berliner Strasse Nr. 38 
angesiedelt 

Die ehemals ummauerte Stadtanlage bildet ein nicht ganz regelmässiges, 
ziemlich genau orientiertes, aber etwas nach NO übergeneigtes und an der 
NW-Ecke etwas abgerundetes Viereck, in welches die Ihle nördlich vom ersten 
südlichen Drittel der Ostseite eintritt, sogleich einen grösseren Teich bildet, sich 
dann in zwei Arme teilt, die sich aber vor ihrem Austritt nahe der Westecke 
der Nordseite wieder vereinigen, und so vom Stadtplan ein nordöstliches Dreieck 
abschneidet , das von der Ihle ziemlich rasch nach NO ansteie:t und an der 
Nordseite ganz steil in das davor liegende Gelände, den „Hagen'' abfällt. Die 
grössere südwestliche Hälfte senkt sich langsamer von der südlichen Höhe, vor 
der die Gegend mit Windmühlen wie besät ist, zur Ihle herab. 

Von der alten Ummauerung mit ihren Thoren und Mauertürmen giebt der 
Stadtplan von 1685 und von Alvenslebens vom Westen aufgenommener Prospekt 
(siehe Figur 6) ausreichende und durch den heutigen Bestand als zuverlässig 
erwiesene Anschauung, während die von SO genommene Ansicht von 1680 
bei Wolter oberflächlicher und willkürlicher ist. Gegenwärtig sind von der 
früher zinnengekrönten Stadtmauer nur noch einige Reste, teils Feldstein- teils 
Ziegelbau, erhalten, namentlich auf der Ostseite, aber sehr erniedrigt und ohne 
alle charakteristischen Merkmale, namentlich ist von Anbringung etwaiger 
Wehrgänge nichts mehr zu sehen. Von den alten Thor- und Mauertürmen 
sind noch drei vorhanden. 1) Auf der Ostseite nördlich das Berliner Thor, 
früher das Brandenburger genannt, [Ans. bei Fritz S. 9; hier Fig. 7], ein jetzt 
nur noch als Ruine vorhandener, so auch schon auf der Ansicht von 1680 er- 
scheinender, aber bei von Alvensleben noch mit Kegeldach bedeckter Cylinder 
von massiger Höhe, aus Feldstein, jedoch mit beträchtlichen späteren Ergänzungen 
in Backstein, welche zum Teil eine Rautenmusterung mit schwarz glasierten 
Ziegeln, auch oben gotische Profilierungen der Spitz- und Stichbogen-Fenster 
aufweisen. Das Ganze krönt ein sehr einfacher Zinnenkranz. 2) Auf der Nord- 



48 Kreis Jericliow I. 

Seite (istlich der (|aa(lratisc)ie des an der Ecke der ^FroUieit"' und der die nörd- 
liclie Stadtmauer entlanglaufenden „Nordstrasse" gelegenen frei hei tthores 



Fig. 7. B.urg. Berliner Thor. 

früher im Volksmunde das ..Kuhthor" genannt, jetzt mit einem Backsteingesims 
unter einem Satteldache abgeschlossen (auf der Ansicht von 1680 dachlos) und 
in drastischem "Widerspruch zu seinem Namen als Gefängnis dienend. Die 
deutlich sichtbare frühere spitzbogige Durchfahrt ist vermauert. 3) Ebenfalls 
auf der Nordseite, da, wo die dem Bathaus gegenüber nach Norden laufende 



Burg. 49 

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,,Tarm8trasse^' auf die ^^ordstrasse^ stösst, ziemlich auf der höchsten Stelle der 
Stadt gelegen, ein kleiner cylindrischer Mauerturm jetzt mit Eegeldach, bei 
von Alvensleben nur ein dachloser Stumpf. — Erst im Jahre 1895 wurde wegen 
des Baues der Burg-Ziesarschen Kleinbahn das im östlichen Teile der Südseite 
gelegene Zerbster Thor, das weder bei von Alvensleben noch auch auf der 
Ansicht von 1680 erkennbar, aber bei Fritz S. 105 abgebildet ist, abgebrochen. 
Sein Turm war, wie die übrigen, ursprünglich aus Feldstein mit vielfältigem 
späteren Backsteinflickwerk errichtet und diente zuletzt als Privat- Oartensalon, 
ein roher quadratischer Bau mit niedrigem Zeltdache, an welchem westlich nach 
der Stadtseite in halber Höhe 2 grosse Sandsteinkonsole für einen ehe- 
maligen Balkon vorkragten. Yon sonstigen ehemaligen Türmen erkennt man 
auf dem genannten Prospekte weiter auf der Nordseite den ehemaligen Turm 
der „Wache auf dem Weinberge," schlank viereckig mit vier Volntengiebeln, 
zwischen denen sich eine offene Laterne mit welscher Haube erhebt Ausserdem 
waren an Thoren verbanden: nördlich an der Westecke dicht beim Austritt der 
Ihle das Neue Thor (bei von'Alvensleben : Brandenburger), dessen abgebrochener 
Turm bei von Alvensleben bei A erscheint; in der Mitte der Westseite das 
Schartauer Thor (bei von Alvensleben F ohne Turm) und an ihrem südlichen 
Ende das Magdeburger, das auch auf der Ansicht 1680 westlich von der 
Nikolaikirche erscheint, bei von Alvensleben mit flachgedecktem, viereckigem 
Zinnenturm und ebenfalls viereckigem Vorthor-Turme. Ausserdem erscheint bei 
von Alv. unter H noch nördlich von der Nikolaikirche die Wache gegen dem 
Keuthof e (auf dem Plane von 1685,, Kaiterling'* genannt), ein viereckiger Turm 
mit vier Yolutengiebeln und grossen Fenstern in den beiden sichtbaren Ge- 
schossen, und unter I der Wachtturm hinter St Nikolai, d. h. südwestlich 
von St Nikolai gelegen, ein Bundturm mit hohem Kegeldach, das auch auf der 
Ansicht von 1680 vorhanden ist, der Turm aber hier viereckig. Ausserdem be- 
merkt man bei von Alvensleben noch zwei andere viereckige Mauertürme oder 
Weichhäuser zwischen dem Magdeburger und Schartauer Thor. 

Unter den Strasse nzügen der Stadt markiert sich der im östlichen Teile 
in etwas unregelmässiger Linie von S nach N gehende: die Zerbster Strasse, 
welche sich vom Zerbster Thore zum Fischmarkt herabsenkt, von diesem mit 
einer Wendung etwas nach Osten sich als Breiter Weg nach Überschreitung der 
Ihle die Höhe hinaufzieht, wo derselbe auf die vom Berliner Thor oberhalb der 
Marienkirche nach W ziehende Berliner Strasse stösst Von der Zerbster Strasse 
gehen drei Strassen nach Westen: die Oberstrasse, die mit ihrem westlichen 
Ende die Südseite des Nikolaikirchhofes bildet und zum ehemaligen Magdeburger 
Thore führt; weiter nördlich die Brüderstrasse, welche den Neuen Markt, jetzt 
Paradeplatz, südlich begrenzend sich weiter westlich in dem „Kaiterling" fort- 
setzt; endlich vom Fischmarkte aus die Schartauer Strasse, welche an dem kleinen 
Magdalenen-Platze vorbei zum ehemaligen Schartauer Thore und jetzt nach dem 
Bahnhofe hinaus führt Diese drei werden etwa in der Mitte durch einen 
Strassenzug gekreuzt, der ganz im Süden die Kurze Oberstrasse heisst, dann als 
Böttchergasse auf die Schartauer Strasse stösst, und über diese hinweg bis zum 
Neuen Thore hin Franzosenstrasse heisst, nördlich von der Petrikirche aber von 
der im Westen Grünstrasse, im Osten, weil die beiden Ihlearme überbrückend. 

Die Krebe Jerlehow. 4 



50 



Kreis Jerichow I. 



Brückenstrasse genannten und auf den Weinberg stossenden Strasse gekreuzt 
wird. — Sehr merkwürdig sind die die Stadt durchziehenden unterirdischen 
gemauerten Oänge, von denen Fritz a.a.O. S. 22 ein phantastisches System 
darstellt und fabelhafte Qeschichten erzählt, von denen aber auch in neuester Zeit 
wiederholentlich, so noch 1893,^ Teile aufgefunden worden sind. Zu Eanalisations- 
zwecken haben sie gewiss nicht gedient; eher zu fortifikatorischen. 

Das bedeutendste Gebäude der Stadt ist die Kirche St Mariae (ü. L. 
Frauen, auch Oberkirche genannt),* ursprünglich eine romanische Feldsteinbasilika 
mit Nebenapsiden am Schlüsse der Seitenschiffe, vorgestrecktem Altarhause und 
zweitürmiger Westfront, später in eine gotische dreischiffige Hallenkirche mit ein- 
schiffigem 2 + Vs Chor unter Verwendung von Sandsteinquadern und Gommemschen 
Bruchsteinen umgewandelt (Orundriss s. Fig. 8.) Urkundlich und inschriftlich 



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Fig. 8. Burg. Oberkirche (Grundriss). 



Überlieferte Data zur Baugeschichte: 1186 erste namentliche Erwähnung. 1268 
Beschädigung durch den grossen Brand der Stadt 1289 Umbau der Türme. 
1356 Anfang des Umbaus des Chors. 1359 Weihung des Hauptaltars durch 
Bischof Dietrich von Brandenburg. 1415 Anfang des Umbaues des Langhauses. 
1455 Beendigung desselben. 1539 Erneuerung der nördlichen Turmspitze durch 
die Zimmermeister Tue und Andreas Kalue gebruder bargere alhie bcu Barch 
aas Parchowe burtigk,^ 1540 Zerstörung derselben durch Blitzschlag. 1567 
Errichtung des Ostgiebels des Langhauses. 1585 Erneuerung des südlichen 
Turmes. 1586 Errichtung der Hausmannswohnung auf dem nördlichen. 1592 



* Vrgl.-den Bericht in der Magdeburgischen Zeitung 1893, 20. August Nr. 420. 

« Teller, G., die Kirche U.L.Frauen in Burg. Denkflchrift. Burg 1877 (darin S. 25 bis 
29: Eli 8, Einige Bemerkungen über Alter und Entwickelung der Earche z. U. L. Fr. in 

Burg). e — , die Marienkirche in Burg; im Beibl. der Magdeb. Zeitung 1876 Nr. 51 

S. 404 f. — Ansicht der K. von S. bei Fritz S. 17. 

• Vrgl. Gesch. Bl. III (1868) S. 880. 



Burg. 51 

Einfügung der flachen Decke des Chors. 1876—77 durchgreifende Restauration 
nach Plan des Bauinspektors Weber durch den Baumeister Elis.^ 

Masse in Rh. Füssen [nach — e — in ßeibl. der Magd. Z.] : Breite der West- 
fagade 70, Länge des Mittelschiffs 105, Breite desselben 29, Breite der Seiten- 
schiffe je 16, Höhe des Mittelschiffs 49, die der Seitenschiffe etwas niedriger, 
Länge des Chors 53V2i Breite desselben 29. 

Von dem romanischen Bau ist hauptsächlich die Turmfa^ade erhalten. Über 
dem mit einer Sandsteinschicht in Karniesprofilierung schliessenden Sockel steigt 
der Feldsteinbau bis zur Höhe der Glockenstube des sehr schmalen Mittelbaus 
fünfmal abgestuft empor, darüber hinaus dann ohne weitere Abstufungen. Der 
Umbau von 1289 macht sich in dem einfach abgetreppten Spitzbogenportal der 
Westseite in primitiv -gotischen Formen bemerklich, über welchem noch ein mit 
einfachem Sandsteinkreuz geteiltes Rundfenster sich befindet. Die oberen Turm- 
fenster (in jedem der Türme nach jeder Seite je eins) sind durch zwei Säulchen 
mit darüber befindlichem einfachem Plattenmasswerk in eine spitzbogige nasen- 
besetzte pyramidalische Dreifenstergruppe gegliedert. Der sehr schlanke, hölzerne, 
schiefergedeckte, achtseitige Helm des Südturmes hatte ursprünglich vier kleine 
Nebentürmchen auf den Ecken des Mauerwerks; der niedrigere nördliche hat 
über einem Schweifdach eine offene achteckige Laterne mit wälscher Haube. 
(SFig.9.) 

Am Schiffe ist die romanische Nebenapsis des nördlichen Seitenschiffs noch 
deutlich erhalten, auch macht sich auf der Nordseite der Umbau der Seitenschiffe 
ans der ursprünglich basilikalen Anlage noch deutiich durch die Erhöhung der 
Mauern in Gommernschen Bruchsteinen bemerkbar, während am Altarhause die 
für die Einwölbung ausgeführte Erhöhung der Mauern in Feldsteinen geschehen 
ist, aber von dem älteren Unterbau durch eine durchgehende Schicht schmaler 
Sandsteinplatten geschieden wird. Die zweimal abgestuften Strebepfeiler der 
Südseite tragen an der Front zierlich gearbeitete, aber etwas zu klein geratene 
Laub- und Pigurenkonsole für nicht vorhandene Statuen und enden in Giebel, 
die mit Krabben und Kreuzblumen besetzt sind. 

An dem westlichen befindet sich neben der Hauptthür eine Sandsteintafel 
mit folgender baugeschichüichen Inschrift: 

liif . NT • «^ • cccc° ii° . i|i lie krtti 
iiti • inttftMm . t$ . |ic • ijfM . ptt 
«iiif • litilii . Irritf^i* . et . iii 
^idU . liKfkci . ti? • yiif 9 . iccT 

womit also nur die beiden die Baurechnungen führenden Kirchenältesten 
bezeichnet sind. Das Datum ist der 15. Juni 1415. 

Die breiten Fenster mit wenig gegliedertem Gewände haben dreiteiliges 
Masswerk, das über dfin Stäben aus einem grossen, jederseits von einem Kreise 



* Ein Teil der lu dieser Reste uration gefertigten Grundrisse, Aufrisse und sonstigen Bau- 
zeichnungen befindet sich im Archiv der Kirche neben der Sakristei. 

• Der Name ist nicht sicher zu lesen. Elis las „OÄrtling" oder „Bertling," beides 
unmöglich, auch las er falschlich: „Keneken". Fritz ebenso falsch: „Hermanni" und „Runeken." 



Kreis Jeiichow I. 




Fig. 9. Burg. OberLirohe. Ansicht von SO. 



Burg. 53 

und einer nasenlosen Fischblase begleiteten Yierpasse besteht. Die beiden der 
Südostecke sind aussen am Bogen mit freihändigem Nasenwerk besetzt, wie es 
z.B. auch an der Nikolaikirche zuZerbst vorkommt. Von den beiden Portalen 
der Südseite ist das östliche kleiner und einfacher, aber von guten Verhältnissen 
und schöner Profilierung; das grössere Hauptportal unter dem westlichen Fenster 
ist in aufwändigerer Weise mit reichem Fialenschmuck dekoriert und wohl- 
gelungen restauriert Gegenüber an der einfacheren Nordseite liegt vor dem 
einfachen Portal eine kleine Vorhalle, deren Giebel zu unterst mit einer Reihe 
von fünf Vierpässen dekoriert ist, darüber mit drei Kleeblattbogennischen, in 
deren mittelster das Relief einer stehenden weiblichen Heiligen mit Schleier und 
Kirchenmodell erscheint. Letzteres hat ausser den zwei Westtürmen noch zwei 
Chortürme, daher ist die Heilige jedenfalls nicht Barbara, wie Elis meinte, eher 
vielleicht die h. Hedwig. Neben dem Portal dieser Vorhalle, wie auch an den 
Ecken des Chors zahlreiche dünne und sehr langgezogene flüchtige Längsrillen, 
hier offenbar nur Wetzmarken. Der Staffelgiebel der Ostseite des Langhauses 
von 1567 (siehe Fig. 7 und 9) ist in Backstein und zwar ohne Verputz ausgeführt 
und baut sich in sieben Etagen auf, deren mager profilierte Gesimse sich um 
die ebenso mager profilierten Pilaster verkröpfen, welche die einzelnen Etagen 
in von oben herab 2, 4, 6, 8, 10, 12 und 12 quadratische Flächen teilen, von 
denen aber (mit Ausnahme der untersten Etage) die äussersten rechts und links 
durch einen nach einwärts geschweiften Viertelkreis ersetzt sind, unterhalb dessen 
sich in der Etage darunter jedesmal eine ebenso mager profilierte Rundöffnung 
findet. 

Der Chor entbehrt der Strebepfeiler, auch an den Ecken des Polygons, 
diese sowie alle Gesimse und Fenstereinfassungen sind aus Sandstein. Die 
Fenstergewände sind ohne Profilierung glatt abgeschrägt. Das dreiteilige Mass- 
werk mit je drei einfachen Pässen und Rosen über den zwei Pfosten ist schöner 
als das im Schiffe. Aussen unter döm Mittelfenster des Polygons befindet sich 
ein Inschriftstein mit abgeschrägten oberen Ecken, der zunächst auf dem äusseren 
Bande in eingegrabenen Majuskeln sagt: 

+ ÄßD DHi . II (ji . a - a ■ a . y l . v . i . o pmi h" 
ass m II aQPSvjß ■ aoHPLö \\ svoi, 

darauf folgt noch ein Buchstabe, der aussieht wie ein ZI also vielleicht vero, die 
Jahreszahl der Vollendung ist aber nicht nachgetragen. Die von diesem Bande 
umschlossene dreizehnzeilige Inschrift giebt die Ablässe der Kirche an: 

+ issa . 

SVflS . I 51 DV 

liGeHQia . DV 

.flllLIÄ • DIÖ 
RVfll • XV. Die 
B» . ÖIIH» . aS . IX • 

BÄReHa+D« • 

QOölV HIOH a 
D.a.Q.X.I.V.DI 



51 Kreia Jericliow I. 

es . I .SARdNA 

+Da . anaaiona 
9 " . X . X . V . Dias 

KÄRaHA. VHÄ 

Im Innern ist der Chor im Interesse der gegenwärtigen flachen Decke seiner ein- 
fachen Kreuzgewölbe beraubt worden, deren auf einfache Konsole aufsetzende An- 
fänger erst bei der letzten Restauration entfernt sind. Die flache bemalte Holzdecke 



Fig. 10 Bntg. Oberkirche, QuenchDitt. Blick nach 0. 

von 1592, deren breite, reich profilierte, unten dunkelblau gefärbte Teilungsgurte 
tiefliegende Kasetten umschliessen (Trgl. den Grundriss Fig. 8, in -welchem die 
Hauptgliederung der Decke eingetragen ist), liefert ein stattliches und tüchtiges 
Zeugnis von der Leistungsfäliigkeit des deutschen Handwerks der Renaissancezeit 
auch in Städten dritten Ranges und ist auch ein Gegenstand hoher Bewunderung 
des Lokal Patriotismus, lastet aber sehr schwer auf dem Räume und ist in den 
Malereien der Kassottenflächen (teils Ornamente im Bcschlagsdl , teils aus Vasen 
hervorkommende Blumonstücke, teils auch Figürliches, z. B. in der mittelsten 
Bahn zwei sitzende Figuren : Christus mit beiden Händen segnend und Christus mit 
der Weltkugel, und zwei stehende Engel, an den beiden äussersten Enden westlich 
und östlich nochmals je ein stehender Engel) überaus hässUch und ungeschickt. 

' Elia hat dies irrtümlich in „obituri" aufgelÖBt und die ganze iDBChrifl faUch interpuDgiert. 
Der Kirche wareo, ausser 1985 Tagen nud SKarenea im allgemeineo, Dix^hlttr jede Kommunion 
714 Tage und I Kareue und fflr jede Salbung 525 Tage und 1 Karene ÄblasB verliehen. 



Bnrg. 55 

Der Triamphbogen ist einfach rechteckig, ebenso die Arkadenpfeiler des 
Schiffs, die unmittelbar in die Arkadenbögen übergehen und in Kämpferhöhe 
Hausteinanfänger für die einfachen Kreuzgewölbe tragen, deren Rippen jedoch 
später mit verändertem Profil in Backstein ausgeführt sind (s. Fig. 10). In den Seiten- 
schiffen ruhen dieselben an der Nordwand auf einfachen Konsolen, an der Süd- 
wand auf einfachen runden Wanddiensten. Die das ganze erste Joch des Schiffes 
von Westen aus einnehmende Orgelempore gehört ebenso wie die innere Bemalung 
und das Chor-Gitter und Gestühl der letzten Restauration an. 

Im Chorpolygon ist nördlich der steinerne Sakramentschrein erhalten, 
der eigentümlich schräg aus der Ecke heraustritt und in ziemlich roher Aus- 
führung von einem Spitzbogen mit Kreuzblume und Fialen umgeben ist, über 
welchen er noch eine Flachnischen -Dekoration mit nasenbesetzten Spitzbogen 
trägt, darüber ist wohl ehemals noch ein weiterer abschliessender Au&atz 
vorhanden gewesen. Die auf der Südseite befindliche Piscina ist nur mit ein- 
fachem, nasenbesetztem Spitzbogen geschlogsen und hat noch den alten Ausguss- 
stein mit Abflussloch nach aussen. 

Der Hochaltar hat 1607 einen neuen steinernen Aufsatz erhalten, bei dessen 
Aufstellung in der alten Mensa noch die Reliquien und Weiheurkunde von 1359 
vorgefunden wurden (jetzt ist die Mensa so umbaut, dass eine Untersuchung 
derselben nicht möglich ist). Der Aufsatz, der auf der Rückwand ausser der 
langen bei Teller S. 21 abgedruckten Stiftungsinschrift noch die Künstlerinschrift : 
MICHAEL 8PIES BILTHAWER IN MAGDEBVRG ANNO 1607 trägt, folgt in seinem 
Aufbau noch ganz der Weise der mittelalterlichen Flügelaltäre mit oberem 
kleineren Aufsatze, nur dass durch die antikisierende Säulenarchitektur dem 
Ganzen die Beweglichkeit genommen ist. Die das Hauptbild flankierenden beiden 
Säulenpaare wirken hier sehr schwerfällig. Die ganze überreich dekorierte 
Architektur ist in Sandstein, das Figürliche in Alabaster hergestellt, namentlich 
die vier Hauptreliefs: in der Staffel das jüdische Passahmahl, im Hauptbilde die 
Einsetzung des heiligen Abendmahls, in dem kleinerem Aufsatze die Kreuzigung, 
in der Lunette die Auferstehung Christi. In den Flügelstücken zu den Seiten 
des Abendmahls stehen links Johannes d.T., rechts der Eccehomo in Ganzfiguren. 
Die vier Kreismedaillons mit den Brustbildern der Evangelisten (zwei über 
diesen Flügelstücken, zwei in den Flügelstücken der Staffel) stimmen genau mit 
denen an der Kanzel in St. Nikolai überein. Ausserdem sind noch 11 frei- 
stehende Statuetten teils biblischer, teils allegorischer Gestalten aufgestellt 
Die Alabasterreliefs dem Spies abzusprechen und für aus den Niederlanden 
importiertes Fabrikat zu erklären [Teller, S.21 Anm.] liegt keine zwingende 
Veranlassung vor. Die Formengebung ist wesentlich dieselbe, auch in Gesichtern 
und Händen, nur dem feineren Materiale entsprechend feiner, wie an dem jeden- 
falls von Spies Gefertigten. An der Rückwand ist über der Stiftungsinschrift 
noch eine von zwei betenden Engelhermen flankierte leere Nische (für ein 
Portrait?) angebracht. Auf dem sie bekrönenden Gebälk steht ein kleines Relief 
einer Variation der Pieta oder des Gnadenstuhls: Gott Vater hält den toten 
Christus liegend in seinem Schosse — ähnlich auf einem leidlichen, aus der 
Nikolaikirche stammenden Ölgemälde auf Holz in der Altertumssammlung. 

In ganz gleichem Material und Stil, auch ohne Zweifel von demselben 



56 Kreis Jerichow I. 



Meister ist die inschriftUch von 1608 datierte Kanzel hergestellt. Ihr sechs- 
eckiger Körper wird von der etwas unglücklich hockenden Gestalt des Paulas 
in phantastischer römischer Kriegertracht getragen. Die freien Flächen seiner 
Brüstung tragen die Reliefs der Verkündigung, Geburt, Auferstehung Christi und 
des jüngsten Gerichts, die Brüstung der Treppe von unten nach oben diejenigen 
der Weltschöpfung, des Sündenfalls, Abrahams und Isaaks auf dem Wege nach 
Moriah und der ehernen Schlange. Auf den freien Seiten des ebenfalls sechs- 
eckigen Schalldeckels erheben sich fünf Rundgiebel mit Reliefs der 4 Evangelisten 
und Luthers (?), auf ihren Scheiteln und zwischen ihnen auf den Ecken des 
Deckels die Rundfiguren der 12 Apostel in nicht vollständiger Reihe und zum 
Teil mit willkürlichen Attributen. In der Mitte erhebt sich eine sehr hohe sechs- 
eckige offene Laterne, deren Eckpfeiler Hermen bilden; in derselben stehen die 
Rundfiguren des Vaters und des Sohnes, über denen die Taube schwebt, und 
oben auf derselben die der Gottesmutter. 

Zu diesen beiden Stücken gehört noch der von 1611 datierte Tauf stein,* 
ebenfalls sechseckig. Am übereck 1,17 m messenden Becken die durch Engels- 
gestalten geschiedenen sechs Alabasterreliefs der Sintflut, des Durchzugs durch 
das rote Meer, der Beschneidung Christi, seiner Taufe, der Segnung der Kinder 
und der Aussendung der Jünger mit dem Taufbefehl. 

Endlich gehört zu dieser Gruppe offenbar auch das am zweiten Pfeiler der 
Südseite von Westen her etwas hoch hängende und bei der Restauration, wie 
der Altar, etwas allzu stark bemalte und vergoldete steinerne Epitaph des am 
3. November 1599 verstorbenen Bürgermeisters Johannes Rudolph, welcher nach 
der Inschrift mit vier Frauen zwanzig Kinder erzeugt hatte, 1609 von seinen 
Söhnen und Schwiegersöhnen gestiftet. Es stellt im Hauptbilde den arhor vitcte 
et mortis in der bekannten von L. Cranach oft bearbeiteten und ihm noch öfter 
nachgeahmten Weise dar. unter dem Baume sitzt der nackte Mensch zwischen 
Moses, hinter dem der Tod mit Sense einen nackten Menschen verfolgt, und 
Johannes d. T., welcher auf den im Hintergrunde stehenden Gekreuzigten weist, 
aus dessen Seitenwunde ein Blutstrahl auf den Liegenden nackten Menschen 
fällt, unterhalb dieses Hauptbildes ein kleines Kreismedaillon mit der Dar- 
stellung der Sündenfalls und der Umschrift I KOR. 15 GLEICHWIE SIE IN ADAM 
ALLE STERBEN, oberhalb ein gleiches mit der Darstellung des den Drachen 
tötenden Christus und der Umschrift WERDEN SIE IN CHRISTO ALLE LEBENDIG 
GEMACHT WERDEN. Ganz oben eine betende weibliche Figur. 

An Skulpturen sind noch zu erwähnen 1. eine restaurierte bemalte mittel- 
alterliche Holzstatuette der Gottesmutter auf dem als silberne Kugel mit 
Gesicht dargestellten Monde, jetzt in einer rundbogigen Wandnische des nörd- 
lichen Seitenschiffs untergebracht; 2. in der Sakristei ein stark verdorbenes 
bemaltes und vergoldetes kleines Holzrelief mit 2 Adorantengruppen, jedesmal 
ein Mann mit zwei Frauen, der rechts mit 20, der links mit 14 Kindern, die 
Inschriften der Spruchbänder und die beiden Wappenschilde an den unteren 



^ Genaue Angaben über diese drei Ausstattungsgegenstände in M. Feter Salich (oder 
äalige) fünf christliche und in Gottes Wort gegründete Predigten u. s. w. 1612 — von Fritz, 
Teller und Wolter ausgebeutet. 



Burg. 57 

Ecken sind aber yerdorben, sodass die dargestellten Personen nicht identißciert 
iverden können; 3. in der alten Nebenapsis des nördl. Seitenschiffs hinter dem 
Taufsteine ein sehr schöner Krucifixas in halber Lebensgrösse aus bemaltem 
Holze, wohl dem XVI. Jahrhundert angehörig. 

unter den Abendmahlsgeräten sind vier wenig bedeutende silber- 
vergoldete Kelche gestiftet 1648, 1651, 1683 und 1734. Der letzte, einfach rund, 
0,22 m hoch, hat folgende Widroungsinschrift: 

Elminiie Ouineensi in Africae ora casieUo b. defundus Joh. Oeorg Seger 
Procansulis in pravincia Major Domus qpiimvs Parentes Christian. Segerum et 
Dar. Mc^d. Doeringam haeredes rdiquit. Quit [sic!J cum fUio natu secundo 
Andrea Segers et nuru Ph. S. Mar. Schumannia nee non genero Jo. Laur. SchuUzio 
et füia An. Dar. Segera hoc cimelium templo B. Virginis Burgensi danarunt SU 
memoria ipsorum in libro justorum. M. D. COXXXIV. 

Das sonst unbedeutende Stück gewinnt also durch die Erinnerung an die 
ersten Marine- und Kolonial -Unternehmungen des Hauses Hohenzollern einiges 
Interesse. Der erste hat am kleinen Knaufe Widderköpfe und Fruchtstücke. — Zwei 
Patenen von 1649 und 1702 sind ganz einfach. Eine runde silberne Hostien- 
schachtel von 0,12 m Durchm. und 0,04 m Höhe hat auf dem Deckel die 
Kreuzigungsgruppe in entarteten Formen getrieben und ist 1708 gestiftet. Eine 
0^5 m hohe Weinkanne von hässlichen Formen hat ausser den Namen der 
Geistlichen und Kirchenvorsteher noch den eingravierten Spruch: 

Befielt non deficit 

sed 

usu sua proficit 

crater inauratus et donaius 

anno 1717. 

In der Sakristei hängen zwei grosse bemerkenswerte, aber nicht sehr gut 
gehaltene Holzschnittbildnisse von Luther und Melanchthon. Auf einer 
aus sechs Blättern in drei Keihen zu je zwei zusammengeklebten Bildfläche 
von lp3 m Länge und 0,75 m Breite ist jeder der Reformatoren in zwei Drittel- 
Lebensgrösse barhäuptig, ein kleines Buch haltend, Luther nach links, Melanch- 
thon nach rechts gewendet, innerhalb einer auf geschwellten korinthisierenden 
Halbsäulen ruhenden Bogennische stehend dargestellt. In den Zwickeln der 
Bögen ist jedesmal das angebliche Familien- Wappen und das bekannte Siegelbild 
des Betreffenden (bei Luther das Herz unter dem Kreuzeauf der Rose, bei 
Melanchthon das Kreuz mit der Schlange) eingefügt Darüber die gleichlautende 
Inschrift in Frakturbuchstaben: 

IPa^fe nnb eigentliche (Sontvafactittf bes Cl^fioivbigen 
IPo^leYleuc^ten unb l^oc^gelal^rten %evm Doct. ülartini Cutt^evi 

(bezw. I&emi P)^Uippi VUXauiiVtoxAii). 

Ein Monogramm oder sonstige Autorbezeichnung ist nicht vorhanden. Nach- 
fragen über Provenienz dieser seltenen Bildnisse bei den gewiegtesten Kennern 
der Reformationsgeschichte sind erfolglos geblieben. Ersichtlich gehören sie dem 
dritten Viertel des XVI. Jahrhimderts und der Schule des jüngeren Cranach an, 



SB Kreis Jericbow L 

nach gütiger Mitteilung des Kerm Oeh.-R. Dr. Lippmann einer Reihenfolge von 
RefonnatorenbildnisBen, aus welcher das k. Kupfersdchkabinet zu Berlin diejenigen 
von Kuss und Luther besitzt. Die Zeichnung ist in sehr kraftigen Linien aus- 
geführt, etwa wie auf den gravierten bronzenen Grabplatten der Renaissancezeit. 
Von den Glocken hat die grösste (1,55 m Dui-chm.) am Halse in 0,155 m 
hohen reich verzierten Majuskeln, deren Linien in den Mantel eingeritzt waren 
(t^oben siehe Vit;, H) ^len Spruch: + ÄV9 IDÄRLa GRflQIA PLailÄ. Das 
dazu gehörige 5>0HlKVS SSaaElD steht in einer zweiten Reihe darunter in 




Teilungdcre 

ganz kleinen Buchstaben zwischen zwei Reifen. Hiemnter am Korper zweimal 
ein kleines schiechtausgefomites Relief in gleicher Technik wie die Buchstabeo, 
innerhalb einer romanischen Turmarchitektur die sitzende Gottesmutter — das 
eine Mal in grösserem Format — darstellend. Daneben, ein wenig links darunter 
das A und £i in Länge von 0,26 m, ebenfalls durch Einritzung in den Mantel 
beigestellt. Ausserdem unregelmässig verstreut undeutliche Abdrücke von 
grosseren firakteaten. 

Die in der Grösse nächstfolgende von 1 m Durchm. hat am Halse einen 
gefälligen Fries von Kindern, die sich mit Glocken beschäftigen, und darunter 
einen zweiten von grossen abwärts gerichteten Akanthusblättern. Am Körper 
zwei 0,22 m hohe in Kreise gefasste Reliefs, das eine die auf der Mondsichel 
stehende Gottesmutter, das andre die sitzende, über welcher ein Engel einen 
Vorbang ausbreitet Zwischen und unter diesen die Inschrift: 

INFANTES VOCO CATECHUMENOS ALLICIO 

PAUPERES HONORO 
FUDIT BEROLINI I. P. MEURER ANNO 1730. 

Unten auf dem Bord ein stehender Akanthusfries. 

Die dritte von 0,98 m Durchm. hängt in der Laterne des Nordturmes. Sie 
hat am Halse folgende zwei Inschriften: 1. (Stern) COSS lOHANNE RVDOLPH' 
ET MATTHEO OLTZEN (Engelskopf) «JNO CHRISTI 1ij86 (Engelskopf) BORGH 

2. ICH BIN IN QOP(sic)TTES NAMEN G(siG)VRCHS FEWER GEFLOSSEN. 
HANS OLEMANN HAT MICH GOSSEN (Ro^e). Darunter ein schlechter 
Akanthusfries. 

Neben dieser hängt eine kleine ganz schmucklose und neben der zweiten 



Borg. 59 

eine von 0,40 m Weite in sehr &ltertümlicher Form mit (am Halse gehäuften) 
ziemlich runden Reifen. 

Endlieh ist zu erwähnen ein in der nördlichen Torhalle hängender ganz 
einfacher achtarmiger Kugelleuchter in Gelbguss, gestiftet laut Inschrift 1734. 

Die Kirche St Nikolai oder Untorkirchei {s.Fig. 12) wird zuerst 1186, aber 
als schon länger bestehende Filialkirche der Oberkirche urkundlich erwähnt Sonst 
fehlen alle urkundlichen Nachrichten zur Baugeschichte, und die Datierung von 
Mertens auf 1270 ist rein willkürlieh. Nur über Turmspitzenreparaturen in den 
Jahren 1642 und 1719 wird berichtet, und an einer Rosette des Gewölbes des 



Fig. 12. Burg, Unterkirche. Grundrin. 



Altarhauses soll sich die Jahreszahl 1576 befunden haben, von mir vergeblich 
gesucht 1852 hat eine Renovierung unter Baumeister Schaeffer aus Magde- 
burg stattgefunden. 

Die Kirche ist eine fast unverändert erhaltene romanische kreuzförmige, 
ursprünglich flachgedeckte Feldsteinbasilika mit zweitürmiger Westfront, Halb- 
kreisapsis am quadratischen Altarhause und Nebenapsiden an den Armen des 
Querschiffs, dem Material entsprechend ohne jede Kunstform, aber von sehr 
glücklichen Verhidtnissen. Das Langhaus hat sechs Rundbogenarkaden auf ganz 
glatten rechteckigen Pfeilern, die ohne jede Kämpfergliederung in die ebenfalls 
glatten Ärkadenbogen übergehen. Über denselben stehen im Obergaden 
unsymmetrisch sieben Fenster, dagegen haben die Seitenschiffe nur fünf Fenster, 
die meist in der Flucht der Arkadenpfeiler stehen, aber später vergrössert sind. 
Überhaupt scheinen die Seitenschiffinauern oberhalb Manneshöhe einen Umbau 
erfahren zu haben: die Steine sind hier nicht so sorgfältig behauen und 

' Vrgl. Bernenitz, G. Freiherr v., die EoUUhung den SpiUbogenstiU in Försters 
Ällg, llaozdtimg 1845 S. 385 ff. — Loti, I S. 131. — Otte, Handbuch' II S. 232. — 
Am. bei FritE 8.12. 



60 Kreis Jericbow I. 

geschichtet wie am übrigeii Bau, die Fugen sind mit einem gelblichen, stark mit 
Kies angemachten Mörtel ausgestrichen, und in diesen mit ziemlich breitem 




Flg. 13. Burj;. Uuterkirche. Ansicht 



Stabe quadratische Fugen eingedrückt. Die beiden Rundbogeneingänge unter 
dem zweiten Fenster von AVestcn her, sowohl auf der N- als S-Seite, sind ver- 
mauert. Altarhaus und die Flügel des Querhauses hatten oben auf jeder Wand- 
flnclie zwei Bundbogenfenster. (S. Fig. 13). Die am Altarhause sind, wohl wegen 



Burg. 61 

Einziehung der gotischen Wölbung, vermauert und durch je ein tiefer ein- 
gebrochenes grösseres ersetzt; ebenso die an den Stirnseiten des Querhauses, 
und zwar auf der Nordseite durch ein spitzbogiges in spätgotischen Formen, 
während die Rundbogenthüren dieser Fronten erhalten geblieben sind. Qotischer 
Umänderung gehört auch das Rippen-Kreuzgewölbe des Altarhauses und die vor 
die südliche Nebenapsis gebaute Sakristei an, deren Kreuzgewölbe in Backstein- 
rippen in den £cken auf menschliche Brustbilder als Konsole aufsetzt, übrigens 
alles dick übertüncht Sonst weist Querhaus und Langhaus ein seitlich auf 
hölzernem, von Konsolen getragenem Kranzgesims (wie in Loburg und Möckem) 
ruhendes hölzernes Tonnengewölbe auf, das mit einigem dünnen Rippenwerk 
belegt ist; im Querhause sind die Rippen jetzt nur aufgemalt. Diese Tonnen- 
decke war früher mit einem Gemälde des Weltgerichts von 1606, ausserdem von 
biblischen Geschichten des A. und N. Testaments und den Gestalten von 
Propheten und Aposteln ausgestattet, die bei der Restauration übermalt sind. 
Aussen tragen die Giebel von Querschiff und Altarhaus noch die alten Stein- 
kreuze, am nördl. Querschiffsflügel in der einfachen gotischen Weise mit Nasen 
an den Armen dekoriert. 

Die Westfront steigt über dem ganz einfachen, zweimal abgestuften Feld- 
steinsockel in acht sich verjüngenden Absätzen auf, darüber dann die Glocken- 
Geschosse mit je zwei Schallöffnungen nach jeder Seite, welche durch sand- 
steineme Zwergsäulchen mit romanischen Basen und Kapitellen einfacher Form, 
einige aber auch mit schön entwickeltem facettierten Blätterschmuck, geteilt 
sind. Yon den so gebildeten Fensterpaaren sind jedoch nur noch einige erhalten, 
die nach Westen gerichteten in Backstein verändert, bezw. in eins zusammen- 
gezogen. Yon den schlanken beschieferten Spitzhelmen ist der südliche etwas 
niedriger als der nördliche. Auf den mehrerwähnten alten Ansichten sind beide 
am Fusse von vier kleineren Ecktürmchen umgeben; auch weist der Prospekt 
von Alvensleben's ein schlankes Dachreiterchen auf der Yierung, die Zeichnung 
von 1680 aber deren zwei in der Mitte des Daches des Tjanghauses bezw. des 
Altarhauses auf. Wann dieselben beseitigt sind, erhellt nicht. Das Querhaus 
zwischen den Türmen hat unten das stark veränderte Hauptportal, oben einen 
horizontalen Abschluss mit drei glatten Rundbogenöffnungen, über welchen ein 
schwerfälliger beschieferter Fachwerkkasten als Unterkunft für den Türmer und 
die Uhr angebracht ist. 

Die Platte des Altars ist noch die alte mit den Weihekreuzen. Auf der- 
selben ist, laut Inschrift an der Rückseite, den 29. März 1699 ein hölzerner 
Säulenaufbau errichtet mit den seitlichen Statuen des Moses und des Täufers. 
Die dürftigen Gemälde stellen in der Staffel die Einsetzung des h. Abendmahls, 
im Hauptbilde Gethsemane, in der Luuette die Kreuzigung dar. Das Mittelbild 
ist nach Fritz bezeichnet: Jok. Peter Krause pinxit 1700. 

Der runde Körper der steinernen Kanzel (s. Fig. 14) wird von der Figur des Moses 
in sehr manieriertem Falten würfe getragen; an dem Konsol darüber fünf Engels- 
köpfe und darüber fünf Kreismedaillons mit den Kniestücken der vier Evangelisten 
mit ihren Symbolen in Alabaster (Wiederholungen derer am Altare der Frauen- 
kirche) und dem Wappen des Meisters (s. Fig. 15) mit der Umschrift : MICHAEL SPIES. 
BILTHAW. IN MAGD. An der mit etwas nüchternen Rundbogennischen gegliederten 



62 Kreis Jerichow I. 

Briistimg sind zu beiden Seiten einer kleinen Kreuzigungsgruppe — bei welcher 
die ^guren der Maria und des Jiiliannes wieder sehr manieriert sind — in 




Fig. 14. Burg, Unterkirche. Kaniel. 

Alabasterrelief die knienden Figuren der Stifter der Kanzel angebracht, rechts 
der Mann im Harnisch, Unks seine Gattin, Unter denselben sind je ihre vier 
Ahnenwappen in Alabaster mit Namensbeischrift angebracht gewesen {von den 
Wappen selbst sind jedoch nur noch die der unterstrichenen Namen erfialten) 
nämlich auf Seite des Mannes: V. BREStKE. V. LVDERIT2 , V.KOLE (dem 
V. Krosigkschen entsprechend). V. SCHENCKEN; auf Seite der Frau; V.BREDAW. 
V. GROTE. V.TZABLITZ. V.BREDAW. Die Pereönlichkeiten dieses Ehepaares, 
ihre etwaigen Todesdata und ihre Beziehungen zur Stadt Burg und im 
Besonderen zur Nikolaikirche haben sich nicht feststellen lassen. An der 
Brüstung der Treppenwange folgen abwärts zwei figurenreichere Alabasterreiiefs, 



Barg. 63 

zuerst mit den sieben Söhnen des Ehepaars, von denen einer als klein ver- 
storben erscheint, die übrigen im Harnisch knien, den Helm hinter sich, sodann 
die sieben Töchter, von denen zwei als jung verstorben erscheinen; die Namen 
sämtlicher sind ebenfalls unten auf dem Rande eingegraben. Zuletzt folgt noch 
ein Fruchtstück in Sandstein. Die Eanzelthür ist einfach, zwischen korinthischen 
Bundsäulen auf hohen Sockeln mit Fruchtstücken und Masken. Die etwas 
nüchtern und steif, aber sehr liebevoll gearbeiteten Alabasterreliefs sind hier 
ganz sicherlich keine niederländische Importware. 

An Äusstattungsgegenständen ist die Kirche arm. Auf dem Altare stehen 
zwei hässliche, grosse silberne Leuchter, an deren Fuss je ein reich 
ornamentierter Schild mit den Namen der Stifter von 1682 aufgelegt ist. 
Ausserdem sind drei Kugelleuchter von Oelbguss vorhanden, von denen der 
eine im Altarhause 14 Arme in zwei Reihen und oben den Doppeladler, der 
westlich im Schiffe hängende aber nur 6 Arme, von denen einer fehlt, dagegen 
oben die stark rund gegossene Figur des h. Nikolaus und unten einen Löwen- 
kopf mit Ring im Maule besitzt. Die Glocken sind moderne Güsse von Heinr. 
Ulrich in Apolda und G. Collier in Zehlendorf. 

Grab denkm äler. Aussen vor der vermauerten Thür des nördlichen Seiten- 
schiffs ist ein mittelalterlicher Grabstein aufgerichtet mit der in Umrissen ein- 
gegrabenen lebensgrossen Figur eines Priesters mit Kelch. Die an der unteren 
rechten Ecke zerstörte Umschrift in eingegrabenen Majuskeln lautet: + ÄßßO • 
DH + I . öl aaa • XX ll I . HORÄS IiSQPXeölBRIS (4. September I32O) • 
OBIIT • DRS • lOIiÄ II HRQS • DaSGUOa • H [weggeschlagene Ecke] || 
a«RDOS . aVI* • ÄHIÖIÄ • R • aQVieSQÄS . m ..PÄ (die ScUusssilbe 
Q8 steht darunter auf der Platte. 

Innen an der Weötwand des nördlichen Querflügels ist oben ein aufwändiges, 
etwas überladenes und schwerfälliges, aber technisch vorzügliches Wandepitaph 
(s. Fig. 16) aus Sandstein angebracht für CHRISTOPH VON ECKSTETT ZV 
ECKSTED lOCHIMS SELIGER SON und VRSVLA VON L0S80W CHRISTOPH 
VON ECKSTED ELICHE HAVSFRAWE, errichtet nach 160., die letzte Ziffer der 
Jahreszahl und das Monatsdatum sind aber nicht ausgefüllt, also ist das Denkmal 
ohne Zweifel schon bei Lobzeiten des Ehepaares errichtet, über dessen Beziehungen 
zu Burg es ebenso an Nachrichten fehlt wie über die des von Brösigkeschen 
Stifterpaares der Kanzel. Aus dem freischwebenden Sockelgesims, welches mit 
den je 8 Ahnenwappen des Paares, von denen die zwei äussersten fehlen, besetzt 
ist, springen zwei weit ausgekragte Vorlagen für je ein dicht zusammengestelltes 
Säulenpaar vor, über denen sich auch das schwere obere Gesims verkröpft. Die 
beiden Figuren des Ehepaares knien hinter diesen Säulenpaaren, von ihnen fast 
ganz verdeckt, zu beiden Seiten eines in einer Flachnische angebrachten ein- 
fachen kleinen Kruzifixes. Die Gesimsverkröpfungen über den Säulenpaaren 
werden bekrönt von den Wappen des Ehepaares mit den oben wiedergegebenen 
Unterschriften. Zwischen ihnen ein kleinerer Säulenaufsatz mit dem figuren- 
reichen Relief der Auferstehung, über welchem aus einer Kartusche der grosse 
Kopf eines rohen bärtigen Kriegers gerade herausschaut. Ganz oben eine kleine 
weibliche allegorische Figur mit drei Bösen auf dem Kopfe, deren Bedeutung 
nicht ersichtlich ist Unter dem Sockel des Ganzen als cul de lampe ein ovaler 



Kreis Jerichow I. 



Schild mit dem Steinmetzzeichen und dem Namen des Verfertii^rs HANS 
HIERZIG VIBERLINQ STEINMCZ (s. Fif^. 17). Auch der gleichzeitige Steinmetz 



I 



Fig. m. Burg, Unlerkirche. V. EckstedschraGrabttml. 



Sebastian Ertle, der das von Arnstedtsche Epitaph von 1609 in der Stadtkirche 
zu Jerichow und mehrere im Dome zu Magdeburg gefertigt hat, stammte aus 
Überlingen. 

Die Kirche St Petri, urkundlich zuerst in einem auf ihre Ausstattung mit 
Kultusgeräten bezüglichen Ablassbriefe von 1355' erwähnt, aber sehr viel älter, 
hatte seit der Reformation wüst gelegen, war seit 1674 dem Oberprediger Eilian 



' Vrgl. Wiggert in Geacli. Bl. III (1868) S.86-90. 



Stiesser als Brauhaus eingeräumt, wurde 1691 für den Gottesdienst der Reformierten 
hergestellt und 1881 neuerlichst den ursprünglichen romanischen Formen ent- 
sprechender restauriert und im Innern polychromiert' Sie ist ein kleiner 
romanischer Feldsteinbau nach Schema II, aber mit gerade geschlossenem Attar- 
hause, dessen Ostnand von drei gleich grossen schlanken Fenstern, das mittelste 
vermauert, durchbrochen wird, deren Spitzbogen in Backstein hergestellt sind. 
Das Schiff hat jederseits 5, das Altarhaus 2 Fenster, sämtlich verändert Der 
alte Eingang an der Nordseite ist vermauert, dafür ist ein inodernor in Back- 
stein an der "Westfront und ein Sakristeianbau ebenfalls in Backstein an der 
Ostfront zugefügt. Über der Westfront ein kleiner, viereckiger beschieferter 
Dachreiter mit viereckiger Laterne. Derselbe enthielt früher nur eine Glocke 
von 0,81 m Dnrchm., die nach der langen Stifterinschrift am Korper 1695 von 
Kurfürst Friedrich III. geschenkt war und am Halse zwischen zwei hässlichen 
Friesen die Umschrift GOS MICH lOHANN QRETEN IN MAQDEBVRG trug, im 
Herbst 1895 aber durch ein modernes 
Dreigeläut verdrängt ist 

Sonst ist von der Ausstattung der 
Kirche nur noch eine 0,'285 m hohe, am 
Fusse 0,13 m im Durchmesser haltende 
grosse silberne Weinkanne zu er- 
wähnen, bauchig mit schönem Spätbarock- 
omament am Bauche, gestiftet laut In- 
schrift unter dem Fusse 1721 von Catha- 
rina Teuto geb. Terbrüggen (s. Fig. 18). 

Die an der Ecke der Zerbster- und 
Kapellen - Strasse gelegene ehemalige 
Maria Magdalenen-Kapelle, welche 
von dem 1353 gestorbenen und im Chor 
der Marienkirche begrabenen Priester 
Johannes Kike gestiftet war, hat nach 
der Einführung der Reformation wüst 

gelegen, sodass auf der Mauer Flieder- fib. is. Burg. 

J)äume wuchsen ; zeitweise diente sie ^*'"'' " ^irebe. Weinkanne. 

dann als BUchsenhaus, wurde 1608 zum 

Komhaase umgebaut und der neue Seyger darauf gesetzt, seit 1756 aber als 
Rats- und Mehlwage benutzt, welche Bestimmung sich noch an der Front in der 
Eapellenstrasse verrät. Die ehemalige kirchliche Bestimmung erkennt man noch 
an der sehr verdorbenen Front in der Zerbster Strasse mit Spitzbogennisclien- 
Dekoration in dem Staffelgiebel und im Obergeschosse; im letzteren sind es ihrer 
fünf, von denen die mittelste noch Reste eines der Zeit der Stiftung entsprechenden 
einfachen gotischen Fenstermasswerkes enthält.' 

' Vi^. Thienhans, C. das Jubiläum der ev. ref. St. Petri -Gemeinde in Burg. 1891. 
Mit kleiner Ansiebt auf dem Umscfalflge. — Geringe Ansicht des Zuatandes vor der 
Restanration bei Fritz S. 187. 

' Schlechte Abb. bei Frite 8.65. —Der noch von Fritz S. 21 erwähnte Grabstein de« 
Stifters in Ist. Huien ist nicht mehr vorbanden. 

Die Kntoe Jtrkbaw. 5 



66 Kreis Jorichow I. 



Keine Spur ist mehr vorhanden von den Gebäuden des ehemaligen 
Pranziskanerklosters, welches zuerst 1303 urkundlich erwähnt wird, und 
nach welchem die Kloster- und die Brüder-Strasse ihre Namen tragen. Dasselbe 
wurde, nachdem es 1538 von den Mönchen bis auf den Guardian Steffanus Brandt 
verlassen war, von dem Magistrat zu Schulzwecken verwandt, brannte bei der 
Beschiessung der Stadt 1626 nieder und wurde erst 1675 wieder aufgebaut Der 
damalige Neubau wurde 1822 abgebrochen und bis 1829 das jetzige Volksschul- 
gebäude auf dem Platze errichtet An das Kloster erinnert jetzt nur noch ein 
auf dem Hofe des Hauses Brüderstrasse Nr. 59 aufgerichteter, oben an den Ecken 
abgekanteter Grabstein^ mit den eingegrabenen Umrissfiguren eines Ehepaares 
unter spätgotischen Baldachinen ; beide haben ihre Wappenschilde vor sich stehen, 
der Mann barhaupt im Harnisch, die Hände auf das gerade vor sich gestellte 
Schwert gestützt, steht in seltenerer Weise zur Rechten der Frau, welche im Witwen- 
schleier die Hände betend vor der Brust zusammenlegt Die Inschrift in ein- 
gegrabenen Minuskeln fängt oben rechts auf der kleinen Schräge neben dem 

Kopfe des Mannes an und lautet: illi || IlT «° tctc'' l uM (1483) il || 

iit iili II |9 wrirr krtd^t Clh iiü rr^i^M^M^^ II <*>^ (die fehlenden Zahlen 
sind niemals eingegraben gewesen) || illl llir cl^ — auch das übliche Votum 
ist niemals eingegraben worden, der Stein also von der Witwe bereits bei ihren 
Lebzeiten errichtet Das Denkmal stellt wohl den übelberufenen Raubritter 
Werner von Kracht dar, der 1471 seinen Bruder Albrecht ermordet hatte und 
nach Bezwingung der Raubritter durch Erzbischof Johann nach Egeln ins 
Gefängnis gelegt worden war. 

Mit dem Franziskanerkloster war der Kai and von Burg verbunden, der 
1334 zuerst urkundlich erwähnt wird. Seine Einkünfte waren zur Zeit der 
Visitation 1562 vom Magistrat eingezogen und zur Unterhaltung der Kirchen- 
diener gebraucht worden, was durch Erlasse der Administratoren des Erzstifts 
wiederholt, so noch 1613, genehmigt wurde. Erhalten ist der schöne, wohl der 
Zeit jener ersten urkundlichen Erwähnung angehörige Siegelstempel des 
Kalands [in den Sammlungen des Magdeburger Geschichts -Vereins].* Derselbe 
ist rund, von 0,06 m Durchmesser und zeigt im Bilde unter einem nasenbesetzten 
Kleeblattbogen auf schräg gegittertem Hintergrunde zwischen zwei Doppelnischen 
ein stehenden Priester, der einen links vor ihm Knienden segnet Umschrift: 

+ S FRÄSRViD BÄLQßDÄR2Iöl IR BOROft. 

Von nicht mehr vorhandenen Kapellen und Hospitälern werden ausserdem 
urkundlich erwähnt die Kapelle St Jacobi, 1349 gestiftet, und St Georgii 
extra muros, letztere wahrscheinlich bei dem gleichnamigen, nicht lange vor 
1354 gestifteten Hospitale gelegen. Von ihr bewegte sich am Palmsonntage die 
Prozession mit dem Palmesel ^ nach St Nikolai, dann nach St Marien und von 



' leidliche Abbildung bei Fritz S. 49. 

* Vrgl. von Mülverstedt in Gesch. El. IV (1869) S. 432 f. mit Abb. auf Taf. 4. 

' Über Palmesel und ihren Gebrauch bei den Prozessiooen des Palmsonntags ist jetzt 
eine ausführliche kulturhistorische Studie von Richard von Strele mit mehreren 
Abbildungen in der Zeitschrift des deutschen und österreichischen Alpenvereins Bd. XXVIII 
(1897) S. 135-154 erschienen. 



Burg. 67 

da nach der Kapelle zurück. Sodann das Hospital St. Spiritus, ohne den 
Namen schon 1263 erwähnt, und St. Johannis an der Stelle der gegenwärtigen 
Pieschelschen Erziehungsanstalt. 

Von bürgerlichen Gebäuden ist nur das Rathaus zu erwähnen. An Stelle 
des mittelalterlichen wurde 1560 ein neues auf dem Platze des gegenwärtigen 
errichtet, das auf dem Ton Alvenslebenschen Prospekte, mit bezeichnet, 
deutlich zu erkennen ist, als nur klein mit zwei nach Westen schauenden Staffel- 
giebeln nebeneinander. Von demselben ist am gegenwärtigen Gebäude eine sand- 
steinerne Inschrifttafel erhalten, welche unter dem Relief wappen der Stadt ^ 
folgendes besagt: 

ANNO DNl . 1550 JOHANNE 
PAREI . ET . ANDREA . MESEKOW^ 
CON8VLIBVS . EST . PRE8ENS EDIFICI 
VM . FELICITER . INCEPTVM. c^iM) 

Dieser Bau wurde 17Cß abgerissen und wie Gundling S. 181 sagt: „Von 
Grund auf aus Steinen nach der heutigen Fachen schön und herrlich gebauet, 
dass es prächtig in das Gesichte fället ^^ Es war aber ein ziemlich einfacher zwei- 
geschossiger Bau mit Mansardendach und vier Fenstern jederseits von einem durch 
eine Pilaster- und Nischen -Dekoration und einen einfachen Konsolenbalkon mit 
leidlichem Schmiedeeisengitter über dem Portal hervorgehobenen Mittel risalit, 
über dem sich eine offene viereckige Laterne mit Schweifdach erhob.* Diesem 
Bau ist 1893 ein drittes Stockwerk aufgesetzt mit einem kleinen Spitztürmchen 
statt der Laterne in der Mitte. Auf der Rückseite des Gebäudes gegen den 
Marienkirchhof ist ein kleines sehr verwittertes Sandsteinrelief der Krönung 
Mariae durch Christus eingemauert Christus reicht der gekrönt reclits neben 
ihm sitzenden Maria mit der Linken das Scepter und erhebt die Rechte segnend ; 
oben ist die Spitze der Spitzbogenumrahmung durch das Brustbild eines kleinen 
Engels mit ausgebreiteten Flügeln ausgefüllt' Eine Inschrift ist daran nicht 
mehr vorhanden. 

Ein bemerkenswerter Bau war das alte Kaufhaus oder Gildehaus auf dem 
Neuen Markte, welches auf dem 1289 von Erzbischof Erich geschenkten Platze 
statt eines 1268 an anderer Stelle abgebrannten errichtet war. Auf dem von 
Alvenslebenschen Prospekte ist es unter E deutlich zu erkennen, mit Staffelgiebeln 
nach W und ausgestattet, über dem westlichen, mit Zifferblatt versehenen ein 
kleiner poljgoner Dachreiter mit Haubendach. Dasselbe ist 1677 abgebrannt und 
erscheint daher als Ruine mit seinen beiden Giebeln auf dem Prospekt der Stadt 



* Abb. bei Fritz S. 4. Das Wappen enthält eine Zinnenmauer mit Thor und zwei 
Türmen, zwischen denen die Gottesmutter frei sitzt. Etwas abweichend auf dem alten Sekret- 
riegel der Stadt, dessen dem XIV. Jahrh. angehöriger Stempel noch auf dem Rathause vor- 
banden ist, kreisrund von 0,048 m Durchm., unter einer säulengetragenen Eleblattbogeii- 
Nische, welche von drei niedrigen Türmen gekrönt ist, die. Gottesmutter auf einem Löwen- 
gtnhle ritzend. Umschrift: + SaaRGSSVlIl • BORGQßSIVm . DQ BORGIi; 
vrgl. von Malverstedt in Gesch. Bl.V (1870) S. 276— 278 m.Abb. auf Taf 5. 

•Abb. bei Fr it« S. 24. 

' Seltsam missverstandene Abbildung und noch wunderlichere Erklärung bei Fritz S. 81. 

5* 



68 Kreis Jericbow I. 

TOD 1680. An seiner Stelle steht jetzt der Gasthof zum Roland. Vor dem Kauf- 
liaiiHe stand ehedem der 1581 anstelle eines älteren von 1541' in Holz errichtete, 
später durch einen steinernen ersetzte 
Roland,' der 1823 zerstört worden ist. 
Jedoch wurde der Kopf erbalten und ist 
seit 1861 an dem Gathofe zum Roland 
wieder aufgestellt {siehe Fig. 19). 

An Stelle des gegenwärtigen Amt^ 
gerichts stand bis 1846 die Ratsschenke 
oder Städtiscbe Weinschenke, die nach 
dem Prospekt von Alvensleben's (D) einen 
Turm mit 4 glockeuförmigen Ecktürmchen 
am Schweifdache besass. Über welchem 
sich eine kleine Laterne mit welscher 
Haube und Wetterfahne erhob. 

Von den alten Bürgerhäusern in 
Fachwerkbau kann nach den oben 
angeführten vielfachen Bränden nichts 
Beträchtliches mehr erhalten sein. Die 
wenigen noch erhaltenen, wie z. B. 
Kapellenstrasse Nr. 4 und 5 zeigen nichts 
Hg. 19. Burg. Kopt d« Roland. Charakteristisches. Das einzige bemerkens- 

wertere ist das jetzt der Katholischen 
Gemeinde gehörige Haus Berliner Strasse Nr. 38 mit einer wohl modernisierten 
gotischen Thoreinfahrt und einfacher Schnitzerei an den Schwellenbalken u, s. w. 
mit der Inschrift: Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut Daniel Storck. 
Anno 1589. Das Haus Brüderstrasse 54, jetzt Feuerwehrgebäude, von 1556 
hat ein steinernes Rundbogenportal mit den bekannten sächsischen Ecksitznischen, 
aber sehr einfach und gänzlich überarbeitet 

Endlich ist der im Gebäude der ehemahgen Töchterschule hinter der Ober- 
kircUe aufgestellten Sammlung des Altertunis-Vereins zu gedenken. Biren 
Hauptinhalt bilden prähistorische Sachen. Unter dem übrigen Allerlei sind als 
in das Gebiet des Kunstgewerbes fallend zu erwähnen: 

Ein steinernes Normalgewicht von 55 Pfd., das aus einem alten roman- 
tischen Säulenkapitäl besteht. 

Eine kleine rundeGrisaillenscheibe mit der Darstellung eines segnenden 
Bischofs zwischen Bäumen (daher es der heil. Urban , wie angenommen wird, 
nicht sein kann), aus der 2. Hälfte des XVI. Jahrhunderts, aus der Kirche von 
Hohenwarthe stammend. 

Ein RUckenkreuz von einer Kasel, aus der Nikolaikirche stammend, in 

* Vrgl. Z5pfl, die Rolandsäule in Altert, des deutschen Reicha und Rechts III. S. 
264 f. m. Abb. — Palm in Gesch. Bl. XII (1877) 8. 319-S21. — Sello, G. EoUnda- 
Bildsäulen, in Magd.Zeitung Beiblatt 1890 S. 114. — B^ringuier, R. die Rolande Deutn^- 
lands 1890. S. IC? m. Abb. — Von einem BtQmper ergänzte ' willkadicbe Abbildung bei 
Frits, S.41. 



Burg. 69 

ziemlich grober und sehr verdorbener Plattstichstickerei auf Leinengrund, der 
mit rotierenden Goldfäden benäht ist. Auf dem Balken des Kreuzes oben Gott- 
Yater, rechts Thoraas, links Andreas als Brustbild. Zu den Füssen des Ge- 
kreuzigten ausser Maria und Johannes auch Magdalena und noch mehrere 
Figuren. Unten Petrus und Paulus in ganzer Figur. Um 1500. 

Eine ganze Kasel von rotem Sammet, ebendaher stammend. Der Ge- 
kreuzigte des Rückenkreuzes ist in Reliefstickerei hergestellt. Das Kreuz selbst 
in Applikationsstickerei mit Weinranken und Trauben bedeckt. Laut aufgenähter 
Inschrift erst 1666 von ANNA KORNS VON SCHONBECK gestiftet. 

Eine Anzahl von Siegel stempeln der alten Innungen, darunter der der 
Kaufmannsgilde von 1797 datiert.. Der von 1536 datierte der schon 1338 ge- 
gründeten Gilde der SCHOMAKER UND LOGERWER ist offenbar nur eine be- 
deutend spätere Nachahmung eines älteren. Der der Nagelschmiede ist in die 
Querschnittfläche einer starken Stahlstange eingeschnitten. Die der „S t e c k n a tl er" 
und „Pantoffelmacher" sind unbedeutend von Messing. 

Drei hölzerne Pfefferkuchenformen. Darunter zwei länglich rechteckige, 
von denen die grössere die Jahreszahl 1680 trägt und auf der Vorderseite einen 
Herren in der Modetracht der Zeit, auf der Rückseite ebenso eine Dame mit 
einem Papagei darstellt. Die kleinere enthält auf der Vorderseite einen Kur- 
fürsten in ganzer Figur mit dem sächsichen Wappenschilde zu den Füssen, auf 
der Rückseite kleiner die runden Formen eines Agnus dei und eines Doppel- 
adlers. Die dritte ist rund, ziemlich gross und enthält in einem Lorbeerkranze 
die Ganzfiguren eines Herren und einer Dame aus der gleichen Zeit 

Von alten Tabaksdosen sind zwei holländische mit gravierten Darstellungen 
der Schlacht von Doornilk (in Kupfer) und des Unterganges des Pharao (in 
Messing) und zwei der bekannten mit Reliefs von Schlachten Friedrichs des 
Grossen (bei Prag und bei Zomdorf) vorhanden. 

Eine Sammlung von 24 Holzstöcken zu Holzschnitten kleinen Formats 
aus der ehemaligen Colbatzkyschen Officin zu Burg stammend (der grössere Teil, 
auch grösseren Formats ist in das Altertums-Museum zu Lüneburg gekommen), 
von Hallenser Holzschneidern am Ende des XVIII. und in den ersten Jahr- 
zehnten des XIX. Jahrhunderts angefertigt, zeigt den Holzschnitt so ziemlich 
auf der tiefsten Stufe seines Verfalls, ähnlich den in derselben Officin gedruckten 
Holzschnitten der Chronik von Fritz. 

Endlich sind zu erwähnen mehrere Reste von dem Holzwerk ab- 
gebrochener ehemaliger Fachwerkhäuser der Stadt. Ein darunter befindlicher 
ehemaliger Thürbalken enthält die in geschnörkelten Zügen eingeschnitzte 
Inschrift:* 

Wenn Oott es giebt, so kann der Neid es hindern nicht 
Wenn's Oott nicht giebt, cdsd^Jinn die Arbeit nichts [ausrichtt] 
Georg Wegener — Katharine Heusingerin. Anno 1705. 



* VigL Burger Tageblatt 1894 Nr. 209. 



70 Kreis Jerichow I. 



Calenberge. 

[1209 Kalenberch 1533 Kalenberck.] 

Pfarrdorf an der alten Elbe, 10 km südöstlich von Magdeburg, früher im 
Besitze des Klosters Berge, bei der kursächsischen Kirchenvisitation 1533 jedoch 
zum Amte Gommem gerechnet. 

Die Kirche, fiskalischen (ehemals Kloster Bergenschen) Patronats, in der 
Mitte des Dorfes an der Westseite der NS-Dorfetrasse, ist ein Neubau von 1882. 
Von der alten Ausstattung sind erhalten zwei Altarleuchter von Messing in 
Barockform, gestiftet laut Inschrift 1664 von Gatrina Fielen, und die grössere 
Glocke von 0,82 m Durchmesser. Sie trägt am Halse den Spruch: SOLI DEO 
GLORIA, darunter achtmal ein 0,095 m langes Relief mit einer abgekürzten Mater 
misericordiae oder Caritas in einer Blattguirlande, dazwischen kehrt immer ein 
ebenso langer abwärts gekehrter Lilienstab wieder. Am Körper auf der einen 
Seite Wappen und Untersclu-ift des SIMON FRIDERICH WOLFART ABBAS 
BERGENSI8 im quadrierten Schilde — sein persönliches Wappenbild ist ein nach 
rechts springender Wolf, der mit rückwärts nach links gekehrtem Rachen eine 
Gans erschnappt, ein sonderbar humoristisches Spiel mit dem Doppelsinn seines 
Familiennamens — auf der andern Seite die Namen von Pastor, Schulze, Kirchen- 
vorstehem etc. und: lOHANN GOTTFRIED WENTZEL GOS MICH ANNO 170B. 
Die kleinere Glocke ist ein Neuguss von Gebr. Ulrich in Apolda 1886. Ein 
silbervergoldeter Kelch von 1664 ist ganz einfach, nur mit einem Kreuz als 
signaculum auf dem Fusse versehen. An der südlichen Mauer des nicht mehr 
benutzten Kirchhofes steht jetzt der früher in der Kirche vor dem Altare gelegene, 
daher stark abgetretene sandsteineme Reliefgrabstein des zu Galenberge am 
61. Oktober (Jalu-eszahl ist völlig abgetreten, um 1600) verstorbenen „Erbaren'^ 
Simon Wiede, ein barhäuptiger Geharnischter stehend, das Gesicht nach rechts 
gewendet, mit sehr krausem Haar und steifer Halskrause; vier Ahnen wappen in 
den Ecken. 

Aussen an der östlichen Kirchhofsmauer ist noch einmal das Wappen des 
Abtes Wolfart mit der Jahreszahl 1701 aus Sandstein, gross, sehr wohl erhalten, 
eingemauert, auch an den Pfeilern des Thorweges zum Kirchhofe mehrere alte 
Wappenreliefs aus Sandstein, so dasjenige des EBELINGK ALEMAN 1591,^ auch 
einige bürgerliche von 1700, deren Namen nicht mehr lesbar sind. 

Calitz. 

[Im Mittelalter, z. B. 1282, 1306, 1457, 1459 stets Colditz, um 1700 Calitzsch, 
um 1800 auch Kahlitz geschrieben.] 

Kirchdorf mit Kittergut, 4 km westsüdwestlich von Loburg. 

1292 cum Omnibus pertinentiis von Erzbischof Erich dem Kloster Lehnin 
geschenkt, geht es 1457 mit dem gesamten Besitz des Klosters in und um Loburg 
an die von Barby über. 1459 wird es in der Brandenburger Matrikel als deseria 

^ Vrgl. Denkschrift über die Familie von Alemann. Magdeburg 1890. — Es ist wohl nicht 
der dort unter Nr. 144 als ,,£rbsflS8 auf Kaienberge f 1631*' aufgeführte, sondern dessen 
Vater Nr. 142 „Kämmerer f 1618". 



Galenberge. Calitz. 71 



bezeichnet Bei der Kirchen Visitation 1562 kommt es nicht vor, insonderheit 
nicht als Filial von Dalchau, vielleicht weil es mit den andern ehemals Lehninischen 
Gütern der von Barby bis 1598 noch unter Kurbrandenburgischer Lehnshoheit 
stand. 1770 wurde es von dem Major Friedr. Gust. von Barby an Gerlach Erich 
von Münchhausen von der Linie Neuhaus -Ijeitzkau verkauft, und ist noch jetzt 
im Besitz von dessen Nachkommen. 

Die Kirche, Filial, eigentlich mater conjuncta zu Dalchau, unter dem 
Patronat der Gutsherrschaft, südlich der Strasse gegenüber dem Gutsgebäude 
inmitten des Kirchhofs gelegen, ist ein einfaches Oblong in geputztem Feld- 
steinbau, dessen vielleicht noch in die mittelalterliche Zeit zurückreichender 
Kern im ersten Drittel des XVIII. Jahrhunderts einen Um- und Emeuerungs- 
bau erfahren hat Diesem gehören die länglichen Rundbogenfenster (je vier an 
den Langseiten, zwei in der graden Ostwand), der reich profilierte Putzbewurf, 
der das alte hölzerne Dacbgesims verbirgt, der eine stark verwüstete Voluten- 
architektur in Backstein zeigende Ostgiebel, die Versuche einer Pilasterdekoration 
an der nördlichen Eingangsthür und dem westlich von dieser vorgebauten 
Treppenhause zu der gutsherrlichen Prieche und der aus dem Westgiebel in 
Putzbau sich erhebende Fachwerkturm mit Schweifdach, achteckiger offener 
Laterne und wälscher Haube, in deren Wetterfahne das von Barbysche Wappen. 
Unten in der Westwand führt ein roher Eingang in ein Grabgewölbe unter der 
herrschaftlichen Prieche. 

Im Innern ist die flache Decke gegipst und mit einigen einfachen Bahmen- 
profilen gegliedert Der Altar hat noch die alte Sandsteinplatte, einen ehemaligen 
Grabstein, dessen eingravierte Umrissfigur und Umschrift aber gänzlich ver- 
wischt sind ; die Beliquiengruft oben in der Mitte ist vorhanden, die Weihekreuze 
fehlen aber. Der architektonische Aufbau in bemaltem und vergoldetem Holz 
enthält zugleich über der mit einem breiten Gemälde der Einsetzung des heil. 
Abendmahls ausgefüllten Staffel die von den Rundfiguren des Moses und des 
Täufers flankierte Kanzel, an deren vortretendem Polygon Malereien der 
Kreuzigungsgruppe und der vier Evangelisten, und ist durch die Seitenthüren 
für den Umgang der Kommunikanten mit zwei die Ostecken ausfüllenden 
Priechen in Verbindung gesetzt. Malereien wie Schnitzwerk daran sind gleich 
hässlich, jedoch zeigt das mittelste Schlussstück über der Kanzel sowohl in der 
Figur des Salvator mit der Siegesfahne und zweier ihn in Wolken umschwebenden 
Engel als im Ornament bessere Formen. Auf dem Altare stehen zwei kleine 
Leuchter von vergoldetem Messing in guten Formen, gestiftetl6. September 1726, 
laut Inschrift mit dem Allianz wappen des F(riedrich) V(on) B(arby) und der 
A(nna) V(on) T(hümen). Dasselbe mit den nach der Sitte der Zeit gegenseitig 
verschlungenen Monogrammen des Ehepaars und 1744 kehrt auch vorn an der 
alten Altardecke von rotem Tuche wieder. 

Dasselbe noch einmal, aber ohne Jahreszahl und Monogramm, oben am 
Gehäuse der alten Miniatur-Orgel, welches, ohne Pfeifen im Prospekt, ganz 
leidliche Barockformen noch ohne Einmischung des Rokoko, in dem weiss, rot 
und gold staffierten, durchbrochen geschnitzen Ornament aufwies, seit 1896 aber 
einer neuen Orgel Platz gemacht hat und zerstört ist. 

Die Taufschüssel von Messing mit dem englischen Grusse und der 



72 Kreis Jerichow I. 



bekannten rätselhaften Umschrift im Fond, während auf dem Rande eine Reihe 
sechsstrahliger Sterne und eine zweite von Blümchen eingeschlagen ist, wird von 
einem sehr hässlichen lebensgrossen , ausnahmsweise stehenden, hölzernen 
Taufengel gehalten. Die Taufwasserkanne von Messing aus der Zeit des 
Emeuerungsbaus der Kirche ist von zwei Bändern eingepunzter Blattranken 
umgeben. Die Seitenwangen des Gestühls sind mit Blumenstücken in rötlichem 
Gesamtton (ähnlich wie in Brietzke) bemalt 

Yon familiengeschichtlichem Interesse ist ein an der Südwand neben der 
herrschaftlichen Prieche hängendes grosses Ölbild, welches mit vielen bio- 
graphischen Beischriften eine v. Barbysche Familie darstellt, die unter dem 
grossen Crucifixus kniet, welchen oben, wie aus einer Fensteröffnung gesehen. 
Wolken mit lebhaft scheinender Sonne umgeben. Oben in der rechten 
Ecke steht: 

Copey b€& Original Epitaphium 

XOeMfe^ 3uv 2^fe (5otted unb 3uv 
IBtwtdmq ha üaöftommtn iß Reno 

viret toonben. Friedrich von Barby 
Anno 1729 beit 24. Julij. 

Darunter das. von Barbysche Wappen und unter diesem weiter: Hans von 
Barby bef Jünger &h\fav 3tt 3ftetbi^ (£ali^ unb &oia VOion^U (verschrieben 
für Wanzka) in Qlecflenbuvg ftafb Anno 1583 ben 9- Julij Dies ist der unten 
rechts vor dem Gekreuzigten auf grünem Kissen kniende barhäuptige graubärtige 
Edelmann im schwarzen Anzüge und Pelzrock; ein hinter ihm stehender Engel 
weist 'ihn zu dem Gekreuzigten hinauf. Neben seinem Haupte steht übrigens 
die Jahreszahl 1580. Zu seiner Rechten knien zwei männliche, zur Linken fünf 
w^eibliche Personen, über deren Häuptern jedesmal biographische Notizen stehen. 
Es sind auf der rechten Seite, von rechts nach links: 1. Johann ,$riebri(^ VOVL 

:&av\>}} fverite iHavien von Svedtau au| bem l&aufe S^^lagenttn. Diefef ift fammt 
hev S^an unb einzige tLo^ta Anno 1607 ben 8. Aug. an bev peftilenft ftovbm; 

kleiner Schnurrbart, schwarzer Anzug, grünes Kniekissen. 2. Knbvead POH 

^aviif. 3Dief etF ift Anno 1603 t>en i. Octo. 3tt Serlin evfioöfen ; bartlos. Auf der 
linken Seite von links nach rechts: 1. SibiKa gebobrene 35r£nbtn von Ctnbau auf 
bcm %aufe IDiefenburg %an0 ton JSaviif bee Jfingevn fibl. 1&au|f. ßavb Anno 
1590 hen 8. Febn 2. Cuctetia von 35ai?bv, 3obft 3Dltri(^?d von 'feerhigen 3tt 
(Btojsen XOcvhev 1B\fl ^au|. f. ftajb Anno 1609 b. 4. April. 3. iCnna von 
:Sarb9 Jkmo von IPHmerflorffd 3U Sre^enbnej^cn IBtfl %a. ^. ^avb Anno 1602 b. 
8. Jan 4. (Slifabetb ^on iSarb? £afpav von Kanbaue 3u 5epperni(( <Ebl. lbau%f. 
ftarb Anno 1618. 5. ^tgnefa von ISavbrf (Ebnftopb von ttle^boiffd (für Watz- 

dorfs) 3U Steten &fl 'han^ S. ftarb Anno 1627 b. i. Maij. Die letzeren vier, 
die Töchter des Ehepaars, offenbar dem Alter nach geordnet und alle in völlig 
gleich massiger Kleidung, Haarnetzen, schwarzen Kleidern, goldenen Ketten mit 
Anhängern u. s. w. sind in noch sehr jugendlichem Alter dargestellt, die bio- 
graphischen Notizen also erst lange nach Fertigstellung des Bildes hinzugefügt 
Wann dasselbe restauriert ist, erhellt aus der Inschrift; es ist in Form und 
Farbe sehr rohe Handwerksarbeit, das Original aber, offenbar einem letzten Aus- 



Galitz. Cöpemitz. Gdrbelitz. 73 



läufer der Kranachschen Schule angehörig, scheint besser gewesen zu sein. Das- 
selbe wird nach der Jahreszahl neben dem Kopfe des Familienvaters noch bei 
dessen Lebzeiten 1580 entstanden se^n. Oben links befinden sich neben dem 
Gekreuzigten übrigens noch die vier Ahnen wappen der Frau und mehrere Sprüche:. 

Sonst hängt in der Kirche von Ölgemälden auf Leinwand noch an der Süd- 
wand, ehemals über der Orgel, das leidlich gemalte Brustbild eines jungen Herrn in 
AUonge-Ferücke, Kürass und rotem Mantel, welches, nach einer langen Inschrift 
auf der Bückseite den Restaurator der Kirche Friedrich von Barby darstellt und 
nach seinem Tode 1747 von der Wittwe in die Kirche gestiftet ist, und gegen- 
über an der Nordwand ein hässlicher und verdorbener Eccehomo um 1700. Das 
früher darunter hängende bescheidene Brustbild des Oerlach Erich von Münch- 
hausen (1740—1791) in schreiend blauem Sammetrock, ist jetzt nach Schloss Neu- 
haus-Leitzkau gebracht worden. 

Die Glocken im Turm von 1746 mit 0^ m und von 1747 mit 0,68 m 
Durchmesser sind beide von Christian See aus Magdeburg gegossen. 

Cöpemitz. 

[1428 Kopemicz und Copernitz.] 

Ehemals Ziesarsches Amtsdorf an der Buckau, 2^3 km südoststidlich von 
Ziesar. 

Die Kirche, Filial zu Bücknitz, fiskalischen Patronats, südlich der WO- 
Dorfstrasse gelegen, ist ein Neubau in Backstein. Von der alten Einrichtung ist nur 
die kleinere Glocke von 0,55 m Durchmesser erhalten, welche^ nach der Inschrift 
am Körper, 1759 von Johann Friedrich Thiele in Berlin gegossen ist, und 
sonst nur noch am Halse zwischen Arabesken- und Akanthusblatt- Friesen den 
Spruch SOLI DEO GLORIA trägt Die grössere von 0,85 m Durchm. ist ein 
Neuguss von H. Engelcke in Halberstadt von 1833, etwas besserer Qualität als 
sonst die Erzeugnisse dieser Firma. 

Cörbelitz. 

[1015, 1197 und 1224 Carbeliz, im XIV. und XV. Jahrhundert Kerbelist und 
Kerbelitz auch Kerwelitz.] 

Ffarrdorf, IP/g km nordöstlich von Magdeburg und südsüdwestlich von 
Burg, 1015 dem Kloster U.L. Fr. zu Magdeburg geschenkt, später jedoch immer, 
bis zur Aufhebung des Domkapitels, im Besitze der Dompropstei daselbst. Von 
einer nach dem Orte genannten Familie kommt zuerst tridericus de Carheliz 
1197 als in Seedorf begütert urkundlich vor. Die Gegend war unter Friedrich 
d. Gr. Schauplatz der alljährlich wiederkehrenden Manöver der Truppen der 
Provinz (s. oben S. 32). 

Die Kirche, nach Ausweis des alten Gemeindesiegels im Verwahrsam des 
Pfarrers: St. Pancratii, 1224 noch filia zu Woltersdorf, während jetzt das Ver- 
hältnis umgekehrt ist, fiskalischen Patronats (früher des Officialats des Magde- 
burger Erzstifts), im nördlichen Teile des Dorfes östlich von einer NS- Strasse 
desselben inmitten des nicht mehr benutzen Kirchhofes gelegen, ist ein ein- 
schiffiger romanischer Feldsteinbau nach Schema I, jedoch scheint hier der breite 



74 Kreis Jerichow I. 



Westturm mit 4 resp. 2 sehr rohen, in der unteren Hälfte vermauerten Schall- 
öffnungen auf den 4 Seiten der Olockenstube, da Auswahl und Schichtung seines 
Materials eine viel schlechtere ist als beim Schiffe, erst später, vielleicht erst 
nach der 1378 gemeldeten Verbrennung des Ortes der ursprünglich ganz glatten 
und festgeschlossenen Westwand des Schiffs, in welche der gegenwärtige kleine, 
unregelmässig sitzende Eingang aus dem Tunne ert später eingebrochen ist, vor- 
gebaut zu sein. Eine scharfe Fuge beim Zusammenstoss mit den Schiff smauem 
ist zwar nicht vorhanden, aber sehr schlimme Risse im Mauerwerk. Die vier 
Fenster an der Nordseite des Schiffs und das vermauerte eine an der des Altar- 
hauses sind noch in der ursprünglichen Form erhalten, alle andern sind ver- 
ändert. Die Priesterthür an der Südseite des Altarhauses und die Laienthüren 
an der Nord- und Südseite des Schiffs sind vermauert, der Eintritt geschiebt 
jetzt ausschliesslich durch die Südseite des Turmes. 

Im Innern sind Triumph- und Apsisbogen ganz schlicht Die flache Decke 
des Schiffs und des Altarhauses ist mit grossem Kankenwerk der Barockzeit, 
zwischen dem einige Engel erscheinen, bemalt, ähnlich, aber viel geringer wie 
ehemals in Parchau und sehr verdorben. Die Brüstungen des Gestühls im Altar- 
hause sind mit neutestamentlichen , die der Orgel- und Nordempore mit alt- 
tostamentlichen biblischen Geschichten imd Fruchtstücken auf braunem Grunde 
bemalt. Sonst ist das gesamte Gestühl an allen Seiten marmoriert, wohl nur als 
Ersatz für eine ehemals vorhanden gewesene, aber allmählich abgescheuerte 
ähnliche Bemalung. 

Diese Bemalung ist offenbar gleichzeitig mit dem Altar auf bau mit Säulen 
und Bretzelornament und dem Gemälde der Kreuzigungsgruppe über dem h. 
Abendmahl in der Staffel, w^elcher laut Inschrift an der Rückseite 1681 
gemalt ist. 

Die Orgel mit 3 Türmen und einfachem, aber gefälligem Ornament des 
Überganges in das Rokoko in unbemaltem Kiefernholz scheint etwas jüngeren 
Alters zu sein. 

Der Taufstein aus Sandstein, ganz einfach gotisch, ist achteckig, von 
0,94 m Durchm. übereck. Die dazu gehörige Mossing-Taufschüssel in der 
bekannten Form mit dem Einhorn zwischen phantastischem Laubwerk im Fond, 
während der Rand mit Weintrauben innerhalb ebenfalls ganz phantastischen 
Laubwerks bedeckt ist, jedoch ohne eine der bekannten Inschriften und ohne 
Datierung, befindet sich beim Pfarrer. 

Im Altarhause an der Nord wand hängt ein sehr grosses prätentiöses öl- 
portrait auf Leinwand in schwarzem Rahmen mit der Ganzfigur des Pastors 
Wirich Gerhard von der Hardt, geb. Duisburg 1677, gest. 1712, sehr nach- 
geschwärzt und verstaubt, das unterste Drittel ganz verdorben und schwarz über- 
strichen. 

Von den Glocken ist die kleinere von 0,56 m Durchm. durch Inschrift auf 
dem Schlag: GEORG SCHREIBER ME FEGIT 1652 datiert, darüber 2 Inschriftreihen 
mit den Namen der Ortsbehörden etc.; die grössere ist ein Umguss von Gebr. 
Ulrich in Apolda 1861. 



Gracau. 75 

Cracau.i 

[Im Mittelalter durcbgehends Cracowe geschrieben.] 

Pfarrdorf an der Elbe, 2 km südöstlich von Magdeburg, von ältester Zeit 
her im Besitze der Dompropstei zu Magdeburg — jedoch hatten auch das Marien- 
kloster und das Lorenzkloster der Neustadt mancherlei Eigentum daselbst — 
besonders bemerkenswert durch die urkundlich erhaltenen Nachrichten über die 
näheren Umstände und Bedingungen der Ansiedelung holländischer Kolonisten 
Ton 1158 resp. 1166; in den Kriegen um Magdeburg, namentlich auch im dreissig- 
jährigen oftmals und gründlich zerstört. 

Die Kirche SiBriccii, fiskalischen Patronats, ehemals der Dompropstei, in der 
Mitte des Dorfes südlich der NW— SO-Dorfstrasse gelegen, ist in ihrem niedrigen, 
einschiffigen, dreiseitig geschlossenen, flachgedeckten rohen Bruchsteinbau des 
Schiffs, in welchem die aussen in schlechten Rundbogen aus einfach abgerundeten 
Backsteinen hergestellten Fenster innen von im Stichbogen geschlossenen Blend- 
nischen umrahmt sind, offenbar erst nach den Zerstörungen des dreissigjährigen 
Krieges ganz neu aufgeführt Dazu stimmt die auf einer Tafel über der südlichen 
Eingangsthür befindliche Inschrift: 

M . HOMMEL 

H • H - MAN 

ANNO 

1661. 

Dagegen ist der breite Westturm, dessen Ecken auf allen Seiten von unten 
bis oben aus sorgfältig bearbeiteten Sandsteinquadem aufgeführt sind, sicher dem 
ursprünglichen Bau angehörig, nur die Yermauerung bis auf '/s Höhe und der 
stumpfwinklige Abschluss seiner Schallöffnungen, sowie sein niedriges Walmdach 
sind der Zeit des Schiffsbaues zuzuschreiben. 

Die Altar platte ist ein grosser Leichenstein des XIV. Jahrhunderts, Bild 
und Schrift jedoch durch Überschmierung mit Kalk unkenntlich geworden, sodass 
sie schon Wiggert nicht mehr entziffern konnte. Derselbe erwähnt einen als 
Tritt in die nördliche Thür dienenden Grabstein von 1484, der oben dreiseitig 
schliessend das eingegrabene Bild eines bejahrten Priesters trage mit der 
Umschrift : 

Anno dnTM° CCCC° LXXX^ im° in vigilia 

natio^ Marie [i. e. 7. Septbr.] o' hon' vir 

dns [henj ricus Wen . . . [Wiggert ergänzt 

Wenk oder Wentz] h' ecclie plebanus 

c [uius anima requie] scat in pace amen. 

Ich habe denselben ebensowenig gefunden wie eine Taufschüssel von Messing 
mit der Verkündigung im Fond und der unleserlichen Legende. 

Von den Glocken ist die kleinste, aus dem Stifte Walbeck stammende 
ohne allen Schmuck, von sehr gestreckter Form, Höhe 0,50 m, Durchmesser unten 



> Vrgl.: Wiggert, S. 121 f, - Adler, Kolonien 8 9.- Lot 2; I S. 865, 



76 Kreis Jeriehow I. 




0^3 m, oben am Halse nur 0,205 m; die ganz runde Haube wird oben durch 
eine horizontale Platte abß:eschlossen, der Übergang zum Schlagringe ist durch 
einen kräftigen Absatz von stumpfwinkligem Querschnitt bezeichnet Eine 
Abbildung der Glocke ist bereits im Band XX, S. 174, Abb. 81 dieses Denkmäler- 
werkes gegeben, und danach hier Fig. 20 wiederholt. Die zweite Glocke von 

0,78 m Durchmesser ist 1755 von Christian 
Gotthold Ziegener in Magdeburg gegossen) 
die dritte und grösste ein Neuguss von C. H. 
Stützer in Bennekenstein 1843. 

Sehr bemerkenswert sind 15 ehemals auf dem 
Kirchhof gestandene, schon seit alter Zeit (denn 
schon T ho r s c h m id t antiqq. Plocc. S. 48 erwähnt 
sie so) in die Strassenseite der nördlichen Kirch- 
hofsmauer in gleicher Flucht mit derselben ein- 
gemauerte mittelalterliahe bäuerliche 6 r abk r e uze 
aus Sandstein.^ Wiggert hat ihi-er nur 10 er- 
wähnt, es sind aber die von Thorschmidt ge- 
' ■ ^ ^ . sehenen 15 noch vollständig erhalten. Das be- 

^i«-^- merkenswerteste durch seine klassisch einfache 

eins« oc e. Form und seine Inschrift ist das von Sello unter 

Fig. 1 abgebildete 0,13 m hohe und 0,58 m breite 
von 1372 mit der Majuskelinschrift ÜIRO || DEI" || OT || 000 : LXXU || DßlaÄ || 

Die ÄCTQ fliiRTiPi o'ß ii lao II LÄV II 3 . R II op II pe II [K'i\j2 II [PÄaje h 

[ÄfllQI?] -- das Eingeklammerte nicht mehr lesbar. Ein anderes kleineres und 

y 

einfacheres hat nur die Minuskelinschrift NIkckC iü tXüt0' Durch die Einlassung 
in die Mauer ist leider unmöglich gemacht festzustellen, ob auch die Rückseiten 
später zu neuen Inschriften benutzt sind, wie zu Hohenwarthe. 

Dalchau. 

11161 Dalchowe, 1217 Dalechowe, 1234 Dalachowe, 1306Dalchou, 1562Dalchaw} 
Pfarrdorf 4 km südöstlich von Möckern, 1161 zuerst urkundlich erwähnt als zum 
Burgward Möckern (nicht Loburg, wie gewöhnlich ausgelegt wird) gehörig, und 
so auch später immer zur Herrschaft Möckern gehörig und deren Schicksale 
teilend. Eine Familie von Dalchow kommt im XIV. Jahrhundert mehrfach 
urkundlich vor, jedoch scheint diese nach dem in der Altmark bei Arneburg an 
der Elbe belegenen D. genannt zu sein. 

Handschriftliche Nachrichten über Ort und Kirche während und nach der 
Zeit des dreissigjährigen Krieges sind in sehr sorgfältiger und ausführlicher 
Weise von dem Pfarrer Küderling 1707 im Kirchenbuche zusammengestellt 
und auch von Abel in seiner handschriftlichen Chronik von Möckern fleissig 
benutzt worden. 

Die Kirche, willkürlich in neuerer Zeit St Annae tituliert, wird bereits 
1161 ausdrücklich urkundlich erwähnt, ist also eine der ältesten des Kreises, und 



* Vi gl. über dieselben G. S(ello) in Gesch.-Bl. XXVil (1892) S. 389 f. mit 2 Taf., auf 
denen 5, die haupUäch liebsten Variationen der Form vertretende abgebildet sind. 



Dalchan. 77 



zwar wird sie ausdrücklich Ton den übrigen der Burgwarde Loburg und Möckern 
ausgenommen, über deren Zugehörigkeit zu den Archidiakonaten von Leitzkau 
oder Brandenburg einander schnurstracks widersprechende Bestimmungen 
getroffen worden sind (siehe oben Einleitung S. 18), gehört aber später immer 
zur sedes Leitzkau, so 1459. Das Patronat über dieselbe wurde 1294 von den 
Grafen von Lindow, als Inhabern der Herrschaft Möckern an das Kloster Lehnin 
geschenkt, kam 1457 mit dessen ganzem Besitz in dieser Gegend an die von 
Barby und wurde 1650 von diesen an die Besitzer von Schloss Möckern ver- 
kauft, bei denen es noch heute ist. Die Pfarrer waren im Anfange des 
XYI. Jahrhunderts Mitglieder der Elendengilde zu Möckern, derjenige zur Zeit 
der Visitation, Namens Sebastian Honigmund, war 14 Jahre lang ein Pauler- 
Mönch und Famulus Tetzels auf dessen Ablasskram-Reisen gewesen. 

Die in der Mitte des Dorfes nördlich der WO-Strasse inmitten des ehemaligen 
Kirchhofes von sehr unebenem Terrain gelegene Kirche ist in der Hauptsache 
noch das wohl schon 1161 bestandene Gebäude, ein einschiffiger romanischer 
Feldsteinbau ursprünglich nach Schema I, der aber bereits im frühen Mittelalter 
einem Erweiterungsbau und nach den Verwüstungen des dreissigjährigen Krieges 




U i ! 1 t T- 

Fig. 21. Dalchau. Kirche. Grundriss. 

einem Erneuerungsbau 1677—1702 erfahren hat, über welchen letzteren Küder- 
ling ausführlich berichtet. Vom ältesten Bau bis auf die Vergrösserungen der 
Fenster wesentlich unverändert erhalten ist das 4 Fenster lange Schiff mit Thür 
an der Südseite und der Unterbau des breiten Westturms, dessen durch einen 
Ton zwei fensterartigen Rundbogenöffnungen begleiteten grossen Rundbogen 
gegen das Schiff geöffnete Ostwand jetzt in der Höhe der Schiffsmauem aufhört 
Die gegenwärtige Gestaltung des Turms als eines an einen aus dem Westgiebel 
aufsteigenden Aufbau nach Schema II gelehnten und östiich auf dem Strumpf der Ost- 
mauer ruhenden Fachwerkbaus mit niedrigem Zeltdache gehört der Wiederherstellung 
von 1677 an ebenso wie der Dachstuhl, dessen First wie der erhaltene alte Ost- 
giebel des Schiffs ausweist, um ^/g m niedriger als ursprünglich gelegt ist. 
Altarhaus und Apsis sind in einer für eine Dorfkirche sehr merkwürdigen Weise 
vergrössert worden, das Altarhaus mit 3 Fenstern jederseits, von denen die nörd- 
lichen meist vermauert sind, ist fast ebenso lang als das Schiff, und aus dem- 
selben springt eine Apsis in der seltenen Form von sieben Seiten eines Zehn- 
ecks heraus, von denen die beiden dem Altarhause nächsten kürzer, sämtliche 
übrigen fünf aber mit Fenstern versehen sind (siehe den Grundriss Fig. 21). 



78 Kreis Jerichow I. 



An Altarbaus und Apsis sind nur die unteren Teile der Wände bis etwa 
auf Manneshöhe über dem gegenwärtigen Eircfahofsterrain von Feldstein, weiter 
bat also das Material des abgerissenen alten Ghorbaues nicht gereicht; weiter 
hinauf sind Gommernsche Bruchsteine verwandt, nur an den Kanten scharf 
und sauber behauene Feldsteine. Ob wenigstens die Apsis auf Einwölbong be- 
rechnet gewesen ist, lässt sich nicht sagen, da aussen keine Strebepfeiler Tor- 
banden sind, innen aber der Wiederherstellungsbau alles gründlich verändert 
hat namentlich auch die Fenster der Apsis, deren Mauern dadurch in eine sehr 
gefährdete Verfassung gekommen sind. Jedoch ist die Stärke dieser Apsismauem 
für eine Einwölbung wohl kaum ausreichend gewesen. Innen ist der Apsisnium 
um drei Stufen gegen das Schiff erhöht, ohne dass je von einer Oruft darunter 
eine Spur nachgewiesen wäre. Welchen Ursachen diese ganze für eine Dorf- 
kirche auffällige Erweiterung und Anordnung zuzuschreiben ist, liegt völlig im 
Dunkeln. An der Nordseite des Altarhauses befand sich ehemals eine gewölbte 
Sakristei, welche zu Abels Zeit abgerissen worden ist, aber ihre vermauerte 
Thür nach dem Altarhause ist noch erhalten. Abel hat eine Inschrift auf- 
bewahrt, welche über ihren Bau und den Namen des Baumeisters Auskunft 
giebt: 

Hoc opus inchoatum anno Domini 

M^ 516 et completum Sabbato 

Bonifacii per Rectorem Divinorum 

Mathias Gualter, aedificatorem 

Hans Wilcke, Vitricos ecclesie 

Hans Golden et Hans Hevnecke. 

Von der alten Einrichtung der Kirche ist erhalten ein kleiner bemalter 
Schnitzaltar von sehr geringer Arbeit, schlecht gehalten und in der Bemalung 
höchst ungeschickt mit Ölfarben erneut. In der Mitte des Schreins steht in 
einer grösseren Nische die Himmelskönigin, neben ihr in flacheren Nischen und 
kleineren Figuren beiderseits je zwei männliche über zwei weiblichen Heiligen, 
in den Flügeln in zwei Reihen zu je drei übereinander die zwölf Apostel, von 
denen jedoch zwei zum Ersatz für verloren gegangene männliche Heilige in 
den Schrein selbst gesetzt sind. Von diesen männlichen ist nur noch ein 
Bischof und ein Diakon, beide ohne Attribute, erhalten, die weiblichen sind 
Katharina, Margareta und Barbara und eine mit einem bärtigen schwarzen 
Haupte in der Hand — vielleicht eine Regula? oder gar eine ungewöhnliche 
Judith? Die Aussenseiten der Flügel und die Staffel sind überschmiert, der 
ganze Schrein oben von einem wohl noch mittelalterlichen kleinen Crucifixus 
gekrönt. 

Der Taufstein aus Sandstein, achteckig von etwa 0,90 Durchmesser, das 
Becken kamiesertig zum Ständer abgeschweift, sonst ganz einfach, schiecht ge- 
halten, hat oben noch die Löcher, in denen Charnier und Schloss für den Ver- 
schlussdeckel gesessen haben. Die Messing-Taufschüssel hat im Fond den 
Sündenfall und die unerklärte Umschrift, auf dem Rande ist ein Kranz von 
Lilienblumen eingeschlagen. 

An die Wand hinter der Kanzel ist jetzt der sehr verwitterte Rest eines 
Grabsteines mit der eingravierten CTmrissfigur eines Priesters gestellt, welcher 



Dalchan. Dangelsdorf. Detershagen. 79 



den Kelch mit beiden unter dessen Fuss gelegten Händen trägt Der obere Teil 
des Steines, oberwärts des Mundes ist weggeschlagen, auch die Umschrift in 

schönen Majuskeln nur bruchstückweise erhalten Ij CII . . . DIS . ßC \\ 

CÄTÖDW ... II BÄH II V3 . DCÄLCIiOV . CVI . AIR . 

RflQ 

Von den Glocken ist die grössere (Durchmesser 0,965 m) von Johann 
Gottfried Wentzel aus Magdeburg 1705 gegossen. Sie trägt am Halse den 
Spruch SOLI DEO GLORIA und dort^ wie am Schlag hübsches Rankenomament 
auf dem Körper einen grossen, stark erhabenen Crudfixus und zu dessen beiden Seiten 
die Namen von Pastor, Patron, Kirchenvorstehern u. s. w. Zu ihr gehörte ur- 
sprünglich eine zweite gleichzeitig von demselben Meister gegossene kleinere, 
davon Küderling berichtet: „Der Klang und Thon dero Glocken ist lieblich und 
einer qvarten intervall von einander erhöhet, welches wenn sie beyde gezogen 
werden einen feinen harmonischen klang verursachet, und fürnemlich in der ferne 
anmuthig zuhören ist" Sie ist 1733 durch Christian See in Magdeburg 
umgegossen und ebenfalls mit den Namen von Patron, Pastor etc. bedeckt; 
Durchmesser 0,75 m. 

Dangelsdorf. 

[1452 Danckilstorff, 1465 Dankelstorff, 1569 Tangsdorf] jetzt nur ein kleines 
Vorwerk mit Ziegelei 3Vs km östlich von Goerzke, bereits 1375 wüste Dorfstätte 
und 1465 zur Hälfte dem Bischof von Brandenburg vereignet. 

Die 1 km nördlich vom jetzigen Vorwerk gelegene Ruine der Kirche 
stammt von einem rohen einschiffigen Feldsteinbau nach Schema 11, aber ohne 
Apsis. Vom Chor steht noch die im Lichten etwa 5 m lange Ostwand in etwa 
5 m Höhe, in derselben etwa 2 m über dem Erdboden ein etwa 1 m hohes aber 
nur 0,20 m breites (die innere Laibungsöffnung jedoch 0,75 m) im rohen Spitz- 
bogen geschlossenes Fenster. Von den Schiffsmauem stehen überall noch Reste 
in halber Manneshöhe zu Tage, jedoch alles so dicht mit Gestrüpp und Busch- 
werk durchwachsen, dass eine genauere Vermessung völlig unmöglich ist Von 
der Westmauer mit dem rechteckigen Mittelaufsatze des Giebels ist die nördliche 
Ecke stark mitgenommen, die südliche mit schön scharfkantigen Ecksteinen wohl 
erhalten. Sie ist jetzt noch 5,60 m, urspn'inglich wohl etwas über 6 m breit, 
nach allen Seiten springt noch ein schlichter Sockel um 0,20 bis 0,25 m vor. 

Detershagen. 

[1296 Tetershagen, 1301 Dytershagen 1562 Dettershagen.] 
Pfarrdorf, SV» km nordöstlich von Bahnhof Moser der Berlin-Magdeburger 
Eisenbahn, ehedem unter dem Amte Grabow, im XVI. Jahrhundert im Besitze 
der von Hopfekorb, im XVII. der von Klöden, im XVIII. zum Amte Niegripp 
gehörig. 

Die Kirche, deren Patronat in unbekannter Zeit an das Kloster Leitzkau 
und von da an die von Münchhausen auf Althaus-L. gekommen ist, am SO-Ende 
des Dorfes auf der Nordseite der NW-SO-Strasse gelegen und mit dem Turme 
unmittelbar an dieselbe stossend, ist ein kleiner einschiffiger romanischer Feld- 
steinbau nach Schema I, jedoch ohne Altarhaus zwischen Schiff und Apsis; laut 



80 Kreis Jericbow I. 



Inschrift durch einen Erneuerungsbau 1684 verändert und auch nach einem 
Brande zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts in neuester Zeit, namentlich 
der Turm, der oben keine alte Glockenstube hat, sondern einen Abschluss in 
Fachwerk mit Satteldach, aus dem sich ein neues quadratisches Fachwerktürmchen 
mit Zeltdach erhebt. Auch die Rundbogenthür an der Südseite des Schiffs ist 
zugemauert, und der Eintritt geschieht jetzt lediglich durch den Turm und die 
zur Sakristei eingerichtete Apsis. Im Eingang zu dieser liegt als Trittplatte in 
den Fussboden eingelassen die alte Altar platte mit der Reliquiengruft und 
zwei Weihekreuzen. Sonst enthält die Kirche nichts Altertümliches mehr. 

Elbenau/ 

11311 El veno w, 1343 Eluennowe] 

Kirchdorf auf dem Elbenauer Werder, 6^/2 km südwestlich von Gommem. 
Ob es mit dem 840 unter den Besitzungen des Klosters Korvei aufgeführten 
Olva identisch sei, wie Winter vermutet hat, muss dahingestellt bleiben. Ur- 
kundlich wird es mit seiner Burg zuerst 1293 als im Besitze der Herzöge von 
Sachsen -Wittenberg befindlich erwähnt, welche es an das Erzstift versetzten, 
von dem es 1311 das Kloster Lehnin erwarb. Bald darauf kam es mit Ranies 
in die Hände der Bischöfe von Brandenburg, von denen es 1343 Herzog Rudolf 
von Sachsen- Wittenberg zurückerwarb, jedoch unter Lehnshoheit der Bischöfe 
die z. B. noch 1466 wieder erneuert wurde. Wann dieselbe aufgehört hat, 
ist nicht ersichtlich; später erscheint es unter kursächsischer ^ndeshoheit mit 
dem Amte Gommem vereint, dessen Schicksal es fortan teilte. 

Die Burg, auf der noch heute „Burgberg" genannten Erhöhung von 
300 Schritten Durchmesser, die rings von Niederungen und Wasserarmen um- 
schlossen ist, war noch im Anfang des XVI. Jahrhunderts Sitz eines Schloss- 
hauptmanns, später eines Forstmeisters, der zugleich Verwalter des Klosters 
Plötzke war, dann eines Schössers, zu Anfang des dreissigjährigen Krieges wieder 
eines Forstmeisters. Wann sie ganz eingegangen, erhellt nicht. Zu Thorschmidts 
Zeiten zeigte man noch die Trümmer der Burgkapelle ziemlich in der Mitte des 
Burghofes; jetzt ist von Baulichkeiten keine Spur mehr vorhanden. 

Die Kirche St. Pancratii, Filialjzu Plötzky, königlichen Patronats, in der 
Mitte des sehr zerstreut gebauten Dorfes auf erhöhter Stelle unweit der ehe- 
maligen Burg gelegen, ist ein bescheidenstes Rechteck in Fachwerkbau mit einem 
gleichen Westtürmchen mit offener achteckiger Laterne, dessen Entstehungszeit 
durch das Datum L. E. 1745 in der Wetterfahne bezeugt wird. Im Innern ist 
das ganze Gestühl vorn und hinten, die Kanzel und die Eraporenbrüstungen mit 
einfachem, aber höchst flott hingestrichenen, leider zum grossen Teil sehr 
abgeriebenen Rokoko -Ornament in Dunkelblau und Grau auf weissem Grunde 
in Leimfarben bemalt (Probe davon siehe Fig. 22). 

Der Altar, des Stipes hinten ein Schränkchen hat, ist noch der mittel- 
alterliche. Seine Platte ist ein ehemaliger Grabstein, von dem das unterste Stück 



^ Vrgl. Thorschmidt, Justus Christian, antiquitates Ploccenses et Elbenavienses 1725. — 
Winter, Frz., Wanderungen über den Elbenauer Werder, in Gesch. Bl. X (1876) 
S. 97-114. 



£lbeiian. FlOtz. 81 

weggehauen ist, mit eiogehauener Reliquiengruft. Die in Umrissen eingegrabene 
Figur stellt einen jungen barhäuptigen, gelockten, bartlosen Mann in langem 
pelzbesetztem Gewände dar, der in der Hechten ein aufgerichtetes Schwert tragt, 
und die Linke auf einen Schild mit 
nach links steigendem Löwen stützt. 
Die Umschrift in eingegraben Majuskeln 
lautet, so weit erhalten: 

+ Rum DOHi [Hl . iiaa ,i 

La . ] XV . BL . FQBRVÄRH 
DOMIH[VS heHl 

; viÄöi ■ vHmaRsa ■ oärkis ■ 

PaLiaiTGR aONPLaVIT. Die ein- 
geklammerten Buchstaben sind durch 
einen auf die Platte gesetzten Rokoko- 
Aufbau aus der Zeit der Wetterfahne 
verdeckt Thorschmidt, der sie noch 
gelesen bat, vermutet S. 105 in der Figur 
ein Bild Heinrichs L des Fetten, Stifters 
der Anhaltiner, oder seines gleich- 
namigen Sohnes. Daran ist schwer- 
lich zu denken, eine andere Person 
ist aber nicht dafür namhaft zu „»«-^ä-Eiben^a. Kirche 



Auf dem Altare stehen zwei 
hübsche zinnerne Barockleuchter in schon sehr geschweifter Form, gestiftet 
laut Inschrift 1678 von I.C.V.E.G.P. und W.D.V£.C.8.C.J. 

Tborschmidt erwähnt in der von ihm gesehenen Kirche viele Grabsteine 
der kursäcbsiscben Forstmeister von Walwite, von Bomsdorf, von Born etc. 
auch Fahnen und Schwerter von daselbst begrabenen Adeligen. Von letzteren 
ist nichts mehr vorhanden. Von Grabsteinen ist nur der eines am 11. April 1607 
verstorbenen Amtschüssers von Born im Schiff unter den Bänken vorhanden, 
mit der stark abgetretenen IHgur des geharnischten Verstorbenen in sehr hohem 
Rehef; die Umschrift ist zum Teil zerstört. 

Die Glocken sind Neugüsse von Ulrich. 

FlöU. 

[Das ö kurz zu sprechen, 1533 OfFlatz.] 

Kirchdorf 8 km südlich von Leitzkau, zum Amte Walter-Nienburg (s. das.) 
gehörig und dessen Schicksale teilend.' 

Die Kirche, Filial zu Waltemienburg und Herzogüch Anhaltischen Fatronats, 
nach Wiggerts, übrigens von ihm nicht weiter begründeter Vermutung 
ursprünglich der h. Katbarina gewidmet, am Nordende fast ausserhalb des jetzigen 
Dorfes auf dem höchsten Punkte des nach S abfallenden Terrains gelegen, ist 
ein einfaches gerade geschlossenes Rechteck von äusserst rohem Feldsteinbau 
mit hölzernem Kranzgesims und an das aufsteigende Mittelstück des Westgiebels 

' Vi^ Wiggert, S. 109—118. Lotz, I.S.208. 



82 Kreis Jerichow I. 



gelehntem Fachwerkturm. Die West- und Ost-Front sind nachträglieh mit rohesten 
massigen Eckstützen gegen das Einstürzen gesichert Die Ostwand hat drei 
pyramidal gruppierte Spitzbogenfenster, von denen das südliche vermauert ist, 
auch an der Nordseite befindet sich ein gleiches. Da Spuren einer späteren 
Einbrechung derselben nicht vorhanden sind, so scheint allerdings das Gebäude, 
wie Wiggert vermutet, erst der gotischen Zeit anzugehören, jedenfalls doch wegen 
der Glocke der frühesten Zeit des XIV. Jahrhunderts. 

Der Altar hat an seinem Stipes an der Ost- und Südseite Schränkchen 
ohne Thüren; die 0,19 m dicke, mit einfacher Schräge weit ausladende Platte 
trägt die Weihekreuze. In dem laut Inschrift 1715 entstandenen Altaraufbau 
ist in der Mitte jetzt ein älteres Krucifix mit Maria und Johannes in bemalten 
Kundfiguren aufgestellt, das Wiggert in einem Schränkchen neben dem Altar 
aufbewahrt fand. Von einem ehemaligen Altarschreine rühren die drei jetzt an 
der Brüstung der Orgelempore hängenden Gemälde auf Goldgrund her. Das 
Hauptbild , dessen Grösse Wiggert auf etwa 2V2 Fuss Höhe und 3 Fuss Breite 
angab, stellt die Kreuzigungsgruppe dar, der sich noch einerseits Katharina, 
andrerseits ein heiliger Bischof (Wiggert vermutet ohne weitere Begründung 
St. Ulrich) anschliessen. Wiggert hat noch weiter neben dem Bischöfe Ursula 
mit ihrem Pfeile und ApoUonia mit ihrer Zange gesehen, die aber jetzt nicht 
mehr vorhanden sind. Über den beiden Heiligen fliegen Engel mit eigen- 
tümlich heraldischer Zeichnung der Flügel. Das Bild erinnert an die Schule 
des Konrad von Soest. Zu beiden Seiten hängen die Flügelbilder mit der 
Geburt Christi und der Anbetung der heil, drei Könige, über welchen letzteren 
ebenfalls zwei Engel mit den heraldisch gezeichneten Flügeln schweben. 

Das halbkugelige, oben 1,04 m im Durchmesser betragende Becken des 
Taufsteines, das früher auf dem Kirchhofe gelegen hatte, aber auf Wiggerts 
Veranlassung wieder in die Kirche versetzt und jetzt mit gelber Ölfarbe 
angestrichen auf einen nicht dazu gehörigen viereckigen Fuss mit abgestutzten 
Ecken gesetzt ist, trägt oben unter dem Rande die an einigen Stellen be- 
schädigte gereimte mittelhochdeutsche Inschrift [abgeb. bei Wiggert a. a. O. 
Taf. I Nr. 4]. 

+X^ . WÄRT . 6[ed]0VFT . 
VH . DRI . 3TZmT . Ba30^FT . 
IR . Da[meJ . lORDÄHB . 
DA . WORT . IR . 3V 

Das letzte Wort löst Wiggert auf in sunt = gesund, man sollte aber etwas 
auf Jordane Reimendes erwarten, und übersetzt das Ganze: „Christus ward 
getauft und dreimal untergetaucht in dem Jordan, da wurdet ihr heil." Seine 
Anfrage, ob der Stein vielleicht aus Barby hierher gebracht sei, ist bei den 
sonstigen Besten einer reicheren Ausstattung des unbedeutenden Kirchleins 
nicht nötig. Die unbedeutende zinnerne Taufschüssel, 1672 gestiftet, dient 
jetzt als Kollektenbecken. 

Von den Glocken ist die kleinere von 0,59 m Durchmesser durch Bild und 
Schrift merkwürdig. Sie trägt dicht unter der Krone folgende von Wiggerts 
Lesung etwas abweichende, durch 7 Reliefs unterbrochene Majuskel-Inschrift in 



FlOtz. Oehrden. 8S 



Spiegelschrift, deren Buchstaben in Doppellinien durch Einritzung in den Mantel 
hergesteUt sind: 6L0 (Relief Pelikan) RLBi (Rel. Löwe) IHQ (Rel. Stier) QOeL 
(Rel. Qotteslamm) Q (sie) ISD (Rel. Adler) aO0T (Rel. Engel) IHTR (für in 
terra pax) (Rel. Löwe). Gleich darunter befindet sich zwischen zwei Bindfaden- 
schnüren ein ebenfalls durch Einritzung in den Mantel hergestellter romanischer 
Mäander und am Körper noch drei je in einen Kreis von 0,12 m Durchmesser 
eingeschlossene Umrisszeichnungen, die so flach in den Mantel eingeritzt worden 
sind, dass sie kaum erkennbar sind; die eine scheint einen Ghristuskopf dar- 
zustellen, die zweite ist völlig unerkennbar, die dritte zeigt einen Gewappneten, 
der in der rechten Hand eine Fahne mit Kreuz, am Knie einen spitzigen Schild 
mit einem Sparren hält, wohl den heil. Moritz. — Die grössere Glocke von 0,80 m 
Durchmesser ist ein Neuguss von H. Engelcke in Halberstadt von 1816. 

Gehrden/ 

[1296 Gherdene, 1332 und 1390 auch Gerden, 1420 Gerden; Oesfeld, 
Heineccius und Abel schreiben Goehren.] 

Pfarrdorf 4 km s. von Leitzkau, von ältester Zeit her zum Amte Möckem 
gehörig. 

Die Kirche, urkundlich 1301 als S.Nicolai bezeichnet, nennt Heineccius ein 
Eilial zu Gross-Lübs, wahrend der Pfarrer in Gherden wohne. Das ist aber 
nicht richtig. Vielmehr verhält sich die Sache nach den ausführlichen Mit- 
teilungen Abels in der handschriftlichen Chronik von Möckem folgendermassen. 
1565 nach den Verwüstungen des schmalkaldischen Krieges und der Belagerung 
von Magdeburg erhielt der Pfarrer von Gehrden Jakob Hanneken (auchHanicke 
und Heinecke geschrieben) zur Verbesserung seiner Einkünfte erst das jetzt 
anhaltische Gödnitz und dann auch Leitzkau zugelegt, nach welchem letzteren 
er 1561 zog, wie es auch bei der Kirchenvisitation 1563 als Filial von Gehrden 
aufgeführt wird. Während dieser Zeit brannte das Pfarrhaus in Gehrden ab. 
1565 wurde aber Gödnitz dem Pfarrer wieder abgenommen. Darauf trat er die 
beiden anderen Pfarren 1566 an den Pfarrer Gregorius Blanstorf zu Gross-Lübs 
ab, der bis 1575 in deren Besitz verblieb. Damals aber wurde dessen Bruder 
Peter BL, Pfarrer im (sächsischen) Prödel und Ladeburg, seines Amtes entsetzt, 
und die von Münchhausen hielten es für zweckmässig, bei dieser Gelegenheit 
Ladeburg von Prödel zu trennen. Daher wurde ersteres als Pilial zu Leitzkau 
gelegt, dafür aber zu Proedel Ooednitz, während Gehrden bei Gross-Lübs blieb. 
1586 nach dem Tode des Greg. Blanstorf verlangte Gehrden aber wieder seinen 
eigenen Pfarrer. Das wurde zwar nicht zugestanden, jedoch durch erzbischöf- 
lichen Bescheid Gehrden die „Praeeminentz'' zuerkannt, auch dass, wenn das 
Gehrdener Pfarrhaus wieder gebaut sei, der Pfarrer dort wohnen solle. Der 
Bau wurde aber erst 1649 ausgeführt, und von da ab wohnte der Pfarrer wieder 
in Gehrden. Das Patronat der Kirche wurde 1296 von den Gebrüdern von 
Gronenberg dem Kloster Leitzkau überlassen und ging von diesem an die von 
Münchhausen auf Althaus-Leitzkau über. 

Die im S-W des Dorfes, S. an einer Strasse desselben gelegene Kirche 

* VrgL Winter, Fz., Wanderungen durch Kirchen des Magdeburger Landes Nr. 13, 
in Geflch. BL IV (1869) S. 312 f. 

6* 



1 



ist ein einschiffiger romanischer Feldsteinbau nach Schema I von sehr sorg- 
fältiger Schichtung der Findlinge in dicken Mörtellagen, in welchen die 
alten I'\i^ngsritzen zum grussten Teil erhalten sind. Das Kranzgesims ist 
von Holz. Der breite Westturm 

ist in gotischer Zeit von der Höhe 

der Schiffsniauern ab in Qomraem- 
schen Bruchsteinen erhöht, mit 
denen damals auch am Schiffe 
mancherlei geflickt ist, besitzt in 
der Glockenstube auf den Breitseiten 
je 3 , auf den Schmalseiten je 2 
schlanke, bis auf Va ibrer Höbe 
zugomauerto spitzbogige Schall- 
öffnungon, in den hohen Giebei- 
dreiecken für das sehr steile Sattel- 
dach nach N. und S. noch je eine 
schlanke Spitzbogenöffnung , wie 

^, ^ n i. i w u ,. ^. , auch unten seine Ostwand eich in 

Fig.23. Oehrden. Kirche. Tauhlein. , , -, , 

sehr schlankem Spitzbogen gegen 
das Schiff Öffnet Von den beiden 
Rundbogen-Thären am Schiff in der Nähe des Turmes ist die südliche vermauert. 
Das Schiff hat jederseits 3, das Altarhaus je ein Fenster, die verändert sind, 
die Apsis jedoch ihre 3 Rundbogenfenster noch in ursprünglicher Gestalt In 
der letzteren ist ein spitzbogiger Sakramentschrank vorhanden, jedoch 
fehlen seine ehemaligen Doppeltbürcn. Das ganze Innere ist neuerdings sorg- 
fältig restauriert. 

Der kelcbförmige achteckige Taufstein (siehe Fig. 23) steckt mit seinem 
aus grauem Sandstein gearbeiteten Stander tief im gef^enwärtigen Fussboden. 
Das übereck 1,06 m im Durchmesser (der der Höhlung 0,74) grosse Becken 
aus einem bläulichen Steine trägt auf jeder der acht 0,405 ni breiten dächen 
bemerkenswert gut gearbeitete Relief darstellungcn von 0,t75 m Höhe, die 
an den Ecken je durch eine kleine hochgotische Säule geschieden, und deren 
Figuren fast frei herausgearbeitet sind. Es sind folgende biblische Vorgänge 
der Vorgeschichte Christi: I) Verkündigung, 2) Heimsuchung und Stall zu 
Bethlehem, 3) die Hirten auf dem Felde, 4) die heil, drei Könige (hier sämtliche 
Köpfe abgeschlagen), 5) Kindermord zu Bethlehem (Herodes sitüt auf dem Throne 
daneben) 6) Flucht nach Egypten (mit den umfallenden Götzenbildern) 7) Dar- 
stellung im Tempel 8) Taufe imJordan. — Die dazu gehörige Messingschüssel 
der bekannten Art mit sehr schmalem Rande trägt im Fond die Darstellung der 
Verkündigung umgeben von der unerklärten Legende und IGH . 8CM- . 
REKOR . DE. 

Am jetzigen modernen Kanzelbau sind 4 Ölgemälde auf Holz von 1612, 
restauriert, mit den 4 Evangelisten in Oanzfiguren und ihren Symbolen wieder 
angebracht, etwas pathetische Figuren und flüchtig, aber gar nicht übel gemalt. 

Die beiden Glocken sind von C. G. Ziegener in Magdeburg gegossen, die 
kleinere von 0,66 m Durchm. 1793, die grössere von 0,88 m Durohm. 1803. 



Gehrden. Glienecke. Glienecke. 85 



Unter den Abendmahlsgeräten beim Pfarrer sind als älterer Zeit angehörig 
nur zu erwähnen ein zinnerner Kelch (gezeichnet H. B. ohne Jahreszahl), der 
sich vor seinen zahlreichen Gefährten aus der ärmlichen Zeit nach dem dreissig- 
jährigen Kriege durch eingepunzte Blumenguirlanden am Becher und am Fusse 
auszeichnet, und eine von 1746 datierte cjlindrische Hostienschachtel aus 
Messing mit graviertem Kruzifix auf dem Deckel 

Westlich vor dem Dorfe liegt im Felde ein wohlerhaltener vorgeschichtlicher 
Steinkreis. 

Glienecke. 

Kleine 9 km nördlich von Loburg mitten im Felde gelegene Ruine der 
Kirche des eingegangenen, später an etwas anderer Stelle als zu Klein -Lübars 
eingepfarrte Kolonie wieder aufgebauten Dorfes Box -Glienecke, in alten von 
Wulffenschen Lehnbriefen von 1412 und 1467 Buchss-Glinicke genannt Es ist 
ein dicht mit Schlehdorngestrüpp durchwachsenes Feldsteinrechteck von etwa 
21 Schritt Länge und 11 Schritt Breite, von dem an der Südwestecke ein Rest 
der 0,75 m starken Mauer noch etwa 3 m hoch, vom Westgiebel der mittlere, 
nach einem Absätze in der oberen Hälfte nur etwa 0^ m starke Pfeiler für 
das Glöckchen in Höhe von etwa 10 m, die östlichen Teile aber nur noch etwa 
1 m über dem Erdboden stehen. 

Glienecke. 

11217 Glineke, 1459 Glyneke.] 

Kirchdorf 6 km ostnordöstlich von Ziesar an der Buckau gelegen, ehemals 
ziim Amte Ziesar gehörig. 1217 kommt bereits ein Pfarrer desselben, Namens 
Eiistachius urkundlich vor, und 1408 fand in seiner Nähe eine blutige Schlacht 
statt, in welcher Bischof Henning von Brandenburg und Dietrich von Quitzow 
den Adel des Erzstifts und die Bürgerschaft von Magdeburg schlugen und viele 
davon zu längerer Gefangenschaft nach Ziesar abführten. 

Die Kirche, Filial zu Boecke, fiskalischen Patronats, am östl. Endo des 
Dorfes nördlich der NW-SO-Dorfstrasse gelegen, ist ein einschiffiger roniunischor 
Feldsteinbau nach Schema I. Die Fenster sind sämtlich verändert bis auf das 
hoch oben sitzende, ganz kleine westliche von den beiden an der Nordsoite des 
Altarhauses. Ein Bundbogenportal findet sich an der Südseite des Schiffes, die 
Priesterthür an derselben des Altarhauses. Die Apsis ist jetzt ein flaches 
Segment, ersichtlich ein Flickanbau an Stelle einer abgebrochenen älteren im 
Halbkreise. Der nach N und S um V2 ™ über die Schiffsbroito vortretende 
Turm ist bis auf etwa 6 m Höhe sehr gut in gleichmässig behauenon Findlingen 
geschichtet, höher hinauf kommt unregelmässiges Fliekwerk, übrigens ist er nur 
sehr niedrig und hat ein Walmdach über der Glockonstubo mit nach W 3, nach 
O 2, nach N und S je 1 ganz roh im Rundbogen geschlossenen Hchall/iffnnngon. 
An seiner Westseite befindet sich noch eine jetzt vermauerte Kundbogcuithür, 
bei der die Eeilsteine des Bogens noch mit einer Lage flacher horizontaler 
Platten umzogen sind. 

Der Tauf st ein von Sandstein, gotisch achteckig, ganz einfach, hat am 
Becken oben übereck 0,92 m, die Höhlung 0,65 m DurchmoHHor 

Der Altarbau vor der Apsis und die Kanzel nördlich am Triumphbogon 



86 Ereis Jerichow I. 



sind dorfmässige Barockstücke in Holz, der erstere mit 2 gewundenen, von Wein- 
reben umzogenen Eompositsäulen, letztere mit gewundenen toskanischen Säulen 
an den Ecken des Polygons. 

Von den Glocken trägt die grösste (0,72 m Durchm.) am Halse vier Zeilen 
Inschrift mit dem Spruche Hosea 6 V. 16, dem Namen des Pastors und der 
Jahreszahl 1668. Darunter einen Pries von hängenden Fruchtschnüren, die auf 

Plättchen von dieser Form j . aufgelegt sind. Am Körper auf der einen 

Seite die Namen der Kirchen- L J Vorsteher, auf der andern ME FEQT 

DANIEL GENTZSCH. Die \^ zweite (0,56), wohl von demselben Giesser 
trägt am Halse den Spruch Matth. 11 Y. 12, darunter einen Fries von abhängenden 
Kreuzblumen, die auf dreieckige Plättchen aufgelegt sind. Die dritte ganz 
schmucklose ist von ßusseisen. 

Beim Küster ein kleiner silbervergoldeter Kelch, noch in der gotischen 
sechsteiligen Form mit Hh IE8V8 in Benaissancebuchstaben auf den Stirnflächen 
der Zapfen des Knaufs und einfachem Kreuzsignaculum auf dem Fusse ebenso 
wie auf der dazu gehörigen Patene. Beschauzeichen: zwei von einem Konsol 
getragene Türme (Magdeburg?) und ein Ä. 

Gloine. 

[1187 Dulgezyz — 1189 Dulgesitz, quae nunc Glayna — 1189 Ghina — 
vocaiur; im XVH. Jahrhundert auch Glelne und Glene geschrieben. Die Ver- 
änderung des ursprünglichen slavischen Namens in einen wohl von jenseits der 
Elbe und Saale importierten ist ein Zeichen dafür, dass damals die deutsche 
Kolonisation bereits bis in diese entiegenen Waldgegenden vorgedrungen war. 
1500 irrtümlich Glave geschrieben. Das vielfach mit G. identifizierte Glyne oder 
Glynow muss davon geschieden werden teils als das bei Möckem gelegene ein- 
gegangene Ghinow, teils wohl als eins der Glien bei Beizig.] 

Pfarrdorf 10 V2 ^^ westlich von Goerzke am Gloineschen Bache, 1187 im 
Besitze des Klosters Leitzkau, später zu unbekannter Zeit in den des Erzstifts 
übergegangen, 1562 daher zum Amte Loburg gehörig, 1645 so gänzlich wüst, 
dass dem anhaltischen Kanzler Milagius auf seiner Reise von Zerbst nach Berlin 
und über Brandenburg zurück davor graut, wie er denn da auch wirklich von 
sieben Musketieren aus Magdeburg oder Wittenberg angegriffen, aber nur 
moderiert ausgeplündert wurde. Derselbe bezeichnet das benachbarte und ein- 
gepfarrte Schweinitz als ein rechtes Räubemest, vor dem er vorbei passieren 
muss [siehe seinen Reisebericht in Krause, Urkunden zum dreissigjährigen 
Kriege V, 1. S. 392]. Neuerlichst ist das ganze Dorf wegen Anlegung eines 
grossen Militär-Übungsplatzes aufgelöst und zum gänzlichen Abbruche bestimmt 
Kirche und Pfarrhaus sind in dem benachbarten Pilialdorfe Drewitz neu auf- 
gebaut und 1897 eingeweiht — Eine nach dem Orte genannte Familie kommt 
zuerst mit Bernhard de Ghyne 1244 urkundlich vor, wird auch von v. Alvens- 
leben und in städtischen Akten mehrfach bei Loburg erwähnt, namentlich 1376 
ein Rocam von Gloine. 

Noch steht das alte Gebäude der Kirche (fiskalischen Patronats, 1562 vom 
Amte Loburg zu Lehen gehend und daher mit visitiert, jedoch 1459 und 1500 
zur sedes Ziesar gerechnet) in der Mitte des Dorfes östlich von der NS- Strasse 



Oioine. 87 

gelegen ; ein einschiffiger Feldsteinbau im Übergangsstil nach Schema I von sehr 
roher Schichtung der Feldsteine, die nur an den Kanten des Altarhauses und 
Turmes etwas behauen sind. Die Priesterthür an der Nordseite des Altarhauses 
ist vermauert, von den beiden Bundbogenthüren westlich am Schiffe die südliche 
halb zugesetzt Die überaus niedrige Apsis hat ein gemauertes Kegeldach von 
Backsteinen ungewöhnlich grossen Formats. Von ihren drei Fenstern ist das 
mittelste zugesetzt, die beiden seitlichen vergrössert gleich sämtlichen übrigen 
des Baus im Jahre 1891. Der völlig ungegliederte Triumphbogen ist spitzbogig, 
ebenso die beiden aus dem Turme in das Schiff führenden vermauerten Bogen. 
Der Turm mit Satteldach hat in der Glockenstube nach W 3, nach 2, nach N 
und S je 1 niedrige Schallöffnungen im Rundbogen. Die Masse des Gebäudes 
sind im Lagerbuch folgendermassen angegeben: Länge einschl. der Apsis 14,4, 
Breite des Schiffs (im Lichten?) 9,4, des Altarhauses 5, Höhe bis zum Dache 4, 
Höhe des Turmes 15,4, seine Länge 4J, seine Breite 10,4 m. In der Apsis ein 
kleiner, ganz roher überschmierter Sakramentschrank. 

Die sonstige innere Einrichtung der Kirche ist bereits stark verwüstet Die 
Empore im Schiffe an der Nordseite enthält die Loge des ehemals eingepfarrten 
Ritterguts Briesenthal mit dem Wappen der Familie von Borch (vrgl. oben S. 44) 
aas dem Anfange des XYIU. Jahrhunderts an der Brüstung. Eine zweite 
Empore an der Nordseite des Altarhauses enthält die Loge des ebenfalls ehemals 
eingepfarrten und jetzt verschwundenen Ritterguts Thümermark, welches der 
bekannte Chiliast Johann Wilhelm Petersen (1649—1727) 1724 von dem Ober- 
pfarrer zu Loburg als wüste Feldmark zu Lehen genommen und auferbaut hatte, 
um daselbst in der Nähe eines bedeutenderen Kreises von Anhängern zu Zerbst 
sein vielbewegtes Leben in der Stille zu beschliessen. Sie trägt die verschlungene 
Namenschiffre und das Alliance- Wappen wohl seines unter dem Namen Petersen 
von Greiffenberg geadelten Sohnes und dessen Gattin mit dem Motto: ühas üna 
Unum, das jedenfalls nach Epheser 4 Y. 5 als unus dominus, una fides, unum baptisma 
zu ergänzen sein wird. Die Brüstungen der übrigen Emporen sowie das gesamte 
Gestühl (aus Kiefernholz) an den Brüstungen, den Seiten wangen und den Vorder- 
und Rückseiten der Lehnen waren mit leider sehr abgeriebenen, nur teilweise noch 
zusammenhängend erhaltenen, höchst geschmackvollen Arabesken und Blumen 
in Leimfarben — wohl im Anfang des XVIII. Jahrhunderts — bemalt, viel besser 
als zu Brietzke, besonders trefflich an der Orgelempore und am Pfarrstuhl. 

Die Staffel des abgebrochenen sonst ganz unbedeutenden Altaraufsatzes 
enthielt ein einigermassen leidliches, sehr nachgedunkeltes Ölgemälde der Ein- 
setzung des h. Abendmahles, laut Inschrift an der Rückseite am 10. Februar 1710 
durch Cuno Moritz von Borg auf Briesenthal gestiftet. Hinter dem Aufsatze 
stand auf der Mensa ein altes 0,75 m hohes Kruzifix von Holz, dessen Bemalung 
nur in geringen Resten erhalten war, eine leider verschwundene rohe, aber aus- 
drucksvolle mittelalterliche Arbeit 

Die drei Glocken von Gusseisen von 0,65, 0,75 und 0,90 m Durchmesser, 
mit groben Palraettenfriesen am Halse, sehr verrostet, ohne jede Inschrift, 
stammten nach dem Kirchenbuche von 1715. Der Klingelbeutel mit einer 
beachtenswerten kleinen Bronzeschelle von 0,03 m Höhe und Durchmesser, deren 
Rand in acht spitzen Zacken ausgezackt ist, während den ganzen Körper flaches 



88 Kreis Jdrichow I. 



Reliefornament in späten Borockformen , dazwischen zweimal eine nicht erkenn- 
bare Namens-Chiffre mit Krone darüber, bedeckt, ist in die neue Kirche zu 
Drewitz übertragen. 

Goebel. 

Kirchdorf mit Rittergut, S^/j km. S-0 von Loburg, bis 1815 unter kur- 
sächsischer Hoheit zum anhaltischen Amte Walter-Nienburg gehörig, wie denn 
die angrenzende wüste Dorfmark Wiemermark noch jetzt anhaltische Enklave ist; 
1550, wie es scheint, schon längere Zeit im Besitz der von Wulff en zu Lübars, 
später von Thümenscher Besitz. 

Die Kirche, Filiale zu Hobeck, nur von 1671 bis 77 wegen Streitigkeit über 
das Pfarrbesetzungsrecht davon abgetrennt und zuDalchau gelegt, unter Patronat 
der Gutsherrschaft, ist ein östlich vom Rittergute, südlich der Strasse inmitten 
des mit herrlichen alten Linden bepflanzten Kirchhofes malerisch gelegener 
kleiner rechteckiger Feldsteinbau mit kleinem Fachwerkturm auf dem West- 
giebel von 1730 — so berichtet der innen an der Südwand aufgerichtete Grab- 
stein des L. F. von Thümen geb. 1669 gest. 1748, auf welchem der Verstorbene 
in roher, etwas bemalter Handwerksarbeit ganz von vom gesehen , stehend mit 
Alongeperücke, aber noch im Plattenpanzer und mit dem Federhelme neben 
seinem linken Fusse dargestellt ist. Ein kleiner Wappenschild mit den Initialen 
desselben befindet sich auch aussen über der Westthür. 

Yen einem älteren Kirchbau rührt die Glocke her, deren imterer Durchmesser 
0,75 m beträgt. Sie trägt am Halse zwischen zwei gegeneinander gekehrten gotischen 
lilienblumenfriesen die Inschrift + ERNST VON THVMEN MARGARETHA VON 
ROCHOW ANNO 1603 HEINRICH BORSTELMANN M F, am Körper unterhalb des 
Teilungszeichens der Inschrift eine kleine stehende Engelfigur in Relief. 

Nordöstlich vom Kirchhofe erhebt sich auf der höchsten Stelle der Umgegend 
eine runde Umwallung von beträchtlichem Flächeninhalt und auffälliger Höhe, 
auf welcher ehedem die seit geraumer Zeit weiter nach N-W verlegte Göbeler 
Windmühle gestanden hat, und die ganz den Eindruck eines ehemaligen Burg- 
walles macht, über den freilich jede historische Nachricht oder Sage fehlt; Nach- 
grabungen haben noch nicht stattgefunden. 

Goerzke.^ 

[Ob das von Thietmar um 1000 genannte Goreziu damit identisch ist, muss 
dahingestellt bleiben; 1161 Gorceke, 1285 Gorzek, 1355 Gortzik auch Gorezik, 
1373 Gorczk auch Gortzk, 1383 Gorczig, 1500 Gartzko, 1562 Gortzke.] 

Flecken mit drei Eittergütem, 12 km S-S-0 von Ziesar, 10 km N-N-W vom 
Bahnhof Wiesenburg der Berlin-Sangerhausener Eisenbahn. 

Der in der Zauche gelegene Burgward [später „Vogtei^*^ genannt] Goerzke 

^ Vrgl. Langenau, Nachrichten aus der Vorzeit des Städtchens Görzke 1881. Mit 
3 Tafeln Abbildungen. 

• Zur „Vogtei" G. gehören nach dem Grenzregulierungs- Vertrage zwischen Sachsen und 
Brandenburg von 1452: Benken, Kannendorf, Werbick, Groben (jetzt Graeben), Dalem 
(Dahlen), Lutkenbriessen (Klein- Briesen), Eyckholtz (jetzt Vorwerk Geist bei Benken), Derwitz, 
Verloren Wasser, Dankilstorff, Borckmole (auch Bergmühle), Steynmole (auch Steykmühle), 
Egeln (jetzt Vorwerk Egelinde) die Werdermarke und Smertzk. 



Goerzke. 89 

wird urkundlich zuerst erwähnt 1161. *0b wirklich das Erzstift Magdeburg 
schon früher an denselben Ansprüche hatte, etwa als einen Anteil des ihm ge- 
hörigen Burgwards Buckau, muss dahin gestellt bleiben. Jedenfalls war er in 
die Ottonische Lehnsauftragung von 1196 mit eingeschlossen, blieb aber mit den 
übrigen dazu gehörigen Gebieten im Besitz der askanischen Markgrafen, welche 
1283 der inzwischen unter dem Schutze der zu unbekannter Zeit eingegangenen 
Burg entstandenen Stadt das Privilegium der Gerichtsbarkeit und 1285 zu ihrer 
emendaiio d firmcUio Einkünfte aus der in der Stadt befindlichen markgräflichen 
Münze verliehen. Nach dem Aussterben der Askanier wurde die Stadt 1328 
von Ludwig dem Baier auf 12 Jahre wiederkäuflich an Herzog Rudolf von 
Sachsen zur Entschädigung für die Kosten seiner vormundschaftlichen Ver- 
waltung überlassen. In den darauf folgenden Wirren des falschen Waldemar 
gehörte sie zu denjenigen märkischen Städten, welche am treusten zu diesem 
hielten, und wurde von ihm erst am 10. März 1355 mit Brandenburg, als die 
letzten beiden, der ihm geleisteten Huldigung entbunden und an Ludwig den 
Römer verwiesen. Der Sage nach wäre es die letzte Stadt gewesen, durch 
welche er bei seinem schliesslichen Rückzuge nach Dessau gekommen, und das 
frühere Oberthor führte danach den Namen: Thor des Waldemar. Die 
strategische Bedeutung des Ortes für die damaligen Kämpfe spricht sich in dem 
angeblich damals entstandenen, noch heutiges Tages im Orte bekannten Reime aus : 

Hebben wi erst Bramborch und Zerwest 
Kriegen wi oh Görtsche dat Düwelsnest. 

Bereits in den Kämpfen gegen den letzten Baier, Otto den Faulen, suchte 
das Erzstift sich in Goerzke festzusetzen, indem es 1373 den Ort mit anderen 
Schlössern und Städten behufs Bekriegung Ottos an Meineke von Schierstedt 
verlieh. Damals bestätigte das Kaiser Karl IV, jedoch nach Beseitigung Ottos 
des Faulen nahm er die Stadt wieder durchaus für die Mark in Anspruch und 
Hess sämtliche Einkünfte aus derselben und den zur Vogtei gehörigen Ort- 
schaften sorgfältig in seinem Landbuche [s. die Ausgabe desselben vonFidicin, 
Berlin 1856] verzeichnen. Indessen unter seinen luxemburgischen Söhnen 
machte das Erzstift mit seinen Ansprüchen Ernst. Erzbischof Albrecht IV. er- 
oberte mit Hülfe der Magdeburger Bürger 1387 die Stadt, und obgleich sie 
1416 Kurfürst Friedrich I. noch wieder zurückeroberte, vertrugen sich die 
Kriegführenden doch am 27. Mai 1421 zu Wittenberg dahin, dass beide Teile 
ihre vermeintlichen Ansprüche an den Grafen Heinrich von Schwarzburg, den 
Bruder des Erzbischofs Günther, zu einem rechten erblichen Lehen übertrugen. 
Am 27. Dezember 1533 verzichtete Kurfürst Joachim I. infolge des Zerbster 
Vertrages für sich und seine Nachkommen auch auf jede Anforderung des Lehns- 
rechts über Goerzke, nur mit Vorbehalt des Geleitsrechtes, so dass von da an die 
Lehnsoberhoheit allein beim Erzstift verblieb. Die Schwarzburgische Lehnshoheit 
dauerte, bis sie durch Vertrag vom 19. September 1816 an die Krone Preussen 
abgetreten wurde. Der Graf Heinrich von Schwarzburg hatte den Ort sogleich 
1421 an Meinecke von Schierstedt weiter verliehen, in dessen Familie der- 
selbe in der Hauptsache verblieb und zwar als Mediatstadt, welchen Charakter 
er bis 1815 behielt, dann aber mit dem eines Marktfleckens vertauschen musste. 



90 



Ereia Jeriehow I, 



Im Jahre 1569 nach dem Tode des Haas von Scbieretedt wurde der gesamte 
Besitz unter seine 3 Söhne za gleichen Teilen verteilt, so dass nunmehr inner- 
halb der Stadtmauern drei Ritterhöfe vorhanden waren, von denen jedoch zwei 
allmählich dem Besitze der Familie entgingen und sich heute in bürgerlichen 
Händen befinden. Übrigens hatten sowohl die Kurfürsten als die Bischöfe von 
Brandenburg noch allerhand unmittelbare Besitzungen im Orte, die sie an ver- 
schiedene Familien verliehen, so im XIV. und XV. Jahrhundert an die Schilling 
(Cylling, Czelling), später an die von Borch und von Oppen. Eine nach dem 
Orte selbst genannte Familie von Görzke kommt erst seit dem XIII. Jahrhundert 
vor, „falls nicht der 1182 als ministerkUis bekundete Jhiedolfus de Jeritske 
hierher zu rechnen ist" (Winter). Im dreissigj&hrigeu Kriege wurde der Ort 
von den Schweden völlig eingeäschert, auch die Kirche bis auf den Chor. 
Später ist er noch Öfter bis in die neuste Zeit von verheerenden Bränden heim- 
gesucht worden, so namentlich 1699. 1659 ist, wie von Atvensleben berichtet, 

„unweit von hier in 

einem lOÜden unfrucht- 

■ '" "'*' baren FidUenwaltU 

_ '...■■ ein gesumäjrunnen 

— ^ - endtstanden , der mit 

._ grossem Zulauff ein- 

. heimischer und fremb- 

— - j" - der Personen, jmmai 

' der brunnen hernach 

^ "* mehr worden, besticht 

-^ worden. Aber bcUdt 

— ^^ •■""'^ — — wider seine Kra/ft ver- 

- •• ";;.;— ~ lohrm hatt." Die Quel- 

jiziL _ len sind noch heut 

^;::^ — ' '— unter dem Namen „Ge- 

— ^ sundbrunnen" unter 

I ____ einem sandigen Hügel- 

,,, -■ abhang westwärts der 

.,, Chaussee nach Ziesar 

Sartan ' 1 zwischen Rottstockund 

Bramsdorf zu sehen. 

Ton der alten 
innen miteinemLauf. 
gang auf Spitzbogen 
versehenen Stadt- 
mauer aus Feld- 
steinen steht gegen- 
wärtig nur noch ein ganz kleines vielleicht 5 m langes Stück, vollständig 
zwischen zwei Häuser eingeklemmt, östlich des 1876 abgebrochenen Ober- oder 
Waldemarthores. Von der (jestalt des letzteren und der ehemaligen (iebäude 
des benachbarten, 1860 abgerissenen, Oberhofes und der Stadtmauer geben die 
dilettantischen Zeichnungen auf den mit 64 und 65 bezeichneten Tafeln bei 



KirchplaM 
(FrQInrKirahhDrl 



Flg. 24. QOrtke. Alter Bu^w all. 



Goenke. 91 

Langenau eine Yorstellung, ebenso von der meist noch erkennbaren Wall- und 
Graben-Anlage der in einem verschobenen Viereck angelegten Stadt die Plan- 
skizze auf Tafel 63. Alte Gebäude sind in dem jetzt offenen Flecken infolge 
der vielen Verheerungen und Brände nicht mehr vorhanden. Das Wappen der 
ehemaUgen Stadt war nach Heineccius S. 219 ,,ein Mann mit Sturmhaube, der 
mit beiden Händen einen Schild hält, worin ein Adler befindlich ist.'' 

Die Stelle der ältesten Burg bezeichnet der nördlich von der Stadt nicht 
weit von ihrer NW-Ecke inmitten sumpfiger Niederungen belegene und mit der 
ehemaligen Stadtbefestigung durch einen Wall verbundene Burgwall (siehe Fig. 24). 
Derselbe, mit herrlichen alten Eichen und sonstigen Laubbäumen bestanden, ist 
elliptisch von ca. 100 m im grösseren Durchmesser. Nachgrabungen nach 
Mauerresten, welche die Terrainformation an einigen Stellen vermuthen lässt, 
haben wohl noch niemals stattgefunden. 

Was die kirchlichen Verhältnisse betrifft, so wurde der Burgward Goerzke 
1 161 dem Archidiakonatsbezirk von Brandenburg zugeteilt und gehörte zur sedes 
Ziesar, 1500 mit XVI Frusta und 26 gr. zum Synodaticum und Cathedraticum 
angesetzt. Das Patronatsrecht über die Kirche scheint mancherlei Wandlungen 
durchgemacht zu haben. 1254 überliess der Magdeburger Domherr Walther von 
Meissen dem dortigen Domkapitel mit dem Patronatsrechte 10 Hufen in Goerzke, 
deren jährlicher Zins von 10 Wispeln Weizen, und 10 Wispeln Hafer 1278 zum 
Ankauf von Wein für die Domherrn bestimmt wurde. 1274 jedoch überliessen 
die Markgrafen Johann Otto und Conrad unter Bestätigung durch Bischof 
Heinrich von Brandenburg das Patronat dem Kloster zu Rhode (wohl Klosterrode 
bei Sangerhausen). Wiederum 100 Jahre später wird im Landbuche Kaiser 
Karls IV. das Kirchenpatronat als zu den Gerechtsamen des Markgrafen gehörig 
bezeichnet, und dass das Verhältnis zu dem Kloster irgendwie gelöst sein muss, 
ergiebt sich daraus, dass das Patronat später sich bleibend im Besitze der 
Familie von Schierstedt, bezw. der Inhaber der Teilgüter derselben in Goerzke 
befunden hat Die Magdeburger Visitatoren mussten 1562 unverrichteter Sache 
abgehen, da der damalige Besitzer Hans von Schierstedt die Vornahme der 
Visitation nicht zuliess — die Gründe sind im Protokoll nicht angegeben, viel- 
leicht bezog er sich aber darauf, dass er nicht Magdeburgischer sondern 
Schwarzburgischer Lehnsmann sei. — Ein in G. bestehender Kai and besass zur 
Zeit des Landbuches Karls IV. Hebungen in dem benachbarten Dorfe Werbig. 

Die Kirche an der Nordseite des Ortes im westlichen Teile, nahe an der 
ehemaligen Stadtmauer gelegen, ist ein romanischer Feldsteinbau, der aber so 
viele Umbauten erfahren hat, dass seine ursprüngliche Gestalt nicht mehr mit 
Sicherheit festzustellen ist, namentlich nicht, ob er nur einschiffig gewesen ist, 
oder eine basilikale Anlage mit gerade geschlossenem einschiffigen Chore nach 
der Weise der beiden Loburger Kirchen, welches letztere das wahrscheinlichste 
ist Turm und Gewölbe der Kirche sind nach Eilers, [chronicon Belticensc 
8.535] von Friedrich von Schierstedt erbaut, welcher 1525 starb. Die bis auf 
den Chor 1642 verbrannte Kirche ist in den früher inschriftlich bezeugten Jahren 
ißRA i^ig i6ß5 hergestellt worden, hat 1746 und 1803 Veränderungen erfahren, 
Anbauten 1862 erhalten und ist endlich 1882 einem durchgreifenden 
erzogen worden. Von dem ursprünglichen romanischen Bau ist nicht 



92 Kreis Jerichow I. 



nur in den Umfassungsmauern des Altarhauses und im Triumphbogen, sondern 
auch in denen des Schiffes und des Turmes ein bedeutender Rest erhalten, wenn 
auch äusserlich nicht mehr erkennbar. Das etwa 13 V« m. lange und 6^ • m. 
breite Altarhaus hatte früher in seiner graden Ostwand drei schlanke pyramidal 

gruppierte Spitzbogenfenster, diese sind 
1882 entfernt und eine romanische 
Halbkreisapsis angebaut worden. Da- 






-l ^ ' I / ■ gegen ist im Altarhause die ohne Zweifel 

l ^ y J von dem Bau des 1525 gestorbenen von 

Fig. 25. Görzke. Schierstodt herrührende in Backstein aus- 

Kirche. ProfiiieruDg der Wand im Chor. geführte Wölbung erhalten. Es sind drei 

Joch schmaler Kreuzgewölbe in ziemlich 
unordentlich gefugten birnenförmigen Rippen, welche ohne Kapitelle auf Wand- 
vorlagen von dem Profil Fig. 25 aufsetzen, dessen beide innere Abkantungen sich 
als Schildbögen an den Wänden fortsetzen. Die drei bemalten Schlusssteine 

enthalten das von Schierstedtsche und von Wulffensche 
Wappen und das Zeichen Fig. 26, welches, obwohl das 
Winkelmass darin vorkommt, wohl nicht als Steinmetz- 
zeichen, sondern als die Hausmarke des damaligen Bürger- 
meisters der Stadt anzusehen sein wird. Die Südwand des 
Altarhauses öffnet sich gegen einen zweigeschossigen Back- 
Fig. 26. Steinanbau in etwas kleinlichen frühgotischen Formen von 

Görake. Kirche. 1862, der im Untorgeschosse eine Sakristei, Taufkapelle mit 
ausmar e. Stemgewölbo Und Eingangshalle, im Obergeschosse die 

herrschaftliche Empore enthält Das Schiff ist im Innern 
durch den Bau von 1882 völlig verändert, mit neuem Dachstuhl, West- und 
Längs-Emporen auf gusseisernen, romanisch stilisierten Säulen versehen, dem 
entsprechend die Fenster in zwei Geschossen erneuert sind, wie auch das ganze 
Innere einigermassen dem Stile entsprechend polychromiert und mit völlig neuer 
Gestühls- u. s. w. Einrichtung vorsehen ist. Von der alten, gänzlich beseitigten 
mag als für die Geschichte der Kirche urkundlichen Wertes Folgendes erwähnt 
werden. Der überaus nüchterne und hässliche Altaraufsatz trug auf der Rück- 
seite eine längere Inschrift, wonach er 1650 neu errichtet und im Juli 1714 durch 
„Gottfried Pötzschen, Bildhauer und Maler zu Wittenberg repariert und mit 
etlichen neuen Statuen verfertiget'' war. Die aus etwas späterer Zeit herrührende 
Kanzel zeigte unter überaus hässlichen Malereien an der Thür den am Schreib- 
tische stehenden Luther mit dem Schwane zu seinen Füssen, darunter auf einem 
besonderen Schilde die Inschrift : SVMMO HVMILI M. lA. CHRISTIANVS BVDERVS 
P. F. P. PICTVRAM DEDIT EX VOTO (Buderus war 1685—1694 Pfarrer). An 
dem übrigens ganz formlosen Tragebalken der Orgelempore stand M. HANS 
MILLER ANNO DOMINI 16. 6. 5. JOHANNES HEINE, wovon der erstere Name 
wohl kaum den Meister, sondern beide die damaligen Kirchen Vorsteher bezeichnen. 
Die flache mit Engeln und Engelsköpfen und dem von Schierstedt- von Plothoschen 
AUiancewappen bemalte Decke trug die Inschrift: Hoc codi simulacrum 
eiitsque firmameiUum debelur liberalitaii Dnae Barb. Sab. de Schierst, JSM. de 
Ploiho 1746. 



Goerzke. 93 

Der Turm in der Breite des Schiffs, mit vielen gefahrdrohenden Bissen von 
oben bis unten auf der West- und Nordseite, lässt unter seiner Verputzung die 
vielfältigen Backsteinflickereien sowohl des Baues des 1525 gestorbenen von 
Schierstedt, der offenbar kein völliger Neubau gewesen ist, als der späteren 
Reparaturbauten erkennen. Die in Backstein ausgeführten doppelfenstrigen, von 
einem ungeschickten Stichbogen überfangenen Schallöffnungen der Glockenstube 
(ie 2 nach und W, je 1 nach N und S) gehören offenbar dem Herstellungsbau 
von 1650 an. Das jetzige plumpe Mansardendach ist an Stelle eines Satteldaches 
mit Giebeln nach N und S getreten, aus welchem sich ein schlanker achteckiger 
Dachreiter mit welscher Haube erhob. Dasselbe war 1721 errichtet und ist 1803 
abgebrochen worden. Seine Gestalt ist aus der Ansicht auf der mit 63 bezeich- 
neten Tafel bei Langen au a. a. 0. ersichtlich. Aus derselben ergiebt sich, dass 
damals der unten in drei sehr veränderten Rundbogen gegen das Schiff geöffnete 
Turm noch keinen Eingang von aussen im Erdgeschosse hatte, sondern nur einen 
durch eine Holz -Treppe von aussen erreichbaren in der Höhe der alten Schiffs- 
fenster des Obergadens — er mag daher ursprünglich in das Befestigungssystem 
der Stadt mit eingeschlossen gewesen sein. 1862 ist unten auf der Südseite ein 
von dem übrigen schlichten Feldsteinbau seltsam abstechendes sandsteinernes 
Prachtportal mit reich ornamentierten Ecksäulen und Wülsten in der Archivolte, 
in der Weise des ausgebildetsten romanischen Stiles der Merseburger und 
Naumburger Gegend, eingefügt worden. Von den Glocken ist die grösste (von 
0,96 ra Durchmesser) 1733 von Peter Becker in Halle gegossen, eine sehr 
saubere Arbeit, wenn auch der doppelte Fries von gegeneinander gestellten 
Akantbusblättem am Halse wenig schön geformt ist; namentlich die Reifen am 
Schlag sind sehr fein profiliert. Die beiden andern von 0,80 und 0,65 m Durch- 
messer sind Neugüsse von C. G. Becker in Halle von 1846. 

Yon Kunstwerken enthält die Kirche nur noch drei sandsteinerne Wand- 
epitaphien der Renaissancezeit an der Nord wand des Altarhauses. Zwei 
davon gehören zusammen und sind ganz gleichmässig angelegt. Über einem 
breiten Blattornament als Konsol erhebt sich eine Pilasterarchitektur mit einer 
Rund- (bei dem Ritter Kleeblatt-) bogennische, deren tragende Pilaster mit 
flachem Blattomament in ihrem Rahmenwerk geschmückt sind. Darüber eine 
mit Blattornament abgedeckte Attika, welche eine dreizeilige Inschrift in Versen 
trägt, während die Namen und biographischen Data in den Zwickeln der Bogen- 
nischen stehen. Das zur Rechten stehende zeigt die ganz trefflich gearbeitete 
nach links gewandte Figur eines gehamischten barhäuptigen Ritters, der die Linke 
auf den Schwertgriff legt und mit der Rechten den Streithammer, von welchem 
unr noch der Griff vorhanden ist, schultert. Zu seinen Füssen links der von 
Schierstedtsche Wappenscliild, oben vor ihm das Kreuz mit der Schlange. Es ist 
laut der Inschrift der am 16. März 1562 verstorbene Hans von Schierstedt. Die 
Verse oben in der Attika lauten bei ihm 

WIE MOSES r DER WVSTEN WILD 
VFHING DER EHRNE SCHLAGNBILD 
SO MVST CHRISTVS ERHÖHET WEEDE 
AM STA DES CREVTZ WÜ DISER ERDE 



94 Kreifl Jerichow I. 



AVF DAS DIE AN IHN QLAVBEN EBEN 
NIT STERBEN SONDERN EWIG LEBEN. 

Die nach rechts gekehrte Frau erscheint durch die Tracht viel steifer und 
ihr Gesicht durch die lang herunter hängenden Schleierbindeh fast ganz verhüllt. 
Rechts oben vor ihr der Crucifixus, unten der von Brandtsche Wappenschild. 
Es ist nach der Inschrift die am 1. Juni 1554 verstorbene Ehefrau des Ritters, 
Anna geborene Brand von Lindau. Bei ihr lauten die Verse in der Attika: 

CHRIST IST DE WAHRHEIT V DAS LEBEN 
DIE AVFERSTEHVNQ WIL ER GEBEN 
WER AN IN GLAVBT DAS LEBEN WIRBT 
OB ER GLEICH HIE AVCH LEIBLICH STRBT 
WER LEBT VND GLEVBT THVT T DI EHR 
WIRD GWISLICH STERBEN NIMERMER. 

Vor diesen beiden Wandepitaphien lag früher im Fussboden des Altarhauses 
der jetzt an der Ostwand des nördlichen Seitenschiffs aufgerichtete Stein mit den 
beiden Wappen in relief en creux unterhalb folgender Inschrift: 

QVOS PRIVS IN VITA VNVS AMOR 

THORVS VNVS HABEBAT 

VRNA SVB HOC TVMVLO N7NC 

CAPIT VNA DVOS 

HANS . 7 . SCHIER ANNA BRANDS 

STETD VON LINDÄV 

WOLFF FRIEDERICH . V . SCHIER 

STEDT FILIVS CHARISSl7S PA 

RENTIBVS 
ANNO DOMINI ISG'M 

Das dritte, östlich neben den beiden andern stehende Wandepitaph von sehr 
ähnlicher Einrichtung, aber sehr viel geringerer Arbeit ist das der am 21. April 
1573 verstorbenen Fredeka von Alvensleben, Ehefrau des Friedrich von 
Schierstedt. 

Von den Abendmahls geraten ist zu erwähnen ein ganz einfacher 
silberner Kelch mit sechsblättrigem Puss, bezeichnet H.C.V.S. V.C.V.S. 1695, 
und ein zweiter mit rundem Puss, der am vergoldeten Knauf Gravierungen und 
an den Stirnflächen der ausgearteten Zapfen unnimbierte Köpfe in ziemlich 
starkem Eelief trägt; einer von diesen soll vielleicht ein Christus und der gegen- 
überstehende gekrönte weibliche eine Maria sein. Eine 0,09 m breite und 0,06 m 
hohe runde silberne Oblatenschachtel trägt auf dem Deckel einen auf- 
gelöteten kleinen runden Crucifixus ohne Kreuz aber mit Totenkopf und 
gekreuzten Knochen zu seinen Füssen mit der Umschrift: NACH . DEINEN . 
WORTT . O . GOTT . VNSER . HORTT . WOLLES . DV . VNS . GEBEN . 
DAS . EWIEGE . LEBEN. An der Schachtel selbst: lOHANN CHRISTIAN . VON . 
SCHIERSTEDT . VRSVLA CATHARINA VON SCHIERSTEDT . 1685, deren Initialen 
auf dem Kelche von 1695 wiederkehren. 



Ooenke. Oommera. 95 

Gommem. 

[949 Ountmiri, 965 Oumbere, 1270 auch Gumbra, 973 Quniiuere und so oiit 
Qhummere, Gumre and Gatnmer abwechselnd das ganze Mittelalter hindurch, 
1494 Kumer, 1500 Giminer, die Schreibweise Gummern zuerst 1459. 'J 

Stadt mit ächloss an der Khle, Station der Magdeburg-Zerbst-I>ipziger Eisen- 
bahn ]4Vj km südöstlich von Magdeburg. 



-H- 



Schloss. Situationsplan. 

Der Burgward Guntmiri erscheint bei seiner ersten Erwähnung 949 bereits 
als dem Moritzkloeter in Magdeburg geschenkt, ist jedoch schon im XII. Jahr- 
hundert im Besitz der Ballenstädter. 1150 (nach anderer Berechnung 1147) 

* Thorschmidt apridit die VermDtung aas, daas der Ort nach dem hrä). Gummanu 
— auch Onnthmajrue und Bt. Oomer — genannt sein könne, einem brabantiBChen Kilter, der 
nach Stadler-Oinal'B H^igeuleiikon , nachdem er zu JAn. oder Lieire io Brabant eine 
Kirclie gegrflndet, am 11. Oktober 774 starb und in ganz Brabant Verebrung genoaa. Dos 
Ut wenig wnhrBcheinlicIi, da unter Otto d. Gr. von Sandriacher EoloQiaaÜon in unaeren 
Gegenden noch nicht die Bede sedn kann. 



96 Kreis Jerichow I. 



erscheint ein Germams de Gumre urkundlich als Lehnsmann Albrechts des 
Bären, und der Name der nach der Burg genannten Familie pflanzt sich bis ins 
XIV. Jahrhundert fort. 1236 werden ein Heinricus schuUettis de Gummere, 1288 
ein Conr(idus Bomgarde advocaius in Ghummere urkundlich erwähnt. 1183 
erscheint Herzog Bernhard von Sachsen als im Besitze von Gommern und Dorn- 
burg. 1283 wurde Gommern mit Elbenau und Ranies an das Erzstift Magdeburg 
versetzt, aber frühzeitig wieder eingelöst, doch nicht vor 1;;08. Von da an blieb 
es als Hauptort des Amtes Gommern dauernd in herzoglich, nachher kurfürstlich 
sächsischem Besitz, bis es 1807 zum Königreich Westfalen geschlagen wurde, 
durch den Wiener Frieden aber an Preussen kam. 

Das ehemals kurfürstliche Schloss, das nach Thorschmidt's Bericht 1578 
durch Kurfürst August mit den Materialien der abgebrochenen Klosterkirche von 
Ploetzko neu gebaut wurde und jetzt als Strafgefängnis und zugleich Sitz des 
Amtsgerichts eingerichtet ist, südlich von der Stadt auf einem wohl künstlich 
aufgeschütteten, von Gräben umzogenen Hügel gelegen, lässt auch in seiner 
gegenwärtigen durchgreifend veränderten Gestalt noch die Anlage der mittel- 
alterlichen Burg (siehe den Situationsplan Fig. 27) mit der Oberburg, der Vorburg, 
den Thorbauten und Mauer- und Gräbenzügen deutlich erkennen. Sicherlich 
bis in die älteste Zeit zurück reicht der im Oberhof freistehende kreisrunde Berg- 
fried (Fig. 27 bei a) von etwa 10 m Durchmesser, der aus Gommernschen Bruch- 
steinen aufgeführt und jetzt unten als Eiskeller, oben zu Gefängniszellen ein- 
gerichtet ist. Die Treppenanlage dagegen, zuerst aussen um die NW-Seite herum 
unter einem SchutzdachQ zu der alten Eingangspforte in der Höhe hinaufführend, 
dann in einem in das Innere des Turmes eingebauten Cylinder um eine Spindel 
sich zum obersten in Backstein aufgesetzten und mit 8 Rundfenstern versehenen 
Geschosse hinaufwindend, sowie dies Geschoss selbst nebst dessen Bedachung 
mit achtseitiger Zwiebelhaube und offener, achtseitiger, mit wälscher Haube 
gedeckter Laterne und endlich die ebenfalls in Backstein ausgeführte durch alle 
Geschosse hindurchgehende nördlich an den Treppenbau stossende rechteckige 
Abortanlage gehören offenbar dem von Thoi-schmidt berichteten Umbau an, wie 
auch das kursächsische Wappen mit der Jahreszahl 1579 in der Wetterfahne 
bezeugt. Ob der die ehemalige Zugbrücke und das Hauptthor zur Vorburg 
beherrschende quadratische Turm aus Bruchstein mit Satteldach (Fig. 27 bei b), 
welcher in der Wetterfahne die Jahreszahl 1598 trägt und mit dem Bergfried 
zusammengesehen eine ganz malerische Gruppe bildet (siehe Fig. 28), ebenfalls 
noch in der Hauptsache dem alten Burgbau angehört, oder überhaupt erst bei 
dem 1578 begonnenen Neubau entstanden ist^ lässt sich aus seinen Formen nicht 
entscheiden. Ebensowenig, ob sonst in den völlig veränderten uitd gänzlich 
interesselosen übrigen Baulichkeiten des Schlosses etwa noch mittelalterliche 
Reste stecken. Auch der ersichtlich dem Neubau von 1578 angehörige, östlich 
vom Bergfried gelegene, ganz schlichte dreigeschossige und durch zwei das 
Dach nach Ö und W durchsetzende Quergiebel ausgezeichnete Hauptflügel 
entbefirt mit Ausnahme eines Restes von einem Stuckplafond in der gegenwärtig 
mit Nr. 2 bezeichneten Gefängniszelle jeglicher Kunstform oder baugeschicht- 
lichen Erinnerung. — Eine Schlosskapelle wird 1331 urkundlich erwähnt Die 
gegenwärtige des Gefängnisses hat mit derselben nichts zu thun. 



Qommerti. 97 

Die Stadt scheint auch im Mittelalter immer nur ein offener Ort gewesen 
zu sein und galt anch am Ende des XVII. Jahrhunderts und auch 1755 noch nur 
als Flecken, der sich von den Verwüstungen des dreissigjährigen Krieges kaum 
zu erholen vermochte. Ihre bürgerlichen Gebäude bieten schlechterdings nichts 
Altertümliches, ausgenommen etwa den im Rathause befindticlien Siegelstempol 
der Stadt, kreisrund von 0,018 m Durchmesser, welcher im vielgeschlitzten und 



Fig.3S. OommefD. Rcbloss. 

gerollten Schilde einen Schräglinksbalken zwischen zwei sechsstrahligen Sternen 
und als Umschrift nur QOMERN 1657 zeigt 

Die Kirche (jetzt zur h. Dreieinigkeit) fiskalischen Fatronats, von der ein 
Pfarrer urkundlich zuerst 1292 vorkommt, war im dreissigj ährigen Kriege völlig 
Terwüstet Ein Wiederherstellungsbau konnte nach Akten des Rathauses erst 
1689 geplant werden und war 1693 bis auf den „Ornat" fertig, hat aber, wie der 
Bau selbt in seinem früheren Zustande erkennen liess, noch etwas länger 

Dia Kreta« Jorlcbo». 7 



98 Kreis Jerichow I. 



gedauert Im nördlichen Teile, etwa in der Mitte der Stadt, südlich der Haupt- 
strasse inmitten des ehemaligen Kirchhofes gelegen erschien der Bau bis vor 
kurzem als ein überaus verbautes langes Rechteck aus Gommemschen Bruch- 
steinen. Die Ostwand war grade geschlossen mit drei Spitzbogenfenstem, wie 
auch die übrigen unregelmässig verteilten Fenster lang spitzbogig waren. Am 
östlichen Teile des Baues befanden sich zahlreiche Anbauten in Fachwerk, das 
zum Teil nur mit Lehmstaken ausgefüllt war. Massiv war ein zweigeschossiger 
an der Nordseite des Altarraums, östlich in gleicher Flucht mit dem Schiffe 
schliessend, welcher im oberen Geschosse mit zwei gratigen Kreuzgewölben ein- 
gedeckt war und in den Stirnen der Eisenanker des Gebälks am nördlichen 
Giebel die Zahl ^gy trug. Ein entsprechender an der Südseite des AltaiTaumes 
enthielt im ebenfalls gratig kreuzgewölbten Untergeschosse die Sakristei. An 
dem wesüich davon .gelegenen Teile des Schiffs erkannte man aber deutlich, dass 
die Kirche ursprünglich eine romanische Basilika mit breiten völlig ungegliederten 
Pfeilern gewesen ist; vier vermauerte Arkaden waren sowohl auf der Nordseite 
als auf der Südseite an den unverputzten Aussenwänden ersichtlich. Der 
quadratische "Westturm in der Breite des ehemaligen Mittelschiffes, zu dem eine 
Treppe von aussen an der Nordseite hinaufführt, ist in seinem untersten Teile 
bis etwa 2V2 ^ über dem jetzigen Erdboden noch ein Best des ältesten Baues, 
darüber hinauf späterer Flickbau, das oberste Geschoss Fachwerk mit geputztem 
Backstein verblendet, bekrönt mit achtseitigem Zwiebeldach, das von einer ganz 
offenen achtseitigen Laterne mit welscher Haube und schlanker Spitze über- 
stiegen wird. 

In neuester Zeit ist ein Umbau der Kirche ausgeführt worden , welcher am 
14. November 1897 eingeweiht worden ist. Derselbe hat die Ostseite unter einem 
Nischengiebel mit einer ^/g Apsis versehen, den Oberbau über der Sakristei an 
der Südseite beseitigt, das unterste Geschoss des Turmes in eine Durchgangs- 
halle zum Schiffe umgewandelt und den Anbau an der Nordseite ebenfalls mit 
einem Nischengiebel bekrönt, sonst aber alle Spuren des romanischen Bruch- 
steinbaues unter dickem Rauhputz verborgen, der nur an den Hauptgliederungen 
glatt geputzt und weiss getüncht das ganze Gebäude einschliesslich des Turmes 
überzieht. Im Inneren sind die alten Emporen und Decken entfernt und haben 
beschränkteren eingeschossigen Emporen und einer spitzbogigen Holztonnendecke 
Platz gemacht, so dass hier ein sehr viel erfreulicherer Eindruck erzielt ist als 
am Ausseren und auch gegenüber dem früheren Zustande. 

Das Innere bot ehedem ein so anschauliches und ausführliches Beispiel der 
schwerfällig überladenen Ausmalung und Ausstattung, wie sie die Zeit gegen 
und um 1700 auch bei sehr beschränkten Mitteln auszuführen wusste, dass ihr 
gänzliches Verschwinden doch einiges Bedauern erregt. Die gesamte flache 
Decke war mit grossem Rankenwerk grau in grau bemalt, darin eingesprengt 
im Altarhause zwei grosse Gemälde nebeneinander, nördlich der Ti'aum Jakobs, 
südlich die Prophetenweihe dos Jesaia. Um dem Orgelprospekt Platz zu schaffen, 
erhob sich über demselben aus der geraden Fläche der Decke eine Tonnen- 
wölbung, welche mit Engeln bemalt war, die das „Ehre sei Gott in der 
Höhe" sangen. Femer waren sämtiiche Brüstungen der zweigeschossigen 
Emporen im Schiff, von denen die südliche, um für die Kanzel Raum zu 



Oommern. 99 



schaffen, kürzer war, mit figurenreichen biblischen Scenen, nördlich aus dem 
Alten, südlich aus dem Neuen Testament, ebenso die Rückwände der beiden 
Gestühle zu den Seiten des Altars — deren durchbroclien geschnitzte Vorder- 
Bekrönungen weiss getüncht waren — nämlich das nördliche, wohl der Pfarr- 
stuhl, mit drei auf das Priestertum, das südliche, wohl der Ratsstuhl, mit vier 
auf das Richteramt bezüglichen Sconen bemalt 

Die Mensa des Altars schien noch die alte zu sein, aber ohne die Deck- 
platte. Darauf stand ein riesiger, bis an die Decke reichender hölzerner 
Sarockaufsatz, der in der Staffel ein Gemälde des h. Abendmahls enthielt, 
darüber ein grosses Bild der Kreuzigungsgruppe, eingefasst von Säulenpaarcn, 
zwischen den die antikisierenden Rundfiguren, rechts des Glaubens, links der 
liebe standen. Als Bekrönung das ovale Gemälde des Auferstandenen zwischen 
zwei weiteren allegorisclien Rundfiguren, rechts mit Anker, links mit Kreuz. 

Von dem alten Inventar ist nur die im Verhältnis zu den sonstigen Massen 
des Gebäudes übergrosse, an die südliche Schiffswand gelehnte Kanzel erhalten, 
nur dass ihre alte Bemalung durch eine ganz moderne ersetzt ist. Dir frei- 
schwebendes Polygon ist unten mit Engeln in Wolken umgeben; auf den 
Flächen, deren Ecken mit Engelhermen besetzt sind, stehen in Muschelnischen die 
kleinen Rundfiguren des Herrn Zebaoth und der vier grossen Propheten, während 
auf dem Schalldeckel an den Ecken die vier Evangelisten, hinter ihnen Engel 
mit den Marterwerkzeugen und zwischen diesen ganz oben Christus mit dem 
Kreuze stehen. 

Ausserdem ist als Taufschüssel eine der bekannten Messingschüsseln zu 
nennen, welche im Fond den englischen Gruss mit der unerklärten Umschrift 
und IGH . SCAL. REKOR.DE, auf dem breiten Rande aber die eingeschnittenen 
Namen der Stifter und Äö, 1687 d. 4 Septmer zeigt. 

Von den Glocken hat die Stundenglocke von 1,25 m Durchmesser mit sehr 
runder Haube am Halse nach einem schlecht ausgedrückten Relief der 
Kreuzigungsgruppe, auf welchem die Arme des Kreuzes einfach glatt endigen 
und die Füsse des Gekreuzigten nebeneinander stehen, folgende Inschrift in 
flachen, sämtlich mit kalligraphischen Schnörkeln umzogenen Reliefbuchstaben: 
aUBLS 9ö2tS IiOa SIGT2R (Relief des segenden Christus) PLÖBS SÄLVÄ 
SIT ÄVRÄ BQI?I6EÄ.i — 2. Die Mittelglocke von 0,89 m Durchmesser ist 
von Heinrich Borstelmann zu Magdeburg 1591 gegossen. Sie trägt am 
Halse dessen gewöhnliche Friese mit den Engelsköpfen als Trennungszeichen 
der beiden Inschriftzeilen mit den Namen des Pastors, der Ältesten etc. auch 
des Giessers und VERB. DOM. MAN. INAET. Am Körper ein 0,105 langer 
Wappenschild in Relief mit einem borstigen wilden Manne, der in der linken 
Hand einen Pfeil und in der rechten ein von einem Pfeile durchbohrtes Herz 



^ Die sämtlichen diesea Spruch tragenden Glocken, die sonst noch in den Kreisen 
Bitterfeld, Delitzsch, Koelhen und Mansfeld-See nachgewiesen sind, will Schubart in 
seiner an haltlosen , aber sehr sicher vorgetragenen Hypothesen und Behauptungen reichen 
Schrift „die Glocken im Herzogtum Anhalt 1896'' als Specialitat auf emen namenlosen, in 
Halle angesessenen Giesser zurückführen, obgleich er selbst 8. 246 f. berichten muss, dass sie 
in Ausstattung und Schrift sehr verschieden sind und ersichtlich verschiedenen Zeiten von 
ca. 1200 bis ca. 1800 angehören; manche dürften noch viel spater anzusetzen sein. 



100 Kreis Jerichow I. 




ti'ägt. — 3. Die Viertelstundenglocke von 0,60 m Durchmesser hat am Halse 
zwischen zwei Bindfadenschntiren eine Reihe kleiner Kreise, die durch Einritzung 

in den Mantel der Form hergestellt sind, und in denen 
ein griechisches Kreuz mit verstärkten Enden der Arme 
und ein Ä abwechseln — einmal auch statt des einfachen 
Kreises die Zusammensetzung Fig. 29. Auch unter dem 
^' unteren Bindfaden sind mehrfach abwärts hängende Halb- 

kreise, einmal vier nebeneinander in gleicher Weise angebracht 

Grabow. 

[946 Grabaw, 949 Grabo, 966 Grabauua, 1158 Grabowe, 1562 Grabaw]. 

Pfarrdorf mit Rittergut an der Ihle 7V2 tm OSO von Burg, Station der 
Kleinbahn Burg-Ziesar. 

Die civitas Grabaw wurde 946 an das Erzstift Magdeburg geschenkt. 1306 
wurde Schloss und Flecken (der 1459 noch als oppidum bezeichnet vrird) vom 
Domkapitel an das Bistum Brandenburg verkauft, muss jedoch von diesem gleich 
an die Grafen von Lindow weiter verliehen sein, denn bereits 1334 machten als 
deren Lehnsleute Iwan von Wulffen und Henning von Barby mit Erzbischof 
Otto einen Vertrag wegen Offenhaltung und etwaigen späteren Wiederverkaufs 
des Hauses Grabow. Das Lehnsverhältnis der von Wulffen, die seitdem be- 
ständig als Inhaber des Hauses erscheinen, zu den Grafen von Lindow und dem 
Bistum Brandenburg blieb bis zum Aussterben der ersteren bestehen. Danach 
1524 nahm Kurfürst Joachim I. das Schloss vom Bischöfe zu Lehen und verlieh 
es von neuem an die von Wulffen. Die Streitigkeiten über die Landeshoheit 
wurden durch den Zerbster Vertrag 1533 dahin erledigt, dass Grabow mit den 
zum „Amt" Grabow gehörigen Dörfern Stresow, Steglitz und Pietzpuhl unter 
Vorbehalt einiger Einschränkungen zur Mark Brandenburg gelegt wurde. Gleich- 
wohl wurde 1562 die Visitation in dem Amte von der erzbischöflichen Kommission 
abgehalten. Der während des dreissigjährigen Krieges wieder aufgewachte Streit 
wurde durch Vertrag von 1654 neuerdings dahin verglichen, dass das jus 
territoriale und episcopale bei Brandenburg verblieb, und nur gewisse Land- 
steuem dem Erzstift vorbehalten wurden. In dieser Gestalt gehörten Schloss und 
Amt bis 1773 zum Zauchischen Kreise der Mark, von da ab zum Ziesarschen 
Kreise des Herzogtums bis zur Neuordnung nach dem AViener Frieden. Seit 
dem Jahre 1545 befand sich übrigens, da Wichmann von Wulffen seine sämmt- 
lichen Besitzungen an die von Plotho verkauft hatte, ein Teil des Gutes im 
Besitze der von Plotho noch bis in das gegenwärtige Jahrhundert hinein. — 
Eine nach dem Schlosse genannte Familie von Grabow kommt zuerst 1144 
urkundlich vor, nachher im Besitze von Mahlenzien (s. das.). 

Die Kirche, unter dem Patronat der Schlossherrschaft, in der Mitte des 
seine frühere Bedeutung als oppidum und Flecken nicht mehr verratenden, 
wendisch angelegten Dorfes, inmitten des geräumigen von Feldsteinmauem mit 
zahlreichen Eingängen (darunter der südliche ein Backsteinbau aus dem vorigen 
Jahrhundert mit dem v. Wulffenschen Wappen auf einer Sandsteinplatte in der 
Bekrönung des grossen Thorbogens) umgebenen Kirchhofs gelegen, in ziemlich 
vernachlässigtem und verfallenem Zustande befindlich, ist ursprünglich 



Grabow. 101 

— - ■■■■ .1- - .,— ,■■■■ — 

ein einschiffiger romanischer Feldsteinbau nach Schema II, aber wiederholentlich 
▼erändert und von Tornherein vor den sonstigen dörflichen Feldsteinkirchen 
durch ungewöhnliche Grösse und Höhe ausgezeichnet Der älteste Teil ist das 
Altarhaus mit jederseits zwei Fenstern (von denen die vermauerten der Nordseite 
noch in der ursprünglichen rund bogigen Gestalt erhalten sind, während der 
Triumphbogen bereits spitzbogig ist) und die Apsis mit drei veränderten Fenstern. 
Auf dem Giebel des Altarhauses ein altes, ganz einfaches Steinkreuz. Yiel jünger 
ist der Schiffsbau, der bedeutend breiter ist als das Altarhaus und möglicher- 
weise doch an Stelle eines basilikalen Baus, wie sie bei den Kirchen der 
bedeutenderen Burgwardorte dieser Gegenden allgemein gewesen zu sein scheinen, 
getreten ist Er ist zur Zeit durch weit gestellte Holzpfeiler, welche mit ihren 
einfach gekehlten und profilierten Sattelhölzem und Streben die flache Decke 
tragen, in drei Schiffe geteilt, und diese Einrichtung ist jedenfalls schon mit der 
Erbauung des jetzigen Schiffs gleichzeitig. Dasselbe hatte ursprünglich fünf oder 
sechs, jetzt meist veränderte Spitzbogenfenster an den Langseiten, in der Westfront 
aber zwei Spitzbogenfenster und zwischen letzteren in halber Höhe ein Halb- 
kreisfenster. Die ganze Schichtung des Materials und die Fugung mit den in 
den breiten Mörtel eingeritzten Quaderlinien ist sehr unordentlich. Die rund- 
bogige Priesterthür befindet sich jetzt an der Ostseite des südlichen Seitenschiffs, 
ist aber allen Anzeichen nach unter Beibehaltung der die Wandung bildenden 
besser behauenen Steine erst beim Neubau des Schiffs von der unmittelbar daran 
stossenden Ecke der Südwand des Altarhauses dahin versetzt. Die obere 
Endigung der Westfront in Backstein und der ebenso ausgefütterte Fachwerkbau 
des über ihr sich erhebenden quadratischen Turmes gehören der Neuzeit an. 

Im Innern ist die flache Holzdecke des Altarhauses mit Schablonenmustem 
bemalt, ähnlich wie in Grosss-Wusterwitz (s. das.), aber geringer und geschmackloser, 
auch stark beschädigt In die Ornamentmalerei ist ein länglicher Crucifixus ein- 
gesprengt, unter dem eine in ungeschickten archaisierenden neugotischen 
Majuskeln ausgeführte und, wie es scheint, öfters übermalte Inschrift in übler 
Latinität und Orthographie über die Herstellung der Decke (nicht den Bau der 
Kirche) folgende Auskunft giebt: 

WOLF VÄ WÄLPQ ÄHHO DHI fllV (hier hat wohl ursprünglich noch 
ein c gestanden) XXIU «DIFIOÄSViD • PÖR • DlTü) lOftÄHÖ • SARTO~R 
BT . lAQOB • Pisa DÖWÖS - BLOJßö 

Dominus Johannes Sartor ist wohl der Pfarrer, Jakob Fischer und Drewes 
(= Andreas) oder Tewes (= Matthäus) Blome die beiden Kirchonvorsteher und 
Wolf von Wulffen der Gutsherr zur Zeit des 1523 ausgeführton Baues, obgleich 
ein Träger dieses Vornamens unter den bis jetzt nachgewiesenen Gliedern der 
Familie von Wulffen in dieser Zeit nicht vorkommt. 

Die Emporen und die herrschaftlichen Logen unten sind in unbemaltor 
Naturfarbe des Holzes sehr einfach, fast grob hergestellt und sehr vernachlässigt. 

Die Mensa des Altars ist alt, mit den gerade stehenden ziemlich tief aus- 
gegrabenen Weihekreuzen auf der Platte, die Reliquiongruft ist jedoch vorn im 
stipes angebracht Auf der Platte steht ein geringer gemalter Flügel -Aufsatz, 
gestiftet 1595 von Anna von Dorstadt, Gemahlin dos Bastian von Plotho, wie 
ihre beiden Wappen auf den Flügelstücken der Staffel und die Inschrift auf der 



102 Ereifl Jerichow I. 



Rückseite bezeugen, unter der letzeren steht HH- ^^-i wohl den Maler bezeichnend, 
der aber jedenfalls von Hans Holbein so fern wie nur möglich steht, denn seine 
Malereien, die Einsetzung des h. Abendmals im Hauptbilde, in den beweglichen 
Flügeln rechts die Verkündigung, links der Stall zu Bethlehem, auf deren Aussen- 
seiten aber die Brustbilder von Luther imd Melanchthon, sind abscheuliche 
Schmierereien, nicht minder diejenigen an der am Südpfeiler des Triumphbogens 
stehenden Kanzel mit Benovatum 1694 imd den Wappen des Franz Sigmund von 
Wulffen und der Gottlieb Tugendreich von Hacke. 

Unter den Abendmahlsgeräten zeigt ein silbervergoldeter Kelch mit 
zugehöriger Patene von 1704 noch die in diesen Gegenden häufigen schwachen 
Erinnerungen an die gotische sechsteilige Form und die gravierten Stifterwappen 
des Kuno Wichman von Wulffen und der Dorothee Philippine von Stammer, ein 
anderer kleinerer einen in Barockformen einfacher Art umgewandelten Knauf. 

Von den Glocken hat die grösste von 1,01 m Durchm. am Halse zwischen 
zwei Reifen paaren folgende sehr unorthographische Inschrift in zweilinigen 
Majuskelbuchstaben von älterem Ductus, welche in Wachsfäden der Form auf- 
gelegt gewesen sind : + o aVÖ o JDÄRIÄ o GRÄOI o APliöSIÄ o ÖOHISIVS o. 
Die beiden andern sind Neugüsse von H. Engelcke in Halberstadt von 1833 und 
von Gebr. Ulrich in Apolda von 1868. 

Zahlreich sind die vorhandenen Grabsteine und Epitaphien. Zu ihnen 
wird von der örtlichen Überlieferung, aber ohne jede Berechtigung gerechnet 
1. eine nach mehrfachen Wanderungen jetzt im Altarhause südlich dicht vor der 
Apsis im Fussboden liegende kreisrunde Sandsteinplatte von 0,76 m Durchm. mit 
dem in Umrissen eingegrabenen Brustbilde eines die Linke mit einem Buche 
erhebenden und mit der Rechten das Pedum haltenden Bischofs und der Um- 
schrift in eingegrabenen Majuskeln ÖRIÖVS • ÄROhlöPS aOOLie 
JDÄGöQB'. Zwischen dem zweiten und dritten Worte zeigt sich im Rande der 
Platte ein radialer Ausschnitt, der zur Befestigung derselben an irgend etwas 
gedient zu haben scheint. Die Ortssage erzählt, dass Erzbischof Erich, Markgraf 
von Brandenburg (1283 — 1295 Decbr.) in einer Tonne versteckt, daher die Form 
des Grabsteins, nach Grabow habe flüchten müssen und dort verstorben sei. 
Davon weiss die Geschichte nichts; ein Grabstein kann der Stein nach Form und 
Inhalt auch nicht sein. Ich vermag nicht, eine Vermutung über seine ursprüngliche 
Bestimmung auszusprechen. Ein wirklicher Grabstein ist 2. die unter dem 
Triumphbogen im Fussboden liegende Sandsteinplatte mit abgeschrägten oberen 
Ecken, welche die in Umrissen eingegrabene Figur eines Geistlichen trägt und 
die in der obersten Ecke rechts beginnende Umschrift in eingegrabenen 
Majuskeln + ARHO D || RI 01000 X || XV. [1325] IH. Vlff (vigiUa). (ÖÄRTIRI . 

. ÄLBQRTVS II DO IfiöRDORP PLOBÄR || VJS IR GRßBOWO CVI: RTK 
ROQÖSOÄT ■ II IR PÄOO ■ Aöl. 

Dann folgen mehrere Reliefplatten aus dem Ende des XVI. Jahrhunderts 
von sehr handswerksmässiger Arbeit und dick übertüncht, manche so übel vom 
Gestühl verdeckt an den Wänden aufgestellt, dass die Namen und Data nicht 
vollständig festzustellen sind. 3. In der Apsis an der nördlichen Ecke Joachim 
Edler von Platho, gestorben 15. März 1586, sehr grosse ungeschickte, über dem 
Helm stehende Figur eines betenden Gehamischten mit vier Ahnenwappen in 



Grabow. 103 

den Ecken. 4. Gegenüber an der südlichen Ecke in der Apsls dessen Ehefrau 
Barbara von Helpten, gestorben 2. März 1586, in gleicher Ausstattimg. Im 
Schiffe an der Südwand 5. und 6. die beiden Stifter des Altaraufsatzes, die Frau 
gestorben 1599, das Todesdatum des Mannes ist nicht zu lesen. Ferner an der 
Nordwand des Schiffes unter der herrschaftlichen Prieche 7. Wichmann von 
Wulffen, gestorben 8. November 1599, ein nach links gekehrt über seinem 
Helme stehender Geharnischter mit der Feldbinde, die Kochte auf den (weg- 
geschlagenen) in die Hüfte gestemmten Streithammer gestützt, etwas weniger 
tibertüncht; vier Ahnenwappen in den Ecken. Femer daselbst 8. und 9. hoch 
an der Wand angebracht die durch bessere Ausführung und Erhaltung aus- 
gezeichneten (Farben: weiss und gold, die Ahnenwappen in den Ecken buntfarbig) 
Platten des Lieutenants Franz Siegnumd von Wulffen, gest. 17Q2, und seiner 
Ehefrau Gottlieb Tugendreich von Hacke gest. 1700 (siehe die Kanzel), beide in 
der elegantesten Modetracht der Zeit, in leichter vornehmer, aber keineswegs 
andächtiger und kirchlicher Haltung, er im Kürass, von vielen Trophäen umgeben, 
sie mit dem linken Ellenbogen auf einen viereckigen Pfeiler gelehnt und mit 
beiden Händen einen Blumenstrauss abwärts haltend. 

10. An der Nordseite des Altarhauses das leidlich gemalte ovale Brustbild 
des am 28. Oktober 1720 verstorbenen Hans Christoph von Wulffen, nach links 
gewandt im hellblauen silbergestickten Seidenrock, umgeben von einem in Holz 
geschnitzten Rahmen- und Rankenwerk, das in Weiss und Gold auf blauem 
Grunde bemalt und mit den sechzehn Ahnenwappen gefüllt ist, zwischen denen 
unten noch ein Totenkopf und eine rauchende Vase Platz gefunden haben. 

Die Bui'g liegt südlich vom Dorfe. Das Terrain der Vorburg östlich von 
der Strasse ist jetzt von weitläufigen Wirtschaftsgebäuden eingenommen. Die 
Hauptburg liegt westlich von der Strasse auf einem aufgeschütteten Hügel 
inmitten der Ihle-Niederung, der noch jetzt inselartig von dem Burggraben mit 
fliessendem Wasser rings umzogen ist. An Stelle der ehemaligen Zugbrücke 
und des Thorbaus führt jetzt eine steineme Brücke durch einen mit dem von 
Wulffen — von Stammerschen AUiance-Wappen bezeichneten, also dem Anfange 
des XVni. Jahrhunderts angehörigen (siehe oben den Kelch S. 102) Portalbau 
in der Burgbering, dessen Südseite jetzt von einem damals auf den alten 
Fundamenten und Kellern errichteten zweigeschossigen, zehn Fenster langen, 
nüchternen Herrenhause mit Mansardendach, dessen Inneres nichts architekonisch 
Merkwürdiges bietet, eingenommen wird. Gegenüber liegen beträchtliche Ruinen 
von den Feldsteingebäuden der alten Burg. Zunächst auf der Ostseite schliessen 
sich nordwärts an den Portalbau gewaltige gesprengte Trümmermassen von mit 
quadermässig behauenen Findlingen verkleidetem Gussmauerwerk, deren Dicke 
von der Trefflichkeit des verwendeten Mörtels Zeugnis giebt und vermuten lässt, 
dass sie dem einst hier gestandenen Hauptturme angehört haben. Nordwärts 
schliessen sich daran in mehrfachen Ausbiegungen der Bogenlinie der Insel 
folgend die Aussenmauern ehemaliger zweigeschossiger Wohngebäude, zum Teil 
noch mit Fensteröffnungen im Obergeschosse, die nach Norden gekehrte Aussen- 
wand wiederum meist mit sorgfältig quadermässig behauenen Steinen verkleidet. 
Davor zieht sich auf halber Höhe des Abhangs eine niedrigere ebenfalls sehr 
sorgfältig ausgeführte Mauer entlang, die wohl den Zwinger der Burg abschloss, 



104 Kreis Jerichow I. 



und die etwa in der Mitte mit dem oberen Hauptbau durch Beste eines Gebäudes 
verbunden ist, das noch einige flache .Fensteröffnungen aufweist. Alles, was 
westlich gestanden hat, ist weggeräumt und das Terrain planiert, zum Teil mit 
kleineren Wirtschaftsgebäuden besetzt. Leider ist diese ganze Ruinenpartie mit 
zum Teil riesigen alten Bäumen und dichten Gebüsch- Anlagen , die ihr einen 
grossen malerischen Keiz verleihen, so dicht angefüllt und umstellt, dass eine 
photographische Aufnahme wie eine ordentliche Vermessung derselben, um 
danach das Bild der ehemaligen Burgbauten, die sich z. B. vor denen in Ziesar 
durch die ungewöhnliche Sorgfalt der Technik auszeichnen, wenigstens teilweise 
wiederherstellen zu können, gleich unmöglich gemacht sind. 

Gross-Lübars. 

[1187 Lubas, 1219 Lubaz und so miteinander abwechselnd das ganze Mittel- 
alter hindurch gemeinschaftlich für Gross- und Klein-Lübars , 1382 Lübars 
1552 Lubbars, 1329 major Luba^, 1372 Ost-Lubas.] 

Kirchdorf mit Rittergut an der Ihle nicht weit von ihrer Quelle, 7 km 
nördlich von Loburg, Station der Kleinbahn Burg-Magdeburgerforth. 

Urkundlich zuerst 1187 als zum Burgward Loburg, aber zum Archidiakonat- 
sprengel des Domstifts zu Brandenburg gehörig erwähnt; 1550 haben es als 
Lehnsleute des Bischofs von Brandenburg die vonWulffen in Besitz, in welchem 
sie auch bis heute geblieben sind. Bis 1773 gehörte es zum Zauchischen, nachher 
zum Ziesarschen Kreise. — Eine nach dem Orte genannte Familie kommt mit 
Johannes de Lubaz zuerst 1219 urkundlich vor. 

Die Kirche, commater zu Klein-Lübars (s. daselbst), jetzt unter dem Patronat 
der von Wulffen, in der Mitte des Dorfes nördlich der WO-Strasse gelegen, ist 
ein einschiffiger romanischer Feldsteinbau nach Schema I von geringen Dimensionen. 
Das Schiff ist nur 2 Fenster lang, säramtliche Fenster vergrössert und modern 
verglast, nur die drei kleinen der Apsis sind in ursprünglicher Gestalt erhalten 
und haben zum Teil noch wirkliche alte Butzenscheiben. Die Priesterthür an 
der Südseite des Altarhauses. Die Eingangsthür an der Westhälfte der Südseite 
des Schiffs ist in Backsteinen erweitert. Der 8 m breite und 6 m tiefe West- 
turm ist im Verband mit dem Schiffe aufgeführt und hat in Höhe von einer 
Schicht über den Schiffsmauem einen Kücksprung. Die Glockenstube hat nach 
und W je drei Schallöffnungen, nach N und S je eine, von denen die südliche 
vergrössert und im untersten Drittel vermauert ist, darüber in den Giebeln für 
das Satteldach noch einen schmalen Schlitz. Die Wetterfahne auf der südlichen 
Giebelspitze trägt die Zahl 1715. 

Der hölzerne Aufbau über dem Altare in bescheidenen Zopf formen 
enthält zugleich die Kanzel, an deren Schalldeckel das Wappen des Hans 
Christoph vonWulffen mit der Jahreszahl 1772, zu beiden Seiten das des August 
Wilhelm von Wulffen und das der Friederike Auguste von W. geb. von Barby. 
Unter den Abendmahlsgeräten sind ein ziemlich grosser silbervergoldeter 
Kelch mit sechsblättrigem Fusse, noch an die gotische Form erinnernd, und die dazu 
gehörige Patene, bezeichnet S . H . V. W: M . M . V. S. ANNO 1677. zuerwähnen.i 

* Wahrscheinlich Stach» Heinrich von Wulffen (1643—1717) und seine Oemahlin, eine 
geborene von Schierstedt. 



Von den Glocken ist die ^sste von 1 m Durchni. völlig schmucklos. — 
Die zweite von 0^7 m. Durchm. bat am Halse die Umschrift in gotischen 
Uimiekeln ohne Abteilungskreuz : Diat . t«|f r . f «iltt . 9ta . $$i . tl . fltri . 
mite . ni* Nl . at . tut . Xllii(l447). Darunter ein Fries von einzeln stabenden 
gotischen Blättern in schon recht entarteter Form. Unter dem D der Inschrift 
am Körper ein 0,065 langes Relief (siehe 
Fig. 30), das von dem Modell einer 
kleinen Fax in frühgotischen Formen ab- 
geformt zn sein scheint Innerhalb einer mit 
Krabben besetzten und mit einer Kreuzblume 
gekrönten Giebelniscbe zeigt es unter einem 
Halbkreisbogen das von vom gesehene Brust- 
bild eines Kaisers mit Reichsapfel und 
kurzem Dlienscepter in den ausgebreiteten 
Händen nnd dem Adlerschilde vor der Brust, 
darüber den Gekreuzigten in sehr kleiner 
Figur, zu seinen Seiten in grössereu Figuren 
links Petrus mit sehr grossem Schlüssel, rechts 
einen anderen bartigen Apostel mit nicht 
recht erkennbarem Attribut — das Schwert 
des Paulus ist es nicht, vielleicht das Kreuz 
des Pbilippus. — Die kleinste Glocke vun 
0^75 m Durchm. ist von Johann Koch 
aus Zerbst 1698 gegossen und trägt am 
Halse in zwei Zeilen den als Distichon 
variierten Spruch: 

LAUOO DEVM VERVM PLEBEM VOCO CONGREGO CLERVM 
LVCTVI DOQVE TONVM LAETITIAEQVE SONVM. 

Am Körper sind als Patron „Friederich Ludewig v. Schierstädt Obrister Lieutenant 
Herr derHäuser grossen LübbarsundDörnitz", als Pastor Mattheus Lissovius genannt. 

Im Altarhause an der Südwand ist jetzt der Relicfgrabstein des am 
25. März 1579 im Alter von 56 Jahren verstorbenen HANS QVRGE VÖ WOLFFE 
aufgestellt, ein ganz von vom gesehener barhäuptiger Gepanzerter mit langem 
Kinnbart, die linke Hand an den sehr grossen Schwertgriff, die rechte an den 
Dolch gelegt, um den Hals eine Kette mit Schaumünze, auf welcher ein Kreuz 
mit der Umschrift IN HOC SIGNO VINCES steht; in den Ecken vier Alinenwappen. 

An die Südseite des Turmes ist ein Grabgewölbe angebaut, dessen südliche 
Giebelfront in Putzbau mit Sandsteingliedemngen der Gesimse und des Voluten- 
Giebels ausgeführt ist Unter dem in der Mitte steigenden Kranzgesims ist eine 
grosse Sandstein-Relieftafel eingelassen, welche unten eine von Trommeln und 
Kanonen umgebene Kartusche mit den Sprüchen Pcs (statt Psalm) 34 V. 5 
und Ihimoihjum 4 CapUtd V. 5 enthält, darüber ein Tropbäenaufbau mit 
Lanzenbündeln, Fahnen etc. um einen behelmten antiken Panzer, zu den Seiten 
zwei geflügelte Genien, rechts mit Fackel, links mit Sanduhr, beide mit einer 
senkrecht gehaltenen Posaune um die Fahnen herumgreifcnd. Dazu die Um- 



106 Kreis Jerichow I. 



Schriften: „Christoff Friederich von Wulff en Oberster zu Fusse aus dem Baue 
Grossn liAarsch ist gAohre den 24 Januar 1668, hat de Brandebourgschen Bause 
gedienet 41 Jahr ist gestarben'* — das Weitere (1731) fehlt ^,Fr: Anna Maria von 
Wtdffen aus dem hause loburg Des Obersten von Wulffen Ehe Frau ist gebohren 
den 29ten November 1669. gestorben den*^ — das Todesdatum (1763) ist nach- 
träglieh aufgemalt gewesen, aber verloschen. Vor dem Giebel steht auf dem 
aufsteigenden Teile des Kranzgesimses die nicht üble Büste des Obersten aus 
Sandstein im Panzer mit der Feldbinde, die rechte Hand ist zerstört, hat wohl 
einen Eommandostab gehalten, und statt des linken Armes, den der Verstorbene 
wohl im Kriege verloren haben wird, befindet sich am Panzer ein grosser Löwen- 
köpf. Über dieser Büste steht vor der durch groben Putz ersetzten, zerstörten 
WandbekleiduDg auf kleinem Kragsteine eine Nautilusschale, wohl als Räucher- 
becken gedacht, und der ganze Giebel wird von einer schlanken, barhäuptigen, 
bärtigen, halbnackten Figur gekrönt, welche beide Hände rechts um einen Stock 
legt, welcher doch wohl denjenigen der Sense des Zeitgottes vorstellen wird. 

Der ausser Gebrauch gesetzte Kirchhof um die Kirche her hat noch den 
spätmittelalterlichen Thor weg gegen die Dorfstrasse bewahrt Die im schlichten 
Stichbogen geschlossene Durchfahrt des Backsteinbaus ist mit einem abgestuften 
Überbau bekrönt, welcher drei abgestufte Flachbogen -Nischen enthält, deren 
Wandungen mit einem einfachen Birnstabprofil gegliedert sind. 

Gross-Lübs. 

[Das ü ist lang zu sprechen; nach Holstein das 975 dem Kloster Berge 
geschenkte Liubatici, 1277 Lubiz, 1301 Lubistz, 1420 Groszin Lubisz.] 

Kirchdorf, 3^^ tm südl. vonLeitzkau, früher zum Amte Walter-Nienburg gehörig. 

Die Kirche, Pilial zu Gehrden (über die Patronatsverhältnisse siehe daselbst) 
am 0-Ende der WO- Dorfstrasse gelegen, durch welche ein mit vielen Stegen 
überbrückter Graben fliesst, ist ein einschiffiger romanischer Feldsteinbau aus 
ungewöhnlich grossen Findlingen ursprünglich nach Schema II, jetzt nach 
Schema I. Der Triumphbogen ist weggeschlagen, die Apsis ist ungewöhnlich 
niedrig, von ihren drei Fenstern das nördlichste vermauert Das Schiff hat zwei, 
das Altarhaus ein Fenster beiderseits, alle verändert. Schiff und Altarhaus sind, 
indem die Balken des Kranzgesimses des ersteren neben dem letzteren fortgesetzt 
und an dessen Ostende auf der Südseite durch einen freistehenden Holzpfeiler 
auf der Nordseite durch einen steinernen Strebepfeiler gestützt sind, unter ein 
Dach gebracht Der Westturm von der Breite des Schiffs, gegen dasselbe in 
einem fast die ganze Breite des Schiffs einnehmenden Rundbogen geöffnet, aus 
Findlingen von sehr ungleichmässiger Grösse, meist recht kleinen, und in unregol- 
mässiger Schichtung aufgebaut, ist ersichtlich ein späterer Zusatz, seine Ostmauer 
ist ohne Weiteres auf die starke ehemalige Westmauer des Schiffs aufgesetzt 
Er hat in der Glockenstube nach W und je drei, nach N und S je zwei sehr 
ungefüge, weil jetzt unten zum grössten Teil vermauerte Schallöffnungen und 
ein vierseitiges niedriges Zeltdach mit einem Absatz unter der Spitze. 

Im Innern befindet sich in der Nordwand des Altarhauses eine im Stich- 
bogon gedeckte Sediliennische und in der Nordwand der Apsis der einfache 
im Spitzbogen geschlossene Sakramentschrank mit alter schmuckloser Thür. 



Gross-Lübs. GrOningen. Gübs. 107 



Der Altar -Eanzelauf bau auf der alten Mensa ist sehr dürftig. Yoni Tauf- 
stein ist nur noch das jetzt schwarzmarmoriert bemalte runde, am oberen Rande 
sechzehnseitig abgekantete Becken übrig, übereck 0,88 ni, in der Höhlung 0,74 m 
im Durchmesser. Dazu als Taufschüssel eine der bekannten Messingschüsseln 
mit dem Sündenfall, der unerklärten Legende und IGH . SCAL . REKOR . DE 
im Fond, auf dessen Aussenseite eingraviert ist: DER . KIRCHE- ZU GROSSEN • 
UEPS . VEREHRET . VON . D . lOHAN VNO . SABINEN DÜRRIN . 1681 . ZERBST. 
(Dr. Johann Dürrius war seit 1642 Hofprediger und Superintendent in Zerbst.) 

Von den Glocken hat die grössere (0,80 m Durchm.) am Halse und Körper 
ausser dem sehr ausführlichen Relief-Wappen des Fürsten Carl Wilhelm lange 
Inschriften über das Patronat etc. Danach: IST AVS DER KIRCHEN VERMOEGEN 
DIESE GLOCKE GEGOSSEN 1696 DEN 7. MARTIJ. Am Schlage steht: AVS DEM 
FEUER BIN ICH GEFLOSSEN lOHANN GRETEN HAT MICH GEGOSSEN IN 
MAGDEB. — Die kleinere von 0,60 m Durchmesser besagt am Schlage: DURCHS 
FEUER FLOS ICH . MEISTER FRANZ ANDREAS ZIEGENER GOS MICH IN 
MAGDEBURG DEN 28 SEPTEMBER ANNO 1750. 

Grüningen. 

[1420 Grüninghe und Gruningen, 1552 Groning.] 

Kirchdorf, ehemals zum Amte Ziesar gehörig, 12 km ostnordöstlich von 
Ziesar. 

Die Kirche, Filial zu Wollin, in der Mitte des Dorfes an der Westseite 
der NS- Dorfstrasse gelegen, ist ein pilastergeschmückter Putzbau der Zopfzeit 
mit oblongen, oben halbrunden Fenstern, rechteckigem Altarhause und innerhalb 
der Westfront stehendem Turme mit einfachem viereckigen Zeltdach. 

Die Kanzel mit vier Ecksäulen am Polygon und dei Altaraufsatz mit 
zwei Säulen und Blattranken als Flügelstücken sind bescheidenste Dorfleistungen. 
Besser ist der Taufengel, dem in Wentzlow (s. daselbst) ganz entsprechend, 
aber sehr beschädigt. 

Von den Glocken hat die grössere (0,70 m Durchm.) am Halse zwischen 
Bindfadenschnüren die Minuskelinschrift + illif Ni mtttt IXX (1470), darunter 
elf mal ein kleines rautenförmiges Relief mit einem Engel; die kleinere (0,56 m 
Durchm.) hat nur zwei Bindfadenschnüre am Halse. 

Gübs. 

[Das ü ist lang zu sprechen, 1221 Gubiz, 1490 Grossen- und Lütken Gwbitz, 
1562 Gubtz.] 

Pfarrdorf, 6^2 k™ östlich von Magdeburg, 1221 von dem Loronzkloster in 
Neustadt -Magdeburg dem Kloster Zinna abgekauft, 1562 im Besitze des Rates 
der Altstadt Magdeburg u. zw. des Fähramtes. 

Die Kirche, 1562 unter dem Patronat des Agnes-Klosters zu Magdeburg, 
später des dortigen Magistrats wird zuerst 1275 durcheinander als capeUa hospi- 
iaiis apud Konigesbame und capeUa Oubis urkundlich erwähnt und zwar als 
Filial zu Pechau, von diesem durch den Bischof abgezweigt und unter dem 
Patronat des Lorenzklosters der Neustadt zu Menz gelegt, soll aber nach dem 



108 Kreis Jericbow I. 



Tode des damaligen dortigen Pfarrers an Pechau zurückfallen. Sie ist ein am 
Südende des Dorfes östlich von der SW-NO-Dorfstrasse gelegener, kleiner ein- 
schiffiger romanischer Bruchsteinbau nach Schema II. Die drei Fenster der 
Apsis, die, ^ie auch der alte Sakramentschrank, von innen vermauert sind, lassen 
sich von aussen noch erkennen, und zwar das mittelste als ein unregelmässiger 
länglicher Schlitz; die des Altarhauses (je eins beiderseits) und des Schiffes sind 
sämtlich bis auf eins an der Südseite des ersteren verändert,die beiden breiten auf der 
Südseite des Schiffes haben innen eine mit Benaissance-Moüven bis auf ^/j ihrer 
Länge herab gegliederte Sandsteineinfassung erhalten. Der alte Eingang auf der 
Südseite ist vermauert. Das quadratische Fachwerktürmchen auf der Westmauer 
ist mit Backsteinen verkleidet, mit spitzbogigen Fensteröffnungen versehen und 
mit hohem, oben ins Achteck übergehenden Zeltdache bedeckt, dessen Wetter- 
fahne das Magdeburgische Stadtwappen zeigt. 

Im Innern lässt der Triumphbogen unter dicker Tünche noch die alte 
Gliederung des Kämpfers erraten. Der Altar ist ganz mit Holz verkleidet, 
doch erkennt man hinten noch den alten gemauerten stipes mit einer Schrank- 
nische. Auf demselben steht ein dürftiger Aufsatz mit dem Gemälde des 
h. Abendmahls in der Staffel und der Kreuzigungsgruppe als Hauptbild. Vor 
diesem 2 Messingleuchter, noch in der mittelalterlichen Form, aber ohne 
Füsse. Unten auf dem Rande die Inschrift: „Diesen Leichter hat die Kirche St, 
Johannis Evangelist in Magdeburg der Kirchen in Oieps geschenkei den 
12. Decembris Äö 1678/' 

In dem der Kanzel benachbarten Fenster der Südseite ist eine leider 
unvollständige Wappen seh ei be erhalten mit dem gut gemalten Wappen der 
Stadt Magdeburg innerhalb eines grünen Lorbeerkranzes und der Umschrift: 
E. E. RAHT8 WAPPEN DER STADT MAQDEBURGK 1669. Zu beiden Seiten der 
Kranzjungfrau sind noch die Initialen des alten Beformationsspruches verteilt 

V.D.M* — I. >e. 

Hinter dem Altaraufbau steht in der Mitte der Apsis an der Wand der 
Reliefgrabstein des „Franciscus Schoff loeilanb Pfavvev oXittiCf 3tt®tebd'' gest. 
22. November 1678. Die beinahe rund herausgearbeite Figur mit dem Locken- 
haar, Schnurrbart, steifen Bäffchenkragen, Chormantel, Kniehosen und mit Schleife 
und Schnalle versehenen Schuhen der geisüichen Amtstracht der Zeit hält in der 
Linken die Bibel, in der Rechten vor den Schenkeln eine entfaltete Rolle mit 
dem Spruche Johannis 3 V. 16 — übertüncht und etwas trocken, aber sonst eine 
ganz vortreffliche Arbeit von guter Naturbeobachtung, namentlich an den Händen 
mit ihren stark hervortretenden Adern. 

Güterglück. 

[1228. und 1340 Juterclic, 1533 Jutterblick, Dietmann schreibt Gütterglück.] 
Pfarrdorf 9 km S. von Ijeitzkau, Knotenpunkt der Berlin-Wetzlarer und 

Magdeburg-Zerbst- Leipziger Balm, ehemals zum kursächsischen Amte Gommern 

gehörig. 

Die Kirche, jetzt St. Benodicti, fiskalischen Patronats, deren Pfarrer zuerst 

1228 urkundlich erwähnt wird, in der Mitte des Dorfes an der Ostseite der 



OüterglÜck. Hobeck. 109 



NS- Dorfstrasse gelegen, ist ursprünglich ein einschiffiger romanischer Feldstein- 
bau nach Schema I mit der Priesterthür (vermauert) an der Nordseite des Altar- 
hauses. Letzteres ist, wie an den Fugen etc. deutlich ersichtlich ist, über die 
ursprüngliche Höhe der Schiffsmauem erhöht und, unter Wegbrechung der ohne 
Zweifel vorhanden gewesenen Apsis, in der Flucht seiner Seitenmauern um eine 
Fensterbreite verlängert und grade geschlossen, diese Verlängerung mit je 
einem Spitzbogenfenster auf jeder Seite und mit einem einfachen Steinkreuz 
auf der Spitze des Giebels. Ebenso sind die Schiffsmauern erhöht und innen 
der Triumphbogen herausgeschlagen. Zu diesen Veränderungen sind zum Teil 
Oommemsche Bruchsteine verwendet, ebenso von etwas über Manneshöhe auf- 
wärts in höchst unregelmässiger Schichtung für einen Neubau des Turmes. An 
den im W und je drei, im N und S je zwei stumpfspitzbogigen Schallöffnungen 
der Glockenstube desselben ist jedoch Backstein gebraucht, der auch an einem 
Fragment eines Dachsimses an der Südseite des verlängerten Altarhauses auftritt. 
Das hohe, massige, achtseitige, in eine Spitze auslaufende Zwiebeldach des 
Tunnes trägt in der Wetterfahne die Jahreszahl 1722. Vielleicht ist dies das 
Datum des allen Anzeichen nach erst nach den Verwüstungen des dreissig- 
jährigen Krieges ausgeführten Umbaues. 

Das Innere hat infolge der Erhöhung der Schiffsmauern eine für die Feld- 
steinkirchen der Gegend ungewöhnliche lichte Höhe, ist aber sonst ganz charakter- 
los. Der Altar hat noch die alte, für eine Dorfkirche ebenfalls sehr grosse 
Platte von 1J6 m Breite und 1,52 m Länge, mit der Reliquiengruft, aber ohne 
Weihekreuze; ihre Oberfläche scheint überarbeitet zu sein. 

Vom alten romanischen Taufstein ist nur noch das bei Seite gesetzte 
Becken übrig, eine Halbkugel von 0,96 m Durchmesser (die Höhlung 0,74), um 
deren Mitte als einziger Schmuck sich ein Kranz von zehn ausgetieften Halb- 
kreisnischen zieht. 

Von den Glocken ist die grösste einUmguss von Ulrich in Apolda von 1871. 
Die zweite von 0,76 m Durchmesser trägt oben am Halse in flachen Kelief- 
buchstaben mit kleinen Voluten an den Ecken die Majuskelumschrift +ORQX 
GLORia PXa Vei?I aVM Paaa. Die dritte, ebenfalls von 0,76 Durch- 
messer, welche am Halse die Minuskelinschrift ohne Trennungskreuz und 
Interpunktionszeichen i m |lirif crife iCMI Ci« fUt ilti mucu ü Iriit kr- 
lilA und am Körper ausser einigen Brakteatenabgüssen ein eine kleine 
Monstranz darstellendes Relief trug, ist leider nach der Besichtigung 
für dieses Werk umgegossen, Gipsabgüsse des Giessemamens und des kleinen 
Reliefs sind in das Provinzialmuseum zu Halle gelangt. 

Hobeck- 

[Im vorigen Jahrhundert Hohbeck geschrieben.] 

Pfarrdorf mit Rittergut 5 km S von Loburg auf der Höhe des das Ehlethal 
südlich begrenzenden Höhenzuges an einem ehemaligen, gegen Klepps sich 
erstreckenden Seebecken gelegen, dessen Ränder zum Teil noch deutlich zu er- 
kennen, und in dessen Mergelboden vielfach fossile Pektiniteu (volkstümlich 
Krötensteine) gefunden worden sind. Von seiner mittelalterlichen Geschichte 



110 Kreis Jerichow I. 



ist nichts überliefert. £s gehörte zum Kreise Ziesar, war bereits 1536 im Lehn- 
besitze der von Wulffen, 1661 durch Erbschaft an Rudolf von Lattorf gelang 
Das ganz wüste Out kaufte dann, jedenfalls vor 1687^ der Landrat Christoph 
Friedrich von Münchhausen, dessen Nachkommen es noch jetzt besitzen. 

Die Kirche, im Westen des Dorfes und Rittergutes, inmitten des Kirch- 
hofes südlich derWO-Strasse gelegen, unter Patronat der Outsfarailie, ist nach Aus- 
sage der Pfarrakten 1687 bis 1691 an Stelle einer abgebrochenen alten ganz 
neu gebaut. Jedoch ist ersichtlich der alte Mauerkern eines ganz einfachen 
alten Feldsteinbaus in dem gegenwärtigen Putzbau erhalten, in Backsteinen 
erhöht, jederseits mit drei kurzen breiten, ganz schlichten Spitzbogenfenstem 
versehen, statt des Ä^ltarhauses eine etwas einspringende Apsis in fünf Seiten 
des Achtecks, auf jeder Seite mit einem Fenster gleich denen des Schiffs, hinzu- 
gefügt, das Ganze mit einer gewölbten Holzdecke, die in der Apsis polygonisch 
konstruiert ist, überdeckt und vor der Westfront ein kleiner quadratischer Turm 
von nicht ganz der halben Breite der Westmauer fast ganz aus Backsteinen 
angebaut, der in der Höhe des Dachfirstes mittels einfacher Abschrägung ins 
Achteck übergeht und mit einer grossen, aber recht gefällig wirkenden glocken- 
förmigen welschen Haube bedeckt ist, deren Wetterfahne das von Münch- 
hausensche Wappen mit der Jahreszahl 1688 trägt. An der Nordseite ist das 
westlichste Fenster des Schiffs durch einen Portalvorbau in Ziegeln und dürftigen 
Renaissanceformen ersetzt, der am Fries eine Sandsteintafel mit den Namen des 
genannten von Münchhausen und seiner Ehefrau Dorothee von Grapendorf 1687, 
sowie im Giebel die sehr verwitterten Relief- Wappenschilde beider in Sandstein trägt 

Altar- und Kanzel-Aufbau vereint, mit Thüren für den Umgang der 
Kommunikanten sind in sehr reicher Schnitzerei der Zeit des Erneuerungsbaus 
hergestellt, die jetzt schlecht in Weiss und Gelb (statt des ursprünglichen Gold) 
übertüncht ist. Über den Thüren des Umgangs mit reichem, durchbrochen 
geschnitztem Ijaubwerk stehen Engelputten; zu den Seiten des Kanzelpoiygons 
recht Moses, links Johannes der Täufer in Ganzfiguren; auf dessen Brüstungs- 
flächen Christus und die vier Evangelisten als Statuetten ; unten am Schalldeckel 
die segnende Hand Gottes aus Wolken in Relief. Über dem Schalldeckel in 
reichem Rahmen, den zwei über den Archivolten-Eckstücken des Aufbaus 
stehende Engel mit steifen Armen halten, ein Gemälde der Himmelfahrt und in 
der Staffel unter der Kanzel das des h. Abendmahles — beide äusserst gering. 

Zwei Altarleuchter von Messing, schlank, 0^3 m hoch, haben noch die 
mittelalterliche Form. 

Im Schiff an der Südwand, da wo die Ostwand zum Altarhause einspringt, 
ist ein kleines schmales leidlich gearbeitetes Wandepitaph aus Sandstein ein- 
gelassen. In einer Renaissance-Nische mit Giebel auf omamentirten Rlastem 
kniet nach links vor dem Crucifixus ein scheinbar 10 — 12 Jahre alter Knabe in 
adliger Tracht der Zeit in Lebensgrösse und ziemlich starkem Relief, umgeben 
von vier Ahnenwappen, oben r. von Wulffen, 1. von Münchhausen, unten r. von 
Schlieben, 1. von Oppen. Die Inschrift lautet: 

HANS . CHRISTOF . VON . WVLFFEN . IST IM . IHAR 1573 
JVNG . WORDEN . DEN 18. JVNIJ . VND . IST . IN . 



Hobeck. Hohenlobbese. 111 



QOT . SEHLIKLICH . VORSTORBEN . DEN . 
20 . APRILIS . DES . 1577 . IHARES . 

DEM. GOT . GENADE . 

also noch nicht vier Jahr alt. Nacli den Wappen muss es ein Sohn 
des bei Loburg zu erwähnenden Obersten Eustachius von Wulffen und der 
Anna von Münchhausen gewesen sein. Eine zweite einfachere, auf denselben 
bezügliche Grabtafel ist im Innern des Turmes an der Westmauer unter dem 
Fenster eingelassen; sie trägt nur das von Wulffensche Wappen und darüber 
die Grabschrift in folgender Gruppierung: 

AMNO . 1573 . DEN 
18 JVNIJ . IST . HANS . 
CHRISTOF. VON. WO 
LFEN . JVNG . WVRDE 
N.VND.IN.GOT.SEH 
LIGKLICH . VORSTOR 
BEN . DEN 20 APRI 
LIS . DEM . GOT 
GENADE 

Von den Glocken ist die grössere ein Neuguss von Ulrich in Laucha 
von 1854, die kleinere von 0^8 m Durchmesser ganz schmucklos trägt nur am 
Halse die Umschrift in sehr ungeschickten Buchstaben: M . DCLXI . GOSS . 
MICH . M . lOHANN . KOCH . ROTGIR ., am Körper 

ERDMVTH RVDOLPH 

VON VON 

WVLWEN LATTORFF 

Hohenlobbese. 

[Nach Jacobs Vermutung das 975 dem Kloster Berge geschenkte Liubatici, 
8. bei Gross-Lübs S. 106.] 

Kirchdorf mit jetzt parzelliertem, zum Teil zu fiskalischen Forstzwecken ver- 
wandtem früher Ton Schierstedt — später von Goldackerschen Rittergute, 6V2 kni 
westlich von Goerzke. 

Die Kirche, Filial zu Goerzke, unter Patronat des Rittergutes, ein am öst- 
lichen Ende des Dorfes südlich der WO-Strasse inmitten eines geräumigen, zum 
Teil von alten Eichen umgebenen Kirchhofes gelegener geputzter Feldsteinbau 
ohne Tunn, ist nach Angabe der Karrakten ebenfalls ein völliger Neubau, der 
1697 geweiht isi Jedoch hat es sich auch hier wohl nur um einen Um- nnd 
Erweiterungsbau eines noch in die romanische Zeit zurückreichenden Kernes 
gehandelt. Denn an der Südseite des Schiffs, welches nördlich vier, südlich drei 
grosse Rundbogenfenster aus der Zeit von 1697 enthält, befindet sich eine ver- 
mauerte Rundbogenthür, welche schlechterdings nicht dieser Zeit angehören kann, 
während ihr gegenüber auf der Nordseite ein Pilasterportal in Barockformen 
vorhanden ist Der einspringende polygonisch schliessende Chor von gleicher 
Höhe mit dem Schiff ist jedenfalls ein Zusatz des Neubaus. Er ist mit l+Vs 
Kreuzgewölbe auf einfachen Rippen eingewölbt, welche im Polygon auf dicke 



112 Kreis Jerichow I. 



Halbrund wandpf eiler mit ungeschickten Kämpfern aufsetzen und hier im Schlnss- 
steine das von Schierstedt- von Borchsche AlUance- Wappen tragen. Das Dach 
geht ohne Zwischengiebel über den Chor hinweg, wie in Gross-Lübs über dessen 
eingezogene Seitenmauem vorspringend, hier aber beiderseits durch eine offene 
Holzlaube von je drei Pfeilern gestützt 

Der Altaraufsatz enthält zwischen zwei vergoldeten gewundenen Säulen 
einen grossen reich geschnitzten Ereisrahmen mit einem hässlichen Gemälde der 
Kreuzigung, in der Staffel die Einsetzung des h. Abendmahls; als Bekröniing 
zwischen zwei Archivolten -Abschnitten ein kleines Rundbild der Himmelfahrt 
Der achteckige Taufständer von Holz ist ebenfalls im überladenen Stile des 
Altaraufsatzes gehalten, ebenso die Kanzel mit gewundenen Säulchen an den 
Ecken und schlechten Gemälden der vier Evangelisten auf den Brüstungsflächen 
des Polygons. 

In der Apsis sind zwei von der Frau errichtete steinerne Wandepitaphien 
für das Ehepaar, welches den Neubau der Kirche ausgeführt hat, eingelassen, 
nördlich das des Wolf Ernst von Schierstedt, gest 4. Oktober 1705 mit dem 
Eeliefportrait des Verstorbenen in einem oben von einem Engel gehaltenen 
ovalen Schilde, darunter das von Trophäen umgebene von Schierstedtsche Wappen, 
zu den Seiten je vier Ahnenwappen, südlich das seiner Ehefrau Dorothee geb. 
von Borg, gest 15. August 1713, ebenfalls mit dem, hier von zwei Engeln getragenen 
Brustbilde, darunter eine Urne, vor der das von Borchsche Wappen, zu den 
Seiten ebenfalls je vier Ahnenwappen. Unter dem Chore befindet sich ein nicht 
mehr zugängliches Grabgewölbe, welches mehrere bemerkenswerte Särge von 
Angehörigen der Familie von Schierstedt enthalten soll. 

Die einzige Glocke hängt in einem kleinen offenen Fachwerkanbau an der 
Westseite der Kirche. Sie hat nur 0,G1 m Durchm. aber unter einem Akanthusfries 
ausser VERBVM DEI MANET IN AETERNVM noch drei Reihen Inschrift mit den 
Namen der Patrone, des Pastors etc. und eine weitere: C. Q. ZIEGENER. ME. 
VECIT . IN . MAGDEBVRG . ANNO . DOM. M.D.CC.L.XXV. 

östlich vom Dorfe, nördlicli von der Chaussee nach Görzke befinden sich 
nahe bei einander ein g:rösserer und ein kleinerer runder Hügel, beide jetzt 
mit schlecht wachsendem Laubholz bestanden, daher wohl mit Schuttmassen 
gefüllt, vermutlich ehemalige Burgwälle als Grenzwächter der ehemals märkischen 
Vogtei Goerzke gegen das hier anstosseude Magdeburgische, über welche es aber 
an jeder geschichtlichen Nachricht fehlt. 

Hohenw^arthe. 

[1225 Honwarde, 1309 Hoenwarde, 1459 Hogenwardt, 1562 Hoenwardte.] 
Kirchdorf, 11 km nordnordöstlich von Magdeburg unmittelbar an der Elbe 
auf dem hier hohen Ufer gelegen. Zwischen 1309 und 1314 legte hier Erzbischof 
Burchard III. ein festes Schloss an, um einen ElbzoU zu erheben, daher es von 
den Magdeburgern bald angegriffen und wieder zerstört wurde; von demselben 
ist keine Spur mehr vorhanden. 

Die Kirche, fiskalischen Patronats, zur Zeit der ersten Kirchenvisitation 
noch Filial zu dem jenseits der Elbe gelegenen Glindenberg, jetzt zu Lostau, 
liegt im südwestlichen Teile des Dorfes inmitten des Kirchliofes unmittelbar am 



fiohenwarthe. 113 



hier ganz steil abfallenden Rande des Elbafers. Sie ist ein kleiner einschiffiger 
romanischer Bau nach Schema II aus Gommernschen Bruchsteinen, neuerdings 
stark restauriert, dabei das Ganze geputzt und die westliche Glockenwand in der 
oberen Hälfte phantastisch verändert, indem zunächst in Feldsteinen eine freie 
Komposition von Rundbogennischen mit dem offenen Olockengohänge darüber 
aufgesetzt, und das Ganze mit einer willkürlichen Backsteinspitze gekrönt ist, 
auch ist an der Südseite westlich eine kleine Vorhalle vorgebaut. Die diesem 
Verändenmgsbau gewichene alte Wetterfahne, die im Freien vor der Westfront 
liegt trägt die Jahreszahl 1749. 

Im Innern ist ein kleines einfaches Sakramentschränkchen in der Apsis 
vorhanden, auch die Mensa des Altars ist die alte mit der Reliquiengruft und 
dem dieselbe verschliessenden Plättchen; ob Weihekreuze vorhanden sind, lässt 
sich bei der dicken Übertünchung nicht erkennen. Auf derselben steht ein spät- 
mittelalterlicher geschnitzter und bemalter Flügelschrein, welcher in der Mitte 
in Flachrelief die Anbetung der heil, drei Könige und daneben in besonderen 
Nischen rechts einen heil. Diakon über Jakobus major, links Stephanus über 
Magdalena, in den Flügeln aber rechts Katharina und einen heiligen Bischof 
über einem Apostel (sein Attribut ist verloren gegangen) und Helena (diese 
beide sind verstellt), links Erasmus und eine weibliche Heilige mit Schleier, Buch 
und Palme über Antonius und Lucia (oder Ottilia — zwei Augen auf einem 
Buche) enthält. Die Aussenseite der Flügel ist mit Ölfarbe überstrichen, ebenso 
das Rahmenwerk, sonst ist an Figuren und Masswerk (beide geringwertig) die 
alte Bemalung und Vergoldung erhalten. 

Von einem älteren romanischen Taufstein ist nur noch der Fuss in der 
Vorhalle vorhanden. Der gegenwärtige Taufständer von Eichenholz in dunkler 
Naturfarbe, achteckig (übereck 0,95 m messend), mit gedrehten Säulchen an den 
Ecken, ist laut oben auf der Platte eingeschnittener Inschrift gestiftet von 
„Christo/fei Voigt und Christina Demkers Anno 1696 den 7. Odobr/' Darin liegt 
eine der bekannten Messingschüsseln mit dem englischen Gruss und der un- 
erklärten Legende im Fond, auf dem Rande ist eine Reihe von kleinen fll und 
eine zweite von Kreuzblumen eingeschlagen. 

Die dem Taufständer völlig entprechende Kanzel ist laut Inschrift ebenfalls 
1696 gestiftet von dem Amtsschulzen Johann Kühlmei und seiner Ehefrau Maria 
Betgen. 

Die Glocke ist nicht zugänglich. 

Ob die Notiz derVisitatoren [Danneil, Protokolle II S. 66] „Die vonMagdeb 
haben der Kr. genommen 1 Monstraniz, 1 Kilch, 1 silbern pacem, 2 Mesgewand, 
1 Kessel v. 8 eymer tonsser, 4 hleyen leuchter, 2 bleien flaschen, 2 Manhamisch, 
1 biblia, 8 fl. an gdde" sich auf Hohenwai-the oder auf die Mutterkirche zu 
Olindenberg bezieht, ist nicht ganz deutlich. 

Eine kleine, runde, gemalte Glasscheibe aus der Kirche befindet sich jetzt 
in der Sammlung des Altertumsvereins zu Burg (sieben oben S. 68). 

Auf dem Kirchhofe steht noch ein Sandsteinkreuz in derselben Form wie 
das des Hoppe zu Cracau (siehe oben S.76) in seiner ursprünglichen Aufstellung 
zu Häupten einer auf der Erde liegenden Platte, es trägt aber eine sehr ver- 
loschene Inschrift in grossen lateinischen Buchstaben aus der Zeit um 1700. 

Die KrelM Jerichow. 8 



114 Kreis Jericbow I. 



Hohenziatz. 

[1187 Zojas, 1213 Cyas, 1308 Ciaz, um 1390 Czyas, 1457 Grossenn Czias, 
1533 Hohen Zcyass, 1562 Hoen Zciatz, von Alvensleben schreibt Hohen Zigatz: 
in derselben Zeit wird es auch Hohen Zigahtz geschrieben und so noch heute 
im Volksmunde ausgesprochen mit weichem Laute des g und Betonung der 
letzten Silbe.] 

Pfarrdorf mit Rittergut am rechten Ufer der Ihle 7 ^1^ km nordnordwestlich 
von Loburg, Station der Kleinbahn Burg-Magdeburgerfortli, 1187 zum Burgward 
Loburg gehörig, aber wegen seiner Lage an der Ihle dem Archidiakonatssprengel 
des Brandenburger Domkapitels zugewiesen, später in der sedes Ziesar. Ein 
daselbst befindliches ,,Hauss'' (festes Schloss) befand sich 1376 in Händen des 
Ritters Thimo Krücken, 1420 aber wurden vom Erzbischof Günther die von 
Amstedt damit beliehen. 1612 ging es durch Kauf an Levin von Schulenburg, 
1620 aber an Benno Friedrich Brand von Lindau über, in dessen Familie es bis 
1725 verblieb, später ging es in bürgerlichen Besitz über, jetzt der Familie Boden- 
stein. — Eine nach dem Orte genannte Familie kommt mit einem Arnold von 
Cziaz zu Wörmlitz 1390 urkundlich vor. — 1533 befand sich in H. eine Magde- 
burgische Zollstätte (gegen Brandenburg); seit Einrichtung der sogenannten 
Cle vischen Post von Berlin nach den neuerworbenen Jülich -Cleve- Bergischen 
Landen aber eine grosse Posthalterei, die bis 1819 bestanden hat. 

Die Kirche, jetzt St. Stephan! genannt, deren Patronat 1308 vom Erzbischof 
Burchard IlL dem Kloster Lehnin überlassen wurde und mit dessen Besitzungen 
1457 an die von Barby zu Loburg, 1655 aber an die Besitzer des Rittergutes 
überging, im nördlichsten Teile des unregelmässig gebauten Dorfes auf dem 
höchsten Punkte des hier etwas höheren Uferrandes der Ilile gelegen, ist ein ein- 
schiffiger romanischer Feldsteinbau nach Schema I, der sich vor anderen seiner 
Art durch etwas lichtere Höhe auszeichnet. Die Schichtung der in starke Mörtel- 
schichten mit eingestrichenen einfachen Quadorfugen gelegten Feldsteine ist 
ziemlich unregelmässig (unten an der Westfront auch einmal in Grätenlage) und 
auch unordentlich, sodass das Ganze voller Risse ist. Vom Turme ist 1849 die 
obere südwestliche Ecke eingestürzt und danach die ganze Südseite und ein Teil 
der Westseite desselben 1852 wieder aufgebaut und mit einem Strebepfeiler an 
der SW-Ecke verstärkt. Der Augenschein lehrt aber, dass der Turm bereits in 
romanischer Zeit einen Erhöhungs- oder Emeuerungsbau von der Höhe des 
Dachfirstes aufwärts erfahren hat; die von der Mitte der Westfront schräg abwärts 
gehende Fuge ist besonders nach N deutlich zu erkennen. Jetzt sind die je 
vier Rundbogenfenster nach W und und die je zwei nach N und S in der 
Glockenstube unten bis zur Hälfte ihrer Höhe vermauert. Das Satteldach ist 
nach N und S etwas abgewalmt, daher ohne steinerne Giebeldreiecke. Die in 
zierlicher Schmiedearbeit ausgeführte Wetterfahne trägt die Initialen J. E. F. 
R (ickert) 1825. Der auf dem rückwärtigen Arme früher stehende Baum (wohl 
das Wappenzeichen der Brand v. Lindau) ist, vom Rost zerfressen, neuerdings 
herabgefallen. Die Ostwand des Turmes öffnet sich gegen das Schiff mit zwei 
hohen Rundbögen, die jetzt mit Holz verkleidet sind. Am Schiffe sind die alten 
Fenster (jederseits vier) und die alte Rundbogenihür auf der Ifordseite, welche 



Holienziatz. 115 



für die Kirchgänger des schon 1313 als eingepfarrt erwähnten, erst 1839 auf- 
gegebenen Dorfes, später Rittergutes Niepelitz bestimmt gewesen sein wird, ver- 
mauert Die Priesterthür an der Südseite des Altarhauses, welche gleich jener 
die radialen Eeilstücke des Bogens von einer peripherischen flachen Steinschicht 
umzogen zeigt, ist 1896 wieder zugänglich gemacht, dabei sind auch das eine 
ursprüngliche Fenster derApsis und die je zwei auf jeder Seite des einspringenden 
Altarhauses wieder geöffnet, welches durch eigentümliche Zimraerkonstruktion 
mit dem Schiffe unter ein in gleicher Flucht fortlaufendes Dach gebracht ist, 
aber ohne solche Stützen wie in Gross-Lübs, Hohenlobbese und Walter- 
nienburg. 

Der Altar ist 1896 umgewandelt. Die alte, bis dahin mit einer fast einen 
Fuss hohen Brettauflage bedeckte Sandsteinplatte von 1,74 m Länge und 1 m 
Breite, welche die vier Weihekreuze in den vier Ecken parallel den Seiten 
gestellt trägt, während die Reliquiengruft sich vorn im stipes befand, ist hinten 
auf eine kleine- Wand, vom auf zwei Säulen gelegt, der ehemals auf ihr ge- 
standene, laut Inschrift 1617 von Levin von der Schulenburg gestiftete holz- 
geschnitzte und bemalte Altaraufsatz aber an die Südwand des Altarhauses ge- 
stellt worden. Derselbe enthält innerhalb einer Pilasterarchitektur, vor welcher 
zwei Apostelfiguren mit Buch stehen , ein völlig malerisch gehaltenes Relief der 
Einsetzung des h. Abendmahls, bei der man auffälligerweise 14 Köpfe zählt und 
Judas mit dem Beutel in sehr stattlicher Figur erscheint; im erhöhten Hinter- 
grunde ist auch noch die Fusswaschung dargestellt. — Bei feuchtem Wetter 
schimmern durch den Kalk der Apsis Reste alter Wandmalereien, Menschen- 
und Tiergestalten durch, und unter dem Kalk des Altarhauses gewahrt man 
Reste von einem rotbraunen Rankenmuster, letzteres wohl von 1693 heniihrend, 
welchem Jahre die Kanzel und der Gotteskasten angehören. — Von den Abend- 
mahlsgeräten tragen der silbervergoldete Kelch mit noch sechsbättrigem 
Fusse und die dazu gehörige einfache Patene die Wappen und Initialen des 
Ehepaars Joachim Friedrich Brand von Lindau und Dorothee von Rocliow 1656 
eingraviert, die runde silberne Hostionschachtel aber die des Hans Friedrich 
Brand von Lindau und seiner Ehefrau Sophie Henriette geborenen Marschall von 
Biberstein 1702. 

Der sechseckige Taufstein von übereck 0,90 m, in der Höhlung 0,73 m 
Durchmesser, trägt die Relief-Wappen und Namen des ersteren Paares mit der 
Jahreszahl 1671, scheint aber nur die Ueberarbeitung eines alten romanischen 
runden von der in der Gegend vielfach vertretenen Art zu sein. 

Von den zwei Glocken hat die grössere von 1,20 m Durchmesser, von deren 
sechs Henkeln zwei abgebrochen sind, am Halse zwischen zwei Bindfaden- 
schnüren die in verkehrt stehenden Majuskeln, deren Umrisse ganz schwach in 
den Mantel der Form eingeritzt gewesen sind, ausgeführte Umschrift + O.RQX. 
6L0RIQ . aRISTfl . VBßl . 0301 . PÄQS . ÄVÖ . HÄRIÄ. Die kleinere 
von 0,90 m Durchmesser, von der ein Stück ausgesprungen ist, hat am Halse 
die zweireihige Umschrift: 

VERBVM DOMIN MANET IN >€TERNVM MDCLXVI (1666) H . TITV8 

TITMAR PFARRER 

8* 



116 Kreis Jerichow I. 



AVS DEM FEVER BIN ICH GEFLOSSEN lOHANN KOCH HAT MICH 
GEGOSSEN IM NAMEN lEHSV . MARTIN BRVNNER 

Auf dem Körper Namen und Wappen des Stifterpaares wie auf dem Kelche 
von 1656. Titus Titraar, richtiger Dithmar, war nicht eigentlich Pfarrer von 
Hohenziatz, sondern von Klein-Lübars, der damals die Parochie Hohenziatz nur 
nebenher „curierte," weil die dortige Pfarre wegen gänzlicher Verwüstung des 
Ortes verlassen war. 

Unten im Turm ist zwischen 1682 und 1691 von Joachim Friedr. Brand von 
Lindau ein kreuzgewölbtes Grabgewölbe angelegt, von Westen aus zugäng- 
lich, in welchem mehrere nicht ganz unbedeutende Schmucksärge der Familie 
Br. V. L. stehen. 

Von den Epitaphien der Kirche, die zumeist nur Inschriften mit Wappen 
enthalten, ist nur der an der Nordseite des Altarhauses stehende Grabstein des 
genannten Joachim Friedr. Brandt von Lindau, gest. 1677, zu erwähnen. Derselbe 
besteht aus einer grossen Platte von dunkelbraungrauem Marmor, auf welcher 
die sechzehn Ahnenwappen rechts und links, dazwischen oben ein Altar mit 
rauchendem Herzen, darunter ein grosser gekrönter Lorbeerkranz und unten 
ein brennendes Licht in einem Kreise, ebenso wie ein bekrönter Aufsatz und 
seitliche Flügelstücke in ausschweifendstem Brezelstil, in Relief in weissem 
Marmor hergestellt mit hölzernen Dübeln befestigt sind, die grosse Grabschrift 
innerhalb des Lorbeerkranzes aber sowie die lunfangreichen Sprüche zu den 
Symbolen und die Namen zu den Wappen sind aus der Platte ausgegraben und 
mit weissem Mörtel ausgefüllt. 

Ihleburg. 

[1117 Ileborch, 1209 Hilburch, 1225 Ilborch, 1342 Yleburch, 1420 Ileborg.] 

Pfarrdorf an der Ihle mit parzelliertem Rittergut, Vi'z km NNO von Burg, 
früher zum sächsichen Amte Gomraem gehörig, 1117 dem Kloster Berge ge- 
schenkt, von diesem 1459 an die von Treskow vertauscht. Eine Familie de 
Ilborch kommt 1300 urkundlich vor. 

Die Kirche, im westlichen Teile des unregelmässig gebauten Dorfes 
gelegen, wird mit dem Pfarrer zuerst 1225 urkundlich erwähnt, indem bestimmt 
wird, dass die Kirche zu Hohenhavele nicht als Filial dazu gehöre; 1342 wird 
sie als Filial zu Parchau gelegt und dem Kloster Berge inkorporiert Wann 
dies aufgehört hat, ist nicht überliefert. 1755 jedoch gehörte das Patronat dem 
Besitzer des Rittergutes, jetzt nach dessen Parzellierung der Bauergemeinde. 
Das Kirchengebäude ist ein 1878 in Rauhputz ausgeführter völliger Um- und 
Erhöhungsbau eines bis etwa auf Manneshöhe abgebrochenen romanischen Feld 
Steinbaus, jetzt mit ^/g Apsis, ungewölbt. Der quadratische Westturm ist schiefer- 
verkleideter Fachwerkbau mit hohem achtseitigen Zeltdache, das von vier kleinen 
Ecktürmchen flankiert wird. 

Von der alten Ausstattung erhalten sind nur der Tauf stein, eine ganz 
einfache Halbkugel von 0,70 m Durchmesser auf kurzem, mit Doppelreif als 
Knauf umgebenen , cylindrischen , nach unten mit einfacher Schmiege sich 
ausweitenden Fusse — und die drei Glocken. Die grösste, von 1,03 m Durch- 



Ihleborg Isterbies. 117 



messer, trägt am Halse zwischen zwei schönen Lilienblumenfriesen folgende, in 
der angegebenen Weise- von Münzabdrücken unterbrochene Minuskelinschrift- 
3 Braktoaten — Münze. — Runder Siegelabdruck mit Schild und Helm, das Bild 
nicht genau zu erkennen. — Brakteat — itfuttif^ |IaigO llMiJ — Brakteat — 9i(f — 
Brakteat — fllglffl frill|i IM»i — Brakteat — iRi m tCUC I (1510) «flril ||rt ik 
IrtRt IrMitA |lrt «tl klar krite; unter diesem letzteren Namen am Körper 
neben einem hübschen Relief der Maria in der Sonne noch „Irrvrt keirkf," beides 
offenbar die Namen der Kirchväter. Auf der der Maria entgegengesetzten 
Seite am Körper fünf Brakteaten ins Kreuz gestellt. — Die zweite von 1,00 m 
Durchmesser, wohl von demselben Giesser, hat am Halse zwischen zwei Friesen 
aus kleinen sich kreuzenden Kreuzblumen die Minuskelinschrift: ® UM gloriC 
Mft irii t$m fütt — Brakteat — aif «tirii — grosse Münze — aORO iÜTmtCCtt 
ii Uli (lo22). — Die dritte von 0,43 m Durchmesser ist völlig schmucklos. 

Isterbies. 

[1370 Istewist, 1427 Ystebis, 1466 Istebiste, 1562 Ysterbiest] 

Kirchdorf mit Rittergut 5 km SO von Loburg, war 1427 im Besitz von Hans 
Hüne und Balthasar Bardeleben als erzstiftischen Lehnsleuten, welche es damals 
dem Jungfrauenkloster Ziesar verkauften; von diesem kam es 1470 an die von 
Barby, 1596 an Hilmar von Lampe imd 1601 an die von Lattorff. 1649 erwarb 
es der bekannte Kommandant von Magdeburg Oberst Johann Schmied von 
Schmiedseck, welcher das Gut neu aufbaute, sodass von Alvensleben davon 
sagt: „und ist dieses Isterbüst sonst ein wohlgebaueles Uauss.^ Im letzten Jahr- 
zehnt des XVII. Jahrhundert war es bereits an die von MöUendorff übergegangen, 
zu Oesfeld's Zeit im Besitze der von Böltzig, 1794 von Bennigsen, von denen 
es in neuerer Zeit in bürgerliche Hände überging. 

Die Kirche, Mlial zuRosian, gutsherrlichen Patronats, liegt in der Mitte des 
wendisch angelegten Dorfes auf dem mit niedriger Feldsteinmauer umgebenen 
Kirchhofe und ist ein einfaches Feldsteinrechteck, das in seiner gegenwärtigen 
Gestalt einem durch die Zahl 1653 in der Wetterfahne sicher datierten 
Emeuerungsbau angehört. Aus älterer Zeit stammen vielleicht noch die beiden 
langen sehr schmalen Spitzbogenfenster in der graden Ostwand, die übrigen sind 
gänzlich verändert, ebenso die beiden rundbogigen Thüren an der Südseite. 
An das erhöhte Mittelstück der Westmauer lehnt sich ein Fachwerkturm mit 
niedrigem Zeltdach. Yor dieselbe ist in der ganzen Breite ebenerdig in Back- 
stein ein Grabgewölbe mitThür an der Südseite vorgelegt, das innen ein gratiges 
Kreuzgewölbe und aussen einen Volutengiebel besizt, dessen Voluten aber wie 
zusammengedrehte Regenwürmer aussehen. Im Innern der Kirche ist die flache 
Decke roh und imgeschickt mit Wolken bemalt, in denen geflügelte Engelsköpfe 
und ganze Engel mit Spruchbändern ihre Wesen treiben, namentlich aber in 
der Mitte ihrer vier um das AUiancewappen des Johann Friedrich von 
MöUendorff und der Schar Lotte Sophie von Barby 1731 Turnkünste voll- 
führen. 

Auf dem Altar stehtein kleiner spätgotischer Schnitzflüge Is ehr ein, derunter 

gefälligem, stark beschädigtem Baldachinmasswerk im Schreine selber eine Pietas, 



118 Kreis Jericho w L 



in den Flügeln rechts St Georg über einer gekrönten Heiligen mit Kirchenmodell, 
links einen heil. Diakon mit Buch und Schlüssel über Katharina enthält. Die 
Malerei des Salvator und Paulus auf den Aussenseiten der Flügel und des 
h. Abendmahls in der Staffel sind ebenso wie die an der Kanzel abscheuliche 
Schmierereien wohl aus der Zeit von 1653. 

Vom alten romanischen Taufstein ist noch das auf einen rohen Backstein- 
klotz gesetzte kreisrunde Becken von 1,09 m Durchmesser und 0^ m Höhe vor- 
handen, das oben von einem etwas vorspringenden, 0,18 m hohen Friesbande 
umgeben ist, in welchem grobe 0,13 m hohe romanische Palmetten aus- 
gegraben sind. 

Von einem zweireihigen Gestühl sind noch an der Nordwand neben dem 
Altar leider sehr misshandelte Reste in einfacher, aber gut stilisierter mittel- 
alterlicher Schnitzerei vorhanden. 

Von den Glocken ist die eine laut Inschrift ein Umguss einer 1672 in 
Magdeburg (Giesser nicht genannt) gegossen gewesenen durch Eduard Sencke 
aus Wittenberg von 1857, die andere von 0,60 m Durchm., sehr schlank mit 
ganz runder Haubo, ohne jede Zier und Inschrift, gehört noch dem Mittelalter an. 

An der Südwand hängt ein grösseres Ölgemälde, den Anschlag der 
Thesen durch Luther in Figuren von ein Drittel Lebensgrösse darstellend, gemalt 
laut Inschrift 1842 zu Berlin von dem daselbst geborenen £ielgrae im Stil der 
Düsseldorfer Schule jener Zeit. 

Kämeritz. 

Kirchdorf an derNuthe, 5 km südlich vom Bahnhof Güterglück, ehemals zum 
Amte Walter-Nienburg gehörig. 

Die Kirche, Filial zu "Walter-Nienburg und desselben Patronats, in der 
Mitte des Dorfes, westlich von der SO-NW-Dorfstrasse gelegen, ist ein einfaches 
Feldstein-Reckteck mit an die Überhöhung der Westwand gelehntem quadratischen 
Fachwerkturme und gerade geschlossener dreifenstriger Ostwand, ganz imd gar ver- 
putzt und an Thüren und Fenstern verändert, jedoch ist im Innern in der Ostwand 
nicht nur die sehr kleine Sakramentnische ohne Thüren, sondern auch das alte 
Sandsteinbecken mit Auslauf nach aussen in der im Spitzbogen geschlossenen 
Piscina erhalten. 

Der Altar hat die alte Platte mit den gerade stehenden Weihekreuzen, die 
Reliquiengruft vom unter der Platte, an der Hinterseite einen beträchtlichen 
quadratischen Schrank, jetzt ohne Thür. Der darauf stehende, jetzt hauptsächlich 
braun bemalte hölzerne Aufsatz mit gewundenen Säulen und den üblichen Bildern 
der Einsetzung des h. Abendmahls in der Staffel und der Kreuzigungsgruppe im 
Hauptbilde — beide recht handwerksmässig hässlich — ist laut Inschrift an der 
Hinterseite 1753 entstanden. 

Die an der Südwand stehende Kanzel mit Treppe mit antikisierender 
Nischendekoration und einigen Laubsägeomamenten der Frührenaissance ist er- 
sichtlich älter, jetzt ganz mit weisser Ölfarbe überstrichen. 

Von dem gotischen achteckigen Tauf stein in einfachsten Formen ist er- 
sichtlich am Becken ein Beträchtliches seines Umfangs abgemeisselt, sodass er 



Kämeritz. Klein-Lübars. 119 



tibereck nur noch 0,94 m misst. Das Ganze hat 1862 eine äusserst geschmacklose 
Ölfarben - Bemalung und unter dem oberen Rande die Umschrift F0EDU8 EX 
HOC ET SALUS (siehe Walter-Nienburg) erhalten. 

Von den Glocken hat die grössere von 0,90 m Durchm. nur zwei Bind- 
fadenschnüre am Halse, die kleinere von 0,64 m am Halse und Körper eine 
zwölfzeilige Inschrift über Patrone, Pastor etc., am Schlage: DVRCHS FEUER 
FLOS ICH MEISTER FRANTZ ANDREAS ZIEGENER GOS MICH IN MAGDE 
BURG ANNO 1751. 

Klein-Lübars, 

[Siehe Gross-Lübars.] 

Pfarrdorf mit Rittergut an der Ihlo, 7 km nördlich von Loburg, das 1608 
mit der Feldmark Box-Glinicke (siehe Glienicke) an die von Thümen verkauft 
wurde und in deren Besitz bis in die siebziger Jahre des XIX. Jahrhunderts 
verblieb. 

DasPatronat über die Kirche, deren Pfarrer in den Urkunden des Branden- 
burger Domkapitels bemerkenswert oft vorkommen, übertrug der Bischof Ludwig 
von Brandenburg 1329 dem dortigen Domkapitel, von dem es 1738 an die von 
Tbümen verkauft wurde, und an deren Nachfolger im Besitze des Rittergutes 
übergegangen ist. Durch Vertrag von 1764 wurde jedoch die Ausübung des 
Patronats- und Vocations- Rechtes gemeinschaftlich und alternierend mit den 
Besitzern des Rittergutes Gross -Lübars festgesetzt Die Kirche in der Mitte 
des kleinen unregelmässigen Dorfes, nordwestlich vom Rittergute inmitten des 
zum Teil von gewaltigen alten Linden umgebenen Kirchhofes gelegen, erscheint 
als ein einschiffiger romanischer Feldsteinbau nach Schema U, aber wie es 
scheint schon ursprünglich nur mit quadratischem Altarhause ohne Apsis, da an 
demselben sich rundum gleichmässig die alten einfach eingestrichenen Quader- 
fugen in dem zur Ausgleichung der ungleichmässigen und unbehauenen Granit- 
stücke dick aufgetragenen Fugenmörtel finden, besonders aber an seiner Süd- 
Avand aussen in etwas über Manneshöhe eine von einem 0,06 m breiten Rande 
umgebene, 1,90 m lange und 0,95 m hohe Putzmörtelplatte aufgetragen ist, die 
in dem Randstreifen oben Reste einer im flachen Relief aus dem Putz heraus- 
gearbeiteten Inschrift in verkehrt stehenden Majuskeln (das Anfangskreuz steht 
oben in der östlichen Ecke) enthält, von denen freilich nur noch einzelne zu- 
sammenhangslose Buchstaben zu entziffern sind. Die von diesem Streifen umschlossene 
Fläche wird wohl ein Gemälde enthalten haben, da von ehemaliger Befestigung 
einer etwa darauf gelegt gewesenen Stein- oder Metallplatte Spuren nicht vor- 
handen sind. Das Gebäude hat aber ersichtlich nach den Verwüstungen des 
dreissigjährigen Krieges einen beträchtlichen umbau erfahren mit Veränderung 
der Fenster und der südlichen Schiffsthür (während die nördliche vermauert ist; 
die Priesterthür befindet sich an der Südseite des Altarhauses), Erneuerung der 
Westfront mit Bruch- und Backstein-Flickwerk in den Mauern, sowie des Fach 
werkturms über derselben mit offener achtseitiger Laterne mit Schweifdach von 
1718. Gelegentlich des Anbaus eines quadratischen Westturmes im Jahre 1898 hat 
sich durch Aufgrabung der Fundamente herausgestellt, dass die Kirche ur- 
sprünglich einen rechteckigen Westturm von der Breite das Schiffs nach 



120 Kreis Jerichow I. 



Schema I gehabt hat Ein bei dieser Gelegenheit abgetragener rundlicher Strebe- 
pfeiler aus Feldsteinen, der bis dahin die Westmauer in der Mitte stützte, ergab 
sich als auf dem Stumpf eines sorgfältig gearbeiteten Kundpfeilers von 1,16 m 
Durchmesser ruhend, von dem man wird annehmen müssen, dass er die beiden 
Bogen getragen habe, mit denen sich das Untergeschoss des ehemaligen Turmes 
gegen das Schiff öffnete. Im Innern ist die Kirche bereits l^'SS restauriert und 
leidlich stilgemäss ausgemalt 

Der Altaraufbau mit hässlichem Gemälde der Einsetzung des h. Abend- 
mahls, die Kanzel mit toskanischen Ecksäulen und Gemälden der vier 
Evangelisten am Polygon und Jakobs Traum an der Treppe, endlich die West- 
empore mit der herrschaftlichen Loge mit fünf Fensteröffnungen, über virelchen 
Wappenschilde — jetzt Orgelchor, gehören der Zeit des inschriftlich bezeugten 
Umbaus an, wie denn auch früher an der durch Leisten quadratisch eingeteilten 
und bemalten flächen Holzdecke die Zahl 1721 stand. 

Sehr verdorben ist eine alte Altardocke von rotem Seidenrips 1,85 m lang 
und 1,30 m breit, auf welche in vier Streifen die in allerrohester Weise in Platt- 
stich mit eingemischten Gold- und Silberfäden gestickten und teilweise bis zur 
Unkenntlichkeit abgenutzten Stäbe eines spätgotischen Pluviale aufgenäht sind. 
Jeder Streifen enthält drei einzelne Heiligenfiguren untereinander, davon sind 
die Apostel Petrus, Johannes und Bartholomaeus, Magdalena und Laurentius 
an ihren Attributen zu erkennen, ausserdem ein Papst mit Patriarchenkreuz, ein 
Bischof, drei Diakonen, eine weibliche Heilige und ein aus etwas Unerkennbarem 
mit halbem Körper hervorragendes betendes Kind (St Veit?) nicht näher zu 
bestimmen. Am unteren Ende ist eine Borte aus Resten fast noch roherer nur 
omamentaler Stickereien zusammengenäht 

Von den Glocken ist die kleinere ganz schmucklos, die grössere ein Um- 
guss von 1876. 

An der südlichen Aussenwand der Kirche ist jetzt ein früher im Altarhause 
vor der Kanzel im Fussboden gelegener Grabstein aufgerichtet, dessen Figur 
gänzlich abgetreten ist, die Umschrift aber ist in flachen deutschen Reliefbuch- 
staben ausgeführt, welche die gotische Form völlig aufgegeben haben, die grossen 
Anfangsbuchstaben sind im Stile der Zeit kalligraphisch ornamentiert. Der Stein 
gehört dem 1567 am Donnerstag nach >^<&(^atrinoe^^ verstorbenen Friedrich von 
Wulffen an. Dagegen steht im Altarhause an der Nordwand der bemalte Grab- 
stein des am 1. Juni 1701 im Alter von 69^2 Jahren verstorbenen Johann 
Joachim von Thümen, in einer Hohlnische die von vorn gesehene Figur des 
Verstorbenen mit enorm grossem Kopfe und kolossalem Doppelkinn in Alonge- 
perücke und Plattenharnisch mit Fcldbinde und Degen, zwischen den Füssen 
den Helm, unten rechts in Relief das von Thümonsche links das von Rohrsche 
Wappen. Die Umschrift ist in deutschen Buchstaben eingegraben. 

Klein-Lübs. 

[S. Gross-Lübs, 1420 Lutteken Lubicz, 1562 Lütken Luptz.] 
Pfarrdorf, 4 km südlich von Leitzkau, ehemals dem Kollegiatstift St Gangolf 
— den „Kaidaunenherren*' — zu Magdeburg gehörig. 



Klein-Lübs. Klitsche. Xelpps. 121 



Die Kirche, fiskalischen Patronats — ehemals des genannten Stifts — am 
Ostende des Dorfes, südlich der WO-Dorfstrasse gelegen, ist ein unbedeutendes, 
ganz verputztes und verändertes Feldtsoin-Rechteck ohne Fenster in des Ostwand. 
Der quadratische Westturm trägt eine ungewöhnlich hohe, noch mit Mönch und 
Nonne gedeckte, stark nach Osten überhängende Spitze. In der Wetterfahne 
über trefflicher Rokoko-Schmiedearbeit der Stange steht jetzt die Jahreszahl 1802, 
dieselbe rührt aber offenbar aus gleicher Zeit her wie die innere Einrichtung 
der Kirche. Zu dieser gehören ausser dem geringen, jetzt gleichmässig mit 
gelblicher Holzfarbe eingeölten Altar- und Kanzelaufbau mit gewundenen, 
guirlandengeschmückten Säulen und der Statue des Auferstandenen zwischen 
zwei pausbackigen Engeln auf dem Schalldeckel, vor allem zwei grosse 
Ölgemälde an der Ostwand, das eine Luthers in ganzer Figur mit dem Schwan, 
gestiftet 1703, daneben das andere, wenigstens nicht von zu grosser Bescheiden- 
heit zeugende gleich grosse des 1642 geborenen Ortspfarrers Joachim Dalaeus, 
jedenfalls schon vor seinem Tode aufgestellt^ da in dem Todesdatum der 
Umschrift die Lücke nach MDCC unausgefüUt geblieben ist. Der künstlerische 
Wert der Bilder ist rocht gering, aber sie sind immerhin, besonders in ihrem 
nachgedunkelten Kolorit, charakteristische Arbeiten. Gleichzeitig sind wohl 
drei geringe längliche Malereien an der Brüstung des Pfarr- und Beichtstuhles: 
der zurückkehrende verlorene Sohn, die grosse Sünderin und der Zöllner im 
Tempel. 

Von einem ehemaligen Taufstein ist nur noch der sechsseitige Fuss vor- 
handen. Die Glocke von 0,71 m Durchmesser hat am Halse zwei Reihen 
Inschrift mit den Namen der Ortsbehörden und GEORG F. SCHREIBER AVS 
MAGDEBVRG MEFEOIT, darunter einen abwärtsgerichteten Akanthusfries und 
ANNO 1657. 

Klitsche. 

[1459 Klitzke und noch bei Oesfeld Elitzcke.] 

Ehemaliges, jetzt für den Militär-Übungsplatz eingezogenes Gutsvorwerk 
4 km von Gross-Lübars, früher ein Kirchdorf, das wohl im dreissigjährigen 
Kriege eingegangen ist. 

Von der Ruine der einschiffigen Feldsteinkirche steht nur noch ein Stück 
von dem nordwestlichen Teile, an der Nordseite etwa 3 m lang, an der West- 
seite unten noch 4\/2 m, aber in Höhe von etwa 3 m über dem Erdboden nur 
noch 2 m lang, das grösste Stück etwas über 5 m hoch. Die Dicke der Mauern 
beträgt unten Im; die Schichtung der Granitfindlinge ist sehr unregelmässig, 
dieselben sind nicht einmal an den Ecken des Baues einigermassen behauen. 
Von der Form des übrigen Gebäudes sind in der gegenwärtigen Gestaltung des 
Erdbodens Spuren nicht mehr zu erkennen. 

Klepps. 

[Bis vor einem Jahrzehnt noch Kieps geschrieben, 1297Clepzek, 1457 Cleptze, 
1562 Kleptzk.] 

Kirchdorf mit Rittergut 3^1^ km S von Loburg auf der Höhe am Südrande 
des Ehlethales gelegen, nach von Alvensleben nach einem Leibzuchtbriefe von 



122 Kreis Jerichow I. 



1394 mit dem Vorwerk Padegrim bei Loburg zu Wörmlitz gehörig. Im 
XVI. Jahrhundert besassen es die von Arnim. Nach Jakobs wäre es 1709 und 
1719 als wüste Feldmark auf königliche Anordnung mit neuen Anbauem besetzt 
worden. Dies kann nach dem über di« Ausstattung der Kirche zu Berichtenden 
nicht richtig sein, auch beginnt das Kirchenbuch bereits 1689. Von Anfang des 
XVIII. bis in die Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts befand es sich im Besitz 
derer von Barby, bis es in bürgerliche Hände überging. 

Die Kirche, südwestlich vom Rittergute gelegen, gutsherrschaftlichen 
Patronats, Filial bis 1812 von Zeppernick, seitdem von Hobeck, ist ein sorgfältig 
gepflegtes und bis auf die Vermauerung der zweiten nördlichen Thür — eine 
besondere Priestorthür ist nicht vorhanden gewesen — und die Veränderung 
der Fenster — im Schiffe je zwei, im Altarhause je eins; das besonders kleine 
in der Apsis ist zu einem Sitze für den Geistlichen umgeschaffen — wohl 
erhaltenes^ Beispiel einer sehr kleinen einschiffigen romanischen Feldsteinkirche 
nach Schema H. Die Breite des Schiffes in den Mauern beträgt 7 m, seine 
Länge 10,85 m, die des Altarhauses 3,40 m. Das letztere ist nicht ganz 
quadratisch , seine Länge im Lichten beträgt nur 2,50 m, seine Breite 3,25 m, in 
den Ecken sind noch die Ansätze eines ausgebrochenen Kreuzgewölbes zu sehen. 
Die Stärke der Mauern beträgt 0,90 bis l m. An den Kanten des Gebäudes 
und der Thüren sind die Steine scharf rechteckig behauen und an den Thüren 
sind die Keilstücke des Bogens oberhalb von einer schmalen flach gelegten 
Steinschicht umsäumt. Nach einer Notiz in den Pfarrakten hätte die Kirche 
früher einen Turm mit 2 Glocken gehabt Falls das richtig ist, kann es nach 
Ausweis des vorliegenden Baues nur ein an das erhöhte jetzt etwas verstümmelte 
Mittelstück der Westfront gelehntes Fachwerktürmchen gewesen sein. 

Die flache Decke im Schiffe und Altarhause war bis vor kurzem mit 
Wolken bemalt, zwischen denen Engelköpfe, im Altarhause ganze Engel, die 
das Dreimalheilige singen, erschienen. Der Altar aufs atz ist ein dörfliches 
Spätbarockstück mit zwei gedrehten Säulen, laut Inschrift gestiftet von Clara 
Sophia Vogtin — durch neue Bemalung nicht eben verschönert. Das Gemälde 
stellt den Gekreuzigten dar, rechts neben ihm Adam und Eva unter dem 
Paradiesesbaume, links Zachäus auf dem Maulbeerbaume, unten David, Manasse, 
Magdalena, Petrus, Paulus und der „Zöllner'' — die Namen sind überall bei- 
geschrieben — anbetend. Die Kanzel mit freistehenden Ecksäulchen und den 
Bildern der vier Evangelisten in Ganzfiguren mit ihren Symbolen am Polygon, 
sowie die Westempore mit figurenreichen Gemälden der Geburt, Taufe, 
Kreuzigimg, Grablegung und Himmelfahrt Christi an der Brüstung — diese alle 
in neuester Zeit etwas speckig glänzend aufgefrischt — und der achteckige 
hölzerne Taufständer in gotischen Formen dürften alle derselben Zeit 
angehören, die einerseits durch die laut Inschrift 1694 vom Pastor Andreas 
Taubert gestiftete zinnerne Taufschüssel, andrerseits durch die beiden gedrehten 
Altarleuchter von Messig begrenzt wird, welche die mittelalterliche Form gänzlich 
aufgegeben haben und laut Inschrift 1674 von A.E.M.G.V gestiftet sind. 



^ In allerneuester Zeit ist leider der untere Teil der Apsiswand mit einem geradezu 
abscheulich hässlichcn Streubluraen-Tcppichmuster in Ölfarbe bemalt worden. 



Elepps. Königsborn. 123 



Yon Sandsteinepitaphien sind drei yorhanden. Zunächst ein jetzt in 
die ehemalige, ungewöhnlicher Weise an der Südseite befindliche, rohe Sakrament- 
nische eingelassenes 0,75 m hohes und 0,45 m breites von überaus ungeschickter 
Arbeit, das einen kleinen Knaben im Totenhemd und mit Kreuz an der Mütze 
und vier Ahnenwappen in den Ecken darstellt. Die Grabschrift läuft nicht nur 
um die Platte herum, sondern ist auch sonst auf derselben verteilt: DISER HANS 
GIRGEN V. ARNIM. IST GEWESEN KVNNEN . V. ARNIMS SON ERBGESESSEN 
AVF WENTGREFEN VND STEKEIN VORSOHIDE DEN 22 AVGVSTi ANO 1583 
DEM GOT GENAD . Sodann an dem ihretwegen zum Teil weggeschiagenen süd- 
lichen Pfeiler des Triumphbogens aufgestellt die Denksteine der beiden Frauen 
des eben genannten Kuno von Arnim, die sich durch besondere sorgfältige 
Arbeit und fast völlig intakte Erhaltung auszeichnen und nur in dem untersten 
Teile ihrer Umschrift von dem erhöhten Kirchenpflaster verdeckt, leider auch in 
allerneuster Zeit mit Ölfarbe speckglänzend überstrichen sind. Es sind die am 
10. Dezember 1590 im Alter von 36 Jahren verstorbene ANNA V. DRACHSDOREF 
— ihr und ihres Gatten Wappen kommen auch unter denen an der Decke des 
Chors der Laurentiuskirche zu Loburg vor, wo die Namen durch falsche Restau- 
ration Anna v. Transdorfer und Kort von Arnim geschrieben sind — und die 
am 14. November 1597 im Alter von 30 Jahren gestorbene ENGEL V. SCHVR- 
STEDT. Beide Figuren sind ganz gleichmässig in flachem Relief gearbeitet, 
ganz von vorn gesehen, die von Drachsdorf mit leichter Wendung des Kopfes 
nach links, die von Schierstedt nach rechts; sie stehen in einer Nische, welche 
Renaissanceformen auszudrücken versucht, in den Ecken die vier Ahnenwappen. 

An der Nordwand zwischen den Fenstern hängt noch ein kleines Epitaph 
des Justus Christianus Monner gest. 29. August 1693, im Alter von 
5 Jahren und 7 Tagen, das in einem reichgeschnitzten, durch rohe moderne Be- 
malung verdorbenen Holzrahmen ein ovales (lemälde enthält: ein kleiner Junker 
wird von einem Engel geführt in einer Berg -Landschaft, in der Golgatlia mit 
den drei leeren Kreuzen hervortritt, und über den beiden Wanderern in der 
Luft der Salvator mit der Kreuzesfahne schw-ebt Darüber eine Kartusche mit 
der Grabschrift und darunter eine mit dem Wappen: Kranich mit dem Steine 
in der erhobenen rechten Klaue. 

Königsborn« 

[Vor 1192 Cuningesbume, 1211 Koningesbornen, 1275 und 1402 Konigesbome, 
1562 Konningsborn und Konigesbrun.] 

Rittergut, Station der Eisenbahn Magdcburg-Zerbst-Leipzig, SV'a km östlich 
von Magdeburg, wird zuerst erwähnt in einer Urkunde des Erzbischofs Wich- 
mann, der dasselbe dem Kloster ü. L. Frauen zu Magdeburg vereignet, gleich- 
zeitig erscheint auch eine nach demselben genannte adelige Famiüe, welche sich 
bis in die zweite Hälfte des XIV. Jahrhunderts als in der Gegend angesessen 
verfolgen lässt und mit der Familie von W^elslebcn zusammenhängt [vrgl. 
V. Mülv erste dt in Gesch. Bl. lY (1869) S. 199—202]. Im XV. Jahrhundert 
befand es sich im Besitze des Lorenzklosters in der Neustadt Magdeburg, welches 
dasselbe nach von Alvensleben 1541 dem Bürgermeister Heinrich Alemann und 
dem Bürger Jakob Moritz zu Magdeburg, die es schon vorher in Pacht gehabt 



124 



Kreis Jerichow I. 



N. 



hatten, als Mannlehen überliess. Yon diesen kam es samt Menz und Wahlitz, 
die überhaupt immer damit in engster Zusammengehörigkeit erscheinen, nach 
V. Alvensleben an Tobias Hübnor, welcher es 1575 an den Oberst von Ziegesar 
verkaufte, wobei zu bemerken ist, dass während Heine Ahleman noch 1549 als 
im Besitz des Vorworks urkundlich beglaubigt ist, 1562 gelegentlich der Visi- 
tation der Magister Paulus Praetorius, der bekannte Erzieher und nachberige 
Geheimrat des Erzbischofs Sigismund als Besitzer des Hofes K. genannt wird. 
Von Ziegesar nahm das Out nach Einziehung des I^orenzklosters zuerst vom 
Administrator Joachim Friedrich zu Lehen, der aber nacher die Lehnsgerechtig- 
keit an das Domkapitel überliess. 1652 ging das Out in Besitz der von Treskow 
über, in der Mitte des XVIII. Jahrhunderts an den Kriegsrat Gossler, gegen 
Ende desselben an von Oansauge und seit 1834 befand es sich bis vor kurzer 
Zeit in den Händen der Familie Nathusius. — Im Mittelalter werden auch Bauern 
in K. erwähnt, eine Kirche hatte es nicht, das 1275 bei K. erwähnte Hospital 
mit Kapelle muss in Oübs (s. das.) gesucht werden. 

Von den Schlossgebäuden ist zunächst das unter dem Namen Alt- 
Königsborn, von Gossler zu einer Seidenmanufaktur eingerichtete, jetzt als 
Wirtshaus und Chausseegeld-Hebestelle dienend, zu betrachten (s. den (irundriss 

Fig. 31). Es besteht aus 
zwei im rechten Winkel 
aneinanderstossenden Flü- 
geln. Der ältere ist der 
von S nach N gerichtete, 
leider in hohem Grade ver- 
wüstete und verwahrloste — 
von Alvensleben berichtet, 
dass im dreissigjäbrigen 
Kriege das Gut „sehr übd 
zugerichtet und do^s Haus 
ganz eingeäschert^ worden 
— der aber neben Schloss 
Leitzkau als das einzige 
und sehr interessante Bei- 
spiel der Schlossarchitektur 
der deutschen Renaissance 
in unsern Kreisen übrig 
ist. Er hat über einem 
durchgehends mit niedrigen 
gratigen Kreuzgewölben in 
Backstein bedeckten Keller- 
geschosse ein zehn Fenster 
langes Erdgeschoss in Bruch- 
stein-Putzbau. Die Fenster sind rechteckig, ziemlich gross und auf der Südseite 
in ihrer oberen Hälfte zum Teil von einem aus Karnies, facettierten Bande und 
Kundstab gegliederten Sandstoinrahmen (s. Fig. 32), dessen Profil sich auch 
unter denen des Althauses Leitzkau (s. das.) vorfindet, teils von einem einfacheren 




Fig. 31. Königs hörn. 
Das alte Schloss. GrunUriss. 



Königsborn. 125 



Profil unter Fortlassung des Karnieses eingefasst, auf der Ostseite noch einfacher. 
Die meisten derselben sind vermauert, ihrer früher davor befindlichen Eisen- 
vergitterung sämtlich gewaltsam beraubt und auch sonst mannigfaltig beschädigt. 
An Stelle des sechsten Fensters von Norden her (a des Grundrisses tritt in die 
Westfront ein breites Säulenportal mit schlanken kanellierten ionischen Säulen auf selir 
hohen, jederseits mit grossen Löwenköpfen, die einen Ring im Maule halten, ge- 
schmückten Sockeln. Das dünn profilierte Erönungsgebälk, 
dessen untere Fläche mitRankenomament belegt ist, hat am 
Architrav eine Inschrift in deutschen Frakturbuchstaben 
getragen, von der sich aber bei dem Zustande äusserster 
Verwitterung und Misshandlung, in dem sich das Stück 
befindet, irgend etwas Zusammenhängendes nicht mehr 
feststellen lässt. Ob sich über dem Uebälk ehemals ein Fig. 32. 

bekrönender Giebel erhoben, was wahrscheinlich ist, lässt ^*VeD8te"r!prom'"' 
sich ebenfallsnichtmehrmitBestimmtheit feststellen. Durch 
dies Portal tritt man in einen Flur-Baum (b des Grundrisses), 

aus dem auf der Ostseite eine kleinere Thür in den Wirthschafts-Hof, der tiefer 
liegt, während eine Treppenanlage in das ehemals vorhanden gewesene Obergeschoss 
führt An diesen Flur schliesst sich südUch zunächst ein durch die ganze Breite 
des Flügels gehender, jetzt als Küche dienender Raum, aus welchem man in ein 
an der Strasse liegendes von W nach länglich rechteckiges Zimmer (c des Grund- 
risses) tritt Dasselbe hat ursprünglich nach W und S je zwei tiefe im Stichbogen 
geschlossene Fensternischen gehabt, von denen aber nur die beiden an der Südseite 
noch unverändert sind, und an der Ostwand zwei entsprechende Wandnischen, über 
diesen schneiden je zwei, an der fensterlosen Nordseite aber drei Stichkappen 
gratig in das den ganzen Raum bedeckende Tonnengewölbe ein. Jedoch sind 
diese Gewölbe, wie wahrscheinlich die sämtlichen dieses Geschosses, erst später 
eingezogen. An der Nordwand befindet sich unter der östlichsten Gewölbekappe 
eine geräumige Halbkreis -Wandnische, mit Beschlagornament dekoriert und mit 
einer muschelartigen Viertelkugel eingewölbt, darüber als Abschluss ein Putten- 
fries, doch alles so dick übertüncht, dass derselbe nicht mehr deutlich zu 
erkennen ist Nordwärts schliessen sich an die Durchgangshalle zwei weitere 
gleich dieser mit gratigen Stichkappen-Gewölben bedeckte, jetzt durch Fachwerk- 
wände in mannigfache Gelasse geteilte Räume. In dem zunächst an die Halle 
stossenden (d des Grundrisses) ist noch ein Renaissancekamin erhalten, dessen ge- 
schweift vortretende facettierte Wangenstücke über einem antikisierenden Gebälk 
einen durch drei kanellierte Pilaster gegliederten Aufsatz mit Eckvoluten tragen, der 
mit einer Erdkugel zwischen abermaligen Voluten bekrönt ist — auch dieser fast bis 
zur Unkenntlichkeit dick übertüncht Von einem älmlichen aber einfacheren Kamine 
in dem nördlichston Gemache sind noch die ebenfalls facettierten Wangenstücke 
und das von ihnen getragene Gebälk erhalten, der obere Aufsatz in nüchternem 
Barock umgestaltet 

An diesen Flügel schliesst sich an der SO -Ecke, nur durch eine Wand- 
schräge, durch welche eine Thür aus dem Gemach mit der Halbkreisnische hinein 
führt, mit ihm verbunden ein quadratischer Anbau, (e des Grundrisses) der in 
seinem üntergehosse ein Zimmer enthält, in dessen niedriges achtteiliges gratiges 



Kreis Jerichow f. 



KOnigsborn. 127 



Sterngewölbe von allen Seiten über ebenfalls tiefen, meist veränderten Fensternischen 
Stichkappen einschneiden. Hier findet sich an der nördlichen gegen den Osthof ge- 
richteten Wand neben der erwähnten Thür ein ebenfalls dick übertünchter Karain, der 
aber bereits in das Rokoko übergehende Barockformen zeigt, während doch in 
der Wanddekoration darüber neben einem nach Rokokoweise verschlungenen, 
nicht mehr deutlich erkennbaren Monogramm deutlich die Jahreszahl 1532 stellt. 
Welches ilire Bedeutung sei, ist unerfindlich, das Datum dieses Baues kann sie 
unmöglich bezeichnen. Neben diesem Kamin hat sich an derselben Wand, wie 
aussen noch erkennbar, eine auf Sandsteinkonsolen vorgekragte Abortanlage 
befunden. — Über diesem Ausbau und dem daran stossenden Gemache zeigen 
sich noch Reste des Obergeschosses, das sich ehemals über diesen ganzen 
Flügel erstreckt hat, doch sind auch diese Reste so entstellt, dass sich über seine 
einstige Gestaltung bestimmte Vermutungen nicht aussprechen lassen. -- Bei 
dem Mangel jeder urkundlichen Überlieferung und der Nichtverwendbarkeit der 
Inschrift und der Jahreszahl lässt sich nur aus den Analogien der architektonischen 
Details der Schluss ziehen, dass der Bau dieses Flügels etwa gleichzeitig mit 
dem des Schlosses Leitzkau, also bald nach Übergang in den Besitz des Obersten 
von Ziegesar erfolgt sein wird — vielleicht mag die Jahreszahl ursprünglich 
1Ö82 gelautet haben. 

Geringeres Interesse bietet der WO -Flügel, der ebenfalls seine Hauptfront 
nach dem Westhofe hat, der höher liegt als der östliche und die Strasse, sodass 
man von ihm direkt in das Erdgeschoss beider Flügel eintritt. Er ist ein- 
geschossig mit Mansardendach; zwischen zwei Seitenstücken mit je vier Fenstern 
— nach der Strassenseite sind es nur je zwei — erhebt sich aber ein zwei- 
geschossiges Risalit, welches im Obergeschosse zwei Fenster hat — nach der 
Strassenseite nur eins — im Erdgeschosse aber ein erst in der zweiten Hälfte 
unseres Jahrhunderts vermauertes Portal mit Archivolten- Stücken über den 
Ecken des Gesimses; der zwischen diesen befindlich gewesene Inschrift- und 
wohl auch Wappen-Schild ist weggebrochen, jedoch lassen die wenigen nüchteren 
Formen — die Fenster haben einfache Sandsteinrahmen mit vortretenden Keil- 
stücken inmitten des graden Schlusses — keinen Zweifel, dass wir hier einen 
nicht zu spät nach Übergang des Gutes in den von Treskowschen Besitz ent- 
standenen Bau vor uns haben. 

Das gegenwärtige Schlossgebäude, Neu -Königsborn genannt, etwa 1km 
ösüich von Alt-Königsborn auf dem Kamme einer kleinen Terrainwelle gelegen, 
ist von dem Kriegsrath Gossler erbaut, ein einfaches, in Putzbau mit Sandstein- 
gliederungen ausgeführtes Rokoko-Herrenhaus, das seine Hauptfront (s. Fig. 33) 
dem ausgedehnten, von etwas anspruchsvoll erscheinenden Wirtschaftsgebäuden 
umgebenen Hofe zukehrt. Dieselbe hat über einem hohen Souterrain mit 
niedrigen Stichbogenfenstem nur ein Geschoss, zu dem eine grade Freitreppe 
hinaufführt, welche die Formen des Rokoko bereits gänzlich verlassen hat. 
Zwischen zwei Seitenstücken zu je 5 Fenstern, von denen das mittelste in einem 
flachen Vorsprunge liegt, während die äussersten Ecken mit toskanischen Pilastern 
besetzt sind, tritt ein mittierer, von drei Fenstern Breite stärker hervor und 
über das Dach hinaus, an den Ecken mit korinthischen Pilastern besetzt. In 
demselben befindet sich die zwischen zwei Fenster etwas eng eingeklemmte 



128 Kreis Jerichow I. 



Thür, darüber drei Ochsenaugen, diese wie der Sturz über dem Portal mit einem 
diclitgedrängten, aber etwas kleinlichen Ornament umgeben, in welchem das 
absterbende Rokoko den Übergang in klassisch-antike Formen sucht. In dem 
Ornament über der Thür ist das damalige Familien- Wappen des Erbauers — im 
Schilde drei Rosen und als Helmzier eine Fortuna — angebracht. Der äusserst 
nüchterne Giebel des Mittelstücks enthält nur eine Uhr, das hohe Mansardendach 
nur je über den Mittelfenstem der Seitenfluchten eine Lukame. Die einem 
stattlichen, an schönen alten Bäumen reichen Parke zugekehrte Gartenfront^ 
entspricht in ihrer Disposition nicht ganz der Hoffront. Statt des Souterrains 
hat sie , dem etwas abfallenden Terrain entsprechend, ein wirkliches Erdgeschosse 
das sich kaum über den Boden des Parkes erhebt, und zwischen zwei Seiten- 
fluchten von nur je vier Fenstern das auch hier mit korinthischen Eckpilastern 
besetzte Mittelstück zur Breite von fünf Fenstern ausgedehnt Der auch hier 
ziemlich nüchterne Giebel des Mittelstücks ist ganz mit einem kiassicierenden 
Laubornament ausgefüllt. In der grossen Sandstein-Lunette des Portals im Erd- 
geschosse erscheint wiederum das Wappen des Erbauers. Im Innern ist alles 
modernisiert, nur die Thüren zeigen noch überall einfache Rokoko-Schnitzereien. 

Ladeburg. 

[1139 Ladeburch, 1227 Lodeburch.] 

Dorf mit Rittergut 3 km N von Leitzkau, von seiner ersten Erwähnung an 
zur Dotation des dortigen Klosters gehörig und in allen Beziehungen dessen 
Schicksale teilend. 

Die Kirche, Filial von Leitzkau, zuerst 1187 als dem Kloster gehörig 
erwähnt, jetzt unter dem Patronat der von Münchhausen, liegt im Norden des 
unregelmässig gebauten Dorfes, westlich einer NS-Strasse, inmitten des ehemaligen 
Kirchhofs und ist ein Neubau von 1854. Vom alten Gebäude ist nur der sehr 
rissige, an der NW-Ecke nachträglich mit einer plumpen Strebe gestützte 
romanische T u r m aus Gommemschen Bruchsteinen mit vermauertem Rundbogen- 
portal in der Westfront und nach und W je drei, nach N und S je zwei 
ganz verdorbene Schallöffnungen in der Glockenstube erhalten. 

Von den Glocken ist die grössere von 0,83 m Durchmesser ein Guss von 
Christian See in Magdeburg 1738 mit dem von Münchhausenschen Wappen 
und der Inschrift auf dem Schlage: ERMUNTERE DICH VERLORENES SCHAFF. 
Die kleinere ist ein Neuguss von C. A. Jauck in Leipzig von 1843. Die kleinste, 
ausser Gebrauch gesetzte, hat nur die Giesserinschrift des C. G. Ziegen er in 
Magdeburg 1787. 

Gleichzeitig mit der grossen Glocke wird wohl der ebenfalls noch aus der 
alten Kirche herübergenommene steife Altar-Kanzel-Aufbau mit Seiten- 
thüren, über denen Matthaeus und Markus mit ihren Symbolen stehen, anzusetzen 
sein, obgleich er nach der Inschrift auf der Rückseite erst 1775 „gemalf ist 
und zwar abscheulich; ebenso der bescheidene Orgelprospekt. 

Eine ehemalige zinnerne Taufschüssel ovaler Form trägt das eingravierte 



* Ansicht der Parkfront bei Dunker, Bd. XV. Nr. 892. 



Ladebarg. Leitzkau. 129 



von Münchhausensche Wappen und „TT. P. F. v. Münchhausen Dom Herr eu 
Hiagddmrg*^ ohne Jahreszahl — es ist Wilhelm Philipp Friedrich von Neuhaus-L. 
-f-1808. Über den ehemaligen Altaraufsatz und Taufstein siehe bei Prödel. 

Leitzkau. 

[995 Liezeka und in der Hauptsache später gewöhnlich ebenso mit den 
Varianten Liezka 1005, Liesca, Lietzgo und Lietzo 1017, Lietzke HH9, Liezeche 
1155; 1173 Lietzecha — daneben 1114 I^ezka, so auch 1211 und die Varianten 
Iiezeke.1227, Leczke 1390, Lehtzka 1524 — ferner Litzka 1155 mit den Varianten 
liizke 1211, lizeka 1296, liczeke 1301, Litzke 1424 und 1545, Litzkau 1516 — 
Lytzka 1402 und Lytzke 1534, Lysska 1520 — Leytzke 1464 und Leitzke 1562, 
Leitzkau 1563; in einer Urkunde von 1546 nebeneinander: Litzke, litzkaw und 
Ldtzkow ; 1569 ebenfalls in einer und derselben Urkunde nebeneinander Litzkau, 
Leitzkou, Leitzkau und Liezkau. In mönchischer Korrespondenz finden sich die 
Latinisierungen Lex dei und Laditia dei.] 

Ehemaliger offener Marktflecken mit zwei Rittergütern, 8 km östlich von 
Gommem, 3 V2 ^^^ nordnordöstlich von Bahnhof Prödel der Magdeburg-Zerbster- 
£isenbahn, 10 V2 ki» südwestlich von Loburg.* 

Der Ort wird urkundlich zuerst erwähnt am 18. August 995 als Ausstellungs- 
ort einer Urkunde des Kaisers Otto III., der auf dem Kriegszuge gegen die 
Obotriten und Wilzen begriffen war; nachher wiederholt 997, 1005 und 1017 in 
gleicher Veranlassung. Hier war also der Sammelplatz für die kaiserlichen 



^ Litteratur. Eine 1803 von dem Pastor St. Kunze verfasste handschriftliche 
„Diplomatische Oeschicbtc der Stadt und des Praemonstratenser Klosters L/* in der von 
Münchbausenschen Bibliothek zu Althaus-Lei tzk au — sie führte die Katalognummer 4081 a — 
ist dort nicht mehr ausfindig zu machen. — Biedel, Klöster und Klosterruinen in der 
Kurmark Brandenburg ausserhalb der Altmark; in Mark. Forschungen I (1841) S. 165 ff. u. 
zw. 177 f. — Riedel, d. Pramonstratenser Mönchskloster Leitzkau; in dessen cod. dipl. 
Brand. A. X, S. 64—68, nebst Urkunden S. 69—101 und besonders auch in Band XXIV. 
Lotz, I. S. 376. — Adler, II, S. 23 f. (Klosterkirche zu L. und Schloss L m. 2 Holzschn.) 
— Winter, Fz., die Prämonstratenser u.s. w. 1865, besonders 8.121-130, 809 f. 347 f. - 
von Mülverstedt, Verz. d. Klöster u. s. w. in den Jerichowschen Kreisen, in Qesch. Bl. II 
(1867) Nr. 3 S. 134 f. — Müller, F.O, d. Schloss Leitzkau; in Gesch. lU. XI (1876) S. 1-42 
mit 5 Tafeln Abb. — Wernicke, E., Überreste vom Kloster L ; daselbst XIII (1878) S. 
445 f. — L. C, Leitzkau; in Pallas, Zeitschr. d. Kunstgewerbe -Vereins zu Magdeburg. V 
(1884) S. 55—58. — H. Eh 1 e rt , Schloss Leitzkau ; in Deutsche Renaissance, red. von A. Scheffers, 
Leipzig E. A. Seemann. Lief. 185. 1884. Mit 10 Tafeln. — Otte, Handbuch* II (1885) S. 
238. — Wernicke, E., d. älteste steinerne Kirchenbau ostwärts der Elbe, in Beibl. der 
Magd. Zeitung 1888 Nr. 2 u. 3 m. Grundriss; abgekürzt im Centralblatt für Bauverwaltung 
1887 Nr. 52 A. — Sello, Georg, die Brandenburger Bistums -Clironik. S. A aus dem XX. 
Jahresbericht des Histor. Yer. zu Brandenburg. Brandenburg 1888. — Ders., üeinrici de 
Antwerpe tractatus de urbe Brandenburg. S A. aus dem XXII. Jahresb. des Altmärk. Vereins 
für Vaterland. Gesch. Magdeburg 1888. — Ders., Zur Geschichte Leitzkaus, in Gesch. Bl. 
XXVI (1891), S. 245-256. — H. Schütz, Kloster L.; in Der Bär XVII, S. 808—311, 320 
bis 324; nachgedruckt in Lesefrüchte, Beibl. zur Zerbster Zeitung 1891 Nr. 42—45. — Zu 
vergleichen ist: Treuer, Gottl. Sam., Gründliche Geschlechtshistorie des Hochadligen Hauses 
der Herren von Münchhausen. Göttingen (1740) fol., und dessen Fortsetzung: A. F. von 
Münchhausen, Geschl-Hist. d. Hauses derer von M. von 1740 bis auf die neueste Zeit. 
Hannover 1872 (m. Bildnissen und Ansichten in Lithographie). 

IMo Kretsc Jerlehow. 9 



130 Kreis Jerichow I. 



Heere zu den Kriegsztigen gegen die Slaven östlich der Eibe; andrerseits 
aber auch Endpunkt der Verwüstungsztige der Polen, so 1007 unter Boleslaus 
Chrobry und 1030 unter Meseco, der sich König nannte, — diese Verwüstungen 
so gründlich, dass 1017 im Juli, als Kaiser Heinrich H. hier mehrere Tage ver- 
weilte, der Hof, welchen der Bischof Wigo von Brandenburg daselbt besass, von 
„unzähligen wilden Thieren" bevölkert und daher zur Unterkunft des Kaisers 
nicht verwendbar war. Erscheint der Ort demnach schon in dieser Zeit als ein 
locus capitaiis, wie ihn Bischof Harbert nachher nennt, so wählte sich ihn dieser 
Bischof auch, um von hier aus in seiner Diöcese wieder festen Fuss zu fassen. 
Er erbaute nach Zerstörung vieler Götzenbilder zunächst (nach 1107, wo er 
sich noch als Weihbischof im Mainzischen aufhielt) eine hölzerne Kirche, die er 
unter Zustimmung des Vogtes Avelo mit dem Dorfe Gouuene (oder Gavvene, 
jetzt wüst Geuen oder Gauen bei Ladeburg) dotierte. Nicht so sehr lange 
danach aber wandelte er dieselbe in eine steinerne Basilika um, welche er mit 
dem Zehnten zwischen Ihle und Nuthe und dem Dorfe Cicelo (oder Cruzso, 
jetzt Vorwerk Kressow, vielleicht auch der später Niendorp genannte Ort) dotirte 
(s. oben S. 16). Von grosser Bedeutung wurde es, dass 1133 noch auf Ver- 
anlassung des h. Norbert vom Magdeburger Marienkloster aus ein Prämonstratenser- 
Konvent sich bei dieser Kirche ansiedelte (s. oben S. 17). Besondrer Ounst 
erfreute sich dieser Konvent bei dem Bischöfe Wigger, welcher von demselben 
mit Ermächtigung des Erzbischofs Konrad zum Bischöfe gewählt worden war. 
Dieser dotierte 1139 nicht nur das Kloster mit seinen sämtlichen Besitzungen 
bei Leitzkau selbst und den benachbarten Dörfern, sondern stattete es auch mit 
Vorrechten aus, die ihm die Stelle des fehlenden Domkapitels für das Bistum 
Brandenburg einräumten (s. oben S. 17), wie er denn auch einen notwendig 
gewordenen Erweiterungsbau der Kirche am 2. September 1140 weihte. Seine 
Gunst verblieb dem Leitzkauer Kloster auch, als von demselben im Laufe des 
folgenden Jalirzehnts ein Filial-Konvent an die Gotthardskirche zu Parduin 
(jetzt Altstadt-Brandenburg) übersiedelte auf Bitten des Wendenfürsten Pribislav- 
Heinrich, der — vielleicht zum Danke für die Gewährung dieser seiner Bitte — 
sein und seiner Gattin Petrissa Diademe auf dem Reliquienschreine des h. Petrus 
in Leitzkau niederlegen liess, wo sie noch in der Mitte des XV. Jahrhunderts 
zu sehen waren.^ Am 9. September 1155 weihte Wigger im Verein mit Erz- 
bischof Wichmann, welcher bei dieser Gelegenheit die Gebeine des seitdem zum 
Mitpatron der Kirche ernannten h. Bischofs und Märtyrers Eleutherus oder 
Eleutherius, des Sohnes der Anthia (18. April) schenkte, im Beisein Albrechts 
des Bären und seiner Familie wie einer sonstigen glänzenden Festversammlung 
die neue, etwas vom Orte entfernt auf einen Hügel nahe am Walde verlegte, 
daher seitdem Sanda Maria in Monte genannte Klosterkirche — mira^pulchritudinis, 
sicut usque cemilur, sagt der nach der Mitte des XV. Jahrhunderts schreibende 
Kompilator der Pundatio Lezkensis. Bei dieser Gelegenheit wurde nicht nur 
der Besitz des Klosters durch neue Schenkungen des Markgrafen, des Erz- 



^ Nach Schriftstellern des XYI. Jahrhunderts wären sie dann in den Dom za Berlin 
gekommen — vrgi. Seile, Heinr. de Antwerpe S. 24 — bei der bekannten Sammelleiden- 
schaft Joachims II för Reliquien durchaus wahrscheinlich. 



Leitzkaa. 131 



bischofs und des Bischofs yermehil, sondern auch die demselben verliehenen 
Vorrechte neuerdings bestätigt Mit dem Tode Wiggers, der nach einer Nach- 
riebt auch in Leitzkau begraben wäre, nach andrer aber in Brandenburg bei- 
gesetzt ist, hörte indessen diese Bevorzugung auf. Sein Nachfolger Wilmar, der 
noch vom Leitzkauer Konvent allein gewählt war, verlegte sehr bald nach 
seinem Amtsantritte^ seinen Sitz nach Brandenburg, und überwies dem wieder- 
hergestellten dortigen Domkapitel neben der Bischofswahl den grösseren Teil 
des Archidiakonats ftir das Bistum, während dem Leitzkauer Konvent nur der 
kleinere Teil wesüich der Ihle verblieb, über die Unklarheit in der Begrenzung 
dieser Archidiakonatsbezirke und die hundertjährigen Streitigkeiten über die 
Bischofswahl zwischen Brandenburg und Leitzkau siehe oben S. 18. Als ein 
Zeichen der geringer gewordenen Wertung Lei tzkaus ist es wohl auch anzusehen, 
dass im Jahre 1162 Albrecht der Bär, der doch die Yogtei über das Marien- 
kloster in Magdeburg durchaus für sich persönlich und seinen ältesten Nach- 
kommen vorbehalten hat, unter ausdrücklicher IJntersagung , dass diese sie 
irgend jemand lehnsweise übertragen dürften, dagegen die Vogtei über Leitzkau^ 
seinem Ministerialen Evererus (de Lindowe) und dessen Nachfolgern überliess, 
von denen sie 1211 auf die Grafen von Arnstein als Grafen von Lindow und 
Herren zu Ruppin überging, deren mehrere, ohne Zweifel auf Grund dieses 
Yogteirechtes, ihre Grabstätte in der Tjoitzkauer Klosterkirche gefunden haben. 
Erst nach Aussterben dieser scheint die Yogtei von Leitzkau vom Branden- 
burger Kurfürsten als heimgefallenes Lehen wieder in Anspruch genommen zu 
sein. Über die weiteren Geschicke des Klosters im Mittelalter fehlt es, da das 
Urkundenmaterial bis auf wenige Beste abhanden gekommen ist, fast ganz an 
Nachrichten mit Ausnahme der auch nur lückenhaften über die Rang-Streitig- 
keiten mit dem Brandenburger Domkapitel. Die Animosität gegen das letztere 
ging soweit, dass in dem 1320 zwischen dem Erzstift Magdeburg und dem Stift 
Brandenburg ausgebrochenen Streite Leitzkau sich auf Seite Magdeburgs stellte 
und auf diese Weise gänzlich von der Yerbindung mit Brandenburg los- 
zukommen versuchte — jedoch musste es mit der Beilegung des Streites 1326 
in das Subordinationsverhältnis zum Brandenburger Bischofsstuhle zurückkehren. 
Andrerseits suchte um diese Zeit das Kloster geisüiche Yerbindungen. indem es 
seit 1290 in Gemeinschaft mit dem Loburger Kaland erscheint, für dessen Mit- 
glieder täglich am Nikolausaltare des Klosters eine Seelenmesse gelesen wurde, 
und mit dem es allerhand nicht ganz klare Yerhandlungen über Tausch von 
Einkünften gab. Daneben nahm es 1311 das Stift St Servatii zu Quedlinburg 
in die Gemeinschaft seiner geistlichen bona auf und versprach für jeden 
gemeldeten Todesfall einer der sorores des Stifts 30 Seelenmessen lesen zu lassen. 
An der noch vorhandenen Urkunde darüber ist uns ein Abdruck des Konvents- 



' Auf einer Synode zu Magdeburg, die nach Sello auf den Lucastag 18. Oktober 1160 
zu setzen ist. 

' Allerdings sagt Albrecfat nur: 8ollicitudinis nostrae, gut primi et 9ummi eiusdem ecdesiae 
Mimuff AdvooaUf partem commisimus. Indessen handelt es sich doch im Folgenden 
ersichtlich um alle wesentlichen Befugnisse der Yogtei, und der Yorbehalt der Ober- Vogtei 
war nur ein nomineller. Bei Übernahme der Vogtei durch Gebhard von Arnstein 1211 ist 
davon gar nicht mehr die Bede. 

9* 



132 Kreis Jerichow I. 



siegeis und des Siegels des damaligen Propstes Johannes erhalten [beide schlecht 
abgebildet bei von Erath, cod. dipl. Quedlinburg. Tat XXXIII Nr. 3 u. 14, 
ersterer besser bei Sello in Magd. Gesch. Bl. 1891 S. 247]. Das Konventssiegel 
ist spitzoval von 0,06 m Länge und zeigt das Brustbild der gekrönten, nicht 
nimbierten Maria mit Lilienscepter in der rechten Hand und dem segnenden 
Christkinde mit Buch und Kreuznimbus auf dem linken Arme, über einem von 
einer gewundenen Säule geti-agenen Flachbogennischen- Paare, in dem die nicht 
nimbierten Brustbilder der Nebenheiligen Petrus (mit Doppelschlüssel) und 
Eleutherus (mit Palmzv^reig) über einem quergehenden Bande mit der Inschrift 
• PQTIJ : ÖLQVT erscheinen. Umschrift zwischen einfachen Reifen + S* : 
aaaLÖSia : Saa : MARIQ IHLISaSÄ . Das Slegel des Propstes ist ganz 
ähnlich, nur dass unter der Gottesmutter der Propst selbst anbetend dargestellt 
ist. Umschrift: + S : lOIiARRIS PPOSITI • IH LIEZaSa. 

Das nicht sehr zahlreich besetzte Kloster war ziemlich reich begütert, und 
seine Besitzungen lagen alle in nahe erreichbarer Nachbarschaft, entfernter nur 
eine Hufe in "Wolmii-sleben und eine in Wellen, über deren Widmung durch 
seine Gemahlin Sophia und seinen Sohn Otto 1157 Albrecht der Bär urkundet, 
sowie 6 Hufen in Mühlingen, 1187 erwähnt. Jedoch klagt schon 1297 der Kon- 
vent über die Not von diversis generibus paupertatum et praecipue varüs 
gravaminilms usurarum und ebenso 1467 über des Klosters „anlighende nod" und 
sah sich da zu Verkäufen genötigt. Das Kirchenpatronat besass er ausser im 
Orte Leitzkau selbst in Lochow (schon 1 173 erwähnt, jetzt Vorwerk ohne Kirche), 
Ladeburg (das Dorf schon 1173, die Kirche jedoch erst 1187 ausdrücklich genannt), 
Zeddenick (1173), Prödel und Syliz (wohl schon 1187; letzteres eingegangen, 
zwischen Prödel und Leitzkau; noch im XVII. Jahrhundert wurde daselbst 
beerdigt), Gehrden (seit 1290) mit Kl.-Lübs; zur Zeit der ersten Kirchen Visitation 
auch in Ziepel, Nedlitz mit dem Filial Büdon und in Detershagen, von denen 
die Zeit ihrer Erwerbung nicht überliefert ist. 

Der Anfang des XVI. Jahrhunderts brachte noch einen Umbau der Klausur- 
gebäude, doch sank der Konvent unaufhaltsam von Stufe zu Stufe. Die drei 
Briefe, welche uns von Luther an seinen Freund, den damaligen Propst Georg 
Mascow (s. über diese Freundschaft obon S. 27) aus dem Jahre 1517 erhalten 
sind ,^ zeugen von einem hoffnungslosen Verfall der Klosterzucht und tiefen sitt- 
lichen Schäden innerhalb des Konvents. Andrerseits fiel unter Einfluss der 
begeisterten Anhängerschaft des Propstes für die Sache des Evangeliums der 
grössere Teil der Mönche der Reformation zu, legte das Mönchsgewand ab und 
verliess das Kloster. Unter dem folgenden Propste Friedrich Schmerkorn, seit 
1522, erlitt das Kloster schwere Beschädigung durch die Fehde, welche der 
Magdeburger Jakob Mortons ihm und dem ganzen Prämonstratenser-Orden u. s. w. 
angesagt hatte, und deren Beendigung nach vielen Räubereien und Mord- 
brennereien mit einem Opfer von 610 Gulden erkauft werden musste.^ Schliesslich 
kam es so weit, dass der Bischof von Brandenburg, Mathias von Jagow 

* Gedruckt bei de Wette, M. Luthers Briefe u.s.w. I (1826) Nr. 33.40. 41. 

* Nach dem Berichte des Magdeburger Mollen vogtes Sebastian Langhans über die An- 
fänge der Beformation in Magdeburg — herausg. mit Anmerkungen von G. Hertel in 
Gesch. BL XXVIII (1898) S. 283 ff. 



Leitzkaa. 133 



selbst beim Papste die Aufhebung des Klosters und Einziehung seiner sämtlichen 
Güter und Einkünfte zu einer Aufbesserung der durch die Reformation stark ver- 
minderten Dotation des Bischofsstuhles beantragte, wozu Kurfürst Joachim I. am 
24. Juni 1534 seine landesherrliche Genehmigung erteilte. Es scheint jedoch, 
dass diese Massregel nicht zur wirklichen Ausführung gekommen ist Vielmehr 
zog Kurfürst Joachim IL gleich nach seinem Regierungsantritte das Kloster für 
sich selbst ein und liess es zunächst durch Amtsleute verwalten, trotz aller 
Proteste, die von den verschiedensten Seiten dagegen erhoben wurden.* Der 
letzte Propst scheint der Joachim Bars oder Barsewisch gewesen zu sein, den 
Joachim II. 1536 mit Besitzungen vor Seehausen belehnte, und der später Dom- 
herr zu Havelberg wurde, in welcher Würde er sich 1552 gelegentlich der Zer- 
störung des Wilsnacker Wunderblutes als einen der hartnäckigsten und ver- 
folgungssüchtigsten Anhänger der alten Lehre zeigte und 1563 starb. 

In der Folgezeit bediente sich der Kurfürst des Klosters als Versatzstück 
für verschiedentliche Schulden. Zunächst kam es in die Hände der Brüder 
Mathias und Asmus von Saldern ; die dem ersteren überlassene Hälfte ging 1545 
an den Grafen Albrecht Georg von Stolberg-Wemigerode über, u. zw. sollte, da 
eine förmliche Teilung beider Hälften mit Ausnahme der Häuser noch nicht 
erfolgt war, ein Termin zu derselben am 13. April d. Js. stattfinden. Indessen 
erfolgte eine anderweitige Abfindung des Asmus von Saldern, weshalb am 
30. Juni 1546 nunmehr das ganze Gut dem Grafen von Stolberg verschrieben 
wurde. Wie lange der Graf im Pfandbesitze geblieben, ist nicht beurkundet, 
1554 übernahm es aber der Bruder des Kurfürsten, Markgraf Johann von Küstrin, 
und am 10. November 1559 ging es in dessen völlig freien erblichen Besitz, nur 
unter Vorbehalt des Vorkaufsrechtes für den Kurfürsten, über. In die Zeit dieses 
Besitzers fiel die erste Kirchenvisitation, der gegenüber der Hauptmann des 
Markgrafen, Melchior von Locliau, vergeblich den unter dem Patronat des ehe- 
maligen Klosters stehenden Pfarrern verbot, sich den Visitatoren zu stellen. 
Auch im Besitze des Markgrafen verblieb das ehemalige Klostor aber niclit lange. 
Durch Verkaufs- Vertrag vom 2. April 1564 ging es in den erblichen Lehnsbesitz 
des Obersten Hilmar von Münchhausen, eines berühmten Heerführers jener Zeit, 
der 1563 in Dienste des Markgrafen getreten war (geboren 1512, verheiratet 1539 
mit Lucio von Rheden, gest. 19. April 1573 zu Nienburg a. Weser) für den Kauf- 
preis von 80000 Thlr. über, der nachher auf 70000 Thlr. ermässigt wurde und 
am Sonntage Quasiraodogeniti 1565 abgetragen war. Hilmar, der 1565 auch ein 
8chlossgebäude in Rinteln aufgeführt hatte, nahm sofort bedeutende Bauten 
sowohl an der Klosterkirche, als am nunmehrigen „Schlosse" Leitzkau vor. Nach 
seinem Tode ging dasselbe in den Besitz seiner Söhne St^tius (geb. 3. Juni 1555, 
verheiratet 1578 mit Anna von Lattorf und nach deren Tode mit Dorotbee vcn 
Bothmer, gestorben 27. Mai 1633j, Hilmar (geb. 1558, gest. 4. Mai 16 17) und Curt 
(geb. 1560, gest. 1606) über, u. zw. an den ersteren das sogenannte Althaus, an 
die beiden letzteren das Neuhaus. 1593 (nicht 1590) kaufte Statins seinen Brüdern 
ihre Hälfte ab und entwickelte neuerdings, nachdem er schon vorher am Alt- 



* S. oben 8. 29. Die Urkunden darüber gedruckt in Riedel A.X S. 89 ff. und XXIV, 
S.486 ff., neuerdings auch von Seile in Gesch. Bl. XXVI (1891) S. 257 ff. 



134 Kreis Jerichow I. 



hause viel gebaut hatte, eine eifrige und prachtvolle Bauthätigkeit Nach dem 
leOO erfolgten Tode seiner ersten Frau scheint ihm jedoch Leitzkau verleidet za 
sein, und er wandte seine Baulust 1603 dem Schlosse zu Bevem zu, geriet aber 
trotz seiner glücklichen Finanzspekulationen, wahrscheinlich infolge seiner Baii- 
leidenschaft 1618 in Konkurs. Leitzkau wurde zunächst an den Administrator 
Christian Wilhelm verkauft Jedoch scheint dieser Kauf nicht wirklich zu stände 
gekommen oder rückgängig gemacht zu sein, denn 1619 bei der Subhastation kam 
das Schloss an die Söhne von des Statins verstorbenem Bruder Hilmar, die es 
zunächst gemeinschaftlich behielten, bis es durch Vergleich vom 10. Dezember 163H 
dem einen Philipp Adolf (geb. 1593; verheiratet zuerst mit Lucio Friederike von 
Kerssenbruch, nachher mit Magdalene von Heimburg, gest 1657) fiberlassen 
wurde. Durch Vergleich vom 5. April 1679 unter den Söhnen Philipp Adolfs 
schieden sich fortan dauernd die beiden Leitzkauer Linien des Oeschlechts von 
Münchhausen, das Althaus kam an Christoph Friedrich v. M. (geb. 24. Mai 1644, 
verheiratet 1675 mit Dorothee von Grapendorf , gest. 4. Febr. 1700), das Neuhaus 
aber an die Söhne des 1572 verstorbenen Hilmar, Landdrosten von Jever, näm- 
lich Kari Anton Philipp (geb. 1669, gest. 1720) und Anton Friedrich (geb. 1670, 
gest 1716). In Besitz dieser beiden Linien ist das ehemalige Klostergut, bis in 
die neueste Zeit als kurbrandenburgisches Lehen, verblieben. 

Zum Besitze des Klosters gehörten in und bei I^eitzkau nur die einst im 
Besitze der Brandenburger Bischöfe und des Präfekten Gorbert gewesenen und 
von diesen gewidmeten Höfe und Grundstücke. Im übrigen gehörte der Ort 
zur Herrschaft Möckern und wurde mit dieser 1390 (als oppidum bezeichnet) von 
Erzbischof Albrecht dem Domkapitel zu Magdeburg vereignet, wie er denn auch 
sonst die Geschicke derselben teilte, daher 1477 bei der Belehnung der Grafen 
von Lindow mit derselben diesen die Erbhuldigung zu leisten, dem Magdeburger 
Domkapitel aber zu seinem Gelde zu huldigen hatte. So weit der Ort magde- 
burgisch war, wurde er auch 1562 visitiert, damals als Filial zu Gehrden (siehe 
Seite 83) gelegt. Im Jahre 1571 tauschte indessen Hilmar von Münchhausen den 
Flecken mit seinen Einwohnern und allen Abgaben gegen Überlassung des 
Garben- und Fleischzehnten, welchen das Kloster in Ziepel und Zeddenick 
besessen hatte, vom Domkapitel ein, und nahm nun, nachdem Kurfürst Johann 
Georg 1572 den Tausch bestätigt hatte, auch den Flecken von Kurbrandenburg 
zu Lehen. Übrigens wurde der Ort, der am 11. September 1660 und am 
7. September 1661 fast gänzlich in Feuer aufging, obgleich ihm ein Stadtrecht 
niemals verliehen war, und eine städtische Verfassung gänzlich fehlte, doch zu 
den Städten gerechnet. Heineccius (1785) bezeichnet ihn bald als „Flecken'* bald 
als „Mediatstadt" und sagt S. 305: „Es ist ein offener Ort mit 3 Strassen und 
hat keine Thore, sondern nur fünf offene Ausfahrten, auch fehlt es demselben 
an einem Marktplatz.'' Im gegenwärtigen Jahrhundert wurde er als Marktflecken 
(mit zwei jährlichen Märkten) klassifiziert, gehört aber, nachdem dieser Begriff 
in Wegfall gekommen, wieder gänzlich dem platten Lande an. 

Die Beschreibung der Denkmäler hat mit der 

Dorfkirche St Petri zu beginnen, da sie nicht nur der älteste Bau 
im Orte, sondern in ihr der überhaupt nachweisbare älteste steinerne 
Kirchenbau ostwärts der Elbe erhalten ist [vrgl. die oben S. 129 erwähnte 



Leitzkan. 135 



Abhandlung des Verfassers; daselbst der Orundriss]. Die Data über ihre Ent- 
stehung und frühesten Oescliicke sind bereits oben 8. 130 f. mitgeteilt Hinzu- 
zufügen sind als einzige sonstige Urkunden zu ihrer Geschichte nur die 
Erwähnung als Pfarrkirche des Ortes im YisitationsprotokoU von 1562 und die 
Jahreszahlen 1620 am Taufstein, 1737 innen über dem Yierungsbogen (mit Mono- 
gramm, wahrscheinlich des Christian Wilhelm von M. zu Möckern) und 1740 in 
der Wetterfahne des Turmes, welchen letzteren die Formen des durch sie 
datierten Kokokoumbaues der Kirche entsprechen. Trotz dem wiederholten Wider- 
spruche Sellos ist neuerdings zu bemerken, dass diese Kirche (wie später die 
Klosterkirche) ursprünglich nicht dem Petrus, sondern der Jungfrau Maria 
gewidmet war. Die Urkunde des Bischofs Harbert über den Bau giebt aus- 
drücklich die heilige Gottesmutter Maria und dann die bekannten Chöre der 
Heiligen, unter welchen nur Petrus und Paulus als Apostel, Stephanus als Proto- 
martyr, Martinus als Confessor und Caecilia als virgo und martyr aus der Zahl der 
amnes jedesmal besonders benannt werden, als Patrone an, wonach anzunehmen 
ist, dass die Maria die eigentliche Titelheilige war. Ein Altar des Petrus wird 
erst 1139 erwähnt, als Wigger dem Konvent die Hechte eines Domkapitels für 
das Bistum übertrug. Bei dieser Gelegenheit musste füglich dem eigentlichen 
Schutzherrn des Bistums Brandenburg, dessen Keliquienschrein auch hierher 
gebracht wurde, ein besonderer Altar in der Kirche gestiftet werden, wie es denn 
auch erklärlich ist, dass der aus derselben Ursache notwendig gewordene Er- 
weiterungsbau 1140 dem h. Petrus geweiht wurde, wenn auch die Hinzufügung 
des sonst nirgends wieder erwähnten Bartholomaeus bei der sonstigen Fehler- 
haftigkeit der Fundatio Tjczkensis die Frage offen lässt, ob hier nicht ein Schreib- 
fehler für Eleutherius und somit eine Verwirrung mit der späteren Weihe der 
neuen Klosterkirche vorliegt. 

Die Kirche erscheint gegenwärtig als ein einschiffiger, kreuzförmiger, im 
Osten gerade geschlossener, innen und aussen dick geputzter Bruchsteinbau mit 
Turm über dem nördlichen Kreuzflügel. Nähere Betrachtung ergiebt aber bald, 
dass man hier eine verstümmelte, der Seitenschiffe beraubte und mehrfach ver- 
änderte Pfeilerbasilika von hochaltertümlicher Einfachheit vor sich hat Der 
westliche Arm ergiebt sich als das Mittelschiff von 15,75 m Länge und 6,75 m 
Breite im Lichten, dessen Arkaden von je 2 m Weite vermauert sind. Er zer- 
fällt aber der Ijänge nach in zwei Abschnitte; der westlichere von 7 m Länge 
im Lichten hat Mauern von IpO m Stärke und nur zwei Arkaden, die durch 
einen quadratischen Pfeiler von 1,50 m Seitenlänge getrennt sind; der östlichere 
dagegen von 8,75 m Länge im Lichten hat jederseits drei Arkaden, die durch 
zwei quadratische Pfeiler von 1 m Seitenlänge getrennt werden. Die tief im 
Erdboden steckenden Arkadenpfeiler von 2,25 m Höhe sind ganz schlicht aus 
Bruchsteinen anfgemauert, entbehren der Basis und haben statt des Kämpfers 
ein nur nach den Innenseiten der Arkaden vorspringendes, ebenfalls aus Bruch- 
steinen gemauertes Gesims, das aus einer einfachen Schräge von 0,lU m Höhe 
und 0,06 m oberer Ausladung besteht. Die alten Fenster des Obergadens sind 
vermauert und so dick übertüncht, dass die Stellen, wo sie gesessen haben, nicht 
zu erkennen sind. Statt ihrer sind grössere oblonge Fenster eingebrochen und 
die glatte Westwand mit einer Thür mit Sandsteinumrahmung in Rokokoformen 



136 Kreis Jerichow L 



yersehen. Das Innere ist, wie das der ganzen Kirche, dick getüncht und mit 
einer weissgetünchten hölzernen Tonne gedeckt. Vom Querschiff sind nur die 
Vierung und der nördliche Flügel mit dem vermauerten Bogen zum ehemaligen 
nördlichen Seitenschiffe, welches eine lichte Weite von 2,75 m gehabt haben wird, 
erhalten. Es hat im Lichten nur 3,50 m Tiefe. Die Vierungsbögen nach W und 
haben eine lichte Weite von 4,75 m und ruhen auf ganz schlichten Wand- 
vorlagen. Der nördliche Flügel hat wohl ehedem im Erdgeschoss die Sakristei 
enthalten — wenigstens sind noch Ansatzspuren einer ehemaligen Wölbung vor- 
handen — und hat wohl immer wie gegenwärtig den niedrigen Turm getragen, 
da dessen sich etwas verjüngende Wände keine Spur von späterer Veränderung 
zeigen, die Glockenstube aber in der Weise der ältesten Glockentürme dieser 
Gegend nach und W je drei, nach N und S je zwei kleine, höchst einfache 
rundbogige Schallöffnungen aufweist Bedeckt ist er 1740 mit einem Schweifdach, 
aus dem sich eine offene achtseitige Laterne mit Zwiebeldach und hoher Spitze 
erhebt. Die unten in seine Ostwand eingebrochene Thür gehört ebenfalls dem 
Bokokobau an. Ebenso die an Stelle des südlichen Querschiffsflügels getretene 
herrschaftliche Empore, welche innen einen Stuckplafond in Rokoformen zeigt 
An das Querschiff schliesst sich östlich der einschiffige gerade geschlossene Chor 
von gleicher Weite wie das Langschiff, aber 10,75 m Länge im Lichten. Im 
Obergaden mit je zwei Rundbogenfenstern beiderseits versehen und, da die 
Priesterthür an der Nordseite ungewöhnlich hoch sitzt (ihre Sohle liegt nur 
wenig unter der Kämpferhöhe der Schiffsarkaden), wahrscheinlich über einer 
ehemaligen Krypta errichtet, kann er bei dieser Länge nur dem Erweiterungsbau 
von 1140 angehören, dem auch die abweichenden Dimensionen des westlichen 
Teiles des Langhauses zuzuschreiben sein mögen. Wie die östliche Endigung 
dieses Chors ursprünglich gestaltet gewesen, ob gerade geschlossen oder mit 
einer Apsis, lässt sich nicht mehr feststellen, da der Rokokobau hier einen 
geiade geschlossenen Sakristeianbau in der Breite des Chors hinzugefügt hat, 
welcher innen an der Nordwand mit einem Kamin ausgestattet ist, über welchem 
in der schmächtigen Wanddekoration die Relieffigur des Moses in Lebensgrösse 
erscheint Ausserdem gehören ein Sofa und ein Stuhl, beide mit gepresster 
Ledortapete gepolstert zur Ausstattimg der Sakristei. 

Im Chor steht zu beiden Seiten ein Gestühl in einfach nüchternen 
Renaissanceformen mit klassi zierenden Arkadennischen an der Rückwand. Der 
Altar-Kanzelaufbau mit Säulen und durchbrochenen Thüren für den Um- 
gang der Kommunikanten scheidet den Chor von der dahinterliegenden Sakristei, 
ist ziemlich schlank gehalten, in Weiss und Gold staffiert und gehört dem Rokoko- 
bau an. Der Taufst ein in bäuerlichen Renaissanccforraen dagegen ist gleich- 
zeitig mit dem Gestühl und trägt die Inschrift: 1620 IN I DIE PURIFICATIONIS 
M. IST DIESE TAUFE GESETZET UND VON DER GEMEIN BEZALET 
WORDEN. 

Im Turme hängen zwei Glocken. Die grössere von 1,00 m Durchmesser 
ist 1596 von Heinrich Borstelmann gegossen und enthält in der zweizeiligen 
Inschrift am Halse ausser dieser Angabe den Spruch AD POMPAS AD SACRA 
u. s. w. und die Namen des Pastors, Amtmanns, der Gottesleute, des Schulzen 
und Küsters. Die zweite von 0,60 m Durchmesser gehört wohl noch dem 



Leitzkan. 137 



Xin. Jahrhundert an. Sie trägt in Spiegelschrift von unregelmässig, meist 0,02 m 
grossen Majuskeln am Halse die Umschrift: 

+ DVÖl . SOKÄT . IiOC . siönvöi . 

Fveex . wßc . öevs . oTe . öiäügrV 

Sonst sind nur noch einige Grabsteine zu erwähnen. Im Chor hinter dem 
Altar an der Nordwand ist ein trapezförmiger, oben 1,20 m, unten nur 0,95 m 
breiter (bei 1,95 m Seitenlänge) verkehrt eingemauert; teilweise zerstört zeigt er 
zwei in Umrisslinien eingegrabene, stark abgetretene Figuren eines Mannes und 

einer Frau und die defekte Majuskelumschrift + ÄNNO DHl || 

. . . TI PeXRI OBUT aOH II RÄDaS OPIFBX + ÄHNO || DHI ffiaaaLXVII . 
XV 6L IVLII 0' BÄTBRINÄ. 

Vor dem Altar, unter den Kommunionbänken vertieft eingelassen, liegt der 
sehr schön gearbeitete und wohl erhaltene Grabstein mit der Relieffigur und 
den vier Ahnenwappen der NOBILISSIMA AC LAVDATI8SIMA MATRONA 
DMA II ANNA ORTA EX PERVETVSTA EQVITVM A LATORF . N0BILI8 ET 
VERE GENEROSI || DOMINI STATZII A MVNNICHAVSA CONIVNX || CARI8SIMA 
PIEOBIIT ANNO CHRISTANO 1600 DIE 4 DEOEMBRISi AETATISSVAE (unaus- 
gefüUte Lücke). 

Vor ihr nach Westen zu der Reliefstein eines in Ritterrüstung vor dem 
Krucifix knienden Knaben, hinter dem ein Pferd steht. Oben Wappenschilde, 
rechts mit einem Bär, links mit dem v. Münchhausenschen Mönch. Inschrift 
in Distichen: 

CONDITVS EXIGVA lACET HIC HENRIC IN VRVA 

QVI FVIT VRSINE NOBILE STEMA D0MV8 

HIC MORTE EREPTVS TENERE SVE FLORE IWENTE 

AT CHRISTO ASSIDVO REGNA BEATA TENET. 

Datum fehlt; also ein Heinrich von Behr, dessen Mutter eine von Münch- 
hausen war, jedoch im Treuer nicht zu ermitteln ist. Ein Dietrich von Behr 
wurde unter Anderen von Oberst Hilmar vom Münchhausen zum Vormund 
seiner minorennen Kinder ernannt. 

Im Schiff sind an der Nordwand zwei mit polychromierten, ganz von vorn 
gesehenen Relieffiguren eingelassen, nämlich des Amtmanns Henning Pape 
gest. 8. April 1605, in kurzem schwarzen Mantel, und dos Pastors Heinrich 
Kreienberg gest.? August 1624, im Talar. 

Über einen 1834 an der Aussenseito der Kirchhofsmauer gemachten Münz- 
Fund von hauptsächlich Magdeburgischen und Brandenburgischen Brakteaten 
aus der Zeit um 1370 vrgl. Wiggert in der N-Mitt. den Th,-Sächs. Vereins lU, 
2. S. 125ff., mit groben Holzschnitt-Abbildungen. 

Sonst ist im Flecken nur noch als ein immerhin charakteristischer Fachwerk- 
bau das achteckige, zweigeschossige mit einer schindelgedeckten wälschen Haube, 
deren Wetterfahne die Jahreszahl 1774 zeigt, gedeckte Gehäuse des Dorf- 



* Treuer giebt den 5. Dezember an. 



138 



Kreis Jerichow I. 



brunnens am Fusse des Hügels, den die ehemaligen Elosterbauten einnehmen, 
zu erwähnen. 

Die ehemalige Klosterkirche und Klosterbaulichkeiten,^ jetzt 
Schlosskirche und Schlösser Alt- und Neuhaus. An urkundlichen Daten zur 
Baugeschichte im Mittelalter ist nur die Notiz über die Einweihung der neuen 

Klosterkirche am 9. Sep- 

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Fig. 34. Leitzkau. 
Grundriss der Kloster- (Schloss-) Anlage. 



tember 1155 erhalten, und 
zwar bezieht sich dieselbe 
auf die gegenwärtige Kirche, 
da der nach der Mitte 
desXV. Jahrhunderts schrei- 
bende Kompilator der Fun- 
datio Letzkensis ausdrück- 
lich sagt : mofiasterium 
mirae pulchritudinis^ sicut 

usque cernitur 

fundavit .... perfecit, 
der Bau der Kirche auch 
ein durchaus einheitlicher 
ist, keine Veränderungen 
ausser den Verstümmelun- 
gen der Renaissancezeit 
aufweist, und in seinen 
Formen durchaus der be- 
zeichneten Vollendungszeit 
entspricht. Sonst berichtet 
von einem umbau u. zw. 
an dem Kreuzgange nur 
ein jetzt in eine ehemals 
aus den Käumen des Erd- 
geschosses des Neuhauses 
in den nördlichen Turm 
führende, später vermauerte 
Thür eingelassener Inschrift- 
stein: 



in$ • >. 1.5.0.8 (Lücke, jedenfalls: incep) 

V rf iltf 9 tt M$ 
1.5.1.2. tBmjflttM 

Über Bauten der Renaissancezeit an der Kirche und den Schlössern berichten 
dann eine Reihe von Inschriften, Wappen und Jahreszahlen von 1565 bis 1754, 
die bei der Einzelbeschreibung näher zu erörtern sind. 



* Otte, Roman. BaukuDst S. 623. — Grundrisse der Gesamtanlage bei Mflller, Taf. 2 
Fig. 3a und bei Ehlert auf dem Textblatte, berichtigt hier Fig. 34. Bei Müller Taf. 2 
Fig. 36 auch eine kleine Skizze der Gesamtanlage aus der Vogelperspektive. Grundriss der 
Kirche bei Adler S.24. 



Leitzkau. 139 



Die Schlosskirche (Grundriss A; die abgebrochenen Seitenschiffe und 
die vermutliche Gestalt der ebenfalls abgebrochenen Ostpartie sind punktiert) 
ehemals Klosterkirche, der Maria, dem Petrus und Eleutlierus geweiht, war 
ursprünglich eine kreuzförmige Pfeilerbasilika mit Nebenapsiden an den Armen 
des Querschiffs und zweitürmiger Westfront, gänzlich aus Plötzkyer Bruchsteinen, 
auch in den wenigen Kunstformen des Äusseren, aufgemauert, nur die Kapitelle 
der Arkaden- und Vierungspfeiler und einige kleinere Säulen aus Haustein her- 
gestellt Der Bau muss trotz seiner ausserordentlichen Festigkeit nach Auf- 
hebung des Klosters starkem Verfall ausgesetzt gewesen sein, da ohne einen 
solchen* auch die Materialbedürfnisse der von Münchhausenschen Neubauten an 
den Schlössern kaum eine so bedeutende Verstümmelung herbeigeführt haben 
würden, wie der Bestand ausweist Beraubt ist die Kirche nämlich beider Seiten- 
schiffe einschliesslich des am nördlichen vorhanden gewesenen Kreuzgangsflügels, 
der Nebenapsiden des Querschiffs, sowie des Altarhauses mit der Hauptapsis, 
unter welchem wohl einst eine Krypta vorhanden gewesen ist, wenn auch die 
am Schlossbau noch vorhandenen romanischen Säulen nicht dafür angeführt 
werden können, da sie nach ihren Dimensionen einer Krypta nicht angehört 
haben können. Zerstört ist ferner der oberste Teil des südlichen Turmes, der nörd- 
liche bis zur Höhe des Schlossbaues und die obere Endigung des Zwischenhauses 
zwischen den Türmen, und das Querschiff ist zu einem Kornspeicher umgewandelt 

In der Turmfront (Fig. 35) tritt wie an der Marienkirche zu Magdeburg und 
der Klosterkirche zu Jerichow — also gewissermassen als Prämonstratensereigen- 
tümlichkeit zu bezeichnen — das Zwischenhaus vor die Flucht der Türme etwas 
hervor, u. zw. hier um 0,87 m. Das ursprüngliche, grosse einfache Rundbogen- 
portal desselben, oberhalb dessen noch im untersten Geschosse zwei massig grosse 
Kreisfenster nebeneinander angebracht sind, ist vermauert und statt dessen unter 
dem südlichen dieser Rundfenster ein viereckiger Eingang eingebrochen. Weiter 
hinauf zeigen sich, die Geschosse abteilend, zwei Rundbogenfriese auf Konsolen 
einfachster Gestalt, nur aus Bruchstein hergestellt, welche auch — zwischen 
schlichten breiten Ecklisenen — die Türme umziehen, der obere auch das Lang- 
haus und Querschiff, an letzterem als Basis der beiden Giebel der N- und S- 
Front. Ohne Zweifel ist das Zwischenhaus oben durch ein mit reichlichen 
Schallöffnungen gegliedertes Glockenhaus (wie in Kloster Jerichow) abgeschlossen 
gewesen — die Abbruchsspuren sind am südlichen Turme deutlich zu sehen. Wie 
seine Schallöffnungen aber gegliedert gewesen sind, bleibt im Dunkeln. Im 
Innern bildet das Erdgeschoss des Zwischenbaus eine hohe, geräumige, mit 
gratigem Kreuzgewölbe bedeckte Halle, aus der jetzt östlich über mehrere Stufen 
ein Portal mit Rokokoeinfassung in Sandstein in das Innere der Kirche, südlich 
aber der alte Eingang in den Turm führt. Dieser südliche Turm weist nun- 
mehr statt seiner ursprünglichen obersten Geschosse über einem mit einem stark 
verwüsteten dritten Rundbogenfries abgeschlossenen und grosse, jetzt vermauerte 
Rundbogenfenster enthaltenden einen sehr unordentlich geschichteten, jeder Form 
entbehrenden Erneuerungsbau auf, dessen Zeit durch die in einem Balkon der nun- 
mehrigen Glockenstube neben den Namen des Hilmar von Münchhausen und 
seines Amtmanns eingeschnittene Jahreszahl 1572 und durch die auf einer ge- 
legentlich einer Reparatur des Schieferdaches 1877 gefundenen Schieferplatte mit 



Kreis Jerichow I. 



Fig.Sü. I.eitikua. Sclilosekircbe. W^etfii^c. 



Leitzkau. 141 



dem Namen des Schieferdeckers Henricus Hoyer Ort alias Orthmanus 
eingeritzte Zahl 1573 bezeugt ist. In den nach aussen durch feste Läden ver- 
deckten hohen zweiteiligen Schallöffnungen dieser Glockenstube sind dabei Säulen 
des älteren Baus als Teilungssäulen verwandt worden, von denen aber nur noch 
zwei vorhanden sind. Die eine, im östlichen Fenster, deren Kapital mit Kämpfer 
bei Adler S. 24 abgebildet ist, hat eine sehr hohe attische Basis mit starken Eck- 
schuhen, und ihr Schaft ist 1,64 m lang; die andere im nördlichen Fenster mit 
niedrigerer Basis hat ein sehr eigentümliches Kapital, einen rohen Versuch zur 
Nachbildung des korinthischen; ihr Schaft ist 1,67 m lang. Ob diese Säulen 
schon ehedem dem alten obersten Turmgeschosse angehört haben oder der 
einstigen Glockenstube des Zwischenhauses, muss dahingestellt bleiben. Wenn 
man sich hiernach die ganze ehemalige Westfront im Geiste ergänzt, so erscheint 
die Bemerkung Adlers, dass sie „in ökonomischer Hinsicht nur von der ganz 
schmucklosen, fast halbrohen des Havelberger Domes tibertroffen" werde, als 
übertrieben. Sie hat, abgesehen von der grösseren Einfachheit der Rundbogen- 
friese, den Vergleich mit Jerichow nicht zu scheuen gehabt. Bedeckt ist der 
Turm über einem steilen, ins Achteck überlaufenden Schweifdach mit niedriger 
nicht offener achteckiger Laterne und steiler welscher Haube; in der Wetterfahne 
das von Münchhausensche Wappen. Im Innern enthält der Turm bis zur Höhe, 
wo der Flickbau anfängt, die alte ^nerne Treppenkonstruktion, eine Spindel- 
treppe, die ebenfalls ganz aus Bruchstein hergestellt ist und sich um einen starken 
quadratischen Mittelpfeiler rechtwinklig herumzieht. Die tonnengewölbte Unter- 
mauerung, in deren Mörtelüberzug überall noch die Eindrücke der Lehrbretter, 
auf welche sie aufgetragen worden ist, sichtbar sind, muss, da die Stufen bei den 
Wendungen immer bis in die Ecken der Turnimauem reichen, eine komplizierte 
Konstruktionsaufgabe gewesen sein. Im nördlichen Turme ist diese Treppen- 
anlage ausgebrochen um im Untergeschosse der Anlage einer Familiengruft Platz 
zu machen. 

Das Langhaus hat neun, jetzt vermauerte Rundbogen -Arkaden von 2,50 m 
Bogenöffnung zwischen quadratischen Bruchstein-Pfeilern von 1,15 m Seitenfläche. 
Die einfach attischen Basen der Pfeiler stecken sämtlich in der Erde, sodass 
die' ursprüngliche Höhe der Pfeiler nicht festzustellen ist. Die Profilierung ihrer 
niedrigen Sandsteinkapitäle ist nach aussen gewaltsam fortgeschlagen, nach innen 
unter dicker Verputzung und Tünche verborgen, nur ein einziges neben 
dem jetzigen Nordportal, in der Ummauerung halb freiliegendes lässt einen 
reicheren Ornamentschmuck noch erkennen. Die ziemlich grossen, über den 
Scheiteln der Arkaden bögen stehenden Fenster des Obergadens sind sämtlich 
vermauert. Statt ihrer sind hässliche im Stichbogen geschlossene grössere Fenster 
mit nüchterner Putzumrahmung in zwei Reihen untereinander eingebrochen, 
deren gegenwärtige Gestalt möglicherweise erst dem Rokokobau angehört. 

In die Nordwand ist ein pracht\ olles Säulenportal von sehr glücklichen Ver- 
bältnissen eingelassen, von dessen ausserordentlich eleganter Dekoration in 
vollendetster Steinmetzentechnik, nach der es dem Meister des Loggien- Anbaus am 
Althause zuzuschreiben ist, die Abbildung bei Ehler t Tat 8 (der Schlussstein 
des Bogens auf Taf. 10) kaum eine annähernde Vorstellung giebt. Die Zeit der 
Entstehung desselben bekundet die dreizeilige Inschrift auf dem Fries des Gebälks: 



142 Kreis Jericbow 1. 



ESAIAE 16. DOMVS MEA DOMVS ORATIONIS VOCABITVR. 

lOMAN. 8. AMENDICO VOBIS Sl QVIS SERMONE M. SERVABIT MORTEM 

NON VIDEBIT IN yCTERNVM . ANNO DOMINI 1584. 

Das dick weissgetünchte Innere der Kirche mit einer kahlen Spiegeldecke 
ist durch den Einbau einer die ganze Nordwand einnehmenden und bis zur 
Hälfte des Raumes vorspringenden zweigeschossigen Empore sehr ungeschickt 
geteilt. 

In dem durch mehrere Geschosse von Schüttböden geteilten ehemaligen 
Querschiffe (Grundriss 1) sind die Vierungspfeiler noch deutlich zu erkennen, 
Auch an ihnen sind die Sandsteinkapitäle bis auf wenige Reste weggeschlagen, 
die eine reiche Gliederung von Eehlungen, am südöstlichen auch das Schach- 
brettomament erkennen lassen. 

Von der Ausstattung der Kirche gehören der etwas überladene und doch 
nüchtern dekorierte sechseckige Taufstein mit hölzernem Deckel [Abb. bei 
Ehlert Bl. 10] und die auf runder toskanischer Säule ruhende, am Körper mit 
sechs flachen, zur Aufnahme von Statuetten nicht geeigneten Muschelnischen 
zwischen Eckpilastern , an der Treppenwange mit reichstem Kartuschenwerk 
geschmückte, aber mit äusserst schwerfälliger und hässlicher Thür versehene 
Kanzel [Abb. bei Ehlert 61.9 und Detail aufBl. lo] beide aus Sandstein,. dem 
Renaissancebau an, letztere sicher dem Meister des Portals von 1584. Die Zier- 
lichkeit des Ornaments der Kanzel ist durcS dicke Übermalung mit Ölfarbe (sogar 
in roter Marmorierung) und Vergoldung sehr beeinträchtigt Der Schalldeckel ist 
nüchterner Rokoko-Zusatz in Weiss und Gold. Derselben Rokokozeit gehört der 
Prospekt der Orgel an, welcher zwei Haupttümie mit Blattwerk -Mügelstäcken, 
und zwischen ihnen fünf kleinere in zwei Geschossen, oben drei, unten zwei, 
zeigt, dazwischen das von Münchhausensche Wappen mit der Zahl 1754. Oben 
und in den Flügelstücken grössere und kleinere musizierende Engel. 

Die Mensa des Altars ist noch die alte. Der Rokokoaufbau mit schlanken 
korinthischen Säulen, neben denen Petrus und Johannes stehen, und ganz leid- 
lichem Rankenwerk in den Flügelstücken und über den jetzt thürlosen Eingängen 
zum Altarumgange , ist ebenfalls in Weiss und Gold staffiert. Auf dem Altare 
stehen zwei 0,62m hohe dreifüssige Leuchter von Zinn, die durch aufgelötete 
schönes Rokokoomament, von dem freilich ein grosser Teil weggebrochen ist, 
und einen sehr zierlichen spitzenartig durchbrochenen Behang des Lichttellers 
bemerkenswert sind. Unter den Abendmahlsgeräten hat ein Kelch noch die 
mittelalterliche sechsteilige Form mit Zapfenknauf, der mit Masswerk geschmückt 
ist, unter den Fuss ist aber eingraviert „55^2 Lot^- 1633" Die P ateno dazu 
trägt nur das schlecht gravierte von Münchhausensche Wappen mit den Initialen 
M. V. H(eimburg) und W. V. M(ünchhausen) 1673 auf dem Rande, der Klingel- 
beutel aber auf die Sammettasche aufgenäht das Wappen in getriebenem 
silbervergoldeten Relief und die Initialen F. M. V. M. Anno 1740. Der Pfarrstuhl 
in der Kirche ist mit alter gepresster Ledertapete in der Rückwand 
bekleidet 

Hinter dem Altaraufbau an der Ostwand hängt ein ziemlich gut gearbeitetes 
und, mit Ausnahme der Farbengebung, wohlerhaltenes, gotisches, hölzernes 
Triumphkreuz mit Überlebensgrossera Corpus, auf den Enden der Arme kleine 



Leitzkan. 143 



Rundmedaillons mit den Reliefs der Evangelisten-Symbole, das wohl einer Her- 
stellung würdig wäre. 

Die beiden Glocken des Turmes sind nur klein, die eine von 0,74 m 
Durchmesser ganz schmucklos, die andere von 0,78 m hat am Halse zwischen zwei 
Reifen einen aus der Lilienblume in ausgesprochen romanischer Form gebildeten 
Eries. 

Grabdenkmäler. Sehr alt, wenn auch nicht gerade, wie Adler behauptet, 
„der älteste der in der Mark noch erhaltenen " ist der schmal-rechteckige, nur mit 
dem Vortragekreuze über einer Kreisverschlingung dekorierte Stein, welcher bei 
Adler S. 24 und danach in Otte, I, 337 abgebildet ist. Er ist 1,90 m 
lang und 0,60 m breit und jetzt in der Brüstung des westlichen Turmfensters 
eingemauert 

Zwei mit in Umrisslinien eingravierten Figuren der Verstorbenen in Lebens- 
grösse sind 1877 im Fussboden des alten Querschiffs gefunden und aussen an 
der Ostseite seines südlichen Flügels zu beiden Seiten der dort eingebrochenen 
Thür aufgestellt worden. Der eine stellt einen barhäuptigen Ritter dar, welcher 
das Schwert in der rechten Hand schräg hält, die linke aber auf den zu 
seinen Füssen stehenden spitzigen Schild stützt, welcher vorn den halben 
Adler, hinten zwei Querbalken zeigt. Eingravierte Umschrift in schlechten 
Majuskeln: + WÄLTBR Dö ÄRCBÄTÖIK + || SI OVIS ÄDeS QVI 

öiORxe QÄDes STÄ RBSPiae pl h orä + svm qvod öris qv h 

OD ÖS AEXe FVI PRO ffiö PRSÖOR ORÄ. Das muss der von Riedel 
A. IV. 8.4 als Walther IV. bezeichnete sein, der sich nur Graf von Amstein 
nannte, während sein Bruder Günther sich Graf von Mühlingen, später von 
Ruppin und seit 1274 von Lindow nannte, und der nach der nicht mehr vor- 
handenen Gedächtnistafel in der Klosterkirche zu Ruppin 1279 gestorben ist — 
später kommt in dieser Linie der von Amstein der Vorname Walter nicht 
mehr vor. 

Der andere ist trapezförmig gestaltet, der dargestellte Ritter trägt aber seinen 
kleinen, sehr breiten Schild mit Adler vor der Brust. Die Majuskelinschrift 
beginnt ungewöhnlicherweise oben in der Mitte über dem Kopfe des Verstorbenen, 
und die untere Seite ist inschriftlos : + ÄECO . Dßl . fll° || 000° liöT . II? 
Die . Sai . BLÄSII [3. Februar 1356] . OBIIT . DES . 2ILRiaZI3 . II 00(005 • 

m . LiKDow . aaißis . äiä . ReoviesoÄT . n ii? pägb • ÄOie . 

Dies muss Graf Ulrich II sein, der 13ö3 in grosser Bedrängniss seine Ruppiner 
Lehen an seinen Sohn Oltze (Ulrich III) abtrat, und dessen drei Söhne auch 
bereits 1356 gemeinschaftlich Urkunden. Die Angabe der Ruppiner Gedächtnistafel, 
dass er 1360 gestorben sei, ist demnach irrig. 

Im Schiffe unter dem Gestühl liegt ein vierter Stein mit gravierter Umriss- 
figur eines Geistlichen und der sehr unleserlichen Minuskelumschrift: Xu$ tat 

i 5'A . i|i II lt( fxiUt nr i^W nrnrlii^ u Un$P yal^ || liTi^ (^rc f ^ri^ mu \\ 1 ||Pt( 

%^ |itC lfC0 i|ttr ffnW — die folgenden Buchstaben sind teils unleserlich teils 
zerstört; eine von einem „Tischer'* gefertigte ungeschickte Abbildung in Abels 



' Aufzulöaen : Änno domini 1507 ipso die Briacae Virginia (18. Januar) obiü venerabilis ae 
deeoius paUr dominus Gregorius Wust praepositus, qui huic loco opiime praefuit. 



144 Kreis Jerichow I. 



handschriftlicher Chronik von Möckem deutet sie LIIIIA, vielleicht könnte es 
heissen sollen VIIITA[=t?ot'em annos], denn der Vorgänger des Wust, Hinricus Stot 
wurde 1497 Propst von U. L. Fr. in Magdeburg, bestätigt von Erzbischof Ernst 
am 2. Oktober d. J. 

Innen an der Südwand oben zur Seite des Altarbaus ist aufgehängt ein 
grosses, in Holz geschnitztes, in Weiss, Schwarz und Gold bemaltes Epitaph der 
am 30. Januar 1681 im Alter von 59 Jahren und 10 Tagen verstorbenen Frau 
Magdalena von Heimburg, zweiten Frau und Wittwe des 1657 verstorbenen Philipp 
Adolf von Münchhausen. Das Hauptstück, von gewundenen, mit Guirlanden um- 
schlungenen Säulen und Flügelstücken, in denen Putten klettern, umgeben, enthältein 
quadratisches geringes Ölgemälde der Auferstehung und des Weltgerichts. Darüber 
das querovale gemalte Brustbild der Verstorbenen in schwarzer Wittwentracht 
zwischen zwei Rundfiguren von Engeln. Ganz oben die Kteuzigungsgruppe in 
Rundfiguren, das Kreuz auf einem grossen ionischen Pilasterkapitäl stehend. 

Endlich an derselben Wand westlich unterhalb der Orgelempore ein stark 
zerstörtes steinernes Wandepitaph des Christoph Friedrich von Münchhausen 
(geb. 23. Mai 1644, gest. 4. Februar 1700) und seiner Ehefrau Dorothea von 
Grapendorf (verheirathet 1675, gest. 29. August 1705) mit den ziemlich nüchternen 
ovalen Roliefbrustbildern beider, der Mann in Kürass und Alongeperrücke, oben 
darüber ihre Wappen; die Inschrifttafel darunter ist fast ganz zerstört. 

Die Schlossgebäude erheben sich auf den Fundamenten und sind zum 
Teil nur Aus- und Umbau eines Teils der alten Klosterbauten, die ohne Zweifel 
in ihrer ursprünglichen Anlage sämtlich nur zweigeschossig waren, um den 
an der Nordseite der Kirche gelegenen Kreuzgang gruppiert (Die nach den 
vorhandenen Resten und Abbruchsspuren zu vermutende Lage des letzteren ist 
auf dem Grundrisse punktiert) Gegenwärtig umgeben sie einen von S nach N 
etwa 80 m langen, von 0. nach W. 80 bezw. 45 m breiten Hof. Derselbe ist 
infolge der Trennung der beiden Linien der Familie in seiner ganzen Länge 
von einer Mauer durchschnitten, an welche beiderseits mehrere niedrige unan- 
sehnliche Schuppen und Wirtschaftsgebäude von Fachwerk angebaut sind, so dass 
nicht nur der frühere imposante Eindruck dieses Hofes aufgehoben ist, sondern 
auch keine Möglichkeit vorhanden, von irgend einer Stelle aus auch nur die 
Gebäude einer der vier Seiten desselben in ihrer Gesamtheit zu überschauen. 

Die sämtlichen Bauveränderungen der Renaissancezeit sind in Putzbau unter 
Verwendung der durch Abbruch der ruinösen Teile der Kirche und Kloster- 
baulichkeiten, von welchen ausser dem südlichen namentlich der nördliche Kreuzgang- 
flügel mit allen unmittelbar damit verbunden gewesenen Baulichkeiten gänzlich 
verschwunden ist, gewonnenen Bruchsteinmaterials unter reichlicher Beimischung 
von Backstein ausgeführt, sämtliche ornamentale Dekorationen und einzelne 
ganze Fa^adenteile in Sandstein von vollendetster Technik. Es sind haupt- 
sächlich vier Bauteile zu unterscheiden. Wir beginnen mit dem Westflügel, dem 
sogenannten 

1. Neuhaus, 1 (Grundriss B) dessen Namen nicht sowohl so zu erklären 
sein wird, dass der Renaissance-Neubau des Althauses bereits früher vollendet 



* Gerioge Ansicht vod N.W. bei von Münchhaufien a.a.O. 



Leitzkaa. 145 



gewesen wäre, als vielmehr so, dass während der Ostflügel zunächst trotz aller 
Verändeningen doch wesentlich in seiner alten klösterlichen Einrichtung und 
zweigeschossigen Anlage belassen wurde, der Oberst Hilmar hier sofort unter 
Niederreissung der alten nur zu Wirtschaftszwecken bestimmten Klosterbaulich- 
keiten ein neues Wohnhaus von dreigeschossiger Anlage in völligem Neubau 
nach einheitlichem Plane aufführen Hess, welches denn auch bis auf wenige Zu- 
thaten im Äusseren und viele Verwüstungen im Inneren noch heute erhalten ist. 
Dieser westliche Flügel der Klosterbaulichkeiten enthielt hinter dem Kreuzgange 
die gewaltigen Keller des Klosters und darüber wahrscheinlich, ganz ähnlich wie 
ehedem am Dome zu Brandenburg, die sonstigen Speicher- und Vorratsräume 
desselben, weit vor die Westfront der Kirche vorspringend. Die Keller und ein 
Teil des Kreuzganges vor ihnen sind erhalten und für die Gesamtanlage des 
Neubaues massgebend geworden. Derselbe schliesst sich unmittelbar an die 
Nordwand des ruinösen nördlichen Turmes der Kirche an, dessen Mauern bis 
zum Rundbogenfriese unter dem Dache des Schlosses zu Tage stehen. Mit der 
Ostwand folgt er der Flucht der Ostmauer des Turmes, vor die Westmauer des- 
selben aber springt er mit seiner Westfront weit vor, und zwar enthält an diesem 
vorspringenden Teile seine Südwand in allen Geschossen je ein zweiteiliges und ein 
halb so grosses Fenster nebeneinander und ist so weit nach Süden hinausgerückt, dass 
sie einen Teil der Westmauer des Turmes verdeckt. Über dem Kellergeschoss 
erhebt sich der Bau in drei Geschossen nach allen Seiten in äusserster Schlicht- 
heit der Erscheinung. Die Geschosse sind durch keine Gesimse geteilt, nur das 
oberste ist mit einem auch an den übrigen Schlossbauten wiederkehrenden 
mageren Konsolengesims abgeschlossen. Im Erdgeschoss zeigen sich in der 
Westwand zunächst, der Küche in der Ostfront (s. über dieselbe nachher) ent- 
sprechend, zwei Fensler ebenerdiger Räume mit einem Entresol darüber, sodann 
erhöht über dem Keller ausser anderen Spuren mehrfacher Umbauten sieben jetzt 
vermauerte weite Rundbogenstellungen, welche annehmen lassen, dass es die ehe- 
maligen Fensteröffnungen sind, in denen erst später durch eingefügtes Backstein- 
mauersverk die gegenwärtigen hohen formlosrechteckigen Fenster ausgespart 
sind. In den hier an Stelle des vierten Fensters befindlichen, wegen des hohen 
Kellergeschosses, nur vermittelst einer beträchtlichen Rampe zugänglichen Ein- 
gang (Grundriss 2) ist bei dem jüngsten Erneuerungsbau des Schlosses ein 
Renaissanceportal aus Sandstein eingefügt, das früher an der Südseite des nörd- 
lichen Stallgebäudes angebracht war. Es stammt jedoch eigentlich aus Magde- 
burg von dem zwischen 1681 und 1683 erbauten ehemaligen Hause zum goldenen 
Löwen am Breiten Wege Nr. 55 (jetzt Dankwart und Richters), bei dessen 
Abbruch es der damalige Besitzer von Neuhaus- Lei tzkau erwarb und hierher 
versetzen Hess. Nach Ausweis seiner gesamten Formengebung muss es aber 
wohl als Überrest des an der Stelle jenes Hauses früher gestandenen, 1631 mit 
abgebrannten Kühlweinschen Hauses angesehen werden.^ Es hat die bekannte 
sächsische Rundbogenform mit Muschel-Sitznischen in den Laibungen. Deren 
Inneres ist ganz mit in Flachrelief ausgeführten Blätter- und Rankenverzierungen 
bedeckt, der Rundbogen mit reichem Schmuck von Konsolen, Perl- und Eier- 



' Vergl. Gesch.-Bl. IX (1874) S. 346 ff. mit Abb. Fig. 17. 

Die Krelw Jeriehow. 10 



146 Kreis Jerichow I. 



Stäben u. s. w. In den niedrigeren beiden Obergeschossen sind die in 
flachen Stichbogeiinischen liegenden rechteckigen, sehr einfach profilierten [Abb. 
Müller, Taf.2 Fig. 10] Fenster durch Steinpfosten zweigeteilt, im zweiten Ge- 
schosse iedoch das neunte von Norden her und im dritten Geschosse das fünfte 
und neunte von Norden her dreigeteilt Schmuck erhielt der ganze in fast 
festungsartiger Schlichtheit aufgeführte Bau ursprünglich nur durch die aus dem 
gewaltigen Dache hervortretenden hohen Giebelerker, über der Ost- und West- 
front je drei, über der Nord- und dem vorspringenden Teile der Südfront je 
einen [Abb. bei Müller, Tat 1, Fig. 2 und Taf.3, Fig. 15]. Sie sind von völlig 
gleichmässiger Anlage: über einem rechteckigen Wohngeschosse mit zwei 
Fensterpaaren erhebt sich der Giebel in drei Geschossen, von denen das unterste 
(mit einem Fensterpaare) mit vier dorischen, das mittelste (ebenfalls mit einem 
Fensterpaare) mit zwei jonischen und das oberste (ohne Fenster) mit zwei 
korinthischen Pilastern dekoriert ist; die Winkel der Geschosse ausgefüllt und das 
Ganze gekrönt mit Volutenwerk in primitiven Formen des Beschlagomaments. Mitten 
vor die Nordfront legt sich ein mit wälscher Haube gedeckter runder Treppenturm 
(Grundriss 3) mit schräg ansteigenden Rautenfenstern [deren Profil bei Müller, 
Taf.2 Fig. 11] welcher den Aufgang in die oberen Geschosse vermittelt bis zu 
den Dacherkern hinauf, also der ursprünglichen Anlage angehört Jedoch ist 
dem völlig schmucklosen Cylinder später eine reich geschmückte Eingangsthür 
eingefügt. Über deren Sturz ein von kanellierten und rustizierten jonischen 
Halbsäulen eingeschlossener Aufsatz mit den beiden Wappenschilden des 

STATZ. V. und der ANNA GEBORN 

MONNICh/ V. LATORF 

SEN 

leider ohne Jahreszahl, jedoch kann dieses Portal nicht vor 1593 gesetzt werden, 
in welchem Jahre Statins erst in den Besitz des Neuhauses gekommen ist. 
Im Innern des Turmes winden sich die steinernen Treppenstufen um einen 
mit Sockel und Postament versehenen einfachen Cylinder. Ein Zusatz aus der 
Bauzeit des Statins ist auch der flache Erker (Grundriss 4), welcher an dein 
Nordende der Ostfront vorspringt. Er steigt in der Weise, wie sie in den 
niedersächsischen Wesergegenden, auch in Hannover und Lüneburg viel ver- 
treten ist, unmittelbar vom Erdboden bis in das dritte Geschoss hinauf. Steinerne, 
verhältnismässig dünne, mit Flachomamenten im Beschlagstil von vollendetster 
Technik der Steinmetzarbeit [Probe bei Müller Taf. 1 Fig. 2] verzierte Stützen 
von lisenenartiger Gestalt tragen in den einzelnen Geschossen die oberen hori- 
zontal aufliegenden Teile und schliessen zugleich die Fenster ein, denen 
selbständig ausgebildete gegliederte Umfassungen fehlen. Die obere Krönung 
bildet ein kleiner mit Lisenen und seitlichem Bogenwerk gezierter Giebel , in 
welchem sich das von Münclihausensche Wappen mit der Beischrift 

HILMER V. MVNICHVSEN 
OBERSTE 

1565 

befindet. Dieser Giebel aber gehört ersichtlich nicht ursprünglich zu dem jetzt 
darunter befindlichen Erkor, sondern hat, wenn er sich schon ursprünglich an 



Leitzkaa. 147 



dieser Stelle befand, etwa einen vorgekragten Erker (wie am Althause) bekrönt, 
den Statius dann später durch den gegenwärtigen ersetzt hat. 

Etwa in der Mitte der Ostfront (Grundriss 5) befindet sich über mehreren 
Stufen ein dem Hilmarschen Bau angehöriges Rundbogenportal [Ans. bei 
Müller Taf.2 Fig. 13], welches ebenfalls in der bekannten sächsischen Weise an 
den Seitenteilen mit Kundnischen und Sitzkonsolen ausgestattet ist. Die überaus 
ungeschickte Weise des Übergangs aus den vertikalen Seitenpfosten in den mit 
grobem Benaissance-Blattwerk geschmückten Rundbogen wird durch zwei Engel- 
pntten, welche Wappenschilde halten, denen sich im Scheitel des Rogens ein 
drittes anschliesst, einigermassen verdeckt Reste ehemaliger Bemalung, deren 
Authenticität sehr fraglich war, sind neuerlichst entfernt. Darüber der von 
Redensche Wappenschild mit der eingegrabenen Beischrift 

LVCIA V. REDEN 1. 5. 66 

HILMAR V. MONICHVSEN 

EHLICH HAV8FRAV 

Dabei stand früher noch aufgemalt: Renov. 1774, welches Datum wohl die Zeit 
einer durchgreifenden Umgestaltung bezeichnet, welche die Innenräume des Erd- 
und Mittelgeschosses erfahren hatten, welcher aber allerdings noch eine weiter 
vernüchtemde im Anfange des gegenwärtigen Jahrhunderts gefolgt war. 

Ausser diesem Portal befindet sich noch weiter nördlich unmittelbar vor 
dem Erker ebenerdig eine rechteckige Thür mit Sandsteinumfassung mit ein- 
fachem Bescblagornament Allem Anschein nach hat hier ehemals der nördliche 
Flügel des Kreuzgangs angestossen, denn diese Thür führt durch einen Vorraum 
einerseits über Stufen in die Wohnräume des Erdgeschosses, anderseits aber 
ebenerdig in die Küchenräume des Schlosses, von denen kaum zu bezweifeln ist, 
dass sie bereits die Küche des ehemaligen Klosters gewesen sind. In derselben 
hängt der Fuss eines Ochsen, welcher der Sage nach die zum Bau des Schlosses 
verwendeten Schätze aus der Erde gescharrt haben soll. 

Endlich befindet sich an der Ostfront südlich neben dem erwähnten Rund- 
bogenportal (Grundriss 6) noch eine ganz unscheinbare Thür zu den Kellerräum- 
lichkeiten, sie führt aber zunächst in den interessantesten Rest der alten Kloster- 
baulichkeiten. Man steigt durch sie nämlich über einige Stufen in einen sehr 
verbauten Vorraum zu der eigentlichen Kellertreppe. Die beiden Eckpfeiler mit 
kantonierten Würfelsäulen in den Ecken und der geriefelten attischen Basis als 
Kämpfer, von denen Adler S. 24, als von andern Stellen des Klosters hierher 
versetzt, eine Abbildung gegeben hat, stehen in Wirklichkeit ersichtlich an ihrer 
ursprünglichen Stelle und bilden mit dem hinter ihnen gelegenen Mauerresten 
deutlich ein etwa 3,ö0m ins Geviert haltendes kreuzgewölbtes Joch des alten roma- 
nischen Kreuzgangs, das wegen des Eingangs zur Kellertreppe und wegen der 
darüber angelegten Treppe im Innern bei dem Hilmarschen Neubau erhalten 
worden ist, während der übrige Teil dieses Kreuzgangsflügels verschüttet und 
eine neue Aussen wand aufgeführt wurde, um sicheren Unterbau für die mäch- 
tigen Mauern des Oberbaues zu gewinnen. Dieser Flügel des Kreuzganges war 
also von dem Umbau 1508—1512 unberührt geblieben. 

Aus diesem Räume führt eine vielstufige Treppe in die gewaltigen, unter dem 

10* 



148 Kreis Jericho w L 



ganzen Flügel mit Ausnahme der Eüchenräume sich erstreckenden Eellerräume binab^ 
welche Fenster überhaupt nur nach der Westseite haben, weil ostwärts der Kreuz- 
gang davor lag. Die Treppe führt zunächst in einen schmalen mit Quertonne 
gewölbten Raum, während sämtliche sonstige Kellerräume eine zweischiffige Halle 
mit gratigen Kreuzgewölben auf ganz schlichten viereckigen Pfeilern bilden. Aus 
dem äussersten Joche nach Süden führte eine jetzt verdorbene Treppe mit oben 
vermauertem Ausgange wohl ehemals in einen hier neben der Nordwand des 
Turmes vorbei aus dem Kreuzgange nach Westen führenden Flur, der sich auch 
im Erdgeschosse des Schlosses noch als ein sehr schmales einfenstriges Zimmer 
bemerklich macht, in welchem sich die vermauerte Thür zum Turm mit dem 
Inschriftstein über dem Umbau des Kreuzganges (siehe oben S. 138) befindet 
Unmittelbar neben dem tonnengewölbten Baume ist von dem nördlichen Teile 
des Kellers (in den auch ganz nördlich eine wohl erst später eingebrochene 
Treppe aus der Küche hinabführt) durch eine Quermauer ein Teil abgetrennt, 
der wohl wegen irgend einer Senkung des Oberbaues mit noch zwei neuen 
Pfeilern gestützt und daher mit ganz anders geordneten Kreuzgewölben bedeckt 
ist Hier sind in die Mauer neben der Eingangspforte vom tonnengwölbten 
Räume her zwei Stümpfe von romanischen Sandsteinpfeiiern , dicht aneinander 
gestellt, eingemauert, die mit vier Ecksäulen und zwischen ihnen liegenden Halb- 
kreiskehlen gegliedert und wohl ei-st beim Umbau dieses Raumes hier angebracht 
sind. Ihr ursprünglicher Standort lässt sich nicht erraten. Sind vielleicht 
die Arkaden des alten romanischen Kreuzganges auf solchen Mittelpfeilem 
gekuppelt gewesen? 

Das Erdgeschoss bietet in seinem Innern nichts Bemerkenswertes mehr dar. 
Ein Korridor ist in demselben nicht vorhanden, die Hauptzimraer von grosser 
Tiefe liegen nach der Westseite, während die über dem ehemaligen Kreuzgange 
an der Ostseite gelegenen beträchtlich geringere Tiefe haben. Den Umwandlimgen 
aus dem Anfange des gegenwärtigen Jahrhunderts gehört der durch Blendwände 
hergestellte kreisrunde Vorsaal an, in den man durch das oben erwähnte Magde- 
burger Portal eintritt Eine Zuthat allerneuster Zeit ist ein im zweiten grossen 
Zimmer nördlich von diesem Yorsaal angebrachter, 1896 in Arco erworbener, 
aber aus Westfalen stammender sandsteinerner Kamin, der an den Stirnflächen 
des Mantels in sehr figurenreichen Reliefs ausführlich die Geschichte d^^ ver- 
lorenen Sohnes zur Darstellung bringt Nach dem Stile der Reliefs wird er dem 
ersten Jahrzehnt des XVII. Jahrhunderts angehören. — Das ostwärts an den Vor- 
saal sich anschliessende, mit dem Hofportale von 1566 in Verbindung stehende 
Treppenhaus gehörte, wie das vor der gegenwärtigen Erneuerung noch reichlicher 
vorhandene Beschlagornament an Balken und Decke auswies, der ursprünglichen 
Hilmarschen Anlage an. Dasselbe führt in einen durch das dreiteilige Fenster beider- 
seits markierten Querflur des Mittelgeschosses hinauf, welches im übrigen der Länge 
nach durch einen etwa 2 m breiten, mit dem nördlichen Treppenturme in Ver- 
bindung stehenden Korridor in zwei gleiche Hälften geteilt ist Auch hier ent- 
halten die Räume nichts Bemerkenswertes bis auf einen mit dem Erker der 
Ostseite in Verbindung stehenden Saal, dessen Decke von hohem Reize 
ist Die freiliegenden Querbalken derselben sind mit reichem Beschlag- 
omament überzogen, in den langen Zwischenfeldem zwischen denselben 



wechselt zierlichstes Kartiischenwerk mit herabhängenden Zapfen, in dessen Mitte 
sich durch den ganzen Raum ein Reihe von Rcliefmedaillons mit männlichen und 
weiblichen Brustbildern in der französischen Hoftracht der ^pätzcit Heinrichs lU. 
hinzieht. Proben daraus bieten die Kopfleisten <ler verschiedenen Abteilungen 
dieses Heftes. In dem damit zusammenhängenden Mittelgeschosse des Erkers sind 
die Pfosten zwischen den Fenstern innen als sehr reizvolle schlanke kanclUerte 
Säulen mit phantastischen Blattkapitälen und Beschlagomamcnt und der eigentümlich 
verzierten Rusticierung des unteren Stammendes wie an dem Portale des Treppon- 
turmes gestaltet. Das Uauptstück in der reichen Htuckdekorntion der Decke bildet 
hier eine Darstellung des von allerhand Getier umgebenen Orpheus (siebe Fig. 36). 
Neben dem Erker befindet sich an der Nordwand des Saales ein einfacher Kamin 



mit Beschlagomament und den Wappen des Statius und der Anna von Lattorf, 
sodass über die Zeit der Entstehung dieses Saales kein Zweifel sein kann. Alles 
ist aufs dickste übertüncht, doch sind unter der Tünche die Reste ursprünglicher 
Semalung und Vergoldung des Ganzen, namentlich auch zwischen den Fenstern 
grosse antikisierende Gestalten mit musikalischen Instrumenten aufgedeckt und 
eine "Wiederherstellung dieses Raumes in ursprünglicher Schöne würde ein sehr 
verdienstliches Werk sein. VicUeJclit haben zu der sonstigen Ausstattung dieses 
Saales auch zwei, einem grösseren allegorischen Cyklus angehörige Ölgemälde 
gehört, welche die Lascima mit einem Bocke und die Ingluvia mit einem 
speienden Schweine darstellen, Frauengestalten in V3 I^ebensgi^össe , welche als 
rohe Nachklänge der Michelangelesken Manier jenen musikalischen Figuren un- 
mittelbar verwandt sind. — Das nur vom Treppenturme aus zugängliche Ober- 
geschoss ist jetzt durch Fachwerkwände unrogelmä-ssig geteilt und diente bis vor 
kurzem als Schüttboden. Zu erkennen ist noch, dass die nördliche Hälfte, bis 
zum sechsten Fenster reichend, einen grossen, durch die ganze Breite des Hauses 
gehenden Saal gebildet hat, dessen Decke wohl einst, wie im entsprechenden 



150 Kreis Jericbow I. 

Saale des Althauses, von zwei Reihen von Holzpfeilem getragen worden sein wird. 
Derselbe steht mit dem jetzt als Taubenschlag dienenden Obergeschosse des 
Erkers in Yerbindung und enthielt zwischen diesem und dem Eingang von 
der Wendeltreppe her an der Nord wand die jetzt abgebrochene Ruine 
eines bemalt gewesenen einfachen Kamins mit Bescblagornament, während eine 
zweite völlig zerstörte Feuerungsanlage sich in seiner südlichen Ecke an der West- 
wand befunden hat Die sämtlichen Wände »ind mit 
einer sehr geschmackvollen Grotteskenbemalung in 
vorwiegend blauen Tönen bedeckt gewesen, die wohl 
erst der Zeit des Statius angehört bat, und von der 
einigeinteressanteResteerhalten sind (siehe Fig.37— 31) 
und am Schlüsse dieses ganzen Heftes). Wie die 
übrigen Bäume dieses Stockwerks ursprünglich ge- 
staltet und eingerichtet gewesen sind, lässt der 
gegenwärtige Zustand nicht einmal mehr vermuten ; 
ebenso ist von den Wohnräumen, die in den 
Untergeschossen der Giebelerker des Daches an- 
gelegt gewesen sein müssen , jede Spur ver- 
schwunden. 

Nordlich schliesst sieb unmittelbar an das 
Neuhaus (Grundriss 7) ein nur zweigeschossiges, 
schmaleres, den Treppenturm halb umbauendes, mit 
dem Konsolengesims des Neuhauses abschliessendes 
und an der fensterlosen Nordwand mit einem 
niedrigeren Giebel im Stile derjenigen der Dacb- 
erker des Neuhauses abschliessendes Thorhaus 
an, dessen Wohnräume im Obergeschosse nur von 
dem Trcppeoturme aus zugänglich sind und in 
ihren Fenstern wieder die einfachsten Profile zeigen. 
Die Durchfahrt zeigt nach der Hofseite einen ein- 
fachen mit Besehlagornament belegten Rundbog:en, 
ist aber an der früher zugemauerten, neuerlichst 
wieder geöffneten Westseife zu einem überladen 
dekorierten Prachtportal fAbb. bei Müller Taf.4 
Fig. 19a u. b] umgewandelt. Dessen Bundbogen ist 

. .. . ^'^'?r .. , in schweren Keilstücken, die mit ähnlichem Oma- 

Leitzknu. Svhloss Neuhau». ' 

Grativsk^Dmalereien mcnt Wie am Erker dekoriert sind, gegliedert und 

spannt sich zwischen Scitenpfosten, die aus zwei 
übereinander gestellten Pilastem bestehen. Diese 
werden von vortretenden Quadern durchsetzt, die mit eingegrabenen Bosetten- 
mustom oder reihenweise geordneten kleinen elliptischen Vertiefungen verliert 
sind, in der Weise wie sie an der Weser, besonders in Hameln, Hämelscbenburg 
u. 8. w. vielfach vorkommt. Die zweireihige lateinische Inschrift an dem von diesen 
Pilastem getragenen Gebälk ist bis auf wenige unzusaninienhängende Wort© wie 
proUs, dulees naios a. s. w. gänzlich verwittert Sehr ruiniert ist ebenfalls der auf 
diesem Gebälk stehende volutenschmückte Aufsatz, an dem nebst der Jahreszahl 1595 



Leitzkau. 151 

5 WappenBchilde angebracht sind. Von diesen ist der des Statius iind der der Anna 
von Lattorf durch Unterschrift zweifellos festgestellt, dagegen sind die Unterschriften 
der beiden rechts daneben befindlichen, von denen der eine wieder das von Münch- 
hausensche Wappen trägt, undeutlich, das Bild des äussersten links aber ist weg- 
gemeisselt, was wohl mit Familienzwistigkeiten unter den Nachkommen des 
Statins zusammenhängen wird. Nördlich neben diesem Durcbfahitsbogen befindet 
sich noch eine niedrigere und schmalere, ähnlich dekorierte Rundbo^enpforte 
für die Fussgänger, die auch jetzt noch ver- 
mauert ist, und der auf der Ostseite kein 
Ausgang entspricht, vielmehr legt eine hier 
im Mauerwerke bis nach oben durchgehende 
Fuge die Vermutung nahe, dass dieser 
ganze Teil erst späterer Zusatz zu dem ur- 
sprünglichon Hilmarschen Thorhause ist, die 
Pforte für die Fussgänger aber unübcrbaut 
gewesen ist und unmittelbar in den Hof 
geführt hat, wie denn überhaupt die ganze 
Westfront dieses Thorbaues in mannigfachen 
vennauerten Fenstern die Spuren vielfältiger 
Umbauten aufweist 

2. Das Althaus (Gnindriss C) ist ein 
Umbau des östlichen Flügels der ehemaligen 
Elostcrgehäude, welcher unmittelbar an Fig. 38. 

die Nordfront des ehemaligen Querschiffs 
der Kirche (dessen Giebel im Dachgeschosse 
des Althauses wiederum frei zu Tage liegt) 
stösst, aber nach Westen um die Tiefe des 
Ereuzganges über dieselbe vortritt und hier 
das Querschiff bis an die Flucht des Mittel- 
schiffs ummantelt Es ist jedoch doutlich 
ersichtlich, dass dieser letzte Teil des Ge- 
bäudes erst ein späterer Zusatz ist und das- 
selbe ursprünglich in der Flucht der Nord- 
front des Querschiffs aufhörte (einen Teil 
der oberen Geschosse s. Fig. 40). Von dem 
Umbau ist die Westseite die reicher 
ausgestattete, die eigentliche Schauseito, 

die östliche ist viel einfacher gehalten. An der ersteren liegen im Erdgesciiosse 
die hohen rechteckigen mit einer scheibenbesetzten antikisierenden Haustein-Um- 
rahmung [Abb. Müller Taf. 2 Fig. 4] umkleideten Fenster sehr tief — der 
Erdboden des ehemaligen Kreuzgang-Hofes ist im Laufe der Jahrhunderte 
beträchtlich erhöbt In der Mitte wird die Front durch ein Portal unterbrochen, 
dessen Dekoration derjenigen des Praehtportals am Nenhause von 1595 verwandt, 
aber einfacher ist Seine Thürflügel tragen schöne bronzene, leider mit Ölfarbe 
dick überstrichene Thürklopfcr mit dem von Münchhausenschen Wappenmönche 
[Abb. Ehlert Taf. lüj. Das Mitteigeschoss hat beträchtlich niedrigere rechteckige 



152 



Kreis Jerichow I. 



Doppelfenster, die durch eine jonischc Sänlc geteilt sind, und deren Umfassung 
mit Kehle und Yicrtelstah gcgUcdert ist |Abb. Müller T«f. 2 Kg.öJ. An dem 




40. Leitzkau. Schlnss Althtins. Oberer Teil der M'eslfa^ade. 



letzten Fensttrpaare naeh Süden zu ist diese steinerne Umpalimung nur in Holz 
nachgeahmt: einer der Beweise für die spätere Hinzufügung dieses Bauteils. 
Dies Gesohoss schliesst mit dem am Neuhause bereits bemerkten Konsoleniriese 



Leitzkau. 153 



ab. In dem dritten Geschosse ist an den llauerfugen deutlich zu erkennen^ dass 
hier ursprünglich gleich das Dach mit drei vortretenden Giebelerkorn wie über 
dein dritten Geschosse des Neuhauses begonnen hat, später aber durch Ausfüllung 
der Wände zwischen den Untergeschossen der Erker ein durchgehendes neues 
Geschoss hergestellt und über diesem dann das Dach mit den Giebelerkem neu 
errichtet ist. Die Fenster diesc^s Geschosses sind wiederum, wie auch die in den 
Untergeschossen der Erker darüber, Doppelfenster, durch einen Steinpfosten 
geteilt und in ihrer Steinumrahmung mit Scheiben wie an den unteren 
Geschossen belegt [Abb. Müller Taf. 2 Fig. 6|. Die Erker und ihre Giebel 
stimmen in der Gesamtdisposition, wie in vielen Einzelformen mit denen am 
Neuliause überein [Abb. Müller Taf. 3 Fig. 14; Ehlert, Blatt 6], nur ist ihr 
Aufbau im Ganzen nicht so steil, die Giebel haben auch im unteren Geschosse 
nur zwei Pilaster,*die Eckvoluten zeigen fortgeschrittenere Formen des Beschlag- 
omaments, die Ecken sind mit Obelisken besetzt, und die oberste Bekrönung 
nicht in Voluten sondern durch muschelartige Giebel hergestellt Der spätere 
Zusatz des die Westmauer des nördlichen Querschiffsflügels verdeckenden Teils 
macht sich hier dadurch bemerklich, dass dessen Giebelerker unmittelbar an den 
südlichsten der drei ursprünglichen herangerückt ist. Zwischen den Erkern 
treten phantastische in Drachenköpfe auslaufende Wasserspeier von Kupferblech 
[Abb. Ehlert Bl. 10] weit hervor. 

An der viel schlichteren Ostseite sind die Fenster des Erdgeschosses ähnlich 
wie an der Westseite behandelt, aber ohne den Scheibenbelag der Umrahmung. 
Sie sind mit einfachen Rautengittem aus Schmiedeeisen vergittert, und in etwa 
1^2 m Entfernung zieht sich vor der ganzen Front entlang ein schmiedeeisernes 
oben in Flachbögen schliessendes Gitter von etwa 1 m Höhe hin, das jetzt seiner 
Verzierungen meistens beraubt ist. Die hier vorhandene Thür ist erst aus einer 
späteren Umarbeitung eines der Fenster entstanden. Das Mittelgeschoss hat 
gekuppelte Fenster, deren Einfassung aus Rundstab und Karnies gebildet ist 
[Abb. Müller Taf. 2 Fig. 8a u. b; die letztere Form kommt übrigens an den 
Fenstern des Renaissanceflügels von Alt-Königsborn — s. oben S. 125 — und an 
dem Hause in Magdeburg Breiteweg Nr. 203 — vrgl. Gesch. Bl.Vni (1873) S.283 
und Fig. Ib. — ganz ebenso vor]; an demselben fehlt auf dieser Seite das 
abschliessende Konsolengesims. Am obersten Geschosse [erkennbar bei Ehlert 
auf Bl. 1] ist hier eine spätere Veränderung nicht zu erkennen-- vielleicht haben 
hier ursprünglich die Giebelerker dem Dache gefehlt; die Fensterprofile sind 
hier in gleichmässig durchgehender Weise viel einfacher, denen am Neuhause 
entsprechend [Abb. Müller Taf. 2 Fig. 9a und b]. Ausgezeichnet ist dasselbe 
aber durch einen auf Kragsteinen vorgebauten Erker, dessen Formen denen des 
grossen an der Ostseite des Neuhauses, einfacher gehalten, entsprechen, in dessen 
Giebel aber das von zwei völlig nackten weiblichen Figuren in Hochrelief 
gehaltene von Münchhausensche Wappen eingelassen ist, von dessen Beischrift 
nur noch OBERSTER 1566 zu erkennen ist — jedoch hat ersichtlich dies Wappen 
ursprünglich irgendwo anders gesessen und ist erst später in seinen gegenwärtigen 
Platz hineingezwängt worden. Die Dacherker dieser Seite entsprechen denen 
der Westseite, sind aber einfacher gehalten und bis auf wenige Ornamentteile 
ganz in Backstein ausgeführt. An der nördlichen Ecke dieser Seite erhebt sich 



154 Kreis Jerichow I. 

ein kleines viereckiges Türmchen (Orundriss 8), das mit der dahinter liegenden 
Galerie, von der gleich nachher, nicht in Mauerverband steht, wohl aber mit 
dem grossen Durchfahrtsbogen, der zu dem nördlich vom Althause gelegenen 
sogenannten Hobeckschlosse hinübergeschlagen ist, und über den hinweg sicherlich 
schon in der Klosterzeit der Yerbindungsgang aus letzterem Gebäude nach der 
Klausur geführt hat. 

Auf der nordwesthchen Ecke entspricht diesem Türmchen ein in den Hof 
vorspringender achteckiger Treppenturm [Grundriss 9. Abb. Müller Tat 1 
Fig. 1; Ehlert BL 2], der an den Ecken in Quader-, sonst in Putzbaa aus- 
geführt, in der Höhe des Konsolengesimses der Westseite des Schlosses von 
einem ganz anders profilierten Gesims umgürtet, zur Höhe sämtlicher Geschosse 
einschliesslich des Dachgeschosses emporsteigt, mit schrägen, den Windungen 
der Wendelstiego folgenden Rautenfenstern durchbrochen *und über einem 
Schweifdach mit einer Zwiebelkuppel bekrönt ist. Er scheint an Stelle eines 
älteren Treppenhauses, welches die Kommunikation mit dem Obergeschosse der 
Klausur vermittelt haben muss, zu stehen, die Zeit seines Baues ist jedoch durch 
die in dem Aufsatze seines Fortales stehende Jahreszahl 1581 bestimmt bezeugt. 
Dies Portal [Abb. Müller Taf. 5Fig. 21; Ehlert B1.5] zeigt eine seltsame 
barocke Mischung von plump- abgeschmackten und überaus elegant -geschmack- 
vollen Dekorationselementen. Seine Seitenpfosten und der gedrückte, wunderlich 
geschweifte Rundbogen werden von ungeschlachten, grabscheitartigen Bossagen 
durchschnitten, das Tympanon zwischen dem Bogen und dem geraden Thürsturz 
ist durch eine grosse Muschel ausgefüllt. Vor den Seitenpfosteri stehen auf 
schlichten Postamenten jonische Halbsäulen, deren Stämme dreimal von zier- 
lichem beschlagartigen Ornament umzogen sind, als wären sie mittels desselben 
an der Hinterwand befestigt. Über dem von diesen Säulen getragenen Gebälk 
erhebt sich ein niedrigerer Aufsatz von gleicher Breite. In demselben tragen 
wieder vor einem plump ornamentierten Hintergrunde zwei sehr elegante 
korinthische Säulen, deren Schafte unten mit Beschlagomament umgeben sind, 
ein fein gegliedertes und ornamentiertes Gesims. Innerhalb der Fläche der von 
Münchhausensche und von Lattorfschc Wappenschild hier mit den Unterschriften: 

STATZ VAN I ANNA GEBARN 
MONNICH/SEN | VAN LATORF 

Die Wendelstiege windet sich um einen mit verzierten Quadern besetzten 
Cylinder, welcher mittelst eines mehrfach gegliederten, zu unterst als ungeschlachter 
Eierstab gestalteten Wulstes auf einem viereckigen mit schwerfälligen Quadern geglie- 
derten Postamente ruht [Abb. Müller Taf. 5 Fig. 20: Ehlert B1.5J. Das profilierte 
Sandstoingeländer der Treppe windet sich innerhalb der Turmwand in die Höhe. 

Mit dem Turm in Verbindung steht das Glanzstück des ganzen Baues, die 
vor die ganze Nordfront des Althauses und im rechten Winkel umbiegend auch 
vor die Verbindung mit dem Hobeckschlosse gelegte viergeschossige Loggien- 
anlage (Grundriss 10. Ansicht s. Fig. 41), die hoch vollendete, leider in ihrem 
Detail stark verwitterte Schöpfung eines genialen Meisters, von den Palasthöfen 
des sonnigen Italiens inspiriert, freilich auch, weil hier in das nördliche Elinia 
und an die sonnenlose Nordseite des Baues versetzt, an den venetianischen 



156 Kreis Jertchow I. 

Seufzer Dürers erinnernd: „"Wie wird mich nach der Sonne frieren." [Abb. 
Müller Taf.3 Fig. 16u. ]7; Ehlert BI.2— 4.] Der längere Flügel am Älthanse 
enthält vier Arkaden, die sich im Westen an den Turm stützen, der kürzere über 
der Thorfront deren zwei. Die aus verputzten Backsteinen, zwischen welche 
etwas vortretende Sandsteinquadem eingeschoben sind, bestehenden Bogen des 
nnterüten Geschosses ruhen auf alten romanischen Säulen von 1,85 m Lange der 
Schafte mit verschieden verzierten Kapitalen [Abb. Adler H. 24, Müller Taf.4 
Fig. 18 — das letztere, durch Einmischung von naturalistisch gearbeiteten Steck- 
rüben interessanteste genauer hier in Fig. 42.'] Die beiden später durch Glasfenster in 
Holzrahmen geschlossenen Bogengeschosse darüber haben zwigCben den Bögen im 
zweiten Geschosse ionische Pilaster, 
im dritten korintliische Halb-Säulon, 
deren Schafte am Unterteil mit dem- 
selben Beschlagornament umzogen 
sind wie die an dem Kirchenportal 
von 1584; die geschlossenen Brüs- 
tungen beider Geschosse sind mit 
Bosch lagomament bedeckt, aus 
welchen) im zweiten Gescliosse in 
der Mitte jeder Arkade abwechselnd 
Rosen und Löwenköpfe in hohem 
Belief hervortreten. Im dritten Ge- 
schosse des schmaleren Armes bildet 
den Stamm der Trennungssäule ein 
geschliffener Porphyrschaft, der 
Überlieferung nach aus der alten 
Klosterkirche stammend, wohl als 
Geschenk irgend eines aus Italien 
oder dem Orient heimgekehrten 
Vornehmen ; wie die ähnlichen 

Schafte im Dome zu Magdeburg und in der Burgkapelle zu Ijindsberg. An 
seiner Erhaltung haftet der Sage nach der Bestand des Geschlechtes von Miinch- 
hausen. Alle drei Geschosse sind mit gratigen Kreuzgewölben bedeckt, deren 
Druck durch wohl schon gleich ursprünglich eingezogene Eisenanker begegnet 
ist. Das dritte Geschoss führt in der Ortsüberlieferung den Namen der ^össer- 
gang" und hat noch das alte aus ährenförmig gelegten länglichen Backstein- und 
Schieferstücken zusammengesetzte Mosaikpflaster, freilich in etwas verdorbenem ' 
Zustande. Das oberste, dem Dachgeschoss dos Schlosses entsprechende Geschoss 
ist ganz offen. Über einer durchbrochenen Ballustergallerie tragen zieriiche. 
am Fasse ebenfalls mit Beschlagoiiiament umgebene korinthische Bundsäulen ein 

' AuB eioer ebcmaligeti Krypta rühren diese Säulen ihrem achlanken Baue n&ch gewiss 
nicht her, eher wohl aus dem ehemaligen KnpiteUaiile, Die Eiiiführnng der gauz natura- 
ÜHtischen Formen der liOben und auch der Akantliuablatter in die sonst starre romanische 
Linienführung ist höchst HuIHllig. Es ist aber keinerlei Anzeichen vorhanden, daa vermuteD 
lics»e, dass sie etwa einer Überarbeitung der Itennit^sancezcit angeliörten. 



Leitzkau. 157 



gerades Gebälk von Holz imd die offene Holzdecke dieses Geschosses, über dem 
sich dann noch ein steinerner Erkergiebel des Schlossdaches erhebt. Inschriften 
oder Wappen befinden sich an diesem Olanzstücke des ganzen Baues merk- 
würdigerweise nicht, jedoch ist es ohne Zweifel mit den Portalen des Treppen- 
turmes von 1581 und der Kirche von 1584 gleichzeitig anzusetzen. 

Tritt man durch das oben S. 151 beschriebene Hofportal in das Innere des 
Schlosses, so gelangt man zuerst in einen durch die ganze Länge der Front sich 
erstreckenden, jetzt durch Querwände in verschiedene Wirtschaftsräume geteilten, 
etwas über 3 m breiten Korridor, der mit den scharfgratigen hochbusigen Stern- 
gewölben (Zellengewölben) der ausgehenden Gotik bedeckt, sich als der Ostflügel 
des alten Kreuzganges ausweist und vollkommen der inschriftlich bezeugten 
Umbauzeit von 1508 bis 1512 entspricht, freilich sind die Arkaden nach dem 
Kreuzhofe gänzlich umgewandelt. Ebenso die sämtlichen an denselben an- 
geschlossenen üblichen Räume der ehemaligen Klosteranlage, als Kapitelsaal u. s. w., 
jetzt Wirtschafts- und Wohnräume, letztere meist mit Barockplafonds, die den 
Herstellungen nach den Verwüstungen des dreissigjährigen Krieges angehören. 
Aas dem Erdgeschosse führt in der Mitte eine breite Holztreppe mit schweren 
BaUuster -Wangen der Barockzeit in das Mittelgeschoss hinauf, in dessen nörd- 
licher Hälfte ein breiter flachgedeckter Korridor westlich über dem Kreuzgange 
längs der nach Osten zu gelegenen Wohnzimmer von ausserordentlicher Tiefe 
hinläuft, während die südliche Hälfte in zwei Reihen von gleich tiefen Wohn- 
räumen geteilt ist. In der baulichen Ausstattung der Zimmer an den Decken 
und Kaminen zeigt sich ein zeitlicher Fortschritt von S nach N. In den süd- 
lichen sind die freiliegenden Deckenbalken mit, übrigens überall auch hier dick 
getünchtem, Beschlagornament überzogen, weiter nach Norden finden sich reiche 
Barock -Plafonds, die zuletzt in das Rokoko übergehen, jedoch nichts besonders 
Hervorragendes darbieten, ebenso wxnig wie die stattlich ausgehobelten Thüren 
mit ihren zierlich dekorierten Messingschlössem. Bemerkenswert ist das eine 
der an den Korridor stossenden Zimmer, dessen Wände gänzlich mit wohl- 
erhaltenen Gobelins bezogen sind, welche die Geschichte des Weinbaues dar- 
stellen; auch das nördlichste ist mit Gobelins, welche Jagd- und Landbauscenen 
darstellen, aber von geringerer Qualität ausgestattet. Sonstige dem Kunstgewerbe 
angehörige Ausstattungsgegenstände dieser Räume sind in dem Aufsatze in der 
Pallas (s. oben S. 129 Anm. 1) beschrieben; der dort erwähnte überaus elegante 
Rokokoofen ist jedoch nicht mehr vorhanden. Nach Mitteilung des Besitzers 
sollte er in das Kunstgewerbe -Museum zu Magdeburg gelangt sein, doch ist er 
dort nicht aufzufinden. 

Unter den zahlreichen Familienportraits von sehr verscliiedener 
Qualität, welche diese Räume füllen, ragt hervor das Kniestück der Christiane 
Lucie von der Schulenburg (f 1787), zweiten Frau und Witwe des berühmten 
Hannoverschen Ministers Gerlach Adolf von Münchhausen (f 26. November 1770), 
welche mit der linken Hand auf das von der rechten im Schoosse gehaltene 
(rahmenlose) Brustbild ihres Gemahls zeigt. Letzteres weicht aber von dem ähn- 
lichen, in Taschenberg befindlichen, welches von Münchhausen a. a. 0. S. 90 
beschreibt und danach das Bildnis des Gerlach Adolf in Lithographie seinem 
Werke vorgesetzt hat, gänzlich ab. Ebenso das hier daneben hängende Knie- 



158 Kreis Jerichow I. 



stück, welches nach der Ortsüberlieferung denselben Gerlach Adolf in dunkel- 
rosenrotem Atlaskleide mit reichster Silberetickerei darstellt, jedenfalls aber in 
sehr viel jüngeren Jahren als auf dem Portrait im Schoosse der Witwe, 

Erwähnenswert ist auch das Doppelbildnis des Philipp Adolf von Münch- 
hausen (f 1657) und seiner ersten Gemahlin Lucie Fredeke von Kerssenbrogk 
(t 1640), Kniestücke von allerdings nur bescheidener malerischer Qualität, aber 
auf dem weissen Rahmen umgeben von den beiderseitigen Stammbäumen. Auf 
diese Frau bezieht sich ein in demselben Zimmer hängendes, ursprünglich als 
Mittelstück eines steinernenen Epitaphs gedachtes Gemälde auf einer etwa vier 
Fuss ins Geviert grossen Kupferplatte, von welchem sich bei von Münch- 
h au seh u. a. 0. S. 152 f. eine etwas possenhafte Beschreibimg und eine 
skizzenhafte und nicht vollständige Lithographie findet. Es ist aber ein so 
charakteristisches Beispiel jener in symbolisch -emblematisch- allegorischer Über- 
ladung schwelgenden, durch Fülle mehr oder weniger „sinnreicher" Beischriften 
sich noch mehr aufdrängenden Lehrhaftigkeit, welche in den litterariscben und 
poetischen „Gesellschaften" und „Orden" der Zeit gepflegt, sich auch der bilden- 
den Kunst des Zeitalters bemächtigt hat, dass eine genauere Beschreibung hier 
wohl am Orte ist Im Vordergrunde erscheint zur Rechten der Wappen des 
Ehepaars mit dem Chronogramm OrVX lesV gaVDlVM VBae et pcUlenilae 
der trauernde Gatte mit den lebenden und verstorbenen Kindern um den Sarg 
der Verstorbenen geschaart, zu dem ein Engel tröstend herabgeflogen kommt. 
Zur Linken steht ein kahler Baum, am Stamme bezeichnet als arbar cctducUaüs; 
auf den dürren Zweigen lauter Bezeichnungen der Nichtigkeit des irdischen 
Lebens als ein Laub, ein Spinnwä), ein Leben kein Leben u. s. w.; oben in der 
Krone der Spruchzettel: 

Ach Herr lehr uns bedenken diss 
wie eiiel vnser Leben ist 
Äuff dass wir trachten in der Zeitt 
eu lAen dort in Ewigkeit, 

Darüber ist dann in der ganzen Breite des Bildes die Himmelfahrt der Ver- 
storbenen dargestellt. „Fahrt*' im eigentlichsten Sinne des Wortes. Während 
nämlich ganz rechts der in Form eines Greifen ohne Vorderfüsse dargestellte 
Fürst der Welt von einem Engel verjagt wird, fährt die Verstorbene auf einem 
von einen Fuchs und einem Schimmel gezogenen, von einem Engel gelenkten 
und von anderen Engeln mit Fahnen begleiteten Wagen, an dessen Rädern steht: 
Vom Tode zum Leben, Vom Begräbnis zur Hochzeit, auf der via vitae, auf der ihr 
allegorische Tugendfiguren vorangehen, zu der janua gratiae, einer Rosenpforte, 
hinter welcher Gott Vater in einer Bischofsmütze, umgeben von der Engelglorie 
und Wolken, aus denen zahlreiche Strahlen mit Inschriften über die himmlische 
Herrlichkeit herausschiessen, der Ankommenden wartet. Die Inschriften der 
Fahnen der Begleiter des Wagens spielen zweimal als Akrostich mit dem durch 
rote Schrift hervorgehobenen Monogramm der Verstorbenen: 

Laufft Loh fei bm 6ev mi(^ gehSitt 

^<^rt Frieb \>uv^ 6en ba xai^ i>cf\!S\fnt 



Vnd eilet Von ittii^ «itriteit 

Keinen Augenblidc vertveild Kom i(^ JUV ^KUb in iCvigteit. 

Oben rechts ist die Himmelsleiter des Jakobstraunis als typus mortis Christianae 
umgedeutet: unten vor derselben stellt eine Sandubr als Bezeicbniing; der Todes- 
stunde, dann auf den Sprossen: Schlaffen, Auffersien, Erlösung, Hinffakrt, Auf- 
stieg H.s. w. Das Ganze ist gewiss eigenste Erfindung des Witwers. Derselbe 
hatte nach Treuer a.a.O. S. 152 in der Jugend Neigung gehabt, sich ganz der 
Theologie zu widmen. Leitzkau, das durch Pest, Feuer und Krieg sehr ruiniert 



FiK. 43. 
I.citihaii. Schlosa Allhaus. Decke des groisen Saale«. 

war, hatte er 1G4.5 wieder in Stand gekracht, als es durch die Magdeburgische 
Besatzung wieder rein ausgeplündert wurde. Er hat daher Öfters seinen Ekel 
vor der Welt bezeugt und seine alte Neigung zur Theologie beständig gepflegt, 
ihr auch durch ein Buch unter dem Titel „Geistliche Kindermilch oder Hnus- 
Apoikeke" Ausdruck gegeben, welches noch 1710 zu Frankfurt wieder aufgelegt 
worden ist 

Der Aufgang in das dritte Oeschoss ist nur durch den Treppenturm möglich. 
Hier tritt man zunächst in einen an der Westseite gelegenen Korridor, neben 
dem östlich der Bibliotheksaal liegt, und dann in den durch die ganze Breite 
des Gebfiudes gehenden, äusserst verfallenen Rittersaal, der mit dem nach 
Osten ausspringenden Erker in Verbindung steht. Seine flache Decke (siehe 
Fig. 43) wird von zwei Längsbalken getragen, die wiederum auf zwei Reihen von 



160 Kreis Jerichow I. 



je drei achteckigen Holzsäulen ruhen. Die beiden lüngsbalken sind auf beiden 
Seiten, wie auch die sämtlichen Wände mit flüchtig .hingestrichenen Malereien 
von Ijandschaften und ländlichen Scenen in hellen Wasserfarben im Eokokostil 
bedeckt, meist dem Untergange verfallen. An der Nordwand neben der Ein- 
gangsthür steht aber ein mächtiger, ehemals bemalt gewesener Renaissance- 
Kamin [Abb. Ehlert, Bl. 7 und Details auf Bl. 10], der sich durch seinen Auf- 
bau und seine Ornamentierung, wenn auch undatiert, sofort als Zeitgenosse des 
Loggienbaues und des Turmportals ausweist, mit dem letzteren auch durch die 
Orthogi-aphic der am Fries neben den betreffenden Wappen Schilden folgender- 
massen stehenden Stifternamen « . . . _> 



STATZ MONNIC 
VAN ° HVSEN 



ANNA VAN 

GEBARN ° LATVRF 



Die im giebelgekrönten Aufsatze stehende Figur der Justitia gehört nicht 
ursprünglich dazu, sondern vielleicht der durch aufgemalte Inschrift am Kamin 
Exomatum d decoratum 1776 bezeugten Herstellung des ganzen Rittersaales. 
Der Rokokozeit gehört ebenfalls die Ausmalung des südlich vom Rittersaale 
gelegenen Zimmers an : Ölmalereien auf gi*üner Leinewand , welche teils 
gewundene , mit Blumen-Guirlanden umwundene Säulen-Architekturen , teils 
dazwischen eine Reihe von auf Preisgebung des nackten weiblichen Körpers 
berechneten lebensgrossen Darstellungen aus der antiken Mythe in ziemlich 
dunklem oder nachgedunkeltem Kolorit enthalten. 

Der nördlich vom Rittersaale gelegene Bibliotheksaal hat an seiner 
Südwand ebenfalls einen mächtigen, noch jetzt bemalten Säulenkamin, der dieselben 
Wappen mit den Initialen S. V. M. und A. V. L. und die Jahreszahl 1691 trägt, 
jedoch sowohl in der Architektur als in dem Figurenwerk (halbnackte und 
bekleidete weibliche Figuren am Gebälk und an den Säulenfüssen) viel 
ungeschickter und handw^crksmässiger ist als sein Nachbar im Rittersaal. Die 
Decke wird durch einen nordsüdlichen Haupttragebalken, der von einer vier- 
eckigen, in ihrer Ornamentierung später beträchtlich veränderten Mittelsäule 
getragen wird, in zwei längliche Hälften geteilt, die völlig symmetrisch eine reiche 
Cassettengliederung erhalten haben, sodass im Ganzen 16 quadratische, 20 rauten- 
förmige und 6 sternförmige Felder entstehen. Ihre Bemalung ist ziemlich 
unbeschädigt erhalten ; das ganze Rahmenwerk ist in Schwarz, Weiss und Gold — 
den von Münchhausenschen Wappenfarben gehalten, die quadratischen Felder 
sind mit biblischen Scenen in Landschaften, davon 12 mit den Monatsnamen 
bezeichnet, ausgefüllt, die übrigen mit Flachomament von Blumengehängen, 
Putten und Engelsköpfen bemalt, und aus der Mitte dieser Felder hängen ver- 
goldete Zapfen herab. 

Die Bibliothek, deren Bestand durch Familienstatut gesichert ist, aber nicht 
vermehrt wird, enthält beträchtliche Schätze namentlich aus dem XVII. Jalir- 
hundert, z. B. fast sämtliche Meriansche Sachen. Unwillkürlich sucht man in 
ihr nach Resten der alten Klosterbibliothek. Solche sind aber schlechterdings 
nicht vorhanden. Nur ein Exemplar der Schedeischen Weltchronik von 1493 
in braunem Lederbande aus dem Anfange des XVI. Jahrhunderts hat über dem 
Register den handschriftlichen Eintrag Oeorgius frater me possidet^ bei welchem 



Leitzkan. l6i 

Namen man gern an den Propst Georg Mascow denken möchte. Dagegen ist 
eine Anzahl mittelalterlicher Handschriften des Klosters in die Bibliothek zu 
Wolfenbtittel gelangt — über welche C. P. C. Schönemann [zur Kunde alter 
norddeutscher Klosterbibliotheken, insbesondere des Klosters Leitzkau im XII. 
und XlII. Jahrhundert, im Serapeum 1845 S. 17 — 24] Nachricht gegeben hat. 
Es sind dies 1. ein Kommentar des Uieronymus zu den Psalmen. Pergament 
236 Bl. in 4*^ X. Jahrh. 2. Des Annaeus Seneca, des Vaters des Philosophen. 
10 Bücher exclamatianum / nchügeT dedamcUianum, Pergament 39 Bl. in 4^ 
XII. Jahrh. 3. Des Orosius histariae. Pergament 131 Bl. in 4^ XII. Jahrh. 
4. Evangdium des Johannes mit der Glossa. Pergament 91 Bl. Klein Folio 
Xn. Jahrh. 5. Evangelium A^^ Marcus mit der Gfossa. Pergament 92 Bl. gross 8"^® 
XII. Jahrh. 6. Kommentar des Jsidorus zum Pentateuch, Pergament 92 Bl. Klein 
Folio xn. Jahrh. 7. Des Origenes Kommentar über den Leviticus. Pergament 
88 Bl. Folio, Anfang des XII. Jahrh.* Von diesen Handschriften, welche sämtlich 
durch Einträge der bekannten Art als Eigentum des Klosters Leitzkau bezeichnet 
sind, ist Nr. 4 interessant, weil sie auf der Bückseite des letzten Blattes die 
handschriftliche Notiz enthält Munichhausii mihi dono dederunt; Nr. 2 weil sie 
auf der inneren Seite des Vorderdeckels eine alte leider meistens ausgekratzte 
Bibliotheksregistratur enthält, aus deren Fragmenten erhellt, dass die Kloster- 
'bibliothek ausser dem Seneca einen nicht unbeträchtlichen Schatz klassischer 
litteratur, Horaz, Virgil, Lucanus, Statins, Boethius, Macrobius u. s. w., ja sogar 
einen damals nach Gottesgnaden verliehenen Homer besass, bei welchem letzteren 
aber nach Schönemann wohl nur an den sogenannten Pindarus Thebanus, den 
unter Nero gemachten Auszug aus der Hias in lateinischen Hexametern zu 
denken ist Endlich der Orosius Nr. 3 zeichnet sich durch eine Reihe zum Teil 
flüchtig hingeworfener Federzeichnungen ans, mit denen einige seiner Schreiber 
ihn geschmückt haben. Da dieselben der einzige noch nachweisbare Rest von 
dieser Art von Kunstübung in dem hier zu behandelnden geographischen Gebiete 
sind, so werden zwei Proben derselben in Lichtdruck hier veröffentlicht. 
Die erste (Fig. 44) stammt von der Innenseite des Vorderdeckels und zeigt auf 
Straussen reitende Fechter, Kamele, die von Drachen gebissen werden, Affen in 
allerhand Stellungen u. s. w., den Beweis liefernd, wie durch die Kreuzzüge 
Kenntnis und Anschauung orientalischer Lebewesen auch bis in abgelegene nörd- 
liche Klöster gedrungen w^r. Die andere, wohl von einer anderen Hand (siehe 
Fig. 45), füllt die Schlussseite des letzten Blattes und stellt entsprechend den 
Schlussworten des Textes den h. Augustinus dar, welcher auf einem allerdings 
leeren Schriftbande dem inmitten einer architektonischen Umgebung schreibenden 
Orosius den Auftrag zur Schreibung seines Buches erteilt. Wie aus der Ver- 
schiedenheit der Zeichnung und mehreren im Original deutlich sichtbaren 
Pentimenti erhellt, ist der links in richterlicher Überschlagung der Beine mit 
Schild, Schwert und Scepter auf einem Stuhle sitzende Laie eine spätere Hinzu- 
fügnng, die wohl die letzten Worte des darüber stehenden Textes ver- 



' Die von Scbönemann ebenfalls hierbergezogene Handschrift der Briefe des Hieronymus 
von 247 Blatt fol. stammt nicht aus Leitzkau , sondern aus Locus dei = dem Cistercienser- 
kloeter Lygum bei Tendern. 

nieKrebeJerlehow. 11 



162 



Kreis Jerichow I. 



anschaulichen soll : De qualitaie autem opusculorum tu videris qui precepidi . tän 
adltidicanda si edas.per te jttdicata si ddeas — der Richter, welcher mit seiner 




FiK.44. Wolfenbüttel. Herzogl. Bibliothek. 
Federzeichnung aus einer Leitzkauer Handschrift. 

Geste die Urheberschaft des ja nun wirklich herausgegebenen Buches dem 
Gedanken des Orosius entsprechend dem Augustinus zuspricht* 

^ Einen abweichenden ErklärungsverBiich hat Herr Prof. Dr. O. von Heineniannin 
Wolfenbüttel mir brieflich mitzuteilen die Güte gehabt, wonach in dem SchreibendeD nicht 



Leitzkau. 



163 



Zwei weitere, ebenfalls durch Inschriften der bekannten Art als ursprüng- 
liches Eigentum des Klosters Letizkau bezeichnete Handschriften haben sich in 




Fig. 45. Wolfenbüttel. Herzogl. Bibliothek. 
Federzeichnung aus einer Leitzkaucr Handschrift. 



Orofiius selbst, sondern der Abschreiber des Buches und in den beiden Personen oben der 
Bischof und der Markgraf von Brandenburg, also der geistliche und weltliche Schutzherr des 
JOosters Leitzkau, zu erkennen wären. Schöne mann wollte in der Richterfigur den Kaiser 
HoDorius sehen. 

n* 



164 Kreis Jerichow I. 



der Herzoglichen Bibliothek zu Dessau ermitteln lassen : 1. ein von verschiedenen 
Händen des XH. Jahrhunderts geschriebener Codex von 108 Pergamentblättem 
in klein 4^ mit den Werken des Hildebertus Cenamanensis und 2. ein Sammel- 
band in klein folio, der in der ersten zweispaltig geschriebenen Hälfte von 31 Bl. 
Auszüge aus den Ganones und DecretaUs de episcqpis, in der zweiten sehr sorg- 
fältig quer durchgeschriebenen Hälfte von 33 Bl. die von Euagrius verfertigte 
lateinische Übersetzung der vita Antonii monachi von Aihanasius enthält. Unten 
auf dem Schlussblatto der ersten Hälfte ist von späterer Hand in sehr blasser Tinte 
eingetragen Petras dei gra Lyiehe ecce pptus, welcher Propst 1352 und 1356 
urkundlich vorkommt. Beide Handschriften enthalten ebenfalls mancherlei Ein- 
träge, die von klassischen Studien im Kloster Leitzkau Zeugnis ablegen, z. B. auf 
der Rückseite von Bl. 81 des Hildebertus in Anknüpfung an den Vers: Tityre 
pascentes a flumine rejce capellas [Virgil Ecl. III, 96] eine Ausführung über den 
„proceulematicus" {= proceleusmaticus) und sein Verhältnis zum Dactylus. Es 
hat grosse Wahrscheinlichkeit, dass auch in die Bibliothek zu Göttingen durch 
den Stifter der Bibliothek und der ünversität, den Minister Gerlach Adolf von 
Münchhausen allerhand Bestände der alten Leitzkauer Klosterbibliothek gelangt 
sind. Doch haben die vorhandenen dortigen Kataloge keine Möglichkeit geboten, 
dies genauer festzustellen. — Auf dem Fussboden im Bibliotheksaale liegt eine 
ganze Anzahl von schönen, namentlich in den Christuskörpem der Knizifixe 
schöngeformten Zinnbeschlägen von Särgen, die aus der Familiengruft des 
Althauses an der Dorfkirche hierher übertragen sind. 

3. Nördlich vom Althause erhebt sich, mit ihm durch den Gang über der 
Durchfahrt und den kurzen Arm des Ijoggienbaus verbunden, ein besonderes 
Gebäude (Gnindriss D), welches als das Hobeck-Schloss, auch als das „Schloss 
Albrechts desBären^^ und nach Adler als „Jagdschloss" bezeichnet wird. Indessen 
sind alle diese Bezeichnungen ohne Zweifel spätere oder ganz moderne Erfin- 
dungen, namentlich ist die angebliche „Lokal- und Familien-Tradition^^ von dem 
Schlosse Albrechts des Bären, über welche Müller a. a. 0. S. 14 reflektiert, ein 
völlig müssiges Gerede. Mit Sicherheit kann man das Gebäude als die ehemalige 
Wohnung des Propstes bezeichnen, aus welcher derselbe, wie in ähnlichen An- 
lagen bei andern Klöstern, über den Durchfahrtsbogen hinweg zu jeder Zeit in 
die Klausurgebäude und durch diese in die Kirche hinüber gelangen konnte. 
Das Gebäude ist aber ebenfalls in den Schlossumbau hineingezogen, mit seinen 
Fensterumrahmungen, dem das oberste Geschoss abschliessenden Konsolengesims 
und den Giebelerkem des Daches ganz den Formen des Althauses entsprechend. 
Dasselbe besteht aus zwei kleinen Flügeln, einem südlichen von W nach 
gerichteten, der nach W beträchtlich vor die Flucht des nördlichen, von S nach 
N gerichteten vorspringt, welcher an seiner NO-Ecke in einen Rundturm (Gnind- 
riss 11) ausläuft [Ans. eines Teils der Westseite bei Müller Taf . 1 Fig. 1 und 
Ehlert BI.2, der Ostseite bei Ehlert Bl. 1 und hier Fig. 46.] Nach W hat das 
Erdgeschoss keine Fenster, sondern nur eine in den westöstlichen Flügel führende 
einfache Renaissancethür mit geradem Sturz, auch auf der N- und 0-Seite nur 
einige schiessschartenartige Schlitze. Das zweite und dritte Geschoss der West- 
seite haben die Umrahmungen der gekoppelten Fenster, wie sie das dritte 
Geschoss am Althause aufweist. Die Ostwand des dritten und des Dachgeschosses 



Leitzkan. 165 

sowie die entsprechenden Geschosse des Eckturmes dagegen sind in schlichtem 
Fachwerk ausgeführt und präsentieren sich höchst malerisch. Im Innern enthält 
das Erdgeschoss in jedem der Flügel nur einen tonnengewölbten Raum, auch in 
dem südnördlichen Flügel, wo das Gewölbe in der Mitte durch einen grossen 
quadratischen Pfeiler gestützt wird; darunter noch ein zweites gleiches Keller- 
geschoss in der Erde. Die Geschosse darüber sind nur durch den Loggienbau 
zugänglich. Im Mittel geschoss tritt man durch eine mit dick übertünchtem 
schönen Beschlagomament geschmückte Thür in einen mit zwei Joch gotischer 
Rippenkreuzgewölbe überdeckten Raum des WO-Baues, der an den Sclilussstelnen 



F1g.46. LeitikiD. Scblosa Neubftus. OstfBjnde des „Hobeckgcbloss«*." 

Wappenschilde tragt, leider wegen der dicken Übertünehung nicht genau 
erkennbar. Im NS-FIttgel dagegen liegt wiederum, wie auch im oberen Geschosse, 
an der Westseite ein Korridor vor den Wolmräumen der Ostseite, die zumeist 
flach gedeckt und mit Renaissance- und Barock-Kaminen ausgestattet sind. Im 
Mittelgeschosse ist die Decke im Turnigemaclie ganz und gar, selbst die Kopf- 
bänder der im übrigen nur verschalten Deckbalken mit einem Netz von Elach- 
omamenten im Beschlag- Stile überzogen. Im Obergeschosse, dessen Ostwand 
von Fachwerk ist, enthält der erste Raum südlich einen einfachen Kamin mit 
dem von Müncbbausen - von Lattorfschon Wappen und der Jahreszahl 1592 
den Äbscbluss des Umbaus dieses Gebäudes bozeielmend. 

4. An diesen Bau stösst westlich ein die ganze Nordseite des Schlosshofes 



166 Kreis Jerichow I. 



abschliessendes zweigeschossiges Wirtschaftsgebäude (Grundriss E). Das- 
selbe besteht aber aus zwei sehr verschiedener Zeit angehörigen Teilen. Der 
östliche, im Äussern gänzlich unansehnliche birgt in seinein westlichen Teile 
innerhalb der Bruchsteinwände eine schöne zweischiffige romanische, in Backstein 
ausgeführte Halle (Grundriss 12). Die sechs Joch scharfgratiger, zwischen breiten 
Gurt- und Scliildbögen im Schwalbenschwanz gemauerter Kreuzgewölbe, von 
denen die vier östlichen gleichmässig quadratisch, die beiden westlichen aber 
schmal rechteckig sind, ruhen auf zwei quadratischen Keilern, von denen der 
östliche 0,92 m Seitenlange hat, welcher auf jeder Seite 0,15 m vorspringende 0,62 m 
breite Vorlagen vorgelegt sind, der westliche aber nur 0,88 m Seitenlänge mit 
0,58 m breiten Vorlagen. Ihre Sockel stecken tief im Erdboden, ihre Kämpfer 
sind aus zwei Steinen übereinander, Platte über Viertelkehle, gemauert, ebenso 
die der sämtlichen Wandvorlagen. Sämtliche Backsteine sind 0,28 m lang, 0,14 m 
breit und 0,08 m hoch. Das nordwestlichste Joch ist durch besondere Bögen 
abgeschlossen und enthält eine riesige Kaminanlage. Der ganze Raum hat noch 
bis vor einem Jahrzehnt als Brauerei für das seinerzeit berümte Leitzkauer Bier 
gedient. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er auch schon in der Klosterzeit 
gleichem Zwecke gedient hat. Im Jahre 1275 widmete Bischof Heinrich von 
Brandenburg, weil er sich durch eigene Probe überzeugt hatte, dass die Chorherm 
cerevisiam adeo ienuem hätten, quae hutnanae naiurae exiitit ninUs incanveniens 
ad bibendum, dem Konvent eine Jahresrente von 2 Wispeln Weizen aus dem 
eingegangenen Dorfe Meteren zur Verbesserung des Bieres, ut recepta corparali 
refedione eo melius et commodius valeani divinae laudis obsequia cd^rare^ Die 
ganz einfachen noch romanischen Formen würden der Annahme der Erbauung 
dieser Halle in Anknüpfung an diese menschenfreundliche Stiftung nicht wider- 
sprechen. Das ganze Obergeschoss dieses Bauteils ist ein Speicherraum, aus 
dessen Mitte nach Norden ein Erker — zum Aufziehen der Getreidesäcke u. s. w.? 
— vorgesprungen sein muss, dessen rohe Kragsteine noch vorhanden sind. 

Die kürzere westliche Hälfte, die durch eine auch im Dache erkennbare 
Brandmauer von der östlichen geschieden isl, stellt ein ganz schlichtes Stall- 
gebäudo dar, erweist sich aber durch das Konsolengesims unter dem Dache, wie 
durch den Westgiebel und das in seinem Schmucke von den übrigen Portalen 
des Schlossbaues freilich sehr abweichende grosse Thor in der Westfront als ein 
später Zeitgenosse des Schlossbaues. 

Eine genaue chronologische Bestimmung der einzelnen Teile des gesamten 
Schlossbaues hat Müller a.a.O. auf Grund der vorhandenen Inschriften, Wappen 
und Jahreszahlen durchzuführen gesucht, im ganzen auch mit grosser Wahrschein- 
lichkeit, nur dass, wie oben ausgeführt, mehrere der Wappen schwerlich an ihrer 
ursprünglichen Stelle stehen und einige Zahlen von Müller übersehen sind. 
Seiner Annahme jedoch, dass die Umbauten an dem unteren Teile des Althauses 
und des Hobeckschlosses bereits der Zeit des Kurfürsten Joachim H. oder des 
Markgrafen Johann angehörten, vermag ich nicht beizutreten, da von solchen 
Bauten in den vielfältigen Urkunden über damaligen Kauf und Verkauf des 
Klosters sich keine Spur findet, auch keiner von beiden Fürsten irgendwelche 
Veranlassung hatte, sich mit kostspieligen Bauten gerade in Leitzkau festzulegen. 
Vermischung von scheinbar einer viel älteren Entwicklung angehörigen Einzel- 



Leitzkaa. Lobarg. 167 



formen mit späteren findet sich überall auch an sicher datierten Teilen des 
Baues. Es sind offenbar unter den von Münchhausen, um die Bauten rasch zu 
fördern, gleichzeitig oder bald nacheinander Baumeister und Steinmetzen ver- 
schiedener Schulen beschäftigt gewesen, deren Individualität ziemlich freie Hand 
gelassen war. Deutlich unterscheidet sich unter Hilmar der Meister des Neu- 
hauses in seiner festungsähnlichen Schlichtheit, der denn auch vielleicht im 
Kreise der italienischen Kriegsarchitekten zu suchen ist, die in jener Zeit m 
Norddeutsclüand viel beschäftigt waren, wie die Lynar, Ghiaramela, Neuroni, 
de Sala u. s. w., und mit denen der kriegserfahrene Oberst leicht Beziehungen 
gefunden haben konnte, von dem des Althauses mit seinen reicheren, klassi- 
zierenden Formen; ebenso unter Statins der Meister des Loggienbaues am Alt- 
hause von 1581 von dem des Erkers am Neuhause (nach 1593), wie von dem 
des Bibliotheksaales im Althause (1ö91) und von dem des Prachtportals am 
Neuhause von 1595, die alle mehr oder weniger nach den Wesergegenden, be- 
sonders Hameln und Hämelschenburg weisen, auch Binteln, wo Hilmar sich 
gleichzeitig mit den Jjeitzkauer Bauten 1565 — 1567 ein höchst charakteristisches 
Stadthaus hat erbauen lassen; namentlich aber scheint mir der zum Teil von 
1588 datierte Umbau der Moritzkirche in Oandorsheim zum Rathause einem 
der hier von Statins beschäftigten Meister direkt zugewiesen werden zu 
müssen. 

Unter den sonstigen vom Schlossbau getrennt liegenden Wirtschaftsgebäuden 
sowohl des Alt- als des Neuhauses findet sich nichts Bemerkenswertes; sie sind 
meistens wohl erst nach den Verwüstungen des dreissigjährigen Krieges ent- 
standen. Doch zeigen sich hier und da Reste von Mauerwerk aus früheren 
Jahrhunderten. Auch von der den ganzen Klosterbering einschliessenden Mauer 
teils aus Bruch- teils aus Backsteinen sind, namenüich am Schlossgarten des 
Althauses, nicht unbeträchtliche Reste, aus denen einige kleine Rundtürme vor- 
springen, erhalten, wie auch der in der Mitte dos Wirtschaftshofes des Althauses 
isoliert südöstiich von der Kirche stehende Rundturm dazu gehört haben mag. 
Ein südwestiich der Kirche gelegener Thorhausbau zum Neuhause ist erst 18bü, 
nach Beschädigung durch einen Brand, abgerissen worden. Nach Müller a.a.O. 
S.20 hatte er „zwei Geschosse und-war auf der Nord- und Südseite mit je zwei 
Giebeln geschmückt Die Durchfahrt im Erdgeschosse öffnete sich beiderseits 
mittels rundbogiger Thorwege, neben denen noch je ein Pförtchen für Fuss- 
gänger angebracht war [also wie am Portale von 1595J. In einem auswendig 
angebauten kleinen Türmchen führte eine steinerne Wendeltreppe zu dem oberen 
Stockwerke. Über der äusseren Nebenthür erblickte man die vereinigten Wappen 
der Geschlechter von Münchhausen und von Reden in Sandstein ausgemeisselt. 
Hiemach gehörte also das Thorhaus zu den bereits von Oberst Hilmar erbauten 
Teilen des Schlosses." 

Loburg. 

[965 Luburn — wohl nur Schreibfehler —, 1161 Louburg, 1162 Luburch, 
1207 Louborch, 1213 Louburch, 1233 Loborch, 1260 Luburgh, 1296 Lowborch, 
1443 Loburg; auch Loyburg; in einer päpstlichen Urkunde von 1323 Lonborch; 
auf dem Stadtsiegel aus dem XVII. Jahrhundert Lauburck und in Latinisierungen 



Kreta Jericbow I, 



4i^ 



PI S1 
« K h- I 



1 ^ 



Lobarg. 169 

des XYI. Jahrhanderts Lauborga ; ohne jeden Grund zuweilen schon seit dem 
XYU., besonders zu Anfang des XIX. Jahrhunderts Lohburg; jedenfalls = Löwen- 
burg.J 

Stadt mit ehemaliger Burg und drei Rittergütern an der £hle, deren Quell- 
bäche sich unterhalb der Stadt vereinigen, Kopfstation der Magdeburg -Loburger 
Bisenbahn, 34 km östlich von Magdeburg (Luftlinie 30 km).^ 

Die civUas Loburg erscheint urkundlich zuerst 965 gelegentlich ihrer 
Schenkung durch Kaiser Otto II. an den h. Moritz zu Magdeburg, dann erst 
wieder mit ihrem praefedus^ dem wendischen Häuptling Priborn, als Wiprecht 
der Jüngere von Groitsch 1115 daselbst eine Zufluchtstätte angewiesen bekam. 
1162 nennt sich nach ihr ein Richardus, der dem weit verbreiteten und be- 
güterten Geschlechte von Alsleben angehörte, dessen Glieder die Burg bis in die 
erste Hälfte des XIII. Jahrhunderts ununterbrochen besessen haben, falls nicht die 
1174 vorkommenden Gero und Werner von Loburg und der 1190 bezeugte Gero 
schon dem Geschlechte von Wulffen angehörten. Um 1240 war sie im Pfand- 
besitz eines Hermann von Warberg oder Werberge, von dem sie jedoch 1246 
mit Hilfe der Bürger der Stadt wieder eingelöst wurde und das Privileg erhielt, 
immer immediat beim Erzstifte zu bleiben. In der Folge finden wir sie bis in 
die Mitte des XIY. Jahrhunderts in den Händen von Gliedern einer Familie von 
Santersleben, die sich „Burggrafen von Loburg'^ nannten und im Dienste des 
Erzstifts häufig in den Urkunden erscheinen. Yermutlich nach deren Aussterben 
versetzte jedoch Erzbischof Otto IV. die Burg von neuem, und obgleich Erz- 
bischof Dietrich Kagelwid sie wieder einlöste, und Erzbischof Albrecht IV. 1390 
das Privileg des Erzbischofs Wilbrand erneuerte, wurde sie doch in den beiden 
folgenden Jahrhunderten überaus wechselnd wieder versetzt, meist zunächst auf 
einen Zeitraum von 12 Jahren, so 1410 an Richard von Bardeleben, 1423 an 
Wiprecht von Barby und Henning von Byem, dann an Wiprecht von Treskow, 
1478 an Balthasar von Scblieben, 1496 an Johann von Barby, 1509 an Heinrich 
von Wiche, 1531 an Christoph und Lippold von Arnim, von denen der erstere 
den Titel eines „Hauptmanns von Loburg'^ erhielt, 1555 an die von Klitzing. 
1596 ging sie durch Kauf für 60,000 Thaler an die Gebrüder Gurt und Berthold 
von Mandelsloh über. Nach dem Tode Gurts, der auch Hauptmann auf dem 
Giebichenstein war, 1607 kam die Familie in Konkurs, Burg und Amt wurden 
vom Domkapitel zurückgekauft und seitdem durch Amtleute verwaltet, die aber 
zum Teil auch in Schweiniiz wohnten. Im Januar 1611 kam der Administrator 
Christian Wilhelm persönlich nach Loburg, um die Huldigung in Empfang zu 
nehmen. Nachdem das Erzstift Magdeburg für die Krone Schweden in Besitz 
genommen war, wurde Loburg 1633 dem schwedischen Obersten Johann Georg 



' Wiggert, S. 116-121 m. Abb. — Lotz, I, S. 885» — Otte, Gesch. der 
roman. Baukunst, S. 623 f. — Wernicke, Besitzungen des Klosters Lehnin im Stift und 
Land Magdeburg; in Ge8ch.-Bl. XII (1878), Ö. 178—192. — Ders., Wanderungen u. s. w. 
(siehe oben S. 35) 1879. — Ders. Loburg im dreissigjährigen Kriege I. 1880. — Derselbe, 
Dotierung eines schwedischen Obersten mit dem Amte Loburg im Jahre 1633; in Gesch.- 
BLXV (1881), S. 115-130. — Ders., Acker-, Feld- und Vieh-Ordnung der Stadt Loburg; 
das. S. 199—203. — Otte, II, 238. — Wernicke, Altertümer in der Laurentiuskircbe zu 
Loburg; Beibl. der Magdeburger Zeitung 1889 No. 37. 



170 Kreis Jerichow I. 



aus dem Winkel als Dotation verliehen, jedoch dauerte dies Yerhältnis nur, bis 
durch den Prager Frieden 1635 die ganze Lage eine völlig andere wurde. Durch 
den Westfälischen Frieden wurde das Amt Loburg dem abgedankten Administrator 
Christian Wilhelm auf Lebenszeit überwiesen, und fünf Jahre nach seinem Tode 
sollte der Kurfürst von Brandenburg noch weiter die Nutzniessung haben. Daher 
kam es erst 1669 wieder an das Erzstift zurück,^ um bereits 1680 mit diesem 
dauernd an das Kurhaus Brandenburg überzugehen. Das Amt wurde weiterbin 
durch Amtleute verwaltet, jedoch sein Sitz im vorigen Jahrhundert nach Brietzke 
verlegt. Als 1831 das Amt aufgelöst wurde, kamen die Reste der Burg mit 
einigen Häusern der Freiheit in Privatbesitz, sehr bald des damaligen Besitzers 
von Loburg II August von Wulffen, welcher der Burg den Namen der „August- 
burg" beilegte und sie einer von ihm gegründeten Familienstiftung einverleibte. 

Manche von den zur Burg gehörigen Grundstücken waren auch früher schon 
dauernd in Besitz von adligen Familien gekommen, die teils zu der Burgmannschaft 
gehört, teils freie Höfe in der Stadt besessen hatten. Wann die beiden unter 
dem Schutze der Burg nahe bei einander gelegenen, aber völlig getrennten und 
jedes mit eigener Kirche versehenen Dörfer Möckernitz und Ziemnitz zur Stadt 
Loburg zusammengezogen und befestigt worden sind, ist urkundlich nicht über- 
liefert. 1246 war dieselbe bereits in solcher Blüte, dass sie die Wiedereinlösung 
der Burg finanziell ermöglichen konnte. Sie war aber bereits 1207 vorhanden, 
als ein freier Hof in L. dem Kloster Lehnin gewidmet wurde, wenn auch die 
valva opidi Loubarch, bei der dieser Hof lag und noch liegt, erst 1291 aus- 
drücklich erwähnt wird. Über die grangia, welche das Kloster auf diesem Hofe 
anlegte, und seinen wachsenden Besitz, den es auf dem städtischen Gebiete und 
in der Umgegend zu erwerben wusste, s. oben S. 26. Nicht immer ging dies 
ohne Weiterungen mit der Stadt ab. Wenigstens benutzte dieselbe die Wirrungen 
des Städtekrieges 1433, in welchem auch Loburg dem Städtebunde gegen Erz- 
bischof und Domkapitel beigetreten war, um in Konkurrenz mit der dem Kloster 
gehörigen, vor dem Mönchenthore gelegenen Wassermühle eine eigene Stadtmühle 
mühle zu errichten und deren ausschliessliche Benutzung durch die Bürgerschaft 
zum Schaden des Klosters durchzusetzen. 1443 stiftete allerdings ein Bürger der 
Stadt, Nicolaus Piritz, noch ein namhaftes Kapital, mit welchem die Kosten eines 
Neubaus der grangia bestritten werden konnten, wofür dem Stifter die alte Ka- 
pelle des Gehöftes mit einer daranstossenden kleinen curia zum lebenslänglichen 
Wohnsitz überlassen wurde. Aber bereits 1457 entäusserte sich das Kloster 
dieses ganzen Besitzes, der in die Hände der Familie von Barby überging 
(s. oben S.26), in denen er noch heute ist und das Rittergut Loburg I bildet 

Ein zweiter freier Hof innerhalb der Stadt gehörte der sonst in Gross- und 
Klein -Lübars und Goebel angesessenen Familie von Wulffen; bereits ein um 



^ Ein nmder Siegelstempel von 0,033 m Durchmesser des Amtes unter dem Ad- 
ministrator August von Sachsen befindet sich im Geheimen Staatsarchiv zu Berlin. Er ent- 
hält nebeneinander rechts den erzstiftischen , links den sächsischen und mitten unter beiden 
den Schild des Klosters Zinna mit den um ein Kreuz gestellten Buchstaben MORS. Die 
Umschrift lautet: + F. M. LOHBURGISCH AMBTS SIEGEL. (Abbildung s. Fig. 82 am 
Schlüsse der Abteilung Kr. Jerichow I.) 



Lobarg. 171 

1413 lebender Hartwich von W. erscheint in seinem Besitz. Andere Glieder der- 
selben besassen zugleich einen ausserhalb der Stadt gelegenen Hof. Beide vereinigte 
und vermehrte vor allem der kurbrandenburgische Oberste und Magdeburgische Ober- 
hofmeister Eustachius von W., der am 21. November 1598 zu Magdeburg verstarb 
und in der dortigen Ulrichskirche beigesetzt wurde. Nach mancherlei Wechsel 
ist die Familie im Laufe des vorigen Jahrhunderts wieder in zwei Linien geteilt 
und bildet jetzt der Hof ausserhalb der Stadt das Bittergut Loburg U, während 
der Hof innerhalb der Stadt, der aber im Laufe dieses Jahrhunderts verkauft 
und ausserhalb der Stadt neben Loburg II neu aufgebaut worden ist, das Bitter- 
gut Loburg III bildet 

Ein Burglehen, zu dem auch Besitzungen namentlich in den Feldmarken 
Padegrim und Oröden (oder Graeden) gehörten, befand sich um 1400 im Besitze 
der Familie von Ifmmendorf , im XVI. Jahrhundert aber der von Bandau. Von 
diesen ging es an die von Königsmark über, und fiel nach dem Aussterben des 
hiesigen Zweiges dieser Familie 1641 an das Erzstift zurück. 1649 wurde es an den 
Hofmarschall Nicolaus von Zastrow als Entschädigung für sechsjährige rück- 
ständige Besoldung vergeben, der es 1651 an den schwedischen Obersten Hans 
Georg Haussmann für 5000 Thaler verkaufte. Nach dessen am 26. Januar 1661 
erfolgten Tode ging es noch in demselben Jahre von den Erben desselben durch 
Kauf an die von Wulffen über und ist jetzt mit Loburg II verbunden, während 
die Grödener Mark zu Ijoburg III gehört 

Die durch die Burg und die adeligen Güter eingeengte Stadt hat es zu einer 
namhafteren Entfaltung niemals bringen können, jedoch ihre Eigenschaft als 
Immediatstadt sehr nachdrücklich, zum Teil unter hartem Kampfe, sowohl gegen die 
von Klitzing und von Mandelsloh, als während des Schwedischen Intermezzos zu 
wahren gesucht Eine Vergrösserung ihres Gebietes erlangte sie dadurch, dass 
ihr von den wahrscheinlich letzten Gliedern der Burggrafenfamilie von Santers- 
leben Johannes und Busse 1338 die wüste Feldmark Wahl als ein Lehen vom 
Rittergute Hobeck verkauft wurde. Langwierige Streitigkeiten mit den Besitzern 
von Hobeck über dies Leims Verhältnis wurden durch einen Recess von 1737 mit 
königlicher Bestätigung von 1739 beigelegt. Nach den grauenvollen Verwüstungen 
des dreissigjährigen Krieges, welche sich besonders an die Schlacht an der 
Dessauer Brücke 1626, an den Zug des Generals von Hatzfeld gegen Magdeburg 
1636, an das Verweilen des Hauptquartiers des Erzherzogs Leopold während des 
Winters 1642 und an die darauffolgenden Jahre der Kämpfe um Magdeburg bis 
1645 knüpften, wurde die Stadt besonders 1660 durch eine infolge von Unacht- 
samkeit einiger hier einquartierten Reiter ausgekommene Fouersbrunst fast 
gänzlich bis auf wenige stehengebliebene Häuser verzehrt Auch von den danach 
wieder aufgebauten sind 1674 abermals 130, 1684 72 und 1688 40 Häuser durch 
neue Brände in Asche gelegt worden. 

Betreffs der kirchlichen Verhältnisse ist über die Zugehörigkeit des Burg- 
wards zum Archidiakonat von Leitzkau und über die Inkorporation der Pfarre 
in ein Kanonikat des Domkapitels zu Magdeburg bereits oben S. 18 und 27 be- 
richtet worden. Der wirkliche Ortspfarrer hiess daher nur viceplebanus , nahm 
aber bereits in früher Zeit unter der Geistlichkeit der Umgegend eine hervor- 
ragende Stellung ein, da er Dekan dos Kalands war, welcher urkundlich als 



172 Kreis Jerichow L 



freies Calendarum Ecdesie sandi Laurmtii in Lawborch, aber auch terrüarü 
Lovoborch und per distridum Lawburg d Mockem bezeichnet wird. In der That 
gehörten zu diesem Kaland nach den Unterschriften in den Urkunden wenigstens 
die Pfarrer zu Detershagen, Domburg, Lübs, Rosian, Schartau und Trjppehna. 
Ausserdem stand derselbe, von dem ein kleines Gopiarium aus dem XY. Jahr- 
hundert im Staatsarchiv zu Magdeburg erhalten ist, in Wechselbeziehung mit dem 
Kloster Leitzkau (s. oben S. 131) und mit dem Ealand zu Zerbst. Mit letzterem 
gab es über das Fatronat der ihnen beiden gehörigen Altäre im Laufe des 
XV. Jahrhunderts Streitigkeiten, welche durch einen Vertrag vom 22. Febniar 
1450 dabin verglichen wurden, dass dem Ijoburger Kaland das Patronat über den 
Altar St Levini et Barbarae in der Pfarrkirche zu Loburg und dem Zerbster das 
über den Marienaltar in der Kirche des Nonnenklosters zu Zerbst ausschliesslich 
überwiesen wurde, dagegen das über den Altar der Marienkapelle der Bartholo- 
maeikirche zu Zerbst von beiden alternierend ausgeübt werden sollte. Jener 
Altar Levini et Barbarae war im Jahre 1376 gestiftet worden mit Überwdsung 
des Patronats an den Dekan des Kalands. Gelegentlich der Visitation wird 
berichtet, dass von diesem Kalandslehen nichts mehr übrig sei, als der wüste 
Garten zwischen der Schule und dem Pfarrhofe (in welchem später das Wohn- 
haus für den Diakonus errichtet wurde); das Hausgerät an zinnernen Schüsseln, 
Kannen, Bratspiessen u. s. w., welches früher in einem verschlossenen eisernen 
Kasten im Glockenturme aufbewahrt wurde, sei nach dem Besuche des Kardinals 
(Albrecht) vor 2ö Jahren gegen Zins an die von Adel und Ehm Henning Braun 
(vielleicht den damaligen Altaristen des betr. Altars) ausgeliehen. Indessen war, 
wie aus Aktenstücken des Staatsarchivs zu Magdeburg erhellt, nicht nur damals 
ein 1ÖÖ2 auf Präsentation des Kalands vom Brandenburger Bischöfe bestätigter 
Vikar des Altars vorhanden, sondern auch nach dessen Tode 1587 und nachher 
noch einmal 1592 wurden vom Domkapitel als Kollator selbständig Vikare mit 
diesem geistlichen Lehen providiert. — Die Reformation war schon gleich nach 
jenem Besuche des Kardinals Albrecht 1537 von der Gemeinde auf eigene Hand 
eingeführt worden, indem auch der seit 1533 angestellte Pfarrer Ludolf Rosen 
meyer, ein ehemaliger Mönch aus Greifswald, zur evangelischen Kirche über und 
in den Ehestand trat, doch befanden sich zur Zeit der Visitation von 1562 die 
äusseren Kirchenangelegenheitcn noch in sehr grosser Unordnung. — 

Von der Burg, welche westlich von der Stadt auf einem durch künstliche 
Aufschüttung in der Ehleniederung vergrösserten Terrain von beträchtlicher Aus- 
dehnung, das in diesem Jahrhundort zum grössten Teile wieder abgetragen, 
dessen Grabenumgrenzung aber noch immer deutlich zu erkennen ist, zur Ver- 
teidigung des Überganges der alten Brandenburg- Zerbster Heerstrasse über die 
Ehle angelegt war, ist jetzt nur noch der alte Wartturm übrig. Die Gebäude 
scheinen sich schon 1611 nicht mehr in sehr wohnlichem Zustande befunden zu 
haben, da der Administrator bei seinem damaligen Huldigungsbesuche nicht auf 
dieser seiner Burg, sondern in dem von Wulff cnschen Hofe in der Stadt Woh- 
nung nahm. Ihr Zustand nach den Verwüstungen des dreissigjährigen Krieges 
erscheint auf dem von Alvenslebenschen Prospekte unter A. Westiich von dem 
ganz isoliert stehenden Wartturme ziehen sich in beträchtlicher Länge Reste von 
Zinnenmauern in verschiedener Höhe hin, welche ganz im Westen ein grösseres 



Loburg. 173 

ehemaliges Wohnhaus vermuten lassen. Etwa in der Mitte erhebt sich ein 
kleinerer, des Daches beraubter Bundturm, der oben ein Fenster von grösseren 
Massen enthält. Ostlich von dem Wartturme bemerkt man ein alleinstehendes 
höheres Oebäude, offenbar das ehemalige Thorhaus, mit nordsüdlichem Satteldach, 
aus dem nach Osten ein Quergiebel vorspringt. Der dachlose Wartturm, der zu 
Anfang des dreissigjährigen Krieges noch als Gefängnis gedient hatte, erscheint 
im Wesentlichen bereits in seiner heutigen Verfassung. Durchgehends aus Feld- 
stein erbaut, hat er eine Höhe von etwa 30 m, während sein Durchmesser etwa 
11 m beträgt. Unten ist in unbekannter neuerer Zeit ein niedriger Zugang von 
Süden her gewaltsam eingebrochen, der erkennen lässt, dass die Hauerstärke 
hier etwa 3,50m beträgt. Der alte Zugang aber, bereits spitzbogig umrahmt und 
ehedem mit einem hölzernen Altan versehen, von dessen Balkenköpfen noch 
Reste in den Mauerlöchern vorhanden sind, befindet sich in Höhe von etwa 10 m 
über dem gegenwärtigen Pflaster des Burghofes. Höher hinauf ist der sich fast 
gar nicht verjüngende Cylinder nur durch einige schmale Fensterschlitze durch- 
brochen. Ganz oben finden sich statt eines Zinnenkranzes vier breite recht- 
eckige Offnungen, die wohl erst in der Zeit der Schusswaffen für kleine Böller 
oder grössere Donnerbüchsen angelegt sein mögen. Im Innern erkennt man, 
dass der hohe unterste Verliess- oder Vorratskeller-Raum und die drei Geschosse 
darüber nicht gewölbt gewesen sind, sondern flache Decken getragen haben, 
deren Balken auf den jedesmal etwa einen halben Meter betragenden Rück- 
sprüngen der Mauer aufgelegen haben; von einer Abortanlage findet sich keine 
Spur. Die gegenwärtigen Wohngebäude der Burg sind ganz charakterlos. — Auf 
der sogenannten Burgfreiheit ist weiter auf dem von Alvenslebenschen Prospekt 
unter B der zu Padegrim gehörige „des Hl. Obristen Haussmanns Hoff*' sichtbar, 
freilich nur das hohe Dach mit zwei Quergiebeln von Fachwerk. Derselbe 
war von dem Brande 1660 verschont worden. Das jetzt an seiner 
Stelle stehende Wohnhaus des Besitzers von Loburg II ist ein. äusserst 
schmuckloser zweigeschossiger Rokokobau mit hohem Mansardendach, laut In- 
schrift von 1773. 

Die Stadt ist in einem nicht ganz regelmässigen, nach WO länglichen 
Rechteck angelegt und wird ziemlich in der Mitte von Westen nach Osten durch 
die in sehr welliger Linie verlaufende Markt- nachher Dammstrasse durchschnitten, 
neben welcher nördlich die Mühlen- nachher Lehmstrasse, südlich die Neue und 
die Alte Strasse herlaufen, nur durch schmale Quergassen miteinander verbunden. 
Der Marktplatz liegt im südwestlichen Teile, der alte Kirchhof mit der Pfarrkirche 
noch weiter nach Westen in der südwestlichsten Ecke der alten Stadtmauer. 
Von dieser ist nur noch ein geringer Rest von der SW-Ecke bis zum München- 
thor erhalten, ganz aus Feldstein erbaut, von nur geringer Stärke, auch ist keine 
Spur, dass ehemals ein Wehrgang vorhanden gewesen wäre. Das Übrige ist in 
der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts abgebrochen und zur Pflasterung 
der Strassen verwandt, ein kleiner niedriger Rest zwischen dem ehemaligen 
Preiheitsthore und der Stadtmühle aber erst vor zwei Jahrzehnten abgetragen 
und neu aufgemauert worden. Im Übrigen ist der alte Lauf der Mauer und der 
vor ihr gezogenen Gräben noch deutlich erkennbar. Die letzteren waren auf der 
Nord- und Südseite von Natur durch die Quellbäche derEhle und ihre sumpfige 



174 Kreis Jericho w I. 



Niederung gegeben, westlich und östlich wurden künstliche Verbindungsgräben 
von Norden nach Süden gezogen, westlich der Mühlgraben, östlich der jetzt 
trockene Herrengraben. Durchbrochen war die Mauer von drei Thoren. West- 
lich das nach der Burgfreiheit hinaus führende Freiheitsthor, welches erstim 
gegenwärtigen Jahrhundert abgerissen ist und bis zuletzt als städtisches Gefängnis 
gedient hat Auf von Alvenslebens Prospekt erscheint es (C) viereckig mit 
Zinnenkranz und Eegeldach, auf dem ein Storchnest thront 

Östlich das Frauenthor, so genannt, weil es nach der vor der Stadt 
gelegenen Frauenkirche hinausführte. Es wurde, als die Eriegsereignisse 1626 
diese Gegend heimsuchten, zugemauert Auf dem Prospekt ist es nicht zu 
ersehen; wann es abgebrochen worden, ist nicht bekannt Erstim gegenwärtigen 
Jahrhundert ist ihm willkürlich der Name „Steinthor" beigelegt worden, ver- 
mutlich als man für die Accise ein neues hölzernes Thor weiter ostwärts vor 
dem Kirchhof bei der Frauenkirche angelegt hatte. 

Südlich das Mönchenthor, urkundlich bereits 1437 unter diesem Namen 
erwähnt, so genannt nach dem unmittelbar daran stossenden Hofe der Lehniner 
Mönche. Sein Turm ist noch heute erhalten, ein ganz roher quadratischer Feld- 
steinbau, an dem man noch die Abbruchsspuren des ehemaligen östlich daran 
stossenden Thorbogens und der südlichen Brustwehr über demselben, sowie die 
jetzt vermauerte spitzbogige Backsteinpforte zum Austritt aus dem Turme auf 
den Gang hinter der Brustwehr erkennen kann. Oben trägt er jetzt eine form- 
lose pyramidale Spitze. Auf dem Prospekt (F) hat er dagegen ein Schweifdach, 
aus dem nach Süden ein Erker vorspringt, und darüber eine offene achteckige 
Laterne mit Schweifhaube. Diese Konstniktion war nach dem Kirchenbuche ein 
Werk des 1618 verstorbenen „kunstreichen Zimmermans Georg Flügge.** 
1672 wurde der Turm von der Stadt an die von Barby überlassen. 

Die Pfarrkirche StLaurentii, (Ansicht von NO s. Fig. 48) unter Patronat 
der drei Bittergüter und des Magistrats, wie schon bemerkt in der südwestlichsten 
Ecke des alten Mauerberings gelegen, wird mit ihrem Namen urkundlich zuerst 
1301 erwähnt, reicht aber nach dem Namen ihres Titelheiligen jedenfalls in die 
Zeit Ottos des Grossen und in den ältesten Teilen des gegenwärtigen Baues in 
die zweite Hälfte des XII. Jahrhunderts zurück. Von ihrer Geschichte und Bau- 
geschichte im Mittelalter ist nichts überliefert Zur Zeit der Visitation befanden 
sich in ihr vier geistliche Nebenlehen, nämlich ausser dem schon besprochenen 
Kalandslehen mit dem Altar des Levin und der Barbara eins im Besitze der von 
Barby, welches damals ein Studiosus der Universität Frankfurt a. 0. inne hatte. 
Dasselbe hatte ohne Zweifel zu dem Altare in der Kapelle des Lehniner Hofes 
gehört und war nach der Verweltlichung derselben in die Pfarrkirche über- 
tragen, denn dass deren Chor in seiner gotisc^hen Vergrösserung den Mönchen 
gehört haben muss, vielleicht diesen sogar seine gotische Vergrösserung verdankt, 
welche in diesem Falle nach 1443 anzusetzen wäre, erhellt daraus, dass die von 
Barby als Besitznachfolger der Mönche im Chor das Beerdigungsrecht hatten und 
auch sonst besondere Patronatsrechte ausübten. Femer ein denen vom Adel zu- 
ständiges Lehen corporis Christi, also dasjenige, über dessen Stiftung seitens der 
adligen Burgmannschaft die Urkunde vom 13. Dezember 1432 im Staatsarchive 
zu Magdeburg vorhanden ist Endlich ein beneficium sagiUariorum, der Schützen- 



brüderschaft, unter Patronat des Uagistrats, über dessen Stiftung nichts über- 
liefert ist, und dessen Altarist die Dienste eines Stadtschreibers versali. 




Hg. 48. Loburg. I^iurentiuskirche. Ans. von NO. 



Das Eircbengebäude befand sich damals in liochf;radigem Verfall, sodass 
Verordnungen ergingen um gleich nach dem darauf folgenden Winter einen 
durchgreifenden Reparaturbau zu beginnen. Wirblich in Angriff genommen 



176 Kreis Jerichow I. 



wurde derselbe jedoch erst 1569 und zwar mit dem Turmbau. Abschrift der 
bei Aufsetzung des Turmknopfes in denselben gelegten Urkunde befindet sich in 
den Magistratsakten. Danach waren die Erbauer des Turmes der Zimmermann 
„M. Jakob Görl von Wizke bürtig^' und sein .,Pollierer" Joachim Niemann. 
An der Ostseite des von Schiefer nicht bedeckten hölzernen Kranzgesimses des 
achteckigen Tambours im Dache steht jedoch in erhaben ausgeschnittenen Buch- 
staben : ANNO 1569 HANS FRI8E HILF GOT AV8 NOHT DEM LEIBE HIR DER 
SELEN DORT. Ob dieser Hans Friese ein ebenfalls beim Bau beteiligter 
Zimmerer oder Dachdecker oder nur ein Wolthäter aus der Bürgerschaft gewesen, 
ist nicht zu ermitteln. Mit der Erneuerung der Kirche dauerte es noch 
beträchtlich länger. Über den endlichen Anfang und die Vollendung derselben 
giebt Auskunft die Inschrift innen am Gesims der Nordseite: ANNO 1580 IST 
DIS KIRCHENGEBEV ANGEFANGEN U. HERNACH IM 84 IST ES VORFERTIQET 
VND VOLLENDET WORDEN. Dieser Bau hat der Kirche im Wesentlichen ihre 
noch jetzt vorhandene Gestalt gegeben. 1673 wurde das von Barbysche Kirchen- 
stübchen an der Südseite des Chors östlich von der Sakristei, deren Einrichtung 
infolge davon eine Abänderung erfuhr, angebaut 1679 wurde durch Unwetter 
die Hauptspitze des Turmes herabgeworfen, aber 1681 in der alten Form erneuert 
durch den Zimmermeister Wulf Korndorf f Bürger zuLoburg und den Schiefer- 
deckermeister Nicolaus Leidecker, Bürger zu Halberstadt. Sonst sind nur 
allerhand grössere und kleinere Reparaturen vorgekommen. Eine grössere, den 
früheren Charakter übel verderbende Umänderung des Inneren erfolgte im Jahre 
1737, als man Längsemporen im Schiffe errichtete, um derentwillen die Fenster 
desselben nach unten verlängert werden mussten, wobei zugleich die Decken mit 
einem hässlichen neuen Anstrich versehen wurden. Das letzte Jahrzehnt hat 
eine Säuberung des Chors von vielem hässlichen alten Gerumpel und Plunder 
gebracht, die Fenster des Chors mit einer besseren Verglasung versehen und die 
weisse Tünche des ganzen Innern entfernt. 

Das Gebäude (siehe den Grundriss Fig. 49) ist ein breites einschiffiges Rechteck 
mit schmalerem, gerade geschlossenem Chor und ebenfalls schmalerem "Westturni. Der 
Turm gehört in seinem unteren Teile, 13,60m breit, 7,25m tief mit unten 1,80m 
starkem Mauerwerk in Feldstein aufgeführt, noch dem ältesten in die zweite Hälfte 
des XII. Jahrhunderts zurückreichenden Baue an. Seine Westwand enthält unten 
ein ziemlich tief in der Erde steckendes 2,30 m weites, und in seinen Wandungen, 
wie im Bogen einmal recktwinkelig, mit 0,25 m Schenkellänge abgestuftes Rundbogen- 
portal ohne Kämpfer oder Ecksäulen ; * die Östwand dagegen drei, jetzt leicht ver- 
mauerte, je 2,25 m breite und über dem aufgehöhten Fussboden noch jetzt 3,65 ro hohe 
durch 1,11 m starke quadratische Pfeiler getrennte Rundbogenöffnungen, welche be- 
weisen, dass sie ursprünglich in eine dreischiffige Basilika von nicht unbeträchtlicher 
Höhe der Seitenschiffe hineinführten. Aussen steigt das Mauerwerk zunächst in 
vier, je ein wenig zurückspringenden Geschossen in sehr sorgfältiger Schichtung 



' Sowohl in den Keilstücken dieser beiden Bogenschichten als in einer darüber noch 
gelegten Schicht von flachen länglichen Platten macht sich sehr deutlich die in der sp&tejien 
romanisehen Baukunst, auch im Backsteinbau sehr gewöhnliche Verstärkung der Bogen nach 
dem Scheitel zu, eine Vorstufe des Spitzbogens, bemerklich. 



Loborg. 177 

nnd an den Ecken des Turmes in sorgfältiger quaderförmiger Bearbeitung' der 
Oranitstücke auf. Darüber folgt ein hauptsächlich aus Oommemschem Bruchstein 
hergestelltes Goschoss, welches nach und W mit je drei, nach N und S mit je 
einer grossen (jetzt vermauertan) Spitzbogenöffnung versehen ist, also eine der 
späten gotischen Zeit angebörige Umänderung der ehemaligen Glockenstube dar- 
stellt, die sich aber kaum bis zur Höhe des gegenwartigen Dachfirstes erhebt. 
Darüber kommt die gegenwärtige Glockenstube, ein von schlechtem Backstein- 
mauerwerk verkleideter dürftiger Fachwerkbau, aber mit einer sehr eigentümlichen 
geschieferten Dacbanlage bedeckt. Aus einem nach N und S abgewalmten 
äatteldache erbebt sich nämlich in der Mitte gleich vom Gesims an ein die ganze 
Tiefe des Daches ausfüllender achteckiger Tambour, aus dessen nach N und S 
je eine Lukame tragendem Schweifdache eine sechseckige offene Laterne auf 



Fig. 49. Loburg. LaurentiuBkirche. Grundriss. 

steigt, deren Haube in eine lange dünne, noch jetzt den 1681 von Levin von 
Barby geschenkten Knopf mit Wetterfahne — in welcher die Jahreszahlen 1681, 
1786 und 1841 nebst dem v. Barbyschen Wappenschilde — tragende Spitze aus- 
läuft, welche sich zur Höhe von 41,25 m erhebt. Zu beiden Seiten dieses Mittel- 
baues aber steigt aus der Abwalmung des Satteldaches je eine schlanke acht- 
eckige Nebenspitze empor. Der Schopfer dieses eigenartigen Baues hat offenbar 
das Vorbild des spätgotischen drei spitzigen Turraaufbaus der benachbarten 
Nikolaikirche zu Zerbst in die Sprache der Renaissance übersetzen wollen. 

Das in Futzbau aus gemischtem Material, hauptsächlich aber aus Feldstein 
aufgeführte, jederseits 1,40 m über die Breite des Turmes vorspringende, im 

' An der W-Ecke der Nordeeite befindet sieb in etwa 6 m Höhe Über dem gegenwärtigeD 
Terrain an einer Eckqusder äa kleines menBchliches Gesicht roh ausgemeisselt, is früherer 
Zeit diu Handwerksburachen-Wahrzeichen von Loburg. 

!»■ Krebs Jerlohoir. 12 



178 



Kreis Jerichow I. 







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Fig. 50. 



Lichten 13,70, in den Mauern 16,40 breite, im Lichten 21,10 m lange Schiff ist 
beiderseits mit 0,85 m breiten und 1 m tiefen ganz ungegliedert aufsteigenden 
und mit Pultdach endigenden Strebepfeilern besetzt, die auf einen mittelalterlichen 
gewölbten Hallenbau zu schliessen nahe legen. Sie gehören aber erst dem Bau 
von 1580 an, für den ihr Zweck freilich nicht ersichtlich ist, und sind, wie unter 
dem PutÄ zu erkennen, in ganz regelmässigen Schichten wechselnd aus Feld- 
bezw. Bruchstein und Ziegeln aufgemauert. Das Schiff hat auf jeder Seite vier 
Spitzbogenfenster mit glatten schrägen Seitenwänden, die mit einem Sandstein- 
masswerk in ungeschickt nachgeahmten gotischen Formen von einfachem 
Hohlkehienprofil ausgefüllt sind. Das der südlichen ist zweiteilig, das der 
breiteren nördlichen dreiteilig, die Stäbe sind wegen der oben erwähnten Ver- 
längerung der Fenster geschuht und zwar in Holz. 
Im ersten und vierten Joch der Nordseite befindet 
sich je ein niedriges, nicht genau unter der Achse 
der Fenster stehendes Sandsteinportal, dessen noch 
gotisches Profil der Seitenwandung (s. Fig. 50) sich im 
Scheitel des fast runden Bogens durchkreuzt Die nur 
0,85 m starke Ostwand des Schiffs erhebt sich über 
einem 7,55 m breiten Triumphbogen in einem aus 
geputztem Backstein hergestellten hohen viergeschossigen Staffelgiebel mit kugel- 
besetzten Eckvoluten, dessen Geschosse durch doppelte Gesimse geschieden und 
durch bossierte Pilaster eingeteilt sind. Ein ähnlicher, aber nur drei Geschosse 
lioher, mit einer von einem Tritonen gebildeten Wetterfahne gekrönter Voluten- 
giebel erhebt sich über der geraden Ostwand des niedrigeren, gegen die Mittel- 
achse des Schiffs um 0,30 m nach Süden verschobenen und auch sonst etwas 
nach Süden überhängenden Chors, der im Lichten 8,45 m breit und 11,50 m lang 
und mit Strebepfeilern von gleicher Form wie die am Schiffe aber von 1 m 
Breite und 1,20 m Tiefe besetzt ist Seine zweiteiligen Fenster an der N- und 
S-Seite mit ähnlichem Masswerk wie die des Schiffs sind in ihrer ursprünglichen 
Form erhalten, das westliche der Südseite jedoch durch den Anbau des von 
Barbyschen Kirchenstuhls beseitigt, unter dem entsprechenden der Nordseite 
befand sich die ehemalige Priesterthür, jetzt vermauert, mit geradem Sturz und 
Renaissancebossen in den Wandungen aus geputztem Backstein. Die Ostwand 
enthält drei schlankeSpitzbogenfenstermit einfach schräger Wandung, das mittelste 
höhere zweigeteilt mit noch ganz formenreinem gotischen Steinmasswerk. Im 
Innern bemerkt man an den unter dem Putze sichtbaren Abbruchsspuren, dass 
der Chor ursprünglich drei Joch schmal -rechteckiger Kreuzgewölbe gehabt hat 
welche im östlichsten zwischen den, ursprünglich viel schmaleren und tiefer 
herabgehenden, drei Fenstern einen scheinbaren Achteckschluss nachgeahmt haben 
müssen. Von einem demnach anzunehmenden gotischen Um- bezw. Erweiterungs- 
bau des Chors zeugen auch die gelegentlich der vorerwähnten Säuberung des 
Chors an der ganzen Ostwand namentlich in den Fensterlaibungen aufgefundenen 
Reste einer auf einen sehr feinen Stuckputz aufgetragenen gotischen Omament- 
bemalung mit eingesprengten figuralen Rundmedaillons, die leider wegen des 
sehr verdorbenen, eine Wiederherstellung ausschliessenden Zustandes wieder 
übertüncht werden mussten. 



Lobnrg. 179 

Die nach Süden im Winkel zwischen Chor und Schiff ausgebaute Sakristei, 
welche vom Chor ans durch eine noch ganz gut profilierte Spitzbogenihür 
zugänglich ist und im lichten von N nach S 4,95 m, von W nach 3,45 m 
niisst, trägt an der Schauseite nach Süden ebenfalls einen kleinen Volutengiebel, 
innen aber ein einfaches gratiges Kreuzgewölbe. Ihr Fenster befand sich 
ursprünglich an der Ostseite und wurde erst gelegentlich des Anbaus des von 
Barbyschen Kircfaenstübchens an die Südseite verlegt. Die zur Kanzel empor- 
führende Thür ist offenbar erst nachträglich in die Westmauer (die Ostmauer des 
Schiffs) eingebrochen. Es lässt sich nicht mit Bestimmtheit behaupten, dass die 
Sakristei schon mittelalterlichen Ursprungs wäre. 

Schiff und Chor sind im Innern über einem gut profilierten, von Konsolen 
getragenen und mit Inschriften versehenen hölzernen Kranzgesims mit einer 
hölzernen Tonnendecke überwölbt, welche im Schiff der höher steigenden Dach- 
schräge entsprechend eine hyperbolische Form annimmt Sie ist mit einem ein 
ausgeartet spätgotisches Netzgewölbe nachahmenden hölzernen Rippen werk belegt, 
das^ ohne Rücksichtnahme auf die Zahl und Stellung der Fenster, im Schiffe in 
acht, im Chor in drei Scheinjoche eingeteilt und an den Kreuzungspunkten der 
Rippen mit bemalten Scheiben belegt ist, welche im Schiff in zwei der Längs- 
reihen, im Chor aber sämtlich als Wappenschilder gestaltet sind. Ausserdem sind 
auch die untersten sphärischen Flächen zwischen dem Rippenwerk unmittelbar 
über dem Sims mit Wappen bemalt Im Schiffe sind dies auf der Südseite die 
acht Ahnenwappen des Obersten Eustachius von Wulffen, auf der Nordseite die 
seiner Gemahlin Anna von Münchhausen. Die Verdienste des Ersteren um den 
Bau von 1580—84 preist die von dem Diakonus Andreas Groshennig verfasste, 
ursprünglich in „grossen gelben Fraktur-Buchstaben^', jetzt schwarz geschriebene 
Hexameterinschrift an dem Gesims folgendermassen : 

AEDIFICATA NOVI QVOD NVNC STAT MACHINA TEMPLI 
IN QVO TRADVNTVR DIVINI DOGMATA VERBI 
EVSTACHIO A WVLFFEN VERAE PIETATIS AMANTI 
HOC LAVBVRQA REFER. INCEPTVM SVMPTIBVS ILLE HAVD 
PARCENS HOC PROVEXIT OPVS NEC DEFVIT VNQVAM 
AVXILIO QVANTVM POTVIT RESPVBLICA . MVNVS 
TV PIA P0STERITA8 COELI VENTVRA SVB AXEM 
ACCIPE PRAECLARVM ET NOSTROS MIRARE LABORES. 

Der im 5. und 6. Verse gemachten Mitteilung entsprechend enthalten die 

Wappenschilde an den Rippenkreuzungspunkten im Schiff bürgerliche Wappen 

der damaligen Ratsmitglieder, die bei der Seltenheit solcher in unseren Gegenden 

hier auch mitgeteilt werden mögen. Es sind in beiden Reihen je fünf; auf der 

nördlichen Seite: B . PETER HERMAN (Bild: eine Maschine, die fast wie eine 

Elektrisir- Reibemaschine aussieht) lACOB KOCH (Jakobus der Jüngere) lACOB 

SCHROTER (zwei Schlüssel schräg rechts , dazwischen drei Rosen) VRBANVS 

SAXV8 (Herz mit Rosenzweig oben darauf) und G . I . M . T . lOST LANGE 

(PeUkan); auf der südlichen: GEORGE HONIGMVND (Baum mit Bienen) 

A . H . L . W . Q . BERNVTZ (Bär) ANDREAS ECHOLTZ (Armbrust) KYLIAN 

KOCH (Beil) GEORGE HEINTZ M. (drei weisse Schilde). Das M. hinter dem 

12* 



180 Kreis Jerichow I. 



letzten möchte vielleicht wegen des Wappens den Maler der Decke bezeichnen. 
Im Chor gehören die überaus zahlreichen Wappen den damaligen Vertretern 
der Familie vonBarby und ihrer ausgebreiteten Verwandtschaft, sowie den übrigen 
im Orte und auf der Burg vertretenen Adligen an. Sie waren nach einer im 
Archiv des Ritterguts Loburg 111 befindlichen notariellen Urkunde von 1690 
damals nicht mehr sämtlich erkennbar. Ihre gegenwärtige, in Zeichnung und 
Beischrifton nicht überall zuverlässige Erscheinung rührt von einer inschriftlich 
bezeugten Renoviei-ung im Jahre 1737 durch den Maler Johann Ernst 
E geling von Loburg her. Dieser hat dann auch die Bemalung des ganzen 
Grundes der Gewölbe mit einem hässlichen Blau und der Rippen mit einem 
hässlichen Braungelb zu verantworten. Ursprünglich wai-en, wie ein an 
unzugänglicher Stelle über dem Orgelgehäuse erhaltener Rest bezeugt, die Rippen 
und Gewölbeflächen weiss gestrichen, letztere mit leicht gefärbten Blatt- und 
Blumenranken überzogen. Die alte Inschrift am Gesims des Chores besagt 
(nach Verbesserung der 1737 entstandenen orthographischen Fehler und Lücken): 
IN HONOREM SANGTAE ET INDIVIDVAE TRINITATIS ET MEMORIAM MAIORVM 
SVORVM MAXIMA EX PARTE HIC 8EPVLTORVM CHORVM HVNC ASSERIBVS 
PALIVRIS ET FENESTRIS EXORNARI CVRANT NIOOLAV8 ET QEORGIVS 
WIPERTVS lOHANNES ET OTTO DE BARBY FRATRES lOHANNIS SENIORIS 
PIAE . MEMORIAE FILII. Dieser Hans, gewöhnlich mit dem Zunamen ,,der 
Ältere" benannt, war am 15. Februar 1572 verstorben, von den genannten Söhnen 
starb Claus 1579, Georg bald nach 1582, Wieprecht 1584 zu Wien, Hans zu 
unbekannter Zeit in Kriegsdiensten, Otto erst 1622; zwei weitere: Joachim, 
gest. 1587, und Thomas, gest. zu unbekannter Zeit in Wittenberg, sind in der 
Inschrift nicht erwähnt kommen aber unter den Wappen des Gewölbes vor. Wahr- 
scheinlich waren dieselben auch sämtlich mit ihren Wappenscheiben in den in der 
Inschrift erwähnten Fenstern vertreten. Drei dieser nach einer früher geschehenen 
Verstümmlung ihres üraschriftrandes noch 0,145 m im Durchmesser haltenden 
ßundscheiben sind erhalten und jetzt in das östliche Fenster der Nordseite 
eingefügt. Sie tragen alle das von Barbysche Wappen und zwei von ihnen die 
Namen CLAWES bezw. HANS VON BARBY mit der Jahreszahl 1572; die dritte, 
von der das untere Drittel fehlt, trägt den Vornamen Dorothea, der unter den 
Wappen der Decke nicht vorkommt, auch sonst nicht gleichzeitig im Stamm- 
baum des von Barbyschen Geschlechts, jedoch war eine Base des Hans des 
Älteren mit diesem Vornamen an Hans Georg von Wulff en auf Gross-Lübars 
verehelicht.1 Es scheint danach , dass der Umbau des Chors schon etwas früher 
als der des Schiffs erfolgt und bereits 1572 vollendet gewesen ist. 

Durch den Eenaissancebau war das ganze Schiff an beiden Langseiten und 

'an der westlichen Schmalseite mit einem zwei- bezw. dreireihigen Gestühl 

von Kiefernholz in Naturfarbe ausgestattet, das in seinen höchst unbequemen 

Klappsitzen noch das System der alten Chorgestühle nachahmte, an seinen 

Vorderbrüstungen aber und an der Kückwand mit weit ausladendem Kranz- 



^ Einige ganz fragmentarische Beste von gotischen Glasgemälden des mittelsten Chor- 
fensters der Ostseite, welche einer Kreuzigung, Anbetung der h. 3 Könige u. s. w. wigehöit 
zu haben scheinen, sind seinerzeit an das Kunstgewerbe-Museum in Magdeburg abgegeben. 



Lobnrg. Jg] 

f:;esinis über klassizierenden Pilaster-Arkadeo dekoriert war. AuchimChorbefand 
sich ein einreihiger gleich ausgestatteter Stuhl wenigstens auf der Südseite. 
Reste des Gestühls und seiner Rückwand sind noch hin tmd her in der Kirche, 
solche von seinen Brüstungen zumeist an den Brüstungen der jetzigen Emporen 
erhalten, alles aber verwüstet und meist mit schmutzig grauer Ölfarbe über- 
strichen; am besten noch in der ursprünglichen Farbe ein Gestühl an der Süd- 
seite des Chors östlich hinter der von Barbyscben Kirebenstube. Ein von 
Barbvscber Kirchenstuhl an der 
Nordwand des Chors dagegen 
enthält in seiner im übrigen 
ebenfalls jetzt grau gestrichenen 
Brüstung zwei FüllungsbrettefT 
auf denen durch einfache schwarze 
Holzintarsia Bundbogennischen 
und in deren Mitte Ornamente, 
das eine aus einem verkehrt 
gestellten i |4in unverstandenen 
gotischen Missalbuchstaben be- 
stehend, hergestellt sind ; die 
ursprünglich nicht dazu gehörige 
Thür trägt das geschnitJite und 
bemalte von Barbysche Wappen 
mit dem Namen des Georg von 
B. und der Jahreszahl 1562. 

Der Altar hat noch die 
alte Sandsteinplatte von ^,80 m 
Breite und 1,40 m Tiefe mit den 
diagonal gestellten Weihekreuzen 
aber ohne Beliquiengruft Der 
kolossale Aufsatz in zwei Ge- 
schossen über der Staffel und mit 
zweiFlügelstückenan dem unteren 

Geschosse gehört ersichtlich Fig. 51. Lobarg. LanrentimUrche. 

dem Bau von 1580—84 an. An '^''"' ''" Sakramentochwiikes. 

der in Weiss und Gold gehaltenen 

Säuienarchitektur tritt das Beschlagornament stark hervor. Das grössere Mittel- 
bild stellt die Einsetzung des h. Abendmahls, der nördliche Flügel die Auf- 
erstehung, der südliche die Geburt, der obere Aufsatz die Himmelfahrt Christi 
dar, alles untergeordnete Handwerkerarbeiten in Öl auf Holz. Die Staffel zeigt 
nur die beiden Sprüche Jesaias 53 und I. Korinther 11 in Goldschrift auf 
schwarzem Grunde. Ganz oben steht zwischen den von Wulffenschen und von 
MUnchhausenschen bemalten Wappenschilden auch der von zwei Genien gehaltene 
des Administrators Joachim Friedrich. Ein sehr zerschlissener im Jahre 1677 
von Ijevin vonBarby gestifteter AUarumhang, der aus versclüedenen Stücken 
gepresster farbiger versilberter und vergoldeter Ledertapete mit grossblumigen 
BarockmuBtern um ein ebenfalls auf Leder gemaltes Bild der h. Dreieinigkeit 



182 



Kreis Jerichow I. 



> 



< 



Ä 

Fig. 52. 



zusammengenäht ist, befindet sich jetzt in der Sakristei. Daselbst auch 
der ehemalige hölzerne Sakramentschrein mit einer inneren, auf den 
Ereuzungspunkten der Stäbe mit kleinen Rosen besetzten Gitterthür yoo 
Eisen und einer äusseren Holzthür (s. Fig. 51), die aussen ein ganz zierliches 
spätgotisches Eisenbeschläg von grosser Ähnlichkeit mit dem bekannten 
Schrankthürchen im Dome zu Magdeburg [s. die Abb. bei Brandt, der Dom 
zu Magd. S. 80], innen aber eine überaus hässliche Malerei auf Kreidegrand 
trägt, welche den stehenden Schmerzensmann mit dem Kelche zu seinen Füssen 
darstellt. 

Neben dem Altare lagen bis vor kurzem im Fussboden des Chors die Sand- 
steinplatten von zweien der ehemaUgen Nebenaltäre, jetzt bei Neupflasterung henias- 

genommen. Die eine von 1,69 m Breite und 1,31 ni 
Tiefe, wovon jedoch 0,12 m unbearbeitet waren, sodass 
V siö so weit in die Wand, vor der der Altar gestanden, 

eingelassen gewesen sein muss, hatte keine Reliqaien- 
gruft, wohl aber die nur flüchtig gearbeiteten Weihe- 
kreuze in der ungewöhnlichen Grösse von 0,15 m und 
mit eigentümlichen Dreieckausladungen an den Armen 
(siehe Fig. 52), Die andre von 1,19 m der Breit- und 
1,04 m der Schmalseiten ist nur an je einer dieser 
Seiten bearbeitet, hat also zu einem in der Nordost- 
oder Südost-Ecke des Chors gestandenen Altare gehört, 
welches, da in der Hohlkehle der Schmalseite die 
Jahreszahl 1 . X . X . A . (1447) eingehauen ist, wohl 
nur der nach der anderweitigen Verwendung der Kapelle 
des Klostergehöftes in die Kirche übertragene Altar der 
Lehniner Mönche gewesen sein kann. Sie ist nach 
Fig 53 dem erhaltenen Beste einer Majuskelumschrift, von 

der noch zu lesen ist: PLflBÄKa IR LOVBORQ 

aus einem ehemaligen Grabsteine eines hiesigen 

Pfarrers zurecht gearbeitet und hat die Reliquiengnift ziemlich weit in die 

eine Ecke hineingerückt, die Weihekreuze von 0,10 m Grösse aber in der Form 

Fig. 53. 

Die hölzerne Kanzel schwebt am südlichen Pfeiler des Triumphbogens frei 
und ist wohl aus derselben Werkstatt hervorgegangen wie der Altaraufsatz. Sie 
ist sechseckig mit Muschelnischen, in denen die vier Evangelisten mit ihren 
Symbolen sitzen, zwischen korinthischen Ecksäulen und mit reichlichem Laub- 
sägeornament in Weiss und Gold dekoriert, eine sehr gefällige Erscheinung. Der 
an der Unterseite mit farbigem Kankcnornament in ganz flachem Rehef und 
nicht mehr vorhandenen Hängezapfen an den Ecken, oben aber mit durch- 
brochenem Ornament im Beschlagstil und Vasen geschmückte, von der bemalten 
Statuette des h. Moritz mit Schild und Fahne gekrönte Schalldeckel entspricht 
nicht ganz dem Stile der Kanzel selbst. Die früher äusserst unbequeme Treppe ist 
in ihrer äusseren Erscheinung ungünstig verändert und wohl nicht ursprünglich 
dazu gehörig. 

Die Orgel ist an Stelle einer zuerst 1581 von Oberst Eustachius von 




Loburg. 183 

Wulffen gestifteten' 1705 hergestelll: worden und zwarlautlnschrift von Andreas 
Oarling oder Kahrling aus Mirau im Mecklenburgischen, jedoch erst 1737 durch 
den hiesigen Mater Egeling in Weiss und Gold, letzteres auch zum Teil an den 
Pfeifen des Prospekts, staffiert. Der dem Karling gezaliltc Pi-eis erhellt aus den 
Akten nicht. Bereits 1714 stellten sich aber soviel Mängel heraus, dass die Orgel 
einem beträchtlichen Verbesserimgsbau unterzogen werden niusste, welcher dem 
Orgelbauer Jacob Linse aus Möckern für SOThaler übertragen wurde. Der in 
ganz leidlichen Barockformen gehaltene 
Prospekt, welcher im Oesani tauf bau und 
in den Einzelheiten demjenigen in der 
Nikolaikirche zu Coswig in Anltalt von 
1708 (Abb. in Anhalt. Bau- und Eunstdenk- 
mäler S.5Ü2 Fig. 353] sehr ähnlich ist, be- 
steht aus zwei grüsseron Seitentürmen 
und einem Mittelstück mit je drc' 
kleineren Türmen in zwei Geschossen ; 
die ursprünglich sicher vorhanden ge- 
wesenen die Türme tragenden Konsole 
fehlen jetzt überall. Vor dem mittelsten 
Turme steht im unteren Geschosse die 
ßundfigur dos Königs David mit dem 
Cymbelstem, weiter hinauf singen zwei 
weissgekleidete Engel aus Notenheften, klei- 
nere sind in den durchbrochenen FlUgel- 
stücken mit Blasinstrumenten beschäftigt 
Der zweimalige von Wulffensche, der (falsch 
tingierte) von Barb;sche Schild und das 
Loburger Stadtwappen vertreten an ihr das 
gesamte Kirchen-Patronat. 

Von den Abendmahls- Geräten 
berichtet das Visitations- Protokoll von 
1562, dass „etzl. kleinodia v. kÜchen u. 
Monstrantzien" vorhanden seien , welche 

in der Hispanier Zeit vor 16 Jahren an Jürgen v. Barby zur sicheren Aufbewah- 
rung übergeben seien, und welche nun zum Besten des Eirchenbaues verkauft 
werden sollen. Letzteres scheint geschehen zu sein (siehe nachher bei Roslan). 
Die gegenwärtigen sind teils modern, teils Stiftungen des 1670 verstorbenen 
Levin von Barby, nämlich ein silberner Kelch, dessen Becher und Knauf 1877 
erneuert sind, und der am ausgeartet sechsblättrigen Fusse eine eingepunzte In- 
schrift trägt, wonach er 1656 in memoriam Adami et Franteen de KÖnigsmarck 

' Diese alte Di^l, welche im dreissigjahrigeo Kriege arg zerstört und durch das Turm- 
UDgläck 1675 neuerdiogg schwer beschädigt war, trug nach einer handBchriftüchen Nach- 
richt von 1690 eueser den WappenscbildeD des EusUchiua, seiner Eltern und seiner Frau 
die ohne Zweifel auch von Qroeshennig verfasste DiBtiubon-Inschrifl: 

Praecipue hoc vario rettman» modulamine mcum 

Eustachii a Wulffen sumjttibus exlat opus. 



184 Kreis Jerlchow I. 



gestiftet ist, eine runde silbervergoldete Oblatenschachtel von 1665 mit ein- 
graviertem Wappen und Inschrift auf dem Deckel und eine kleine ursprünglich 
wohl zum Tafelgebrauch bestimmte silbervergoldete Weinkanne von sehr ge- 
fälliger Form und mit gefälligem Barockomament in Relief am Henkel (Engel 
u. s. w.) und in Gravierung am Bauch imd Deckel (Tulpen, Rosen u. s. w.) 
s. Fig. 54. Sie trägt das Beschauzeichen der Stadt Halle und die Marke P. R, 
ist daher als Arbeit des Halleschen Goldschmiedes Peter Rockenthin anzu- 
sehen.^ — Ein ganz kleiner silbervergoldeter Kelch mit völlig entartetem Knauf 
und dazugehöriger Patene ist nach den eingepimzten Initialen 1638 von Adam 
Ludwig von Königsmarck gestiftet. 

Von sonstigem Metallgerät sind noch zu erwähnen vier Altarleuchter 
von Gelbguss in der sehr entarteten mittelalterlichen Fomi auf rohen Löwen- 
füssen, das eine Paar 0,41 m, das andere 0,36 m hoch. Femer die Ruine 
der in Messing zierlich gearbeiteten Sanduhr der Kanzel mit dazugehörigem 
schönen schmiedeeisernen Ständer, jetzt in der Oberpfarre aufbewahrt, und 
ein kleiner einfacher, aber gefälliger, bemalter schmiedeeiserner Aufsatz mit dem 
von Barbyschen Wappenschilde, ehemals auf dem jetzt entfernten hässlichen höl- 
zernen Chorgitter, jetzt als Bekrönung des Pfarrstuhls im Chor verwandt Auch 
die schmiedeeisernen Thürringe mit den Rosetten, vor denen sie hängen, an 
den beiden Thüren der Nordseite und an der Sakristeithtir, sämtlich gleichmässig 
geformt, sind ganz gefällige Erzeugnisse der Zeit des Renaissanceumbaus (s. Fig. 1). 

Von den Glocken ist die grösste von 1,44 m Durchmesser ein 1888 von 
G. Collier ausgeführter XJmguss einer 1566 gegossen gewesenen und 1823 von 
H. Engelcke in Halberstadt umgegossenen. Die zweite von 1,25 m Durchmesser 
trägt am Halse zwischen einfachen Reifen in sehr flachen aber äusserst sauber 
gegossenen Relief -Majuskeln die etwas unorthographische Umschrift + ß . SOHI 
SVÖl . OyOflBLI . 9Va . nOS . RQ . OäNTIOÄ . OIiQLI. Am Körper 
hat sie zweimal innerhalb eines etwa 0,20 m im Durchmesser haltenden Doppel- 
reifens das jBl und Q in eigentümlicher Form mit Kreuzen verziert [Abb. Magd. 
Gesch. -Bl. 1879, S.30]. Die beiden andern kleinen „Stimmglocken" von 0,55 m 
Durchmesser sind völlig schmucklos. 

Grabdenkmäler. Über den als Altarplatte verwandten Rest eines 
Grabsteins eines Pfarrers siehe oben S. 182; Spuren einer gravierten Umriss- 
zeichnung sind darauf nicht mehr vorhanden. Über Reste von mit solchen aus- 
gestatteten Steinen, die früher zu den nach dem Chor hinaufführenden Stufen ver- 
wandt waren , siehe Beibl. der Magd. Zeitung 1889, No. 37. Die erhaltenen sind 
in chronologischer Reihenfolge die folgenden. 

Aussen an der Ostwand des Chors unter dem südlichen Fenster in einer 
kleinen nur mit Hohlkehle profilierten Rundbogennische die Kreuzigungsgnippe, 
Maria begleitet von Bartholomaeus, Johannes von Laurentius, vor dem Kreuze 
kniet ein Geistlicher, dem der Kopf abgeschlagen ist. Unterschrift in eingegrabenen 
Minuskeln: Iilj^ . ptUUfl^ . plNl • in luilin^. Gute Arbeit aus dem letzten Endo 

* Derselbe lebte 1619—1662. Seine Grabschrift ist verzeichnet in Job. Gottfr. Olearius, 
Ck)eiiieterium Saxo - Hallense, Wittenberj? 1674 pg. 141 und danach von Dr. Kohlmann am 
Schlüsse eines Aufsatzes ober den Goldschmied Christian Kittel in Monatsblatter des Thür. 
Sachs. Gesch.-Ver. I. Hefl 5 (1889). [Gütige Mitteilung des f Frof. Dr. J.Schmidt in HaUe.] 



Lobarg. 185 

des XV. Jahrhunderts. Der Pfarrer Petrus kommt in den vorhandenen Urkunden 
nicht vor. — Im Chor über der Sakristeithür kleine quadratische Reliefplatte mit 
zwei Knaben im Totenhemd und mit einem Kreuz in den gefalteten Händen, 
zwischen ihnen auf gequadortem Pussboden das von Barbysche Wappen. Um- 
schrift auf einem herumgelegten erhabenen Bande in schlechten Minuskeln ein- 
gegraben : lii cTc $m ici 9il I (1510) i|irr fiü^ m || Irtirr furf Cafl^ar iihk 
larM Am liT ttt. $m in || »il n (1511) ftre leii fiiNgr^ u aitiiij iitarf || 
«rl^tir keile cclii^ um kirke^ fiie lei git gtelii 0ie. 

Aussen am Chor unter dem Mittelfenster der Ostwand Sandsteinrelief: in 
einer von ornamentierten Pilastem eingefassten Nische kniet rechts vor dem Cruci- 
fixus ein Ritter, links zwei Frauen, die eine mit dem von Barbyschen, die 
andere mit dem von Wulffenschen Wappenschilde. Darüber eine Attika mit 
dem Spruche „Gleichwie Moses u. s. w." Als Bekrönung zwei Rundbogennischen 
mit dem von Amstedtschen (rechts) und von Wulffenschen (links) Wappen. 
Unten eine von einem Laub-Konsol getragene Inschriftplatte mit Reliefschrift: 
ANNO DNI I 1552 lAR . MONTAG NACH FRANCISCVS . STARB DI ERBAR 
VND TVQE II NT . SAME FRAW . KATERINA . VON BARBI . SÜSS . VON ARN- 
STET EUCH HAVS || FRAW LIGT ALHIE HINDER DEM HOEN ALTAR BE- 
GRABEN r^ IN DISEM lAR DI || NSTAGS NAC . MARTINI IST IR SON lACOB 
VON ARNSTET . IN GOT VERSCHIEDEN WEL || ICHER . ZV LINDAW BEGRABEN 
LIGT r^ ANNO 15 (unausgemeisselte Lücke) || STARB DER GESTRENG VND 
ERNVEST BVSS VON ARNSTET WELCHER || ALHIE BEI SEINER ÜBEN FRAWEN 
BEGRABEN LIGD WELCHEN GOT GNEDIG SEY. Busse von Amstedt ist 1569 
gestorben, hat das Denkmal bald nach dem Tode seiner ersten Frau setzen 
lassen, sich aber nachher noch einmal mit einer geborenen (Katharina) von 
Wulffen verheiratet und demgemäss das Relief abändern lassen. 

Ganz ähnlich im Aufbau, in der Architektur wie im Figürlichen höchst un- 
geschickt, aber im Omamentalen charakteristisch eine teilv^eise bemalte, etwas 
in die Breite gehende Platte im Chor an der Nordwand nach Westen zu, 
auf der Tor dem Crucifixus rechts ein junger Mann mit langen Haaren ohne 
Bart in Civilkleidung mit grossem Schreibzeug, links ein Ritter mit 
Schnurrbart und kurzgeschorenem Haar, den Federhelm hinter sich, kniet. 
In der Attika der Spruch: „Also hat Gott die Welt geliebet u. s. w." 
Über deren Eckpilastem zwei Putten, rechts mit dem von Trothaschen, 
links mit dem von der Schulenburgschen Wappenschilde, in der Mitte 
zwischen ihnen ein Kreismedaillon mit dem von Barbyschen Wappen, über dem 
eine Putte mit 2 Stäben. Unterschrift auf der ganz schlichten blaugefärbten 
Platte in vergoldeten Rcliefbuchstaben : ANNO . DOMINI . 1524 AM . ABENT . 
CATARINA . STARB . DER . ERNDFESTE . CLAVS . VON BARBII. || DER . 
OLDER :• VOLGENT . VBER . ETZLICHE . lAR . IST . SEIN . SONN . lOCHIM . 
VON . BARBII . WEL || CHER . SEINES . LEBENS . EIN . VORSTENDIG . MENSCH 
. SEINS . ALTERS . 27 . lAR . IM . DORF. || DECZ . VON . DEN . SPANIERN . 
ANNO . 47 . DINSTAGS . NACH . WOLBURGE . ERBÄRMLICH. || ERSCHOSSEN. — 
WEITER . SONTAGS . NACH . BARTOHOLOMEIJ . ANNO . 53 . IST . DIE . 
ER II BAR . VND . THVGENDSAME ELISABET . VON . DER . SCHVLENBVRGK . 
WITWE . AVCH . IN. || GOT . VORSCHIEDEN . WELCHE . IN . VORMUNTSCHAFT . 



"■ 



186 Kreis Jericbow I. 



QETREVLiCH . BEU . IREN . 80NEN. || GEHANDELT :• DER . VON . BARBU . 
DER . ELTER . SAMPT . SEINER . FRAWEN . VND . SON . LI || GE . GEN . 
DISEM . EPITAVI . BEGRABEN . RVQE . ALLE DREIJ . IN GOT . DEM. 
ALMECHTIGE . || c^ DER . HER . GEBE . INN . DIE . EWIGE . RVHE.AMEN.«-' 

An derselben Wand zwischen den beiden Fenstern eine äholich disponierte 
aber sclimaler gebaute unbemalte Platte, auf der zu beiden Seiten des Crucifixus 
ein barhäuptiger Bitter und eine Frau im Witwenschleier knien — beides höchst 
ungeschickte Figuren, dagegen das Ornament ganz trefflich, namentlich das 
konsolartige Blattwerk unten (siehe Fip:. 3 auf S. 36). Über der Attika (wieder mit dem 
Spruche: Also hat Gott die Welt geliebet) ein halbkreisförmiger Aufsatz mit dem 
von Arnimschen und von Woldeckschen Wappenschilde. Unterschrift: ANNO. 
1553. IST. DER. GESTRENGE . ERNDFESTE || GRISTOFF. VON. ARNIM . SELIGER 
AM. SVTAG. II NACH. lACOBI . VOR . DEM. DORFF . VELICZ - ERSCHOS || SEN . 
SEINES . LEBENS . GEWEST . EIN . ADELICHER. || ERBAR. MENSCH - DEM . 
GOT . GENEDIG . SEI VND || GOT . GEBE . ALLEN . DEN . VON . ARNIM . 
SABT II ALLEN CRIST . GLEVBIGEN . NACH . DISEM || LEBEN . DAS . EWIGE. 
LEBEN . AMEN. 

Im Schiff an der Südwand über der Empore eine kleine nur bemalte Holz- 
tafel mit dem von Bandowschen Wappen, laut langer, etwas verdorbener Inschrift 
für den 1551 vierzehn Tage vor Michaelis an der „swinden Fesiilent^" mit seiner 
Frau Orsel von Lindena, seinem Sohne Andres Jostkhen und seiner Tochter 
Anna fiahel Catharina Ursula verstorbenen Jost von Randau. 

Aussen an den Strebepfeilern der Nordseite von Schiff und Chor ist eine 
Anzahl von Reliefplatten aus dem Anfange des XVII. Jahrhunderts aufgerichtet, 
meist schon im Zustande vorgeschrittener und unaufhaltsam fortschreitender 
Verwitterung. Es sind in der Reihenfolge von W nach : Anna verwitwete von 
Beschwitz, geborene von Königsmark gest 24. Februar 1611 — die Figur gut 
gearbeitet und noch ziemlich gut erhalten. 

Franz von Königsraark, gest 21. November 1629, im Harnisch, mit auffälliger 
Haar- und Barttracht, Figur sehr steif. 

Eine fast ganz abgetretene Frau im Witwenschleier, geborene vonKrosigk, 
auch die Umschrift fast ganz zerstört. 

Rixa von Barby geb. von Förder, gest. 19. August 1623, sehr interes8ante,leider 
immer mehr verwitternde Kostümfigur, unten umgeben von fünf kleinen Kindern. 

Ihr hinterlassener Ehemann Hans von Barby, gest 1629, nur Wappen- und 
Inschriftstein, sehr verwittert 

Im Schiff an der Südwand über der Empore stark verdorbenes hölzernes 
Wandepitaph mit vergoldeten Säulen u. s. w. als Rahmen für ein verblasstes Öl- 
bild des Pfarrers Johann Rupius, gest 8. Oktober 1621, und seiner drei Frauen 
Margarete? gest 1605, Gertrud Aschhauer gest 1618 und Anna Maria Preussel, 
welche letztere nach seinem Tode sich anderweitig verheiratet hat 

Daneben nach W zu ein mächtiges hölzernes Trophäenepitaph mit dem 
gemalten Kniestück des 1691 im Alter von 25 Jahren zu Peterwardein an „einer 
hitzigen Krankheit" verstorbenen Fähnrichs Arendt Melchior von Wulffen.^ 

* ZwiHchen dem ereten und zweiten Fenster von Westen hängen ein Paar ReiterstieTel, 
zwei Degen und drei, jetzt ihrer Tücher beraubte schwarze Fahnenstangen (der Best der vierten 



Loburg. 187 

An derselben Wand unmittelbar neben der Kanzel das auf Leinewand 
gemalte ziemlich verdorbene Brustbild des Pfarrers Christian Kittelius, gest. 
5. April 1657. 

Endlich im Chor an der Südwand östlich neben der Sakristeithür zwei ganz 
gleich gearbeitete Wappen- und Inschriftplatten des am 27. September 1670 ver- 
storbenen Levin von Barby und seiner am 8. Mai desselben Jahres verstorbenen 
Ehefrau Katharina von Wulffen. Beide stimmen sowohl im Material, als in der 
Komposition vollkommen mit dem Epitaph des Joach. Fr. Brandt von Lindau von 
1677 zu Hohenziatz überein, nur fehlen jetzt die marmornen Flügelstücke in 
Bretzelornament, und die entsprechenden Aufsätze sind von Gusseisen; auch 
mehrere von den Wappen und Emblemen fehlen. 

Die Kirche U. L. Frauen (volkstümlich gewöhnlich die „Totenkirche" 
genannt, bei Wiggert nac^h rathäuslichen Aktenstücken aus dem Anfange dieses 
Jahrhunderts, aber ohne jede geschichtliche Berechtigung: St. Nicolai) inmitten 
des Gottesackers im Osten der Stadt vor dem nach ihr genannten Frauen- (erst 
in diesem Jahrhundert Stein-) Thore gelegen, wird in den vorhandenen Urkunden 
aus dem Mittelalter nirgends erwälint, sondern zuerst im Visitationsprotokoll von 
1562 als „umste K. vorm thore*' und ,yVnser lieben frawen Kr/* Sie wird 
ursprünglich die Kirche des später zur Stadt gezogenen Dorfes Zienmitz gewesen 
sein, dessen Flur nördlich und westlich von ihr liegt, und nach der Vereinigung 
dieses Dorfes mit Möckernitz zur Stadt Loburg allmählich ausser Gebrauch und 
in Verfall gekommen sein. Da diese Vereinigung bereits 1207 vollendet gewesen 
sein muss, wird sie wenigstens schon in der zweiten Hälfte des XII. Jahrhunderts 
erbaut worden sein, wozu auch die Formen des vorhandenen Baues stimmen. Auf 
Grund der Verhandlungen bei der Visitation sollte sie zu einem Spital umgebaut 
werden, jedoch ist es dazu, wohl wegen der finanziellen Bedrängnis der Gemeinde 
durch den Kirchenbau nicht gekommen. Dagegen hat den erhaltenen Best die 
am 2. Januar 1602 verstorbene Witwe des Obei-sten Eustachius von Wulffen auf 
ihre Kosten im Stile der Zeit wieder zum gottesdienstlichen Gebrauche in Stand 
setzen und ausstatten lassen. Die Kostenrechnung darüber ist in dem 2. Bande 
des Kirchenbuches aufgezeichnet und danach in Magd. Gesch. Bl. 1879 S. 5f. ab- 
gedruckt. In der damals erhaltenen Gestalt hat die Kirche bis in den Anfang 
des gegenwärtigen Jahrhunderts zu Leichengottesdiensten und in der zweiten 
Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu den halbjährlichen Kommunionfeiem der vor 
der Union hier bestandenen, von Burg aus pastoriorten kleinen reformierten 
Gemeinde gedient. In den Franzosenkriegen jedoch als Pulvermagazin und 
Oefangenenobdach gebraucht, ist sie allmählich in Verfall geraten, 1835 von Staats 
wegen aus der Liste der zu erhaltenden öffentlichen Gebäude gestrichen worden, 
1840 notdürftig ausgebessert und 1881 von der völlig in Verfall geratenen 
inneren Ansstattung von 1601 befreit und notdürftig zur Benutzung bei Leichen- 
feiern hergerichtet worden. Nach einem Familienrezess von 1649 gehört sie 



beim Oberpfarrer), letztere wohl von einer Leichenparade herrührend. Xach einer örtlichen 
Überlieferung soUten sie zu dem obigen Epitaph gehören. Jedoch passt dazu die Form der 
Stiefel nicht, welclie in die Zeit des dreisslgjährigen Krieges weist. Vielleicht gehörten sie 
dem oben 8. 171 erwähnten Obersten Hausmann, für den ein eigenes, jetzt nicht mehr vor- 
handenes Grabgewölbe an die Nordbeite des Turmes angebaut wurde. 



188 



Kreis Jerichow I. 



erblich der Familie von Barby, die von Wulffen aber haben bis in die neueste 
Zeit ihr Erbbegräbnis im Turm über und unter der Erde. 

Der äusserlich sehr unansehnliche, aber architekturgeschichtlich interessante 
Bau (Grundriss s. Fig. 55) stellt sich als eine der Seitenschiffe (die nur schmal 
und niedrig gewesen sein können und östlich wahrscheinlich gerade geschlossen 
waren — die Abbruchsspuren am Turm und am Schiff sind noch vorhanden) 
beraubte Pfeiler- und Säulenbasilika dar mit gerade geschlossenem rechteckigen 
Chore und breitem rechteckigen Westturme, ganz und gar aus Feldstein. Der 
oben über dem später eingezogenen Gewölbe der von Wulffenschen Familiengruft 
sehr nachlässig in Backstein geflickte Stumpf des Westturmes hat um ein Geringes 
grössere Dimensionen als der der LÄurentiuskirche, nämlich 14,50 m Breite und 
7,35 m Länge. Auch er hat unten in der Westwand ein jetzt vermauertes Rund- 
bogenportal von 2,52 m Breite, in der Ostwand aber nur eine Öffnung gegen 
das Schiff von 3,50 m Weite. Das Schiff ist im Lichten etwa 18,50 m lang und 
5,60 m breit Seine vermauerten Arkaden von 2,90 m Weite ruhen auf Granit- 
Pfeilern von 0,97 m Durckmesser,^ und zwar zeigen diese Pfeiler einen Stützen- 







? .ff T ry 



X 



Mm 
h- 

Fig. 55. L o b u r g. Frauenkirche. Grundriss. 



Wechsel, denn das westlichste Paar ist quadratisch, das nach Osten folgende acht- 
eckig, das folgende wieder quadratisch und das letzte nach Osten rund. Die 
Pfeiler, welche ohne Basis nur wenig in der Erde stecken, sind einschliesslich 
der Kämpfer 2,58 m hoch, die Höhe der Kämpfer einschliesslich der unteren 
Mörtelfuge beträgt bei den quadratischen 0,25, bei den anderen 0,32 m; ihre 
obere Ausladung hat bei allen 1,05 m Seitenlänge. Die Pfeiler sind 1881 von 
dem sie seit 1601 bedeckenden, sehr fragmentarisch gewordenen Putz gänzlich 
befreit und zeigen nunmehr eine bewundernswert vollendete Technik des Granit- 
baues. Die Mörtelfugen zwischen den einzelnen Quadern und Trommeln sind 
zum Teil 0,05 m dick. Die Kämpfer auf der Nordseite sind aus Sandstein 
zusammengesetzt und zeigen Versuche einer Kehlung. Die sämtlichen je sechs 

^ Diese sämtlichen Zahlenangaben sind nur durchschnittliche; in Wirklichkeit stimmen 
die Masse nicht an zwei Stellen völlig überein, sondern schwanken überall um mehrere Centi- 
nieter; so auch an der Laurentiuskirche. 



Lobarg. 189 

Fenster des Obegadens sind vermauert; sie stehen über den Pfeilern, genau 
aber nur die beiden mittelsten, die anderen beiderseits haben, um in der Mauer 
Platz zu finden, zusammengerückt werden müssen. In das zweite von Westen 
auf der Nordseite ist eine kleine reizvolle Relief-Wappentafel der Stifterin von 
vorzüglichster Steinmetzarbeit und in einem durch fast drei Jahrhunderte von der 
Witterung beinahe völlig unberührt gebliebenen Sandsteinmateriale angebracht. Auf 
einem profilierten Sockelgesims steht das v. Münchhausensche Wappen inner- 
halb eines flachen Kreises, auf dessen oberer Hälfte die Ziffern des Stiftungs- 
jahres 1601 als Verzierung angebracht sind. Zu den Seiten tragen hermen- 
artige Karyatiden, die oben in zierliche Engeloberleiber auslaufen, welche ihre 
Flügel mantelartig um ihre Brust geschlagen haben und ionisierende Kapitale 
tragen, den Architrav mit der Inschrift 

ANNA GEBORN V MONNICHAVSEN DES OBERSTEN 
STACHS V. WVLFEN SELIGEN NACHGELASENE WITWE. 

In einem niedrigen mit Voluten geschmückten und von zwei kleinen Obelisken 
flankierten Giebelaufsatz schaut ein Frauenkopf in Haube und Halskrause heraus, 
ohne Zweifel das Portrait der würdigen Stifterin. Stil und Technik des kleinen 
Werkes lassen vermuten, dass es von der Hand eines der beim Schlossbau des 
Statius von Münchhausen in Leitzkau beschäftigten Bildhauer herrühre. — Im Innern 
zeigt der teilweise noch erhaltene Wandputz um die Arkadenbögen Reste einer 
farbigen Omamentbemalung im Beschlagstile der Zeit von 1601. Der mit dem Schiffe 
durch den 4,50 m weiten ganz ungegliederten Triumphbogen verbundene Chor ist 
im Lichten 7 m lang undö, 55 m breit, hat die (vermauerte) Priesterthür an der 
Nordseite, oben nach N und S je zwei vermauerte Rundbogen-Fenster, in der Ostwand 
aber ein grosses Spitzbogenfenster mit Backsteinwandungen ohne Masswerk. Das- 
selbe scheint dem Bau von 1601 anzugehören. Dass der Chor ursprünglich noch 
eine Halbkreisapsis gehabt habe, lassen . einige Merkmale in dem Zustande der Ost- 
wand vermuten, jedoch nicht mit Sicherheit begründen. Die auf der Nordseite im 
Winkel zwischen Schiff und Turm eingefügte kleine Begräbniskapelle aus sorg- 
fältigst quadermässig behauenen Feldsteinen mit Sandsteingliederung der Fenster- 
gruppe, des Portals und des Kranzgesimes in frühromanischen Formen ist ein 
Neubau aus dem Jahre 1890 nach dem Entwurf von Emil Jaehn. 

Ausser diesen Kirchengebäuden war zur Zeit der Visitation noch ^fdltes 
Mauenoerck der verfallenen Capellen vff Gröden marcke"^ vorhanden, welches 
von den Visitatoren zum Bau des Spitals bewilligt wurde. Jetzt ist 
keine Spur mehr davon vorhanden. Von der Kapelle des Lehniner Gehöftes ist 
oben S. 170 die Rede gewesen. Von der Gesch. Bl. II S. 138 aufgeführten 
Schlosskapelle hat sich in Akten und Urkunden keine Spur ausfindig machen 
lassen; das dort erwähnte kleine Copiarium derselben ist wohl das des Kalands. 

Von bürgerlichen Gebäuden ist das Rat haus, welches 1609 mit einem grossen 
Saale im Obergeschosse neu erbaut war, wahrscheinlich in Fachwerkbau, 1660 



* Die Grodener (oder Graedener) Mark unterscheidet sich von der Feldmark Went- 
g roden (jetzt Wendgraeben geschrieben), welche immer zum Kirchspiel Zeppemick gehört 
hat, liegt aber in unmittelbarer Nachbarschaft der letzeren. 



190 Kreis Jerichow I. 

mit abgebrannt Da der Prospekt bei von Alvensleben allem Anschein nach 
vor diesem Brande angeferti^ ist, so zeigt er wolil unter G die Qestalt, welche 
das Rathaus lö09 erhalten hatte. Man siebt freilich nur das von W nach 
gerichtete Dach, aus dem sich mehr nach W zu ein ziemlich hoher \'ierectiger 
Turm erhebt mit einem offenen Geschosse unter dem Schweifdache, auf dem 
eine niedrige offene achteckige Laterne mit wülscher Haube steht An Stelle des 
nach dem Bi-ande errichteten wurde 1747 ein ganz neues Rathaus erbaut, 
welches 1827 restauriert, das heisst in der Hauptsache der Fachwerkbau mit 
Putz verblendet und In nüchternen Formen etwas gegliedert wurde. Erhalt«ii 
blieb von dem alten Bau das hohe quadratische Mansardendach mit seinen 



Lukarnen und der aus dessen Mitte aufsteigenden niedrigen offenen achteckigen 
Laterne mit wälscher Haube, in deren Wetterfahne der preussische Königsadler 
erscheint Erhalten sind auch die beiden aus dem nächst älteren Bau stammenden 
Uhrglocken, die grüssere von 0,60 m Durchmesser mit den Inschriften: 

VERBUM DOMINI MANET INAETERNVM. 
lOHANN VON DER LIEHT TE. R. T. 
lOHANN HOLCHABELT CONSVL (statt: Holzapfel) 
lOHANN CASPAR ZIEGELER CAMERARIVS 
M. lOHANN KOCH AVS ZERBST GOS MICH ANNO 1701 
lOHANN BÜLAV 

TEHOPHILVS SCHWASTZMEYER (statt: Scliwartzmeyer) SECRETARII 

lOHANN lACOB ALBRECHT B. H. 
Die kleinere von 0,44 ni Durchmesser hat nur den Spruch der ersten und die 
Gieaserangabe der fünften Zeile wiederholt. — Aussordera bewahrt das Archiv 
noch einen kleinen älteren Siegelstempel der Stadt, welcher im Bilde eine Stadt- 



Loborg. 191 

mauer mit Thor und drei Türmen zeigt und in der Umschrift den Namen der 
Stadt LAVBVRCK schreibt 

Ton anderen Häusern innerhalb der Stadt ist das stattlichste das nördlich 
unmittelbar an den Turm des Hönchenthores stösaende von Barbysche 
Wohnhaus, das nach dem Brande von 1660 neu erbaut ist, ein sehr einfacher 
zweigeschossi)^r Bau, ursprünglich 
ebenfalls Fachwerb, spater verputzt, 
von 7 Fenster Länge, dessen hohes 
Hansardendach neuerlichst durch 
Entfernung der Lnbamen seinen 
Charakter sehr verloren hat. Ganz 
stattlich ist das Sandstein - Portal 
an der Hofseite, welches laut In- 
schrift von Levin dem Jüngeren 
1676 errichtet ist, während an der 
grossen Tborfahrt nördlich vom 
Hause über der Pforte fürdieFuss-, 
ganger die Wappen des älteren 
J>vin von Barby und seiner Ehe- 
frau, der geborenen von Münch- 
haitsen in sehr starkem Relief, mit 
der Jahi-eszahl 1664 stehen. Im 
Innern enthielt das Haus einen 
durch die ganze nördliche Hälfte 
des Obergeschosses gehenden, jetzt 
in vier Wohnzimmer und einen 
Korridor eingetheilten grossen, aber 
niedrigen Saal mit einer reich- 
gegliederten schweren Kassetten- 
decke (Probe davon Fig. 56). Eine 
ähnliche, aber jetzt sehr veränderte 
befindet sich in einem Zimmer des 
Erdgeschosses ; ein anderes des '"^^ 

letzteren hat an der Decke nnd — WF— i 1 1 1- — -* — -( 1 T 

am Kamin Stuckdekorationen der Fig. 57, Loburg Fnohwerkhau». 

Rokokozeit Sonst enthält das Haus 

ausser einer hölzernen, jetzt anderweitig verwendeten Kamineinfassiing mit 
Guirlanden und Fruchtgehängen des Barockstils einige zwar nur geringe, aber 
geschichtlich und für die Kostümkunde interessante Familienportraits. 

Von beträchtlich grösserer Ausdehnung war das ehemals von Wulffensche 
Wohnhaus innerhalb der Stadt, das die Brände überdauert hatte, ein gegen- 
wärtig verstümmelter, verwahrloster und entstellter Fachwerkbau von zwei 
(lescbossen in höchst einfachen Formen. Im Innern befand sich noch vor andertlialb 
Jalirzehnten eine mit hübscher Holzschnitzerei mit Kehlungen, Ornamenten 
im Stile Aldegrevers und Reüefköpfen geschmückte Thür von 1566, deren Schmuck 
aber inzwischen von zigeunerhaften Bewohnern des Hauses gänzlich abgerissen 



192 Kreis Jerichow I. 

und verbrannt ist. Jetzt erinnert an die ehemalige Bestimmung des Hauses nur 
noch die dick mit Ölfarbe iiberstrichene Haustliür mit Rokokoschnitzerei von 
Ornament und dem von Wulffenschen Wappen. 

Von Bürgerliäuscrn aus dem Mittelalter ist infolge der Brände nichts 
erhalten. Die nach denselben neu errichteten sind meist sehr schlichte, zum 
Teil äi-mliche Fach werk bauten mit Lehmstakenwerk, die Giebel nach der Strasse 
gekehrt, die Strassenfronten jedoch zum griissten Teil in neuerer Zeit durcli 
Schürzen in Futzbau veriiängt. Am ehesten zeigt noch das Giebelhaus am Markt 
Nr. 11 {s. Fig. 57) die Weise der Fachwerk konstruktion und der bescheidenen 
Verzierung der Schwellen mit einigen Kehlungen und flachen WürfelfrieBen. 



Fig. 59. LobuTg. 
SchloDsbcschlag an einem 
Flg. r*, Loburg. ßütgerhause, 

Unterlage äes Tharklu|>rGrs 

an einem Bürgerhause. 

Das mit der Breitseite der Strasse zugekehrte Haus Dammstrasse Nr. 13 hatte 
bis vor kurzem noch in der Thürumrahmung, deren sonst hier vielfach üblich 
gewesener Säulenvorbau verschwunden ist, Nachahmung der sächsischen Muschel- 
nischen mit Sitzkonsolen in Holz. Das kleine Giebelhaus Dammstrasse 37 haf 
die Sehwellen mit Inschriftbrettem nach der Weise des Spätmittelalters verkleidet 
Diese Inschriften lauten: 

LASS DEINE TÄGLICHE ÜBÜNO SEIN ANBAGBTIG BETES 
FLEISSIG ARBEITEN UND GOTT VEETRAVN 

ES SEEGNE GOTTES HAND AUF LANGE ZEIT UND lABR BIS 
HAUS DIE STADT DAS GANZE LANDT 1705. 



Uharg. 103 

Endlich das steinerne EaufmannshausDammstrasse Nr. 6 besitzt in seiner sonst 
ganz formlosen Erscheinung doch einen ^anz vortrefflichen, neuerlichst gereinigten 
Schlossbatchlag (Riehe Fig. 59) und Thiirklopfer (dessen Unterlage siehe Fig.öS). 

Im Jahre 1887 worden in den beim Suchen nach Chausseesteinen bloss- 
gelegten Fundamenten eines wohl im dreissigjährigen Kriege zerstörten kleinen 
Hauses bei der von Barbyschen Schäferei Reste eines Ofens aus der Renaissance- 
zeit gefunden, zumeist kleine quadratische, teils glasierte, teils unglasierte Kacheln 
mit Ornamenten und mit Brustbildern nlttestamentlicher Kguren beiderlei Ge- 
schlechts in Relief, aber auch eine grössere rechteckige mit dem Relief der 
Geisselung Christi und der Unterschrift 
HANS 8ERMANN 1562.' Sie sind teils in 
das Kunstgewerbe - Museum zu Berlin, 
teils m das zu Magdeburg, teils in das 
Germanische Museum zu Nürnberg ge- 
kommen. 

Auf einer zum Rittergute Loburg I 
gehörigen Wiese wurde im Herbste eine 
sehr schlecht gegossene und vielfach an- 
gefressene, aber im ganzen doch wohl 
erhaltene gehenkelte Bleimedaille ge- 
funden, deren Avers in Fig. 60 abgebildet 
ist Sie enthält im innersten Kreise 
ein griechisches Kreuz, in dessen Winkel 

vier kleinere Kreuze aufrecht gestellt sind. Fig.oo. Loburg. Amalct. 

Die Inschriften der beiden äusseren 

Kreise sind in verkehrt stehenden Buchstaben hergestellt, und zwar im&ussersten 
Kreise: +WaWÄiW9VaaWWaV, -im mittleren: 
+ 9HAIW 8 QWQ. Fangt man die Lesung im äusseren Kreise nicht 
bei dem Kreuze an, sondern bei a in der Richtung nach links, fährt überdas Teilungs- 
kreuz weglesend bei b fort und geht dann in den mittleren Kreis über, von c aus 
nach links weiterlesend, soerhältman die Anfangsbuchstaben der Worte der beiden 
ersten Verse des Evangeliums Johannis in der Übersetzung Luthers. DieRück.seite 
enthält ebenfalls im innersten Kreise ein griechisches Kreuz, jedoch sind hier 
die kleinen Kreuze diagonal in die Winkel desselben gestellt Von den Um- 
schriften ist nur die des mittleren Kreises teilweise in Spiegelschrift, aber eben- 
falls rückwärts zu lesen: + A H G HHW8 + 9, diedesäussersten istin gewölin- 

' Von diesem Hans Dermann ist auch 18S6 ein mit einer Reihe neu testameutl icher 
Reliefe, nameotlich aus der PaaBioiiggeschicht«, jede Kachel mit Beiiiem Nameu und der 
Jahi«)izabl 1562, versehener grüner Kachelufen zu AttinghBUsen im ('anton Uri bekannt 
geworden |vrgl. Anz. f, Schweiz. Alt-Kunde 1886 S. 2'ä:;]; auch eine Kachel mit gleicher 
BeieichnuDK zu Wismar früher schon und 1874 eine mit der Jahreszahl 1565 zu Naasau 
[vTgl. Jahrb. des Ver. für Mecklenb,(3each. Hl. XVIII B. 270 und Anzeiger des Germ. Museums 
1874 8p. 216]. — Im hiesigen Kantorat benndet siih ferner die Ruine eines Gründe lens, desaen 
kleUi« quadratische griinglasierte Reliefkachcln sämmtlicb das Itrustbild der ersten Königin 
von Pienaaen tragen, über deren Frisur die preussische Königskrone von Lorbeerzwei gen 
Bingebm frei schwebt. 



lÖ4 Kreis Jerichow I. 



lieber Stellung der Buchstaben nach rechts zu lesen + V6WDLVDSIDPVDF. 
Liest man hier aus der äussersten Beihe nach der mittleren bei a hinüber, so ist 
wohl aufzulösen V(nd) G(ott) W(ar) Dcas) L(icht) V(nd) D(as Licht) S(cheinet) l(n) 
D(er) FCinsternis) V(nd) D(ie) F(insterniss) H(at es) N(icht) B(egriöen) AMEN. 
Das ist in der Hauptsache ziemlich genau Vers 5 des ersten Johannes -Kapitels. 
Hiernach ist die Medaille eins der Amulette, welche nach Jul. Reichelt, exer- 
citatio de amuletis Argentorati 1676 § 61 pg. 75—78 in der Zeit des dreissig- 
jährigen Krieges gegen Hieb, Stich und Schuss viel gebraucht und von römischen 
Priestern selbst eingesegnet wurden, unter andern in Form von Münzen, die mit 
Kreuzen und dem Anfange des Evangeliums Johannis versehen waren. Reichelt 
bildet auf Tab. III Fig. 6—8 drei dem hiesigen sehr ähnlich gestaltete von ver- 
schiedener Grösse ab, jedoch ist auf diesen nicht der Anfang des Evang. Johannis 
verwandt, sondern in mancherlei Varianten und Umstellungen die kabbalistischen 
Worte: Adam Dageram . Älgar . Algastna und Amertei, Das hiesige Exemplar 
befindet sich jetzt im Provinzial- Museum zu Halle unter A. H No. 221. 

Lostau. 

[973 Loztowe, 1459 Lostov.J 

Pfarrdorf an der Elbe, 11 km nordöstlich von Magdeburg, dessen Besitz 
bereits 973 dem Erzstift von Kaiser Otto IL bestätigt wurde, und zwar gehörte 
es speziell der Dompropstei. Eine danach genannte Familie kommt zuerst 1208 
mit einem Hinricus de L. vor. 

Die Kircie, früixer dompropsteilichen , jetzt fiskalischen Patronats, liegt in 
dem „Gross -Lostau" genannten westlichen Teile des Dorfes und zwar ziemlich 
an dessen südlichem Endo, östlich von der NW-SO-Dorf Strasse. Sie ist ein ein- 
schiffiger romanischer Bruchsteinbau nach Schema I, jedoch ohne Apsis. Am 
quadratischen Altarhanse sind die zwei Fenster der Nordseite und das in der 
graden Ostwand noch in der ursprünglichen Form erhalten; sämtliche übrigen, 
auch die (nach OW je zwei, nach NS je eins) der Glockenstabe des mit Giebeln 
für das Satteldach versehenen Westturmes sind vergrössert und in Backstein 
erneuert. An der Südseite ist eine Vorhalle in Fachwerk angefügt. 

Im Innern ist der stipes des alten Altares vorhanden mit einem Schränkchen 
an der Nordseite aber ohne die Platte. Auf ihm steht ein mittelalterlicher Flügel- 
schrein, welcher aber der Schnitzereien beraubt ist, an deren Stelle Gemälde 
geti-eten sind auf Leinwand, die auf dem Hintergrunde befestigt ist, im Schreine 
das h. Abendmahl, auf den Flügeln rechts Gethsemane unter Golgatha, links die 
Auferstehung unter der Himmelfahrt. Über Entstehungszeit dieser Stümpereien 
kläit das Chronogramm des Hexameters unter dem Mittelbilde auf: 

ANNO 
NOBlsCVM DeVs est 

fortIs, persIstIte 

LaSSI (1665). 

Aus demselben Jahre stammen zwei Messingleuchter. 

Kelch, Patene und Hostienschachtel von Silber sind von 1700, mit 



Lostau. Luhe. 195 



aufgelöteter Kreuzgruppe in Relief, auf der Patene fehlen jedoch Maria und Jo- 
hannes. 

Der alte Tauf st ein hat eine Halbkugelkufe von 1 m äusserem und 0,80 m 
innerem Durchmesser und am quadratischen Fusse von 0,55 m Seitenfläche auf 
jeder Seite das eingegrabene Bild eines aufgerichteten Löwen. Die bildlose Tauf- 
schüssel von Messing ist laut Inschrift 1663 gestiftet 

Von den Glocken hat die grössere 1 m im unteren Durchmesser, am 
Körper ein Crucifixusrelief und die Inschrift mit den Namen des Pastors, des 
Schulzen und der Kirch väter, wonach sie 1715 gegossen ist u. zw. von J. 0. Wentzel 
in Magdeburg. 

Die kleinere ist von L. Leon ha rd in Burg 1826 gegossen und trägt unter 
anderen den Spruch: ICH SENKTE DAS HAUPT 1806 BEI ANBLICK DER FEINDE. 
DOCH RICHTET ES WIEDER EMPOR MIT FREUDE. 

Luhe. 

[Gegen 1400 Luge, 1404 Lughe, 1477 nnd 1562 Lüge.] 

Kirchdorf, Vl^km nördlich von Möckem, ehemals zum Amte Möckern gehörig. 

Die Kirche, von der das Visitationsprotokoll von 1562 angiebt, sie „soUe^^ 
anter dem Patronat des Bischofs von Brandenburg stehen, stand in Wirklichkeit 
ehemals unter dem des Klosters Plötzke, nach einer mündlichen Überlieferung 
von 16b2, welche Abel in der handschr. Chronik von Möckern aufbewahrt hat: 
weil eine Nonne von Plötake die abgebrannte Kirche, da der Graf von Möckern, 
ihr Bruder, zu arm dazu gewesen, auf ihre Kosten habe wieder aufbauen lassen 
und sie der armen Pfarre zu Tryppehna, mit der sie noch heute als filia vagans 
verbunden ist, zugewendet habe. Nach Aufhebung des Klosters war das Patronat 
kursächsisch. Die Kirche liegt am Ostende des Dorfes inmitten des Kirchhofes 
dicht an der Chaussee nach Burg und ist ursprünglich ein einschiffiger roma- 
nischer Feldsteinbau (mit eingemischten Gommemschen Bruchsteinen) nach 
Schema I, wovon noch der Turm mit 3 bezw. 1 Schallöffnungen in der Glocken- 
stube und NS- Giebeln für das Satteldach, unten gegen das Schiff mit einem 
grossen Rundbogen sich öffnend, erhalten ist. Das Schiff ist aber vollständig 
verändert mit dreiseitigem Schlüsse und regellosen grossen Fenstern. 

Der Altar ist noch der alte, aber ohne die Deckplatte. Auf ihm steht ein 
Kanzelaufbau mit den Thüren für den Umgang der Kommunikanten von 
bescheidenster Dörflichkeit. Femer zwei Messingleuchter in der noch aus 
der gotischen Zeit überlieferten Form, ohne Füsse, laut Inschrift 1659 gestiftet. 

Der Taufstein in einfachster gotischer Form ohne alle Inschriften und 
Zierrate ist achteckig von 1 m Durchmesser übereck. Die dazu gehörige 
Messingschüssel hat die bekannte Dekoration in grosser Entartung, im Fond 
ein nach links laufendes Einhorn zwischen grossen Blumen ohne eine der 
bekannten Umschriften. 

Zwei Glocken, die eine mit sehr runder Haube völUg schmucklos, die 
andere nur mit zwei Paaren höchst ungeschickt umgelegter Bindfadenschnüre, 
fallen durch ihre lange schlauchartige Form und das weite Ausladen des Schlag- 
ringes auf, die eine von 0,76 m Höhe hat unten gleichen Durchmesser, am 

13* 



196 



Kreis Jerichow I. 




Halse aber nur 0,36 m, die andere unten 0,74 ni und am Halse 0,35 ra Durch- 
messer. Keine von beiden scheint die ehemals aus Tr\T)pehna (s. das.) erkaufte 
zu sein. 

Lüttgenziatz. 

In mittelalterlichen Urkunden neben Hohenziatz nicht besonders erwähntes 
(denn die von Jacobs vorgeschlagene Identifizierung des 992 dem Kloster Mem- 
leben geschenkten Ziaeinavizi ist sonst durch nichts weiter belegt) Rittergut an 
der Ihle, 3 km nordwestlich von Hohenziatz, jetzt Station der Kleinbahn Burg- 
Magdeburgerforth, befand sich nach von Alvensleben als von Plothosches After- 
lehen 1512 im Besitze eines Hans Henschen, nachher in dem der von Amstedt, 
von denen es 1617 an die Brandt von Lindau überging. Im XVIII. Jahrhundert 
kam es unter anderen an die von Barby und wurde 1762 an einen Zweig der 
von Plotho verkauft, in dessen Besitze es noch jetzt ist. Die Lage des Gutshofes 
markiert sich noch heute deutlich als die einer alten Sumpfburg. 

Die nordwestlich vom Gute gelegene Kirche, Filial zu Hohenziatz, unter 
Patronat des Rittergutes, wird sogar auch bei der Visitation 
1562 nicht erwähnt. Sie ist aber ein romanischer einschiffiger 
Feldsteinbau nach Schema II, sehr klein ^ und niedrig, auch 
aussen und innen völlig verputzt, da sie noch 1651 in völlig 
verwüstetem und verfallenem Zustande befindlich, erst ein Jahr- 
zehnt später wieder hergestellt ist, wobei der Triumphbogen 
weggeschlagen ist, die Fenster verändert und die Thüren ver- 
legt sind. Das Dach ist, wie in Hohenziatz, einheitlich in gleicher 
Flucht auch über das eingezogene Altarhaus weggeführt Das 
Fachwerktürmchen hinter dem Giebelaufsatz der Westseite gehört einer Erneuerung 
von 1887 an und enthält eine Glocke von L. Leonhard von 1822. 

Auf dem Altare steht ein steinerner Aufsatz in hässlicher Holz- 
umrahmung mit dem Relief des h. Abendmahls, darüber in rundbogiger Lunette 
die Grablegung, über der die Rundfigur des Auferstandenen, alles in sehr aus- 
geartetem Barock. Die auf der Rückseite eingegrabene Inschrift nennt Dietrich 
Brand von Lindau als den Stifter und den September 1662 als das Datum. Vorn 
an der Staffel aber ist zwischen den Wappen dieses und seiner Ehefrau Elis. 
Dorothee von Bülow die Zahl 1664 angemalt, vielleicht das Jahr der nachträglich 
ausgeführten, jetzt in schreiender Ölfarbe erneuerten Bemalung des Werkes. 
Vorn sitzt Judas, sich nach dem Beschauer umkehrend. Neben ihm ist in das 
herabhängende Tischtuch das Steinmetzzeichen Fig. 61 eingegraben. — Der nicht 
mehr benutzte Taufengel stammt von 1719. 

Unter den Kästen mit Totenkränzen der Jungfrauen verdient ein 
schwarzpolierter mit zierlichen Zinn -Beschlägen über und unter der Glasthür 
Erwähnung: oben die gravierten Wappen von Gedeler und von Grävenitz, unten 
der von Blattranken umgebene und gekrönte Inschriftschild der Marie Friderica 
Louisa von Gedeler geb. 1747, gest. 1757. 



Fig. 61. 
Lüttgen 
ziatz. 



* Die Masse sind noch etwas geringer als in Klepps (s. oben S. 122) : Breite 6,29 — Lange 
des Schiffs 10,09 — Altarhaus 5,15 m. 



Menz. 

[1275 Mentiz, i;(68 Mecnz, 1562 Mointz.] 

Pfarrdorf 9 km östlich von Magdeburg, das immer in Verbindung mit 
Wahlitz und Rünigsborn (siehe daselbst) erscheint 

Die Kirche mit ihrem „redor" Meinardus wird zuerst 1275 (siehe Gübs) 
erwähnt, vielleicht ist das ganze damalige Pfarrsystem aber bereits nach dessen 
Tode, auf welchen schon die damaligen Bestimmungen Rücksicht nelimen, auf- 
gelöst worden. Zur Zeit der Visitation lö6i ei-scbeint der Ort als Filial von 
Biederitz, in welchem Verhältnis es bis 1G74 blieb, wo dann unter Hinzufügung 
von Wahlitz als Filial wieder ein besonderes Pfarrsystem unter Patronat der 
Besitzer von Königsborn 
und Wablitz eingerichtet 
wurde. Die Kirche, ähn- 
lich der Leitzkauer Schloss- 
kirche auf weite Entfer- 
nungen hin sichtbar, liegt 
auf einem der bedeutendsten, 
wohl kaum durch die Natur 
allein ganz regelmässig ab- 
gerundeten SandbUgel der 
in der Einleitung Ö. ö er- 
wähnten Dünenreihe am 
östlichen Rande des alten 
Elbthales,' der, ehemals 
ganz, zum Teil noch jetzt 
mit Kiefern bestanden ist, 

. , , Fism. Moni. Kirche. Thüratun. 

unter denen ein besonders 
starkes und malerisches 

altes Exemplar Beachtung verdient, und um dessen Fuss sich das Dorf in Huf- 
eisenfurm westlich herumzieht, Sie ist ein barocker Putzbau, der gleichzeitig 
mit oder bald nacli der Neukonstituioruiig dor Pfarre entstanden sein wird, ein 
einfaches Oblong mit charakterlo.sen Fenstern und unregelmässigem, fenster- 
losem Vs Schluss, innen mit hölzernem Tonnengewölbe, Über dem Westportal 
aus Sandstein, durch welches man unmittelbar in die Kirche tritt, ist ein von 
Treskowsches Wappenrelief in Sandstein eingelassen. Der quadratische Turm 
von Fachwerk ruht auf der We.stmauer und hat eine vierseitige offene Laterne 
mit entsprechender Spitze. An der Nordseite i,st dem östlichen Teile in gleichop 
Höhe mit dem Schiffe eine zweiteilige herrscbaftlicbe Priechc (unter welcher die 
von Treakowsche Familiengruft) angebaut, deren älterer östlicher Teil innen eine 
stark übertünchte Kamineinrichtung mit verschlungenem von Treskow- von der 
Schiilenburgschen Monogramm, aussen aber an dem jetzt vermauerten Sandstein- 



' Die Höbenmarke am Hockel der Kirche giebt Sli'iTG in über <leiti Mecrcexpbgcl an. 
Der VolksmuDd der Gegend scherzt, in Meuz gehe das WBs.<4er den Berg hinauf — nämlich 
weil das Taufwasser eut Kirche hinaufgetragen werden mute. 



198 Kreis Jerichow I. 



portal einen sehr schönen Thürsturz (siehe Fig. 62) mit den entsprechenden 
beiden Wappenschilden besitzt. Der jüngere westliche Teil, zu dem jetzt von 
aussen die Eingangstreppe für beide Priechen führt, hat über der Thtir ein von 
zwei lagernden Putten gehaltenes Alliancewappen mit den Initialen C. S. V. T. 
und A. C. V. B. darunter SOLI DEO GLORIA ANNO 1730. 

Im Innern befindet sich vor dem Polygon ein die ganze Höhe der Kirche 
ausfüllender Altar-Eanzelaufbau mit den Umgangsthüren in naturfarbenem, 
schön dunkelbraunem Kiefernholz. Vor den Hauptpilastem die etwas über- 
lebensgrossen, sehr bemerkenswerten Statuen des Moses (rechts) und des Täufers 
(links). Das Kanzelpolygon seitlich undnach unten konkav geschweift, der Schalldeckel 
mit grossem Pelikannest gekrönt; über den Pilastem zwei gleiche Zusammen- 
stellungen von Kreuz, Kreuzfahne, Herzen, Ankern u. s. w., darüber rauchende 
Opferurnen. Wappen und Inschriften fehlen daran leider gänzlich. Ferner 
befindet sich daselbst an der Südwand ein recht geschmackloses bemaltes sand- 
steinemes Trophäenepitaph des am 8. Juni 1715 im 32. Jahre verstorbenen 
Braunschweigischen Garde-Majors DANIEL GUHSTAVUS VON TRE8KAW, mit 
dem auf eine ovale Kupferplatte gemalten Brustbilde des Verstorbenen, 32 Ahnen- 
wappen in vier Reihen auf zwei sehr steifen Eckpilastern, oben das von nackten 
Genien gehaltene von Treskowsche und von Fördersche "Wappen. Das Ganze 
umgeben von dem hier recht hässlichen, zum Teil antikisierenden Trophäenlärm. 
Aussen ist in die Ostwand über einem schlechten Sandsteinepitaph aus dem 
XVIII. Jahrhundert ein sehr merkwürdiger älterer Inschriftstein eingelassen, von 
dem leider nicht möglich gewesen ist auf irgend eine Weise eine genügende 
Abbildung herzustellen. Die Inschrift ist in überaus schlecht ausgeführten und 
teilweise verwitterten spätgotischen Minuskeln eingegraben. Die oberste Zeile 
spottet jeder Lesung. Die darunter folgende bietet deutlich ttttt fl •'; dicht 
darunter c9 und |9; und hierunter nächst einigen undeutlichen Strichen in 
einer stark zerstörten Stelle die umrisse einer Schneiderschere, flankiert von 

den beiden Minuskeln m und $ und links daneben das Zeichen 
Fig. 63, das wohl nicht als Steinmetzzeichen, sondern nur als 
Hausmarke anzusehen ist. Die Jahreszahl 1525 scheint sich mit 
Sicherheit zu ergeben, das übrige bleibt ein Bätsei. 

Von den Glocken sagt die kleinere von 0,48 m Durch- 
Fig. 63. * messer auf dem Schlag: GEORG ELERS ME FECIT. Am Halse 
steht in zwei Reihen 1. N0BILI8 CHRISTOPHORVS HEIR (der 
folgende Buchstabe ist weggemeisselt, ist wohl für HEINR in der Form versehen 
gewesen) DE ZIGESAR, 2. ANNO J6V1 (soll wohl 1651 heissen) lEREMIAS 
DANIEL P.W.B.M.H.K.E.H.H.K. Darunter ein abwärtshängender 
Phantasiefries und am Körper vier nicht sehr gut ausgeprägte Reliefs mit Hirsch, 
Adler, Hase und Löwe in Lorbeerkränzen. Die grössere ist ein Neuguss von 
H. Engelcke in Halberstadt von 1825. 

Möckern. 

[949 Mocrianici, 965 Mokomic, 974 Morkeni, 1161 Mokerne, 992 und 1196 
Mokernic, 1562 Mockem; Leu thinger in der Topographia Marchica 1599 nennt 
es Muceria, Leuber im Catalog Comit. et Baron. Saxoniae 1643 Mucöria vulgo 




MI 



200 Kreis Jerichow L 



Möckern, gegen Ende des XYI. Jahrhunderts wurde der Name auch latinisiert 
in Megara.] 

Stadt und Rittergut an der £hle und Station der Magdeburg-Loburger 
Eisenbahn.^ 

Die „civiias" Möckern wird zuerst urkundlich erwähnt unter denjenigen, 
deren Zehnt bei Stiftung des Bistums Brandenburg bereits dem Moritzkloster zu 
Magdeburg vereignet ist, nachher als „urbs** 965 unter denjenigen, von denen 
auch der Honigzehnt demselben Kloster tiberlassen wird. Übrigens muss es 
ein alter Besitz der askanischen Markgrafen gewesen sein, da es 1196 in die 
Ottonische Lehnsauftragung eingeschlossen wird. 1237 bei dem Vertrage der 
Markgrafen im Zehntstreit mit dem Brandenburger Bischöfe bleibt der Zehnt 
von Möckern nebst dem von Zerbst und Plane vorläufig noch unter der Yasallen- 
schaft des Bischofs. Es scheint danach, dass der Burgward damals ebenfalls in 
den Händen der in den beiden andern Orten angesessenen Familie von Zerbst 
gewesen ist. Vor Ende des XIII. Jahrhunderts muss er jedoch bereits an die 
Grafen von Lindow gekommen sein, da diese 1294 Leimbach und das Patronat 
von Dalchau dem Kloster Lehnin vereignen. Vielleicht nach Aussterben der 
askanischen Markgrafen zog die Abtei Quedlinburg die Lehnshoheit an sich; 
wenigstens resignierte Graf Albrecht von Lindow infoige Vertrages mit Kaiser 
Karl IV. 1377 die Herrschaft nebst der Grafschaft Lindow diesem Stifte, damit 
dieses sie an die Markgrafen von Brandenburg verleihen konnte, ein lichns- 
verhältnis, welches noch bis 1536 fort und fort erneuert wurde. Von Branden- 
burg aber nahmen nun die Grafen die Herrschaft wieder als Afterlehen in Empfang. 
Indessen muss sie der Graf gleich damals wegen Geldverlegenheiten an die 
Familie von Alvensleben wiederkäuflich überlassen haben. In deren Händen 
blieb sie auch, bis der Pfandbesitz an Erzbischof Albrecht III. überlassen wurde. 
Dieser übereignete dann 1390 durch Schenkung auf Todesfall, die aber schon 
bei seinen Lebzeiten realisiert wurde, die ganze Herrschaft Möckern (statt „Herr- 
schaft'* oder „Amt" wurde 1404 auch „Gericht," 1537 „Amt und Gericht" gesagt), 
zu welcher ausser der Stadt und dem Schlosse die Dörfer Dalchau, Luhe, Ziepe! 
und Zeddenick gehörten, seinem Domkapitel, indem er den Flecken (im Unter- 
schiede vom Kloster) Leitzkau nebst Gehrden hinzufügte, die denn auch dauernd 
mit dem Amte Möckern vereinigt blieben. In allen diesen Verhandlungen seit 
1373 erscheint ausdrücklich die „Stadt" Möckern, von der nicht bekannt ist, 
Avann sie diese Eigenschaft erlangt hat. Jedenfalls scheint ihr das neue Ver- 
hältnis zum Domkapitel unerwünscht gewesen zu sein, denn sie gehörte zu den 
Städten, welche sich mit Magdeburg in den Kämpfen gegen Erzbischof Günther 



* Litterat nr. Joachim Gottwnlt Abel, 1755- 1806 Paatoi und Superintendent zu M., 
Gesch. der Stadt und Herrschaft Möckern; Handschrift gegenwärtig in der giiflicbcD 
Bibliothek zu Möckern, in 3 Bänden, die leider etwas durcheinander gebunden und nicht 
paginiert sind — sehr gründlich und ausführlich, auch auf die Beschreibung der Bauwerke und 
Denkmäler eingehend, aber leider nicht bis zu Ende geführt. — Riedel, in der Einleituog 
zu A. lY (1844) Abschn. 2. b. Die Herrschaft Möckern S.23f. — von Mülverstedt, Anti- 
quitates Mockernianae; in Gesch. Bl. IV (1869) S. 192-202 — Klewitz, M., die Gemeinde 
Möckern während dcR dreissigjäbrigen Krieges ; in Blatter für Handel, Gewerbe etc Magde- 
burg 18P2, 8. 218-220 und 225-227. 



Möckern. 201 



Terbttndeten. Oleich wohl wurde das Verhältnis noch enger, als nach den durch 
Kurfürst Friedrich IL neu angeregten Verhandlungen über die Lehnshoheit, 
welche im Zinnaer Vertrage von 1449 noch einen Ausschluss Möckerns von der 
definitiven Regulierung herbeigeführt hatten, Kurfürst Albrecht Achilles im 
Vertrage von Wilsnack 1476 alle seine diesbezüglichen Ansprüche an das Erz- 
stift abtrat, von dem nunmehr die Grafen von Landow die Herrschaft zu Lehen 
erhielten, jedoch mit dem Beding, sie gegen 3ö00 Rhein. Gulden dem Domkapitel 
wiederkäuflich zu überlassen. Dies Verhältnis dauerte bis zum Aussterben 
der Grafen von Lindow und Ruppin 1524, nach welchem — zumal auch Kur- 
fürst Joachim L 1533 im Zerbster Vertrage neuerdings auf die brandenburgischen 
Hoheitsansprüche verzichtet hatte — das Domkapitel die Herrschaft direkt vom 
Erzbischof e zu Lehen trug. Dasselbe liess sie durch Amtshauptleute oder 
Befehlshaber verwalten, nur unterbrochen durch ein kurzes Intermezzo von 1549, 
wo nach Vertreibung des Domkapitels die Stadt Magdeburg sich auch Möckerns 
bemächtigt hatte, bis zu ihrer eigenen Belagerung durch Moritz von Sachsen. 
1573 verkaufte das Kapitel die Herrschaft jedoch als ein Afterlehen an die von 
Barby, von denen sie 1590 an die von Stammer und 1608 an die Mynsinger 
von Frundeck überging, nach deren Aussterben 1637 vom Domkapitel zurück- 
genommen, 1646 an Nikolaus von Zastrow, von diesem 1651 an den Fürsten 
von Anhalt-Zerbst, 1684 an die von Grapendorf, 1710 an die von Münchhausen 
und 1742 an die später zur Orafenwürde erhobene Familie vom Hagen, in deren 
Besitz sie noch jetzt ist. 

Die Stadt, welche ausser den furchtbaren Verheerungen des dreissig- 
jährigen Krieges — unter andern hatte Tilly hier im Anfange von 1631 drei 
und eine halbe Woche lang sein Hauptquartier, ehe er näher an Magdeburg zu 
dessen Belagerung heranrückte — besonders durch eine grosse Feuersbrunst 
1688 fast vollständig vernichtet worden ist, lässt noch heute den Plan der 
mittelalterlichen Anlage in Gestalt einer ziemlich genau von S nach N gerichteten, 
von Mauer und Graben umgürteten Ellipse, an welche sich nördlich die Burg, 
eine Sumpfburg, unmittelbar anschloss, und von deren nördlichem Ende eine 
Vorstadt sich lang nach Westen hinaus erstreckte, deutlich erkennen. Die von 
Abel als „stark'^ bezeichnete Stadt-Mauer aus Feldsteinen war zu seiner Zeit 
noch ganz vorhanden, heute ist der grössere Teil ganz oder wenigstens bis auf 
geringe Höhe über dem Erdboden niedergelegt, erhalten in ursprünglicher Höhe 
ist hauptsächlich ein beträchtliches Stück, welches sich von dem ehemaligen 
Zerbster Thore auf der östlichen Seite nordwärts bis zum Schlossparke hinzieht 
und auch m)ch mit einem runden Weichhause versehen ist, sonst aber nichts 
Charakteristisches aufweist. Von der nordwestlichen Seite ist eine nicht 
unbeträchtliche Strecke zwischen Häusern und Gärten hinlaufend in Höhe von 
etwas über 1 m erhalten. Die Mauer war von drei Thoren durchbrochen, 
dem Magdeburgischen oder Vorstädtischen, welches in der* Gegend der heutigen 
Apotheke stand, dem Barbyschen oder Winkeischen, welches in den sogenannten 
Winkel zwischen der Vorstadt und dem Schlosse führte, und dem Zerbster 
oder Gretzer, letzeren Namen nach einer vor demselben gelegenen ehemaligen 
Dorffeldmark tragend, welches am Südende der Ellipse liegt. Von letzerem 
steht noch ein etwa 15 m hoher Stumpf des aus Feldsteinen roh hergestellten, 



203 Kreis Jerichow I. 

oben mit Bruchsteinen von Oommem geflickten runden Thorturmes^ dessen 
Gestalt zur Zeit nach dem dreissigjährigen Kriege auf dem Prospeiit bei von 
Alvensleben zu erkennen ist (unter F) mit welscher Hmibe und 4 Wefferbüchsen 
nn dea Ecken gedeckt Zu Abels Zeit befand sich über dem damals nocb vor- 
handenen eigentlichen Thore eine Steintafel mit der Inschrift des Joachim 
Friedrich ab „postulierten AdministratofK." Das Rathaus, von welchem auf 
dem Prospekt bei von Alvensleben unter £ der kleine Dachreiter über dem 
Zusammentreffen der beiden im rechten Winkel auf einanderstossendenFlftgel zu 

erkennen ist, warin der Keuers- 
brunst 1688 gänzlich zu Grunde 
gegangen. Der danach erst 
zwölf Jahre später errichtete, 
neuerlichst abgebrochene und 
1894—95 durch einen statt- 
lichen Steinbau ersetzte FhcIi- 
werkbau war ein reiner Be- 
dürfnisbau , nur durch die 
grossartigeVorscb wen düng von 
gewaltigem Hobt-Material be- 
merkenswert, und enthieltsonst 
ausser einer Kopie des Akens- 
lebenschen Prospektes schlech- 
terdings nichts, nicht einmal 
einen alten Siegelstock. 
Übrigens zeigt d&u Stadtsiegel 
drei Türme über einer Thor- 
mauer, an deren Ecken noch 
zwei getürmte Erker aus- 
kragen. 

Von älteren büt^rlichen 

Fig.65. Meckern. Giebel ein« F«h»erkh«..«eB. Haus-Bauteu ist ebensowenig 

in der auch in neuerer Zeit 
noch mehrfach von Bränden heimgesuchten Stadt etwas erhalten. Nur das gegen- 
über dem Hathause an der Nordseite des Marktplatzes gelegene, ziemlich ver- 
nachlässigte, dem ehemaligen Eathausbau wohl gleichzeitige Haus Nr. I6U zeigt 
noch die übrigens jedes Schmuckes entbehrende Zimmermanns- KonstniktioD 
des damaligen Fachwerkhaus (s. Fig. üö). Das Innere hat, wenn auch sehr ver- 
nachlässigt, doch noch deutlich erhalten, die Einrichtung eines alten Ackerbüi^r- 
hauses ohne Braugerechtigkeit. Der vordere Teil des langgestreckten Gebäudes 
hat zu beiden Seiten des Flurs, in den man durch die Thür in der Mitte der 
Strassonfront eintritt, zwei Wohnzimmer hintereinander, auch die Küche und 
Treppe zum Obergeschosse. Die Mitte der rückwärtigen Hälfte nimmt eine 
vom Flur und vom Hofe aus zugängliche Tenne ein, neben welcher zu beiden 
Seiten die verschiedenen Stallungen liegen, darüber in mehreren Geschossen 
Speicherräume. 

Die Pfarrkirche, St. Laurentii, muss wohl schon, ehe sie diesem Heiligen 



Muckern. 203 



gewidmet wurde (siehe oben bei Loburg), bestanden haben, da Möckem bereits 
949 zu den drei Surgwarden gehört, in denen der Abt des Moritzklosters dem 
Brandenburger Bischöfe jährlich zur Zeit der Predigt und der Firmelung gewisse 
Dienste leisten soll. Über die Unklarheit der Zuteilung des ganzen Burgwards 
zum Archidiakonatsbezirk von Leitzkau oder Brandenburg siehe die Einleitung 
S. 18. Jedenfalls gehörte 1450 das appidulum Möckern zur sedes Leitzkau, das 
Patronat aber gehörte dem Magdeburger Domkapitel, dem die Kirche 1401 durch 
Papst Bonifaz IX. inkorporiert worden war, und ist von diesem nachher an die 
Besitzer des Schlosses übergegangen. In der Kirche befanden sich zur Zeit der 
Visitation ausser dem Uauptaltare vier geistliche Lehen: Oninium Sanctorum 
Trium Begum, gestiftet 1411, St. Andreae und Beatae Virginis, ausserdem noch 
ein Altar St Crucis, der im Protokoll nicht erwähnt wird, zu dem aber 1516 und 
1517 noch viel beigesteuert war. Die Reformation scheint nach den Nach- 
weisungen Abels aus den Kirchen reclmungen bereits gegen Ende der zwanziger 
Jahre allmählich und geräuschlos eingeführt worden zu sein; der letzte katho- 
lische Pfarrer Johann Dreyer (oder Dreger), der sich 1526 noch vicephbanus 
nennt, behielt auch das protestantische Pfarramt, in dem er sich noch 1562 
befand. 

Das etwa in der Mitte der eigentlichen Stadt dicht an der östlichen Stadt- 
mauer inmitten des alten Kirchhofes gelegene Kirchengebäude hat eine der 
benachbarten Laurentiuskirche zu Loburg sehr ähnliche Baugeschichte hinter 
sich. Auch hier ist der älteste Teil der Westturm aus Feldsteinen, aber quad- 
ratischen Grundrisses, daher auch in der Glockenstube mit je zwei Schall- 
öffnungen nach jeder Himmelsrichtung, auch ist das Mauerwerk weniger sorg- 
fältig als in den Loburger Türmen; die Blöcke, aus denen die Umrahmungen 
der Fensterschlitze gebildet sind, haben ihre ursprüngliche zufällige Gestalt 
behalten. Der Turm, welcher schon 1558 umgebaut und mit Schiefer gedeckt 
war, hatte 1611 eine neue hohe Spitze erhalten, die nach den Verwüstungen des 
dreissigjährigen Krieges 1642 und 1662 erneuert war und so auch noch auf von 
Alvenslebens Prospekt erscheint. Sie ist jedoch 1688 mit abgebrannt und nicht 
wieder erneuert worden. Statt ihrer bedeckt ein niedriges Zeltdach den Tufm. 
Von der Gestalt des romanischen Schiffes und Altarhauses sind keine Spuren 
mehr übrig geblieben — dass es, wie nach Wiggert Otte und Lotz angeben, 
eine dreischiffige Basilika gewesen, lässt sich nach der Analogie der Kirchen- 
bauten in den grösseren Burgwarden dieser Gegend immerhin annehmen. 
Höchst wahrscheinlich hat das Gebäude bereits in spätgotischer Zeit, ebenfalls 
wie die Loburger Kirche, einen Um- und Erweiterungsbau erfahren, von dem 
noch die Masswerke in den je 5 schlanken zweiteiligen Fenstern des Schiffs 
herrühren werden, über dessen Gestalt aber um so weniger etwas zu sagen ist, 
da hier Strebepfeiler mit Ausnahme derjenigen an den Ecken des Schiffes, von 
denen die westlichen nach N und S im rechten Winkel vorspringen, die öst- 
lichen aber diagonal stehen, nicht vorhanden sind. Dieser Bau nun hat, obgleich 
das Visitationsprotokoll von 1562 über seinen Zustand keine Angaben macht, 
genau in derselben Zeit und vermutlich auch durch dieselben Werkmeister, 
wie die Loburger Kirche, einen Renaissance-Umbau erfahren. Dies erhellt teils 
aus den urkundlich überlieferten Zahlen 1581, wo ein Maler Benedikt Vogdt 



204 Kreis Jerichow I. 



von Eirchhan die Kirche aasgemalt hat, and die Stadt mit dem yoq Barby 
wegen der Fuhren zum Kirchbau prozessierte, und 1593, die am Gewölbe des 
Chors angemalt ist, teils aus dem Befund des Bauwerkes selbst. Denn einerseits 
finden sich an dem später (siehe nachher) veränderten Schiffe, dessen Wände 
wie in Loburg aus Feld- und Bruchsteinen gemischt wieder aufgeführt sind, und 
dessen gänzlich ausser Verband mit dem Turme aufgemauerte Westwand zu 
beiden Seiten desselben je ein kleines längliches, oben rund geschlossenes, jetzt 
wieder vermauertes Fenster enthält, nicht nur unter dem dieserhalb kürzer 
gehaltenen westlichsten Fenster der N- und S-Seite genau dieselben Sandstein- 
umrahmungen mit den oben durcheinandergesteckten Stäben der bereits wieder 
rundbogrg gewordenen Portale wie in Loburg, sondern auch die Ostwand des 
Schiffs wie die Südfront der südlich an das Altarhaus angebauten und mit 
gratigem Kreuzgewölbe gedeckten Sakristei tragen Staffelgiebel mit Eckvoluten 
aus Backstein wie in Loburg, wenn auch in geringeren Massen und einfacheren 
Formen. Andrerseits aber ist das wohl erst damals mit einem % Schlüsse ver- 
sehene Altarhaus innen wie in Loburg mit einem auf dem völlig gleichen 
Konsolengesimse ruhenden und in gleicher Weise mit hölzernen Rippen belegten, 
nur durch den Polygonschluss abweichenden hölzernen Tonnengewölbe bedeckt 
in dem sich auch dieselbe Bemalung mit zahlreichen Wappen findet^ so besonders 
Im Polygon denen von 12 Magdeburger Domherrn der Zeit, während die gegen- 
wärtig kn den Längsseiten vorhandenen der Besitzer Möckerns von den Grafen 
von Lindow bis zu den Freiherm vom Hagen mit beigeschriebenen Zahlen 
späteren Erneuerungen, zum Teil erst der inschriftlich bezeugten von 1841 an- 
gehören. Älterer Zeit dagegen gehören die im Scheitel der Tonne auf den 
Kreuzungen der Rippen angebrachten grösseren Rundbilder an, nämlich wesüich 
St Laurentius als Brustbild und in der Mitte der h. Moritz in ganzer Figur mit 
der Umschrift CAPITVL. MAGDEBVRGENSE 1593, während das östlichste mit 
dem kurfürstlich brandenburgischen Adler erst der Erneuerung nach 1688 an- 
gehören kann. Der damalige Brand hat ersichtlich das Altarhaus völlig 
unberührt gelassen Auch das Schiff hat er nicht, wie nach der schriftlichen 
Überlieferung scheinen könnte, gänzlich zerstört, sondern die Mauern sind stehen 
geblieben. Sie sind aber bei der Wiederherstellung nicht unbeträchtlich erhöht, 
wie man namentlich an der ganz rohen Ummauerung des stehen gebliebenen 
Ostgiebels erkennen kann. Bei der Gelegenheit sind auch die Schiffsfenster ver- 
längert, jedoch hat man hier nicht, wie in Loburg, durch Untersetzung von gleich 
profilierten Holzstücken die Stäbe des Masswerks geschuht, sondern diese Ver- 
längerungsstücke sind in der Mitte der Stäbe eingeschoben. Demselben Bau 
gehört denn sicherlich auch die flache Decke des Schiffs an mit den sie tragenden 
je zwei ganz einfachen viereckigen Pfeilern jederseits, die das I^anghaus zu einem 
dreischiffigen machen. Dieser Bau ist auch aussen über der nördlichen Thür 
durch die steinernen Wappen des Hieronymus von Qrapendorf und seiner Ehe- 
frau Sophie von Harren (oder Haaren) bezeichnet. 

Von der inneren Ausstattung hat die Kirche den alten Haupt alt ar mit 
der ziemlich grossen, aber nicht sehr starken Platte bewahrt, welche die sehr 
sorgfältig ziemlich tief als Tatzenkreuze ausgegrabenen Weihekreuze diagonal 
gestellt trägt, aber der Reliquiengruft entbehrt. Der grosse hölzerne Altar- 



Möckern. 205 

aafsatz entspricht in seiner Disposition und im Stil gänzlich dem Loburger, 
Dur dass zu den Seiten des Hauptbiides nur je eine Säule steht und es an den 
bekrönenden Wappen gänzlich fehlt. Die Gemälde sind laut Eirchenbuchsnach- 
richt, nachdem sie 1640 durch das nasse Wetter sehr verdorben waren, 1642 
durch den Maler Christian Zierenberg von Sandau renoviert worden, der die 
Arbeit umsonst ausführte und sich nur drei Oänse zur ,, Satisfaktion^' verehren 
liess. Die Staffel ist gänzlich verdorben und weiss übermalt. Das Hauptbild 
stellt auch hier die Einsetzung des h. Abendmahles dar, in den Flügeln aber 
erscheint rechts die Fusswaschung, links Oethsemane und im oberen kleinen 
Aufsatze die Verklärung. Diese in einem hellgrauen Tone gehaltenen Gemälde 
sind durch die Übermalung sehr verdorben, aber sehr charakteristisch und unter 
den überaus dürftigen Erzeugnissen der Malerei, welche in den Kirchen dieser 
Gegenden mit wenigen Ausnahmen vorherrschen, von hervorragendem Interesse 
als unverkennbare späte Ausläufer der Kranachschen Schule, welche den Geist 
des Begründers derselben treu bewahrt haben. Derselben Schule gehört auch 
ersichtlich noch ein kleines, hinten an der Altarwand aufgehängtes Gemälde 
auf Holz an, welches einen jungen Ritter im Harnisch inmitten einer Berg- und 
Burg-Landschaft zur Rechten des Gekreuzigten darstellt, während zur Linken 
sein gesatteltes Pferd steht Dasselbe ist leider im äussersten Grade misshandelt 
und entbehrt jeder Andeutnng über Person und Zeit des Dargestellten. 

Die Altargeräte sind modern oder völlig unbedeutend. Der Bericht des 
Rates für die Visitation lö62 sagt: „Diese Nachfolgende stucke sindt v. Erbarn 
Rathe der Altenstadt Magdeburg aus der Mockemschen Kr. genohmmen [wohl 
bei der Eroberung 1549]: Ein Sylberne vergueldene Monstrantz, Ein Kelch mit 
einer pathene; Ein pacificall sylbem, 30 schock an gelde." Im dreissigjährigen 
Kriege waren die kostbareren Geräte nach Magdeburg gebracht und sind wohl 
bei dessen Zerstörung mit untergegangen. Ein silberner Kelch, den ein aus 
Möckern gebürtiger schwedischer Soldat als Beutestück aus Baiem mitgebracht 
und 1632 der Kirche verehrt hatte, ist bereits 1636 wieder der Plünderung 
verfallen. 

Die Kanzel am Nordpfeiler des Triumphbogens stammt aus der Johannis- 
kirche zu Magdeburg und ist von 1674 datiert, bemalte Holzschnitzerei in recht 
au^eartetem Barockstil. Sie steht auf einer schlanken, gewundenen, laubum- 
schlungenen korinthischen Säule; Namensunterschriften in den kleinen, jetzt leeren 
Nischen am Polygon zeigen, dass ehemals die Statuetten von Moses und der 
vier Evangelisten darin gestanden haben. 

Die Glocken sind modern. Zu Abels Zeit besass die Kirche an Stelle der 
im Brande 1688 geschmolzenen folgende: 1. die grosse Glocke, 32 Ctr. schwer, 
welche 1704 durch Johann Gottfried Wentzel aus Magdeburg in Möckern 
gegossen, aber zu Ende des XVIII. Jahrhunderts gesprungen und 1800 durch CG. 
Ziegen er in Magdeburg neugegossen und auf 34 Ctr. gebracht war; 2. die 
Mittelglocke, 1689 durch Johann Koch aus Zerbst neugegossen; 3. eine kleine, 
welche nach Abel „am Kopfe" die (jedenfalls falsch gelesene) Inschrift in 
Minuskeln hatte: gritii . Iiwili . 11 . CUC . I«« (1475), und von der Abel 
meint, sie möchte nach dem Brande aus einer anderen Kirche gekauft sein. 

Unter den Grabdenkmälern der Kirche ist einiges Bemerkenswerte. 



I 

i 



206 Kreis Jericbow t. 

Nicht mehr vorhanden ist der von Abel als vor dem Taufengel im Fnssboden 
liegend beschriebene und noch von Wiggert, auf welchen sich von Mülver- 
stedt a. a. 0. S. 2<X) beruft — gesehene , sehr abgetretene und in zwei Stocke 
geschlagene Stein mit dem Bilde eines Ritters mit aufgerichtetem Schwert in 
der Rechten, der mit der Linken vor sich einen Wappenschild mit unkenntlichem 
Wappenbilde (Fahne? Hase?) hielt, und mit der Umschrift (nach von Müker- 
stedt, die Varianten Abels sind in Klammer beigefügt): ANNO DNt (doraini) 
MCCCXIX [1319] OBIIT . . HART- 
WIG (g) US DE WELSLEUE MH-ES 
IN QUARTA reRIA ANTE (bartbo- 
lome] I C. ANIMA (ala) REQUIES 
CAT . . 

Der interessanteste ist deranssen 
an der Apsis eingemauerte flache 
Stein Fig. 66, dessen QesammtbÖbe 
über dem Erdboden 1,50 m and 
der Durchmesser der oberen Kreis- 
fläche 1 m betrügt Er zeigt m der 
Mitte des oberen Kreisstäckes die in 
Umrisslinien eingegrabene Kreuzi- 
gungsgrnppe , deren Kreuz in den 
unteren Ständer hinunterreicht bis 
auf eine Felspartie, auf welcher rechts 
vom Kreuze der Verstorbene im Pan- 
zer barhäuptig betend kniet, während 
links sein Wappenschild mit Helm 
Fig.ca steht. Um den Rand der oberen 

Scheibe läuft die Minuskelinschrift: 

lu$ . kii . ■ . rtrc . lii ( 1 407) . fi Ht . 
tfiflinU . B . IjMialiil' . lir ■ fnuttl it |#|ii . rui^ iii . nricfcil || ii picr n' - 

die letzten Worte laufen unten links neben der Helmdecbe herunter. Der Dar- 
gestellte wird der Szivert van boeym (auch Zivort van hoym geschrieben) sein, der am 
16. August 14*i2 mit Erick van Lindow und Ywan von Wulffen das Dorf Rosen- 
hagen an das Stift St. Oangolphi in Magdeburg verkauft hat' 

Früher haben als Altarstufen gedient zwei jetzt im Schiffe an der Südwand 

' Riede) A. XXIV S. 398f. Der Stein hat groMe Ähnlichkeit mit manchen we^en der 
Daratellunj dca Crucifixus in der Kreisscheibe auch als „Ki'cuz" bezeichneten Denk- und 
Sühnsteinen für gewaltsam ums Leben Gekommene, z. B. dem des Henogs Albrecbt von 
Sachsen (f 1365) bei Scbloss Ricklingen in Hannover | Abb.bei Mithoff.KuntitdeDknialeetc 
1. Taf. Till], denen des Thomas Rode (t 1487) zu Rostock, des Johannes Stenvord (f 1439) 
zu Saunatorf und des Ludeke Mozellenbruch (t lilPI) bsi Bössow in Mecklenburg-Scbwerin 
[Abb. bei Schlie, Kunst- u. Oesch.-Denkm. etc. I S. 270, 11 S. SOI, 356], dem des Borcbirt 
von Schellenberg (f 1408) vor Usterbacb bei Augsbui^ und der st^^annten ,^tetnenieii 
Jungfrau" bei Lohra bei Nortlhausen [Abb. Provinz Sachsen XII S. 113 Fig. 44|. Ob es 
aicb auch bei dem vorliegenden Denkmale um einen gewaltsamen Todesfall handelt, ist 
nrknndlicb nicht fiberliefert. 



MOckern. 207 



aufgestellte Steine, die zwei Drittel eines oben an den Ecken abgeschrägten 
Grabsteins mit der eingravierten Figur eines Priesters unter einer Eselsrücken- 
nische ausmachen. Von der Umschrift in Minuskeln ist nur erhalten: m° \\ 
cttr Slii . tt kif iffltitilf m . iUit . Ii# . Mtnir^ || %U$ui . Die Jahreszahl 
ist also 1426, nicht 1451, wie von Mülverstedt a. a. 0. S. 202 mit Fragezeichen 
liest, der Verstorbene kann daher nicht der in dem Register der Elendengilde 
(siehe nachher) 14^9 als Ortspfarrer genannte Ditmarus sein. 

Dem Alter nach schliesst sich daran ein innen an der Südwand des Schiffes 
ostwärts ziemlich hoch angebrachter kleiner, in neuster Zeit von dicken über- 
tünchungen glücklich gereinigter Stein mit dem Belief eines nach links gewandt 
vor dem Erucifix knienden jungen Mädchens zwischen vier Ahnenwappen. Es 
ist die 1570 ,,Sonnabend8 in Ostern'' gestorbene Anna von Redekin, Tochter. 
des Andreas von Redekin, welcher 1568—1573 letzter Hauptmann des Dom- 
kapitels vor Übergang des Amtes Möckem an die von Barby gewesen ist.^ 

Gleich neben diesem westlich stehen die einander sehr ähnlichen Relief- 
platten des am 18. Februar 1579 verstorbenen Claus von Barby (Sohn und 
Nachfolger des 1572 gestorbenen ersten Besitzers von Möckem Hans von Barby) 
und seiner am 23. März 1588 gestorbenen Mutter Kunigunde geb. von 
Groten. Beide, leicht mit grauer Ölfarbe überstrichen, sind von sehr sorgfältiger 
Arbeit mit vortrefflicher Wiedergabe des Kostüms und auch darin offenbar der 
Naturtreue nachstrebend, dass der barhaupt im Harnisch etwas nach links 
gewandte Sohn mit dem Stechhelm zwischen den gespreizten Füssen und umgeben 
von vier Ahnenwappen, um ein beträchtliches grösser erscheint als die etwas 
nach rechts gewandt mit betend zusammengelegten Händen dastehende, von 
10 Ahnenwappen umgebene Mutter. 

Dem Anfange des folgenden Jahrhunderts und den bürgerlichen Kreisen 
gehören zwei aussen an der Südwand nebeneinander angebrachte einander 
sehr ähnliche kleine Relief platten, des CONSVL MATTHAEVS MOLERVS gest. 
1600 und des ANDREAS MVLLER RICHTER gest. 1615, also wohl zweier Brüder, 
oder Vater und Sohn. Beide zeigen das Brustbild des Verstorbenen ganz von 
vom gesehen, unten einfach grade abgeschnitten. Jeder derselben trägt in der 
Rechten einen Handschuh und in der Linken eine Blume, neben den Köpfen 
oben jederseits ein Engel, von denen aber bei dem Andreas M. der zur Linken 
durch den "Wappenschild ersetzt ist, welcher bei dem Matthaeus M. in der Mitte 
der Schräge zu der Inschrifttafel herab angehängt ist. Die unter den Brust- 
bildern angebrachten Inschrifttafeln haben leicht ausgeschlitzte Kartuschen- 
Umrahmung. 

Darauf folgt der innen an der Apsiswand hinter dem Altare stehende Stein 
des Magdeburger Dom-Scholasticus Christian Wilhelm von Grapendorf 
(Sohnes des Ehepaares, unter welchem der Herstellungsbau zu Stande gekommen 
ist, (siehe oben S. 204) geb. 1665 gest. 1697, mit der recht ungeschickten, etwas 
nach rechts gewandten Belieffigur des Verstorbenen im Domherrnomat und 
Alongeperücke, umgeben von 16 Ahnenwappen. 



' Vrgl. über die Familie: von Mülverstedt in Gesch. EL III (1868) S. 1—34 
imbeacndere über den Grabstein 8. 32. 



208 Krei8 Jerichow T. 



Das aufwändigste endlich ist das im Altarhause an der Südwand oben 
angebrachte marmorne Wandepitaph des Neuerbauers des Möckernschen Schlosses 
(siehe nachher), Domherrn und Subseniors von Halberstadt Christian Wilhelm 
von Münchhausen, geb. 29. April 1683 gest 30. Januar 1742, von dem auch 
die einfach in Barock dekorierte, mit dem Alliancewappen von Münchhausen — 
von Platen gekrönte Patronatsloge im östlichen Teile des nördlichen Seitenschiffes 
der Kirche herrührt. Dasselbe ist in der Wahl und Verwendung des Materials 
von rothera, weissem und grauem Marmor, in dem ganzen Aufbau und der 
stilistischen Behandlung ein Zwiilingsbruder zu dem von Wulffenschen in der 
Kirche zu Steglitz (siehe daselbst) und fraglos auch von demselben Meister 
gearbeitet Nur fehlt hier jetzt die Portraitbüste des Verstorbenen, die zu Abels 
Zeiten noch dagewesen ist, und die Grabschrift steht nicht auf der Tafel unter 
dem Sarkophag, sondern auf der hinter diesem sich erbebenden Eückwand; auf 
dem roten Sarkophage liegt hier ein auf einem Totenschädel schlummernder 
weisser.Marmorknabe, und von den beiden neben dem Sarkophag stehenden, heftig 
weinenden weiblichen Figuren in weissem Marmor stützt die zur Rechten ihre 
rechte Hand auf ein Buch, die zur Linken hat neben sich das Domherrn barett 
auf den Sockel der Inschrifttafel gelegt Über dieser Tafel, die seitlich von 
den Ahnen Wappen begleitet ist, fliegen zwei sehr dralle nackte Genien, den 
grossen von Münchhausenschen Wappenschild aber, von dem goldene Strahlen 
ausgehen, hält oben der das Ganze krönende grössere und schlankere Genius 
mit der Linken, während er in der Rechten einen goldenen Lorbeerzweig 
hoch hält. 

Das Hospital St Nikolai vor dem Magdeburger Thore bestand schon 
vor der Reformationszeit, insonderheit war in seiner Kapelle 1509 eine Kommende 
zum Altare St Nikolai et Valentini gestiftet worden. Im dreissigjährigen Kriege 
sind seine Gebäude gänzlich zerstört worden, und noch 1665 war es völlig wüst 
1675 aber stellte es samt der Hospitalkirche der Pfarrer Christoph Clausius 
wieder her. Seine ganz modernisierten Gebäude bieten nicht das geringste 
Erwähnenswerte. Mit dem Hospital in Verbindung stand eine fraternitas exulum, 
also Elenden- nicht Kalands- Gilde, über deren Einkommensverhältnisse das 
Visitationsprotokoll von 1562 Auskunft giebt, und über deren 1429 von dem 
Kaplan Dietrich Northusen begonnenes und nachher bis zur Reformationszeit 
fortgesetztes Memorienregister von Mülverstedt a. a. 0. S. 195 f. als über ein 
verloren gegangenes nach Notizen des Magdeburger Staatsarchivs Mitteilung 
macht; indessen hat Abel seinem ersten Bande nach dem ihm noch vorliegen- 
den Originale eine vollständige Abschrift desselben mit ausführlichen Er- 
läuterungen einverleibt 

Ausserdem besass Möckern ehedem noch eine Kapelle ü. L. Frauen, 
welche vor dem Magdeburgischen Thore dicht neben dem jetzigen Hospitale lag, 
deren Turmspitze auch noch 1517 auf Kosten der Pfarrkirche neu gedeckt und 
zugleich der dabei liegende Kirchhof wieder zurechtgemacht wurde. 1557 aber 
liess sie der Magistrat abreissen und aus dem Material ein Backhaus in der 
Vorstadt errichten. 

Das Schloss scheint in> dreissigjährigen Kriege gänzlich eingegangen zu 
sein, wenigstens erkennt man auf dem von Alvenslebenschen Prospekte ausser 



J 



Mr>ckern. Moritz. 209 



dem Turme keine Spuren davon. Erst der oben genannte Christian Wilhelm von 
Münchhausen liess einen völligen Neubau aufführen, den Treuer S. 170 ,,ein 
schönes Schloss*" nennt, und von dem jetzt noch das an den Marktplatz stossende 
langgestreckte Wirtschaftsgebäude und Pächterhaus mit Mansardendach und 
zwei vorspringenden Pavillons am N- und S-Ende erhalten ist, über dessen 
Durchfahrt von der Stadt her auch die Wappen des Erbauers und seiner Ehe- 
frau Anna Ehrentraut von Platen in Relief angebracht sind. Das Schloss selbst, 
das in einem nassen Graben steht, ist 1840 — 1863 durch den Vater des gegen- 
wärtigen Besitzers einem langsam fortschreitenden aber durchgreifenden Umbau 
in einem etwas theatermässigen gotischen Stile unterzogen und bei der Gelegen- 
heit durch Anbau eines westöstlich gerichteten Bibliotheksflügels mit dem alten 
quadratischen Wartturm aus Feldstein verbunden worden, der allerdings dabei 
gänzlich umgestaltet ist, indem grosse im Gardinenbogen geschlossene Fenster- 
öffnungen mit Sandsteineinfassung und ebenso unten eine Eingangsthür mit 
Sandsteinumrahmung eingebrochen sind; nur die achteckige offene Holz-Laterne 
mit Zwiebelkuppel ist ihm erhalten. Über dem Schlossportal aber sind zu beiden 
Seiten nochmals die Wappenreliefs des von Münchhausen- von Platenschen Ehe- 
paares mit der Jahreszahl 1715 wieder eingesetzt.^ 

Moritz. 

[1275 und sonst Mordiz, 1420 Mortz.] 

Kirchdorf, 8V2 km südöstlich von Leitzkau, ehemals kursächsisches Dorf, zum 
Amte Gommern gehörig, früher wohl zum Burg ward Walter -Nienburg (nicht zu 
verwechseln mit dem Burgward Mörz bei Beizig, der mit diesem 1278 von den 
Herzögen Johann und Albrecht von Sachsen für 3000 Mark dem Erzstifte ab- 
getreten wurde), da es 1306 als Quedlinburger Lehen von Graf Albrecht von 
Arnstein dem Kloster Plötzke übertragen wurde, während das Kirchenpatronat 
bereits 1275 von Herzog Albrecht dem Lorenzkloster in der Neustadt Magdeburg 
überlassen war. Eine nach dem Orte genannte adelige Frfmilie erscheint in den 
Urkunden seit 1307. 

Die Kirche, Filial zu Schora, fiskalischen Patronats, ist ein am Ostende des 
SW-NO gerichteten Dorfes quer vor der Dorfstrasse gelegener, geräumiger ein- 
schiffiger romanischer Feldsteinbau nach Schema L Die an den Thüreinfassungen 
der N- und S- Seite und sonst gelegentlich durch Qommemsche Bruchsteine 
ersetzten Findlinge sind sehr sorgfältig fast würfelförmig behauen, an den Ecken 
des Gebäudes ganz quadermässig bearbeitet und äusserst gleichmässig geschichtet, 
daher das ganze Gebäude sehr wohl erhalten. Die Rundbogenthür der Nordseite 
des Schiffes und die Priesterthür an der Südseite des Altarhauses sind vermauert, 
von den je vier kleinen hochsitzenden alten Rundbogenfenstern der Schiffsmauem 
sind jederseits noch zwei erhalten, von den je zwei am Altarhause ist je eins 
vermauert, das andere verändert und vergrössert, die der Apsis sind spitzbogig 
verändert. Der Triumphbogen hat noch unverletzt die alten sandsteinemen, als 
umgekehrte attische Basis gegliederten Kämpfer, ebenso der Apsisbogen die ein- 



* Abb. dee gegenwarrigen Scblosaes in Farbendruck Duncker, VIL Bl. 403. 

Die KralM Jerlehow . 14 



210 Kreis Jerichow I. 



facher durch Plättchen, Platte und Plättchen übereinander vorkragend gegliederten. 
Der unten gegen das Schiff in zwei jetzt vermauerten grossen Rundbogen geöffnet 
gewesene Turm hat in der Glockenstube nach W und je vier, nach N und S 
je zwei schlanke, im unteren Drittel vermauerte Hundbogenöffnungen, darüber in 
den Giebeln für das Satteldach je noch eine desgleichen. 

Der Altar trägt noch wohlerhalten die alte Deckplatte, welche ungewölm 
licherweise aus zwei nebeneinander gelegten Platten zusammengesetzt und ebenso 
ungewöhnlicherweise rings herum, auch an der Hinterseite mit demselben Profil 
wie der Triumphbogenkämpfer profiliert ist Auch die ungewöhnlich tief eiförmig 
ausgehöhlte Beliquiengruft mit der quadratischen Yerschlussplatte ist vorhanden, 
aber keine Weihekreuze. Der darauf stehende Aufsatz mit zwei Säulenpaaren 
präsentiert sich in dürftigen Barockformen. Das Hauptbild ist hier die Grab- 
legung, eine stümperhafte Nachahmung einer Komposition aus dem Anfange des 
XYI. Jahrhunderts, darunter die übliche Schmiererei der Einsetzung des 
h. Abendmahls. 

Die hölzerne Kanzel am südlichen Triumphbogenpfeiler hat an der Brüstuug 
des Polygons schweres, aber gut gezeichnetes vergoldetes Bokoko-Omament. 

Von den Glocken hat die kleinere (0,96 m Durchm.) am Halse die 
Umschrift Ad) . . RäX . feLORIQ . PXQ aiQI?! . QKfli . PÄQS . Die Buch- 
staben sind in flachem Relief mit stärker hervorgehobenen Rändern hergestellt, 
meist von kalligraphischen Schnörkeln begleitet Dicht unter dem Anfangs -0 
steht ein 0,10 m langes Relief der Kreuzigungsgruppe mit Kleeblattausladungen 
an den Enden der Kreuzesarme; das Suppedaneum wenig über den (gedachten) 
Erdboden erhöht, die Püsse des Gekreuzigten leicht übereinandergelegt ; Maria 
und Johannes stossen mit ihren Köpfen dicht an den Querbalken. — Die grössere 
ist ein Neuguss von Ch. H. Bartholy in Halberstadt von 1846. 

Nedlitz. 

[963 Nedialesci? 1459 Nedeliz, 1514 Neddelitz.] 

Pfarrdorf mit Rittergut, 13^2 km östlich von Magdeburg, 963 oder wahr- 
scheinlich erst 965 dem Erzstifte vereignet, nachher mit Möckem im Besitz der 
Grafen von Lindow, von denen es 1513 ein von LÄttorf zu Lehen hatte, nach 
deren Aussterben 1524 aber vom Erzstift eingezogen und an die von Hopf- 
korb verliehen, von denen es 1616 an die Familie von Spietznasse kam; im 
XYin. Jahrhundert im Besitz der von Hake, wurde es 1755 für die königlichen 
Familiengüter erworben. Im dreissigjährigen Kriege waren Dorf und Schloss 
vollständig verwüstet. 

Die Kirche, unter dem Patronat ehemals des Klosters Leitzkau, jetzt 
der von Münchhausen auf Neuhaus Leitzkau, inmitten des wendisch angelegten 
Dorfes auf dem mit Gesträuch dicht bewachsenen Kirchhofe gelegen, ist ein 
einschiffiger, geputzter, vielfach veränderter und ziemlich vernachlässigter 
romanischer Bruchsteinbau nach Schema I, mit späterem Kranzgesims in 
geputzten Ziegeln, Apsis mit Steindach und Priesterthür an der Südseite 
des Altarhauses. Die vier Fenster an der Nordseite des Schiffes sind ziem- 
lich gut erhalten, ebenso zwei von den dreien der Apsis, die übrigen sind 
sehr verändert. Der durch grosse Risse von oben bis unten gefährdete Turm 



Moritz. Nedlite. Neu- Werbig. 211 



ist unten mit zwei Hundbögen gegen das Schiff geöffnet gewesen, enthält aber 
jetzt eine nicht zugängliche Oruft, für die seine N- und S-Wand mit vergitterten Ochsen- 
augen durchbrochen ist; in der Glockenstube je vier bezw. zwei Schallöffnungen. 

Die Kanzel am S-Pfeiler des Triumphbogens steht auf einer nüchternen 
toskanischen Säule und hat eben solche an den Ecken des Polygons, dazwischen 
auf dessen Brüstung abscheuliche Bilder der vier Evangelisten, laut Inschrift 
Stiftung der Frau „BeUman von Spitenoss," gebomen von Dorstatt — mit ihrem 
väterlichen Wappen. 

Der Taufstein ist zwölfeckig von 1,12 m Durchmesser übereck und hat 
unter dem Bande einen 0,14 m hohen ausgegrabenen romanischen Palmetten- 
fries. Das Becken wird getragen von drei — ursprünglich sind es vier ge- 
wesen — sehr verwüsteten, auf profilierten länglichen Klötzen sitzenden Figuren, 
einer nackten und einer lang bekleideten menschlichen, deren Köpfe und Hände 
abgeschlagen sind, und einem grösseren Löwen. Wie diese Reihe zu ergänzen, 
und wie sie zu deuten ist, muss dahingestellt bleiben; an die Evangelisten- 
symbole ist wegen der doppelten Menschenfigur nicht zu denken. 

Hierzu gehört eine der bekannten Messingschüsseln mit dem englischen 
Grusse und der unerklärten Legende im Fond; auf dem Rande sind kleine 
schreitende Lämmer eingeschlagen — laut Inschrift gestiftet von Anna . Sophia . 
Eichdin . Edde von Ravten . Krön . gebohme . Hanin 1698, 

Im Altarhause steht an der Südseite ein sehr geringes bemaltes steinernes 
Wandepitaph in Rokokoformen des 1720 gestorbenen Kammerpräsidenten im 
Herzogtum Magdeburg etc. etc. Robert Christian von Hacke, mit der sehr 
beschädigten bemalten Büste des Verstorbenen im Harnisch als Bekrönung. 

Die Glocken sind beide von Christian Gotthold Ziegener in Halberstadt 
von 1757 (0.70 m Durchm.) und 1776 (0,50 m Durchm.), unschöne Güsse, erstere 
mit dem Spruche: 

MEIN QELEVT AN DISEN ORT 
RVFT EVCH HER ZV GOTTES WORT 
GEDENCK O MENSCH AN DEINE BVS 
WEIL EIN GEDER STERBEN MVS, 
die letztere: 

SO OFT DV HOERST DEN GLOCKEN SCHLAG 
CHRIST DENCK AN DEINEM STERBETAG. 

Neu- Werbig. 

[1375 und später Werbik, wann und aus welchem Grunde die Bezeichnung 
Neu-W. aufgekommen, ist unbekannt; auch Brandts-Werbig kommt vor.] 

Pfarrdorf 7 km ostnordöstlich von Görzke, zur Zeit Karls lY. Pfarrdorf mit 
30 Hufen, 1452 als wüste Dorfstätte bereits im Besitze der Brandt von 
Lindau, die 1568 wieder ein Dorf anlegten, das 1625 und 1636 gänzlich ab- 
gebrannt, eret 1675 mit drei Hütten wieder neu angerichtet wurde. 

Die Kirche, unter Patronat der Brandt von Lindau auf Schmerwitz, in der 
Mitte der NS-Dorfstrasse gelegen, 1692 neu aufgebaut und 1760 erweitert, ist ein 
drei Fenster langes schmuckloses Rechteck ohne Apsis in geputztem Feldstein- 
bau, in welchem vielleicht noch ein Rest der wüsten alten Kirche benutzt 

U* 



212 Kreis Jerichow I. 



worden ist Der oben mit einem Fachwerksgeschoss erhöhte backsteinerne Dach- 
reiter auf der Westfont enthält eine 1777 von C. 6. Ziegen er in Magdeburg 
gegossene Glocke von 0,75 m Durchmesser mit langer Patronatsinschrift und 
dem Spruche: FROHLOCKET MIT HAENDEN ALLE VOELKER UND lAUCHZET 
GOTT MIT FROEHLICHEM SCHALLE (Psalm 47 v. 2). Kelch, Patene und 
Hostienbüche von vergoldetem Silber, unbedeutend, laut Inschrift 1756 von 
Anna Eleonora Carolina Brand von Lindau geb. von Barby gestiftet 

Niegripp, 

[1158 Nigrebe, 1277 Nigrebbe, 1215 Nygrip, 1285 Nygribbe, 1368 Nygn^p 
1562 und seitdem Nigrip.] 

Kirchdorf mit verpachtetem Königl. Domänen-Amte an der Elbe, TV* km 
westlich von Burg; ehedem festes Schloss, das 1215 von Kaiser Otto IV. ver- 
geblich belagert, 1432 von den Magdeburger Bürgern erobert wurde, 1458 in 
den Besitz der von Treskow überging, neben denen aber noch mehrere Famihen 
im Orte ansässig und begütert waren, wie die von Brietzke, von Erxleben, von 
Hünicke, von Mömer, vonWulffen; im dreissigjährigen Kriege besonders schwer 
heimgesucht und nachher durch den grossen Durchbruch der Elbe von 1655. 
König Friedrich Wilhelm I. kaufte die verschiedenen Güter zusammen und 
machte daraus ein prinzliches Amt, zu dem auch Schartau gehört. Eine nach 
der Burg genannte adelige Familie kommt schon 1158 (Giselbertus de Nigrebe) 
und noch 1368 fGhevehardu^ de NygrypJ urkundlich vor. 

Die Kirche, Filial zu Schartau, unter Patronat der Königl. Hofkammer, 
liegt am Nordende des unregelmässig angelegten Dorfes, südlich vom Domänen- 
amte, und ist ein Putzbau im Stile der Bauten des zweiten preussischen Königs 
in Form eines griechischen Kreuzes, dessen innere Winkel leicht abgeschrägt 
sind, und dessen Arme an den Schmalseiten je ein, an den breiten Frontseiten 
je drei Langfenster mit elliptischem oberen Schlüsse haben. Von diesen ist 
jedoch an sämtlichen vier Fronten das mittelste durch eine Thür mit ein- 
facher Sandsteineinfassung ersetzt, über welcher sich eine oben mit einem Kopf- 
stück abgeschlossene Blendnische erhebt, die auf der N- und S-Seite zu zwei 
Drittel mit einer Sandsteintafel ausgefüllt ist, welche die beidemal gleichlautende 
Gründungsinschrift trägt: 

3tti> "t^fu (Botted 

traben 

Der Htleifbttvit^laucbtigfie ®vog 

m£4?ttgße (^vft unb %erv 

FRIDERICH WILHELM 

Itönig in preu|en &fm\Vix% 

unb ülavggifaff ju iSvanbenbufg 

biefe Itivcbe 

v(n Dero prinfeen 

FRIDRICH HEINRICH LUDWIG 

MxAqlMft Pöbelt 

Don 6funb am neu erbauen 

lagen 



Niegripp. Parchau. 213 



Anno 1732 

®dtt fegne ben JM6niq unb 
ba0 gatij^e Hömglic^e 'haw. 

Auf der Vierung der sich kreuzenden, nach den vier Fronten abgewahnten 
Dächer steht eine achteckige offene, unten mit Dockengalerie abgeschlossene 
hölzerne Laterne als Glockenhaus, über deren Seh weif dach sich eine zweite 
niedrigere erhebt mit Zwiebelkuppel und hoher Spitze, in deren Wetterfahne sich 
der preussische Adler zeigt. 

Im Innern tritt die Centralform mit den Kreuzflügeln auch in der Anlage 
der Emporen hervor, die Orgel steht auf der nördlichen, der Altar-Eanzelaufbau 
im östlichen Flügel. 

Der Taufstein ist aus einer älteren Kirche herübergenommen, da er laut 
Inschrift 1676 von Obrist Wilhelm Adam von Moemer und seiner Ehefrau Hed- 
wig von Oppen gestiftet ist. 

Von den ebenfalls älteren Glocken ist die grössere von 0,90m Durchmesser 
ohne Inschrift und Schmuck, die kleinere von 0,70 m Durchmesser trägt am 
Halse in zwei Reihen die Inschrift: 

+ ANNO DOMINI MDLVIII SOLI DEO LAVS 
VERBVM DOMINI MANET IN ETERNVM. 
unten: MICH HAT HANS BARTMAN IN MAGDEBVRG GEGOSSEN. 



Parchau- 

[1191 Parchowe, 1420 Parchouwe, 1423 Pargowe, 1562 Parchow.] 
Pfarrdorf mit ehemaligem Rittergut, unweit der Elbe an dem Parchauer See 
5V2 tm nordnordöstlich von Burg; schon 1191 durch Tausch von Erzbischof 
Wichraann im Besitze des Klosters Berge, während 1188 auch das Stift St. Nikolai 
zu Magdeburg Besitzungen darin hat; 1459 gegen Pechau vertauscht an die von 
Treskow, im XVIII. Jahrhundert im Besitze der von Wulffen, nach 1785 der von 
Werder, um 1820 an die Bauergemeinde parzelliert. Die Pfarre wurde 1342 mit 
Ihleburg als Filial dem Kloster Berge inkorporiert, stand jedoch bereits 1562 
unter dem Patronat der Gutsfarailio, welches bei der Parzellierung an die Gesamt- 
heit der Parzellenerwerber übergegangen ist Eine nach dem Orte genannte 
Familie kommt 1288 mit Borchard de P. urkundlich vor. 

Die im nördlichen Teile des Dorfes, westlich von einer NS laufenden Strasse 
gelegene Kirche war ein fast quadratisches Rechteck mit vier grosson Rund- 
bogenfenstem in der N- und S- und deren drei in der 0-Wand, aus gemischtem 
Material von Feldstein, Backstein und Gommernschen Bruchsteinen, alles geputzt. 
Es scheint aber ein nach Norden erweiterter Umbau eines alten romanischen 
Feldsteinbaus mit Fachwerkturm auf der Westfront gewesen zu sein. Die Zeit 
dieses Umbaus gab die Inschrift des vereinigten Altar- und Kanzel-Aufbaus 
an, der 1719 errichtet war, in der üblichen Gestaltung, ziemlich roh ausgeführt, 
mit den Statuen des Petrus und Paulus zu den Seiten der Kanzel. An die 
beiden Thüren des Umgangs für die Kommunikanten schlössen sich aber noch 



1 



214 Kreis Jerichow I. 



zwei Priechen an, die eine für den Pfarrer, die andere wohl für die Gutsherr- 
schaft, beide mit Schweifdächern in der Weise wie die altea bäuerlichen und 
kleinbürgerlichen Himmelbettstellen der Gegend bedeckt und beide innen ganz 
und gar mit Arabesken, Sprüchen u. s. w. in Leimfarben ausgemalt, in der herr- 
schaftlichen Prieche auch baumreichen Landschaften, darin auf der einen Seite 
Jakobs nächtliches Kingen mit Gott dargestellt war. Ebenso war auch die ganze 
flache Decke der Kirche zwischen den freiliegenden Balken mit flott hingestrichenem 
Rankenwerk im Stile der genannten Zeit in Leimfarben (schwarz und grau auf 
Chamois-Grund) bedeckt. 

Diese Kirche ist 1896 gänzlich abgebrochen und hat einem 1897 eingeweihten 
Neubau in gotischer Backstein-Architektur Platz gemacht. Aus der alten Kirche 
sind ausser den genannten beiden Figuren von der Kanzel und einigen Resten 
von der Deckenbemalung nur herübergenommen das früher in die Ostwand der 
Kirche hinter dem Altar eingelassene Sandsteinepitaph des am 13. September 
1581 im Alter von dreizelm Jahren verstorbenen RVDOLFF VON TRESCOW, — 
ein ganz von vom gesehen in reichster Modetracht der Zeit mit spanischem 
Mantel, Pludderhosen etc. betend dastehender Knabe mit vier Ahnen wappen in 
den Ecken — und die Glocken, 1. Die grössere von 0,96 m Durchm. hat am 
Halse in 0,08 m langen aber flachen Minuskelbuchstaben die an den durch ® 
bezeichneten Stellen von Reliefs unterbrochene Umschrift: ® $XtM ® Cilirir ® crlff 
® fCKi ® (9M pucc Die sehr schlecht ausgedrückten, nicht umrahmten Reliefs scheinen 
eine Anna selbdritt oder den segnenden Christus mit Buch darstellen zu sollen. Ein 
solcher etwas grösserer zweimal und ein völlig missratener Crucifixus ohne Kreuz 
sind am Körper unregelmässig verteilt. 2. Die .kleinere von 0,85 m Durchm. 
hat am Halse zwischen Bindfadenschnüren die in kleinen Majuskelbuchstaben, 
die offenbar in Wachsfäden auf die Form aufgelegt gewesen sind, ausgeführte 
Umschrift: + ® ORÖX GLORIÖ CRüSTÖ . VEHJ • CVM . PÄCä . 

Beim Abbruch der alten Kirche wurde das von Wulffensche GrabgCAvölbe 
mit Särgen des Franz Siegfried von Wulff en + 1727 und seiner Gemahlin 
Eleonore von Treskow f 1748 und drei von Schmelingschen Kindersärgen auf- 
gedeckt und um die Hälfte verkleinert wieder zugemauert. 

Pechau. 

[Das 6 ist kurz zu sprechen; 949 Pechoui, 973 Pechouue, 1139 Pecho, 1194 
Pechowe 1562 Pechaw und Pechow.] 

Pfarrdorf an der alten Elbe, ßV'g ^^ südöstlich von Magdeburg, zuerst 
erwähnt 949 als Burgward, der bereits dem Morizkloster geschenkt war, 1 139 mit 
eingerechnet in die 100 Hufen, welche das Erzstift dem Bischöfe von Branden- 
burg zur Abfindung für den Zehnten von dem im Brandenburgischen Sprengel 
gelegenen Magdeburgischen Besitze zu geben hatte. 1459 erwirbt es von den 
Herren von Treskow das Kloster Berge; noch 1785 wird ein „wüster Klosterhof 
darin erwähnt. Nach den Verwüstungen des dreissigjährigen Krieges wurde 
es ganz neu aufgebaut und verrät dies durch seine sehr regelmässige Anlage 
von zwei sich rechtwinklig kreuzenden breiten Strassen innerhalb des fast kreis- 
runden Deichwalles. 



Parchau. PietzpuhL 215 



Die Kirche mrd urkundlich zuerst 1221 als mit dem allodio in Eönigsborn 
dem Lorenzkloster in der Neustadt Magdeburg gehörig erwähnt. 1244 wurde die 
Pfarre neuerdings dem genannten Kloster inkorporiert, unter dessen Patronat sie 
noch 1562 stand, jetzt fiskalisch. Das am äussersten Westende ausserhalb des Dorfes 
gelegene Gebäude ist ein unansehnlicher kleiner flachgedeckter gotischer Bruch- 
steinbau von vier Fenstern Länge mit Vio Schluss, an der Südseite ein beschei- 
denes Barockportal in geputztem Backstein, aus dem auch sämtliche, veränderte 
Fenstereinfassungen hergestellt sind. Auf und hinter dem Westgiebel ein Fach- 
werktürmchen , in dessen Wetterfahne ein nach links laufender Hirsch. — Die 
Glocken sind Neugüsse von W. Engelcke in Halberstadt von 1861. 

Im Innern ist der alte Stipes des Altars erhalten, fast quadratisch von 
1,58 m Tiefe; darauf ein sehr bescheidener Kanzelaufbau mit barocken Säulen. 
An der Nordseite neben dem Altare ein Rest eines Gestühls mit Bücklehne in 
Formen der Spätrenaissance. Sonst ist nur zu erwähnen das Gestell eines 
Klingelbeutels aus vergoldeter Bronze mit zwei bekleideten Engeln als Über- 
gang vom Stiel zum runden Rahmen. Inschrift: GOTT VND DER KIRCHE IN 
PECHAV ZV EHREN THVN DIES QUHTE FREUNDE VEREHREN ANNO 1708. 

PietzpuhL 

[1306 Putzpul, 1581 Pitzpful, 1727 Pitzphul.] 

Dorf mit Rittergut 7^2 ^^ südlich von Burg, zuerst urkundlich erwähnt bei 
Überlassung von Burg und Amt Grabow (s. das.) und mit diesem von damals 
an bis heute im Besitze der Familie von Wulffon. 

Das Schloss, ein ziemlich einfacher, einflügelier Barockbau, der wie Neu- 
Königsborn mit seiner Hauptfront gegen einen weiträumigen, beiderseits von 
langgestreckten, in der Mitte durch einen zweigeschossigen Pavillon mit Man- 
sardendach belebten Wirtschaftsgebäuden abgeschlossenen Wirtschaftshof gerichtet 
ist, wurde von dem Halberstädter Domherrn Werner von Wulffen laut Inschrift über 
dem Portal den 18. April 1730 vollendet; einige Veränderungen aber ergeben 
sich als unter dem Sohne des Genannten, dem Magdeburger Domhenn Werner 
Christoph von Wulffen entstanden. Die Front des über hohem Kellergeschosse 
in zwei Geschossen mit Mansardendach sich erhebenden Gebäudes ist dreizehn 
Fenster lang und gliedert sich, der Einteilung des Innern völlig entsprechend, in 
ein giebelbekröntes Mittolrisalit von drei Fenstern Breite, an welches sich jeder- 
seits zwei, gegen dasselbe und gegeneinander ein wenig zurücktretende, zwei- 
fenstrige Abteilungen und zuletzt je ein einfenstriges Eckrisalit anschliessen. 
An der Hoffront sind die Fensterstürze leicht dekoriert, das Mittelrisalit ist durch 
einen Portalbau mit den Wappen des Erbauers Werner von Wulffen und seiner — 
übrigens bereits am 14. März 1720 gestorbenen Ehefrau Henriette Sophie von 
Platen ausgezeichnet, dessen Schmuck in einem ionischen Säulenpaare jederseits 
und einem rundlich vortretenden Balkon darüber besteht (siehe Fig. 67). Die 
Hufeisen-Freitreppe davor mit schönem Rokoko-Schmiedeeisen-Gitter erweist sich 
durch die Wappen des Werner Christoph von Wulffen und seiner Ehefrau geb. 
von Ledebur, als späterer Zusatz. Die Hinterfront nach dem interessanten, mit 
künstlerischem Verständnis angelegten Parke ist ganz einfach gehalten. 



216 



Kreis Jerichow I. 



Im Innern liegen die hauptsächlichsten Repräsentations-Räume an der Garten- 
front des ErdgeHchosses. Sie sind modern möbliert, zeichnen sich aber durch 
ganz vorzügUclte und trefflich erhaltene Stuckdekorationen der Plafonds und 
Kamine — letztere meistens durch moderne Öfen verdeckt — von italienischen 
Händen und dazu gehörigen Gobelin-Schmuck der Wände aus, Ton letzteren 
sind namentlich im GartenRaal des Mittelrisalits zwei grosse, die Getreide- und 
Wein-Ernte allegorisch darstellende, in dem zweiten ostwärts davon gelegenen 
Zimmer eine Reihe phantastischer Landschaften, in dem westwärts unmittelbar 
an den Gartensaal stossenden Zimmer aber, dessen Plafonds-Dekoration bereits 

Rokokofonuen aufweist, grosse 
und kleine Schäfer- und Tanz- 
Scenen nach Watteauschen Mus- 
tern zu erwähnen. In dem 
Zimmer mit den Landschaften 
ist die Wand hinter dem Ofen 
bis hinauf zur Decke gimzlich 
mit einer Zusammenstellung von 
kleinen Delfter Fliesen mit blau 
gemalten biblischen Scenen be- 
kleidet, die ursprünglich an an- 
deren Stellen der Wände ihren 
Platz gehabt haben. Sehr präch- 
tig ist die Rokokodekoration des 
östlichen Eckzimmers (s. Fig. 68) 
mit Bronzeornament der Decke 
und einem fast überreichen ver- 
goldeten Waudaufbau mit dem 
ovalen Kniestück - Portrait des 
Werner Christoph von Wulffen 
über dem Marmorkamine. Von 
wem diese Bronzedekoration an- 
gefertigt ist, lässt sich weder 
durch eine Inschrift noch durch 
Fig. 07. PI e 1 1 p u h 1. Schloee. Portal, akteomässige Nachrichten fest- 

stellen. Aller Wahrscheinlichkeit 
nach wird sie aber aus der 
Fabrik von bronce doröe - Arbeiten herstammen, welche Friedrich der Grosse 
1752 in Potsdam anlegen liess, und über deren Leiter und Künstler und haupt- 
sächlichste Leistungen P. Seidel [die Metallbildhauer Friedrichs des Grossen im 
Jahresbuch der Preussischen Kunstsammlungen XTI (1895) S. 48—61] berichtet 
hat. Auch die Thürbeschläge zeigen zum Teil einfache aber geschmackvolle 
Muster — Beispiele von der Thür des öartensaales nach der Freitreppe zum 
Parke siehe Fig. 69 und 70. 

Unter den Familienportraits im Gartensaale sind die Brustbilder des 
Womer von W. und seiner Gemahlin wie die des AVemer Christoph und seiner 
Gemahlin durch lebensvolle Charakteristik der Dargestellten und technische 



YollenduDg bemerkenswert. Ein sehr charakteristiäclies Bildnis des eräteren in 
ganzer Figur in der Tracht der Hatbcnstädter Domlierrn hängt in dem als Bet- 



Fig.68. PietspnhI. Schloss. KainiD im Örtlichen Eckiii 



saal eingerichteten Räume des übergoschossos, der wie die übrigen Räume dieses 
Geschosses sonst ganz einfach gehalten ist. 



Kreis Jerichow I. 



rig.m. Pieti- 
puhl äcfalora. 
ThürbtMhlag. 



Ploetzky. 

11228 Plotzka, 1244 Plocke, 1290 Plozzeke, 1294 Plozke, 1297 Piozich, 1319 
und 1419 Plozik und Ploteik, 1364 Flotzck, 1414 Plosk, 1533 Plotzk und Plotzke. 
Wann die Schreibweiso PlJitzky aufgekommen, ist nicht 
zu ermitteln. Dietniann schreibt bereits so.] 

I^arrdorf an der alten Elbe, 3 km südsüd westlich 
von Gommern, ehemals zum kursachsischen Amte 
Gommern gehörig und geschichtlich nur durch das 
Kloätcr (siehe nachher) bekannt — Eine nach demselben 
ßionannte adelige J'amilie kommt vielfältig vor. Friedrich 
von PI. war 1303 bis 1316 (5. Juli) Bischof von Brauden- 
burg. Sein Grabstein im dortigen Dome.' 

üie Kirche, fiskalischen Patronats, am NW-Ende 
des Dorfes nördlich der Hauptstrasse inmitten des Kirch- 
hofes gelegen, ist ein einschiffiger romanischer Bruch- 
steinbau nach Schema I, der 1656 nach den Verwüstungen 
des dreissigjährigen Krieges wiederhergestellt worden ist, 
jedoch ist die Apsis nach 1690 abgerissen und dafür das 
Altarhaus um eine Fensterbreite verlängert und gerade 
geschlossen worden. Der Triumphbogen ist dabei un- 
verändert geblieben, seine Pfeiler haben noch die alten 
Kämpfer mit steiler Schräge, aber dick übertüncht Auch 
die vier Rundbogenfenster der Nordseite des Schiffes 
sind noch unverändert erhalten. Die nördliche (nicht, wie 
Thorschmidt angiebt, die südliche) von den Eingangs- 
thüren ist vermauert Auf der Spitze des Ostgiebek des 
Schiffes' ein einfaches Steinkreuz. Der Turm hat in der 
Glockenstube nach W und je vier, nach N und S je 
zwei Schallöffnungen und darüber in den Giebeln für 
das Satteldach noch je einen schmalen Schlitz. Die 
Glocken sind modern. 

Der Altar hat noch die von Thorschmidt erwähnte 
Platte aus „Meissnischem" Sandstein mit der in zwei 
Stücke gebrochenen Deckplatte der Eeliquiengmft aus 
rötlichem (Rübelander?) Marmor. Der von Thorschmidt 
erwähnte, dürftig nach dem Kriege hergestellte Aufsatz 
ist nicht mehr vorhanden, der jetzige von hässlichster Art 
ist nach der nicht mehr leserlichen Inschrift auf der 
Rückseite 174"i entstanden. 
Der Taufstein mit Ständer ist ganz einfach nind, das Becken misst 0,90m 
im Durchmesser. 



t>alil. Schlrss. 
Thürbcscfalag. 



' Vrgl. Beckmann. Anhultiache Historie I pg. 187. — Tl.orschmidt, Jostus 
ChriMtian, antjqnitatcs Ploceosea et adjuiicterum Prezien et Elbeunu etc. 1725 — vod 
Mülverstedt ia Geach. Bl. II (1867) S. 136. - Lotz I S. 502. 



Ploetekj. 



219 



Fig. 71. Ploetiky. 
Konvenb«iege]. 



Von den in die Kirchhofsmaiier und in die Kirchenwände selbst eingelassenen 
Grabkreuzen ähnlich wie in Cracau (s. das.), von denen Tborschmidt noch 
eine ganze Anzahl gesehen hat, wenn auch die Inschriften meist verwittert waren, 
und nur noch zusammenhangslose Worte wie MCCV, Maria virg. und dergl. 
darboten, ist nichts mehr vorhanden. 

Über eine vor dem Rathause des zur Kiosterzeit stadtartigen Flecken» ehe- 
dem befindliche hölzerne Kolandssäule berichtet Thorschmidt 8.39: stcU erecta 
statva, fabri lignarii Opera paullulum exasciata, quam 
Itolandinam appdlant." 

Das Kloster, ein Cistercienser -Nonnenkloster S. 
Mariae Magdalenae, wahrscheinlich eine Stiftung der 
sächsischen Herzöge, war 1228 schon vorhanden und 
wurde im Laufe der Zeit ziemlich wolil begütert, so 
dass zu Zeiten auch ein Mitglied der herzoglichen Fa- 
milie die Priorissen würde nicht verschmähte. Seine 
Schutzherren waren die Herzöge von Sachsen. Da- 
neben nahm 1414 auch der Burggraf Friedrich von 
Hohen zolle ni dasselbe in seinen Schutz. Die letzte 
Domina war bis 1538 Magdalena von Hakehom; um 
diese Zeit hatten sich die meisten Konveutualinnen be- 
reits zerstreut, und das Kloster wurde von Johann 
Friedrich von Sachsen säkularisiert und fortan 
durch einen Kloster hauptmann verwaltet. Die 
letzte Klosterjungfrau Barbara von Randau starb 
indessen erst 1574. Nach ihrer Aussage sind, wie 
Beckmann und nach ihm Thorschmidt erzählt, die 
Urkunden des Klosters auf der Elbe verloren ge- 
gangen, als sie nach Aufhebung des Klosters zu 
Schiffe in einem Kasten nachDe»>au gebracht werden 
sollten. 

Von den Klosterbaulichkeiten waren die eigent- 
lichen Konventsgebäude bereits 1578 abgebrochen und 
zum Baue des Schlosses zu fTommem (s. das.) verwandt 
worden. Noch stand aber zu Tliorschmidts Zeiten die 
Kirche, welche Kurfürst Johann Georg H. noch 1678 
mit einem neuen Dache hatte versehen lassen, in 

Dach und Mauern wohlerhalten da, während der an der Südseite vorhanden 
gewesene Turm nicht mehr da war und vom Kreuzgang und den daranstossenden 
Gebäuden nur noch rudera. Jetzt ist alles spurlos verschwunden, und nur die 
Umfassungsmauer des Gartens der südöstlich vom Dorfe südlich von der Strasse 
nach Pretzien gelegenen Unterförsterei bezeichnet gegenwärtig die Lage des 
ehemaligen Klosters. Die Kirche, welche nur einschiffig war mit Nonnenempore 
an der Südseite, hatte nach Thoi-schmidts Beschreibung einige bemerkenswerte 
Eigentümlichkeiten. Insonderheit waren innen unter dem Dache leere Krüge 
in die Mauer eingelassen, achtzehn bis zwanzig verschiedenen Formates auf jeder 
Seite, wie Thorschmidt deren nur im Kloster Egeln bemerkt hatte und sie schon 



t.ky. 



PropMeisiegel. 



220 Kreis Jerichow I. 



damals als zur Yerstärkung des Schalles angelegt erklärte.^ Ausserdem erwähnt 
Thorschmidt „cavitaies in pariete alias, formis Ängdorum e purissimo lapide ex- 
cisis faculasque vd seUarum fulcra ac cuspides manu tenentüms canspicuas, gui- 
bus forte Coenobii insignia vel Pairönae ipsa fuere exposUa" welche letztere 
Erklärung doch wenig Wahrscheinlichkeit hat. Eher ist wohl an solche Gestalten 
wie in Hecklingen oder St Michael zu Hildesheim zu denken, Repräsentanten 
der Engelchöre oder Engel mit den Marterwerkzeugen. Die Wände waren mit 
Bildern aus der evangelischen, namentlich der Fassionsgeschichte bedeckt Der 
Fussboden bestand nicht aus Steinplatten ,fSed gipsato olim opere tedum politisst- 
mum inter templi elegantias jure erat referendum/' also wohl ein mit bunten 
Mustern oder gar figürlichen Darstellungen wie etwa im Ludgerikloster zu Helm- 
stedt oder im Dome zu Hildesheim geschmückter Estrich. Als Titelblatt giebt 
Thorschraidt auch die allerdings ersichtlich völlig willkürliche und stillose Ab- 
bildung eines damals vor dem Hauptaltare mit dem Gesicht nach Osten gelegenen 
Grabsteins mit der ungewöhnlicher Weise rechts unten anfangenden Umschrift: 
ANNO DNI . MCCCXVIIII (1319) IN DIE LVCIAE OBIIT DOMINA PRiORISSA IN 
PLOZKA FILIA IOHANNI8 DVOIS SAXONIAE SOPHIA CVIVS ANIMA REQVIESCAT 
IN PAGE AMEN. Die Verstorbene ist innerhalb einer Earrikatur auf eine Klee- 
blattbogen -Nische in einem Phantasiekostum mit Phantasie -Mitra insofern unge- 
wöhnlich dargestellt, als sie nach links hin kniet und mit beiden Händen ein 
Buch vor die Brust hält. 

Erhalten sind nur zwei alte Siegelstempel des Klosters im Haupt -Staats- 
Archive zu Dresden (Gipsabgüsse im Provinzial-Museum zu Halle). Der eine(s.Fig.71) 
ist ein Konventssiegel, von Messing, spitzoval, 0,062 lang und 0,04 breit, mit dem 
noch ganz romanisch gehaltenen Bilde der in nonnenartiger Tracht nach rechts 
gewandt stehenden, die rechte Hand sprechend erhebenden, in der linken die wie 
ein an Ketten hängendes romanisches Bauchfass gestaltete Salbenbüchse haltenden 
Magdalena, umgeben von einer auf der linken Seite doppelreihigen Mandorla. 
Umschrift: + SIGILLVöl . PÖATQÖlÄRIä ölÄGSÄLeHfl . IH PLÖTZE«. 
[Schlechte Abb. bei Erath, cod. dipl. Quedlinb. Tab. XXXH No.l7]. Der zweite 
(s. Fig. 72) ist ein Propsteisiegel (die Pröpste des Klosters kommen in Urkunden 
sehr zahlreich vor, der letzte hiess Johann Calvorde) von Kupfer, ebenfalls spitz- 
oval, 0,054 lang und 0,035 breit, ebenfalls mit dem Bilde der Magdalena, die 
aber hier vor einem mit Sternen besäten Hintergrunde auf einem etwas unge- 
schickten Konsol in manirierter gotischer Haltung steht, die linke Hand auf die 
Hüfte gelegt, in der erhobenen rechten die Salbenbüchse von der gewöhnlichen 
Apothekerform tragend. Umschrift zwischen zwei Perlenreihen in Minuskeln: 

Pretzien. 

[1151 Brithzin, 1187 Brizin auch Britzin und Bricsyn, 1459 Pretzin.]* 
Ehemals kursächsisches Kirchdorf, an der alten Elbe, 3 km südlich von 



* Vergl. über die sogenannten „8challtöpfe" Otte, Handbuch* I S. 45; es sind seitdem so- 
wohl in Deutschland als in der Schweiz und Frankreich eine beträchtliche Anzahl neuer 
Beispiele für diese noch immer nicht genügend sicher aufgeklärte Einrichtung bekannt geworden. 

* Ver^l. Thorschmidt, ant. Plocc. S. 77— 100. 



Ploetzky. Pretzien. 221 



Gommern gelegen, wurde 1151 mit dem seit Anfang des XVI. Jahrhunderts 
wüsten Clützow (bei Dannigkow) und der halben Eibinsel an das Kloster U. L. 
Frauen zu Magdeburg geschenkt, in dessen Besitz es bis 1307 verblieb. Damals 
dem Kloster Zinna verkauft, muss es in die Hände Hermanns von Gommern ge- 
langt sein, der es 1330 an das Kloster Ploetzke verkaufte, nach dessen Säkula- 
risation es kursächsisch wurde. 

Die Kirche, fiskalischen Patronats, Filial zu Ploetzky, liegt im westlichen 
Teile des bergigen Dorfes sehr hoch auf einem kastellartigen Hügel mit sehr un- 
regelmässiger welliger Oberfläche. Sie ist ein sehr wohl erhaltener einschiffiger 
romanischer Bruchsteinbau nach Schema I, an dem nur die Fenster (im Schiff 
vier, im Allarhause eins jederseits, in der Apsis drei) sämtlich verändert sind 
und die zweite Eingangsthür an der Nordseite vermauert ist. TJm das ganze 
Gebäude zieht sich ein einfacher Sockel, aus dem sich an der Apsis einfache 
breite Lisenen erheben, die einen ganz schlichten Rundbogenfries (wie an der 
Klosterkirche zu Leitzkau) tragen. Die alte Fugung des Mauerwerks ist zum 
Teil noch sichtbar, jedoch sind die Fugenlinien nicht in den Mörtel eingeritzt, 
sondern als ziemlich breite Bänder aufgetragen. Innen haben der Triumph- und 
Apsis -Bogen die alten Kämpfer wohlerhalten, übrigens ganz einfach in Gestalt 
einer sehr steilen Schräge mit Plättchen darüber. — Der Turm, dessen schöne 
Aussicht schon Thorschmidt rühmt, hat an der Westwand unten zwei ßund- 
fenster — es scheint hier früher ein Anbau gewesen zu sein. Statt der alten 
Glockenstube erhebt sich jetzt aus einem Satteldache ein quadratischer Fachwerk- 
turm mit wälscher Haube. 

Von dessen Glocken berichtet Thorschmidt, dass die grosse, aus Kloster 
Plötzke stammend, zwar keine Inschrift gehabt habe, aber mit Heiligenbildern 
verziert und von sehr schönem Klange gewesen sei, sie sei aber, während er 
sein Buch schrieb, zu Weihnachten gesprungen und habe umgegossen werden 
müssen. Jetzt ist die grössere ein Umguss von Gebr. Ulrich in Apolda von 
1862, die kleinere von 0,79 m Durchmesser ist von C. G. Ziegener in Magde- 
burg 1792 gegossen und als dessen „324 te Glocke'' bezeichnet. 

Der gothische Taufstein hat auf cylindrischem Ständer ein zwölfseitiges 
Becken von 1 m Durchmesser übereck, mit leichter Profilierung unter dem 
Rande. 

Der von Thorschmidt noch gesehene geschnitzte Flügelaltar ist nicht mehr 
vorhanden. 

Über die Kirchhofsmauer berichtet Thorschmidt: „fällum templo drcum- 
jedum ex lapidibus promiscue in eam molem conjedis ne fundamentum cederet, 
Flamingorum more (d. h. in Backsteinen) est factum. Tale quid observavi in Zede- 
mic veteri Flamingorum templo ejusdem cum nostro structurae" Davon sind nur 
noch geringe Reste vorhanden. Dagegen ist das alte Kirchhofsthor erhalten, aus 
einer grösseren Spitzbogendurchfahrt und einer kleineren Spitzbogenpforte für 
die Fussgänger daneben bestehend, über der ersteren zwei Kreisblenden, neben 
der letzteren eine kurze Spitzbogenblendnische. Thorschmidt hat diese „cavitates^^^ 
wie auch an dem nicht mehr vorhandenen Kirchhofsthor der Pfarrkirche zu 
Ploetzky bemerkt, wo er sagt: „cui insignium loco orbium scutorumque instar 
inJuierent adhuc cavüates" die er sich als zur Ausstellung von Reliquien bestimmt 



222 Kreis Jerichow I. 



erklärt. Daran ist nicht zu denken, sie sind reine Dekoration; die Spitzbogen- 
nische neben der Fiissgängerpforte könnte höchstens zur Aufstellung eines Armen- 
seelenlichtes gedient haben. 

ProedeL 

[Das oe ist kurz zu sprechen; 1155 Predele, 1219 Predhele, 1459 Predel.] 

Ehemals kursächsisches Pfarrdorf, 3 km SW von Leitzkau, Station der Mag- 
deburg-Zerbst-Leipziger Eisenbahn, zuerst 1155 erwälint, als bei Einweihung der 
Leitzkauer Klosterkirche Albrecht der Bär den dortigen landesherrlichen Zwei- 
drittelzelmt dem Kloster widmete.* 

Die Kirche (St. Sebastiani?) jetzt unter dem Patronate Ten Neuhaus-Leitz- 
kau — über frühere Parochial -Verhältnisse siehe bei Gehrden — in der Mitte 
des Dorfes nördlich von der WO -Dorfstrasse gelegen, ist ein sehr kleiner und 
verdorbener einschiffiger Bau aus Gommemschen Bruchsteinen, an dem die 
Nordwand des Schiffes noch ein sehr kleines romanisches Fenster enthält, da- 
gegen schliesst sich an das etwas eingezogene Altarhaus in gleicher Höhe und 
Breite eine dreiseitige Apsis, deren Spitzbogenfenster, wie das noch unverändert 
erhaltene mittelste ausweist, gekuppelt gewesen sind. Der quadratische Fach- 
werkturm vor der Westfront ist ersichtlich späterer Zusatz. In der Ap^s ist 
noch der alte kleine Sakramentschrank erhalten mit oben im spitzen Winkel 
geschlossener, auf den Kreuzungspunkten mit Rosen belegter eiserner Gitterthür 
und Holzthür mit altem Eisenbeschlag — letztere dick übertüncht Gegenüber 
an der Südseite ein anderes rechteckiges Wandschränkchen, nur mit Holzthür, 
nicht Piscina, wohl für das h. öl. 

Der ziemlich hässliche Altar-Kanzel-Aufbau mit Säulen und Beschlag- 
omament, oben im Aufsatz über dem Kanzelpolygon (ohne Schalldeckel) die 
Kreuzigungsgruppe, flankiert von zwei Engeln mit Marterwerkzeugen, stammt 
aus Ladeburg, wie AVappen und Inschrift des Henricus Kreienberg, Pastors in 
„Litzkow" und Ladeburg (s. oben bei Ijoitzkau) im rechten Flügelstück des Orna- 
ments ausweist, und ist interessant dadurch, dass im linken Flügelstück sieh der 
Verfasser verewigt hat mit seinem kleinen Brustbild (den bekannten Maler- 
Wappenschild haltend) AETATIS SVE 55 und darunter an einer Steinbrüstung 
mit der deutschen Inschrift 

yimo ;609 
3ft betfev aüat bm^ (Elia» kal(^eiiii 
aitd btv alhtn flabt Qlabebttfgt 
ben 4* t)^cembve0 peffevbiget iDovben 

übrigens eine bescheidene Handwerksarbeit auch in dieser Malerei. 

Vor dem Altar liegt im Fussboden eine ehemalige Altarplatte, welche 
Wiggert a. a. 0. besprochen und auf Taf. I Nr. 3 abgebildet hat. Man erkennt 
noch die jetzt mit einem Ziegelstein verschlossene Reliquiengruft und eins der 
Weihekreuze. Alles übrige ist völlig abgetreten, so auch der von Wiggert mit- 



* Vrgl. Wiggert, S. 107— 109. Danach Lotz I S. 504. 



Proedel. Bandau. 223 



geteilte Inschriftrest DHI BALD, welchen er als die sonst allerdings nicht vor- 
kommende inschriftliche Bezeichnung des weihenden Bischofs (Balderam von 
Brandenburg 1179—1190) erklären wollte, was sehr wenig Wahrscheinlichkeit 
hat. Eher wird man wohl an einen gelegentlich der gotischen Umänderung des 
Altarraums benutzten ehemaligen Grabstein denken dürfen. 

Aus Ladeburg stammt auch der bemalte Taufstein. Auf omamentiei-tem 
viereckigen Fusse mit dem Datum 1607 DEN 30. DECEMBRIS steht ein sechs- 
eckiges Becken von 0,975 m Durchmesser übereck, an dessen Ecken zwischen 
Kartuschenwerk männliche und weibliche Hermen ausgekragt sind, an einer der 
Flächen ein kleines Relief der Taufe Christi, an den andern unter Engelsköpfen 
Kartuschen mit Inschriften des Schulzen und der „Altväter" von Ladeburg. Das 
Kranzgesims ist sehr reich profiliert. 

An der Südwand vor der Apsis ist noch ein kleines hochrechteckiges Relief 
der Einsetzung des heil. Abendmahls in Weiss und Gold — die nackten Teile 
fleischfarbig bemalt — befestigt, ein nicht ganz uninteressantes Werk der Früh- 
renaissance, jedenfalls älter als der Altaraufbau. Gegenüber ein schlechtes Öl- 
bild nis der Ganzfigur des Pastors Johann Martin Tiemann gest. 1748. 

Von den Glocken ist die grössere von 0,71 ra Durchm. alt, nur mit zwei 
Reifenpaaren am Halse. Die kleinere ist ein Neuguss von Becker in Halle 
von 1843. 

Von den Abendmahlsgeräten beim Pfarrer ist ein silbervergoldeter Kelch 
erwähnenswert von 0,165 m Höhe, 0,098 m Durchmesser des Bechers und 0,125 m 
Durchmesser des runden Fusses. Unter dem letzteren befindet sich auf dem 
teilweise abgebrochenen Rande die deshalb nur bruchstückweise erhaltene 
Minuskelinschrift eingegraben . . . . « f tC(t t l«Ml t \^t «^^es* (1473). Auf der 
Oberseite des Fusses ein kleines kreisrundes Reliefmedaillon der Kreuzigungs- 
gruppe als signaculum. Der Knauf sechsteilig, auf der Oberseite mit durch- 
brochenem Masswerk, hat auf den Stirnflächen der Zapfen in Minuskeln il|CfM0, 
darüber am Ständer |it |Uf, darunter tiC mrii eingraviert. Die dazu gehörige 
silbervergoldete P ateno ist ganz einfach mit in den Fond eingedrücktem Vier- 
pass und dem gravierten Tatzenkreuz als signaculum auf dem Rande. Auf den 
Deckel der cylindrischen Hostienschachtel von Messing ist nur ein Kruzifix 
mit Widmung von 1745 eingraviert. 

Randau. 

[1236 Randowe, 1564 Randaw.]* 

Pfarrdorf mit Rittergut an der alten Elbe, 7^2 km westlich von Gommern, 
früher nicht zum Jerichowschen, sondern zum Holzkreise des Herzogtums Magde- 
burg gehörig. Die Burg des nach dem Orte genannten Geschlechts, dessen erster 
beurkundeter Spross ein 1236 als Zeuge vorkommender Ihegenardus ist, wurde 
zur Zeit Erzbischofs Burchard IL (1295-1305) von den Magdeburger Bürgern 
erobert und zerstört — weshalb, ist nicht bekannt. 1309 schenkte die Stadt das 
Gut an Erzbischof Burchard III., der es sofort, um das Pallium zu erwerben, für 
400 Mark verkaufte. 1447 befand es sich im Besitz der von Alvensleben, in 



Vrgl. Winter, Elbenauer Werder, S. 102. 



224 Kreis Jerichow I. 



welchem es auch bis in die Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts geblieben ist 
Von der alten Burg ist jede Spur verschwunden. Sie soll in der Niederung 
gelegen haben. Zu von Alvenslebens Zeit waren noch rudera davon zu sehen, 
er fügt aber hinzu : „das jetzige Haus aber, so in diesem Kriegsweseti fast ganig 
zu Grunde gerichtet worden, ist auff einen gantz anderen und ziemblich weit von 
der Burg entlegenen Platze erbauhet worden,** Jetzt ist alles modern, auch die 
Kirche, ein nüchterner halbantikisierender Bau im Stile der dreissiger Jahre 
unsers Jahrhunderts, mit dem Turm im Osten. 

Ranies. 

[1221 Ranis, 1343 Ronis, 1445 Ranis, 1466 Rannis — der Ton liegt auf der 
zweiten Silbe.] 

Kirchdorf an der Elbe 6V2 tm südlich von Gommern, ehemals zum kur- 
sächsischen Amte Gommern gehörig, in «einen Schicksalen immer mit Elbenau 
(s. das. S. 80) eng verbunden. Ein danach genanntes adeliges Geschlecht kommt 
zuerst 1207 mit Rudolf von R. urkundlich vor und weiter bis in die zweite Hälfte 
des XIV. Jahrhunderts.* 

Die Kirche St Pancratii, Filial zu dem jenseits der Elbe im Kreise Kalbe 
gelegenen Glinde ist ein mit der Westfront unmittelbar an der NS -Dorfstrasse 
gelegener niedriger rechteckiger Fachwerkbau, nur der Westturm mit viereckiger 
Lateme hat einen etwa 5 m hohen massiven Unterbau aus Bruchsteinen, von 
dem Winter meint, dass er „leicht ein früheres Aussen werk der Burg gewesen 
sein könnte", zu welcher Vermutung indessen die Lokalität nicht den geringsten 
Anlass bietet Auch hier ist das ganze Innere ausgemalt, die Decke in länglich 
rechteckigen Feldern, in denen je eine alttestamentliche Geschichte oder ein 
Prophet mit einem Ornamentfelde (im Stile des Beschlagomaments) abwechseln 
— nur das westliche Ende ist durch schlechtes Rankenoraament späterer Zeit 
ersetzt Auch das gesamte Gestühl und die Emporenbrüstungen sind in ähn- 
licher Weise wie in Elbenau mit Ornament in Leimfarben, aber hier in unschönen 
Barockformen bemalt An einem Deckenbalken steht auf der Südseite M.D.C.XXIX 
und so auch in den Malereien des Schöppenstuhls südlich neben dem Altar: 1629. 

Der Altar hat noch die alte Platte mit der Reliquiengruft oben in der 
Mitte, aber ohne Weihekreuze. Auf ihm steht jetzt ein abschreckend hässlicher 
Kanzel-Aufbau. Ein Rest eines älteren Altaraufsatzes im Stile der Frührenaissance 
bildet jetzt die Rückwand des Pfarrstuhls nördlich neben dem Altare. In dem 
mittleren kloinen Oberstücke ist die Kreuzigungsgruppe gemalt darüber in einem 
Kreisrahmen das sehr ausführliche kursächsische Wappen in Relief. Auf dem 
Altare zwei zinnerne Leuchter von 1754 und ein zinnerner Kelch von 1755 in 
für die Zeit bezeichnenden gedrehten Formen. 

Bemerkenswert ist der Tauf stein. Auf einem vierseitigen flachen Sockel 
mit den Namen der Kirchen Vorsteher und dem Datum ANNO 1610, erhebt sich 
eine ziemlich schlanke Säule, ganz mit dem flachen Beschlagornament überzogen, 
in welches in halber Höhe vier Engelsköpfe aus Alabaster eingesetzt sind, von 
denen jetzt zwei fehlen. Darauf ruht ein sechseckiges Becken mit ungeschickten 



» Vrgl. Winter, Eiben. Werder Ö. 113. 



Banies. Bietzel. 225 



Eckkonsolen zum Tragen der reichen oberen Randprofilierung. Auf den Flächen 
befinden sich die Reliefs der vier Evangelisten in Eniestück mit ihren Symbolen, 
so auffallend ähnlich denjenigen an der Kanzel in St Nikolai zu Burg, dass sie 
aus der Werkstatt desselben Meisters herrühren müssen; dazwischen zwei bürger- 
liche Wappenschilde ohne Tinktur, der eine mit den Initialen P. K., der andere, 
wohl der des Pfarrers, mit M. E. P. Die oberste Bekrönung in grüngestrichenem 
Holze ist wohl moderne Zuthat. 

An der Ostwand neben der Kanzel hängt ein kleines spätgotisches, vom 
dreieckiges hölzernes Heiligenhäuschen mit einer sitzenden Gottesmutter — 
oben leidliches durchbrochenes Masswerk — schlecht übermalt. — Die von 
Winter erwähnte Fahne mit der Inschrift B. M. 1695 und ein dazugehöriger 
Degen, der Sage nach von einem aus Ranies gebürtigen Benno Matthias in einer 
Schlacht erobert und in die Kirche gestiftet, sind nicht mehr vorhanden. 

Von den Glocken trägt die grössere von 0,62 m Durchmesser am Halse die 
Inschrift : HEINRICH BOR8TELMAN ME FECIT . SIT NOMEN DOMINI BENE- 
DICTVM 1593, dazu die gewöhnlichen Borstelmannschen Ornamente und am 
Körper ein kleines Agnus in Relief. Die kleinere ist ein Neuguss von Gebr. 
Ulrich in Apolda von 1870, bezeichnet „op. 508'* und mit dem Relief des Schiller- 
kopfes (!) am Körper. 

,J)ie ehemalige Burg, berichtet Winter, war auf dem höchsten Punkte des 
Dorfes dicht neben der Kirche gelegen. Ihr Umfang ist noch genau zuerkennen, 
nur 50 Schritte Durchmesser, die etwa 2Fuss dicke Mauer aus Plötzkyer Bruch- 
steinen ist noch an mehreren Stellen deutlich sichtbar." 

Rietzel. 

[1335 Recel, 1340 Recele, 1345 Retzle, 1459 Ritzel, 1562 Reitzel.] 

Pfarrdorf, 11 m östlich von Burg, zum Amte Grabow gehörig, daher im Be- 
sitz der von Wulffen, aber seit 1540 zum Teil den von Plotho zugefallen (siehe 
oben bei Grabow). 

Die Kirche, jetzt unter dem Patronat des Besitzers von Stresow, ist ein 
in der Mitte des Dorfes, nördlich von der SW-NO- Strasse, inmitten des Kirch- 
hofes gelegener unbedeutender einschiffiger romanischer Feldsteinbau nach 
Schema II, an dem an der Südseite des Schiffes noch drei, an der 
Nordseite noch zwei der alten kleinen hochsitzenden romanischen Fenster 
erhalten sind, die Eingangsthür an der Südseite des Schiffes und die 
vermauerte Priesterthür am Altarhause aber bereits den Spitzbogen auf- 
weisen. Die Apsis ist nach einem Brande von 1704 bis auf ^/4 Manneshöhe ab- 
gebrochen und in Fachwerk neu aufgeführt. Am Kranzgesims derselben ist der 
Vers ALLEIN GOTT IN DER HÖH bis RVEHREN KANN KEIN SCHADE in er- 
habenen Buchstaben ausgeschnitten. Die obere Endigung der Westfront in Back- 
stein mit dem quadratischen Fachwerktürmchen ist modern (die beiden Glocken 
Neugüsse von Ulrich in Apolda von 1892). 

Im Innern ist der Triumphbogen völlig glatt. Der gemauerte Altar trägt 
einen dörflichen Säulenaufsatz von 1694, gestiftet nach den Wappen und Initialen 
von E 8. V. W(ulffen) und G. T. V. H(ake — vergl. bei Grabow S. 102). Ebenso 
der Kanzelbau. 

Dte KrelM J«rleliow. 15 



226 Kreis Jerichow I. 



Ein silbervergoldeter Kelch mit den schwachen Reminiscenzen an den 
gotischen sechsteiligen Bau ist 1704 nach den am Becher eingravierten Wappen 
und Initialen gestiftet von E G. E. V. P(lotho) und D. S. V. W(alffen), ebenso 
die dazugehörige ovale Hostienschachtel. 

An den Pfeilern der Hauptpforte der Kirchhofsmauer sind zwei Reliefplatten 
mit AUiancewappen eingelassen, die eine des Kuno Wichmann von Wulffen 
und der Philippine Dorothee von Stammer 1718 (s. bei Grabow S. 102), die andere 
bereits stark verwitterte eines von Plotho und einer von Krusemark. 

Rosian. 

[1296 und das ganze Mittelalter hindurch Resegane und Resegan, so auch 
noch jetzt im Yolksmunde mit weicher Aussprache des g und Betonung der 
letzten Silbe, 1383 Rosegan]. 

Pfarrdorf an der Ehle, 6 km ostsüdöstlich von Loburg, früher zum Amte 
Loburg gehörig, die Pfarre ehemals der Cantorstelle des Magdeburger Domkapitels 
inkorporiert und zwar schon seit den ältesten Zeiten, denn bereits in der ersten 
urkundlichen Erwälmung des Ortes würd der dortige vicepM)anus genannt 

Die Kirche, fiskalischen Patronats, im westlichsten Teile des Dorfes nördlich 
der WO-Dorfstrasse inmitten des Kirchhofes gelegen, ist ein einschiffiger roma- 
nischer Feldsteinbau nach Schema II. Von den jederseits fünf Fenstern des 
Schiffs sind auf der Südseite das zweite von Westen und auf der Nordseite das 
östlichste noch in ursprünglicher Form erhalten, desgleichen von den je zweien am 
Altarhause die beiden auf der Nordseite und von dreien der Apsis die beiden 
äusseren, die übrigen sind teils vermauert, teils 1739 verändert Die Priester- 
thür liegt an der Südseite des Altarhauses, zwei grössere am Schiffe nördlich 
und südlich zwischen dem zweiten und dritten Fenster von Westen her. Ausser- 
dem ist noch eine vermauerte Rundbogenpforte unten in der oben in Backstein 
geflickten Westwand vorhanden und über derselben ein ebenfalls vermauertes 
Rundbogenfenster. Der an den erhöhten Mittelteil der Westmauer gelehnte Fach- 
werkturra mit Pyraraidaldach trägt in der W^etterfahne die Zeichen I. C. S. 1788 
— nach den Kirchenakten damals vom Schmiedemeister Schulze geschenkt Vor 
der Westfront zeigen sich im Rasen des Kirchhofes die Fundamente eines ob- 
longen Vorbaus, von dessen Anlehnung an die Front auch an dieser noch 
Spuren vorhanden sind. lieber seine ehemalige Bestimmung fehlt es an jeder 
Auskunft — ein Grabgewölbe kann es hier wohl nicht gewesen sein wie in Ister- 
bies (s. das.), da es hier keine Gutsfamilie gegeben hat 

Im Innern haben die 1,22 m starken Wandpfeilor für den Triumph- wie für 
den Apsisbogen gegliederte Kämpfer, jedoch ist die Gliederung wegen der dicken 
Übertünchung nicht genauer festzustellen, sie ist jedenfalls sehr zerstört Ab- 
weichend von der sonst in den Feldsteinkirchen herrschenden äussersten Schlicht- 
heit ist hier der Apsis-Bogen und Pfeiler einmal ausgeeckt, und die äussere Ecke 
hat ihr besonderes, höhersitzendes Kapital. 

Der Altar trägt einen geschnitzten spätgotischen Flügelschrein. Im Schrein 
die Gottesmutter von etwas über V2 Lebensgrösse in der Sonne mit anbetenden 
Engelchen, von denen noch drei erhalten sind. Zu ihren Seiten in auffällig 



Rietzel. Rosian. 227 



langen Figuren, rechts ein Bischof mit dem Pedum ohne weiteres Attribut, links 
Antonius mit Glocke und Schwein. An der Strebepfeilerarchitektur dazwischen 
haben noch mehrere kleine Heilige gestanden, von denen nur noch einer, ein 
Diakon, erhalten ist. In den Flügeln stehen in zwei Reihen unter Baldachinen, 
deren Masswerk sehr spätgotisch aus zackigen Distelranken gebildet ist, die 
zwölf Apostel, unter ihnen Paulus, mit ihren Attributen. Bemalung und Ver- 
goldung ist sehr verdorben. Auf den Aussenseiten der Flügel in Leimfarben 
ohne Oipsgrundierung auf das Holz gemalt und bis auf die Umrisse fast ganz 
verloschen, rechts die Verkündigung, links die Geisselung. Besser erhalten ist 
auf der Vorderseite der Staffel das Schweisstuch , umgeben von zwei Engeln in 
Kniestück mit der Geisselungssäule bezw. dem Kreuz; dieses eine recht tüchtige 
Werkstattarbeit von etwas harter Farbe, aber in Zeichnung und Ausdruck ganz 
trefflich. Erwähnung verdient als eine sehr zierliche geschmackvolle Arbeit von 
vortrefflicher Anatomie das ebenfalls noch gotische Corpus eines kleinen Kruzi- 
fixes von vergoldetem Holz, auf welches die Blutstropfen der Domenkrone 
und der Wunden rot aufgemalt sind. 

Der Tauf stein ist ganz einfach romanisch; auf einem achteckigen, nach 
oben sich verjüngenden Ständer eine Halbkugelschale von 0,75 m Durchmesser. 
Der Stein ist aussen am Becken merkwürdig ausgeschliffen, als hätte er lange 
Zeit im fliessenden Wasser gelegen, das die weichen Teile weggespült hätte. 

Von den Glocken gehören die beiden grösseren (von 1 m bezw. 0,63 m 
Durchmesser, die letztere von sehr schlanker Form) zusammen. Beide tragen 
am Halse, die grössere zwischen Keifen, die kleinere zwischen Bindfadenschnüren, 
in gleichen, sehr sauberen Majuskeln von später und etwas ungeschickter Form 
die Inschrift + QOESOLOR VIVA FLÖO mORTVÄ PGUÜLO ßOQIVÄ, die 
grössere noch dazu: JSJ2 . Wl . öl° . QQQQXL (1440); die grössere ausserdem 
am Körper einander diametral gegenüberstehend die Gottesmutter und Paulus^ 
in Reliefs von 0,08 m Höhe. — Die dritte von 0,62 m Durchmesser hat nur drei 
Bindfadenschnüre am Halse. 

Ein kleiner silbervergoldeter Abendmahlskelch der spätgotischen sechs- 
teiligen Form trägt an den Stirnflächen des Knaufs in (nicht mehr vorhandenem) 
Emailfond die Initialen + SLÄVR\ die wohl als S. Laurentius zu ergänzen sind 
und die Vermutung nahe legen, dass der Kelch zu dem Silberwerk der Lauren- 
tiuskirche zu Loburg gehört haben wird, welches nach Bestimmung der A'^isita- 
toren 1562 zum Besten des dortigen Kirchenbaus verkauft werden sollte. 

Südlich vom Orte, unmittelbar südlich von der Ehle und westlich vom Fahr- 
wege nach Isterhies liegt inmitten der Ehlewiese der Rest der Ring- 
mauer einer kleinen Burg, über welche es an jeder urkundlichen Nachricht 
oder örtlichen Überlieferung gänzlich fehlt, deren frühere militärische Benutzung 
aber durch gelegentlich darin gefundene Sporen und eiserne Pfeilspitzen — 
letztere jetzt in der Alterturassammlung zu Burg — bezeugt ist. Die Ringmauer 
(s. den Situationsplan Fig. 73) bildet ein unregelmässiges Fünfeck, dessen zum 



^ Das Auftreten des Paulus hier und an dem wohl gleichzeitigen Flügelaltare legt die 
Veimutang nahe, dass die Kirche damals dem in diesen Gegenden nur seltener vorkommen- 
den Apostel geweiht gewesen sein möge. 

15* 



228 



Kreis Jeriehow I. 



Teil etwas gekrümmte Seiten in der Richtung von Süden nach Westen und 
Norden herum in runden Zahlen 30, 39, 23, 45 und 34 m lang sind, während 
die Diagonalen A— D 66, C— E 57 und B— E 48 m rund betragen. Die Feld- 
steinmauor, die als Steinbruch ausgebeutet wird, ist nur noch in geringer, übrigens 
sehr verschiedener Höhe erhalten, am besten auf den Seiten AB und AE, wo sie 
sich unten als 1^!^ m stark erweist und auf der Aussenseite in Höhenimter- 
schieden von etwa 1 m zwei Rücksprünge von je 0,125 m Tiefe erkennen lässt 
Der Eingang scheint auf der schon am meisten zerstörten Seite D — ^E gelegen zu 
haben. Im Innenraum lag früher vor der Seite A— B ein grösserer über- 
wachsener Schutthaufen, welcher darunter Reste oder Fundamente von Wohn- 
oder Stallungsbaulichkeiten vermuten Hess, doch hat sich dies bei teilweiser Weg- 



QueVba4 




Fig 73. Rosian. Situationsplan der Burg. 



Schaffung desselben nicht bestätigt, jedoch sind bei 1888 vorgenommenen Nach- 
grabungen Reste von unterirdischen Gewölben, sowie eine Anzahl Gerippe und 
Urnen gefunden worden. 

Rottstock. 

[1459 Rotstock, 1420 und 1552 Rostock.] 

Ehemals zum Amte Ziesar gehöriges Kirchdorf an der Buckau und dem 
Kallenbache, 9 km südsüdöstlich von Ziesar. 

Die Kirche, Filial zu Buckau, fiskalischen Patronats, mitten im Dorfe an 
der Nordseite der Strasse gelegen, zum Abbruch bestimmt, ist ein einfaches 
romanisches Feldstein -Rechteck mit im Innern abgei'undeten Ost -Ecken; die 
Fenster sämtlich vergrössert und formlos verändert, die Giebeldreiecke im 
und TV von Fach werk. — Der Taufstein, achteckig, von 0,90 ra Durchm. 



Bottstock. Schartan. 229 



übereck, zeigt die einfachsten gotischen Formen. Es scheint aber, dass ehemalige 
Profilienmgen oder Ornamente unter dem oberen Eande weggeschlagen sind, da 
sich dort bis zum ersten profilierten Reifen ein 0,19 m breites senkrechtes Band 
herumzieht, das jetzt vollkommen leer ist, oben mit einigen aufgemalton Hori- 
zontallinien versehen. 

Zwei 0,29 m hohe gegossene Messingleuchter auf dem Altare sind leid- 
liche Repräsentanten der aus dem Mittelalter überlieferten Profilierungen. — 
Die Glocke von 0,70 ra Durchm., nur mit vier flachen Bändern am Halse als 
Schmuck, hängt westlich von der Kirche in einem offenen Holzgerüst. 

Schartau. 

[945 Sirtaw, 949 Ciertuui, 965 Cirtowa, 966 Sirtauua, 1153 Schartowe, 1186 
Scartowe, 1307 Scharthowe — nachher immer zwischen Schartau und Schartow 
abwechselnd.] 

Pfarrdorf an der Eibe, ö*/2 kni westnordwestlich von Burg — nicht zu ver- 
wechseln mit dem bei Stendal gelegenen — zuerst urkundlich erwähnt als dem 
Moritzkloster von Otto d. Gr. geschenkte urbs oder civitas, muss, wenn auch das 
angeblich von Karl d. Gr. dem Wittekind verliehene „Herzogtum*^ Schartau als 
abgethane Fabel anzusehen ist, in alter Zeit eine hervorragendere Bedeutung 
gehabt haben, da 1159 die justitia Scarioensis und 1187 das jus Scartuense auf 
andere Landgemeinden übertragen Avird. Zur Zeit der ersten Visitation befand 
sich das Dorf im Besitze der von Treskow, zu von Alvenslebens Zeit neben ihnen 
hauptsächlich der von Mömer im XVIII. Jahrhundert wurde 'es zur Bildung des 
Königlichen Domänenamtes Niegripp mit erworben. 

Die Pfarre, auf der zuerst 1156 ein sacerdos Verthebdldus urkundlich vor- 
kommt, wurde 1307 dem Marien-Kloster in Magdeburg inkorporiert, gehörte jedoch 
1514 zu den Stellen, die Kardinal Albrecht als dem Domkapitel gehörig aner- 
kannte, und ging bei der ersten Visitation von den von Treskow zu Lehen. 

Die Kirche, S. Sebastian!, fiskalischen Patronat«, im nördlichsten Teile des 
Dorfes, nördlich abseits der SW-NO-Dorfstrasse gelegen, ist ein einschiffiger 
romanischer Feldsteinbau nach Schema I. Die Fenster sind sämtlich verändert 
bis auf zwei an der Apsis — an welcher die alte Fugung mit in die breiten 
Mörtellagen eingeritzten Quaderfugen erhalten ist — während das mittelste zu 
einer Thür für den Geistlichen umgewandelt ist. Von den Thüren am Schiff ist 
die nördliche vermauert; der Oberteil des Turmes in Fachwerk mit Satteldach 
erneuert, daher ohne die alte Glockenstube. Das Innere, in dem Triumph- und 
Apsisbogen vollkommen glatt sind, ist 1887 restauriert und polychromiert. Der 
Altar trägt einen modernen Aufbau in klassizierenden Formen mit einem ziem- 
lich grossen Längsbilde der Kreuzigungsgruppe, angeblich einer Kopie nach 
Tintoretto, die 1861 vom Könige aus den Beständen des Museums zu Berlin 
geschenkt worden ist. 

Die drei Glocken haben 1,00 — 0,72 und 0,59 m Durchmesser, die grösste 
ist aus dem Metall von drei früheren Glocken gegossen, die beim Brande des 
Turmes 1759 in das Innere desselben herabgestürzt und zerschmolzen waren. 

Als Stelle der alten Burg gilt ein nördlich vom Dorfe fast der Kirche 



230 Kreis Jerichow I. 



gegenüber am Südafer des kleinen Schartauer Sees gelegener, etwa 2^ m hoher 
viereckiger Wall, dessen Gräben noch kenntlich sind, jetzt der „Wallberg 
genannt. 



u 



Schermen. 

Kirchdorf mit ehemaligem Rittergut, 5 Vi km südsüdwestlich von Burg, früher 
Lehen der Grafen von Lindow, nachher seit 1524 erzstiftisch, 1562 im Besitze der 
von Meyendorf, 1616 erblich an die von Alvensleben auf Bandau gekommen, in 
deren Händen es noch am Ende des XVIII. Jahrhunderts war, zuletzt von 
Kemnitzischer Besitz, in den zwanziger Jahren des gegenwärtigen Jahrhunderts 
unter die Bauerngemeinde dismembriert. 

Die Kirche, Filial von Detershagen und mit diesem unter dem Patronat 
des Klosters nachher der Gutsherrschaft Althaus -Leitzkau, liegt in der Mitt« des 
im rechten Winkel gebauten, bergigen Dorfes südlich der OW-Strasse desselben, 
inmitten des Kirchhofes, der sich allmählich bis zum Rande der ihn umgebenden, 
mit Strebepfeilern gestützten Feldsteinmauer ausgehöht hat und zwar sehr 
unregelmässig, sodass von dem Kirchengebäude ersichtlich viel in der Erde steckt. 
Es ist ursprünglich ein romanischer Feldsteinbau einfachster Art, aus ungewöhnlich 
grossen Findlingen in sehr regelmässiger Schichtung hergestellt An der Süd- 
seite des Schiffes sind, jetzt in Gesichtshöhe über dem Erdboden, vermauert noch 
zwei der alten Rundbogenfenster erhalten, die im Lichten nur 0,33 m hoch und 
0,22 m breit sind; auch an der Nordseite die Rundbogenthür und die Priester- 
thür, sodass das Kirchlein ursprünglich kein besonderes Altarhaus gehabt zu 
haben scheint. Der Westturm öffnet sich unten in hohem Spitzbogen gegen das 
Schiff und hat in der Glockenstube nach W und je drei, nach N und S je 
zwei Schallöffnungen mit sich anspitzendem Bogen, in den Giebeln des Sattel- 
daches darüber noch je eine schlankere. Dieser Bau nun ist ersichtlich später 
in höchst unregelmässigom , schlecht gefugtem Material kleiner Feldsteine mit 
eingemischten Backsteinen dergestalt verändert, dass das Schiff um einen gleichen 
Betrag, wie es an der Südseite aus dem Erdboden ragt, erhöht und ein länglich 
rechteckiges Altarhaus angefügt ist. Dasselbe hat in der Ostwand drei schmale, 
im Spitzbogen geschlossene Fenster, wie auch im Schiffe auf der Südseite ein 
grosses zweiteiliges Spitzbogenfenster mit Backsteinleibungen und einem unge- 
schickten runden Teilungspfeiler aus Backstein eingebrochen ist Dieser Umbau 
dürfte wohl erst der Zeit nach den Verwüstungen des dreissigjährigen Krieges 
angehören — falls er nicht noch später anzusetzen ist, denn die flache Decke 
des Schiffs, welche mit singenden und musizierenden Engeln in Lebensgrösse 
bemalt ist, hat nach einer von dem bekannten Künstlerwappen begleiteten In- 
schrift Anno 1715 ein Arnold Eg. (vielleicht Egeling aus Loburg?) hergestellt 
Die früher ebenso ausgestattet gewesene Tonnendecke des Altarhauses ist jetzt 
einfarbig blau überstrichen. 

Der Altar hat die alte, nicht ausladende Deckplatte mit sehr tief ein- 
gegrabenen, gerade stehenden Weihekreuzen, die Reliquiengruft jedoch vom im 
stipes. Darauf steht ein abschreckender hölzerner Aufsatz der Spätrenaissance 
mit den fast possierlich wirkenden Statuetten rechts des Markus, links des Jo- 
hannes; die Bilder darin sind modemer Farbendruck. Als Altarstufe dient ein 



Schermen. Schopsdorf. Stegelitz. 231 



auffallend kurzer Grabstein mit der eingegrabenen Umrissfigur eines Mannes 
in bürgerlicher Kleidung. Die sehr unorthographische Majuskelumschrift ist bei 
dem Familiennamen des Mannes leider abgetreten und abgebrochen + ÄHKO • 
»HI II öl - CCC - XVU (1317) . I • VIILIÄ - BQÄTQ || ölÄVRiail : || 

iiyHRia . De • doÄ 

Vor dem Altar liegt im Fussboden ein zweiter, zum Teil durch den darauf 
gestellten Taufstein verdeckter, an seinem unteren Ende äusserst abgetretener, 
ebenfalls ziemlich kurzer Grabstein, der oben in Giebelform abschliesst und in 
eingegrabener Umrisszeichnung wohl die Ehefrau des vorigen darstellt. Die 
Umschrift, die oben in der Spitze des Giebels beginnt, lautet, soweit leserlich: 
+ ÄHKO II 90(DIHI • Ol - CCC (also 1316) - IR SQXTÄ || FÖRIÄ || 

XVI ,» p p p 

OIiÄI (Taufstein) QRTRVT • hOI || R aOARI^ (NB. Ranis kann es nicht 
gelesen werden). Eine Abbildung dieses zweiten Steines hat der Altertums- 
Verein zu Burg 1889 hex-steilen lassen. 

Der genannte Taufstein hat einen cylindrischen Ständer, der unten in 
rohen Eckschuhen steckend auf einem viereckigen Klotze ruht. Das halbkugelige 
Becken von 0,80 m Durclimesser hat auf der glatten Fläche unterhalb des Randes 
die Umschrift: BAPTISMVS CHRISTI EST LAVACRVM AQVAE IN VERBO 1552 
(nach Epheser 5 V. 26). Darunter ist die Oberfäche des Beckens mit 15 scharfen 
Stegen schraubenförmig kanelliert. 

Von den Glocken ist die grössere von 0,68 m Durchm. ein unsauberer 
Guss Ton C. G. Ziegener in Magdeburg von 1764 mit Wappen und Namen des 
Gutsbesitzers (von Alvensleben), die zweite ein Neuguss von W. Engelcke in 
Halberstadt von 1867. 

Schopsdorf. 

[1329 Scrapstorp, 1459 Scapstorp.] 

Kolonistendorf ohne Kirche, 6 km südwestlich von Ziesar, im XVI. Jahr- 
hundert wüste Feldmark, hatte früher eine mit Wällen und Gräben umgebene 
Burg, auf welcher Bischof Ludwig von Brandenburg (1329—1347) gewöhnlich 
residierte. Diese war 1356 bereits verfallen und zerstört und an Ebel von 
Woldenhagen verpfändet. In diesem Jahre verkaufte Bischof Dietrich den Ort 
für 70 Mark an Ebel von Wittberg, dem erlaubt wurde, sich daselbst, jedoch auf 
ebener Erde und ohne Gräben eine Kemenate zu erbauen, den Wall der alten 
Burg dagegen wollte der Bischof vollends schleifen [s. Riedel A. X S. 40J; jetzt 
ist keine Spur davon melu* vorhanden. 

Stegelitz. 

[1306 parvum Stegelitz, 1525 Lutke Stegelitz.] 

Pfarrdorf 10 km südlich von Burg, von alter Zeit zum Schlosse Grabow 
gehörig (oder vielmehr eigentlich zum Amte Möckern gehörig, aber von den 
Grafen von Lindow an die von Wulffen auf Grabow verliehen), und daher dessen 
Schicksale teilend und früher zum Kreise Ziesar gehörig. Jedoch war der vierte 
Teil des Dorfes 1410 als Lehen der Grafen von Lindow in den Händen der von 
Byem und wurde an das Kloster Ploetzke verliehen; ein anderes Viertel war 
1405 an die Brüder von Rosenberg verliehen, von denen es 1556 an Lippold 



232 Kreis Jerichow I. 



von Arnim zu Brandenstein abgetreten wurde. Die Hälfte des von Wulffenschen 
Besitzes kam 1545 (siehe bei Grabow und Rietzel etc.) an die von Plotho, erst 
Werner von Wulffen auf Pietzpuhl kaufte 1721 das Ganze zusammen. 

Die Kirche S. Petri (nach dem alten Kirchensiegel) unter dem Patrona^ 
der Besitzer von Pietzpuhl, in der SO-Ecke des wendisch angelegten Dorfes in- 
mitten des Kirchhofes gelegen, ist ein einschiffiger romanischer Feldsteinbaii 
nach Schema II, der 1721 bis 1727 eine Erneuerung erfahren hat, welche das 
Äussere bis auf die Verputzung des Ganzen und die Verlängerung und Ver- 
breiterung der nun im Spitzbogen geschlossenen Fenster (die ehemaligen drei 
der Apsis sind bis auf eins vermauert) im wesentlichen unverändert gelassen 
hat. Das an die Erhöhung der West wand gelehnte Fachwerktürmchen mit 
Schweifdach, achteckiger geschlossener Laterne und wälscher Haube, innen auf 
zwei Pfeilern ruhend, trägt in der Wetterfahne die Jahreszahlen 1718 und 1871. 
Das Innere ist 1892. erneuert und polychromiert, die bei dieser Gelegenheit auf- 
gedeckten mittelalterlichen Wandmalereien in der Apsis sind wieder übertüncht, 
ohne dass eine Abbildung oder genauere Beschreibung davon aufgenommen wäre. 
Die flachen Decken vom Schiff und Altarhaus haben dem Bau von 1718 an- 
gehörige, einfache aber gefällige Rahmen-Profilierungen von Stuck. In der Apsis 
sind die Sakraments- und Piscina-Nischen vorhanden. 

Der Altar hat die alte 0,17m dicke, einfach mit Schmiege profilierte Platte 
mit der Reliquiengiuft, deren Deckplättchen ebenfalls noch vorhanden ist, Weihe- 
kreuze fehlen aber. Der barocke Aufsatz von Holz, nach den oben angebrachten 
Wappen und Initialen gestiftet von W(erner) V. W(ulffen) und H(enriette, 
S(ophie) V. P(laten), enthält unten die Einsetzung des h. Abendmahls, im Haupt- 
bilde die Kreuzgruppe in den üblichen geringen Malereien, oben die Rundfigur 
des Auferstandenen. Die alten Umgangsthtiren sind bei der Erneuerung 1892 
entfernt, die sie bekrönenden bemalten Holzfiguren des Moses und des Täufers 
sind an die Wand gestellt. Auf dem Altare liegt unter neueren eine alte Altar- 
decke von rotem Seidenplüsch, in welchem Rankenmuster im Stile der Zeit 
ausgeschoren sind, gestiftet 1742 und mit den Initialen der bereits 1721 gestorbenen 
H. S. V. W. (geb. von Platen) bestickt. 

Die Kanzel mit Treppe, gestiftet 1701 von Werner von Wulffen (gest. 1701) 
und seiner Ehefrau Dorothee Sophie von Katte (gest. 1721), bemalt und vergoldet, 
zeigt schwere Barockdekoration und wird von einem grossen ungeschickten Engel 
getragen. 

Aus unbemaltejn Kiefernholz ist die geschweifte, auf toskanischen Säulen (an 
denen die natürliche Maserung des Holzes wie eine künstliche Marmorierung 
wirkt) ruhende, mit schöner Galerie von sechseckigen Docken geschlossene 
Orgelempore hergestellt. Ebenso ist das nach den Kirchenakten etwa 1748 
gestiftete Orgelgehäuse (s. Fig. 74) unbemalt geblieben, dessen drei Haupttürme 
von schönen Konsolen getragen werden, von denen das mittelste einen lorbeer- 
bekränzten weiblichen Kopf darstellt. Das Ganze wird flankiert von zwei derben 
Engelputten in durchbrochenem Rankenwerk. Die beiden Seitentürme sind mit 
Fruchtkörben gekrönt, der mittelste über dem von Wulffen- von Ledeburschen 
AUiancewappen mit einem prächtigen geflügelten Saturnskopfe — alles in äusserst 
flotter und sicherer Rokokoschnitzerei teils in Kiefern- teils in Lindenholz. Die 



Steglitz. 233 

am Ostende der Nordseite des Schiffes stehende zweigeschossige, imten Pfair- 
oben FatronatS'Loge, sowie die auf elDfachem Holzpfeiler mit Streben ruhende 
ZwischeneDipore auf derselben Seite und die beiden kleineren Emporen oben 
neben der Orgel sind spätere, zu der Orgelempore nicht harmonierende und 
beträchtlich hinter ihr zurückbleibende Zusätze. 

Der grosse Taufstein ist aus Rübelander Marmor hergestellt, die sechs- 
eckige iSchale mit flacher Höhlung misst 1,18m übereck; an dem nicht schön 
profilierten Ständer das Alabaster -Wappen des Werner von Wulffen. 



Fig. 74. SIegelltz. Orgel. 



Eine überaus prächtige Marmorarbeit ist das in der Mitte der Südwand oben 
angebrachte Wandepitaph desselben. Zu unierst erselieint ein grosser trapez- 
förmiger Unterbau von schwarzgrauem Marmor, welcher, getragen von einem ba- 
rocken Blattkonsol aus hell rotbraunem Marmor und oben in zwei vorkragende 
Eckstücke von gleichem Material auslaufend, zwischen den IG j^hnenwappen aus 
weissem Marmor die ebenfalls in weiss eingelegte langatmige Grabsehrift trägt. 
Auf diesem Unterbau steht zunächst vor einem architektonischen Hintergrunde 
aus dem grauschwarzen Marmor ein an den Ecken von zwei liegenden Wolfen, 
in der Mitte aber von einem Totenkopf aus weissem Marmor getragenen Sarko- 
phag aus dem rotbraunen Marmor und auf demselben die vollrund gearbeitete 
weisse Marraorbüste des Verstorbenen in Kürass und Alongeperrücke — die zu 



234 Kreis Jerichow I. 



ihrer Herstellung benutzte Totenmaske des Verstorbenen befindet sich in Pietz- 
puhl. Zu den Seiten stehen auf den vorgekragten £ckstücken des Untersatzes 
zwei weibliche allegorische Gestalten aus weissem Marmor, die geflügelte zur 
Rechten schaut lebhaft nach oben und trägt in der Rechten eine abwärts ge- 
kehrte Ruhmesposaune, die ungeflügelte zur Linken hält in der linken Hand ein 
Buch abwärts, in der rechten einen von einer Schlange umwundenen Fackelstab, 
um den Hals eine goldene Kette mit dem Bilde der Sonne. Auf dem bogigen 
Abschlüsse der Wandarchitektur, vor dessen Bogen über dem Haupte der Büste 
ein ganz prächtig gearbeiteter, dem an der Orgel fast identischer Satumskopf in 
geflügelter Kartusche von weissem Marmor schwebt, liegen zu beiden Seiten des 
golden strahlenden von Wulffen- von Platenschen Alliancewappens zwei weinende 
weisse Marmorputten, der eine mit Schriftrolle in der Hand, der andere neben 
einem Bienenkorbe. Ganz oben schwebt frei vor der Wand ein geflügelter weib- 
licher Genius von weissem Marmor mit drei goldenen sechsstrahligen Sternen 
um das Haupt, in der rechten Hand abwärts gekehrt einen grünen Lorbeerkranz, 
in der linken nach aufwärts einen ebenfalls grünen Palmenzweig tragend. Das 
Ganze, wenn auch mit prahlerischem allegorischem Bombast überladen und stark 
manieriert, ist doch eine Arbeit von höchster technischer Vollendung; leider 
trägt sie nirgends den Namen des Künstlers, von dem ohne Zweifel auch der 
Orgelprospekt und das fast gleichzeitige von Münchhausensche Epitaph zu 
Möckern herrühren. Das hiesige ist dem 1743 verstorbenen Halberstädter Dom- 
herrn Werner von Wulffen 1744 von seinem Sohne, dem Magdeburger Domherrn 
Werner Christoph v. W. errichtet. Als ein charakteristisches Beispiel mag hier 
auch die langatmige Inschrift wenigstens in ihrem hauptsächlichsten Wortlaut 
mitgeteilt werden: 

Qtelfe m üUf 
ittib betvacl^te mit 1B\tt\ut6fiwoVi€n Tinitn biefe& 17eve|?vung9tDiiifbige Sitbni^ 

bee u. f. m. it. f. m. 
wel^e& ivoav einige Vov^üit be& ÜIU&, vA^t abev ber Seelen abbilbet 

benn (Ev voav 
(Eine Sierbe bed watfven }(bel0 (Ein ^Se^fpiel bct fiepten Sngenb 

(Ein Vatev bev WaifUn (Ein Devfovsev ber IPittben 

mit einem XOoit 

(Ein vcäfUv üa^folgev (El^rifii 

Jnbem ev in feinem sanken Ceben ®ottedfiiv(|^tig, in feinem Ceiben gebulbtg 

unb in feinem 6tevben ^^ ßanbtj^afftig ermiefe. 

Zum Schlüsse: 

tlun, Cefer, gebe ^in unb lebe fo »ie & gelebet, fo wirf Du 

anä^ mit (Ev nimmevmebi^ ftecben. 

Älter ist das an der Nordwand des Altarhauses aufgehängte grosse Tro- 
phäenepitaph in bemalter Holzschnitzerei des im Alter von 18 Jahren am 
18. April 1694 zu Zabal bei Neuhäusel in Ungarn von einem ungarischen Kornet 
„hinterlistiger und bosshaffter Weise erstochenen" Fähndrichs Levin Friedrich von 
Wulffen. Oben in ovalem, von den 16 Ahnenwappen umgebenen, mit dem Feder- 
helm gekrönten Rahmen das nach links schauende gering gemalte Kniestück des 



Stegelitz. Stresow. 235 



jungen Mannes in Eürass. Unten sprengt aus der bereits stark deciniierten Tro- 
phäenurogebung der Inschrifttafel mit besonders vielen Kanonen ein schwarzer 
Eürassreiter auf weissem Schimmel dem Beschauer grade ins Gesicht 

Unter diesem Epitaph ist der Eingang zu der an die Nordseite des Altar- 
hauses angebauten Familiengruft, welche mit zwei Jochen Kreuzgewölbe 
zwischen breiten Gurtbögen im Halbkreis eingewölbt ist. In derselben befinden 
sich unter anderen geringeren zwei zinnerne, zum Teil mit vergoldeten Wappen, 
fingelsköpfen, trauernden Genien u. dergl. dekorierte Priinksärge des Werner 
von Wulff en gest 1743 und seiner Gattin Henriette Sophie von Platen gest. 1721 
im Kindbette. Geringer sind die seiner Mutter Dorothee Sophie von Katte gest. 
1721 im Alter von 69 Jahren und seiner Schwiegertochter Dorothee Juliane 
Wilhelmine „Baronesse und Erzherrin'' von Ledebur gest. 1779. 

Die Glocke von 0,985 m Durchmesser hat sehr ausgeprägte zuckerhutförmige 
Gestalt mit weit ausladendem Schlag; am Halse nur zwei Paare Bindfaden- 
schnüre; am Körper ist viermal in ziemlich regelmässigen Abständen eine Gruppe 
von drei undeutlichen Brakteatenabgüssen verteilt. 

Unter den Abendmahlsgeräten hat ein silber vergoldeter Kelch von 
0,155 m Durchmesser des Fusses, nebst dazugehöriger Patene, gestiftet 1717 von 
W. V. W. und H. S. V. P. mit deren eingravierten Wappen noch die ärmliche 
Erinnerung an die mittelalterliche sechsteilige Anlage. Interessanter ist ein 
kleiner, sehr verdorbener gotischer silbervergoldeter Kelch, dem am Knaufe 
auf die Zapfenstimen statt der üblichen Rauten je eine vierblättrige Blume mit 
Knopf in der Mitte gelegt ist, um den sechseckigen Ständer ober- und unterhalb 
des Knaufes in Minuskeln l||C0i^. Als signaculum hat auf dem sechsblättrigen 
Fusse wohl ehemals ein kleines Kruzifix in Relief gesessen, nach dessen Ab- 
brechen später ein ganz gradliniges lateinisches Kreuz roh eingraviert ist Auf 
der dazugehörigen ganz verdorbenen Patene ist ein sehr zierliches griechisches 
Kreuz in einem Kreise mit Palmettenornamenten zur Ausfüllung der Winkel 
eingraviert. — Eine cyündrische silbervergoldete Hostiendobe von 0,11m Durch- 
messer ist ganz einfach und ohne Jahreszahl, hat aber das sehr hübsch gravierte 
V. Wulffen- V. Ledebursche Alliance- Wappen am Cylinder. 

StresoMT. 

[1306 Stresen, 1383 Strezo, 1533 Stresse, 1562 Stresaw.] 

Kirchdorf mit Rittergut, 11 km östlich von Burg, früher zum Amte Grabow 
(s. das.) gehörig und dessen Schicksale teilend, seit 1545 zwischen den von 
Wulffen und von Plotho geteilt, 1780 bereits in bürgerlichem Besitz. 

Die Kirche, Filial zu Grabow, unter Patronat der Gutsherrschaft, inmitten 
des Dorfes an der Südseite der OW- Dorfstrasse gelegen, ist ein kleiner ein- 
schiffiger romanischer Feldsteinbau nach Schema II. Erhalten sind die vier 
kleinen Fenster der Nordseite des Schiffes, zwei an der Südseite des Altarhauses 
und die drei derApsis. Eine zweite Eingaugsthür an der Nordseite ist vermauert, 
ebenso die Priesterthür an der Südseite des Altarhauses. Im Ostgiebel des 
Schiffs ist eine Öffnung in Form eines griechischen Kreuzes ausgespart. Das 
Fachwerktürmchen über der Westfront ist erneuert, an der Südseite des Schiffes 



236 Kreis Jerichow I. 



eine grosse Familiengruft in rohen Putzbauformen angebaut Innen sind 
Triumph- und Apsisbogen vollkommen glatt. 

In der Apsis ist über dem Sakramentschrank ein rechteckiges Steinrelief 
mit dem nach links schreitenden, nach rechts schauenden Agnus, vor dem links 
der Kelch steht, angebracht; gleich dem alten Eisenbeschlag der Thür dick 
übertüncht 

Der Altar hat auf der alten Mensa einen leider stark verdorbenen be- 
malten Schnitzaufsatz von eigentümlichem Interesse nach mehreren Seiten. Es 
ist ein in die Sprache der Renaissance übersetzter Flügelaltar, dessen geschnitztes 
Ornament sich ganz in den Laubsäge- und Beschlag- Motiven der deutschen Be- 
naissance der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts bewegt, aber statt des sonst 
in dieser Zeit vorherrschenden Gold und Weiss kräftig und reichlich in Blau, 
Rot und Gold bemalt ist Die Staffel stellt in einem leider stark abgeriebenen 
Gemälde die Austeilung des heil. Abendmahls unter beider Gestalt rechts durch 
einen Geistlichen in schwarzem Talar an einen knienden Herrn, hinter dem 
weiter zwei Männer, dann zwei stattlich gekleidete Fräulein allein und dann noch 
weiter sieben Frauen dicht gedrängt stehen, links durch einen Priester in roter 
Kasel wiederum an einen knienden Herrn, hinter dem wieder zwei Männer, der 
eine in Pelzschaube, stehen, dann weiter zwei von dem Albire abgewandte 
Männer und ganz links zwei Jünglinge. Die Handlung geht in einer breiten 
Kirchenarchitektur mit Apsis vor sich, die charakterlos wiedergegeben ist, aber 
einigermassen an St Nikolai in Burg erinnert Die sämtlichen Figuren sind 
offenbar Portraits aus wohlhabenden bürgerlichen und Ratskreisen. Das merk- 
würdigste ist aber, dass der Altar, an dem auf dem Bilde die Austeilung stattfindet, 
denselben Aufsatz trägt, der jetzt hier in Stresow steht, aber mit einer Abweichung 
insofern, als auf der Abbildung als Hauptbild eine grosse Kreuzgruppe erscheint, 
während dasselbe gegenwärtig die Einsetzung des heil. Abendmahls darstellt, bei 
w^elcher Luther und Melanchthon zur Rechten Christi an der Tafel sitzen. In 
den Flügelstücken der Staffel ist rechts das Wappen des Administrators Joachim 
Friedrich, links das der Stadt Burg gemalt Zu den Seiten des Hauptbildes 
stehen die geschnitzten und bemalten Rundfiguren des Adam rechts und der 
Eva links in halber lieben sgrösse. Die feststehenden Flügel enthalten, je zwei 
untereinander, die vier Evangelisten über Landschaften in Wolken sitzend und 
in sehr bewegten Haltungen mit ihren Büchern und Symbolen beschäftigt — 
flüchtige Malereien offenbar nach italienischen Vorbildern aus der Spätzeit der 
Michelangelesken Schule, ebenso wie das grosse Halbkreis-Lunettenbild des Welt- 
gerichts, welches mit dem in Zitz (s. das.) viel Ähnlichkeit hat, aber ausführh'cher 
und in der Zeichnung besser, auch farbenreicher gehalten ist Über dieser Lu- 
nette schwebt geschnitzt die Taube des heil. Geistes, nach Ausweis des Staffel- 
bildes aber hat dazu als weitere Bekrönung noch eine jetzt im Gerumpel unter 
der Orgelempore liegende dreieckige Tafel mit dem gemalten Brustbilde Gott- 
vaters und einem geschnitzten kleinen Kruzifix darüber gehört Auf der Rück- 
wand ist eingeschnitten: A . IbSA . Mit . na . E8T0M . Con , 30th , d. h.. 
Mittwoch nach Estomihi constat (kostet) 30 Thaler. Über dem Gemälde der 
Staffel steht aber 1588, unmöglich können auch die 30 Thaler den Preis für das 
ganze Werk bezeichnen — vielleicht nur den der 1584 fertig gewordenen 



Stresow. Theessen. 237 



Schnitzereien, während 1588 die Zeit der Fertigstellung der Malereien angiebt. 
Allem Anschein nach ist der Aufsatz ursprünglich für eine der Burger Kirchen 
gefertigt, vielleicht in Zusammenhang damit, dass 1588 der Magistrat von Burg 
definitiv das Patronatsrecht über die dortigen Kirchen von dem Marienkloster 
in Magdeburg erwarb, und ist, als dort die anspruchsvolleren Altaraufsätze her- 
gestellt wurden, nach Stresow verkauft. Urkundliche oder chronikalische Nach- 
richten darüber oder auch nur eine örtliche Überlieferung haben sich jedoch 
weder hier noch in Burg ermitteln lassen. 

Vom Tauf stein ist nur das unförmlich achtseitige Becken von 1,08 m 
Durchmesser übereck vorhanden, der Puss ist zerstört. 

Ein Mitleid erweckendes Zeugnis von der Ärmlichkeit der Zustände nach 
dem dreissigjährigen Kriege ist eine sehr verdorbene kleine gemalte Holztafel 
am nördlichen Triumphbogen pf eiler, Epitaph des 1661 verstorbenen Günzel 
Augustus von Plotho. Der Verstorbene kniet in der schwarzen holländischen 
Tracht der Zeit, vor sich ein braunes Windspiel, oben in der "Wolke das Brust- 
bild des segnenden Christus mit der Weltkugel, umgeben von Engeln. 

Die Glocke von 1 m Durchmesser ist ein sehr hässlicher und unordent- 
licher Quss des Johann Koch aus Zerbst. Sie trägt am Halse das Distichon: 

O MI DEU8 0MNE8 CAMPANA HAC AD SACRA VOCATOS 
ILLUSTRET VERBO SPIRITUS IPSE TUU8. MDCCIV 

(1704). Am Körper in sehr starkem Relief auf der einen Seite das von Plotlio- 
von Krusemarksche Alliance-, auf der anderen das von Wulffensche Wappen mit 
langatmigen Inschriften. 

Theessen. 

[1368 Thesen, Thiezzin, 1382 Thesin, 1383 Teczin, löOOTetzem, 1562 Tessen ] 

Kirchdorf mit Rittergut, 13 V2 ^^ östlich von Burg, seit 1509 im Besitz der 
von Arnim auf Crüssau, die damals erst das Rittergut daselbst anlegten, jetzt 
der von Pieschel. 

Die Kirche, Filial zu Crüssau (Kr. Jerichow II), unter Patronat der Guts- 
herrschaft, in der Mitte des Dorfes südlich der OW-Dorf Strasse gelegen, ist ein 
sehr kleiner einschiffiger romanischer Feldsteinbau nach Schema II, das Schiff 
nur zwei, das eingezogene Altarhaus nur 1 Fenster lang, beide durch einen 
hölzernen Laubenbau am letzteren (wie in Gross -Lübs, Hohenlobbese etc.) unter 
ein Dach gebracht, auf der Nordseite ist derselbe durch Anbau einer formlosen 
Prieche ersetzt, die nördliche und südliche Eingangsthür (letztere vermauert) be- 
reits im Spitzbogen geschlossen ; das westliche Fachwerktürmchen hat eine offene 
achteckige Laterne mit Zwiebeldach. 

In demselben zwei Glocken. Die grössere von 0,83m Durchmesser hat 
am Halse zwischen zwei laubumwundenen Stabfriesen die Minuskelumschrift: 

%t\wkiXn iliigi t\t%^ ui% \%\%tu (rtigi iKii ini m ccccc tt \tx ^ (1520). Die 

zweite ist ein Neuguss von Ulrich in Apolda von 1852. 



' Es Ist eine durch die ganze zweite Hälfte des XV. bis weit in das XVI. Jahrhundert 
hinein in ganz Deutschland bis in die Schweiz hinauf (siehe z. B. auch Bogaesen und Schar- 
libbe im 2. Kreise) in mancherlei Varianten verbreitete Schreibweise der deutschen Glocken- 



238 Krois Jerichow L 



Im Altarhause an der Südseite steht der Grabstein des 1584 verstorbenen 
Heinrich von Arnim, grosse Figur eines Gehamischten, nach rechts kniend mit 
betend erhobenen Händen in einer RundbogeDnische mit vier Ahnenwappen in 
den Ecken, darüber ein Giebeldreieck mit dem Brustbilde des segnenden Gott- 
vaters und als Akroterien zwei geflügelte Engelsköpfe. Nicht ungeschickte 
Handwerksarbeit, dick übertüncht 

Tryppehna. 

[992 Tropeni, 1301 Tropene, 1420Treppene, ebenso 1562. aber auch Tribbene, 
Dietmann, der S. 278—280 ausführlichere Nachrichten über die Kirche giebt, 
schreibt: „Tryppehne, so ins gemein Pehne genennet wird," Abel schreibt 
Trypene.] 

Pfarrdorf 4 km nordwestlich von Möckem, 992 zuerst erwähnt als dem 
Kloster Memleben geschenkt, nachher zum Amte Gommern gehörig kursächsisch. 

Die Kirche, von Abel als St. Mariae betitelt, ehemals unter Patronat des 
Klosters Ploetzke, nach dessen Säkularisation kursächsischen, jetzt fiskalischen 
Patronats, in der Mitte des unregelmässig gebauten Dorfes am Zusammenstoss 
einer WO- und einer NS-Strasse inmitten des Kirchhofes gelegen, ist ein ein- 
schiffiger romanischer Bau nach Schema II aus Feld* und Bmchsteinen gemischt, 
die Fenster (in der Apsis drei) vergrössert, zwei Eingänge nördlich und südlich 
am Schiff verändert, jetzt ein neuer durch die Westfront eingebrochen, Priester- 
thür an der Südseite des Altarhauses, Fachwerkturm hinter der Westfront nach 
einem Brande 1818 erneuert. 

Im Innern zeigt der wegen der Kanzel sehr verhauene Triumphbogen unter 
dicker Tünche noch Reste eines profilierten Kämpfers. In der Apsis der Sakra- 
mentschrein in Sandsteineinfassung, die mit glattem gotischen Kleeblattbogen 
geschlossen ist, die Thür fehlt. Auf dem gemauerten Altar steht der Schrein 
eines kleinen spätgotischen Schnitzaltai-s von sehr geringer Arbeit, jetzt durch- 
gehends dick bronziert. In der vertieften Mittelnische die stehende Gottesmutter, 
rechts der Täufer über Magdalena, links Jacobus major (nur mit einer grossen 
Muschel in der linken Hand, der Pilgerstab ist weggebrochen) über St Georg. 
Die Flügel fehlen. Zwei einschliesslich der Füsse nur 0,24 m hohe Messing- 
leuchter von der bekannten mittelalterlichen Profilierung. 

Der Tauf stein hat am halbkugeligen Becken von 1 m Durchmesser unter 
dem Bande einen einfachen glatt in Relief herausgearbeiteten Hufeisenbogenfries. 

Beim Pfarrer ein gotischer silbervergoldeter Kelch, 0,17 m hoch, Durch- 
messer des sechsblättrigen Fusses 0,13, der des parabolischen Bechers 0,105 m. 
An den Stirnen der Zapfen des Knaufs i|c(ll!0 in sehr zusammengedrehten 



Inschriften , dass ausser dem aimo domini vor den Jahrhundertzahlen , hinter den Zehnem 
und Einem noch einmal das deutsche Wort iar (oder iare, am vollständigsten in derVariaDte: 
in deme X.X. iare) hinzugefügt wird. An irgend einer Stelle muss doch die angebliche Ent- 
deckung Schubarts [die Glocken im Herzogtum Anhalt 1896], der hieraus den Namen 
eines angeblich in Halle ansässigen Glockengiessers Jar oder Jaur herausgebracht hat, als 
eine der wunderlichen, wenn auch sehr zuversichtlichen Phantasien dieses Forschers zurück- 
gewiesen werden. 



Trjppehna. Velilitz. 239 



Minuskeln, zwischen den Zapfen durchbrochenes Masswerk. Unter dem Fusse 
in Minuskeln eingraviert: lifc ^ kcll '^ |irt ^ tf <^ tUffttt. Die Patene dazu 
ganz einfach. Kelchtuch von kirschrotem Atlas mit Silberfadenstickerei aus 
der Mitte des XVIII. Jahrhunderts, in der Mitte ein Monogramm C. S. K. mit 
Krone darüber. 

Die Glocke von 0,68 m Durchm. ist mittelalterlich, aber bis auf vier ziem- 
lich breite Bänder am Halse ganz schmucklos. Dietmann berichtet S. 279, dass 
ehemals drei vorhanden gewesen, eine im dreissigjährigen Kriege von den Kroaten 
hinweggenommen und die andere von den Einwohnern nach Luhe verkauft sei. 

Vehlitz. 

[1533 Felitz, Dietmann schreibt Vehelitz.] 

Pfarrdorf an der Ehle, 5^', km nordöstlich von Gommern, 6 km südwestlich 
von Möckern, früher zum kursächsischen Amte Gommern gehörig. 

Die Kirche (St. Stephani?), fiskalischen Patronats (früher des Klosters 
Ploetzke), am Nordende des Dorfes westlich von der NS-Dorfstrasse inmitten des 
Kirchhofes gelegen, ist ein einschiffiger romanischer Bruchsteinbau mit hier und 
da eingemischten Feldsteinen, ursprünglich nach Schema I, Schiff 4, Altarhaus 
1 Fenster lang. Die Apsis sammt ihrem Bogen und dem Triumphbogen sind 
weggebrochen, das Altarhaus um zwei Fensterbreiten verlängert und gerade 
geschlossen, im Ostgiebel unverstandene Versuche einer Nischengliederung in 
dem ungefügen Material — wohl erst nach dem dreissigjährigen Kriege. Von 
den alten Fenstern sind die der Nordseite sämtlich und eins der Südseite des 
Schiffs vermauert erhalten, sämtliche übrigen verändert und vergrössert, die 
PViesterthür an der Südseite des Altarhauses ebenfalls vermauert. Sonst ist nur 
ein Eingang für die Gemeinde an der Südseite erhalten. Der Turm hat in der 
Olockenstube nach W und drei, nach N und S zwei Schallöffnungen, die in 
Backstein einfach im spitzen Winkel geschlossen sind, wohl gleichzeitig mit der 
Veränderung der Ostseite. 

Der gemauerte Altar ti'ägt einen ziemlich grossen, sehr verdorbenen, aber 
beachtenswerten spätgotischen Schnitzschrein. Auf einer sehr hohen ganz 
verdorbenen gelbgrau übermalten Staffel (mit einer Mittelnische als Sakrament- 
schrein oder Reliqiüenbehälter) stehen im Schrein in Figuren von dreiviertel 
Lebensgrösse die Gottesmutter, umgeben von sechs musizierenden Engeln, 
zwischen Petrus und Paulus, die ihrer Attribute und ihrer Nasen beraubt sind. 
In den Flügeln in zwei Reihen zu je drei Figuren die übrigen zehn Apostel, 
zwischen die im rechten Flügel oben Anna selbdritt, unten Dorothea gestellt sind. 
Alle Gewänder sind bis auf die Unterseiten vergoldet gewesen; das sehr ver- 
wüstete Rankenwerk der Umrahmung und der Baldachine ist mit weisser Öl- 
farbe überschmiert, die Rückseite übertüncht Ob dies vielleicht ursprünglich 
der Schrein des Haupt- (Marien-) Altars der Klosterkirche von Ploetzke gewesen 
ist, dessen Thorschmidt gedenkt? 

Der Taufstein, gotisch, achteckig, von 0,96 m Durchm. übereck (der der 
Höhlung 0,70), hat am Becken an jeder Polygonfläche gleichmässig hübsches 
nasenbesetztes je in eine abwärts hängende Lilienblume auslaufendes Masswerk. 



240 Kreis Jerichow I. 



Von den Glocken hat die grössere von 0,81 m Durchra. am Halse SOU 
DEO GLORIA, darunter einen schlechten Pries von abwärts hängenden Blumen- 
und Fruchtstücken, Darunter am Körper ein 0^4 m langes Kruzifix in ßelief, 
gegenüber eine vierzeilige Inschrift über Patron, Pfarrer u. s. w. über dem 
Schlag lOH. GOTTF. WENTZEL FECIT 1709. — Die kleinere von 0,69 m Durchm. 
hat am Halse zwei Zeilen Inschrift: 

PSALM 34. ICH WILL DEN HERREN LOBEN ALLEZEIT SEIN LOB 

SOL IMMERDAR IN 
MEINEM MVNDE SEIN . FRIEDRICH HELMHOLT GOSS MICH. 

Am Körper die sächsischen Kurschwerter ohne Einfassimg in Relief^ gegen- 
über vier Zeilen Inschrift von Pfarrer, Richter etc. und ANNO 1654. Der Guss 
ist sehr schlecht geraten, verunglückte oder vergessene Buchstaben sind nach- 
träglich eingraviert. 

Wahlitz. 

[1016 Walize, 1275 Williz, 1367 und später immer Waltz oder Walcze, 
Gundling aber schreibt bereits Wahlitz.] 

Kirchdorf mit Rittergut 5 km nordwestlich von Gommem, das 1015 dem 
KoUegiatstift St. Marien zu Magdeburg vereignet wurde, 1479 belehnte jedoch 
Friedrich von Alvensleben zu Calvoerde den Wilhelm von Keller damit, welcher 
es mit der Genehmigung der von Alvensleben und des Erbischofs Ernst an das 
Marienkloster zu Magdeburg verkaufte, in dessen Zinsregister es noch 1523 
erscheint. Bei der ersten Visitation aber befand es sich mit Mentz und Königs- 
bom verbunden im Besitz des Magister Paulus Praetorius und ist in dieser Ver- 
bindung geblieben, bis es neuerlichst beim Verkauf von Königsbom davon 
abgezweigt und im Besitze der Familie von Nathusius geblieben ist 

Die Kirche (1275 als Filial zu Mentz gelegt, nachher bis zur Reformations- 
zeit Filial zu Carith, damals aber zu Gübs und so bis 1674, w^o sie wieder zu 
Mentz gelegt wurde), am Südende des Dorfes östlich von der NS-Dorfstrasse in- 
mitten des Kirchhofes gelegen, ist ursprünglich ein einschiffiger romanischer 
Bruchsteinbau kleinsten Formats nach Schema II, wovon der glatte Triumphbogen 
und zwei kleine romanische Fenster an der Nordseite, wo auch die Eingangsthür 
sich befindet, Zeugniss geben. Der Chor ist aber später rechteckig, ohne Apsis, 
umgewandelt und etwas vergrössert, jedoch noch in vorreformatorischer Zeit, da 
Sakramentschrein und Piscina, wenn auch nur einfach rechteckig, in der Ostwand 
vorhanden sind. 

Vom alten Altar ist nur der Mauerkörper vorhanden, auf dem ein modern 
überstrichener dörflich bescheidener Aufsatz mit Bretzelornament in den Flügel- 
stücken und mit modernem Madonnenbilde steht. 

Der Taufstein gotisch, einfach achteckig, von 0,78 m Durchmesser übereck, 
auf den Polygonflächen des Beckens mit Fruchtschnüren barock bemalt 

Die Glocke im Fachwerktürmchen ist ein Neuguss von W. Engelcke in 
Halberstadt von 1853. 



Wahlitz. Wallwitz. Walternienburg. 24l 



Wallw^itz. 

Kirchdorf SV, km südwestlich von Möckern, ehemals kursächsisch. 

Die Kirche, jetzt St. Timothei genannt, Filial zu Yehlitz, 1755 noch zu 
Dannigkow, am Ostende des Dorfes nördlich von der WO-Dorfstrasse inmitten des 
Kirchhofes gelegen, ist ein einschiffiger romanischer Bruchsteinbau nach Schema LI 
Das Schiff Tier Fenster lang mit Eingangsthür an der Südseite, Altarhaus zwei 
Fenster lang mit vermauerter Priesterthür an der Südseite. Vom Triumphbogen 
ist der Kampfer weggeschlagen, der Apsisbogen hat noch einen sehr einfachen, 
ob das aber der alte ist, muss dahingestellt bleiben, da die Apsis vor einiger 
Zeit erneuert ist und zwar aussen in ^ ^, innen im Halbkreis. 

Der alte gemauerte Altarkörper trägt den der Flügel beraubten Schrein eines 
spätgotischen Schnitzaltars. In der vertieften Mittelnische steht die Gottes- 
mutter von 2 3 Lebensgrösse mit hoher Krone, das Christkind eine Weintraube 
haltend. Zu den Seiten je zwei Heilige in zwei Reihen untereinander, rechts 
Barbara und ein Bischof ohne Attribut über Jacobus major (der nach links 
gewandt stehend sich aus seiner Pilgerflasche stärkt, eine Beschäftigung, die, 
wenn auch anderen Aposteln zugeteilt, auf Darstellungen der Apostelteilung in 
Schnitzwerken und Gemälden des ausgehenden Mittelalters nicht zu fehlen pflegt) 
und Mauritius, links Katharina und Margareta über Petrus und Paulus. Die 
männlichen Figuren sind etwas kurz geraten, aber alle recht ausdrucksvoll, 
Maria mit schönem Faltenwurf. Die Bemalung ist schlecht erneuert, das Mass- 
werk dick übertüncht 

Der Tauf stein ist romanisch; der Ständer cylinderförmig, das Halbkugel- 
becken von 0,79 m Durchm. ist unter dem Bande mit einfachem, sehr flachem 
Rundbogenfriese geschmückt 

Von den Glocken im Fachwerktürmchen über der Westfront hat die grössere 
von 0,98 m Durchm. am Halse den gewöhnlichen Beckerschen Fries von abwärts 
hängenden Akanthusblättem. Am Körper unter dem Abgiiss von drei kleeblatt- 
förmig gestellten natürlichen Blättern eine 25 zeilige Dedikations- Inschrift, aus 
welcher erheUt, dass die Glocke 1727 von Peter Becker in Halle gegossen ist; 
darunter S. D. G. — Die kleinere von 0,84 m Durchm. hat am Halse zwischen 
zweimal drei Reifen in flachen, aber scharf ausgeprägten Relief- Majuskeln ohne 
alle kalligraphischen Schnörkel die Umschrift: VößlTÖ BQKeDiaXI 
PÄTRIS MQI. 

Walternienburg- 

[974 Niunburg, 999 Niwanburg, 1277 Nyenborch, 1420 Nygenborg und Walter 
Nuwemborg — aus welcher Veranlassung der Zusatz „Walter" liinzugekommen, 
erhellt nicht] 

Pfarrdorf mit Herzoglich Anhaltischem Domänenamt an der Nuthe, nicht 
weit von ihrem Einfluss in die Elbe, 10 km südlich von Leitzkau, lOVjkm west- 
lich von Zerbst. Der Burgward wurde mit Barby 974 von Kaiser Otto H. an 
die Abtei Quedlinburg geschenkt, von dieser nachher an die Herzöge von Sachsen 
und von diesen weiter an die Grafen von Barby verliehen. Nach deren Aus- 
sterben 1659 wurde das Amt, zu dem noch Flötz, Gödnitz, Eämeritz und Gross- 

Dio KreiM Jeriehow. 16 



242 Kreis Jerichow T. 



Lübs gehörten, von Anhalt- Zerbst unter kursächsisclier Landeshoheit in Besitz 
genommen, nach dessen Aussterben 1793 kam es an Anhalt-Dessau, 1816 aber zu 
Preussen.^ 

Die Kirche, jet^t St Bartholomaei betitelt, unter Patronat des Herzogs von 
Anhalt, in der Mitte des langgestreckten Dorfes westlich ven der NS-Dorfstrasse 
gelegen, ist ein vielfach veränderter, dick geputzter Bruchsteinbau, in dem wohl 
ein romanischer Kern steckt, der aber schon einen gotischen Umbau erfahren 
hat Davon zeugt die Gruppe von drei spitzbogigen Fenstern der geraden Ost- 
wand des Altarhauses, die spitzbogige Thür zur Sakristei (ehemals wohl die 
Priesterthür) an der Nordseite des Altarhauses mit Kugeln in der Hohlkehle des 
Bogens und das mit gotischen Nasen besetzte Steinkreuz auf dem Giebel der 
Ostwand. Jetzt ist das ganze Innere nach Wegschlagung des Triumphbogens mit 
hölzerner Halbkreistonne überwölbt und blau gestrichen. Aussen sind das Schiff 
und das eingezogene Altarhaus durch eine auf einem Holzpfeiler und einem 
östlichen in der Flucht der Ostwand liegenden Mauerpfeiler ruhende Laube unter 
ein Dach gebracht. Der schiefergedeckte Turm hat eine Zwiebelkuppel, darüber 
eine schlanke offene achteckige Laterne und steile wälsche Haube. 

Der Altar ist der mittelalterliche, dessen Deckplatte 0,17 m stark ist und 
mit einfacher Kehlung auch 0,17 m ausladet; die Beliquiengruft befindet sich 
vom, an der Seite des stipes Schränkchen. Auf ihm steht der sehr nüchterne 
Kanzelaufbau, in welchem zwischen korinthischen Säulen Moses und der Täufer 
als Flügelmänner neben dem Polygon mit gedrehten Säulen an den Ecken stehen, 
auf dem Schalldeckel der Auferstandene mit der Siegesfahne — alles weiss 
lackiert mit Vergoldung. Unter dem Polygon eine dürftige Pinselei der Ein- 
setzung des h. Abendmahls. 

Von den Glocken ist die grösste von 1,23 m Durchm. mittelalterlich, hat 
aber nur zwei Beifenpaare am Halse als Schmuck. — Die zweite von 1 m Durchm. 
hat unterhalb des Beckerschen Akanthusfrieses zuerst den Spruch VERBVM 
DOMINI MANET IN AETERNVM. Darunter in zwei Zeilen deutscher Buchstaben 
mit eingemischten lateinischen Zahlenbuchstaben das Chronogramm: 

aLLe t\fU \Ctf 3VM tfSnxi 
D\f ®ott 3V el^veti. 

Dann eine lange Dedikationsinschrift und unter dieser in einer Barock- 
kartusche die drei Zeilen : 

GOSS MICH 

PETER BECKER IN 

HALLE ANNO 1717. 

Auf der Gegenseite das Anhaltische Wappen. — Die dritte von 0,75 m 
Durchm. hat am Halse vier kleine frühgotische Kundmedaillons mit den geflügelten 
Evangelistensymbolen, unten auf dem Schlag ein kleines, stark erhabenes, aber 
undeutlich geratenes Kelief des Kruzifixes. 

' Vrgl. Beckmann, Joh. Christoph, Historie des Fürstentums Anhalt Bd, I, HI- Tl. 
IL Buch VKap. S. 339-312. - Wiggert, S.113-116. Daoach Lotz I S. 612. 



Walternienburg. Wentzlow. 243 



Der von Wiggert erwähnte Reliefgrabstein ist jetzt an der Ostwand 
aussen aufrecht aufgestellt, daher, obgleich sehr stark verwittert und ohne alle 
deutende Inschrift, jetzt bestimmter zu erkennen und zu erklären, als es W. ver- 
mochte. Es ist ganz sicher eine weibliche Figur in der Tracht des ausgehenden 
XIII. Jahrhunderts mit einer kronenartigen Kopfbedeckung. Ihre Arme sind 
nicht, wie W. angiebt, über Kreuz gelegt, sondern mit der linken Hand fasst sie 
vor die Brust an eine Agraffe oder Anhänger, die rechte aber hat über das 
herabfallende Gewand nach dem linken Oberarme gerichtet irgend ein nicht 
mehr vorhandenes Kleinod gehalten. Die Figur hat ersichtlich ursprünglich als 
relief en creux in einer tief ausgehöhlten Nische gestanden, deren untere Teile 
bis an den Umriss der Figur weggehauen sind, stehen geblieben ist aber der 
obere Abschluss derselben in einem Fünfpass, dessen Nasen in verwitterte Blumen 
auslaufen. Zu einer Vermutung über die Persönlichkeit der Dargestellten fehlt 
jede Grundlage, ausser dass es nahe liegt, an ein Glied der Familie der Grafen 
von Barby zu denken. 

Das frühere herzogliche Seh los s ist parzelliert; die südlich von der Barche 
gelegenen Gebäulichkeiten desselben überragt ein verwahrloster Fachwerkturm 
mit Schweifdach. 

Wentzlow. 

[1420 Wenslow und Wenczlow.] 

Kirchdorf IIV2 kö^ ostnordöstlich von Ziesar, früher zum Amte Ziesar gehörig. 

Die Kirche, Filial zu Boecke, fiskalischen Patronats, im südlichen Teile des 
Dorfes, westlich von der NS-Dorfstrasse gelegen, ist ein ganz einfaches schmuck- 
loses Zopf- Rechteck in Putzbau, der Turm mit moderner höheren Spitze ist 1895 
vom Blitz zerstört, die Glocken erhalten. 

Der Tauf stein gehört noch der gotischen Zeit an; auf einem viereckigen, 
durch Abschneidungen oben in das Achteck übergehenden Fusse ruht das 
schmucklose nach unten abgerundete achteckige Becken von 0,92 m Durchm. 
übereck, während die tief ausgerundete Höhlung 0,68 m misst. Der recht gut 
restaurierte lebensgrosse schwebende hölzerne Taufengel mit Muschelschale ist 
eine unter seinesgleichen auffallend gute, elegant geschwungene Figur, deren 
Bemalung mit grossen Blumenmustern vom Ende des XVII. Jahrhunderts in 
Gold auf dem blauen Unter- unt roten Obergewande ebenfalls sehr gefällig wirkt. 

Zwei ganz hübsche gedrohte zinnerne Altarleuchter sind laut Inschrift 
1726 gestiftet 

Von den Glocken hat die grösste von 0,88 m Durchm. am Halse zwei 

Reihen Inschrift: 1. VERBVM DOMINI MANET IN ETERNVM . ELIAS QASNER 

VND VALTIN LEMAN GOS MICH ZV WENZLOW 2. HER THOMAS LAVRENTIVS 

PFAHRER . ADAM SCHWEITZER 1604. Unten auf dem Schlag die Namen der 

Kirchenvorsteher und SIT NOMEN DOMINI BENEDICTVM. — Die zweite von 

0,79 m Durchm. ist von C. G. Ziegen er in Magdeburg 1783 gegossen und trägt 

dessen Akanthusfries. — Die dritte von 0,69 m Durchmesser gehört noch dem 

XrV. Jahrhundert an. Am Halse ein Kreuz und sechs schlecht ausgeprägte 

Kreismedaillons, von deren Darstellungen nur eine Geisselung, eine Kreuzigung 

und ein schreibender Evangelist zu erkennen sind. 

16* 



244 Kreis Jerichow I. 



Woermlitz. 

[Schwerlich das 992 dem Kloster Memleben geschenkte Wrbinici; 1233 
Wormelisce, 1306 Wormeliz, so auch 1562, von Aivensleben hat bereits die 
gegenwärtige Schreibweise.] 

Pfarrdorf mit Eittergut 8 km westnordwestlich von Moeckern, wurde 1306 
als zum Amte Grabow gehörig mit an das Hochstift Brandenburg verkauft. Nach 
von Aivensleben haben vor Alters die Dörfer (Wüsten-) Rogaesen, Kieps und 
Padegrim (alle in der Nähe von Loburg) dazu gehört, wie aus einem Leibzucht- 
Briefe von 1394 für Margarete die Hausfrau des Busse Burggrave, welche nach 
dessen Tode 1402 Ludwig von Neyendorf heiratete, erhelle. Im Lehnbuche der 
Erzbischöfe Albrecht IH. und Peter kommen zahlreiche Belehnungen daselbst 
zugleich mit Loburg, Kieps, Zeppemick und Groden (s. oben S. 189) besonders an 
Henningus de "Werdere und Conrad Bogelsack vor. Später war es in Besitz der 
von Byern, von denen Christoph v. B. 1555 „zum ersten Male einen rechten 
adeligen Sitz daraus machte." 1589 kam es an die von Stammer, welche es 
behielten, bis es im vorigen Jahrhundert für Prinz Heinrich angekauft und seit- 
dem ein Kronfideikommissgut daraus wurde. 

Die Kirche, deren Pfarrer (Everhard) zuerst 1233 urkundlich vorkommt, 
und deren Patronat vom Erzbischof Otto 1349 (unter Genehmigung des Branden- 
burger Bischofs von 1352) dem Marienkloster von Magdeburg inkorporiert wurde, 
sich aber bereits 1562 im Besitze der Gutsherrschaft befand, liegt in der Mitte 
des Dorfes, südlich von der WO-Dorfstrasse inmitten des Kirchhofes. Sie ist ein 
gemischter Feld- und Bruchsteinbau, verputzt; ob darin noch ein romanischer 
Kern vorhanden, lässt sich nicht entscheiden. Jetzt erscheint sie als ein 
nüchterner flachgedeckter Bau von zwei Fenstern Länge im Schiffe wie im ein- 
gezogenen Altarhause, welches dreiseitig schliesst Die Fenster sind spitzbogig, 
und dass ein mittelalterlicher Bau vorliegt, beweisen auch die einfache Sakraraent- 
nische und Piscina, welche sich im Chorschlusse vorfinden. Jedoch hat er jeden- 
falls einen verzopfenden umbau erfahren, der in die an der Kanzel inschriftlich 
bezeugte Zeit von 1718 gehören wird, da die an derselben angebrachten Stifter- 
wappen sich in Relief mit dem Spruche Luc. 21 V. 33 auch über der Thür des 
quadratischen Westturmes befinden, welcher über niedrigem Walmdach eine 
achtseitige offene Laterne mit wälscher Haube trägt, als deren Wetterfahne nur 
eine grosse Sirene dient. An der Nordseite des Altarhauses befindet sich ein 
zweigeschossiger Anbau, unten die Sakristei, oben die Gutsloge enthaltend. 

Der hölzerne Altar-Kanzel- Auf bau mit grossen Säulen und Seitenthüren 
für den Umgang der Kommunikanten, über denen, wie auf dem Schalldeckel, 
rauchende Urnen stehen, trägt die Jahreszahl 1718 und die Wappen des (Arndt 
VoUrath) von Stammer und seiner Mutter (Philippine Katharine) von Biedersee. — 
Auf dem Altare stehen zwei Messingleuchter in der aus dem Mittelalter 
überlieferten Form, ohneFüsse, gestiftet laut Inschrift 1652 von Jürge Uorlant 
und Anna Maria Hasen. 

Im Altarhause südlich zwischen beiden Fenstern hängt die geschnitzte und 
bemalte ziemlich grosse hölzerne Gedächtnistafel des Vaters bezw. Gatten des 
vorgenannten Stifterpaares, Henning Philipp von Stammer, geb. 1657 zu Wörmlitz 



Woermlitz. Wollin. 245 



gest. 1691 zu Stassfurt Sie enthält aber nur über einem abwärts hängenden 
Vorhange mit der. Inschrift das von St 'sehe Wappen umgeben von 16 Ahnen- 
wappen und Baroekranken, darüber zwei gegeneinander schreitende Löwen, die 
eine Krone über dem Wappen halten, und ganz oben den grossen offenen Wappen- 
helm. Bemalung und Vergoldung sind erneuert, offenbar wenig authentisch, 
ebenso auch am Kanzelaufbau. 

Unter dem Gestühl unterhalb der Orgelempore liegt ein kleiner Relief-Grab- 
stein mit einem betenden Mädchen und einem Wickelkinde und der naiven 
Umschrift : FELICITAS ELISABETH VON |1 STAMMER ALHIE BEGRABEN LEIT 
ZVSAMT II NOCH EINEM SWESTERLEIN || VND RVGN IM HERN CRISTO FEIN 
ANNO II 1582 VND 84. 

In der Sakristei hängt ein in Ol auf Leinwand gemaltes lebensgrosses Brust- 
bild (innerhalb eines gemalten ovalen, von Draperie umgebenen Rahmens) 
des Pastors M. Johann David Frey hold, geb. 1648 zur Wormstorff in Anhalt, 
gest. 1702, Sonntag Cantate plötzlich nach gehaltener Predigt und Kinderlehre — 
nicht ungeschickte, aber sehr nachgedunkelte, auch wohl vielfach restaurierte 
Malerei. y 

Wollin. 

[1459 Wollyn.] 

Pfarrdorf, ehemals zum Amte Ziesar gehörig, 12^2 ^"^ östlich von Ziesar. 

Die Kirche, fiskalischen Patronats, am nördlichen Ende desDorfes, westlich 
von der NW-SO-Dorfstrasse gelegen, ist ein zopfiger Putzbau mit im Stichbogen 
geschlossenen Langfenstem, einer an die Ostwand angebauten, als Sakristei 
dienenden Apsis und Westturm von 1712, dessen Dach vierkantig in zwei Ab- 
sätzen mit scharf ausladenden Gesimsen sich verjüngend in eine obeliskenartige 
Spitze ausläuft und in der Wetterfahne die Jahreszahl 1741 trägt; 1892 renoviert. 

Der nur massig grosse silbervergoldete Kelch ist aus mehreren Stücken 
verschiedener Herkunft zusammengesetzt. Gotisch ist der Knauf mit sechs Zapfen 
auf deren Stirnflächen die Majuskeln SDQlA'lff' (die letzten beiden verkehrt) 
stehen. Der sechskantige Ständer mit Beschlagornament und der Sechspassfuss, 
welcher abwechselnd die getriebenen Keliefs eines Engelkopfs und eines Erucht- 
stücks — alle untereinander verschieden — in kreisrunden Medaillons trägt, ist 
älter als die einpunktierte Inschrift, wonach er 1710 von dem Ortspfarrer C. M. 
lindenberg gestiftet ist, welche Zahl sich wohl nur auf die Zusammensetzung 
dieser beiden Stücke mit dem ganz einfachen Becher bezieht, an dem einpunk- 
tiert ist: yyTrinckei alle daraus das ist mein Bluth" ebenso wie auf der ganz 
schlichten Patene: „Nehmet hin das ist Mein Leib" 

Von den Glocken ist die grössere von 0,83 m Durchmesser laut Inschrift 
am Körper 1751 von J. F. Thielen in Berlin auf Kosten des Königl. Preuss. 
Churmärk. Amts-Kirchen-Revenuen-Direktoriums gegossen. Am Halse hat sie 
einen Pries von Blumenkörben, darunter die Inschrift SOLI DEO GLORIA und 
darunter noch einen Pries von abwärts hängenden, abwechselnd grösseren und 
kleineren Troddeln. — Die kleinere von 0,65 m Durchmesser aus demselben Jahre 
von demselben Giesser und mit demselben Spruche hat ausserdem am Körper 
noch den Spruch : WANN ICH WERDE KLINGEN SO KOMMT ZVM BETEN VND 
SINGEN. 



246 Kreis Jerichow I. 



Woltersdorf. 

[Zu unterscheiden von dem W. im Kreise Jerichow II; 1015 Woldestorp, 
1200 Walterestorp — auch von Alvensieben schreibt noch Waltersdorff — 
1562 Woltirstorff.J 

Kirchdorf mit Rittergut, Station der Magdeburg-Loburger Eisenbahn, 10 km 
ostnordöstlich von Magdeburg, 1015 dem damaligen Koliegiatstift ü. L. Fr. zu 
Magdeburg geschenkt, 1491 an die von Lossow gekommen, die aber Dienst- 
mannen des Bischofs von Brandenburg waren , dem sie noch lööb mit einem 
Pferde zu dienen hatten, daher das Gut wohl zu den 1139 als Abfindung für 
den Zehnt dem Bischof abgetretenen 100 Hufen gehört haben mag. Ende des 
Vorigen Jahrhunderts gehörte es den von Alvensieben, jetzt ist es in bürger- 
lichem Besitz. 

Das Patronat der Kirche, welche damals noch mater von Cörbelitz war, 
während 1548 das Verhältnis bereits umgekehrt erscheint, wurde 1224 von Erzb. 
Albrecht I. unter Bestätigung des Bischofs Gernand von Brandenburg dem Ni- 
kolaistift zu Magdeburg übertragen^ zur Zeit der ersten Visitation war das Ver- 
hältnis unklar, nachher ist das Patronat in den Händen der Besitzer des Gutes 
geblieben. 

Die Kirche, welche Erzbischof Burchard III. stark befestigt und von da 
aus den Magdeburgern viel Schaden gethan hatte, liegt am westlichen Ende des 
Dorfes, nördlich der W-O-Dorf Strasse, inmitten des von einer Mauer aus grossen 
Granitblöcken umgebenen Kirchhofs. Sie ist ein einschiffiger romanischer Feld- 
steinbau nach Schema II, jetzt durchgehends geputzt; die Fenster der Apsis sind 
noch die alten, die übrigen verändert, die alten Eingangsthüren vermauert, nur 
die alte Priesterthür auf der Südseite des Altarhauses bildet jetzt den Eingang 
zu der Gutsloge. Sonst geht der Eingang durch die Thür an der Südseite des 
laut Inschrift im Jahre 1740 der alten Westfront vorgebauten quadratischen 
Turmes mit Kreuzgewölbe im Untergeschosse, oben von einem Schweifdache mit 
vier zopfigen Lukarnen, darüber achteckiger offener Laterne und Zwiebeldach 
bedeckt. 

In der Apsis eine kleine Sakramentnischo von Sandstein mit Eckfialen 
und von einem mit Krabben besetzten , in eino Kreuzblume auslaufenden Esels- 
rücken bedeckt, dick übertüncht. 

Die Südempore im Schiffe aus unbemaltem Kiefernholze hat an ihrer 
Brüstung eine ganz hübsche Arkadendekoration der Spätrenaissance, bezeichnet 
H^' 1622. — Die Westerapore und das Gestühl sind an Brüstungen und 
Wangen in gelb auf grauem Grunde mit Blumen- und Frucht-Schnüren, da- 
zwischen Muscheln, Sirenen und Amoretten bemalt, hässlich und sehr verdorben. 
Diese Bemalung und die der flachen Decke des Altarhauses — 36 Felder, 
von denen eins mit der strahlenden Jehova- Glorie, 31 mit sehr nackten, die 
Sätze des Tedeums deutsch singenden Engeln, die vier Eckfelder aber mit 
Blumenstücken gefüllt sind — sowie der Säulenaufbau auf dem Altare 
(Bilder wie in Cörbelitz, oben die fast ganz nackte kleine Rundfigur des Auf- 
erstandenen, über den Umgangs thüren Petrus und Paulus) sind, der letztere 
durch Inschrift ausdrücklich bezeugt, 1703 durch den Pastor Wirich Gerhardt 



Woltersdorf. Wüsten -Jerichow. Zeddenick. 247 



von der Hardt bestellt Wohl auch die undatierte, mit sehr hässlichem 
Barockomament ausgestattete Kanzel, die hier ausnahmsweise an der Nordwand 
des Schiffes dicht vor dem Triumphbogen steht. 

Die Gutsloge bat in der Bekrönnng schön geschnitzt und vergoldet im 
Rokokostil das von Alvenslebensche Wappen. 

Der Taufstein ist ganz einfach romanisch, ein Kalbkugel becken von 
1,02 m Durchmesser auf cylindrischem Ständer. 

Im Fussboden vor dem Altare liegen mehrere kleine Grabplatten von 
Kindern aus dem von Lossowschen Geschlechte, in sehr starkem aber abgetretenem 
Relief. 

Wüsten -Jerichow. 

Dorf mit Rittergut am Jerichower Spring, der sich in den Gloiner Bach er- 
giesst, 12V; km nördlich von Loburg in anmutiger Gegend gelegen, Station der 
Kleinbahn Burg-Ziesar, seit alter Zeit im Besitze der von Wulffen, kommt 1459 
als Gergov deserta unter den Pfarrorten der sedes Ziesar vor, nach He r m e s-Weigel t 
wären auch noch die Grundmauern der ehemaligen Kirche zu sehen. In Wirklichkeit 
nimmt der nordwärts hinter der Försterei auf einem Hügel gelegene gegenwärtige 
Kirchhof eine von Feldsteinmauer (zum Teil nur noch fragmentarisch) umgebene 
trapezförmige Fläche von etwa 42 m Länge NS und grösster Breite von 45 m WO ein, 
an welche sich nördlich eine ebenfalls mit Feldsteinmauerresten eingefasste, 1 — 2 m 
tiefer gelegene und sich nach Norden weiter abdachende, mit der Spitze nach 
Norden gewandte dreieckige Fläche von ebenfalls etwa 42 m Länge nordsüdlich 
anschliesst. In der Mitte des obersten Trapezes macht sich eine ziemlich kreis- 
runde grasüberwachsene Schutterhöhung von etwa 25 m Durchmesser bemerklich, 
in deren kesselartiger Vertiefung jetzt ein Leichenschuppen steht, die aber un- 
möglich die Grundmauern einer Kirche bergen kann, falls diese nicht eine in 
den hiesigen Gegenden sonst schlechterdings nicht vorkommende Rundkapelle 
gewesen wäre. Vielmehr macht das Ganze den Eindruck einer kleinen ehemaligen 
Burganlage mit Vorburg und turmartigem Wohnhause. Ein „kurzes Ende hinter 
der aUen Kirche bis an den Damm'^ wird in einem Erbpachtkontrakte von 1717 
im von Wulffenschen Archiv zu Loburg HI erwähnt, jedoch führt den Namen 
„^Kirchberg"^ ein jenseit dieses westlich unmittelbar unter dem eben beschriebenen 
Kirchhofshügel vorbeiführenden Dammes gelegenes Ackerstück. Bestimmten 
Aufschluss könnten nur systematische Nachgrabungen verschaffen. 

Zeddenick. 

|1187 Cidemik, 1211 Cedenich und so immer zwischen dem m und n 
schwankend, 1562 Zcodenick, bei Thorschmidt und Abel Zedomick, bei 
ösfeld sogar Zehdenick, auf der Generalstabskarte noch von 1873 Zehdemick; 
das 992 an Memleben geschenkte Zobemeh ist schwerlich damit zu identifizieren.] 

Kirchdorf, ehemals zum Amte Möckem gehörig, Station der Magdeburg- 
Loburger Eisenbahn, 4 km westlich von Möckern. 

Die Kirche, 1187 eine selbständige Pfarre (mit den Dörfern Ghinove und 
Pamelitz) unter dem Patronat des Klosters Leitzkau — 1211 kommt auch ein 



248 Kreis Jerichow I. 



pUiantis Alexander urkundlich vor — ist zu unbekannter Zeit Filial von Ziepel 
geworden, jetzt unter Patronat der Besitzer von Althaus -Leitzkau. Sie liegt am 
Westende des Dorfes südlich der WO-Dorfstrasse inmitten des ehemaligen Kirch- 
hofes und ist ein einschiffiger romanischer Bau nach Schema I, ursprünglich aus 
Feldstein, der aber bereits in romanischer Zeit einen beträchtlichen Erweiterungs- 
und Erhöhungsbau in Oommernschen Bruchsteinen erfahren hat Von den alten 
Fenstern ist das auf der Nordseite des Altarhauses noch erhalten, die übrigen 
sind teils vermauert, teils verändert. Der Eingang auf der Nordseite beim Turme 
ist ebenfalls erhalten, der gegenüber auf der Südseite war in Backstein im Dreieck 
geschlossen und ist vermauert; ebenso die Priesterthür an der Nordseite des 
Altarhauses — vor derselben die Rudera eines ehemaligen Anbaues (Sakristei?). 
Am Westturm, der unten gegen das Schiff in zwei Rundbögen geöffnet gewesen 
ist, lässt sich der Umbau in Bruchstein am deutlichsten erkennen, an seiner 
Südseite folgen unten mehrmals ziemlich regelmässig zwei Schichten Feldstein 
und eine Schicht Bruchstein aufeinander. Höher hinauf ist alles Bruchstein. Er 
hat in der Glockenstube nach Westen und Osten je vier, nach Norden und 
Süden je zwei Schallöffnungen im Rundbogen, in den Giebeln des Satteldachs 
darüber noch je eine schlankere. Trotz Reparaturen nach einem Blitzschlage bat 
er auf der Ostseite gefährliche Risse von oben bis unten. 

Auf dem gemauerten Altar steht in ganz verdorben zopfiger Umrahmung 
der Rest eines der Flügel beraubten Schnitzschreins: die stehende Gottesmutter, 
daneben rechts ein Apostel (?) und ein heiliger Bischof, links zwei Apostel (?), 
denen sämtlich die Attribute fehlen — alles wie in Tryppehna dick bronziert 

Der Tauf stein ist gotisch, achteckig, von 1,02 m Durchmesser übereck, 
mit abwärts hängendem Lilienblumenfriese unter dem Rande, welcher vergoldet, 
während alles übrige dick mit dunkelgrauer Ölfarbe überstrichen ist. Die darin 
befindliche Messingschüssel von 0,465 m Durchmesser ist 1693 von Anna 
Craros gestiftet und hat die bekannte alte Schmuckweise gänzlich verlassen, dafür 
in starkem Relief getriebene Blumen- und Fruchtstücke und auf dem R^mde da- 
zwischen drei grosse ovale und drei kleine kreisrunde Buckel. 

Ein silbervergoldeter Kelch von 0,225 m Höhe im Ganzen und 0,13m Durch- 
messer des ein volles halbes Ei bildenden Bechers, gestiftet 1710, hat am Fusse 
noch die Sechspassbildung, ist aber sonst gänzlich entartet. 

Die Glocken sind beide von Christian Gotthold Ziegener in Magde- 
burg gegossen; die grössere von 0,87 m Durchmesser 1757 mit dem Wappen des 
Johann Friedrich von Münchhausen, ist von besserem Gusse als sonst die Zie- 
generschen. Die zweite von 0,83 m Durchmesser 1763 trägt das Wappen des 
Ludwig Philipp von Hagen. 

Ziepel. 

[992 Sipli, 1420 Cypel, 1424 Czipell, 1459 Ciepel, 1477 Tzipol, 1562 Zcipel] 
Pfarrdorf, Station der Magdeburg- Loburger Eisenbahn, 6 km westlich von 
Möckern, 992 unter den dem Kloster Memleben geschenkten Orten genannt, aber 
nachher immer zum Amte Möckern gehörig. 

Die Kirche, zu unbekannter Zeit unter das Patronat von Kloster Leitzkau ge- 
kommen, danach das von Althaus-Leitzkau, in der Mi ttedes Dorfes, östlich von der NS- 



I 

j 



Ziepel. Ziesar. 249 



Dorfstrasse gelegen, ist ein einschiffiger romanischer Brachsteinbau nach Schema II, 
der, wie die Zahl über der Priesterthür an der Südseite des Altarhauses bezeugt, 
1677 einen Umbau erfahren bat, der die Fenster bis auf die drei der Apsis verändert 
und ein gut profiliertes hölzernes Dachgesims hinzugefügt hat. Der quadratische 
Westturm mit Schweifdach, achteckiger offener lÄterne und wälscher Haube ist 
erst 1736 von den Domherrn Christian Friedrich und Johann Wilhelm von 
Münchhausen hinzugefügt worden, wie die Reliefwappentafel über der Eingangs- 
thür, die Eisenköpfe der Balkenlagen und die Wetterfahne bezeugen. Die Ein- 
gangsthür in der Mitte der Südseite ist vermauert. An der Nordseite des Altar- 
haases befindet sich ein sehr alter Anbau mit Schlitzfenstem, jetzt unzugänglich, 
daher nicht festzustellen, ob Sakristei oder Grabgewölbe. 

Im Altarhause, nicht in der Apsis, ist der alte Sakramentschrank 
erhalten, ganz einfach im Spitzbogen geschlossen, mit der alten Thür, aber dick 
übertüncht. Der Altar hat die alte Platte mit diagonal gestellten Weihekreuzen 
aber ohne Reliquiengruft; der Aufsatz und die Ausstattung sind neu. 

Der Tauf st ein ist gotisch, achteckig, von 0,99 m Durchm. übereck, am 
Becken mit sich kreuzenden und in der Mitte jeder Fläche in eine Lilienblume 
auslaufenden Rundbogenbändern dekoriert, am Knaufe des Ständei-s 1485 datiert; 
jetzt bemalt und vergoldet, wie der in Zeddenick. 

In den Fenstern der Apsis sind zwei ovale gemalte Scheiben erhalten, 
beide bezeichnet ANDREAS KOENIG KEMAN SENIOR 1655, die eine mit einer 
schlechten Darstellung des Stalles zu Bethlehem, die andere mit dem gut 
gemalten Wappen des Stifters mit dessen mit zwei Kleeblättern besetzter 
Hausmarke. 

Beim Pfarrer ein silbervergoldeter Kelch, dessen Sechspassfuss noch mittel- 
alterlich ist^ Knauf und Becher aber aus der Zeit nach 1700 in der viel ver- 
breiteten entarteten Form dieser Zeit. Die ganz einfache Patene gestiftet 1664. 
Eine 1707 gestiftete silberne Hostiendose von 0,13 m Durchm. hat auf dem 
Rande des Deckels getriebenes Aglai-Ornament in Barockformen. 

Eine Glocke von 0,67 m Durchmesser, ist von Jakob Wentzel in Magde- 
burg 1687 gegossen und trägt am Halse den Vers: Wach auf o Mensch vom 
Sündenschlaf etc. aus: Ewigkeit du Donnerwort, darunter einen Fries von 
groben abwärts stehenden Akanthusblättern. Die beiden andern sind Neugüsse 
von Grosse Nachf. Ebert in Dresden 1882, mit Nr. 1133 und 1134 
bezeichnet. 

Ziesar. 

[Das i und e getrennt zu sprechen mit Betonung des e; der Volksraund 
spricht noch heute „Zij6hser"; 949Ezeri, 1214 Jezera, 1234Seyezere oder Seyeser, 
1254 Seiesere, 1369 Sejezer oder Sejeser, 1275 Segezere und Zegezero, 1303 
Zegesere, 1345 Seghesere, 1372 Zeieser, 1420 Ssieser, 1459 Ziegesar, 1500 Ziesar, 
1516 Ziieser, 1521 Sieser, 1525 Zciesar, 1532 Zigesar, 1550 Cziesar, 1552 Tziesar, 
1562 Zciäser.] 

Stadt mit ehemaligem bischöflichen Schloss, jetzt Rittergut Burg -Ziesar 
und den beiden Kittergütem Vor-Ziesar I und II, 29 km östlich von Burg, 18 km 



2ö0 Kreis Jerichow I. 



südsüdöstüch von Genthin, 10 km nordnordwestlich von Goerzke, Station der 
Kleinbahn Biirg-Ziesar.^ 

Die „civiias^* Ezeri, damals im Morzaner Gau gelegen, später zur Zauche 
gerechnet, wird zuerst 949 erwähnt, als sie von Otto d. Gr. mit Pritzerbe zur 
Dotierung des neugegi'ündeten Bistums Brandenburg bestimmt wurde, in dessen 
Besitz sie auch bis zu dessen Auflösung geblieben ist, bereits 1214 als Wohnsitz 
des Bischofs erwähnt und als solcher in den folgenden Jahrhunderten bis zum 
letzten Bischöfe Joachim von Münsterberg (1545 — 1560, wo er resignierte) dauernd 
benutzt, zugleich als Unterkunft der ganzen bischöflichen Hofhaltung und Kanzlei 
zu beträchtlichem Umfang ausgebaut und stark befestigt, daher ein wichti^r 
Waffenplatz, namentlich in den langwierigen Brandenburgisch -Magdeburgischen 
Grenzstreitigkeiten und während der Kämpfe der HohenzoUern mit dem unbot- 
massigen Adel. Nach Auflösung des Bistums in staatlichen Besitz übergegangen, 
wurde das daraus entstandene Domänenamt 1820 aufgelöst und teils mit dem 
Schlosse verkauft, woraus das Rittergut Burg-Ziesar entstanden ist, teils zu einem 
Erbpachtsgute gemacht 

Wann die Stadt Ziesar entstanden, liegt bei dem Mangel an Urkunden im 
Dunkel, 1S54 wird sie noch als locus nan munütis bezeichnet, miiss aber bald 
darauf in das Befestigungssystem der Burg hineingezogen sein, da sie Mauern, 
Wälle und Gräben und vier befestigte Thore besass, von denen besonders das 
Petersthor und das Jungfern- (oder Frauen-)thor urkundlich erwähnt werden, 
daneben das Mühlen- und Brandenburger Thor; heutzutage ist freilich alles bis 
auf die letzte Spur verschwunden. Zu einer grösseren selbständigen Bedeutung 
hat es der Ort nie gebracht, obgleich er seinerzeit Kreisstadt des ehemaligen 
Ziesarschen Kreises war. 1555 wurde der Schneider- und Schuster-Innung statt 
ihrer verbrannten alten Privilegien vom letzten Bischof Joachim ein neues aus- 
gestellt. Heutzutage blüht in der Stadt eine lebhafte Töpferwaren -Industrie. In 
und bei der Stadt gab es eine grössere Anzahl von Burglehen und Rittersitzen, 
die aber für die Denkmälerwelt völlig belanglos sind. Ein nach dem Orte sich 
nennender Ludgertis de Yesere kommt urkundlich bereits 1202, ein Otto 1204 
vor. Ob sie schon zu der nacher sehr vielfältig und noch im XVI. Jahrhundert 
als Inhaberin bischöflicher Ijehen bei Ziesar, wenn auch nicht in Ziesar selbst, 
aber auch z. B. in Königsbom (s. S. 124) und Menz (s. S. lUS) vorkommenden 
Adelsfamilie von Ziesar, Ziegesar u. s. w. gehört haben, muss dahingestellt bleiben. 

In kirchlicher Hinsicht wurde die Geschichte des Ortes durch die Besidenz 
des Brandenburger Bischofs bestimmt Bedeutendere geistliche Stiftungen konnten 
sich daneben nicht bilden. Von der vorübergehenden Niederlassung der Franzis- 
kaner und dem hospitium der Augustiner ist oben S. 62 berichtet worden. "Wann 
das S. 61 ebenfalls bereits erwähnte, urkundlich zuerst 1345 vorkommende Cister- 
cienser-Nonnenkloster^ gegründet worden ist, steht nicht fest Der Wort- 
laut der Urkunde von 1354, in der Markgraf Ludwig der Römer die Verlegung 
nach Rathenow anbot [Riedel, A.VII, 420], lässt doch vermuten, dass es damals 

» Vr^l. Riedel, Burg, Stadt und Kloster Z. in Cod. dipl. Brand. A. X, S. 36-40 m. Ur- 
kunden S. 41— 63. — Heinr. Schütz, Stadt u. Schloss Z. unter den Bischöfen von Branden- 
burg; in „der Bar*' XVIII, 380-382, 392, 404-407. 

» Vrgl. von Mulverstedt in Gesch. BL II (1868) S. 136 f. unter Nr. 5. 



Ziesar. 



251 



schon längere Zeit bestand. Sein Besitz, der sich zeitweise bis nach Isterbies 
erstreckte, scheint vielfach gewechselt zu haben. Kirchenpatronate besass es zu 
Buckau und Köpemitz und in der Pfarrkirche der Stadt, in welcher 1554 auch 
ein Lehen exulum erwähnt wird, also eine Elendengilde bestanden haben muss. 
Das infolge der Beformation verödete Kloster wurde von Kurfürst Joachim IL 
säkularisiert und an Dietrich von Flanss gegeben, im XVIL Jahrhundert aber 
zur Kammer geschlagen. Die Gebäude wurden der Stadt zur Verwendung als 
Wohnung für die Geist- 
lichen und Kirchenbedienten 
überlassen. — £in Hospital 
wurde erst 1555 vom letzten 
Bischöfe vor dem Peters- 
thor errichtet, wo sich 
schon früher eins befunden 
haben sollte, dessen Ein- 
künfte aber nach seinem 
Yerfall an das Stift ge- 
kommen sein sollten. Das- 
selbe wurde später an seine 
jetzige Stelle vor dem 
Frauenthor verlegt. — Eine 
kleine reformierte Gemeinde 
bildete sich 1691, welcher 
die Schlosskapelle über- 
lassen wurde. Infolge der 
Union vereinigte sie sich 
aber 1830 mit der luthe- 
rischen Pfarrgemeinde. 

Das ehemalige bi- 
schöfliche Schloss.^ Ur- 
kunden zu seiner Bau- 
geschichte fehlen, nur die 
Erbauung der Schlosskapelle 
1470 ist inschriftlich bezeugt. 

Ein „Baumeister^' des letzten Bischofs Namens Jacob Schucz wird 1555 urkund- 
lich erwähnt, scheint jedoch hauptsächlich als Wasserbaumeister thätig gewesen 
zu sein. Das Schloss (Situationsplan nach einer 1829 angefertigten Karte s. Fig. 75) 
liegt südUch von der Stadt auf einem aufgeschütteten, südlich und westlich gegen 
einen ehemaligen See, noch jetzt sumpfiges Wiesenterrain, steil genug abfallenden 
Boden, sodass es nach dieser Seite einer besonders starken Befestigung nicht bedurfte. 
Die umfangreiche Vorburg lag daher auch auf der Nordseite, nach der Stadt zu. 
Dieselbe ist aber jetzt fast gänzlich abgetragen. Vorhanden ist jetzt nur noch ein 
östlich ganz isoüert stehender Rundturm aus Backstein (Nr. 1 dos Plans), in seinen 




tLAüuiem- 



r amst 



Fig. 75. Ziesar. 8ituationspiun der Burg. 



' Ans. von Norden bei Duncker XV. 151.894. 



L 



252 Kreis Jerichow I. 



oberen Teilen mit schwarzen Backsteinen rautenförmig gemustert, und ganz oben mit 
einem leeren geputzten, ursprünglich wohl auf Einsetzung von glasiertem Back- 
steinomament berechneten Fries zwischen zwei schlichten Gesimsen abschliessend. 
Die Zinnenwand darüber ist ebenfalls rautenförmig gemusteii; und hinter der- 
selben erhebt sich eine ziemlich dünne, sehr spitze Backsteinspitze, mit einem 
Storchneste malerisch bekrönt, unterhalb des Kranzgesimses befindet sich an der 
Westseite ein kleiner Reliefschild aus gebranntem Thon mit dem quadrierten Wappen 
eines Bischofs vonBredow, wohl nicht des Henning vonBr., der 1406 — 1413, sondern 
der Joachim von Br., der 1485 bis 1507 Bischof war. Nach mündlicher Mitteilung des 
vorletzten Besitzers der Burg sind bei einer früheren Planierung des Terrains der Vor- 
burg die Fundamente von noch fünf weiteren Türmen des äusseren Beringes auf- 
gedeckt worden. Aus denFundamenten eines östlich neben der ehemaligen Zugbrücke 
über den Hauptgraben gestandenen Rundturmes von beträchtlichen Dimensionen 
schien auch der runde Unterbau dos achteckigen Schafstalles von Fachwork (Nr. 2 
des Plans) zu bestehen, der nördlich von dem genannten Rundturme zu sehen war. 
Im Frühjahr 1895 ist auch dieser Rest behufs weiterer Planiening und ander- 
weitiger Verwendung des Terrains zur Erbauung eines das Architekturbild des 
alten Schlosses sehr beeinträchtigenden neuen Stall- und Scheunen gebäudes fort- 
geräumt worden. Bei dieser Gelegenheit sind auch die Fundamente der nörd- 
lichen Ringmauer ausgegraben worden. Dieselben waren 4 Meter dick, in den 
untersten Schichten aus Oranitblöcken von zum Teil ^j^ Kubikmeter Inhalt — 
einer davon war 1 m hoch und 1,75 m breit — ohne Mörtel zusammengefügt, in 
den oberen Schichten dagegen aus einem Geraenge von in Mörtel gelegten Feld- 
und Bruchsteinen. — Der Grundriss der Hauptburg ist ein unregelmässiges Trapez, 
ursprünglich rings von mehrgeschossigen Gebäuden aus Feldstein umgeben, dessen 
kürzeste Seite, die westliche, ziemlich genau von N nach S läuft. Hier standen 
früher (Nr. 3 des Plans) die Ruinen eines an die Kapelle der Nordfront stossenden 
zweigeschossigen Gebäudes, das im Jahre 1857 bei dem Brande, der auch das 
Fachwerktürmchen vor der Westwand der Kapelle vernichtet hatte, ausgebrannt 
w^ar. Dieselben sind 1895 gänzlich weggeräumt. Der etwas schräg daranstossende, 
lange, nach OSO laufende Flügel (Nr. 4 des Plans) ist bereits seit längerer Zeit 
unter Benutzung mancher Reste der Aussenmauer zu einer Brennerei und Stärke- 
fabrik umgebaut. Am unregelmässigsten gestaltet sich die Ostseite, die, aus vier 
verschiedenen, in stumpfen Winkeln aneinanderstossenden, vielfach veränderten 
und verwüsteten Gebäuden zusammengesetzt, sich stark nach Osten ausbaucht 
Von den sehr starken, aus Raseneisenstein hergestellten äusseren Strebepfeilern 
an dieser Seite sind immer je zwei fortgebrochen und nur die je dritten an den 
Haupteckon der vier Gebäude stehen geblieben. Diese sind nördlich zunächst 
ein zweigeschossiger Feldsteinbau (Nr. 5 des Plans), der zu den Wohn- und 
Wirtschaftsräumen der gegenwärtigen Gutsherrschaft gezogen ist. Daran schliesst 
sich nach Süden ein ebenfalls zweigeschossiger, sehr verwahrloster Bau (Nr. 6 
des Plans), jetzt nur Speicher, offenbar aber ehemals ebenfalls Wohnhaus, weiter 
nach Süden ein nur eingeschossiges Stallgebäude (Nr. 7 des Plans), dessen 
früheres Obergeschoss abgebrochen zu sein scheint, und ganz zuletzt ein schmaler 
gegen den Fabrikflügel stossender toter Winkel, wo alles ganz zerstört ist Vor diesem 
steht, in die äusserste Südostecke des Schlosshofes gerückt, ganz frei der runde Berg- 



fried (Nr. 8 des Plans) von betmchtliclier Höhe, jetzt im Innern von einer Feuerungs- 
imd Schomsteinanlage erfüllt, oben äusserst verwalirlost und nur mit Lebens- 
gefahr zu besteigen. Der sicli nach oben stark verjüngende Cylinder ist ganz 
in Feldstein aufgeführt, die be- 
träebtliehen Licht- und Pforten- 
öffnungen jedoch in Backstein, 
offenbar erst einem späteren 
Umbau angehörig, wohl gleich- 
zeitig mit dem Kapellenbau. In 
dem erst später zu den Fabrik- 
zwecken eingebrochenen eben- 
erdigen Eingange weisen die 
Mauern eine Starke von (),75 ni 
Ruf. Der eigentliche alte Ein- 
gang befindet sich in ' , der 
Turmhohe nach Norden, wo die 
Mauern noch 2,85 m stark sind. 
Er ist, wie an den erhaltenen 
Balkenlöchem zu erkennen ist 
mit einem überdachten auf vier 
Balken ruhenden Altan versehen 
gewesen, in dessen Höhe sich 
ein hölzerner Wehrgang aussen 
mnd um den Turm gezogen hat, 

ein zweiler desgleichen in * j ' 

der Turmhohe. In den letzten 
Zeiten der bischöflichen Regie- 
rung ist auf diesen Feldstein-Cy- 

linder ein von dessen oberstem Geschosse durch eine sehr verfallene Backstein- 
treppe innerhalb der Mauerstärke zugängliches Zinnen- und Kuppelgeschoss von 
Backstein gesetzt in den Formen der letzten absterbenden Gotik (siehe Fig. 76). 
Hinter dem engen Zinnenumgang erhebt sich hier 
eine runde , durch vorspringende Pilasterstellungon 
achtteilig gegliederte Laterne, gedeckt mit einer acht- 
teiligen Kuppel, deren Gurtbügen in einfach recht- 



eckiger Profilierung nach aussen liegen und sich vZ } 

kronenartig zusammenschlicssen. Vor dieser Kuppel f 77^~ — 

treten über jedem der acht Teile des Laternen^scbosses 
rechteckige, oben im Halbkreis geschlossene Giebel 

heraus, und aus jedem Sphäroid der Kuppel noch eine halbkreisförmige Lukame. 
Nach der Nordseite jedoch springt aus der Laterne eine in gleicher Weise deko- 
rierte Wachtstube, mit Fenstern nach allen drei Seiten versehen, bis an die 
äusserste Zinnenwand vor, so die Kommunikation auf dem Umgänge hinter den 
Zinnen unterbrechend. Diese ganze Baulichkeit ist in ihren senkrechten wie 
wagerechten Gliederungen und den kreisrunden der Giebel luid Lukarnen durch 
ein gleichmässiges, sehr nüchternes, aus zwei kamiesförmig gebildeten Backsteinen 



254 Kreis Jerichow I. 



zusammengesetztes Profil (siehe Rg. 77) charakterisiert An der Wachtstiibe und 
den benachbarten Zinnen sind fünf Wappenschilde angebracht, welche die Zeit 
dieses Baues wenigstens annäliemd feststellen lassen. Es sind der quadrierte 
Bischofsschild des Matthias von Jagow, rechts und links noch einmal dessen 
Farailienwappen allein und davon nach links von Rohr und von Bülow. M. 
von Jagow ist von 1526 — 44 Bischof gewesen, die beiden andern habe ich in 
den gedruckten Mitteilungen über die Dignitarien seiner Zeit im Domkapitel 
nicht ausfindig machen hönnen: unter den 1539 am Chorgestühl und am Rad- 
leuchter des Domes zu Brandenburg mit ihren Wappen vertretenen befinden sie 
sich nicht 

Auch die Nordfront der Schlossgebäude verläuft in etwas nach Norden aas- 
biegender Linie und besteht aus drei Teilen. Zunächst östlich das dreigeschossige 
nüchtern zopfig umgebaute und geputzte jetzige Wohnhaus des Besitzers (No. 9 
des Plans), auf den Ecken der Nordseite mit zwei ziemlich weit vorspringenden, 
zwei bezw. ein Fenster breiten und mit Flachgiebeln bekrönten Risaliten. Daran 
schliesst sich westlich in gleicher Höhe und in gleicher Flucht mit dem Risalit 
des Wohnhauses das Thorhaus (No. 10 des Plans), unten mit mächtiger gewölbter 
Durchfahrt, oben mit teils zu der Gutswohnung, teils zur Kapelle gehörigen 
Nebenräumen. Westlich schliesst sich daran die Schlosskapelle (No. 11 des 
Plans), in ihrer äusseren Dekoration und inneren Bemalung eine Perle spat- 
gotischer Backsteinarchitektur, die 1470 geweiht, nach der oben erwähnten Unie- 
lung der reformierten Gemeinde von 1830 allmählich dem kirchlichen Gebrauche 
entzogen und völlig unberechtigt lange Zeit in höchst unwürdigen wirtschaft- 
lichen Gebrauch genommen, in neuster Zeit wenigstens von dem letzteren befreit 
ist und, nunmehr durch gerichtliche Entscheidung als fiskalisches Eigentum an- 
erkannt, hoffentlich auch noch einmal eine ihrer kunstgeschichtlichen Bedeutung 
entsprechende und wohl ausführbare Wiederherstellung in ursprünglicher Farben- 
pracht finden wird, deren sie nicht weniger würdig erscheint als die Schloss- 
kapellen zu Marburg und, si parva licet componere magnis, Marienburg.^ 

Sie ruht mit ihrer ganz schlichten Nord- und Westfacjade unmittelbar auf 
der alten Feldsteinmauer des Schlosses, welche an der Nordseite durch drei 
schlichte massige, zweimal zurückspringende und mit Satteldach schliessende 
Backsteinstrebepfeiler, welche sogleich die innere Gewölbeteilung anzeigen, ge- 
stützt wird, während dies an der Westseite durch zwei kolossale diagonal gestellte 
Eck-Strebepfeiler aus Feldstein geschieht. Der die Westfront krönende Staffelgiebel 
aus Backstein ist modern. Glänzend dekoriert ist die südliche Schauseite nach 
dem Schlosshofe (s. Fig. 78). An die Stelle der Strebepfeiler treten hier ganz 
flache Pilaster, welche der inneren Gewölbeteilung nicht genau entsprechen, und 
deren Stirnseiten von der Höhe der Fenstersohlen aufwärts mit durchbrochenem 
Mass werk ausgefüllt sind, und zwar sind, abweichend von älteren Beispielen 
dieser Art (St. Johannis zu Werben) die senkrechten Flächen durch profilierte 
Stäbe in alternierende Dreiecke geteilt, welche bei den einen Pilastem mit Drei- 

* Kurze Erwähnungen: Lotz I S. 650. — Otte, II S. 481. — Dohme, Qesch. d. 
deutsch. Baukunst S. 258. — Grundriss, System der Fa9ade und des Innern, Querschnitt und 
Details (ohne Text): Adler^ Backsteinbauten Bl. 79. — DerGnindriss danach auch in (K.£. 
0. Fritsch), der Kirchenbau des Protestantismus (1893) S. 33. 



Zie^r. 255 

pgssen, bei den andern mit Fischblasen ausgefüllt sind (Adler, a. a. 0. Fig. 5 
bis 7). Im zweiten Joch von Osten befindet sich, unsymmetrisch an den west- 
lichen Pilaster gedrängt, das sehr reich gegliederte Portal, das über 
einem durchgehenden mit Blattstab dekorierten Kämpfer in einem hohen, 



ilfC- TS. ZieaiT. Schlosskapelle. Von der SüJfi^adc. 

mit Laubkrabben besetzten und in eine dreifache Kreuzblume auslaufenden Esels- 
rücken vor einem mit netzartig durchbrochenem Masswork ausgef iilltcn rechteckigen 
Hintergrundsrahmen schliesst (Adler, Fig. 7). Auch das Tyrapanum über dem 
.Stichbogen der Pforte ist mit durchbrochenem Masswerk ausgefüllt, in welchem 
ein mit Fischblasen sechsteilig gegliederter Krei» die Hauptstelle einnimmt 



256 Kreis Jerichow I. 



(Adler, Pig 4). Das Portal gehurt in eine Reihe mit dem ähnlich angelegten 
an der Gotthardskirche und dem Altstädtischen Rathause zu Brandenburg, na- 
mentlich aber mit denen an St. Stephan zu Tangermünde, mit denen es in der 
Bildung des Kämpfers und der Krabben genau übereinstimmt.^ Die dreiteiligen 
(das westlichste zweiteilig) Fenster haben einfaches Stabmasswerk, das oben durch 
Spitzbögen verbunden ist, aber ausserordentlich reich profilierte Laibungen, na- 
mentlich nach der Innenseite, wo sich die reiche Profilierung der Wanddienste 
fast unmittelbar mit ihnen verbindet (Adler, Pig. 10 und 11). Über den Fenstern 
und den Pultdächern der Pilaster ist die Wand mit zwei schmalen, auffällig 
weit voneinander entfernten Friesen mit kleinlichem Fischblasenmasswerk ge- 
gliedert (Adler, Fig. 1 und 2), und fast unmittelbar über dem oberen schliesst 
das mit dünnem Rundstab und Kehle gegliederte Kranzgesims das Ganze ab. 

Im Innern des unregelmässigen, nach Osten sich beträchtlich erweiternden 
Vierecks (nach Adler im Lichten 46' 2" lang, im Westen 28' 7", im Osten 
30' 6" breit) befindet sich an der ganzen Nordseite entlang eine schmalere, an 
der Westseite eine breitere Empore, deren Brüstung wiederum mit einem 
schmalen durchbrochenen Fischblasenfries in kleinlichen Formen (Adler, Fig. 3) 
dekoriert ist. Die nördliche ruht auf drei im leicht profilierten Rundbogen ge- 
schlossenen tonnengewölbten Nischen, deren Gestaltung einer Entartung der 
Spätgotik angehören könnte (ähnlich der 1456 erbauten mittleren Kapelle an der 
Südseite von St. Gotthard zu Brandenburg), jedoch macht die ganze Schwerfällig- 
keit dieser Anlage den Eindruck, als hätten wir hier einen Rest des alten Wohr- 
ganges der ehemals zwischen dem nördlichen Hauptwohnhause und dem west^ 
liehen Gebäudeflügel freigelegenen Burgmauer, auf welche die Kapelle ja un- 
mittelbar gesetzt ist, oder wenigstens den Rest eines schon früher an dieser Stelle 
gestandenen, mit der Burgmauer unmittelbar verbunden gewesenen romanischen 
Schlosskapellenbaus, der ja irgendwo dagewesen sein muss. Sicheres würde nur 
eine Untersuchung des Mauerwerkes der Pfeiler nach Wegschlagen des Putz- 
bewurfes ergeben. Vor die Stirnen dieser Pfeiler wie vor die Zwischenräume 
der Fenster sind reich profilierte Wanddienste gelegt (Adler, Fig. 11), welche 
die Rippenkreuzgewülbe des im Lichten 21 ' weiten Schiffes tragen, deren Schluss- 
steine wiederum ein kleinliches mageres Reliefmasswerk mit Fischblasen tragen, 
wie es an den spätesten Wölbungen des Domes zu Brandenburg ebenfalls vor- 
kommt. Dagegen sind die Schlusssteine der ebenfalls in sämtlichen vier Jochen 
kreuzgewölbten Nordempore mit sechsblättrigen Rosen belegt. Die breite West- 
empore ist durch eine in der SW-Ecke gelegene, einmal gebrochene Backstein- 
treppe vom Schiffe aus zugänglich, die unzugänglichen Räume unter ihr sind 
durch eine mit Flachnischen gegliederte Wand gegen das Schiff abgeschlossen. 
Von der Nordempore sind die beiden östlichen Joche durch eine Quermauer, 
welche beiderseits Thüren gehabt hat, deren Angeln noch vorhanden sind, von 
der westlichen Hälfte getrennt gewesen, vielleicht also einst für den Bischof 



^ Die Ähnlichkeit der gesamten Anlage und ihrer Dekoration mit derjenigen der auf 
1480 angesetzten Kapelle dee erzbischöflichen Schlosses zu Wolmirstedt ist bekanntlich so 
gross, daHs man beide notgedrungen demselben Meister wird zuschreiben müssen. — Die 
in auffalliger Weise willkürlich wechselnde Mannigfaltigkeit des Stein Verbandes an der hie- 
Bigen Fajade tritt auch in Fig. 78 deutlich hervor. 



selbst und seine unmittelbare Umgebung reserviert, denn östlich führt von hier 
aus eiD Mauergang hinter der graden Ostwand der Kapelle entlang in ein nach 
Süden im Thorhause gelegenes Treppenhaus, ynn dem eine jetzt vermauerte 
Stich bogenthür in das Obergettchoss des Wohngebäudes hinüber- und eine einmal 
gebrochene Backsteintreppe zu der grossen Durchfahrt hinunterführt Unten im 
Schiff fuhrt in der grade geschlossenen Ostwand südlich eine niedrige Stichbogen- 
thür in ein ganz enges niedriges (iemach, das noch mit einem alten einfachen 
eichenen Fächerschrank versehen ist und wohl als Sakristei gedient haben wird. 
Nördlich dagegen führt aus der östlichsten Nische unter der Empore eine Spitz* 
bogenthür in einen hinter der ganzen Ostwand der Kapelle sich hinziehenden 
scbmalen hohen tonnengewölbten Kaum , dessen Wände mit grossen Rundbogen- 



Fig. 70. ZIeiar. Schlorakapelle. Votivrelief. 

teils auch kleineren Stichbogennisehen gegliedert sind, während an der schmalen 
Hofseite sich die mit profiliertem Stiehbogen geschlossene Öffnung einer Hei- 
zungsanlage befindet Die Bestimmung dieses Raumes ist nicht klar; eine 
Wachtstube kann es jedenfalls nicht gewesen sein, da ein Ausgang nach der 
Durchfahrt fehlt 

Über den Bau dieser Kapelle giebt das in die Ostwand, vor der der Altar 
freisteht, eingelassene grosse Votivrelief {siehe Fig. 79} Auskunft Dasselbe, 
aus einer mittleren breiteren und zwei nur halb so breiten seitlichen Platten zu- 
sammengesetzt, ist im Flachbogen geschlossen, 2,60 m lang und an den senk- 



258 Kreis Jericbow I. 



rechten Seiten 1^ m hoch und ungewöhnlich wohl erhalten. Der Rahmen be- 
steht aus einer Hohlkehle, welche an den Seiten und oben mit einem darren 
Baumstamm mit abgeschnittenen Ästen und von Zeit zu 2^it ausspringenden 
spätgotischen Laubbossen ausgesetzt ist. Innerhalb dieses Rahmens sitzen in 
Lebensgrösse und in ziemlich hohem Belief die etwas plumpen Gestalten des 
(von rechts nach links) Ägidius, Paulus, Petrus, Andreas und Wenzeslaus. Die 
ganze Erscheinung dieser Gestalten lässt vermuten, dass der Könstier eigentlich 
seines Zeichens Holzschnitzer gewesen ist. Unten befindet sich statt der Hohl- 
kehle die zweireihige Votivinschrift in Relief -Minuskeln mit sehr vielen Ab- 
kürzungen, daher schwer leserlich: 

tii lii m'' tat'' Iii^ Bririh it £f$ ffl liFliFtlrilr^ic^ iiiiit f rFlcif rcarp 
M? kilHcI |ic fmiU fit ßUU 9lriitt ii liiirr^^ fctiTlk fcilptif Ini^' . 

[weiter auf dem Rande:] Cifccitt B'ittjf!^'^.^ Daneben rechts das Brandenburger 
Stiftswappen mit zwei bewimpelten Bischofsstäben über der Mitra, links das 
Familien Wappen des Bischofs, Dietrich von Steche w 1459—1472, der auch 1461 
den bischöflichen Hof neben der Gotthardskirche zu Brandenburg erbaut hatte. 
Über diesem Relief ist, wie die Aussparung in der Wandmalerei und die noch 
vorhandenen Eisenklammern beweisen, ein riesiges Kruzifix angebracht gewesen, 
während nördlich davon eine ganz kleine im Dreieck geschlossene Sakrament- 
nische noch die alte Thür bewahrt hat, deren Beschlag aber gänzlich mit gelber 
Ölfarbe überschmiert ist 

Höchst bemerkenswert sind die, eine vollständige Wiederherstellung sehr 
wohl ermöglichenden Reste der durchgängigen prachtvollen Bemalung der 
Kapelle. Von derjenigen der Profilierungen der Wandpilaster und Fenster- 
laibungen sind allerdings nur nocli geringe Spuren erhalten , dagegen sind sämt- 
liche senkrechte Wände mit einem schönen Ranken werk in weiss und grau auf 
blauem bezw. grünlichen Grunde, wie es an den Flügelstücken und Rückseiten 
der Staffeln spätmittelalterlicher Altäre gewöhnlich ist, bedeckt, und zwar bis 
auf Manneshöhe herab, von wo dieselben farblos geputzt erscheinen, also auf 
das Behängen mit Teppichen berechnet gewesen sind. Sämtliche Gewölbekappen 
und die Laibungen der Spitzbögen des Obergeschosses der Empore und der 
Rundbögen der Nischen unter ihr sind mit einer in gelblich und braun auf 
blauem Grunde reliefartig gemalten Nachahmung von durchbrochenem Masswerk 
bedeckt, dessen Formen den zur Dekoration der Hoffapade verwendeten ent- 
sprechen. Dies gemalte Masswerk füllt auch den Spitzbogen der Ostwand über 
dem grossen Kruzifix, ein grosses Kreismedaillon mit dem im grossen Massstabe 
ausgeführten 1 1 5 umgebend. Figurenmalereien füllen die nördlichen Rückwände 
der drei Rundbogennischen unter der Nordompore, diese aber leider in sehr ver- 
dorbenem und durch Risse in die Mauer beeinträchtigtem Zustande. Sie stellen 
in der östlichen Nische eine grosse Maria in der Sonne, von spitzovalem Nimbus 
umgeben, dar; in der mittelsten eine Wurzel Josse — unten Josse, dessen Kopf 
zerstört ist, in sehr horizontaler Lage, darüber aus Blumenkelchen hervor- 

* Aufzuloflen: Anno dotnini 1470 reverendus in Christo pater et domintis, dominus Theo- 
dericus, tricesimtu septimtu Brandeninurgensis ecdesiae episcopm, basiUcam hane primitus pie 
fundando comtruxit in Jionoremqtte sanctorum hie sculptorum devote consecravit, orcUe pro eo. 



Ziesar. 259 

wachsend die Brustbilder von 12 Königen, fast ganz yerloschen, oben das Brust- 
bild der Gottesmutter; in der westlichen ein zweiter Stammbaum, neben dem 
rechts eine bärtige barhäuptige Figur steht, doch ist alles so verloschen, dass sich 
nicht mehr feststellen lässt, ob es sich hier um einen zweiten Stammbaum Christi 
nach Lucas, oder einen arbor vitae oder einen Ordensstammbaum handelt. — Sonst 
ist in der Kapelle nur noch ein Bruchstück eines kleinen Hochreliefs vor- 
handen. Neben Maria, die ungewöhnUcherweise mit betend zusammengelegten 
Händen dasteht, rechts Thaddaeus mit der Keule und hinter ihm noch ein bär- 
tiges Gesicht; zur Linken kniet in kleinerer Figur ein Ritter mit Kapuze im 
Nacken und Dolch im Gürtel, von dessen Schriftband nur noch irifrii . lit ||i 
zu lesen ist Alles übrige, namentlich was links noch von Figuren vorhanden 
gewesen, ist weggeschlagen. 

Ehemals in der Kapelle selbst angebracht war wohl auch der früher als 
Stufe missbrauchte, jetzt aussen an der östlichen Giebelwand des neuen grossen 
Stallgebäudes vor der Burg eingemauerte Reliefgrabstein des ganz in der 
Vorderansicht steif dargestellten, am 4. Januar 1579 verstorbenen brandenbur- 
gischen Rats und Hauptmanns zu Ziesar Caspar von Arnim. 

Die Stadt Ziesar, nördlich vom Schlosse gelegen, welche, wie Burg, Goerzke, 
Loburg ebenfalls nach einem verschobenen Viereck, dessen schmälste Seite hier 
aber nach Süden schaut, angelegt ist, wird von sieben Strassen durchschnitten, 
deren hauptsächlichste die von Westen nach Osten gehende Breite- und die von 
Süden nach Norden rechtwinklig daraufstossende Schloss- Strasse sind. Sie hat 
aber weder einen Markt noch einen öffentlichen Platz, und enthält unter ihren 
bürgerlichen Bauten schlechterdings nichts Bemerkenswertes. Nur das Haus 
Breite Strasse Nr. 7, an der Ecke der Schlossstrasse, giebt ein besseres freilich 
etwas verwahrlostes Beispiel der einfachen Fach Werkkonstruktion eines mit der breiten 
Giebelseite der Strasse zugekehrten zweigeschossigen grösseren Bürgerhauses aus 
der Zeit nach dem dreissigjährigen Kriege, sehr ähnlich dem Hause in Möckem (s. oben 
S. 202 Fig. 65). 1682 brannte das Rathaus und mit ihm das ganze städtische Archiv ab. 
Im Siegel führt die Stadt die gekreuzten Schlüssel des Brandenburger Bistums. 

Die Pfarrkirche St. Crucis, fiskalischen Patronats, am Westende der Stadt, 
dicht an der ehemaligen Stadtmauer südlich von der Breiten Strasse inmitten des 
alten Kirchhofes gelegen, ist ein einschiffiger kreuzförmiger romanischer Feld- 
steinbau von beträchtlichen Dimensionen aber verhältnismässig geringer Höhe 
mit Nebenapsiden an den Querflügeln und rechteckigem Westturme, über dessen 
Baugeschichte jede Kunde fehlt. Ein spätgotischer Umbau des Altarhauses und 
einiger andren Teile in Backstein liegt thatsächlich vor. Der ganze Bau ist 1862 
durch Werner durchgreifend restauriert, dabei ist der Südflügel des Querhauses 
ganz neu aufgeführt, unter den Dächern überall ein gekreuzter Rundbogen- 
fries aus Backsteinen (wie in Buckau) eingefügt und das Innere mit flachgewölbter 
Holzdecke versehen; die Schallöffnungen der Glockenstube sind mit Teilungs- 
säulchen aus Sandstein ausgesetzt, die auch an der Nischendekoration des Giebels 
des nördlichen Querflügels Verwendung gefanden haben, und dem Satteldache 
des Turmes ist ein überschlanker Dachreiter in den Formen des Übergangsstils 
aufgesetzt, innen aber sind auf der Westseite und in beiden Querflügeln Em- 
poren mit durchbrochener Backsteinbrüstung eingeschoben, deren Unterwölbungen 

17* 



260 Kreis Jerichow I. 




auf Sandsteinsäulen mit reich dekorierten Würfelkupitälen ruhen. Das Schiff ist 
4, das Querhaus 2 und das Altarhaus ebenfalls 2 Fenster lang. Dessen Ha]b- 
kreisapsis hat 3 Fenster, ist aber in der Höhe der Sohlen der Schiffsfenster spät- 
gotisch in Backstein erneuert mit einpfostigen charakterlos profilierten Spitzbogen- 
fenstem, zwischen denen zwei flache unprofilierte Blendnischen die Wand gUedern. 
Im Innern hat gleichzeitig das Altarhaus zwei querlängliche Joche von Kreuz- 
gewölben erhalten, die durch einfache breite Gurtbögen auf eben solchen Wandvor- 
lagen voneinander und von dem Gewölbe der Apsis getrennt sind. Die Nebenapsiden 
haben je ein Fenster. Der nördliche Querflügel hat unten ein dreimal abgestuftes 
Backsteinportal mit sehr matter spätgotischer Profilierung der Wandung (siehe 
Fig. 80), dessen Steine 0,28 m lang, 0,14 m breit und 0,085 m hoch sind; oben 
im Giebel aber eine dreiteilige Wandnische über zwei seitlichen zweiteihgen, 

sämtlich schon im Spitzbogen. Der bei der Restau- 
ration überall mit Eisenbändem geschnürte und an 
der SW-Ecke mit einem mächtigen Strebe-Pfeiler und 
Bogen gestützte Westturm hat eine für die Feld- 
steinbauten ungewöhnliche und der Niedrigkeit des 
Schiffes gegenüber unverhältnismässige Höhe und in 
der im Lichten 12^ m breiten und 5,40 m tiefen 
^«- ^- Glockenstube nach W und je 4, nach N und S je 

zwei Schallöffnungen. 
Von den darin befindlichen Glocken ist die grösste von 1,50 m Durchm. 
ein Neuguss von G. Collier in Zehlendorf von 1886, die zweite von 1,40 m 
Durchmesser ein solcher von C. Ziegener in Magdeburg von 1790, als dessen 
307 te Glocke bezeichnet. Ausserdem sind noch zwei von 0,65 und 0,60 m Durch- 
messer vorhanden, deren sehr langgestreckte, unten weit ausladende, oben mit 
ganz rund geformter Haube abschliessende Gestalt auf hohes Alter schliessen lässi 
Die Mensa des Aliars besteht aus einem 1,95 m langen und 1,17 m breiten 
Grabstein (s. Fig. 81). Auf demselben sind in gravierter Umrisszeichnung zwei 
barhäuptige Ritter dargestellt, welche ihre bartlosen Lockenköpfe einander zu- 
wenden und die eine Hand um den Griff des senkrecht mitten vor dem Leibe 
stehenden Schwertes, die andere auf den oberen Band des davor gehaltenen 
Schildes lehnen. Dieser ist längs geteilt und zeigt rechts einen nach rechts auf- 
gerichteten, einen Fisch vei-schlingenden Wolf, links einen nach links ausgebogenen 
grossen Fisch. Der dazu gehörige Kübelhelm, auf welchem als Helmzier der den 
Fisch verschlingende Wolf nach rechts schreitet mit drei Federbüschen darüber, 
steht in kleinerem Format im Zwickel zwischen den beiden mit Laubbossen 
geschmückten Spitzbaldachinen über den Figifren. Die an einigen Stellen ver- 
letzte Umschrift in eingegrabenen Majuskeln, bei denen die ausfüllende Harzmasse 
meistens erhalten ist, lautet: 

(a) RRO DRI - fl)° • 000° LIX° (1359) - IR DI« - VR || DäOIOi . 
CDILIVfli . VIRGIHVm - . TIL (o Kot) Iiö . ÄRRO . || DHI . m°. 000°. 
LXXXIir (1383) . IR DIÖ - 00 || RVORSIORIS • S^ . PÄVLI - • 
GÄOReBÖ - BOTIiO - R' . I . PÄ (ce). 

Der Familie von Kothe gehörte zu gleicher Zeit (1347—1365) auch der 



Zicsar. 261 

Bischof von Brandenburg Dietrich an; derGhereke wird wohl der 1361 [Biedel 
A. XS.44] als fidelis vasaUus des Bischofs erwähnte Gherkittus Kote sein. 

Unter dem Triumphbogen liegt im Fussboden noch ein Grabstein mit 



(VS!. Ziesar. Stodtkircbe. Attarpintle (Grabstein). 

gravierter Umrissfigur eines Prieslers, die Umschrift ist aber nicht mehr sicher 
za lesen - 

Die vtisa sacra befinden sich beim Küster. Darunter ist bemerkenswert ein 
Kelch, silbervergoldet, von 0,23 m Höhe. Der sechsteilige Fuss von 0,19 m 
Durchmesser hat Kenaissanceornament von Aglaibechor-ähnliclien Buckeln; um 
den runden Knauf legt sich in der Mitte eine durchbrochene Blattranke. Als 



262 Kreis Jericbow I. 



signaculum ist auf dem Fiisse ein Reliefkruzifix angebracht, zu beiden Seiten 
desselben je ein Wappenschild in farbigem Email, der eine mit dem von Harden- 
bergschen Eberkopf, der andere mit der von Saldemschen dreimal fünfblättrigen 
roten Rose. Der erstere kommt auch an dem Radleuchter der Domherrn im 
Dome zu Brandenburg vor, der letztere nicht; dagegen kommen beide auf zwei 
Bechern und die Rose noch einmal auf einem „gepuckkelden*' Becher in dem 
bischöflichen Silbergeschirr^ vor, das nach einem bei Riedel A IX S. 318 
abgedruckten Verzeichnisse am 11. Juni 1568 auf Befehl des Hauptmanns zu 
Ziesar, Melchior Schaff, durch den bischöflichen Sekretarius Johann von Borch- 
stadel dem Domkapitel zu Brandenburg abgeliefert wurde. — Sodann zwei cylinder- 
förmige silberne Weinkannen; die eine 0,27 m hoch, etwa 2V4 Liter fassend, ganz 
schlicht, ist laut Inschrift 1755 von L. F. F. FUKKE und A. M. E. FUKKN ge- 
stiftet; die andere 0,26 m hoch und schlanker gebaut hat auf der Ausbauchung 
des 'Deckels und des Fusses einiges getriebene Rankenomament und ist laut 
langer Inschrift unter dem Tusso am 9. April 1719 von dem Fastor und Inspektor 
Johann Cleinovius und seiner „Ehegenossin" Anna Elisabeth Spigdin gestiftet 
Auf dem Deckel ist eingraviert: Ach bleib bei uns Herr Jesu Christ, weil solches 
uns sehr nöthig ist, dass wir dein wort und Sakrament rein behalten bis an unser 
end. Amen. Eine silberne cylindrische Hostionschachtel von 0,09m Durch- 
messer und 0,085 m Höhe hat am Cylinder und auf dem Deckel Gravierungen 
von Tulpen und Phantasielilien — laut Inschrift auf dem Deckel verehrt von 
Nicolaus Keller und seiner Ehefrau Anna Maria Savia. — Endlich eine ausser 
Gebrauch gesetzte silberne Taufschüssel mit achtmal in flachem Segment aus- 
gebogenem Rande, der mit graviertem Barockomament geschmückt ist, gestiftet 
laut Inschrift am 17. Juli 1719 von „einigen gutthätigen Christen eu Ziesar ßr 
die evangelisch lutherische Stadikirche." 

Von den gleich westlich von der Kirche gelegenen zweigeschossigen ehe- 
maligen Klostergebäuden hat der WO -Flügel auf der Ostseite einen stark 
verdorbenen Staffelgiebel mit Pilastorn. Der im Westen daranstossende, zur 
Wohnung des zweiten Geistlichen umgewandelte nordsüdliche Flügel bat über 
der Südfront einen zweigeschossigen Volutengicbol in Backstein und über den 
Fenstern des Erdgeschosses sowohl an der östlichen Langseite als an der süd- 
lichen Schmalseite sehr dünne giobelartig zusamraenstossonde Voluten -Ver- 
zierungen ebenfalls in Backstein, in der Mitte der Ostfront aber ein etwas 
plumpes Renaissanceportal mit geradem Sturz und den seitlichen Sitznischen, 
diese jedoch ohne den gewöhnlichen niuschelartigon Abschluss oben und die 
Konsole unten. 



Zitz. 

[Das i ist lang zu sprechen — 973 Zizowa? 1215 Cydiz, 1340 Scydytz, 1420 
Czicz, 1459 Citz, 1500 Cytz, 1541 wie gegenwärtig, 1550 Czeicz, 1552 Zietz und 
Tzietz, 1562 Zceitz] 

Pfarrdorf 7 km nordnordwestlich von Ziesar, von alter Zeit her dem Bischof 
von Brandenburg gehörig, doch hatten auch die von Bardeleben darin Be- 



» Vrgl. über dies Silbergeschirr den Aufsatz des Verfs. im „Bär" 1877, S. 133—135. 



Zitz. Dörnitz. 263 



Sitzungen, welche 1561 an den Lehniner Klostervogt Michael Happe überlassen 
wurden. 

Die Kirche, deren Pfarrer bereits 1215 urkundlich vorkommt, inmitten des 
Dorfes westlich Ton der NS-Dorfstrasse auf einem Hügel gelegen, ist ursprünglich 
ein romanischer Feldsteinbau nach Schema 11 mit Zusammenziehung von Altar- 
haus und Apsis wie in Bücknitz. Der alte Bau ist aber bis auf Höhe von etwa 
3 m über dem Erdboden abgebrochen und dann mit etwa um 0,25 m dünneren 
Wänden zopfig wieder aufgebaut und mit einem Turme versehen, der über einem 
Zeltdache eine kleine mit wälscher Haube gedeckte Laterne trägt, und durch den 
jetzt der Eingang in die Kirche stattfindet. Der alte Rundbogeneingang an der 
Südseite des Altarhauses (Priesterthür) ist -auch noch vorhanden. 

Der auf dem Altar stehende kleine, noch dem Ende des XVI. oder Anfang 
des XVII. Jahrhunderts angehörige, aber modern schreiend bemalte, ganz un- 
bedeutende hölzerne Altaraufsatz ist insofern bemerkenswert, als er im oberen 
kleineren Aufsatze ein Gemälde des Weltgerichts in ganz kleinen Figuren 
(Christus auf dem Regenbogen zwischen Maria und Johannes dem Täufer 
thronend, unten die Auferstehenden u. s. w.) enthält, welches nach einem 
italienischen Kupferstiche aus der Schule des Michelangelo gearbeitet sein muss. — 
Auf dem Altare auch zwei, nur 0,18 m hohe Messingleuchter in der bekannten 
mittelalterlichen Form. 

Von den Glocken hat die grösste von 1,02 m Durchm. am Halse zwischen 
Doppelreifen die Spiegelinschrift in un verzierten dem Mantel der Form ein- 
gegraben gewesenen Majuskelbuchstaben: 

qÄDÄHifl DÄq DDmBii bsix . Bja - xba . o + 

also das orex glorie etc., nur cc statt cum und 2>ac statt pace, die Schlussbuchstaben 
wohl ein verunglücktes Ananisapta. — Diebeiden andern von 0,96 bezw. 0,68m 
Durchmesser sind ganz schmucklos, aber beide sehr alt mit sehr runder Haube. 

Dörnitz. 

[1468 und auch später Demitz.] 

Kirchdorf mit Rittergut am GloinerBach in anmutiger Landschaft 8 km. süd- 
westlich von Ziesar gelogen, Station der Kleinbahn-Burg-Gr.-Lübars-Ziesar lange 
Zeit Besitz der Familie von Schiei-stedt, jetzt in bürgerlichen Händen. 

Die Kirche, Filial zu Gloino, jetzt Drewitz, am Hügelabhang auf dem 
westlichen Ufer des Baches gelegen, ist ein kleiner Neubau in romanisierenden 
Formen aus behauenen Feldsteinen mit in regelmässigen Absätzen das Ganze 
durchziehenden horizontalen flachen Backsteinschichton. Im Glockentürmchen, 
das innerhalb der Westfront steht, hängt eine aus der alten Kirche übertragene 
Glocke von 0,53 m Durchmesser und der Umschrift am Halse über einem 
abhängenden Eichenblattfries : ANNO DOMINI MDCLXXXVIII OMNIA AD GLORIAM 
ALTISSIMI lACOB WENTZEL ME FECIT; am Körper auf der Vorderseite das 
V. Schierstedtsche Wappen mit den Initialen F. L. V. 8. 

Deren Deutung ergiebt der an der Ostwand der Kirche südlich neben der 
Apsis eingemauerte Relief-Grabstein mit der Figur dos laut Inschrift in deut- 
schen Buchstaben am 15. März 1700 im Alter von 55 J. UM. und 16 T. ver- 
storbenen Kurf. Brandenburgischen Oberst-Lieutenants Friedrich Ludwig von 



264 Kreis Jerichow I. 

Schierstedt (der auch auf der kleinen Glocke zu Gross-Lübars von 1698 — s. S. 
105 — genannt ist). Der Verstorbene erscheint in etwas über Lebensgrösse gani 
von vom gesehen mit einem breiten, fetten Gesicht, dem die Nase abgeschlagen 
ist, barhäuptig in der Alongeperrücke aber im vollen Harnisch, den Helm zu den 
Füssen, die rechte Hand auf einen Kohrstock gestUtzL Der väterliche und der 
mütterliche Wappenschild oben zu beiden Seiten des Kopfes kehren unten neben 
den Füssen in umgekehrter Ordnung noch einmal wieder. 

Unter den Abendmahlsgeräten beim Küster hat der Fuss des dlber- 
vergoldeten Kelches noch die scclisblättrige Form mit 6 Zapfen am entartet 
geformten Knaufe, welche auf den Stirnflächen die Buchstaben IHESVS tragen. 
Der sehr geschweifte Becher scheint spätere Zuthat zu sein. Auf fünf der sechs 
Blätter des Fusses befinden sich Gravierungen. 1. M.V. R. über dem v. Bintorf- 
schen Wappen. 2. G. A. V. W. 3. W. F. V. S. über dem v. Schierstedtschen Wappen. 
4. 1612. 5. A. EV. P. über dem v. Plothoschen Wappenschilde. 

Die Deutung dieser Initialen ergiebt sich aus der kreisrunden silbervei^ldeten 
Obldtonschachtel, welche, sonst ganz schlicht, auf dem Deckel um das 
V, Gnericke — v. Schierstedtsche AlUancewappen in 3 Reihen folgende eingravierte 
Umschrift trägt. 

H. Lebereckt v. Gnericke. Kirn. Fr. Geheimb. u. Regie. Baih in Hergo^ 
Magd^. u. F. Qtthar. Elisabe. geb. v. Schi^stedt ais sie Ao. 1712 das Guki 
Demitz \\ inne bekommen u. 100 Jahr eumr 1612 Ihrer Eiter 7at. u. Elter MvU. 
H^ Wolf. Frider. v. Schierst. «. Fr. Magdai. v. Bintorf n^st der Ober || EUer 
Mutter Fr. Adelgunden jeÄ. Edl. v. Flotho den Kdch in diese Kirche verdtrd.^ 
Auf der ganz schlichten Fatene erscheinen auf dem Bande zu beiden Seiten 
des Kreuzsignaculums noch einmal die Initialen des W. F.V. S. nebst der Jahres- 
zahl 1655 eingraviert. 



' Über den 1662 ia Hamburg geboreuen uud 1737 in Magdeburg gestorbenen viel bescbif- 
tigteu Diplomaten und Verwaltungsbeamten I^berecht von Gnericke, Enkel dee berühmten 
Otto V. Guericke, und seine erete Frau, die am 12. Oktober 171& geatorbene von Schiereledl 
vrgl. die auafübrlichen Mitteilungen von M. Dittmar, Otto v. Guericke« Nachkommen, im 
Iteiblatt der Magdebturg. Zeitung 1895 Nr. 32-37, besondere Nr. 33-86. 



Fig, P2.- Lob u rg. Füretl. Amtsaiegel. 



Die einzelnen Ortschaften des Kreises 

Jerichow II. 



flg. 83. Leitskau. Sohloss Neohaus. Stuckornament aus dem Musiksaalc. 



Altenklitsche. 

[Ende des XIV. Jahrhunderts Alden Klizich, Alden klitzke und Olden- 
Kleczeke; v. Alvensleben schreibt Alden-KIietz, wie auch Neuen-Klietz und 
meint daher in Verwechselung mit dem Klietz bei Jerichow, dass das ,Jjändchen 
Klietz" nach Aitenklitsche und Neuenklitsche seinen Namen gehabt und von hier 
bis Sandau gereicht habe — eine Verwechselung, die auch bei Herme s-W ei- 
gelt und im Register zu Riedel sich geltend macht] 

Kirchdorf, ehemals mit Rittergut, 9^^ ki» nordnordöstlich von Genthin, 
wurde in der zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts an die von I^ssow verliehen, 
von denen es 1605 an die von Katte kam. In neuerer Zeit ist das Rittergut 
parzelliert, und seine Gebäude sind abgebrochen. 

Die Kirche, Filial zu Neuenklitsche, unter Patronat der von Katte auf 
Hohencamem liegt in der Mitte des in mehrfachem Winkel gebauten Dorfes 
nördlich einer WO- Strasse inmitten des alten Kirchhofes und ist laut Inschrift 
auf einer Sandsteintafel über der nördlichen Eingangsthür „auf Königlichen Be- 
fehl" an Stelle einer älteren hölzernen 1712 angefangen und 1715 vollendet. 
Eine entsprechende Tafel über der südlichen Thür nennt auch mit den be- 
treffenden Wappen die eigentlichen Stifter, nämlich den Balthasar Friedrich von 
Katte auf Vieritz u. s. w. „Landrath . Regius Circüli Jerichow" und seine Ehefrau 
Ursula Anna de Hunicken (Hünicke), ausserdem neben dem Pastor u. s. w. auch 
den Baumeister Christoph Behse . Coemeniaritis Begius Magdeb. anno M, DCCXIV." 
— Das Gebäude ist ein beträchtlicher und aufwändiger — die Lokal -Tradition 
redet von 20,000 Thalorn, die er gekostet habe — Backstein-Putzbau in Barock- 
formen, ein Rechteck mit kurzem dreiseitigen Ost-Schluss und quadratischem 
Westturm mit Schweifdach und niedriger offener, unten mit Ballustor-Gallerie 
geschlossener achteckiger Holzlateme, über welcher eine wälsche Haube mit 
zweimal eingestauchter Spitze den Abschluss bildet. Die langen, oben elliptisch 
geschlossenen Schiffsfenster liegen aussen zwischen Pilastem in sehr tiefen Nischen. 
Das Innere ist mit vier Joch schmalrechteckiger, scharf gratiger, flacher Kreuz- 
gewölbe auf beträchtlichen Wandvorlagen zwischen breiten einfachen Gurtbögen 
und schmalen aber stark vortretenden elliptischen Schildbögen gedeckt; alles 
weiss getüncht. 

Gleichzeitig ist die gesamte innere Ausstattung in weisslackiertem und ver- 
goldetem Holzbau mit fast überreicher und schwerer Barockornamentik, nämlich 
1. der Altar-Kanzelaufbau in üblicher Weise mit hohen Säulen, zwischen 
denen die Kanzel vorspringt, und seitlichen Thüren für den Umgang der 



268 Kreis Jerichow IL 



Kommunikanten, über welchen die Statuen des Petrus und Paulus stehen; auf 
dem Schalldeckel der Auferstandene zwischen zwei Wächtern in Phantasiekostüm, 
die aiif den Bekrönungen der seitlichen Säulen angebracht sind. Unter dem 
Kanzelpolygon eine schlechte Malerei der Einsetzung des h. Abendmahles. Statt 
der seitlichen Kommunionschranken neben dem Altare dienen zwei Engelpaare, 
welche je die einen Hände einander steif auf die Schultern legen und mit den 
andern nach oben weisen. 2. Die nördlich sich daranschliessende herrschaftliche 
Loge mit den beiden Wappenschilden des Stifterpaares und zwei Engeln, welche 
Lorbeerzweige schwingen, südlich aber der Pfarrstuhl mit den Rundfiguren 
von Glaube, Liebe und Hoffnung als Bekrönung. 3. Der mitten vor dem Altare 
kniende Taufengel, welcher eine Muschelschale über seinem Haupte hält, 
darin eine gleichgeformte Zinnschüssel, laut Lischrift von 1718. 4. Die Em- 
porenanlage auf den drei Seiten des Schiffs, westwärts von den Eingangs- 
thüren, die westliche auf korinthischen, die beiden andren auf ionischen Säulen 
ruhend. Die Brüstungen an der Nord- und Südseite sind mit Spruchtafeln in 
reichster Umrahmung geschlossen, deren Reihe durch Engel unterbrochen wird, 
welche auf Konsolen über den Säulen stehend reiche Guirlanden halten. Auf 
der Westseite aber wird die Brüstung durch eine durchbrochene reiche Balluster- 
Gallerie gebildet, vor welcher zwei musizierende Engel über den beiden Säulen 
stehen. Das Figürliche ist überall sehr bescheiden geraten, das Ornament da- 
gegen durchgehends schönes Beispiel des schweren Barockstils. Die Orgel auf 
der Westempore fällt dagegen durch die Schlichtheit ihres Ornaments auf. 

Auf dem Altare steht ein vergoldetes silbernes Kruzifix mit einem ausser- 
ordentlich ungeschickten und hässlichen vollrunden Corpus, laut Inschrift und 
Wappen auf den in Dreipässe auslaufenden Querarmen gestiftet 1664 von Cuikn 
(statt Cuno) Henrich von Kattm und Maria von Borchin. Von denselben Stiftern 
im selben Jahre gewidmet ist ein silbervergoldeter Kelch mit Patene im Nach- 
klang der mittelalterlichen sechsteiligen Form, auf den Stirnflächen der Zapfen 
des Knaufes die Buchstaben l€H8V8, auf dem einen Blatt des Pusses das Kru- 
zifix alssignaculum, auf den beiden benachbarten die beiden Wappen eingraviert; 
hier ist der Torname des Mannes Kiene geschrieben. Auf der Patene ist auch 
das Gewicht 45 Lott eingraviert. 

An den älteren Bau erinnert eine jetzt an der Innenwand der Apsis hinter 
dem Altar-Kanzel-Aufbau eingelassene Sandsteintafel mit dem von Lossowschen 
Wappen und ANNO 1589. Darüber die Distichen: 

LOSSOVIO PETRV8 DE CLARO STEMMATE NATVS 
HANG SACRAM LARGO GONDIDIT AERE DOMVM 
VERBI DIVINI QVO TESTARETVR AMOREM 
DIGNA8 HVIG GRATES DIG PIA P08TERITAS 

Unter dem Wappen deutsch: 

DER . EDLE . PETER . VON . LOSSAW . 
ZV . GOTTES . EHREN . DIESEN . BAW . 
DIESES . GOTTESHAVSES . AVFFHVREN . LAN . 
DANCK . IM . DARFVR . O . NACHKOM . FROM. 

Über dieser Tafel hängt an der Wand ein sehr verdorbenes Kniestück eines 



Altenklitsche. 269 



^ Giebelspiess (auch Brant, dfinisch Husbrand, altnordisch Brandr, 
plattdeatBch ßram) ist der Name für das eigentümliche, zur Versteifung 
der Endsparren der zum Schutze der Giebelflächen gegen Begen und 
Schnee vor dieselben hinaus fortgeführten Strohdacher vor den mittelsten 
Stiel des Giebelfeldes vorgekragten , fialenartig oder spiessartig über den 
flrst des Daches hinausragende und meist eine Wetterfahne tragende 
Balkenstflck, das bereits in Heft XX dieses Denkm&lerwerkes S. 226 



4» 





Eccehomo in Lebensgrösse, wohl Kopie nach einem italienischen 
Gemälde der zweiten Bauzeit 

Der genannte von Lossow, gest. 2. September 1603 im Alter 
von 83 Jahren, erscheint auf seiner vor dem Altare liegenden 
Sandstein-Grabplatte in sehr erhabenem Relief im Harnisch 
barhaupt mit kurzem Vollbart in betender Haltung etwas nach 
links gewandt stehend; zwischen den Füssen den Helm, vier 
Ahnenwappen in den Ecken. Die Rüstung ist ausserordentlich 
sorgfältig naturgetreu gearbeitet, auch das charakteristische 
fleischige Greisenantlitz ist mit Glück der Natur abgelauscht. — 
Ein anderer Grabstein des am 19. Juni 1585 im Alter von 
70 Jahren verstorbenen Clavs von Lossow steht aussen an der 
Südseite des Gebäudes, westlich von der dortigen Eingangsthür. 
Derselbe ist ähnUch, aber flacher gearbeitet wie der des Stifters 
drinnen. Die Platte ist mit rohen unregelmässigen Längsrillen 
(hier ersichtiich Wetzmarken) und Rimdmarken (hier allem An- 
schein nach von Schiessversuchen — vielleicht aus der Zeit des 
dreissigjährigen Krieges — herrührend) reichlich bedeckt. J 

In dem Gruftgewölbe an der Turmseite stehen unter anderen ^^^ J 
zwei reicher ausgestattete, silberbeschlagene Särge der Doro- ^ § 

thee Philippine von Linger geb. 1702, verehelicht gewesenen von M 

Eatte, nachher von Osten, gest. 24. Juni 1758 und des Cuno 
Heinrich von Katte, geb. 1677, gest 29. Oktober 1745. 

Von den Glocken hat die grösste von 0,76 m Durchmesser 
am Halse zwischen Doppelreifen eine von Brakteatenabgüssen ^^^^ 3 
unregelmässig durchbrochene unverständliche Zusammenstellung v^^ 2 
von wirr durcheinander gemengten, zum Teil verkehrt stehenden ^ 

Majuskeln und Minuskeln (siehe Fig. 84); auch am Körper zahl- 
reiche Brakteatenabgüsse teils einzeln, teils in mannigfaltigen 
Zusammenstellungen, dazwischen auch ein kleines mit einer drei- 
zinkigen Krone bedecktes von dünnen Blumenranken umgebenes 
umgedrehtes D in viereckiger Umrahmung, wie ein Abdruck 
eines grossen Petschaftes, aber von einer für die Zeit ganz un- 
gewöhnlichen Form. — Die zweite ist ein Umguss von Gebrüder 
Ulrich in Laucha von 1880. — Die kleinste hängt so, dass man 
sie nicht messen kann, ist aber mit Balteer Friedrick von KaUe 
1680 bezeichnet. — Die Bauernhäuser haben noch vor einem 
Menschenalter die im Gebiete von Jerichow charakteristischen /^:;i^ 
Giebelspiesse ^ gehabt. p=c/ 




M 



^ t 



M) 






270 Kreis Jerichow II. 



Altenplathow. 

[946 Plot, U44Ploten, 1159 Plothi, 1166 Plote, 1204 Plothe, 1389 Plate, 1420 
Aldenplote, 1512 Älden Plotha, 1562 Aldenplothe und Aldenplato.] 

Pfarrdorf mit Königlichem Domaineamt 2 km nordnordwestlich von Genthin 
am Plauenschen Kanal. Die civitas Plot, unzweifelhaft der Stammsitz der zu 
den alten wendischen Dynasten -Familien gehörigen Edlen Herren von Plotho, 
mit dem ganzen Burgward und dem Zehnten der provincia Ploth wurde 946 von 
Otto I. zur Dotation des Stiftes Havelberg bestimmt, scheint aber in dessen Besitz 
niemals gelangt zu sein; 1144 wurde vielmehr Ploten cum burchwardo von Hart- 
wig von Stade dem Erzstift Magdeburg geschenkt und war in den späteren 
Grenzkriegen zwischen dem Erzstift und der Mark Brandenburg fortgesetzt in 
viel umstrittenem und wechselndem Besitze, bis es durch den Zinnaer Vertrag 
1449 definitiv an Magdeburg abgetreten wurde. Zeitweise den von Byem 
wiederkäuflich überlassen, von 1466 ab mit erzbischöflichen Amtleuten besetzt, 
seit 1526 im Pfandbesitz der von Meyendorf, wurde es 1675 wieder zu den 
Tafelgütem des Stifts zurückerworben und von da ab durch Hauptleute 
verwaltet. 

In kirchlicher Beziehung ist zu erwähnen, dass es hier einen Kaland 
gab (falls derselbe nicht mit dem zu Genthin identisch gewesen ist), welcher 
1345 das Dorf Mögelin kaufte um damit einen Altar in der Pfarrkirche zu 
Rathenow zu dotieren, über welchen er das Patronatsrecht erhielt 

Das Schloss, welches bereits 1413 in den Quitzowschen Händeln verbrannt 
war, wurde im dreissigjährigen Kriege gänzlich eingeäschert und war zu von 
Alvenslebens Zeit noch nicht wieder ganz aufgebaut. Sein Prospekt (s. Fig. 85) 
zeigt einen runden Bergfried mit hochgelegener, spitzbogiger Eingangspforte 
und ein daran stossendes Gebäude mit sehr hoher Kaminanlage noch im Ruinen- 
zustande, nur ein vielgiebeliges Fachwerkgebäude ist als neu aufgebaut anzusehen. 
Jetzt ist von der ganzen Anlage nichts mehr vorhanden. 

Die Kirche, fiskalischen Patronats, ist im nordwestlichen Teile des vielver- 
zweigten und in neuerer Zeit sehr vergi'össerten Dorfes, nördlich von der SO.- 
NW.-Strasse gelegen. Von einem alten romanischen Feldsteinbau steht noch das 
Altarhaus, der Apsis beraubt und mit veränderten Fenstern, aber dem alten gar^ 
schlichten Triumphbogen. Das Schiff ist unter Benutzung von Gommemschen 



besprochen und in den verschiedenen Weisen seiner Befestigung an dem Mittelstiel der Giebel- 
fläche abgebildet ist. Dieser eigentümliche Schmuck des Bauernhauses kommt nicht nur in 
der Altmark, sondern weit verbreitet in den niedersächsischen Gegenden bis in die Stadt- 
architektur (z. B. in Uelzen das Fürstenhaus von 1646 und benachbarte Häuser) hinein, sodann in 
ganz Schleswig, Dänemark, Schweden und Norwegen vor [vrgl. über letztere M ei borg, B., dw 
Bauernhaus im Herzogtum Schleswig, Deutsche Ausgabe von Rieh. Haupt 1886 S. 15. Das Buch 
enthält überaus zahlreiche Abbildungen einzelner Häuser und ganzer Dorlstrassen mit diesem 
SchmuckJ. Im Kreise Jerichow II ist er charakteristisch für das Gebiet des Backsteinbaus 
und findet sich häufig auf beiden Giebeln auch kleinerer Häuser. Fast ausschliesslich ist 
er in diesem Gebiete auf eine vor den Mittelstiel vorgekragte Konsole gesetzt und bemerkens- 
wert ist, dass seine Verzierung, obgleich diese Bauten durchaus der Zeit nach dem dreissig- 
jährigen Kriege angehören bis weit in das XVIII. Jahrhundert hinein, fast ausDahmsloB die 
gotische Formgebung bewahrt; Abbildungen siehe nachher bei Redekin. 



AlteDp}atho«. 



272 Kreis Jericbow ü. 



Bruchsteinen erweitert und gänzlich verzopft, ein überaus hässlicher und unan- 
sehnlicher Bedürfnisbau, des geplanten Abbruches würdig. Der quadratische 
Westturm, unten von Ziegeln, oben von Fachwerk, trägt in der Wetterfahne die 
Jahreszahl 1727. Das einzige Bemerkenswerte sind die beiden alten OlockeiL 
Die grössere von 0,90 m Durchmesser hat am Halse die Minuskelumschrift ^ ilil 
NT 1. 5. 34 ? anUtM o Mllri|r«rr o i o | c « o { o t o (die o sind Abgüsse kleinerer 
Münzen). Darunter ein Fries teils aus einem laubumwundenen Stabe, teits aus 
dem Moldenhauerschen aufrechtstehenden Lilienblumenfriese bestehend. Am 
Körper das von Meyendorfsche Wappen umgeben von CiK. Die kleinere von 
0,62 m Durchm. hat nur am Halse ohne Einfassung durch Reifen oder Schnüre 
die Minuskelumschrift: flili llt m ttU Im |ii$ Icllitf «f (rcit 

Bahnitz. 

[1225 Banthyz, 1234 Bantiz, um 1383 Bantz, Banitze und Bans, 1459Bantz- 
deserta, 1492 Banicz, 1500 Bentz desolata, nicht zu verwechseln mit Gross-Behnitz 
im Kr. Westhavelland.] 

Ehemals märkisches Kirchdorf an der Havel 4 km westlich von Pritzerbe 
12^2 km nördlich von Bahnhof Wusterwitz der Berlin-Magdeburger Eisenbahn. 

Die Kirche, deren Pfarrer zuerst 1225 urkundlich erwähnt wird, Filial zu 
Nitzahne unter Patronat des Besitzers des Rittergutes Kützkow, vor dem Nord- 
ende der sehr breiten NS.-Dorfstrasse gelegen, ist ein sehr sauber gehaltener 
Putzbau im Zopfstil mit langen rundbogigen Fenstern zwischen Püasterdeko- 
rationen. Der Turm hat vier Lukamen am einwärts geschweiften Dache, darüber 
eine geschlossene viereckige Laterne mit Schweifkuppel. In der Wetterfahne die 
Jahreszahl 1780. 

Ton den Glocken ist die kleinere von 0,58m Durchm. ohne Zweifel nach 
Schrift und Verzierung eine Moldenhauersche. Am Halse die Minuskelumschrift: 
iitti ^ l«l ? « q? ttca $ li $ • ^ Itr ? • ? > $ I ? e (d. h. verbum domini m 
etemum) am Schlüsse zwei Brakteatenabgüsse. Darunter der abwärts gerichtete 
Moldenhauersche Lilien blumenfries. — Die grössere von 0,67 m Durchm. hat am 
Halse die Umschrift: VERBVNI DOMINI MANET IN ETERNVNI ANNO 1590 HEIN- 
RICH BORSTELMAN ; zu Anfang und hinter der Jahreszahl der von B. überall 
als Trennungszeichen benutzte geflügelte Engelskopf. Am Körper, wie ebenfalls 
fast überall auf den Borstelmannschen Glocken, ein grösseres flaches Relief ohne 
Umfassung, hier St. Georg mit dem Drachen. 

Unter den Abendmahlsgeräten hat der 0,24m hohe silbervergoldete Kelch 
den Fuss noch als Sechspass gebildet, am Knaufe jedoch nur 5 Zapfen mit den 
Buchstaben JESVS auf den Stirnflächen. Als signaculum ist auf den Fuss ein 
stilisiertes Kreuz mit Engelsköpfen in den Winkeln graviert, dazu die Inschrift 
„gemacht 1706" die Namen der Kirchenvorsteher und der Spruch 1. Joh. 1 sang- 
vis Christi ßii dei emundat nos ab omni beccato. Die Paten e dagegen hat 
ausser dem Kreuzsignaculum das eingegrabene von Bredowsche Wappen mit den 
Initialen M. V. B. 1652 auf dem Rande. 



Bahnitz. Bensdorf. Bergzow. 273 



Bensdorf. 

[Genauer Alt-Bensdorf, um 1363 Bentstorp, 1500 Benstorf.] 
Pfarnlorf 5 km nordnordwestlich vom Balmhof Wusterwitz mit zwei Ritter- 
gütern, 1562 den von Brietzke gehörig, 1735 die eine Hälfte den von Schlabern- 
dorff, nachher auch in andren Händen, beide 1817 bezw. 1821 parzelliert. 

Die Kirche unter Patronat der Besitzer der Rittergüter, am Westende des 
Dorfes nördlich von der WO.-Dorfstrasse inmitten des Kirchhofes gelegen, ist ein 
Umbau nach einem Brande von 1812, ursprünglich und noch erkennbar ein 
romanischer Backsteinbau mit kurzem, nur ein Fenster langem Altarhause und 
grosser Halbkreisapsis, jedoch ist von etwaigen Schmuckformen nichts mehr 
übrig, da nach dem Brande alles erhöht, geputzt und getüncht ist, und die Fenster 
zu nüchternen langgestreckten Rechtecken umgewandelt sind. Die Apsis wird 
im Scheitelpunkt des Halbkreises von einem höheren Strebepfeiler gestützt, den 
zwei niedrigere flankieren, auch am Langhause befinden sich beiderseits zwei 
kurze Strebepfeiler, die beiden westlichen diagonal gestellt, woraus zu folgern ist, 
dass die Kirche vor dem Brande in gotischer Zeit eingewölbt worden war, viel- 
leicht wie die im benachbarten Flaue a. Havel zweischiffig. — Die Glocken sind 
eiserne aus der Zeit des Umbaues. — Aus derselben Zeit wird ein beim Kirchen- 
vorsteher aufbewahrter, isehr schlecht gehaltener silberner Kelch herrühren in 
Vasenform mit Deckel, Höhe der Vase 0,212, des Deckels einschliesslich seines 
Knopfes 0,05, Durchmesser des Bechers 0,15 m. Unterhalb des Becherrandes 
rundherum getriebene Weintraubenranken, auch vom auf dem Körper des 
Bechers ein Kranz von solchen und ein ebensolcher auf dem Deckel, dessen 
Knopf ein Pinienzapfen bildet. Inschrift ist nicht vorhanden. 

BergzoAV. 

[Gegen 1400 Berkczow oder Bergsow, auch Berkso, Berso und Barchtzow, 
1459 Beerkove, 1562 Berchzow.] 

Pfarrdorf an der Ihle nicht weit von ihrer Mündung in den Plauoschen 
Kanal, Vj^^ni westlich von Genthin, früher zum Amte Altenplathow gehörig. 

Die Kirche unter Patronat der von Plotho zu Parey im südlichen Teile 
des Dorfes westlich von der NS.-Strasse inmitten des Kirchhofes gelegen, wäre 
nach Adler 1,43 und danach Lotz LS. 68 „ein spätromanischer Ziegelbau, ähn- 
lich der Kirche zu Melkow, aber etwas grösser.*' Das ist aber nicht richtig. Es 
ist ein vollständig verzopfter Backsteinbau ohne Scheidung von Schiff und Chor 
mit dreiseitigem östlichen Schlüsse. Romanisch ist nur der innerhalb der West- 
front stehende, innen auf Pfeilern ruhende, quadratische Turm mit Schweifdach, 
quadratischer geschlossener Laterne, wälscher Haube und Spitze — alles beschiefert, 
unterhalb des Daches von einem aus einer Zahnschnittreihe über einer Klotzreihe 
gebildeteu Fries umgeben. 

Von den Glocken hat die grössere von 1,02m Durchm. keinerlei Zierrat, 
aber frühmittelalterliche Form; die kleinere ist so aufgehängt, dass man sie nicht 
messen kann, trägt aber am Halse die Minuskelumschrift : 

+ lii lil. ». tcttt. i¥. u frei iliric lyr irii cm |iacr. 

Zahlreich sind im Dorfe Fachwerkhäuser mit dem Giebelspiess erhalten. 

Die Kr€is9 Jerkhow. 18 



274 Kreis Jericbow II. 



Brandenstein. 

Rittergut, 15 km östlich von Barg, hiess früher Ghezerik, so 1362, damals 
im Besitz der von Cnissow (Erüssau), auch noch 1459 Iserigk, zur sedes Ziesar 
gehörig, 1509 jedoch bereits Brandenstehn , den von Arnim gehörig, in deren 
Besitz es noch heute ist, nur im Laufe des XVTl. Jahrhunderts eine Zeit lang 
wiederkäuflich an die von Hopffkorb überlassen. 

Im Jahre 1363 wurde die von Henning von Crussow daselbst fundierte Bor 
silica St Andreas vom Bischöfe Dietrich von Brandenburg geweiht, in ihren Be- 
sitzungen bestätigt und mit 40 Tagen Ablass zu deren Vermehrung ausgestattet 
Die Bezeichnung hasilica ist auffällig, denn die gegenwärtige, am nördlichen 
Ende des Örtchens östlich der Strasse gelegene Kirche ist ein zwergartig kleiner 
Fachwerkbau mit ^/gSchluss — innen ein gedrückter Triumphbogen — und Fach- 
werktürmchen mit beschieferter Spitze und ohne Glocken im Westen. 

Brettin. 

[Gegen 1400 Brethyn.] 

Kirchdorf mit Rittergut am Plaueschen Kanal, 3 km nordöstlich von Genthin, 
soll noch von Alvensleben durch den 1012 verstorbenen Erzbischof Dagano an 
das Erzstift gebracht sein, war 1443 im Besitz des Hans von Schlieben, bald 
darauf den von Werder gehörig, in unserm Jahrhundert den von Bonin. 

Die Kirche, 1562 Filial zu Qenthin, jetzt zu Altenplathow, unter Patronat 
des Rittergutes, im westlichen Teile des Dorfes nördlich der WO-Dorfstrasse ge- 
legen, ist ein bescheidener rechteckiger Fachwerkbau mit eben solchem Turm mit 
viereckiger Laterne, deren Holzbau die Formen des Steinbaus des Barock nach- 
ahmt 

Die Kanzel, ein kleiner schlichter Barockbau mit toskanischen Säulen auf 
den Ecken, steht unmittelbar auf der Altarplatte. Der Kelch ist ein Beispiel 
der verkümmerten Reminiscenz an die mittelalterliche Sechspassform, bestimmt 
datiert durch die unter dem Fusse eingravierte Widmungsinschrift: Addkeite 
Magdalena von Werter vnd Fr, von Wertern verehrt diessen Kelch eu Pertin 1671. 

Am Ostende der Nordwand hängt ein gut restauriertes bemaltes und ver- 
goldetes hölzernes Trophäenepitaph für den am 20. August 1695 im Alter 
von 30 Jahren vor Namur gefallenen Hauptmann Christoph Ludwig von Werder 
mit dem nicht üblen Brustbild des Verstorbenen. Daneben eine grosse Stan- 
dartenstange und ein Degen. -— An der Nordwand zwischen den Fenstern ein 
kleines figuronreiches Ölgemälde der Kreuzigung, verdorbene pathetische 
Schmiererei aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts in sehr kleinen Figuren. 

Die drei Glocken entbehren der Inschriften und alles Schmuckes, ausser 
Bindfadenschnüren am Halse. Ihr Durchmesser beträgt 0,825 m bezw. 0,69 ra, 
die dritte ganz kleine hängt für die Messschnur unerreichbar. 

BukOMT. 

[Genauer Gross-Bukow, 1562 Bückaw.] 

Pfarrdorf mit Rittergut, 2 km östlich der Haltestelle Gross -Wudicke der 
Berlin-Lehrter Eisenbahn, seit 1380 in von Treskowschen Besitz, so auch noch 



Brandenstcin. Brettin. Bukow. Bützer. 275 




am Ende des vorigen Jahrbanderts , jetzt den von Katte gehörig. Nach von 
Alvenslebens Bericht ist die Witwe des Joachim von Treskow, Margarete von 
Krussecken aus dem Hause Dannenwalde, eine besonders eifrige Anhängerin der 
Reformation gewesen, die Luther in Wittenberg persönlich aufgesucht, sich tapfer 
gegen Kardinal Albrecht ihres Glaubens gewehrt, auch über ,,alle streitigen arti- 
cula der Beligion^^ eigene handschriftliche Bücher hinterlassen bat. 

Die Kirche, unter Patronat der von Katte zu Vieritz, in der Mitte des 
Dorfes südlich der WO-Dorfstrasse gelegen, ist ursprünglich ein Backsteinbau im 
romanischen Übergangsstil, aber nach Brand von 1833 in Schiff, Altarhaus und 
Halbkreisapsis alles Altertümlichen beraubt und zum weissgetünchten Putzbau 
geworden. An der Apsis erinnert noch ein zum Schutze gegen den Druck der 
Kuppel angefügter kurzer Strebepfeiler von enormer Breite an den ursprüng- 
lichen Zustand. Ziemlich im ursprünglichen Zustande erhalten ist der quadra- 
tische Westturm; aus dem im Karnies ge- 
bildeten Sockelgesims desselben erheben sich 
Ecklisenen, die oben unmotiviert abbrechen, 
ohne ein Kranzgesims zu tragen. Auf der 
Nordseite fangen die lisenen aber erst 2 m 
über dem Erdboden an, unten durch eine i>. o^ « i. 

tig. iH). if u kow. 

einfache Schräge miteinander verbundem 
unter welcher ein mit Karuies profiliertes 

(vermauertes) Rundfenster steht Die Oieboldreiecke des nach NS gerichteten 
Satteldaches haben eine über zwei einfachen Spitzbogenöffnungen, die Glocken- 
stnbe zwei dergleichen jederseits. Die senkrecht untereinander stehend, regel- 
mässig auf zwei Strecker folgenden Binder sind in allen Schichten der Flächen 
zwischen den Lisenen glasiert, was e^nen monotonen Versuch der Polychromie- 
rung abgiebt (s. Fig. 86). 

Bützer. 

[Am Ende des XI V. Jahrhunderts Buczer und Butzer.] 

Kirchdorf mit ehemaligem Kittergut an der Havel, IV2 kna nördlich von 
Milow, seit alter Zeit im Besitze der von Treskow zu Milow, in unserm Jahr- 
hundert ist das Rittergut parzelliert. 

Die Kirche, Filial zu Vieritz, unter Patronat der Parzelleninhaber des ehe- 
maligen Rittergutes, liegt am Ostende des Dorfes nördlich derSW-NO-Dorfstrasse 
inmitten des Kirchhofes und ist ein einschiffiger romanischer Backsteinbau nach 
Schema II unter dem Einflüsse von Jerichow. Indessen ist der Turm vor der 
Westfront zopfiger Zusatz, die rundbogigen Fenster und die desgl. Priesterthür 
an der Südseite des Altarhauses sind sämtlich verändert oder ganz vermauert, 
wie auch das vielgegliederte Putzgesims unter dem Dache neueste Zuthat ist 
Die Halbkreisapsis hat ein Plinthengesims mit einfachem Kamies gebildet (siehe 
Fig. 87), unter dem Dachsims einen Spitzbogenfries auf abwechselnd konkaven 
und konvexen Konsolen vor geputztem Hintergrunde, darüber ein deutsches 
Band ; was darüber gewesen ist, ist zerstört. Am nur ein Fenster langen Altarhause 
sind im Kranzgesims Viertel -Rundstabplättchen und Platte übereinander vorge- 
kragt, an der Nordseite des Langhauses erscheinen im Fries unter dem Dache zweimal 

18* 



276 Kreis Jerichow II. 



ein deutsches Band, jedes mit einfacher Läuferschicht darunter, und dann noch 
ein Klotzfries auf geputztem Hintergrunde untereinander; auf der Süds€*ite fohlt 

das obere deutsche Band. — Im Innern ist das Altarhaus 
mit gratigem Kreuzgewölbe bedeckt, Triumph- und Apsis- 
bogen ganz schlicht. 

Von den Glocken ist die grössere von 0,95 m Durch- 
messer 1794 von C. G. Ziegen er in Magdeburg gegossen, 
als dessen 327 te Glocke bezeichnet; die kleinere von 0,63m 



Fig. 87. Bntzer. Durchmesser, 1696 von Johann Greten in Magdeburg 

gegossen, trägt ausser den Namen des Patrons und des 
Pastors am Halse den Spruch : „Bewahre deinen Fuss wenn du zum Hause des 
Herrn gehst u. s.w." (Prediger Salom. 4 V. 17) und: „Kommt lasst uns auf den 
Berg des Herrn gehen,'' (Jesaias 2 V. 3). — Ein unbedeutender silberner Kelch 
ist 1723 von den von Treskow gestiftet. 

Cabelitz. 

[1150 Cobelitze, 1172 Kabelitz, um 1380 Kabelisse, 1420 Kubellicz.^] 
Kirchdorf, 6 km südlich von Bahnhof Schönhausen der Berlin-Lehrter Eisen- 
bahn, 5^2 l^öi nordnordöstlich von Jerichow, ursprünglich unter dem Naraen 
Marienburg (946) oder Merianburg (1150), 1337 auch einmal Mariendorff, eine 
wohl schon von Heinrich I. angelegte deutsche Burg, die 946 (als casirum, 1145 
und 1150 auch urbs genannt) zur Dotation des Bistums Havelberg bestimmt wurde, 
Hauptort des Gaus Ligcize mit 11 bis 13 zum Burgward gehörigen Ortschaften. 
Infolge des Wendenaufstandes und der langedauernden Herrschaft der heidnischen 
Wenden rauss die Burg gänzlich zerstört sein und auch ihren deutschen Namen 
verloren haben, denn bei der Widmung des Burgwards für das neu- 
gegründete Kloster Jerichow durch Bischof Anselm von Havelberg 1145 
wird sie zwar urbs quae dicitur Marienboreh genannt, aber bereits 1150 heisst 
es : Merianburg urbs quae et Cdbelitae dicitur, und in der Bestätigungsbulle des 
Papstes Adrian IV. von 1159 heisst es umgekehrt: Kobdite quae et Marienburgk 
dicitur, 1172 aber schlechtweg: Kabelitz. Das dem Kloster gewidmete Besitztum 
war ein innerhalb des alten Burgwalles gelegenes Gehöft (1159: curtem inira 
vailum antiquum sitnm; 1172 curtem intra vallum antiquum Kabelite posiiam), 
das nach diesen Urkunden dicht bei (proxime adjacentem) dem Dorfe und 
kleinen See gelegen haben muss, jedoch ist die Stelle dieses alten Burgwalls bis 
jetzt noch nicht mit Sicherheit ermittelt Der Ort blieb im Besitze des Klosters 
Jerichow und danach des Klosteramtes. 

Die Kirche, früher eigene Pfarre unter Patronat des Klosters, seit 1817 
mater conjuncta zu Gross -Mangelsdorf, fiskalischen Patronats, in der Mitte des 
Dorfes da, wo die beiden Hauptstrassen desselben im stumpfen Winkel zusammen- 
stossen, auf der Nordseite inmitten des alten Kirchhofes gelegen, ist ein kleiner 



^ Als NickDame von den Nachbarn wohl auch ,,Kabbelitz'' ausgesprochen, wie denn 
nachbarlicher Scherz die Einwohner auch durch den Vers charakterisiert: 

„Wir sind die Herren von Kabelitz 
Haben viel ttnd zahlen nichts" 



Gabel itz. 



277 




Fig. 88. Cabelitz. 



Backsteinbau im hier seltenen gotischen Stile — das Format der Steine ist 0,28 m 
Länge, 0,135 m Breite, 0,09 m Höhe. Einfaches Rechteck mit grade geschlossener 
Ostwand , welches an den Langswänden einmal abgesetzte Strebepfeiler mit Pult- 
dach , an der fensterlosen Ostwand jedoch an den Ecken und in der Mitte breite 
lisenen hat Es scheint danach, dass die Kirche ehemals überwölbt, oder we- 
nigstens so beabsichtigt gewesen ist — im Innern findet sich nämlich keine 
Spur von ehemaligen Wandvorlagen für Gewölbe oder Ansätzen der letzteren, 
dagegen in Höhe von etwa 2 m über dem Fussboden ein durchgehender Mauer- 
absatz, der auf Umbau eines älteren romanischen Kernes zu deuten scheint 
Fenster sind auf der Nord- wie auf der Südseite je vier gekuppelte und von 
einem Spitzbogen überfangene vorhanden, in den Laibungen und am Pfosten 
mit einfachen Rundstäben profiliert. An der Nordseite sind zwei Spitzbogen- 
thüren, deren östliche vermauert ist, die westliche mit 
einem geputzten Bogenfeld über einem Stichbogen für 
den Thürflügel. Zu den Laibungen ist zweimal der spät- 
gotische Profilstein (Fig. 88) zusammengestellt — Der 
Ostgiebel ist in drei Geschossen mit gekuppelten nasen- 
besetzten Spitzbogennischen (im untersten 5 niedrigere, im 
mittelsten 3 höhere Paare, im obersten ebenfalls ein höheres) 
ohne trennende Fialen gegliedert, alle sehr verdorben 
und restaurationsbedürftig. Der schmalrechteckige West- 
turm scheint älter zu sein, er hat einen mit Schräge und 
Viertelrundstab darüber gegliederten Sockel (s. Kg. 89), 
darüber lisenenartige Eckverstärkungen, deren obere 
Endigungen fehlen, da an Stelle der verwüsteten ehe- 
maligen Glockenstube ein Fachwerkaufsatz mit Schweif- 
dach, offener achteckiger Laterne mit Ballustergallerie 
und geschweiftem spitzen Zeltdache getreten ist In 

dessen Wetterfahne steht die Jahreszahl 1710 mit dem preussischen Adler 
und I. B. 

Innerhalb des geringen zopfigen Kanzelaufbaus über dem Altare ist ein kleiner, 
in der Ubermalung sehr verdorbener geschnitzter Flügelaltar erhalten: im 
Schreine die sitzende Gottesmutter, in den Flügeln zwei gekrönte weibliche Heilige, 
rechts mit Kirchenmodell, links des Attributes beraubt Das Masswerk ist sehr 
spätgotisch, die Malereien auf den Rückseiten der Flügel übertüncht — Der 
Einband der laut Eintragung 1737 gebundenen Altar -Bibel hat noch die 
mittelalterlichen Buckelbeschläge und Schliessen von Messing, freilich in sehr 
entarteten Formen. — Ein 0,19 m hoher silbervergoldeter Kelch hat auf dem 
Sechspassfusse die Kreuzgruppe als signaculum, der Ständer ist sechseckig, an 
den Stirnflächen der Zapfen des sonst mit Masswerk ornamentierten Knaufs ist 
sechsmal derselbe Heiligenkopf in Relief auf graviertem Grunde wiederholt, und 
der glatt elliptische Becher hat 0,08 m Höhe und 0,13 m Durchmesser. Das Ganze 
ist spätmittelalterlich , unter dem Fusse ist aber die Jahreszahl 1568 mit EPS 
ausser dem Ortsnamen und dem Gewicht (SlLodt 2Qutch.) eingraviert. 

Von den Glocken gehört die grössere von 1,03m Durchm. dem Mittelalter, 
vielleicht der Zeit des Kaisers Karl IV. an, denn sie hat am Halse in einer Reihe 




Fig. 89. Cabelitz. 



278 Kreis Jerichow II. 

von elf Rclicfmedallions einen Seclmpass mit dem böhmischen Lyowen, die übrigen 
zehn sind krcisrimil: Verkiindigimp, 8t»ll zu Bethlehem, Oeisseliinp, Kreuztragung 
Kreuzigung, Auferstehung, Weltgorichf, ein Engelsbrustbild, ein Ijöwenkopf und 
ein in den Kreis gespannter Dreipass mit Weinblättera in den Halbkreisen. — 
Die kleinere von 0,67 m Durchmesser hat am Halse zwischen schönen BUtt- 
ranken-Fnesen die Um.sclirift: ALLES WAS ODEM HAT LOBE DEN HERRB4 . 
HERMAN BENNINGK GOS MICH AÖ 1658 — am Körper: IN HAMBVRG. Am 
Helm ist eingeschnitten auf der einen Seite: DOROTHEE ELISABETH VON 
KATTE, auf der andern: HAT DIESE KLOCKE GEGEBEN 1661. 

Cade. 

[1420 Caden, 1500 Chade, 1562 Kahde.] 

Pfarrdorf mit Rittergut, 8 km ostsiidöstlich von Genthin, 2 km südlich von 
der Haltestelle Cader Schleuse der Berlin-Magdeburger Eisenbahn, schon 1486 



als von Plutliosches Afterlohen in Besitz der von Werder, in imserm Jahrhundert 
in bürgerliche Hände übergegangen. 

Die Kirche, unter l'atronat des Rittergutes, inmitten des Dorfes nördlich 



Cade. 279 

von der WO-Dorfstrasse im Kirchhofe gelegen, ist ein kleiner einschiffiger 
romanischer Feldsteinbau nach Schema II; von den drei Fenstern der Apsis ist 
das mittelste durch einen schweren Strebepfeiler verbaut. Der niedrige qua- 
dratische Turm vor der Westfront mit Zeltdach ist ein Neubau nach einem Ein- 
stürze von 1656, von dem die Glockeninschrifton Kunde geben. 

Auf dem Altare, dessen Körper sich nicht untersuchen Hess, steht ein kleiner 
doppelflügeliger Schnitzaltar (s. Fig. 90) dessen Umfassung gänzlich verdorben 
ist, wabrscheinlicb bei Anpassung des auswärts erworbenen Stückes für die 



Fig. 91. Cade. Altarschreiu. GemUd« der rechten Flügel, 

hiesige Kirche durch das auf dem Kelche ^'on 1593 vertretene Stifterpaar, denn 
an die Seiten des Bildes in der Staffel sind ersichtlich später in grossem 
Format die Wappen von Wcnlor und von Stuoliow aufgemalt. Im Sehrein 
stehen als bemalte Schnitzfiguren in '/a Lebensgrösse von rechts nach hnks: 
Mauritius, Katharina, Oottesmutter, Barbara, Nikolaus — Figuren von ganz, leid- 
licher Arbeit; die im Stichbogen gehaltene durchbrochene Blattornaraontierung 
des Abschlusses darüber ist zum Teil zerstört. Die Doppelflügel enthalten 
Gemälde auf Goldgrund, je zwei Einzelfiguron von Heiligen nebeneinander, die 
aber wie im Gespräche begriffen, einander zugekehrt sind; die den Ab- 
schluss über denselben bildende, unten im Halbkreisbogcn geschlossene Mass- 
werkvergitterung ist überall weggebrochen. Wenn die inneren Flügel aufgeklappt 
sind, ei'scheinen rechts Michael und Magdalena über Dorothea und Achatius (mit 



280 



KreiR Jorichoir II. 



einem (gössen Domenstocke in der Hand), links Ursula und Georg über Christoph und 
Agnes. Nach Zuklappung der inneren Flügel erscheinen nebeneinander auf der 
rechten Seite (s. Fig. 91) von rechts nach links der Täufer, Apollonia, Petrus, Paulus 
über Stephanus, Laurentius, Franciscus, Sebastian (letzterer als ein junger Patricier 
in der Schaube, ein Biindelchon Pfeile in der Hand haltend) — auf der linken 
Seite (s. Fig. 92) ebenfalls von rechts nach links: Simon, Judas Tliaddaeua, Johannes 
Evang., Magdalena über Anna selbdritt, Andreas. Hieronymus und Jacobus major. 
Die höchst charakteristischen Figuren in lebhaften Bewegungen und leuchtenden 
Farben sind ersichtlich eine frühe Arbeit aus der Werkstatt des älteren Lukas 



Cnde. AJ tan«: h rein. GeusUle der linken Flügel. 



Kr«nach, wenn nicht von seiner eigenen Hand. (leringer ist das kleine Gemälde 
der Staffel, eine Gregorsnies.se; hinter dem Papste stehen zwei Kardinäle, der 
eine mit der Mitra, der andere mit dem Kreuzstabe desselben. Der wertvolle 
Schrein ist dringend einer Wiederherstellung bedürftig. 

Vor dem Altäre hängt ein Rokoko-Krystall-Leuchter, fünfarmig mit 
schönem Behang. Unter den Abend mahlsgeräten heim Pfarrer sind zu erwähnen 
zwei silbervergoldcte Kelche, der eine 0,17 m hoch mit Sechspassfuss und 
rundem Knauf, auf dem Fusse ist die Jahreszahl 1.ÖSJ7 eingeschnitten, auf der 
Innenseite desselben aber GVNTHER VON WERDER 1593 mit dem von Werder- 



Cade. Camern. 281 



sehen und von Stechowschen Wappen eingraviert. Der andere ven 0,142 m 
Höhe hat an den sechs Zapfen des Knaufes sechsblättrige Rosen, am runden 
Ständer darüber iiC Wtril darunter %$t |rf|P in sehr verzogenen spätgotischen 
Minuskeln; der runde Fuss scheint nicht ursprünglich dazu gehört zu haben. 

Von den Glocken hat die grösste 0,97 m Durchmesser, unten am 
Rande sind grosse Stücke auvsgebrochen , oben am Halse stehen zwei Reihen In- 
schrift : a) IM lARE FVNFZIG SECHS DIE GLOCKEN SIND ZERFALLEN . 1656 
DEN 9 JVLIVS b) IM EILFTEN lAR HERNACH GOTLOB SIE WIEDER SCHALLEN 
I SEPTEMBER 1667, dazu der Name des dichtenden Pastors (siehe nachher). Am 
Körper unterhalb dos Anfangs der Zeilen eine gekrönte, mit Lorbeerblättern ein- 
gefasste trapezförmige Tafel mit den Namen der Patronatsfamilie, schliessend mit 
ANNO 1667 ; gegenüber lOACHIM lANKEN ME FVDIT. — Die mittlere von 0,70 m 
Durchm. hat am Halse drei Reihen mit den Namen der Patronatsfamilie u. s. w. 
schliessend mit ME FVDIT HANS ERNST. Auf dem Körper die Verse : 

ZVSCHMETTERT WARD ICH GANTZ 
VOM KIRCHEN TVRMES FALL 
NVN KLINGT ZV GOTTES EHR 
VON NEV MEIN LAVT VND SACHL (statt Schall) 
IM OCTOBER lOHAN SCHONBECK (das ist der Pfarrer) ANNO MDCLXVII . 

Die dritte hängt unerreichbar. 

Camern. 

[1322 Karaeren und Cammern, 1332 das Hiis zu der Camere, 1420 zur 
Karaer oder Camere by Sandow, 1477 die Kammer, 1562 Cammer.] 

Pfarrdorf mit Rittergut, 6 km südöstlich von Sandau am Ostufer des Camem- 
schen Sees und am nördlichen Fusse der Camernschen Berge ganz malerisch 
gelegen. Das „Haus," als Mittelpunkt dse „Landes zur Kammer," immer mit 
Sandau zusammengehörig, kam im Vertrage von Treuenbrietzen 1354 definitiv 
an das Erzstift; 1497 in Besitz eines von Möllendorf, später längere Zeit der von 
Retzdorf, schon zu Gundlings Zeit und noch jetzt in dem der von Katte auf 
Hohencamern — die Gebäude des Rittergutes sind neuerdings abgebrochen. 

Die Kirche, unter Patronat der Gutsherrschaft, im westlichen Teile des 
Dorfes an der Südseite der WO -Strasse gelegen, ist eigentlich ein einschiffiger 
romanischer Backsteinbau nach Schema II mit Eingangsthür an der Nordseite 
des Altarhauses, der aber nur bis zur Höhe von etwa 2V2ni über dem Erdboden 
erhalten ist; der ganze Oberbau gehört der Barockzeit an — in der Wetterfahne 
des Fachwerktürmchens die Jahreszahl 1702. 

Der Altar-Kanzelaufbau mit Seitenthüren für den Umgang der 
Kommunikanten ist durch Inschrift auf den 5. Juni 1725 datiert. Zwischen zwei 
grossen korinthischen Säulen tritt das Polygon heraus, w^olches statt der Eck- 
säulen barockes Guirlandenwerk und Engelsköpfe unter dem Sims, auf den 5 
Flächen aber Christus und die vier Evangelisten in schlechter Ölmalerei trägt. 
Über dem Schalldeckel bildet das durchbrochene Laubomament eine grosse 
Krone. Die ein grosses Dreieck bildenden durchbrochenen Flügelstücke nach 
den SeitenÜiüren herunter sind ehemals vergoldet gewesen. 

Die grössere Glocke von 1,10 m Durchm. hat oben unter einem geringen 



282 Kreis Jerichow IL 



LiUenbhimenfries drei Zeilen Inschrift: 1. SOLI DEO QLORIA 1612 2. die Namen 
des Amtmanns, Pastors u. s. w. 3. M. PHILIP LEQGEKOW . H . A . D . I . A . 
M . lAKOB . KNVPPEL . Der erstere der beiden ausgeschriebenen Namen ist 
der des Giessers. Darunter ein Kranz von Reliefs, vier rund — davon zwei 
mit der Kreuzgruppe — dazwischen grössere viereckige, deren Darstellungen 
nicht erkennbar sind. — Die kleinere Glocke, ohne Inschrift, hängt unerreichbar. 

CaroAA^.* 

[1193 und weiter Kare, 1459 Carov, 1500 Chare, 1562 Kara.] 

Pfarrdorf mit Rittergut, lOS'j km südöstlich von Genthin, 6 km südlich von 
der Haltestelle Cader Schleusse der Berlin-Magdeburger Eisenbahn, wäre nach Graf 
von Wartensleben früher eine Besitzung des Klosters Jerichow gewesen, davon 
erhellt aber aus dem Urkundenmateriale des Klosters nichts. Nach von Alvens- 
leben war es früher den von Werder gehörig, 1455 an die von Bardeleben 
gekommen und 1574 von Joachim von Byem erworben. Für den Aussterbefali 
dieser Familie 1647 dem Magdeburges Domkapitel verschrieben, wurde es jedoch 
beim Eintritt dieses Falls 1686 an den nachherigen Minister Joachim Ernst von 
Grumbkow verliehen. Von dessen Nachkommen 1708 an den Obermarschali 
Freiherm Marquard Ludwig von Printzen verkauft, kam es durch Heirat bezw. 
Erbgang 1774 — 1793 an die Grafen von Wartensiebon. 

Die Kirche, deren Patronat nach Graf von Wartensleben früher dem Amte 
Jerichow gehört hätte, nach den Visitationsprotokollen von 1562 aber dem Er/- 
bischof direkt eignete und 1708 als königliches Geschenk an den Obermarschall 
von Printzen kam, liegt im südlicheren Teile dos weitverzweigten Dorfes, östlich 
der Dorfstrasse, inmitten des ehemaligen Kirchhofes ein wenig auf einer Anhöhe 
und ist ein stattlicher Barock-Putzbau mit Pilastern, Kreuzflügeln, die mit einem 
konkaven Kreis -Segment nur wenig ausladen und mit geradem Ostschlusse von 
1703. Bei Übernahme des Gutes durch den von Grumbkow 1686 hatte sie einen 
zur Hälfte eingefallenen Turm und war von Fachwerk. Nach Graf von Wartens- 
leben wäre der Neubau erst von dem von Printzen nach 1708 hergestellt Dem 
widerspricht die inschriftliche, auch durch das Kirchenbuch bestätigte Jahreszahl 
1703; jedoch verdankt nebst der inneren Einrichtung der innerhalb der West- 
front stehende Turm, der von 1711 datiert ist, seine Entstehung erst der von 
PrintÄonschen Herrschaft. Er hat über einem Mansardendache eine viereckige 
Holzlateme mit geschweiftem Zeltdache und obeliskenartiger Spitze. 

Der Kanzelaufbau hinter dem Altare und das grosse herrschaftliche 
Gestühl vor demselben an der Südseite, beide mit Vasen gekrönt, sind sehr 
stattliche Barock kompositioncn, jetzt mit sehr dunkelbrauner Ölfarbe — - wohl 
kaum ursprünglich — gestrichen , ohne Wappen und Inschriften. Nur vor der 
Bogenkrönung der mittleren Abteilung des Gestühls befindet sich ein gekrönter 
Schild mit einer Eule — dem von Printzenschen Wappen — vor welchem in Holz 
nachgeahmt die Kette des schwarzen Adlerordens herabhängt. 

Im südlichen Vorbau stehen zwei einander sehr ähnliche Relief Grabsteine 
der letzten Besitzer aus dem von Byernschen Hause, des Melchior Heinrich, gest 



* Vrgl . Grf. vonWartenslebeiij Nachrichten von dem Geschlechte der Grafen von 
Wnrtcnslebeii (1858). Bd.I S. 106-1 U. 



Carow. 283 

1670 den 25. Mai im Alter von 75 Jahren, und seines Sohnes Daniel, gest. 1686 
den 9. Dezember. Auf beiden ist der Vei'storbene barhäuptig im Panzer dar- 
gestellt, die linke Hand am Schwert, die rechte auf einen Stock gestützt, links 
vor den Füssen der Helm, in den Ecken die vier Ahnenwappen. 

Von den Glocken ist die grosseste von 1,015 m Durchm. gänzlich ohne 
Zierat und Inschriften. — Die zweite von 0,98 m Durchmesser hat oben einen 
Fries von kleinen aufrecht stehenden entarteten Lilienblumen. Darunter drei 
Reihen Umschrift von sehr böser Orthographie: 1. (Engelskopf) QVO. MAQE. 
PVLSOR. ED. MELNS. PLEBS. CVRRIT. AD. AEDES. (Rose) SACRAS. CONCE- 
LEBRAT. MEOQ. VOCA 2. NTE. DEVM: CONFECTVM. EST. HOC. OPVS. PA- 
STORE CASPARO. BRVNONE. SVB. NOBILIBVS: 3. (Engelskopf) MELCHIORE 
ED. MARDINO: A: BIEREN (Rose) FRATRIBVS (Stern) ANNO. IM. lAR (Rose) 
1583. Darunter ein aus je zu zwei gegeneinander gekehrten Seepferden gebil- 
deter Fries. Am Körper auf der einen Seite ein grosses Relief der Kreuzgruppe 
mit Sonne und Mond über den Armen des Kreuzes, auf der anderen ein St. 
Georg. Am Schlag die Umschrift: (3 Engelsköpfe) ICH . BIN . IN . GOTTES . 
NAMEN . DVROHS . FEVHER . GEFLOSSEN . HANS . OLEMAN . VON . MAGDE- 
BVRCH . HAT . MICH . GEGOSSEN (Engelskopf) IHM . lAR . NACH . CHRISTI . 
GEBVRTH . ANNO 1583. — Die dritte von 0,59 m Durchm. hängt in der Laterne 
und hat am Halse zwischen einem Ranken- (oben) und einem Akanthusblatt- 
(unten) Fries die Umschrift: VERBVM DOMINI MANET IN ETERNVM. Am 
Körper folgende 5 Reihen: 

QVINGENTOS TRIGINTA DVDS PVLSATA PER ANNOS 

FRANGOR SED MELIVS ME TIBI SISTO TRIAS 

FRACTA D . I . lAN . FVSA D.I. APRIL . ANNO 1703. 

DN . FRIEDER . WILHELM DE GRVMBKOW NOBI. 

CHRISTOPH . WAGNER . PASTOR. 

Am Schlag: GOOS MICH OTTO ELERS IN BERLIN. Danach müsste die 
alte Glocke irgend eine Inschrift getragen haben, welche sie auf 1171 datiert 
hätte und sie der ausserordentlich geringen Zahl datierter Glocken aus dem 
XII. Jalirhundert [s. Otto, Glockenkunde^ S. 158J anreihen würde. Der Friedr. 
Wilh. von Grumbkow ist der bekannte Günstling des Königs Friedrich Wilhelms I., 
der seit 1690 Besitzer von Carow war und wohl den Bau der Kirche veranlasst 
hat, ehe er 1703 das Gut an seinen Bruder Friedr. Ludwig abtrat. 

Das Schloss^ am Südende des Dorfes, erbaut von dem Obermarschall von 
Printzen bald nach seinem Besitzantritt, aber vielfältig modernisiert, ist ein ziem- 
lich einfach auftretender zweigeschossiger Herrensitz der Barockzeit in Hufeisen- 
forni. Aus dem Hauptgebäude springt ein Mittelrisalit, mit vier korinthischen 
Pilastern im Obergeschosse dekoriert, darüber noch ein kleines Attikageschoss und 
dahinter auf dem Dache eine achteckige offene Säulen-Laterne sich erhebt, in 
den Ehrenhof hinein, (s. Fig. 93.) Von den beiden den Hof einschliessenden Seiten- 
flügeln zweigen sich seitlich weitere Wirtschaftsgebäude ab. Auf Veranden und 
Portalbauten stehen noch zahlreiche Putten, Vasen, auch zwei geharnischte Krieger 
in Sandstein als Reste einer früheren reicheren, aber künstlerisch nicht bedeutenden 



' Ansicht von der Parkseite in Farbendruck bei Duncker, Bd.I. Nr. 1. 



i 



284 



Kreis Jerichow II. 



Ausschmückung von Schloss luid Park umber. Das Innere des Schlosses 
beherbergt zahlreiche FamüienbÜdcr und eine Rüstkammer. 

In der Mitte des Ehrenhofes ist ein etwa 5ni hoher GranitobeÜHk mit den 
brcinzonen Medaillonbildnissen der letzten vier Könige von Preussen aufgestellt, 
das 1889 dem Grafen Hermann von W. als kommandierendem General des 
HI. Armeecorps von dessen Offiziercorps errichtet worden ist. 

Die dein Elirenhofe gegenüberliegenden Brennerei- und Treibhaus-Gebäude 
sollen zum Teil auf Substruktionen des alten, noch in das Mittelalter zurück- 
reichenden Schlosses stehen. 

Ein südlich von der Kirche, zwischen dem Kirchhofe «nd dem iSehlossparke 



F^.93. Carow. Schlou. Blick in den EhrenhoF. 



belegener alter Bnrg^vall von elliptischer Gestalt, beträchtlichem Umfang und bedeu- 
tender Höhe ist am Ende des vorigen Jahrhunderts zum Ruheplatz der Gräfl. 
von Wartenslebenschen Familie umgeschaffen. In die innere Wandung des 
hohen Walles sind hier und da Mausoleen, ohne künstlerische Bedeutung ihrer 
Fagaden, hineingebaut; ausserdem führen in dem bewegten Terrain zwischen dem 
herrliehen Bestand mächtiger alter Laubbäume Parkwege auf und ab, neben 
denen regellos zerstreut die Grabdenkmäler und Hügel, alle in sehr einfacher 
Erscheinung, nmherstohen — eine Stätte von überaus feierlicher und poetischer 
Stimmung. 

Crüssau, 

[Auch Grüssau und Krüssau geschrieben, um 1380 Krossow, Krussau, 142U 
Crusse. 1-159 Crüssov, 1500 Crussow, 1562 Crüssaw.] 



Carow. Orüssaa. 285 



Pfarrdorf mit Rittergut, 14 km östlich von Burg, 16 km südsüdwestlich von 
Genthin, früher erzbischöfliches Tafelgiit, nach mancherlei Besitzvrechsel 1809 
von Lippold von Arnim erworben, mit welchem diese Ukermärkische Familie 
in das Erzstift gekommen ist; in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts 
an die Grafen von der Schulenburg tibergegangen, in deren Besitz es noch 
jetzt ist. 

Die im westlichen Teile des Dorfes, südlich von der westöstlichen der beiden 
beinahe im rechten Winkel zusammenstossenden Hauptstrassen desselben, in- 
mitten des Kirchhofes gelegene Kirche, unter Patronat der Gutsherrschaft, ist 
ein merkwürdiger geputzter Ziegelbau der Barockzeit, von dem Legationsrat 
Michael Christoph von Arnim, wie die Inschrift neben der Thür an der Nordseite 
sagt, 1713 „von Grund aus neu gebaut/' Es ist ein im Osten grade geschlossenes 
Rechteck mit toskanischer Pilasterdekoration, auch an dem innerhalb der West- 
front stehenden Turme. Jedoch sind die Fenster schlank spitzbogig, und das 
Innere ist mit drei Joch Kreuzgewölben in hohl profilierten Rippen (mit vier- 
blättrigen Rosen in den runden Schlusssteinen), auf starcken rechteckigen Wand- 
vorlagen mit vielgegliedertem Kapital, zwischen massigen Schildbögen an den 
Wänden und starken, einfaph rechteckigen Gurtbögen bedeckt — alles weiss 
getüncht. 

Die Kanzel, laut Inschrift 1723 errichtet, hauptsächlich in Weiss, Blau und 
Grau staffiert, hat schwei-es, geschnitztes Blattomament in Barockformen auf den 
Ecken, auch auf den Polygonflächen in gold auf rotem Grunde. An derselben 
ein drehbarer Leuchter in durchbrochener Schmiedearbeit. 

Jünger ist der Altaraufbau in blühendsten Rococo-Formen , laut Inschrift 
an der Hinterseite 1758 von Johann Gottlieb Bossmann, „Zerbster Hof- 
Bildhauer," und Johann Christian Hole, „Zerbster Hofmaler," ausgeführt. Der 
letztere hat hoffentlich nur die Staffierung in Weiss und Gold geleistet und 
nicht auch die mehr als stümperhaften Figurenmalereien (die Kreuzgruppe, 
darunter kleiner die Einsetzung des h. Abendmahls) zu verantworten. 

Das ganze Kirchengestühl ist, ähnlich wie ehemals in Gloine (siehe 
S.87), aber nicht ganz so geschmackvoll, auf grau marmoriertem Grunde bemalt, 
laut Inschrift im Jahre 1732. 

Der Taufstein mit vasenförmigem Becken und viereckigem Ständer scheint 
derselben Zeit anzugehören. Oben auf dem Rande die eingegrabene Inschrift: 
FECIT POENICKE IN LAVCHA. 

Innen neben der nördlichen Thür zur Linken beim Eintritt steht der Relief- 
Grabstein des LIPPVLT VON ARNIM, gest. im April loi^5 „IN DEN HEILIGEN 
OSTERN" — also wohl der anfangs erwähnte, ein schmächtiger Geharnischter, 
barhaupt, mit kurzem Vollbart innerhalb eines Versuches einer architektonischen 
Umgebung in Renaissanceformen. Das stark erhabene Relief ist zwar nur Hand- 
werksarbeit, aber sehr sorgfältig ausgeführt und dabei wohl erhalten. 

Ein anspruchsvolles Schaustück ist dagegen das an der Schlusswand hinter 
dem Altare dem am 24. April 1721 gestorbenen Erbauer der Kirche von seiner 
binterbliebenen Gattin Johanna Hedwig von Guericke (geboren zu Hamburg 
11. Oktober 1666 als Tochter des „Königlich Preussischen Geheimen Rats und 
Residenten im Niedersächsischen Kreise Otto von Guericke," des Sohnes des 



286 Kreis Jerichow II. 



Magdeburger Bürgermeisters, gest. 9. Juli 1743)^ errichtete grosse Sandstein erne 
Wandepitaph, ein schwerer, in dem sich etwas breit machenden, gross 
geschwungenen Rankenornament an die Weise der gleichzeitigen Architekturen 
in Magdeburg erinnernder, aber in der handwerklichen Technik vorzüglicher 
Barockaufbau. Über einem Unterbau, von dem die Grabschrifttafeln der beiden 
Eheleute steif vorhangmässig herabhängen, sitzt in der Mitte ein sehr hochbusiger 
weiblicher Engel mit sehr ungeschickt gekreuzter Beinstellung, welcher mit der 
steif ausgestreckten Rechten, Aufmerksamkeit heischend, auf die im pathetischstem 
Bombast von der Gattin angefertigte Grabschrift des Gatten deutet. Darüber von 
mächtigen Barockranken umgeben die ovalen Schilde mit den auf Kupfer 
gemalten, sehr verwaschenen und verstaubten Brustbildern des Ehepaars, über 
welchen oben ein geflügelter Genius mit ausgebreiteten Armen je einen Lorbeer- 
kranz hält. Zu den Seiten die Rundfiguren des Glaubens mit Kreuz und der 
Hoffnung mit Anker. Darüber dann die Wappen und ganz oben zwischen zwei 
Engeln, welche auf einen Drachen bezw. auf einen Adler treten, ein hässlicher 
Saturn mit Sense und Sanduhr, wie denn überhaupt das Kgürliche der schwächere 
Teil an dem Werke ist. 

Die Glocken sind Umgüsse von W. Engelcke 1841 und Gebr. Ulrich 1871. 

Unter den vasa sacra ist ein ärmlicher und hässlicher silberner Kelch, der 
aber noch den Sechspassfuss und am knaufe 5 verkrüppelte Zapfen mit den 
Buchstaben tesvs hat, zu erwähnen, weil er nach eingravierten Wappen und 
Initialen — auf der dazu gehörigen Patene sind diese ausgeschrieben — Stiftung 
eines Michael Picke und der Emerentia Woldeck von Arnsburgk ist Der erstere, 
dessen Wappen als ein redendes drei mit den Schaftenden unten zusammengestellte, 
radial auseinandergehende Piken zeigt, soll ein schwedischer General -Adjutant 
gewesen und nach dem dreissigjährigen Kriege hier — in welcher Eigenschaft, 
ist nicht überliefert — hängen geblieben sein, auch nach Brandenstein eine, 
jetzt am dortigen Waschhause hängende, Glocke gestiftet haben. — Eine ovale 
silbervergoldete Oblaten Schachtel ist nach Wappen und Inschrift Stiftung 
der vorher genannten von Arnim geb. von Guericke von 1712. 

Derben. 

[Gegen Ende des XIY. Jahrhunderts Derwen, Derwin und Deruen.j 
Pfarrdorf mit Königl. Domänenamt an der alten Elbe, 11 km westlich von 
Genthin, 1562 im Besitze der von Kage. 

Die Kirche, unter Patronat der von Plotho auf Parey, liegt am SW-Ende 
des Dorfes, nördlich von der NO-SW-Dorfstrasse, und ist ein hässlicher Kasten 
aus Feldstein und Ziegeln gemischt in Formen des Zopfes; westlich ein Fach- 
werkturm, dessen Glocken Neugüsse von Ulrich in Apolda aus den Jahren 1871 
und 1885 sind. Im Innern ist die flache Decke mit einfachem Rahmenwerk in 
Stuck gefällig geziert. — Auf dem Altar ein nicht übles noch spätmittelalterliches 
Holzkruzifix mit Kleeblattendigungen der Arme und neubemaltem, ausdrucks- 
vollem corpus. Dasselbe soll aus dem Dom oder der Liebfrauenkirche zu Hailber- 

* Vrgl. M. D., Otto von Guericke's Nachkommen, im Beibl. der Magd. Zeitung 1895 
Nr. 46 S. 862 f » wo auch der Wortlaut der langen Inschrift mitgeteilt ist. 



CrQssau. Derben. Dretzel. 287 



Stadt stammen und nach den Befreiungskriegen durch eine pia fraus hierher 
gebracht sein. — Ein mit der Inschrift Derben 1614 versehener silbervergoldeter 
Kelch hat noch die gotische Sechspass- und Zapfenforni. 

Dretzel. 

[973 Drenzile, 1011 Driezele, 1345 Dretzle, 1^59 Dirzele, um 1383 Drezel 
und Drezzil, 1420 Driczel, 150J Drytzell, 1562 Dreitzel; von Alvensleben schreibt 
Tretzell.] 

Kirchdorf mit Rittergut am Südrande des Piner, IÜV2 tm südlich von Gen- 
thin, einer der ältesten kaiserlichen Burgwarde des Morzanergaus, unter Erz- 
bischof Dagano als Geschenk Kaiser Heinrichs II. an das Ei'zstift gelangt, 1376 
und später im Besitze der von Kracht, 1481 der von Byern, danach an die von 
Arnim, 1618 an die von Angern gelangt bis 1790, wo es durch Heirat an von 
Stilke und 1835 durch Erbschaft an die von Ostau überging, in deren Besitze 
es noch jetzt ist. 

Die Kirche, Rlial zu Gladau, unter Patronat der Gutsherrschaft, ist im 
westlichen Teile des Dorfes nördlich der OW-Dorfstrasse in dem unmittelbar an 
den Schlosspark stossenden Kirchhofe gelegen, dessen Mauer noch einen alten 
Thorbau in Feldstein mit Spitzbogeneinfahrt besitzt. Sie ist ursprünglich ein 
einschiffiger romanischer Feldsteinbau nach Schema 11 gewesen mit recht nie- 
driger Apsis. In gotischer Zeit hat man die alten Schiffsmauem mit einem 
grosseren östlichen und einem kleineren westlichen Bogen unter Stehenbleiben 
ganz schlichter Pfeiler durchbrochen und unter Aufführung neuer Feldstein- 
mauem mit schmalen Spitzbogenfenstern eine droischiffige Anlage darausgemacht, 
wobei an der Südseite das alte romanische Bundbogenportal wieder zur Ver- 
wendung gekommen ist. Später, wohl in der durch die Jahreszahl 1736 in der 
Wetterfahne des Turmes bezeichneten Zeit, hat man die Mauern des Altarhauses 
ganz weggebrochen und in der Flucht der neuen Schiffsrnauern in Backstein 
neu aufgeführt um beiderseits eine T^oge, südlich für die Herrschaft über einer 
jetzt unzugänglichen tonnengewölbten Familiengruft, nördlich für die Dienerschaft 
über der Sakristei zu schaffen. — An die im oberen Teile roh veränderte West- 
mauer lehnt ein Fachwerkturm, dessen zwei Glocken Neugüsse von Gebrüder 
Ulrich in Apolda von 1871 sind. 

Das Innere ist dick getüncht und in unschöner Verfassung — ein Reinigungs- 
und Erweiterungsbau steht in Aussicht. — Der Altar auf bau ist ein sehr häss- 
liches, neuerdings von einem Dorfkünstler noch hässlicher bemaltes Produkt, an 
ihm die Wappen von Angern mit L. H. B. V. A. und von Krosigk mit C. D. V. K. 
— Dagegen ist der ungewöhnlich grosse hölzerne Taufen gel ein leidlich ge- 
schmackvolles und in der Bemalung ebenso erneuertes Beispiel seiner Sippe. — 
In der Sakristei der Unterbau eines Kachelofens vom Ende des X VI. Jahr- 
hunderts mit figurierten grünglasierten Reliefkacheln, die in der unteren Reihe 
jedesmal einen innerhalb einer architektonischen Umrahmung nach links spren- 
genden Ritter in Federbarett enthalten, die der oberen Reihe sind grösser und 
zeigen Pruchtstücke in sehr erhabenem Relief. — In der herrschaftlichen Loge 
über der Gruft befindet sich eine nicht mehr benutzte Kaminanlage mit 
Rokoko - Dekoration. 



288 Kreis Jerichow II. 



Zwei sehr verstümmelte Reste zerschlagener Relief-Grabsteine — Oberteil 
eines Ritters und Unterteil einer Frau , deren Namen nicht mehr mit Sicherheit 
festzustellen sind, liegen in dem Räume neben dem Turme. 

Das Schi OS s liegt auf dem Platze der ehemaligen Burg — mancherlei auf 
die letztere bezügliche Ausgrabungsergebnisse bei dem Besitzer — und ist nach 
einem durch die Franzosen 18ü6 verursachten Brande in den Jahren 1807 bis 
1810 neu erbaut, ein ziemlich einfaches zweigeschossiges Herrschaftshaus von 
15 Fenstern Länge, das aus der Flucht nur wenig hervortretende Mittelstüct 
durch sechs ionische Pilaster ausgezeichnet.^ — Im Schlosse werden die Abend- 
mahlsgeräte der Kirche aufbewahrt darunter ein silbervergoldeter Kelch von 
0,21m Höhe noch mit sechsteiligem gotischen Zapfenknauf und Seclispassfuss; 
auf dem letzteren das von Angernsche und von Amimsche Wappen mit der Zahl 
1655, ausserdem das von Ostausche mit 1792. Die runde silberne Oblaten- 
schachtel hat auf dem Deckel ein Fruchtbouquet in getriebener Arbeit, an den 
Seiten Arabesken; Höhe 0,04, Durchmesser 0,105 m. 

Ferchland. 

[1305 Verchlande, um 1368 auch Verlant, 1400 Ferglande, 1563 Yerchlandt] 
Pfarrdorf mit Königl. Domänenamt an der Elbe, 11 km westlich von Genthin, 
6V2 tßi südlich von Jerichow, schon 1435 im Besitze der von Redekin und von 
Clöden, die in der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts ausgestorben sind, 
nachher mit Derben an die von Lochow gekommen; 1550 hatten auch die von 
Randau darin Besitz, mit welchen die Stadt Magdeburg wegen Räubereien 
Fehde hatte. 

Die Kirche, fiskalischen Patronats, im NO -Teile des Dorfes inmitten des 
Kirchhofes gelegen, ist ein kreuzförmiger Fachwerkbau mit Fachwerkturm auf 
steinernem Untergeschoss im Westen, 1729 erbaut, nachdem die Gefährdungen 
durch die Hochflut der Elbe die Verlegung der früheren Kirche notwendig ge- 
macht hatten. Dabei sind die alten Glocken auf den neuen Turm gebracht 
Die grösste von 1,075 m Durchmesser hat am Halse die Minuskelumschrift: 
+ + rrf giorie npt orni cm fütt. Am Körper ein durch Einrit^ung in den 
Mantel der Form modelliertes, ziemlich grosses, nach links laufendes Einhorn. — 
Die zweite von 0,55 m Durchmesser ist ohne Bild und Schrift, aber der Form 
nach sehr alt. — Die dritte von 0,48 m Durchmesser hat am Halse zwischen 
zwei Reifenpaaren zwei kleine Rundmedaillons, das eine erkennbar mit dem 
Symbol des Matthaeus. 

Fischbeck. 

[1227 Vichbeke, Vichbach, 1420 Fyschebeke und Vischbeke.] 
Kirchdorf an der alten Elbe gegenüber Tangermünde, 5 km nördlich von 
Jericliow, 6 km südlich von Bahnhof Schönhausen. Ob das Visica, in andrer 
Schreibart Sivica, welches nach dem Zeugnis des Erzbischofs Wichmann von 
1172 von dem Havelberger Bischof Walo (1155-1176) zu der Schenkung des 
Burgwards Cabelitz für das Kloster Jerichow durch seinen Vorgänger Anselra 
hinzugefügt war, mit Fischbeck identisch ist, muss fraglich erscheinen, da F. 
später immer mit Schönhausen und Palstorf zusammen als zu Cabelitz gehörig 

^ Ansicht bei Duncker, Bd. I No. 12. 



Ferchland. Fischbeck. 289 



erscheint, daher wahrscheinlicher gleich jenen eins von den beim Burgward 
Cabelitz genannten wendischen Dörfern ist , welche infolge der deutschen Koloni- 
sation ihren wendischen Namen mit einem deutschen vertauschten, so dass es 
sich empfiehlt, das Visica anderswo zu suchen. Wie dem aber sei, in den Be- 
sitz des Klosters kann Fischbeck nicht gekommen sein, da es sich mit den 
beiden genannten später immer in dem des Havelberger Bischofs befand, 
was 1337 ausdrücklich anerkannt wurde. 1377 verzichtete Erzbischof Peter von 
Magdeburg auch ausdrücklich auf das den Vögten oder Hauptleuten von Schloss 
Jerichow zustehende Schutzgeld nebst Gerichtsbarkeit über Rchönhausen und 
Fischbeck, jedoch löste erst Bischof Konrad von Havelberg 1437 diese Gerecht- 
same durch Zahlung eines Kapitals von 1100 Rh. Gulden definitiv ab. Später er- 
scheint F. mehrfach, z.B. 1490 und 1533, als Ort der Zusammenkunft für Ver- 
handlungen über Streitfragen zwischem dem Erzstift und der Mark. 1562 jedoch 
wurde es mit Schönhausen durch den Kurprinzen Johann Georg gegen Abtretung 
von Burgstail an die von Bismark überlassen, welche auf ihrem Verbleib 
bei der Altroark bestanden, so dass seitdem diese Ortschaften eine altmärkische 
Enklave im Erzstiftischen Gebiete bildeten, infolge wovon auch die Kirche, 
welche früher ein Filial von Cabelitz gewesen war und so auch noch bei der 
ersten Visitation 1563 mit visitiert worden ist, Filial zu Schönhausen wurde, und 
ihr Patronat an die von Bismark überging. 

Die Kirche^ liegt in der Mitte des Dorfes, östlich der Hauptstrasse im 
Kirchhofe. Sie ist ursprünglich ein einschiffiger romanischer Backsteinbau nach 
Schema I mit Haupteingang durch den Westturm. Erhalten ist davon das Schiff, 
dessen Fries unter dem Dache aus Zahnschnitt und Klötzchenreihe, beide durch 
eine Läuferschicht getrennt, besteht, und das an seiner Südseite eine kleine, halb 
vermauerte Nebenthür im Rundbogen besitzt. Am Turm besteht der Sockel aus 
zwei Schrägen, die durch zwei gewöhnliche Schichten getrennt sind; in der 
Höhe der Schiffsmauem umzieht ihn ein einfacher Konsolenfries, über der 
Glockenstube mit nach W. und 0. je drei, nach S. und N. je zwei Schallöffnungen 
ein einfacher Zahnschnitt. Die Giebeldreiecke für das Satteldach sind in Fach- 
werk erneuert Das Westportal liegt in einer oblongen Mauervorlage und ist vier- 
mal ausgeeckt ohne Ecksäulen, der innerste Bogen ist rund, die drei äusseren 
sind spitzbogig. — Altarhaus und Chor haben einen gotischen Umbau erfahren 
und zwar nicht, wie angegeben wird, in Granit, sondern in einem Gemisch von 
Gommemschen Bruchsteinen und Ziegeln. Von Backstein sind die Strebepfeiler, 
welche über einem Viertelrundstab einmal zurückspringen und mit eben solchem 
unter dem Pultdache endigen, aus welchem eine einen halben Stein breite recht- 
eckige Fiale, jetzt grösstenteils zerstört, in die Höhe gegangen ist. Die Orna- 
mente des Frieses untet dem Dachgesims, für welche der Baum ausgespart ist, 
sind nicht eingesetzt. Dieser, übrigens sehr niedrige Bau ist also auf Wölbung 
berechnet gewesen, und zwar auf 1 + ^/s oder 2 + ^/6, wie auch im Innern 
die Schildbögen an den Wänden beweisen. Ob die Wölbung jemals ausgeführt 
worden ist, erscheint fraglich, da in der flachen Decke sich noch ein mit spät- 



» Vrgl. Essen wein, Backsteinbau S. 17 nnd Taf.I Fig. 2. — Adler, I ö. 44. — Da- 
nach Lotz I S. 207; alle sehr der Berichtigung bedürftig. 

19 



Die Krabe Jerlehow. 



290 Kreis Jerichow II. 



gotischem, ganz flachem Hankenornament geschnitzter fialken befindet^ jetzt gelb- 
grau angestrichen. Die Fenster, welche Adler als ,,sehr gewöhnliche Spitzbogen- 
fenster^' bezeichnet, sind offenbar erst nachträglich verdorben, vielleicht erst bei 
einer Erneuerung, welche durch die Jahreszahl 1780 in der Wetterfahne 
bezeichnet sein, und welcher auch die hässliche Kanzel und die Bemalung der 
Orgelempore angehören mag. 

Die Mensa des Altars ist ein ehemaliger Grabstein, welcher die ein- 
gegrabenen Umrissfiguren eines betenden Ehepaares in bürgerlicher Kleidung 
ohne architektonische Umrahmung enthält Die Umschrift lautet: + ÄSIKO . 

DOflimi . maoL ii xxxvn ■ i . Dia . Lvaia • . kör . lAn . d« - sa 

II RQLLa - ^ . VXOR . SV II Ä . fllARGIiÄRQTÄ • ORÄTB - PRO . EOS . 
RSi. Das Anfangskreuz ist gleich als Weihekreuz benutzt, die übrigen drei sind 
nachträglich in den Ecken eingehauen ohne Bücksicht auf die Schrift, die 
Beliquiengruft oben in der Mitte mit Zerstörung der betreffenden Teile der 
Zeichnung des Ehepaares. Der gotische Umbau des Chors, bei welchem diese 
Grabplatte von 1287 so verwendet werden konnte, wird denn in sehr spät mittel- 
alterliche Zeit zu setzen sein. 

Auf der Mensa steht ein kleiner zweiflügeliger Schnitzschrein. Derselbe 
enthält die stehende Oottesmutter zwischen einer gekrönten weiblichen Heiligen 
mit Kirchenmodell rechts und einem Bischof ohne Attribut links, in den Eltigeln 
rechts Magdalena und Katharina, links Margareta und Barbara, sämtlich gekrönt, 
alle in ^/g Lebensgrösse in sehr ausgeknickter Haltung, aber sonst nicht übel, 
gegenwärtig in Weiss mit Gold übermalt, wie auch das ganz hübsche Masswerks- 
Ornament. Oben auf dem Schreine steht ein kleines sehr verschmiertes Kruzifix 
mit quadratischen Ausladungen der Kreuzarme, auf denen sich wohl ehemals die 
Evangelistensymbole in Relief befunden haben. Die Malereien der Rückseiten 
der Flügel sind übertüncht. 

Hinter dem Altare an der Wand stehen zwei Spontons, von der Orts- 
überlieferung der Schwedenzeit zugeselirieben, indessen enthält das eine in seiner 
Spitze beiderseits in Goldätzung das Monogramm des Königs Friedr. Wilh. L, 
das andere aber eingeschnitten die Bezeichnung „Begiment Printe Leopold*^ 

Die Glocken sind Neugüsse von Ulrich von 1880. 

Garz. 

[Gegen 140() Garcz auch Garntz, 1475 Gartze.] 

Kirchdorf an der Havel, 13 km ostsüdöstlich von Sandau, früher zum Amte 
Sandau gehörig,^ 

Die Kirche, Filial zu Kuhlhausen fiskalischen Patronats, nordöstlich in- 
mitten des etwas verworren gebauten Dorfes dicht an der Havel gelegen, ist ein 
merkwürdiger achteckiger Fachwerkbau mit achteckigem Zeltdache, aus dem sieb 
eine achteckige Laterne mit der Zahl 1688 in der Wetterfahne, welche die Voll- 
endung des gegenwärtigen Baues bezeichnen wird, erhebt. Im Innern wird die 



^ Die Gegend um Garz, Kuhlhauaen und Warnau führt im Yolksmunde den Namen „der 
Qnappenwinkel." 



Gan. Genthin. 291 



Decke durch vier Pfeiler, weiche ein mittleres Quadrat abgrenzen, getragen. 
Die östlichen drei Polygonseiten werden durch einen hinter dem Altare sich 
erhebenden Kanzelbau mit den Seitenthüren für den Umgang der Kommuni- 
kanten abgeschnitten. Dieser Kanzelbau enthält zunächst über der Erde hinter 
dem Altare ein ziemlich grosses achteckiges Ölbild der Einsetzung des h. Abend- 
mahls in ornamentiertem Barockrahmen in Weiss und Gold. Darüber erhebt 
sich ein korinthischer Pilasterbau, aus dem das Polygon der Kanzel mit Akanthus- 
voluten statt der Säulen an den Ecken und den kleinen Ganzfiguren Christi und 
der vier Evangelisten auf den Flächen heraustritt; die seitlichen Flügelstücke 
und die Supraporten der Thüren des Umgangs zeigen Bretzelomament. Die 
gegenüberliegende Orgelempore schneidet ebenfalls drei Polygonseiten des Acht- 
ecks ab und hat an ihrer Brüstung Christus und die zwölf Apostel ebenfalls in 
kleinen Ganzfiguren in einfacher Renaissanceumrahmung in Ol gemalt, alles 
eigentlich recht dürftige Schmierereien, aber in ihrer Gesamtheit von wohlthuender 
Wirkung und sehr wohl gehalten und erneuert. 

Die Laterne enthält eine Glocke von 0,765 Durchm., die 1684 von Martin 
Heintze in Berlin gegossen ist und dessen sich über den Rand der Haube 
hinüberlegenden Totenschädelfries und Masken an den Henkeln trägt Die In- 
schriften am Körper nennen auf der einen Seite Pastor und Kirchenvorsteher, 
auf der andern die HAVPT . VND . AMPTLEVTE (nämlich von Amt Sandau) 
lOHANN FRIEDRICH VON PRINTZEN und lOHANN VON DER LIETH. — Die 
kleinere ist ein Neuguss von E. L. W. Thiele Berlin 1833. 

Der 0,225 m hohe und im Durchmesser des Fusses 0,lö7 m breite silber- 
vergoldete Kelch ist laut Inschrift an der Unterseite des Fusses 1727 gestiftet. 
Der runde Fuss ist innerhalb im Achtblatt gegliedert. Am gefälligen und gut in 
die Hand gehenden Knaufe zwischen Barock-Ornament drei Köpfe, der eine ein 
bärtiger mit Helm, die beiden anderen jugendlich — etwa Vater, Sohn und 
Geist? 

Unter den sehr sauber gehaltenen Fachwerkhäusern um die Kirche 
her zeichnete sich eine Gruppe von sechs mit der breiten (Thür und 
vier Fenster) Giebelseite, zum Teil mit vorgekragtem Obergeschosse gegen 
die Strasse gekehrten durch sorgfältige Arbeit und Erhaltung der Giebelspiesse 
aus. Das eine war durch eingeschnittene Inschrift am Schwellbalken des Ober- 
geschosses, deren übriger Wortlaut wegen Übermalung nur in unzusammen- 
hängenden Bruchstücken festzustellen war, auf den 23. Mai 1769 datiert und 
bezeugte damit, wie lange sich die Überlieferung der gotischen Form der Holz- 
schnitzerei erhalten hat. Leider ist diese sehr charakteristische Gruppe 1897 in 
einem grossen Brande untergegangen. 

Genthin. 

[Gegen Ende des XIV. Jahrh. Gentin oder Gentyn, 1420 auch Jentyn, 1512 
Gentein.] 

Kreisstadt mit 4821 Einwohnern, am Flauer Kanal und der Stremme 
gelegen, Station der Berlin-Magdeburger Eisenbahn. Die angeblich erste urkund- 
kundliche Erwähnung aus dem Jahre 1171, wonach der Ort durch Johann von 
Plote mit einem Teil des benachbarten Dorfes Cracau vereinigt und zum oppidum 

19* 



292 Kreis Jerichow II. 



Oenthin erhoben wäre, ist unecht Der Ort, 1459 appidtUum genannt, ist das 
ganze Mittelalter hindurch, unter Abhängigkeit von Altenplathow nur ganz 
unbedeutend gewesen. 1562 bei der Visitation nur als „Flecken^* genannt, hatte 
er 1539 durch Kardinal Albrecht drei Jahrmärkte auf Judica, Exaudi und Exaltat 
Crucis erhalten. Noch von Alvensleben beschreibt ihn: ein Flecken, darin 
aber nicht viel über 30 Einwohner wohnen" und auf seinem Prospekt erscheint 
er auch nur als ganz gewöhnliches Dorf. Er berichtet aber bereits: Es geschäieni 
an diessem Orih mehren theüss die eusammenhünfften der Jerichauischen Oreysses 
Stände, weil cberwdintermcLssen es fcLst im miUeU [des Kreises] gelegen ist; Vnä 
tvirdt dcis aihier gebrawene hier ins Gemein Polterdamm genandt." Heineccius 
bezeichnet den Ort als Mediatstadt zum Amte Altenplathow gehörig, und als das 
Stadtwappen die Jungfrau Maria mit dem Jesuskinde auf dem linken Arme. 
1648 und 1710 haben grosse Brände den Ort fast gänzlich in Asche gelegt 

Die Kirche, fiskalischen Patronats, inmitten des ehemaligen Kirchhofes auf 
weiträumigem Platze gelegen, erscheint auf dem Prospekt bei von Alvensleben 
als gewöhnliche Feldsteinkirche nach Schema I, deren Steinturm jedoch nur bis 
zur Höhe der Schiffsmauern geht, dann ein (schindelgedecktes?) Walmdach in 
der Höhe des Schiffsdaches hat, aus dem sich ein niedriges viereckiges Türmchen 
mit einer von vier niedrigen Eckspitzen begleiteten viereckigen Spitzp3rramide 
erhebt. Hierauf beruht wohl die aus Wiggert S. 102 in Lotz, I S. 237 über- 
gegangene Angabe von einer romanischen Granitkirche. Die gegenwärtige 
Kirche ist aber ein 1707 angefangener und 1722 vollendeter nüchterner, aussen mit 
flachen Pilastern dekorierter Backsteinbau mit im Äussern nur wenig sich geltend 
machender Yerputzung, die meist die natürliche Steinfugung hervortreten lässt 
Im Innern stellt sich der Bau als eine weissgetünchte dreischiffige Halle mit 
vier Joch oblonger scharfgratiger Kreuzgewölbe auf aiisgeeckten viereckigen 
Pfeilern mit einfach abgeschrägten Kämpfern, zwischen glatten breiten Gurt- und 
Schildbögen dar. Emporen in den Seitenschiffen. Das Altarhaus, einschiffig, ist 
l + ^/e in niedrigerem Korbbogen gewölbt Die im Korbbogen geschlossenen 
Fenster liegen in tiefen Nischen. Der 1725 begonnene und 1765 vollendete qua- 
dratische Turm vor der Westfront hat entsprechende flache Pilasterdekoration, 
oben über wälscher Haube eine offene viereckige Laterne, die mit wälscher 
Haube mit Spitze abschliesst. 

Der zopfige hölzerne Säulenbau hinter dem Altare hat laut Inschrift auf 
der Eückseite seine Staffierung erst 1799 durch den Maler D. F. Saltzmann 
aus Wolmirstedt erhalten. Ob hierzu auch die hässlichen Gemälde, unten das 
h. Abendmahl, als Hauptbild in grossen Figuren die Bergpredigt, in der Lunette 
die Grablegung, gehören, erhellt nicht. Als plastischer Schmuck steht rechts und 
links neben den Säulen eine weibliche allegorische Gestalt von nicht recht 
erkennbarer Bedeutung, oben als Krönung der Auferstandene zwischen zwei 
Engeln. 

An der in grau, grün, blau, weiss und gold bemalten Kanzel nebst Treppe 
und Schalldeckel die im Stil dem Anfange des XVII. Jahrhunderts angehörigen 
kleinen bemalten Figuren der Apostel mit ihren Attributen; auf den Ecken des 
Schalldeckels brennende geflügelte Herzen in natürlichen Farben. Das Orna- 
ment der Thür ist jetzt in Eichenholzfarbe überstrichen. — Zur Kanzel gehört 



Genthin. 293 



eine zurückgesetzte Kanzelpultdecke von schön gemustertem hellblauen 
Seidendamast, benäht mit einer ganz ausgezeichnet schönen Silberspitze und mit 
Silberstickerei des Namens der Stifterin E, C. Froweins Wittwe und Kinder, auf 

der Schauseite in grossen Buchstaben: 

• 

lESUS 
ANNO 1726. 

Die Orgel, laut Inschrift von 1798, zeigt bescheidenes Rokoko-Ornament. 

Die Taufe von Sandstein, mit Ölfarbe gestrichen, ein achteckiges Becken 
auf hohem, cylindrischem Ständer, ist laut Inschrift von 1730. Dazu gehörte ehemals 
eine Messingschüssel in der Sakristei, die wohl auch der Zeit des Neubaus 
der Kirche entstammt und im Fond die Darstellung des Sündenfalls in aus- 
geartetsten Formen trägt; den ganz abgenutzten Figuren ist durch beinahe 
kindische Gravierung der Umrisse nachgeholfen. 

Von Grabdenkmälern sind nur zu erwähnen am ersten Pfeiler von W 
auf der Nordseite zwei kleine sehr ähnliche Sandsteintafeln mit Rokoko-Ornament^ 
oben von einem weiblichen Genius gekrönt, für den Steuerrat Johann David von 
Scheitwitz gest. 10. Dezember 1765 und seine Ehefrau Dorothee Luise Lehmann 
gest 18. November 1763 — ganz leidliche Steinmetzarbeiten, nicht günstig mit 
Ölfarbe übermalt. 

Von den Glocken hat die grösste von sehr schönem Ton einen Durch- 
messer von 1,29 m und am Halse einen Fries von aufrecht stehenden Akanthus- 
blättem. Darunter in zwei Reihen: a) ICH RVFF EVCH STERBLICHE ZVM 
BQCHTEN BETEN SINGEN VND WILL EVCH NACH DEM TOD ZVR RVHE- 
KAMMER BRINGEN b) ZVM HIMMEL FÜHR ICH EVCH VND KINDES KINDER 
AN VND FORDRE GOTTES EHR SO HAB ICH GNVG GETHAN. Am Körper 
auf der einen Seite die Namen des Königs, eines Kriegsrates und des Pastors, 
darunter ein rautenförmiges Relief mit Engelskopf in Rankenarabesken. Gegen- 
über die Namen von Bürgermeister, Kämmerer und Kirchenvorsteher, darunter: 

EIN WOHLTHAETER DEN GOTT KENNET VND 

SEEGNE LIES MICH VMGIESSEN 

DVRCH . CHRISTI . GOTTHOLD . ZIEGNER ZV 

MAGDEBVRG ANNO 1763. 

Darunter ein Schild mit einer nackten weiblichen Figur. Unten auf dem 
Bord ein aufrecht stehender Palmettenfries. — Die zweite ist ein Umguss von 
Gebr. Ulrich in Apolda von 1891. — Die dritte kleinste, ganz schmucklos, hängt 
unerreichbar. 

Unter den unbedeutenden alten Altargeräten beim Pfarrer verdient Er- 
wähnung nur ein silbervergoldeter Kelch 0,205m hoch, am Fuss Durchmesser 
0,135 m, laut Inschrift 1655 der Kirche ZVR ZIRADT geschenkt. Der im flachen 
Sechspass gebildete Fuss ist abwechselnd mit drei getriebenen Engelsköpfen und 
drei Fruchtstücken belegt ähnlich wie der in Wollin (s. Seite 2^); der Knauf 
ist zu einer schön geschwungenen Barock vase geworden; der Becher, an welchem 
die Inschrift, ist sehr niedrig und geschweift 

Urkundlich wird neben der Kirche im Mittelalter eine Kapelle St. Catha- 



294 Kreis Jerichow II. 



rinae erwähnt, für welche das Nonnenkloster zu Ziesar dem Pfarrer jährlich 15 
Scheffel Roggen zu geben hatte. — Auch wird ein Ealand erwähnt, der wohl 
mit dem von Altenplatiiow identisch ist. — 1420 wird mehrfach in Urkunden 
der vor der Stadt gelegene Nypenstene genannt. Es fehlt an jeder Spur, was 
darunter zu verstellen ist. 

Gladau.i 

[1345 Gladow und so das Mittelalter hindurch, 1383 auch Glade.] 

Pfarrdorf mit Königlichem Hofkammergut, 12 V2 ^"^ südsüdöstlich von 
Genthin , zuerst 1345 urkundlich erwähnt. Schon 1361 kommt das Nye dorpe 
oder die Nyge marke to Gladow urkimdlich vor und wird noch 1497 erwähnt. 
1509 mit Crüssau von Lippolt von Arnim erkauft blieb es im Besitze dieser 
Familie, bis es 1737 zu einem Königlichen Familiengute erworben wurde. Eine 
nach dem Orte genannte Familie kommt z. B. 1307 urkundlich vor. 

Die Kirche, angeblich St. Matthias, unter Patronat der Königl. Hofkammer, 
1459 zur sedes Ziesar, 1500 zur sedes Borch gerechnet, liegt im südlichen Teile 
des unregelmässigen Dorfes nördlich einer WO-Strasse inmitten des alten Kirch- 
hofes, in dessen Mauer sich noch statt der Thüren sogenannte „8tegel" finden. 
Sie ist ein wohlgeftigter einschiffiger romanischer Feldsteinbau, wahrscheinlich 
ursprünglich nach Schema II, mit später angefügtem quadratischen Westturme, 
hat aber 1881 einen Erneuerungs- und Erweiterungsbau erfahren. Das Schiff, 
drei Fenster lang, ist durch Entfernung des Triumphbogens und Verbreiterung 
des ehemals schmaleren Altarhauses mit diesem in ein einheitliches Rechteck 
zusammengezogen, an das eine Backstein apsis angefügt ist. Der Westturm hat 
ein ausgeecktes Rundbogenportal — ein gleiches am Schiff ist vermauert — die 
Schallöffnungen der Glockenstube, je eine nach jeder Seite, sind in Backstein 
verändert; in der Wetterfahne das ausgeschnittene von Amimsche Wappen aus 
dem Anfange des XVIII. Jahrhunderts. 

Im Innern der Kirche ist von alter Ausstattung nur erhalten an der Nord- 
wand das kleine hölzerne Trophäenepitaph für den am 22. Februar 1699 in 
Savoyischen Diensten an seinen Wunden verstorbenen und bei Montovie (Mon- 
dovi) beerdigten Kapitän Johann Georg von Arnim. Über der von goldenem 
Lorbeerkranz eingerahmten und mit Trophäen umgebenen Inschrifttafel ohne 
Portrait sind ein Helm, ein Paar Eisenhandschuhe und gekreuzte Degen des 
Verstorbenen gruppiert. 

Im Turm hängen zwei laut Inschrift von Peter Becker in Halle 1732 
gegossene Glocken (von 1,06 bezw. 0,83 m Durchmesser) mit kleinen hässlichen 
Blattfriesen am Halse, dem von Amimschon Wappen und langen Stifter- u. s. w. 
Inschriften am Körper. Auf beiden ist unterhalb der Reihe mit dem Glocken- 
giesser-Namen nachträglich eingeschnitten: 

HANS TEICHMANN LOEHN . SCHVLTZE. 



^ Einige geschichtliche und baugeechichtliche Nachrichten in Kirchen- und SchulDach- 
richten für die Parochie Gladau-Genthin 1888; Flugblatt vom Ortspfarrer Martini. 



J 



Gladan GöttliiL Gollwitz. 295 



Göttlin. 

[1443 Gottelin, 1468 Ootelin; schwerlich mit den 946 unter den zur Marien- 
burg gehörigen wendischen Dörfern genannten Cotini, das noch 1179 als Cotin 
Torkommt, zu identifzieren, wie von Ledebur angenommen hat und ihm nach- 
geschrieben worden ist] 

Pfarrdorf an der Havel, 3V« km nordnordwestlich von Rathenow, ehedem 
den von Treskow und von Hage gehörig. 

Die Kirche, jetzt unter Patronat der von Katte auf Vieritz, am nördlichen 
Ebide des Dorfes in der SW-NO-Dorfstrasse inmitten des Kirchhofes gelegen, ist 
ein schlichter rundbogiger Neubau in Backstein von 1890, nur die alte geputzte 
Westmauer mit Fachwerkturm ist erhalten. Die in demselben hängende Olocke 
von 0,84 m Durchmesser hat am Halse über einem sehr grossblättrigen Akanthus- 
fries die Umschrift: lACOB WENTZEL Q088 MICH IN MAGDEBVRG . OMNIA 
AD GLORIAM ALTI8SIMI. Am Körper auf der einen Seite die Namen der Ge- 
rich tschöppen, auf der andern die von Pastor, Schulze und Kirchen Vorstehern 
und ANNO 1690. Am Schlage ein entarteter aufrecht stehender Lilienblumen- 
fries. — Die zweite ist ein kleiner Neuguss von Cornelius Eubon in Berlin von 
185Ö. — In der Kirche ist ein sechsarmiger Bokoko-Krystall-Leuchter zu 
nennen. 

Gollwitz. 

[Ende des XIV. Jahrhunderts Golwicz.] 

Kirchdorf, 4V, km weststidwestlich von Bahnhof Wusterwitz der Berlin-Mag- 
deburger Eisenbahn, 1562 im Besitze der von Werder und von Fürer (Förder). 

Die Kirche, Filial zu Warchau, unter Patronat des Besitzers von Carow, 
in der Mitte des Dorfes nördlich von der WO-Dorfstrasse gelegen, ist eine ein- 
schiffige romanische Feldsteinkirche nach Schema II, meist geputzt und in den 
Fenstern bis auf wenige Beste verändert. Das Fachwerktürmchen lehnt an die 
westliche Oiebelwand, jedoch ist diese nicht in der gewöhnlichen Weise mit dem 
regelmässig rechteckigen Mittelsttick in die Höhe geführt. Das (je wölbe der 
Apsis ist wegen des laut Inschrift im Jahre 1699 von dem Tischler Adam Bock- 
fleisch aus Stendal gefertigten Altar-Kanzel-Auf baus weggebrochen. An 
diesem sind die durchbrochenen Flügelstücke zu den Seiten der Kanzel und das 
durchbrochene Kommuniongitter vor dem Altare ganz flott gemacht. An dem 
letzteren ist vom ein Konsol angebracht, welches als Tauftischchen dient. 

Nach einer Mitteilung des früheren Pfarrers sollte der Best eines Altarschreins 
„Maria mit dem das Evangelium haltenden Christkinde und zwölf Heilige bezw. 
symbolische Figuren zwischen spätgotischem Masswerk (Fischblasen)" vorhanden sein. 
Ebenso ein silbervergoldeter Kelch mit achtblättrigem Fusse, gestiftet 1581. An 
den sechs Zapfen des Knaufes die Buchstaben IHESVS. Am Fusse in drei 
Feldern „die Figuren des dreieinigen Gottes'' — die Patene dazu einfach mit 
griechischem Kreuz als signaculum. An Ort und Stelle habe ich dieselben nicht 
gefunden. 

Von den Glocken sind zwei Neugüsse von Gebr. Ulrich in Laucha von 
1878, die eine an Stelle einer älteren von Simon KoUe in Brandenburg von 



296 Kreis Jerichow II. 



1659. Die dritte, welche am Halse einen abwärts hängenden Falmettenfries trägt 
ist laut Inschrift 1731 von Christian See gegossen, und ihr Umguss hat laut 
Kontrakt in den Pfarrakten 63 Thaler gekostet. Sie hängt so, dass es unmöglich 
ist, sie zu messen. 

Gross - Mangelsdorf. 

[Ob das 1340 urkundlich erwähnte Grozen Magsdorf und um 1400 genannte 
magna Magstorp hierher gehört, oder in die Vogtei Ameburg, muss dahingestellt 
bleiben ; 1420 Grote Mangstorp, auch Mangestorp und Mangenstorp, 1563 Grossen- 
und Lütken-Mangelstorff.] 

Pfarrdorf, 3^/2 km ostnordöstlich von Jerichow, von Alters zu dem erz- 
stiftischen Amte, nicht Kloster, Jerichow gehörig. 

Die Kirche,* früher unter Patronat von Kloster Jerichow, jetzt fiskalisch, 
in der Mitte des Dorfes, östlich von derNS-Dorfstrasse, inmitten des alten Kirch- 
hofes gelegen, ist ein einschiffiger romanischer Backsteinbau nach Schema II, 
in der hochräumigen Weise der besten Dorfkirchen aus dem Bereiche des Ein- 
flusses von Kloster Jerichow; das Schiff 5, das ungewölbte Altarhaus 2 Fenster 
lang, die Apsis mit dreien. An beiden Seiten des Schiffs steigt zwischen dem 
zweiten und dritten Fenster von W. her eine Lisene von der Ostkante der Wand- 
vorlage für ein (vermauertes) zweimal ausgeecktes Portal ohne Ecksäulen empor. 
Der an den Ecken von Lisenen getragene Fries unter dem Dachgesims besteht 
am ganzen Bau aus dem gekreuzten Kundbogenfries auf Konsölchen, darüber 
einem Zahnschnitt und darüber dem Konsolenfries als Träger des Dachgesimses; 
nur an der Apsis liegt der Zahnschnitt über dem Konsolenfries. An dieser 
treten an die Stelle der Lisenen Halbrundsäulen mit Würfel -Kapital und Basis. 
Die Prieserthür an der Südseite des Altarhauses ist ebenfalls vermauert An 
der Lisene der Ostecke des Schiffes auf der Südseite ist eine Sonnenuhr in 
den Backstein eingerissen, neben allen alten Thüren zahlreiche Längsrillen 
und Bundmarken. 

Die Westfront trug früher einen Fachwerkturm. Nach eineni Brande von 
1822 ist dafür ein quadratischer Ziegelbau, in drei Geschossen mit den Friesen 
des Schiffes dekoriert, der Front vorgelegt. In demselben zwei königliche guss- 
eiserne Glocken aus Berlin von 1828. 

Unter den Abendmahlsgeräten beim Pfarrer ist bemerkenswert ein silber- 
vergoldeter Kelch, dessen Fuss und Ständer vielleicht aus Jerichow stammt. 
Auf dem sechsblättrigen Fusse kleine Reliefmedaillons: die vier Evangelisten- 
symbole, die Verkündigung und ein kniender, mit verschleierten Händen einen 
Kelch emporhebender Engel. Der kurze sechseckige Ständer hat am Knaufe 
zwischen den sechs Zapfen mit den Minuskelbuchstaben 1 1 f 9 noch sechs 
weitere mit kleinen ä jour gefassten Edelsteinen oder Glasflüssen. Nicht dazu 
gehört ursprünglich der verhältnismässig hohe, geschweifte Becher, unter dessen 
Rand eingepunzt ist: HIC CALIX RENOVATVS EST ANNO 1591 CIRCA NATAUTIA 
CHRISTI. 



^ Kurze Erwähnung bei Wiggert, Adler^ Kolonien S. 6 und danach Lot£, 
I S.260. 



G ross- Mangelsdorf. Gross -Wudick«. Gross -Wulkow. 297 



Nach Heineccius S. 278 lag unweit des Dorfes ein einzelnes Tagelöhner- 
haus ,,der nackende Engel ^ genannt, vielleicht nach einem daran angebrachten 
Bildwerke. 

Gross-Wudicke. 

[1397 Weddig?, 1446 und 1467 wüst Wodeke, 1516 Wudeke.] 
Pfarrdorf, Haltestelle der Berlin-Lehrter Eisenbahn , 13 km östlich von Bahn- 
hof Schönhausen, alter Besitz der von Möllendorf, jetzt von Rohr-Levetzow. 

Die Kirche, eine mater vagans 1562 mit Gross-Buckow, 1840 mit Schmetz- 
dorf vereinigt, jetzt selbständig verwaltet, unter Patronat der Gutsherrschaft, 
liegt an der nördlichen Ecke des vielstrassigen Dorfes, dicht beim Gute inmitten 
der mit dem Parke des letzteren unmittelbar verbundenen Parkanlagen des ehe- 
maligen Kirchhofes. Sie ist ein zopfiger Putzbau, ein von West nach Ost ge- 
richtetes, in der Mitte in die Länge gezogenes Achteck mit toskanischen Pilastem 
an den Ecken und zu den Seiten der Thüren an den verlängerten Mittelseiten, 
die im Stichbogen gedeckt sind und über denen je ein Ochsenauge angebracht 
ist, und mit Mansardendach, aus dem sich ein hölzerner viereckiger Dachreiter 
mit Schweif dach und durchbrochener achteckiger Laterne erhebt. In diesem 
hängt eine schmucklose kleine Glocke von 0,50 ra Durchmesser. Im Innern drückt 
sich in der Emporenanlage ebenfalls die achteckige Form des Baues aus; der 
vereinigte Altar- Kanzel -Aufbau im Stile der Zeit bietet nichts Bemerkenswertes, 
woran es auch sonst gänzlich fehlt. 

Gross -Wulkow. 

[1144 Wulcowe.] 

Pfarrdorf, 6V2 ^^ östlich von Jericho w, zum ältesten Besitze des Klosters 
gehörig. 

Die Kirche,^ urkundlich zuerst 1172 von Erzbischof Wichmann als von je 
unter Patronat des Klosters stehend erwähnt, jetzt fiskalischen Patronats, inmitten 
des Vierecks des, obgleich schon 1144 und 1172 von der Slavica oder minor 
Wulkow ausdrücklich unterschieden, dennoch ganz wendisch angelegten Dorfes 
gelegen, ist ein einschiffiger romanischer Ziegelbau nach Schema I, es scheint 
aber, dassTurm und Apsis später entstanden sind als das Langhaus und gewölbte 
Altarhaus, denn sie haben mit diesen keinen Mauerverband; namentlich muss 
das Schiff nach Westen zu ursprünglich länger gewesen sein, denn ausser den 
drei vorhandenen Rundbogenfenstern hat es an der Westecke sowohl auf der 
Nord- als auf der Südseite noch ein halbes, jetzt vermauertes Fenster von ganz 
derselben Bildung wie jene. Der Sockel des Gebäudes ist einfach mit Yiertel- 
rundstab gebildet, an der Apsis durch eine unter diesem nach einer gewöhn- 
lichen Schicht noch folgende Schräge vermehrt. Am Langhause ist unter dem 
modernen Dachgesimse der Pries aus dem gekreuzten Rundbogenfrios und Zahn- 
sehnitt darüber zusammengesetzt, sonst am ganzen Bau überall aus dem Winkel- 
fries mit Zahnschnitt darüber. Die Priesterthür an der Südseite des Altarhausos 
ist einmal ausgeeckt mit einem aus doppeltem Halbrundstab gebildeten Kämpfer 



' VrgL Adler I S.4df. Danach Lotz I S. 261. 



298 Kreis Jerichow IL 



für den Bogen. An derselben und in ihrer Nachbarschaft überaus yiel Näpfchen 
und Killen verschiedensten Formats. — An der Apsis ist das Mittelfenster durch 
eine zur Stützung der Mauer nachträglich angebrachte schwerfällige Strebe ver- 
baut. — Im Innern ist der Triumphbogen ganz glatt, das Kreuzgewölbe des Altar- 
bauses ohne Vorlagen — alles grau getüncht. — Der Turm entbehrt jetzt der 
Glockenstube, die durch einen Fachwerkbau mit daraus aufsteigendem quadra- 
tischen Fachwerktürmchen ersetzt ist. 

Der Tauf st ein ist ein einfach kreisrundes Becken von 0,92 m Durchmesser, 
der ebenfalls kreisrunde Fuss nur mit einem Rundstab als Knauf gegliedert. 
Darin eine der bekannten Messingschüsseln mit dem englischen Grusse im 
Fond und sechsmaliger Wiederholung des RAHEWISHNBI, laut Gravierung ge- 
stiftet 1753. 

Yor dem Altare sind in den Fussboden zwei grosse ganz schlichte hölzerne 
Kreuze als Grabdenkmäler von zwei Pastoren aus dem XVI. und XVII. Jahr- 
hundert eingelassen. — Im Altarhause hängen die schlechten Brustbilder eines 
1826 von Baubmördem getöteten Pastors und seiner Ehefrau. 

Von den Glocken ist die grösste von 1.03m Durchm. noch romanisch. Sie hat am 
Halse zwischen flachen Keifen nur ein verziertes und mit Kreuz besetztes A und 
S. Die Buchstaben sind in Doppellinien durch Auflegen von Wachsfäden auf 
die Form modelliert worden. — Die zweite von 0,69 m Durchmesser hat oben 
unter einem Akanthusfries die Umschrift: BEAT! OMNES QVI AVDIVNT VERBVM 
DE! ET CV8T0DIVNT ILLVD aus Lucae 11 V. 28. Darunter HEC CAMPANA 
RENOVATA EST ANNO M . DCLXV (1665) D . XII IVNII. Darunter dann der 
Giessemame lOACHIM lANKEN und der Name des Pastors CHRISTOPH LEI- 
DICHIVS. Am Körper eine Münze. — Die kleinste von 0,56 m Durchmesser hat 
am Halse die Umschrift: PAX OPTIMA RERVM. Am Körper die Namen von 
Patron und Pastor. Am Schlag: M. lOHANN KOCH AVS ZERBST GOSS MICH 
ANNO 1705. 

Gross- Wusterw^itz. 

[Um 1159 Wosterwice und Wusterwici, Ende des XIV. Jahrhunderts auch 
Wostricz.] 

Pfarrdorf am Wusterwitzer See, l^'g km südlich von der dazugehörigen 
Station der Berlin-Magdeburger Eisenbahn, ehemals zum Amte Altenplathow ge- 
hörig, zuerst erwähnt in einer undatierten, auf 1159 anzusetzenden Urkunde des 
Erzbischofs Wichmann, durch welche der Ort an einen Unternehmer flam- 
ländischer Kolonisation Namens Heinrich vergeben wurde, und die für die 
Kenntnis der näheren Bedingungen dieser Kolonisation von grösster Wichtig- 
keit ist. Für die zu erbauende Kirche wurde damals sogleich eine Hufe aus- 
geworfen und von der Grösse und Wichtigkeit des neuangelegten Ortes zeugt 
es, dass demselben sofort ein jährlicher grosser Markt mit Magdeburgischem 
Marktrechte und den Geschäftsverkehrenden auf fünf Jahre von Martini 1159 ab 
Zoll- und Wegefreiheit verliehen wurde. 

Von der ursprünglichen Bedeutung des gegenwärtig durch bedeutende 
Ziegeleien belebten, am westlichen Ufer des Sees in langgestreckter Krümme sich 
hinziehenden Dorfes zeugt auch die ziemlich in der Mitte, westlich von der Dorf- 



Oroas-WuBterwitz. 299 

Strasse lomitten des alten Kirchhofes gelegene Kirche, fiskalischen Fatrooats. 
Sie ist ein der Stadtbirche zu Ziesar (s. S. 259f.) aufs nächste verwandter, jetzt 
meist roh geputzter, niedriger, einschiffiger, kreuzförmiger, flachgedeckter roma- 
nischer Feldsteinbau mit Nebenapsiden an den weit ausladenden Kreuzflügeln 
und Westturm von der Breite des Schiffs, ohne jede Kunstform am Äusseren - 
wie im Innern. Bund herum geht ein zweimal roh rechtwinklig abgestufter 
Sockel, auch das ganze Mauerwerk rund herum, namentlich deutlich sichtbar an 
der Südseite, setzt in Höhe von etwa 3'/t m über dem Erdboden noch einmal 
ab — ob ursprünglich beabsichtigt oder einen Stillstand des Baues bezeichnend, 
muss dahingestellt bleiben. Die Fenster (in der Hauptapsis drei, in jeder Nehea- 
apsis eins) sind durchgängig verändert oder vermauert, jedenfalls in derselben 
Zeit, welche den Stumpf des sehr rissigen Westturms mit einem äusserlich zum 



Fig.M. GroBi-Wusterwiti. Kirche. SchsbloDCDmalerei der l>ecke. 

Teil verblendeten Fachwerkbau im Zopfstil gekrönt hat. Derselbe hat ein 
geschweiftes Zeltdach, aus dem sich eine achteckige Laterne mit abermals acbt- 
seitiger geschweifter Haube und hoher Spitze, in deren Wetterfahne der fhegende 
preussiscbe Adler, erhebt Der Haupteingang war wohl durch den Turm, ist 
später zerstört worden, dann in Backstein omouert und jetzt zugemauert. Andere 
Rundbogenthüren sind an der Südseite des Schiffs und an der Giebelfront des 
südlichen Kreuzflügels und die Priesterthür am Altarhause. 

Auch das Innere des im Äusseren sehr vernachlässigten Baus macht den- 
selben Eindruck, alles schlecht geputzt und grau getüncht, die flachen Holzdecken 
mit Fapiertapete beklebt und zwar neuerlichst 1885, in welchem Jahre im Quer- 
schiff und Ältarbause überall Spuren von Wandmalereien (die heil. Jungfrau, 
St Michael, die Apostel mit ihren Namen u. s. w.) entdeckt, aber wieder über- 
tüncht worden sind. Bemerkenswert ist die Holzdecke des Altarhauses 



300 Kreis Jerichow II. 




mit aufschablonierten spätgotischen Omamentmalereien in Grtin, Weiss, Braun 
und Schwarz, jedes der 19 nebeneinanderliegenden Bretter verschieden (Wein- 
ranken, Brombeerranken, gewundene gotische Laubstäbe, heraldische Vögel, gegen- 
einander gekehrt schreitende Löwen und andere Bestien u. a. m. — eine Probe 
davon s. Fig. 94), wahrscheinlich einer im Jahre 1513 (diese Jahreszahl steht 
innen oben an der Ostwand des südlichen Kreuzflügels) vorgenommenen Restau- 
ration angehörig. 

In der Hauptapsis ein ganz formloser Sakramentschrein mit Thür, dick 
übertüncht, ebenso wie eine ganze Anzahl anderer kleiner Wandschränke mit 
Thüren im Altarhause und den Querflügeln, die letzteren wohl zu dort ehemals 
befindlichen Nebenaltären gehörig. — - Die Kanzel ist eine grobe und hässlich 
bemalte Renaissancearbeit mit toskanischen Ecksäulen am Polygon und hermen- 
artigem Ständer. — Der Taufstein, gotisch, 
ist eine achteckige, übereck 1,11 m bei 0,73 m 
der Höhlung messende, nach unten sich ab- 
rundende Sandsteinkufe mit einfach gekehltem 
Gesims oben und kurzem, zweimal gegliedertem 
achteckigen Fusse, auf einem grossen drei- 
stufigen Steintritte stehend. 

Fig.95 Gross-Wusterwitz. Bemerkenswert sind die Glocken. Die 

Zierbuchsiaben Ton der grösste von 1,16 m Durchmesser hat zunächst 

grossen Glocke. unter der Haubo zwei glatte Reifen. Darunter 

in Majuskeln, welche in Doppellinien mit rund- 
spitzigem Griffel in den Mantel der Form eingegraben gewesen sind (das letzte 
D luid mit Gesichtern in der Rundung ausgefüllt s. Fig. 95), die ümscluift: 
+ (kleines Engelrelief) ÄVQ £DÄ (Engelrelief) RIA • 6RÄ (Engelrelief) OVÄ - 
PLÖ (kleines Relief) $1Ä . DOIDI . Darunter zwischen zwei Bindfadenschnüren 
in kleineren einfachen Majuskeln: +£DÄ6ISTQR lOhÄRRÖS VON hÄLBBR- 
5TÄT DB JDBR GIiBOiÄBBT ftÄT GOT GftBVB ZTOBR Z&G (statt: 
Seele) RÄT . Das letzte Wort steht nicht mehr in der Zeile, sondern unter dem 
ZBl?. Ohne Zweifel gehört die Glocke also dem Hannes oder Jan von Halber- 
stat an, der auf zwei nicht mehr vorhandenen Glocken von 1348 in der Johannis- 
kirche zu Göttingen und 1350 im Dome zu Hildesheim gleichfalls mit dem Spruche 
„Gott gebe seiner Seele Rat'' inschriftlich genannt war [s. Mithoff, Kunstdenk- 
male etc. II S. 74 u.III S. 115; Otte, Glockenkunde* S. 191] und wohl auch mit 
dem Johannes, der mit lateinischer Inschrift im Jubeljahr (1350) in der Markt- 
kirche zu Osterode am Harz [s. Mithoff II S. 116; Otte, S. 196] vorkommt, iden- 
tisch ist. Dieser Zeit entspricht unsere undatierte Glocke in allen Hinsichten. Am 
Körper trägt sie ein 0,14 m langes Relief der Kreuzgruppe mit stark eingeknicktem 
corpus, das Kreuz als natürlicher Stamm mit abgehauenen Ästen und gebogenen 
Querarmen gebildet. Gegenüber ein sehr schönes 0,18 mim Durchmesser haltendes 
Kreismedaillon der vor einem Vorhange thronenden Maria mit Lilienscepter und 
stehendem Kinde. Zwischen diesen beiden grösseren verteilt zwei kleinere Reliefs, 
ein 0,085 m hohes des freistehenden Täufers und ein 0,06 im Durchmesser 
haltender Yierpass mit dem flachen und schlecht ausgeprägten thronenden 
Christus. Unterhalb der Kreuzgruppe ist auch auf dem Schlag noch ein kleines 



Gross -Wusterwitz. Grütz. GQtter. 301 



andeutliches Relief angebracht, wie es scheint: eine Heimsuchung. — Die 
zweite, wohl der vorstehenden ziemlieh gleichzeitige von 0,98 m Durchmesser hat 
am Halse zwischen reicher profilierten Reifen in Kreismedaillons von 0,04 m 
Durchmesser folgende, zum Teil sehr schön ausgeprägte Reliefs: 1. der sitzend 
schreibende Evangelist Lucas. 2. Verkündigung, 3. Abdruck von zwei Groschen 
untereinander, das Gepräge nicht erkennbar, 4. Stall zu Bethlehem, 5. Kreuztragung, 
6. Geisselung, 7. Kreuzgruppe, S.Auferstehung, 9. Krönung der Maria. Am Körper 
unterhalb des Zwischenraumes zwischen Lucas und der Verkündigung das 0,10 m 
lange Hochrelief eines thronenden segnenden Bischofs mit Pedum und Mitra, 
welche zugleich als Krone gebildet ist (St. Petrus?). — Die dritte von 0,70 ra 
Durchmesser in langgestreckter schlauchartiger Form mit kurzem, weit ausladen- 
dem Schlag und ganz runder Haube, ganz ohne Inschrift und Zierrat ist weit älter. 

Grütz. 

[Das ü ist lang zu sprechen; 1420 Orutz und Grucz, 1562 Gruitz.] 
Kirchdorf an der Havel, 7 Vj km nordwestlich von Eathenow, früher den von 
Treskow in Schollene gehörig. 

Die Kirche, früher Filial zu Schollene, jetzt zu Göttlin, aber noch jetzt 
unter Patronat der Besitzer von Schollene, ist ein inmitten des wendisch an- 
gelegten Dorfes auf der Südseite auf einer Anhöhe gelegener Neubau in Back- 
stein. Aus dem alten Bau herüber genommen sind die Glocken, von denen 
die kleinere von 0,44 m Durchmesser, nur mit zwei Bindfadenschnüren am Halse 
ausgestattet, noch mittelalterlich ist. Die grössere von 0,78 m Durchmesser ein 
ümguss von Hackenschmidt in Berlin von 1815 mit dessen hässlichen 
Friesen und dem 0,21 m langen ßeliefbrustbilde des Königs Friedrich Wilhelm III. 
am Körper mag doch wegen ihres schönen Spruchs erwähnt werden: 

DER FREUDE ODER DEM LEIDEN 
IMMER GOTT ZU EHREN. 

Gütter. 

[1320 Guttere, 1378 Gutture, gegen 1400 Juttir, auch Kirchgutter genannt im 
Unterschiede von dem benachbarten Obergütter.] 

Kirchdorf an der Ihle, 3 km östlich von Burg, alter von Plothoscher Besitz. 

Die Kirche, Filial zu Reesen und mit demselben gleichen Patronats, in 
der Mitte des Dorfes, nördlich der WO-Dorfstrasse im Kirchhofe gelegen, bei der 
Visitation 1563 als ,,gar vorwüstet'' bezeichnet, ist eine einschiffige romanische 
Feldsteinkirche kleinsten Formates, ursprünglich nach Schema 11, an der die vier 
kleinen Fenster der Nordseite noch vollständig in ursprünglicher Gestalt erhalten 
sind. Die Apsis ist weggebrochen, wohl schon in mittelalterlicher Zeit, da in 
der jetzt graden Ostwand sich zwei Nischen befinden, die kaum für etwas anderes 
als den Sakramentschrein und die Piscina angesehen werden können. Ursprünglich 
ist kein Turm da gewesen, wie der ganze Zustand der ehemaligen freistehenden 
Westwand beweist, die im Innern des Turmes noch jetzt die regelmässige Schich- 
tung sorgfältig quaderförmig behauener Feldsteine mit ebenso sorgfältig in den 



302 Kreis Jerichow IL 



Mörtel eingeritzter Quaderfugung zeigt. Der gegenwärtige Turm muss aber be- 
reits frülie in romanischer Zeit angefügt sein, da wiederum seine Glockenstube 
ein durch einen beträchtlichen Mauerabsatz eingezogener, verhältnismässig nie- 
driger, noch späterer Zusatz ist und doch auch noch romanische Schallöffnungen 
(nach W. und 0. je vier, nach N. und S. je zwei) hat Giebeldreiecke für das 
Satteldach fehlen. 

Die im Turme hängende Glocke von 0,80m Durchmesser ist sehr alt mit 
rundlicher Haube; am Halse trägt sie zwischen zwei Reifenpaaren die rätselhafte 

Fig. 96. O ü 1 1 e r. Glockeninsch rift. 



Inschrift Fig. 96, deren 5 einzelne Zeichen durch weitere Zwischenräume als auf der 
Abbildung ersichtlich unregelmässig getrennt sind. Die Zeichen sind in dünnen 
Wachsfäden auf die Form aufgelegt gewesen, in breiten Bändern die vierte Gruppe und 
das hier nicht mit abgebildete Teilungskreuz. — Sonst ist die einzige Merk- 
würdigkeit der Kirche eine kleine vernachlässigte und bereits etwas defekte 
ovale gemalte Wappen scheibe des JEwerhard Bolhower Knecht aus der Berg- 
miMe^ von 1660: im Schild über einen Mühleisen Zirkel und Winkelmass ge- 
kreuzt, daneben die Initialen E B., als Helmzier zwei gekreuzte Zimmermannsäxte. 

Hohengöhren. 

[Zuerst 1337 erwälmt als Gorany que nunc Gom dicitur, 1375 Goren, 1386 
bereits Hoghengöme — im Unterschied von dem benachbarten 1520 erwähnten 
Seitten Gerne = Sieden-Göhren — , was denn weiter mit Hoen Gehren (1562) und 
Hohengarne (1503) oder Hogenghame (1528) abwechselnd gebraucht wird.] 

Pfarrdorf mit Rittergut, nicht weit von der Elbe, 2^2 tni nördlich von Bahn- 
hof Schönhausen der Berlin -Lehrter Eisenbahn, alter Besitz des Bistums Havel- 
berg, von dem es die Grafen von Lindow und Ruppin zu Lehen trugen, nach 
deren Aussterben 1524 es das Erzstift an sich nahm. Als Afterlehnsleute er- 
scheinen bereits 1385 die von MöUendorf, in deren Besitz es auch verblieben ist, 
bis es in neuerer Zeit in bürgerliche Hände übergegangen ist Daneben hatten 
auch die von Goeme darin Besitzungen, die sonst als in dem eingegangenen 
Siedengoehren ansässig erscheinen. 

Die Kirche, unter Patronat der Gutsherrschaft, in der Mitte des Dorfes, 
östlich von der !NS-Strasse ziemlich hoch gelegen, ist ursprünglich ein einschiffiger 
romanischer Backsteinbau nach Schema II mit gewölbtem Altarhause nach der 
Weise der von Kloster Jerichow beeinflussten Dorfkirchen,* von welchem das 



*■ Diese liegt 1 km unterhalb des Dorfes an der Ihle. 

* Daher kurz erwähnt von Adler I S.43 und danach von Lotz I S. 305. 



Gfltier. HohengOhren. 303 



Altarhaus und die Apsis mit ihren Gewölben im Innern noch klar erkennbar sind, 
aussen aber unter Veränderung der Fenster u. s. w. gänzlich zu einem Barock- 
Putzbau umgewandelt wahrscheinlich mit gleichzeitiger Anfügimg des Turmes, 
der laut Wappen und Inschrift über der Westthtir 1734 renoviert ist 

Aus dem mittelalterlichen Bau erhalten ist auch in der NO-£cke des Altar- 
hauses ein etwa 2 m hoher flacher Backstein-Einbau mit Giebel und Kreuz, ganz 
übertüncht und verdorben, vielleicht ein ehemaliges Sakramentshaus — gegen- 
über in der Südecke der Apsis die kleine ehemalige Piscina; um dieselbe her- 
um ist in ziemlich roher Weise ein Giebel mit Kreuzblume geujalt 

Das Schiff hat auf drei Seiten eine zweigeschossige Empore, die auf korin- 
thischen Säulen mit vergoldeten Kapitalen ruht Die herrschaftliche Loge be- 
findet sich in einem flachen Anbau an der Nordseite des Altarhauses, darunter 
die Sakristei. 

Der Altar hat auf dem alten aus Backstein gemauerten, jedoch an den drei 
Hauptseiten mit Holz umkleideten Körper einen überaus hässlichen und übel be- 
midten Barockaufbau mit gewundenen Säulen u. s. w. und abscheulichen 
Schmierereien der Einsetzung des h. Abendmahls und der Kreuzigung — laut la- 
teinischer Inschrift renoviert und dekoriert 1772. — Dagegen ist die von 1697 
datierte Kanzel eine sehr charakteristische und beachtenswerte Arbeit der Ba- 
rockzeit in Weiss und Gold. Sie ist in eigentümlicher Weise in die SO-Ecke 
des Schiffs gedrängt, während die Treppe und die Thür dazu im Altarhause 
liegen, so dass der Aufgang um den Triumphbogenpfeiler herum sehr beschwerlich 
ist Auf einem Steinsockel tragen drei Engelputten in natürlicher Grosse ein 
niedriges palmenartiges Gewächs, aus dem sich das Polygon erhebt Dieses ist 
an den Ecken mit schön geschwungenen Akanthusvoluten bekleidet, über denen 
Engelsköpfe das krönende Gesims tragen, Engelsköpfe sind auch unten in der 
Mitte jeder Polygonfläche angebracht Geringer ist die diagonal in die Ecke ge- 
stellte Rückwand hinter dem Polygon mit der übel geraalten kleinen Ganzfigur 
des segnenden Christus mit der Weltkugel in ovalem Rahmen. Auf dem Schall- 
deckel wieder drei Engelputten mit den Enblemen von Glaube, Liebe und 
Hoffnung. 

An der Südseite des Altarhauses ist das grosse geschnitzte und bemalte 
Wandepitaph des Amtshauptmanns zu Dieskau u. a. w. Heinrich Burchard von 
Möllendorf gest 26. Mai 1718 zu bemerken, errichtet von seiner Witwe Sophia 
Elisabeth von Dieskau, gest 24. September 1731, deren Grabschrift mit aufgenommen 
ist. Vor einem sarkophagartigen Ausbau hängt von zwei auf den Ecken des- 
selben sitzenden nackten Engeln gehalten die Grabschrift als fransenbesetzter 
Vorhang herab. Dahinter auf einer obeliskartigen Tafel, umgeben von 
16 Ahnenwappen, das ölbrustbild des Verstorbenen in einem geschnitzten ovalen 
gekrönten Lorbeerkranz. Oben ein kolossales ionisches Rlasterkapitäl, auf welchem 
eine Putte die beiden Wappenschilde des Ehepaares hält. 

Unten im Turm ist als innere Eingangsthür die sehr hübsch und zierlich in 
Barockformen dekorierte, leider ganz in grau übertünchte Thür des früheren 
Patronatsstuhles angebracht Nördlich neben ihr an der Wand ein Sandstein- 
epitaph mit der stark erhabenen nach links gewandten Relieffigur eines in ge- 
spreizter Haltung über seinem Helme stehenden gepanzerten von Möllendorf. 



304 Kreis Jeriehow II. 



Die Inschrift fehlt, nach der Form des Panzers gehört die handwerksmassige, 
aber wohl erhaltene Arbeit jedoch dem Ende des XVI. Jahrhunderts an. 

Von den Glocken hat die grösste von 1,12 m Durchm. am Halse zwischen 
zwei ungewöhnlich schön geschwungenen und im Gusse gelungenen Putten- 
guirlandenfriesen das Distichon: 

CHRI8TIGENAM SONITV PENETRANTl CONVCXX) PLEBEM 
IN TEMPLVM SERVET ME SINE LABE DEVS 
Am Körper die Namen der Patrone mit dem schön ausgeführten von Möllen- 
dorfschen Wappen und des Pastors und GOS MICH CHRISTIAN HEINTZE AVS 
BERLIN ANNO 1694 DEN 20. MAIL — Die zweite von 0,98 m Durchme^er hat 
am Halse über einem abwärts hängenden lilienblumen-Friese die Minuskel- 
umschrift: Im iii n"" (ccccii (1506) fflicte IfMtiti $n ft$ tiU$ Iti« ifMrtt 

vidi %9t midi it ttppt \M i|r(0 «ari ii|0iifr. — Die dritte von 0,58 m Durch- 
messer ist Beispiel eines höchst ungeschickten Gusses. Von der Umschrift am 
Halse aus zum Teil umgefallenen Minuskeln auf roh weggemeisseltem Orunde 
sind erkennbar auf der einen Seite gut auf der andern iiri; auf dem Körper 
eine kleine Krucifixusgruppe und noch ein paar andre unerkennbare Reliefs. 

Unter den Altargeräten ist nichts Bemerkenswertes. Das Visitationsprotokoll 
von 1562 sagt: „Es seint auch vor Jahren 2 Monstrantzien und 3 Kilche in der 
Kirchen vorhanden gewesen. Davon will itzo niemand wissen.*' 

Der eine Dorfkrug hat noch an der Front gegen die Dorfstrasse den alten 
vier Joch breiten Überbau für die Unterfahrt der Wagen. 

Hohenseeden. 

[1144 Sadun, 1209 magnum et parvum Sodin — letzteres das schon zu von 
Alvenslebens Zeit „längst wüste'' Ltitgen Seeden — 1211 parva et magna Soden, 
1307 Magnum Seden, 1500 alta Seden, 1562 Hoen Seden.] 

Pfarrdorf, 11 km ostnordöstlich von Burg, 15km südwestlich von Genthin, 
3 km südlich von der Haltestelle Güsen der Berlin- Magdeburger Eisenbahn, auf 
dem hier sehr steilen Rande des von Burg bis vor Genthin sich südöstlich der 
Ihleniederung hinziehenden Höhenzuges gelegen, 1144 dem Kloster Berge,^ nach- 
her zu Niegripp gehörig, 1509 von Ldppolt von Arnim erkauft 

Die Kirche, im westlichen, wendisch angelegten Teile des Dorfes auf der 
Südseite gelegen, noch jetzt unter Patronat der verschiedenen Zweige und Nach- 
folger der von Amimschen Familie, ist ein, mit Ausnahme der Westfront, wohl- 
gefügter einschiffiger romanischer Feldsteinbau nach Schema 11, der sich jedoch 
insofern als in dieser Gegend völlig einzigartig darstellt, als sich über dem quer- 
oblongen Altarhause ein Turm erhebt Derselbe gehört zu der ursprünglichen 
Anlage, nur die jederseits zwei Schallöffnungen der Glockenstube, in denen je 
zwei Spitzbogenöffnungen durch einen ungeschickten Stichbogen überfangen 
werden, sind spätere Veränderungen in Backstein. An dem vier Fenster langen 



* Nach Holstein wäre es mit dem 975 von Otto III. dem Kloster geschenkten Semh 
iina in pago Morosini identisch, doch ist dies wohl eher auf ßchweinitz bei Loburg eu deut^i, 
das 1209 auch im Besitze des Klosters erscheint. 



Hohenseeden. Jerchel. 305 



Schiffe sind an der Nordseite noch zwei Fenster in ursprünglicher Oestalt und 
Kleinheit erhalten, an der Nordseite des Altarhauses ebenfalls das etwas grössere 
und in der niedrigen Apsis die alten drei, am Schiff femer auch die beiden 
nach Westen zu auf der Nord- und Südseite gelegenen Rundbogenpforten. Die- 
selben haben noch alte Thüren mit charakteristischen Beschlägen. Die grossen 
graden Eisenbänder sind in mannigfachster Weise mit \ förmigen Stücken 
besetzt, die auch auf den freien Flächen in verschiedenster Lage und Zusammen- 
stellung aufgenagelt sind. Schwerlich gehören diese Beschläge noch der roma- 
nischen Zeit an, sind vielmehr der Renaissanceperiode zuzuschreiben. Die 
Priesterthür an der Südseite des Altarhauses ist vermauert 

Im Innern ist am Triumphbogen unter dicker (Jbertünchung der alte, aus 
Plättchen und Yiertelrundstab zusammengesetzte Kämpfer noch erkennbar. 

An der Nordecke in der Apsis ist der Sakramentschrein mit einfacher 
Sandsteinumrahmung, die mit einem Eselsrücken abschliesst, unter dem etwas 
Masswerkdekoration auftritt, erhalten. 

Der gotische Tauf stein ist zwölfeckig, übereck 0,98 m, die innere Höhlung 
0,74 m messend. Unter dem etwas profilierten Rande hat er einen tief aus- 
gegrabenen Fries, in welchem auf jeder Polygonfläche ein Büschel Ahorn-, Eichen- 
u. drgl. Blätter steht Zwölfeckig ist auch der Fuss, der sich als eine von scharf 
profiliertem Bande durchbrochene steile Schmiege darstellt Das Ganze so dick 
mit Tünche bedeckt, dass die Form der Blattbüschel kaum zu erkennen ist 

Die beiden Glocken, von 0,91 bezw. 0,75 m Durchmesser sind 1797 von 
Friedrich Gottlieb Brakenhoff in Halberstadt gegossen und haben am 
Halse unter einem hässlichen Fries von aufrecht stehenden Akanthusblättern das 
Gloria in excdsis deo^ auf der kleineren bis hominibus fortgesetzt, mit der deut- 
schen Übersetzung in der Linie darunter. Eine dritte, kleinste ist ein Neuguss 
von Ulrich in Apolda von 1881. 

Jerchel, 

[Nicht zu verwechseln mit dem Jerchel in der Altmark; gegen 1400 Gerchel, 
Gergel oder Jerchil; Heineccius schreibt Jerchels, wohl nur in Verwechselung 
mit dem bei Schollene gelegenen Ferchels.] 

Pfarrdorf mit Rittergut, 16km nordöstlich von Genthin, 5km südsüdöstlich 
von Milow, in ältester Zeit im Besitze einer nach dem Orte genannten Familie, 
1380 in dem der von Hünicke, im vorigen Jahrhundert von Bülow, jetzt in 
bürgerlichen Händen. Die Dorfmark wurde 1595 durch Überschwemmung der 
Havel gänzlich versandet 

Die Kirche, unter Patronat der Gutsherrschaft, in der Mitte des Dorfes an 
der N-Seite der WO-Dorfstrasse gelegen, ist ein niedriger, dürftiger Fachwerkbau, 
von aussen wie ein walachisches Bauernhaus aussehend. Der mit Brettern 
beschlagene Westturm hat eine kleine durchbrochene achteckige Laterne mit 
Schweifkuppel und Spitze. 

Im Innern steht die alte, ausser Gebrauch gesetzte Sandsteintaufe, ein 
kurzer Cy linder von 0,86 m Durchmesser, der sich nach unten abschrägt, auf 
unbehülflichem Fusse, in eine Ecke der an der Südseite ausgebauten herrschaft- 
lichen Prieche so ungeschickt hineingeklemmt, dass von der am Cylinder ein- 

Dle KrelM Jeriehow. ^0 



306 Kreis Jerichow IT. 



gegrabenen Inschrift nur die Worte ANNO DOMINI I50IALBERTVS zuerkennen 
sind und unter den beiden ersten die Initialen AHZ. — Das Taufbecken ist eine 
der bekannten Messingschüsseln mit dem Sündenfali und der sechsmal 
wiederholten unerklärten Legende im Fond, auf dem Bande Blätter in zwei 
Reihen und Lagen eingeschlagen. 

Auf der kleinen Orgel stehen jetzt als Bekrönung die Reste eines mittel- 
alterlichen Schnitzaltars: zwei Madonnen, St Georg und ein Bischof in Vs 
Lebensgrösse, alle nicht sehr geschickt gemacht und in der Bemalung ganz übel 
,,reno viert" — Ein kleiner sechsarmiger Kugelleuchter in Gelbguss ist ab- 
weichend von der gewöhnlichen Erscheinung seiner Sippe in Rokokoformen 
dekoriert — In der herrschaftlichen Prieche steht ausser sechs Arm stuhlen 
auch ein Sofa in blühendstem Rokoko, das Holzwerk in Blau und Silber 
staffiert. 

Von den Glocken ist die kleinere von 0,52 m Durchm., ohne Inschrift, 
mittelalterlich. Sie hat am Körper verteilt drei schlecht ausgeprägte Reliefs ohne 
Einfassung 1. den heiligen Mauritius 0,13 m lang, darunter ein Bogen mit nach 
oben gerichtetem Pfeil, wie eine verzogene gotische Lilienblume aussehend. 
2. ein thronender Bischof, 3. ein völlig unerkennbarer Ritter. — Die grössere 
von 0,83 m Durchm. ist laut Umschrift am Halse ein Umguss von C. 6. 
Ziegener in Magdeburg von 1780. 

Jerichow^.* 

[1144 — aber nach späteren Abschriften — Jerchow und Jericho, 1146 
Jerichow, 1158 Jerico, 1164 Jhericho, 1259 Jericowe, 1260 Jerichowe, 1276 
Jerchouwe, 1283 Jerichau, 1312 Jerchowe, im XVI. Jahrhundert und später meist 
Jerichau; von Alvenslebens Bemerkung, dass der Ort früher GericUsauw 
geschrieben sei, ist wohl nur eine, durch keine Urkunde bestätigte, linguistische 
Erfindung des Verfassers.] 

Stadt mit Königlicher Domäne, dem ehemaligen Kloster, mit 1895 Seelen, 
unweit der Elbe 10 km südlich vom Bahnhof Schönhausen der Berlin -Lehrter 
Eisenbahn. 



' Literatur. Strack uud Meyerheim, ArchitektoDische Denkmäler der AUmtrk 
1833. Nr. 20: Ahb. der Klosterkirche von NO, mit Text von Fz. Kugler. — von Minutoli, 
Dcnkm. mitteialt. Bank, in den Marken Tb. I 1886 enthält auf der Taf. VII b und c die 
Aufrisse der West- und Ostfa9ade, auf unnumerierten Tafeln die Grundrisse der Kloster- 
kirche und ihrer Krypta und vier Bäulenkapitäle aus der Krypta und dem Refektorium. — 
von Quast, zur Charakteristik des älteren Ziegelbaues in der Mark Brandenburg, mit 
besonderer Bücksicht auf die Klosterkirche zu Jerichow, in Deutsches Kunstblatt von Fr. 
Eggers I (1850) S. 229-231, 2S3~235, 241—244 mit einer Tafel, auf der Fig. 1* 17. 18 
Trapezkspitäl und Friese abgebildet sind. — Essenwein, Norddeutschlands Backsteinbau 
1856, S. 17 mit Ansicht von NO (nach ätrack) auf Taf. I Fig. 8 und von Gesimsen auf Taf. XIII 
Fig. 2. — Adler I S. 36-43 m. Grundrissen, Aufrissen, Schnitten und Details auf Taf. 21 bw 
23 und Details in Holzschnitt im Texte. — Lotz 1 S. 3111 — Winter, Pramonstratenßer 
S. 148-154, 349—352. — von Mülveretedt in Gesch. Bl. II (1868) S. 133 f. - Otte, 
Gesch. d. roman. Baukunst 1894 S. 624— 632. — Otte, Handbuch der Kunstarchäologie '^passim, 
besonders II, 235. — Adler, Ursprung des Backsteinbaus in den baltischen Ländeni' 



•Tercbel. Jerichow. 307 



Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes ^ stammt aus dem Jahre 1144, 
als der Magdeburger Domherr und Dompropst von Bremen Hartwig (1148 zum 
dortigen Erzbischofe erhoben) mit seiner Mutter Bicharda die sämtlichen Grund- 
stücke, Zehnten und sonstigen Gefälle des sacerdos im Dorfe Jericho nebst dem 
Patronat über die Ortskirche und den Dörfern Wulkow, Nitzinthorp (Rodekin) 
und Klein Wulkow dem Bischöfe Anselm von Havelberg behufs Gründung eines 
Prämonstratenserklosters zu ihrem und ihrer verstorbenen Angehörigen, des aus- 
sterbenden Geschlechtes der Markgrafen von Stade, Seelenheile widmeten. Unter 
den Zeugen dieser Urkunde erscheint sogleich Hatimannus casteUanus de Jerichow. 
Es war also damals nicht nur ein Dorf mit Kirche und Pfarre, die zum Sprengel 
von Havelberg gehörten,* sondern auch ein Schloss in gesichertem deutschen 
Besitze vorhanden, letzteres mit einem höchst wahrscheinlich deutschen Dienst- 
manne der Grafen von Stade besetzt Gleichzeitig überliessen die Genannten 
dies Schloss mit allem Zubehör, mit Ausnahme des für das Kloster Gewidmeten, 
wie auch die Schlösser Milow, Altenplathow und Klietz dem Erzstifte Magdeburg 
gegen Zusage von kräftigem Schutze für ihre Erbgüter in den Grafschaften 
Dithmarschen und Nortland. Beide Schenkungen erhielten die Bestätigung des 
Kaisers Konrad III., die erstere bereits am 31. Dezember 1144. Das Schloss, zu 
dem auch ein ElbzoU und eine Münze gehörte, verblieb in den Händen der 
Familie des Hartmannus, welche sich nach dem Schlosse nannte und zumeist die 
Vornamen Heinrich, Johannes und Rudolf führte, wenigstens bis zur Mitte des 
XIII. Jahrhunderts. Nachher erscheinen ihre Mitglieder meist als milUes der 
Herzöge von Sachsen, mehrere auch im geistlichen und Mönchsstande, namentlich 
ein vielfältig, bereits 1260 als Dominikaner zu Magdeburg vorkommender 
Heinrich.' 



Festschrift der Kon. Techn. Hochschule Berlin 1884. — Schäfer, K., Wanderungen in der 
Mark Brandenburg I, Jerichow; in Centralbl. der Bauverwaltung 1884 S. 150 f., 161 f., 172 bis 
174, 235 f. — Adler, die Klosterk. zu Jerichow; daselbst S. 443 f , 466-468, 478—480, 488 
bis 490, 503—505. — Schäfer, K., die Zeitstellung des Klosters von J.; daselbst S. 516 bis 
518, 530 — 538. — Ausserdem ist die Klosterkirche, übrigens in Text und Abbildungen durchaus 
von den vorstehenden Quellen abhängig, so ziemlich in allen Deutschland behandelnden 
Kunstgeschichten und Geschichten der Baukunst berücksichtigt, von denen hier nur Dehio 
u. von Bezold, die kirchl. Bauk. des Abendlandes I (1884-1892) S. 502— 504, mit Orund- 
risSy Ansicht von NW aus der Kavalierperspektive und Details auf Tai 51 Fig. 10, T. 211 
Fig. 5, T. 57 Fig. 5 und 8.311 Fig. 13 angeführt werden mag. Aus der oben S. 11 angeführten 
Schrift von Rudolph über die niederländischen Kolonien der Altmark kommen für J. be- 
sonders die Abschnitte „die baugeschichtlichen Hypothesen'* S. 51— 68 und „Historische Dar- 
legung" S. 69ff. in Betracht. 

^ Das im Jahre 991 im Besitze des Erzstiffcs gewesene Dorf und das im Jahre 997 von 
Kaiser Otto III. dem Erzstifte Magdeburg geschenkte hurgwardium Nirechauua, welches von 
alteren Schriftstellern für Jerichow gehalten wurde, ist vielmehr die Stadt Nerchau an der 
Mulde in der Amtshauptmannschaft Grimma. 

' Dass die Kirche 1129 gegründet sei, darf nicht aus dem Datum der Urkunde von 
1144 geschlossen werden, denn in demselben gehören die Worte et ejuadem ecclesie Jerichon' 
tine nicht zu anno XVI sondern zu episcopi, andernfalls müsste davor fundatumia oder con- 

aecratümia stehen. 

* Über einen Zweig der Familie, der in der zweiten Hälfte des XI.II. Jahrhunderts sich 
nach dem markischen Schlosse Friesack nennt, vrgl. Lisch u. von Mülverstedt, über 

20* 



Kreis Jerichow II. 



Uli 



1.^ 

hl 



Jerichow. 309 



Mit der Einrichtimg des Klosters zu Ehren der h. Jungfrau und des h. Niko- 
laus wurde sofort vorgegangen (vgl. oben S. 20). Bereits 1145 bestätigte der 
Havelberger Bischof dasselbe unter seinem ersten Propste Balderam, indem er 
zur besseren Dotation desselben den Burgward Marienburg (Gabelitz) mit allen 
dazugehörigen Ortschaften widmete und dem Propste das Archipresbyterat im 
Gebiete nördlich von der Stremme übertrug. Die Advokatie des Klosters über- 
nahm, wie für Leitzkau, Markgraf Albrecht der Bär selbst. Ähnlich wie in 
Leitzkau wurde auch in Jerichow den Mönchen der Aufenthalt im Dorfe bei der 
alten Kirche bald unbequem, weil sie durch tumuUum forensis popuK in ihren 
Andaehtsübungen gestört würden. Die Schlossinhaber überliessen daher 1148 
mit Genehmigung des Erzbischofs Friedrich (seine Urkunde datiert nach dem 
23. August) dem Konvent ein beträchtliches Areal nördlich von dem Dorfe, um 
dort Kirche und Kloster an einem stilleren und in jeder Hinsicht bequemeren 
Platze neu zu erbauen, wogegen Bischof Anselm dem Erzstifte 11 Hufen im 
Dorfe Redekin überliess. Ohne Zweifel wurde der Neubau sofort begonnen; wie 
lange er aber gedauert, ist nicht sicher festzustellen. Dass er 1159 bereits fertig- 
gestellt gewesen sei, ist aus der vielleicht in diesem Jahre gewährten, aber un- 
datierten Konfirmation des Klosters durch Papst Hadrian IV. (derselbe regierte 
vom 4. Dezember 1154 bis 1. September 1159) nicht zu schliessen. Auf alle Fälle 
muss er zwischen 1170 und 1172 in der Hauptsache beendet gewesen sein, denn 
im letzteren Jahre erwähnt Erzbischof Wichmann in einer neuen Konfirmation 
des Klosters sowohl die Verlegung und den Neubau des Klosters, den letzteren 
mit den ausdrücklichen Worten: templum cum claustro sicut reipsa apparet 
extruxerunt, als auch die Verleihung der Advokatie des Klosters an die Brüder 
Heinrich und Rudolph von Jerichow durch Markgraf Otto I. (die also erst nach 
18- Oktober 1170, dem Todestage Albrechts des Bären erfolgt sein kann) zur Ent- 
schädigung für ihre zum Besten der Verlegung und des Neubaus gebrachten 
Opfer; andrerseits aber schenkt er 1178, unter der ausdrücklichen Bemerkung, 
dass er schon früher einen frommen Diener Gottes in Jerichow bei dem Bau 
des Gotteshauses unterstützt habe, nunmehr zur Verbesserung der dortigen Prä- 
b enden dem Kloster sechs Hufen holländischen Masses im Fiener. 

Von der weiteren Geschichte des weder sehr reichen noch zu besonderer 
Blüte, am wenigsten zu einer ,, organisatorischen" Bedeutung gelangten Klosters 
ist wenig zu sagen, da das Archiv desselben spurlos verschwunden ist, und die 
sonst vorhandenen Urkunden und geschichtlichen Nachrichten über dasselbe 
äusserst spärlich und lückenhaft sind. Es bildete, da es unter die geistliche 
Jurisdiktion Havelbergs gehörte, auch seine Besitzungen eigentlich hauptsächlich 
aus Havelbergischen Bewidmungen stammten, im späteren Mittelalter offenbar 
häufig den Zankapfel zwischen dem Erzstifte und dem Bistum Havelberg. Über 
die gewaltsame „Reformation'' des Klosters durch Erzbischof Ernst im Jahre 1489 
siehe oben S. 27. Dagegen scheint im Anfange des vierten Jahrzehnts des 
XVI. Jahrhunderts der Havelberger Bischof Busse von Alvensleben (seit 1522, 



eine Gemeinschaflsinünze der Edlen Herren Richard von Friesack und Johann von Plotho, 
in Gesch. El. VI (1871) S. 422-439 mit Abb. der Münze nnd des Siegels des Rieh. v. Fr., 
der auf dem letzteren sich de Jerichowe nennt. 



310 Kreis Jerichow li. 



aber erst 1532 konsekriert), ähnlich wie es der Brandenburger um diese Zeit mit 
Leitzkaa versucht hat, den energischen Versuch gemacht zu haben, die Güter, 
des in Auflösung begriffenen Klosters für sein Stift zurückzugewinnen. Auf sein 
Begehren hatte ihm der damalige Propst Jacobus Moess alle privilegia und Ver- 
schreibungen des Klosters zugestellt, ausserdem alle Steuern und Abgaben dem 
Erzstifte verweigert, von des Klosters Gütern ein Haus in Stendal gekauft und 
sich mit den Kleinodien, Barschaft und anderen Erwerbungen des Klosters dorthin 
begeben. Kardinal Albrecht wusste sich jedoch der Person des Propstes zu be- 
mächtigen und nahm ihn in Haft. Um deren entledigt zu werden, musste sich 
der Propst am Antoniustage (17. Januar) 1533 reversieren [Konzept im Staats- 
Archiv zu Magdeburg], dass er alles thun wolle, um das Geschehene rückgängig zu 
machen, in Zukunft aber keinerlei Versuch mehr machen wolle, um einen anderen 
r^ndesherrn als den Erzbischof zu bekommen. Am 9. September 1534 wurde die 
Sache durch einen Vertrag zwischen Erzbischof und Bischof auf der Moritzburg 
zu Halle [Riedel A, XXV S. 163f.] dahin erledigt, dass die landesherrlichen 
Hoheitsrechte des Erzstifts wie die geistlichen des Bistums von Neuem anerkannt^ 
dem Propste und Kloster — aber nicht deren Unterthanen — aus Rücksicht auf 
die Unvermöglichkeit des Klosters die Hälfte der Landsteuer erlassen wurden, 
vom Bischöfe aber alle in seine Hände gelangten Kleinodien, Privilegien, Siegel, 
Briefe, Kopialien und Barschaft des Klosters demselben binnen zwei Monaten 
zurückgegeben werden sollten. Der Propst befand sich demgemäss auch unter 
den Prämonstratenserpröpsten , die am 15. Juli 1537 vor dem Kardinal Protest gegen 
die Einziehung von Leitzkau durch Kurfürst Joachim IL erhoben. Jedoch fristete 
das Kloster, wenn auch länger als Leitzkau, nur noch eine mühselige Existenz. 
Über seine Aufhebung berichtet von Alvensleben [fol. 518 des Exemplars der 
Stadtbibliothek zu Magdeburg] folgendes: „Nachdem Ertzbischoff Friedrich ge- 
bohrener Marggraff zu Brandenburg, kurtz nach seiner Introduction Anno 1552 
Mittwochs nach Laurentii wahrgenommen, das der Propst des Closters Jacob 
Moss sehr alt und Unvermögen, auch seine zwo mitbrüder, beym Gesinde und 
sonst wenig resped und gehorsam hatten, auch darüber eine unordentliche Hauss- 
haltung erfolgte, das Closter Baufällig, dessen Grentze, Holzungen und Trifften 
geschmälert und aller vorrath verschwendet werde, hat Er durch Herr Christoff 
von Knesebeck Domherrn, und Lippolden von Klitzing, Hoffmeistem, das Closter 
in Augenschein nehmen lassen undHannss von Krussemargken za AdministraHon 
der Haushaltung dahin gesetzt, der dem Probst und Brüdern nottürftigen Unter- 
hallt von Kleidungen reichen sollen, dagegen aber diese Ordens Personen den 
Armen und Gesinde alle Festtage das Evangelium Predigen und die divina irac- 
tiren sollten. Alss aber die Ordens Personen wenige Zeit darnach alle starben, 
lohnete Hannss von Krussmargk dem Ertzbischoffe 4000 Gulden, auff das Closter 
so Ihme zum Unterpfandt verschrieben wardt, aber Anno 1554 nahm auffm 
Landtag zu Hall die Erzstiff tische Landtschafft diesse 4000 fl. zu bezahlen über 
sich, es wardt auch bey Zeiten Ertzbischoff s Joachim Friederichs [also erst nach 
1566] der von Krussemargk gantz abgefunden und das Closter Folgends nebst 
dem Ambte administrirä, und die Intraden zu den Fürstl. Magdeburg, einkünfften 
geschlagen." 

Zum Kloster -Amt gehörten, noch 1755 in besonderer Verwaltung, Briest 



Jerichow. 311 



Cabelitz, Gross- und Klein -Wulkow, Melkow, Molkenberg, Kehberg und Steinitz. 
Das Kirchenpakronat besass das Kloster zu Cabelitz mit Filial Fischbeck, Gross- 
Mangelsdorf mit PUial Klein-Mangelsdorf, Gross-Wulkow mit den Filialen Klein- 
Wulkow und Briest, Jerichow Pfarrkirche mit dem Filial Steinitz (welches nach 
Aufhebung des Klostei-s zu einer selbständigen Pfarre gemacht und ihrem In- 
haber die Seelsorge des Klosters übertragen wurde), Melkow mit Filial Wust, 
Molkenberg (zur Zeit der Visitation als Filial zu SchoUehne gelegt), Neuen- 
Klitsche mit Filial Alten -Klitsche, Nielebock mit Filial Scharteuke, Rehberg (zur 
Zeit der Visitation vom Pfarrer zu Schönfeld mit verwaltet) und Zolchow (1664 
an die von Katte abgetreten). In der Klosterkirche hatten die lutherischen Geist- 
lichen der Stadtkirche an den hohen Festtagen und einigen Sonntagen Neben- 
gottesdienste zu halten. Doch geriet dies in ziemliche Vernachlässigung, be- 
sonders infolge der Verwüstungen des dreissigjährigen Krieges. Infolge davon 
wurde die fast ganz profanierte Kirche 1684—85 auf kurfürstliche Kosten in der 
Weise damaliger Zeit renoviert und der kleinen reformierten Gemeinde zum 
Mitgebrauch überwiesen.* 1831 traten die beiden Gemeinden der Union bei, und 
1856 erfolgte eine abermalige Renovation der Kirche, welche das Innere von der 
Tünche befreite und die Westempore anlegte. 

Das Siegel des Klosters [vrgl. von Mülverstedt a.a.O. S. 133J zeigt in 
einem Stempel aus dem XIII. Jahrhundert, wenn nicht älter, von mehr als 
Doppelthalergrösse als Bild links St Nikolaus mit Stab und Buch, rechts B. V. 
Maria mit dem Christkinde, einen Lilienstengel haltend auf einem Throne, als 
Umschrift: + SIGILLVJD . aÜÖEa BBÄTa . MÄRIB . VR6IEIS . I . 
laRIOhO. 

Das Schloss nebst Stadt und Land Jericho (d.h. sofern es im Besitzo des 
£rzbischofs, des Richard von Vrisach imd Kolekin von Jerichow oder von ihnen 
zu Lehen ausgethan, nicht aber was davon im Besitze des Henricus de Calue 
und seines Brudersohnes war) überliess 1259 Erzbischof Kudolf dem Markgrafen 
Otto von Brandenburg, und, infolge davon in die Kämpfe zwischen dem Erzstift 
und der Mark um den Besitz dieser ostelbischen Lande hineingezogen, kam es 
erst durch den Vertrag von Treuenbrietzen 1354 und den Zinnaer Vertrag von 
1449 dauernd in den Besitz des Erzstiftes zurück, welches dasselbe zunächst 
durch advoaxti oder capüanei verwalten liess, später aber vielfach wechselnd ver- 
pfändete, am längsten im XVI. Jahrhunderte an die von Plotho, bis es 1588 
wieder als erzbischöfliches Tafelgut eingelöst wurde. Andre zum Schlosse gehö- 
rige Lehngüter, wohl die 1259 im Besitze des Heinrich von Calbe befindlichen, 
waren im XIV. und XV. Jahrhundert teils im Besitze der von Barby, welche 
ihren Anteil an die von Treskow verkauften, teils in dem der von Meyendorf, 
welche ihren Anteil 1607 dem Domkapitel zu Magdeburg für 7700 Thaler über- 
liessen. Das „Amt*' Jerichow, zu dem ausser dem Schlossgebiete und der Stadt 
&ross-Mangelsdorf, Redekin und das eingegangene Heidelbleck gehörten, war erst 
kurz vor Qundlings Zeit mit in das Kloster verlegt worden; seine früheren 



* Vigl. Dan. Heinr. Hering, Neue Beitrage zur Gesch. der Ev. Reform. Kirche in den 
Preu88.-Brand. Ländern 1 (1786) S. 162-167. 



312 Kreis Jerichow II. 



Gebäude hiessen damals „das alte Kloster " ^ Ein 0,(B7 m im Durchmesser halten- 
des rundes Siegel desselben, dessen wohl der Mitte des XVII. Jahrhunderts 
angehöriger Stempel sich im Geh. Staats- Archive zu Berlin befindet, zeigt als 
Bild eine etwas freie Ansicht der Klosterkirche von SW., an welcher über dem 
Westportal der erzbischöfliche Wappenschild angebracht ist, mit der Um- 
schrift: FÜRSTL. ERZSTIFT MAGDEB.: AMBT lERICHAV. (Abb. am Schlüsse 
dieses Abschnittes Fig. 131.) 

Die Stadt war eigentlich immer nur ein offener Flecken, von welchem es 
im Visitationsprotokolle von 1563 heisst: „welches sich vor eine Stadt ausgiebt,'' 
galt auch zu von Alvenslebens Zeit nur als Flecken, hatte jedoch bereits im 
Anfange des XIV. Jahrhunderts wirkliche Stadtrechte. Am 13. Mai 1336 [vrgl. 
Eiedel, B.II. S. 104f.] traf Markgraf Ludwig ausführliche Bestimmungen über die 
Gerichtsverfassung von Stadt und Ijand Jerichow, wobei den Städtern verboten 
wurde, vom städtischen Schöffengericht femer nach Burg zu appellieren, sie viel- 
mehr damit an die Neustadt Brandenburg gewiesen wurden, während die nobiles 
und rustici des Landes Jerichow sich mit ihrer dubitcUio und appeUaMo lediglich 
an die Schoppen der Stadt J. wenden sollten. Gleichzeitig wurde der Büi^r- 
schaft erlaubt, ihre damals durch Überschwemmung der Elbe weggespülte und 
zerstörte Stadt, wo es ihnen auf ihrem Territorio gefalle, neu zu erbauen und zu 
befestigen. Diese Verlegung, wenn auch nicht Befestigung wird damals wirklich 
erfolgt sein, denn während die alten Thüren der Stadtkirche auf deren Südseite 
sich befanden, die Stadt also ehemals nach dieser Richtung lag, erstreckt sie sich 
gegenwärtig, wie auch schon auf von Alvenslebens Prospekt (s. Fig. 97 bei C) 
nordwärts der Kirche auf dem vorher sicherlich unbebaut gebliebenen Gelände 
nach dem Kloster zu. Im Wappen führt sie nach Hermes-Weigelt den 
h. Georg mit dem Lindwurm. 

Das einzige bemerkenswerte Gebäude der Stadt' ist die jetzt am südlichen 
Ende derselben gelegene Stadtkirche, fiskalischen Patronats, nach Gundling 
dem „h. Geist" gewidmet, jedoch ist der Titelheilige, obgleich sie bereits 1144 
urkundlich erwähnt wird, sonst nirgends überliefert. Es ist ein einschiffiger 
romanischer Backsteinbau mit etwas schmalerem, grade geschlossenem quadra- 
tischen Chore mit drei hochgestellten Fenstern auf jeder Seite, welcher also auch 
hier die bei den Kirchen der bedeutenderen Burgwarde des Kreises Jerichow I. 



^ Von den Gebäaden des ehemals westlich von der Stadtkirche gelegenen Schlosses ist 
jetzt, nachdem 1893 das Terrain völlig geebnet ist, nicht eine Spur mehr vorhanden. Auf 
von Alvenslebens Prospekt (siehe Fig. 97) erscheint unter B noch der alte, eines Daches 
entbehrende, viereckige Westturm der Burg, von anderen ßaulichkeiten derselben scheinen 
schon damals nur noih unbedeutende Reste vorhanden gewesen zu sein. 

' Das ganz schlichte moderne Rathaus enthält von Altertümern nur eine Anzahl Siegel - 
Stempel der aufgehobenen Innungen, von denen der ältere, wohl noch dem XVII. Jahrhundert 
angehörige der Schneider in das Provinzial-Museum zu Halle gelangt ist. Der der Müller 
ist von 1770 datiert. Etwa gleichzeitig wird derjenige der Pantoffelmacher sein, welcher über 
einem von zwei Blattzweigen begleiteten Schaftstiefel den Doppeladler zeigt, über welchem 
eine Krone schwebt. Ueberaus roh ist der 0,043 im Durchmesser haltende der Schuster, 
welcher einen unförmlichen Reiterstiefel in der Form der Zeit des grossen Kurfürsten enthalt 
und wohl dieser Zeit angehören wird. 



Jerichow. 313 



bemerkte Form hat Die ursprünglich turmlose Westfront trägt einen schon auf 
von Alvenslebens Prospekt bei A vorhandenen niedrigen Fachwerkturm mit 
schlanker achteckiger Spitze und ist durch einen modernen % Vorbau in Back- 
stein verdeckt. Die ursprünglichen Thüren zum Schiff und Chor an der Süd- 
seite sind vermauert, dafür sind spätere an der Nordseitc des Schiffs und in dem 
West- Vorbau angebracht 1892 und 93 ist die Kirche von allerhand An- und 
Einbaugerümpel befreit und innen neu geweisst. Die äussere Erscheinung des 
Baus ist sehr schlicht. Aus einem sehr hohen Sockel (der über einem Fundament 
aus Plötzkyer Bruchsteinen aus zwei Lagen Backstein, dann einem Viertelrund- 
stab, darüber 14 Lagen Backstein und einer einfachen Schräge besteht) erheben 
sich schlichte rechteckige Lisenen, welche oben den einfachen Rundbogenfries 
tragen. 

An der ganzen Nordfront zeigen sich deutlich die Spuren von wieder zu- 
gemauerten ehemaligen Durchbrechungen der Wände, aber verschieden am Chor 
und am Schiffe. Am Chor sind drei (unter jedem der drei Fenster eine) sehr 
schlanke Bundbogenöffnungen eingeschlagen gewesen, die bis ganz unten durch 
den Sockel hinuntergehen, und zwischen denen Pfeiler in Breite von drei Steinen mit 
den Wandlisenen, welche ihre Sockel behalten haben, stehen geblieben sind. Diese, 
hier auch im Innern trotz der dicken Tünche noch deutlich erkennbaren Durch- 
schlagungen sind sehr sorgfältig mit Backsteinen desselben Formates wieder ver- 
mauert Anders am Schiffe. Auch hier sind die alten Lisenen mit den benach- 
barten Steinen stehen geblieben, nur die östlichste ist ebenfalls fortgeschlagen 
gewesen; aber die Spuren der ehemaligen Durchbrechungen gehen durch die 
Fenster hindurch bis dicht unter das Kranzgesims hinauf und zwar immer je 
zwei dergestalt schräg gegeneinander ansteigend, dass man annehmen muss, es 
sei beabsichtigt gewesen, unter Entfernung je eines Mittelpfoilers aus je zwei 
Jochen grosse Spitzbogenöffnungen behufs Anfügung eines fast gleich hohen 
Seitenschiffes herzustellen. Diese Öffnungen sind mit einem höchst unregel- 
mässigen Gemengsei von Backsteinen, Granitfindlingen ganz ungleicher Grösse 
und Plötzkyer Bruchsteinen wieder geschlossen. Über die Zeit dieser Bauver- 
änderungen fehlt es an jeder urkundlichen Nachricht, die auch nur einen Wahr- 
scheinlichkeitsschluss erlaubte, und es wäre verlorene Mühe, darüber Hypothesen 
zu spinnen. Der Augenschein lehrt aber, dass der Diirchbruch und seine Wieder- 
verschliessung am Chore älter sein muss als am Schiffe, und das Mauerwerk der 
Verschlüsse an letzterem mit seinem Materialgemenge entspricht ganz dem an 
Flick- und Neubauten aus dem letzten Viertel des XVL Jahrhunderts, z.B. an 
den Kirchen zu Loburg und Möckern und an den Schlössern zu Königsborn und 
Leitzkau vorkommenden. 

Im Innern ist der ausgeeckte Triumphbogen bereits angespitzt, seine 
Kämpfergesimse aus Sandstein sind als umgekehrte attische Basis gegliedert [Abb. 
bei Adler, L, S. 43]. 

Der Altar ist ein hölzerner Tisch, dessen gekreuzte vier Füsse reich in 
Rokoko geschnitzt sind. Die alte Mensa mit Reliquiengruft und Weihekreuzen 
liegt, sehr abgetreten, jetzt im Pflaster, nördlich vom Altare. 

Die lange im Pfarrgarten gelegene, jetzt wieder in die westliche Vorhalle 
der Kirche gebrachte alte Sandsteintaufe hat einen kurzen Fuss, der nur aus 



314 Kreis Jericboir II. 

einer steilen, oben mit Riindstab abgeschlossenen Schmiege besteht Das Becken 
von 1^ m Durchmesser ist sechzehoseitig mit etwas nach innen geschweiften 
Seitenflächen; oben an jeder Seite ein nach abwärts gerichtetes Ualbkreisschild, 
gefüllt mit in den mannigfachsten Formen abwechselndem spatromanischen Blatt- 
werk, dessen Stiele sich oben über die im flachen Rundstab gebildete Randleiste 
der Kufe hinUberlegen, Unten am Becken entsprechende Halbkreisschilde, aber 
kleiner, aufrecht stehend und ohne Omamentfüllung. 



Fig.08. Jerichaw. Stsdtkircbe. Hnupttcit des v.|AnistedMcheD GralinisiB. 

An Kirchengeräten waren nach dem Visitationsprotokoll von 1563 ein 
ifonstranz, ein ,,klein Zinnbelchen," eine ziemlich gi-osse Glocke und ein Kelch 
vorhanden, die als überflüssig verkauft werden sollten. Jetzt ist alt nur di<* kleinere 
Glocke von 0,34m Durchmesser, welche am Halse die Minuskelinschrift: + W 
+ «arJI + fritll + fUu + Umlnt , am Körper aber das Flachrelief des h. 
Moritz und auf der Gegenseite in kleineren Figuren die Verkündigung tragt W* 
grosse ist ein Neuguss von Gebr. Ulrich in Laucha und Apolda von 1866. — Vor 
dem Altar hängt ein achtarmiger Krystallkronteuchter aus der BarockMit 
mit reichem Behang, zwischen dem die in Krystall nachgeahmte Kette des schwarzen 
Adlerordens, dessen Kreuz ganz unten herabhängt, sich durchwindet 



Jerichow. 315 




Yon Orabdenkmälern ist das bedeutendste das grosse von Arnstedt- 
sche Wandepitapb (s. Fig. 98) innen an der Südwand des Chors. Das, laut 
Inschrift unten, von Dechant, Senior und mehreren Kapitularen des Magdeburger 
Erzstifts als Testamentsvollstreckern des Verstorbenen errichtete Grabmal ist in 
seinem Unterbau aus Sandstein, der Oberbau im Architektonischen aus grauem, 
in allem Figürlichen aus weissem Marmor hergestellt. Der weit vorkragende 
Unterbau wird von zwei mächtigen knienden Türkenkriegem getragen. Auf dem 
Schilde am Rücken des linken, welches die Mondsichel und einen sechsstrahligen 
Stern in Relief als Schildfigur trägt, ist eingegraben: M. BASTIAN ERTLE 

STEINMEZ ZV MAGDEBVRQ . AO 1609. Dabei sein Steinmetzzeichen (s. Fig. 99). 
Auf der Platte knien rechts ein Ritter im Harnisch, der am 19. Mai 16ü6 ver- 
storbene Hauptmann zu Jerichow und Sandau Melchior von Arnstedt, links seine 
Frau, die am 27. Januar 1600 gestorbene Katharina von Hünicke, 
beide betend, auffällig hoch nach oben blickend. Der sehr reich 
dekorierte Säulenaufbau dahinter enthält zunächst ein grosses 
Relief der Anbetung der h. 6 Könige, flankiert von den in 
Nischen stehenden Rundfiguren des Moses rechts und des David 
im Turban links. Darüber in dem schmaleren Aufsatz ein Relief 
der Auferstehung, über welchem das Alliancewappen des Ehe- ^igW. 
paars von zwei Engeln gehalten wird. Ausserdem noch eine 
Menge Statuetten von Aposteln und allegorischen Figuren, welche bei einer nach 
langer Verwahrlosung und Verstümmelung kürzlich erfolgten würdigen Restau- 
ration des Denkmals gereinigt, ergänzt und vervollständigt sind. Das in der 
Technik der Ausführung hervorragende, im Stil des Figürlichen und Omamen- 
talen für seine Entstehungszeit massvoll gehaltene Denkmal ist von grösster 
Ähnlichkeit, in den tragenden Türkenfiguren vollkommen identisch mit dem von 
demselben Meister Sebastian Ertle für den 1605 gestorbenen Generalkorathur der 
Bailei Sachsen Johann von Lossow im Dome zu Magdeburg errichteten. Nach 
der Weise der Zeit zu diesem Wandepitaph gehörig und wahrscheinlich ursprüng- 
lich vor demselben im Fussboden gelegen, später an der gegenüberliegenden 
Nordwand des Chors aufgerichtet und bei der jüngsten Renovierung wieder bios- 
gelegt sind die schlichten Sandsteingrabplatten mit den flachen Relieffiguren des 
Ehepaars, der Mann von vom gesehen barhaupt im Harnisch mit Feldbinde und 
Streitaxt, den Helm zwischen den ungeschickt gespreizten Füssen; die Platte der 
zu seiner Linken stehenden Frau stark abgetreten. 

Jetzt liegt im Pflaster vor dem grossen Wandgrabmal eine sehr stark ab- 
getretene Platte, welche — für die Entstehungszeit merkwürdig nur in Umrissen 
graviert — die Figur einer 1552 verstorbenen DOROTHEA VON MANDELSLO 
ALFERT VON (das Folgende unleserlich, vielleicht: von Meiendorfs Haus- 
frau?) trägt. 

Die Klosterkirche^ S. Mariae et Nicolai, fiskalischen Patronats, nordwest- 
lich der Stadt inmitten der jetzigen Domäne gelegen, ist eine in der Hauptsache 
romanische flachgedeckte kreuzförmige Säulenbasilika aus Backstein mit Halb- 
kreisapsis am quadratischen Chor und ebenfalls halbkreisförmigen Nebenapsiden 



' Grundriw des noch vorhandenen Bestandes der Klosteranlage s. Fig. 100. 



316 Kreis Jerichow IL 



an den Nebenchören und doppeltürmiger Westfa^ade. Sie ist — nach Adler — 
177' 4" lang, das Schiff im Lichten 55' 3" breit, (u.zw. das Mittelschiff 25' 4", 
das nördliche Seitenschiff II' 9", das südliche 11' 3\V'i d*z^ ^^ö Pfeilerstärken) 
das Querschiff 81' 3" breit; die Höhe des Mittelschiffes beträgt 47 V»', die der 
Türme im Mauerwerk 115' und einschliesslich der Spitzhelme 187 ^V- 

Die Mauern bestehen, auch an der Hauptapsis und im Innern des Haupt- 
chores, bis zur Höhe von etwa 5' über dem Erdboden aus Plötzkyer Bruchsteinen, 
die mit einer einfachen Schräge in Backstein abgedeckt sind; davon sind jedoch 
ausgenommen die ganze Turmpartie und das westlichste Joch des Schiffs, wo 
gleich von Grund auf der Backstein auftritt, eine Verschiedenheit in der Zeit 
der Bauausführung anzeigend, und die beiden Nobenchöre mit ihren Apsiden, 
an deren nördlichem der Backstein ebenfalls gleich von Grund auf erscheint 
während an dem südlichen die Bruchsteinplinthe nur die halbe Höbe er- 
reicht, an beiden aber die Plinthe mit einem reicher profilierten Backstein- 
gesims abgeschlossen ist [das aus Schräge, Viertelrundstab, Hohlkehle und Viertel- 
rundstab übereinander zusammengesetzte Profil bei Adler Taf. XXII. Fig. 2J. Es 
ist hier sogleich zu bemerken, dass die Mauern dieser Nebenchöre bis über 
Manneshöhe ausser Verband sowohl mit denen des Chors als des Querschifk auf- 
geführt sind, wodurch nebst der Verschiedenartigkeit der Plinthen von vornherein 
die spätere Hinzufügung dieser Nebenchöre bezeugt ist Über der Plinthe ist am 
nördlichen Seitenschiffe die Mauer durch flache schmale Lisenen, aber nicht den 
inneren Arkaden entsprechend, gegliedert, welche oben durch einfachen Bund- 
bogenfries, über dem noch ein Zahnschnitt läuft, verbunden sind; die dem wesU 
liebsten Arkadenpfeiler entsprechende, den Wechsel in der Bauausführung an- 
zeigende Lisene ist dagegen von beträchtlicher Breite. Die 5 ursprünglich 
romanischen Fenster dieser Seite sind in einer spätgotischen Bauveränderung, 
welche sich auch an den Elausurgebäuden mehrfach bethätigt hat, in Doppel- 
fenster mit Stichbogenbedeckung verwandelt worden, wobei auch die Rundbogen- 
friese oben beschädigt worden sind. In der Mitte ihrer Länge, aber nicht 
unmittelbar unter dem Fenster, sondern etwas weiter nach Westen unmittelbar 
an die Lisene gerückt, durchbricht die Mauer eine schlichte Rundbogenpforte in 
einer rechteckigen Wandvorlage. Die Mauer des Obergadens ist dagegen von 6 
in ihrer ursprünglichen Rundbogengestalt erhaltenen Fenstern durchbrochen und 
ohne Gliederung durch Lisenen (nur dicht am westlichsten Fenster befindet sich, 
auch hier den Wechsel der Bauausführung bezeichnend, eine schmale), aber mit 
einem reicheren Kranzgesimse abgeschlossen, das aus dem sich kreuzenden Bogen- 
friese, einem Zahnschnitt und einem Konsolenfriese darüber besteht An der nörd- 
lichen Querschiffsfront steigen ganz schlichte breite Ecklisenen auf, über denen ein 
einfacher Rundbogenfries mit Zahnschnitt darüber der Giebelschräge folgt, unten 
in der Mitte dieser Front befindet sich eine schlichte Rundbogenpforte in recht- 
eckiger Wandvorlage, die aber oben der Bogenrundung der Pforte folgt, und ans 
welcher eine schmale Mittellisene aufsteigt, welche oben unter einem kleinen 
Rundbogenfenster im Giebel sich totläuft. Die zwei Rundbogenfenster auf jeder 
Seite des Flügels sitzen in der Höhe der Mittelschiffsfenster. Ebenso am Altar- 
hause, das auch dasselbe Kranzgesims wie das Schiff und an seinem Ostgiebel 
den der Schräge desselben folgenden Kreuzbogenfries mit Zahnschnitt darüber 






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Jerichow. 317 



wie das Querschiff besitzt Die Nebenchöre haben wie das Seitenschiff die 
schmalen lisenen zwischen ihren beiden Fenstern, oben aber, wie auch an ihren 
Apsiden (mit je einem Fenster) die reichere Fries -Zusammenstellung, nur dass 
hier über dem Kreuzbogenfries erst der Eonsolenfries und dann der Zahnschnitt 
folgt Ganz ebenso an der Hauptapsis, aber die zwischen ihren drei Fenstern 
aufsteigenden zwei Lisenen sind viel kräftiger als die übrigen an dem ganzen 
Bau, sind ausserdem an den Ecken abgeschrägt, ruhen auf Sockeln in Form 
eines umgestürzten Würfelkapitäls und laufen in kleine skulptierte Sandstein- 
kapitale aus, von denen das nördliche [Abb. Adler I S. 41] ein bärtiges Tier- 
gesicht — es ist wohl ein Löwe gemeint — zeigt, das südliche aber nur ein 
Würfelkapitäl ist, das mit vier Kreislinien unter den Schilden in ganz flacher 
Arbeit dekoriert ist Über den Fenstern der Krypta in der Apsis stehen die 
drei durch bedeutend grössere Höhe und Breite ausgezeichneten Hauptfenster, in 
deren ansgeeckten Wandungen schlanke Viertelrundstäbchen mit (nicht ring- 
förmigen sondern) Würfelkapitälchen stehen und auch dem Bogen folgen 
Bemerkenswert ist, dass die Bögen dieser Fenster und ihre Schrägen nicht ver- 
hauen und dann geputzt, sondern aus einzelnen, besonders geformten, schalen- 
förmigen grossen Formsteinen zusammengesetzt sind [Abb. Adler S. 39p 

An der Turmfac^ade tritt der Mittelbau wie in Leitzkau vor die Flucht der 
Türme heraus. Eine horizontale Teilung derselben zwischen breiten Ecklisenen wird 
zunächst in der Höhe der Oberschiffsmauern durch den gekreuzten Rundbogenfries 
mit zwei Zahnschnitten darüber bewirkt Darüber folgt ein niedriges Mittelgeschoss, 
welches oben mit einfachem Rundbogenfries und Zahnschnitt schliesst Wiederum 
niedriger ist das oberste Geschoss, welches unter dem nach 0. und W. abfallenden 
Satteldache mit dem einfachen Rundbogenfries und doppeltem Zahnschnitt ab- 
schliesst Die unterste Abteilung enthält zunächst auch hier eine rechteckige 
Wand vorläge, in welcher sich über dem dreimal ausgeeckten Rundbogenportal 
mit schlanker Ecksäule und entsprechendem Bogenwulst in der mittelsten Aus- 
eckung und mit Farbenwechsel in den Backsteinschichten, noch drei flache Rund- 
bogennischen befinden, in denen drei kleine rechteckige Reliefplatten aus 
gebranntem und glasiertem Thon eingelassen sind, welche den Eindruck machen, 
als gehörten sie nicht ursprünglich hierher, sondern wären erst später von anderer 
Stelle hierher versetzt Die mittelste zeigt eine gekrönte sitzende Figur mit 
langem Lilienscepter in der Rechten und einer kleinen Weltkugel in der Linken; 
langes Haar scheint ihr über die Schultern herabzuwallen. ,,Unzweifelhaft'' kann 
das nicht die h. Maria sein [die Abbildung bei Adler ist falsch), wie auch die 
Deutung der beiden infulierten sitzenden Nebenfiguren, von denen die rechte 
das Pedum nach innen, die linke nach aussen gewendet trägt, auf die heiligen 



* Diese Formsteine sind eine, ausser hier in Jerichow, in Deutschland nicht vorkommende 
Eigentfimlichkeit des oberitalienischen Backsteinbaus, ebenso wie die zwischen den Haupt- 
fenstem der Apsis in der Höhe der Bogenkämpfer vertielt in die Wand eingelassenen beiden 
halbkugeligen Thonschalen, die freilich hier nicht oder nicht mehr, wie an den italienischen 
Bauten, glasiert erscheinen. Dagegen findet sich die ebenfalls italienische Eigentümlichkeit, 
dass die Rundstabe der profilierten Fenster- und Portal wanduugen nicht im Verband mit der 
Mauer, sondern aus hochkantig gestellten Stücken von 2 bis 3 Schichthöhen aufgemauert 
sind, ausser in Jerichow auch in Sandau, Schön hausen u. s. w. 



318 Kreis Jerichow II. 



Nikolaus und Godehard rein willkürlich ist Darüber befindet sich in dieser 
Abteilung noch eine hohe^ von einem bis an den Bogenfries reichenden Spitz- 
bogen überfangene spitzbogige Dreifenstergruppe mit einfach gegliederten, im 
Farbenwechsel geschichteten Wandungen und Stäben. Im Mittelgeschosse ist nur 
ein kleines, aber sehr zierlich achtteilig gegliedertes frühgotisches Sundbogen- 
fenster vorhanden. Das niedrige oberste ist mit zwei schmalen seitlichen und 
zwei höheren und breiteren mittleren flachen Spitzbogennischen gegliedert, welche 
letzteren je von einem kleinen Bundbogenfensterpaare durchbrochen sind. Die 
Mauern der Türme sind zwischen den breiten Ecklisenen in der Höhe des unteren 
Geschosses und etwas oberhalb des mittleren Geschosses des Zwischenbaus mit 
den gleichen Friesen wie dieser gegliedert Darüber erheben sich noch zwei 
Geschosse, von denen das untere oben mit einer grösseren aber schwächlicheren 
Umbildung des Rundbogenfrieses (breite und unschöne Eleeblattbögen, die je auf 
zwei dünnen, etwas entfernt von einander stehenden Rundstäben mit einfachem 
Yiertelkreiskonsol darunter ruhen) und zwei Zahnschnittreihen darüber, das 
oberste mit dem gekreuzten Winkelfries abschliesst Diese beiden Obergeschosse 
haben ebenfalls je ein Rundbogenfensterpaar in flacher Spitzbogennische, die im 
obersten Geschosse von zwei kreisrunden Flachnischen, aber an beiden Türmen 
in verschiedener Höhe, flankiert ist Das Mittelgeschoss hat nur je ein schmales 
Rundbogenfenster, das unterste in der Höhe der vorher erwähnten Reliefs ein 
einfaches Kreisfenster. Die hohen, mit einfacher Eckschräge in das Achteck 
übergehenden Spitzhelme von Holz, um deren Fuss vier kleine Holzgiebel 
gruppiert sind, gehören wohl erst der gotischen Zeit an. 

Im Innern entsprechen den 6 Fenstern des Obergadens nur fünf Arkaden, 
deren Rundbögen, wie auch die Vierungs- und Apsisbögen, einfach ausgeeckt 
und an der Unterfläche geputzt sind. Auch hier macht sich der an der Aussen- 
front nachgewiesene Absatz der Bauausführung sofort bemerklich, nämlich der 
beträchtlich engere und etwas niedrigere westlichste Bogen entspringt auf der 
Nord- wie auf der Südseite ohne trennenden Sims aus einem länglich recht- 
eckigen und mit schmalen Vorlagen nach und W versehenen Pfeiler, der bis 
zur gleichen Höhe wie die Aussenmauern aus Bruchstein besteht, und aus einer 
entsprechenden westlichen Wandvorlage. Die übrigen drei Pfeiler jederseits 
für die höheren Arkadenbögen sind dagegen von Grund auf aus Backstein 
gemauerte kräftige vollkommen cylindrische Rundpfeiler von 3Vi' Durchmesser 
und im Ganzen 14^2 Fuss Höhe. Ihre niedrigen runden Basen, die auf einer im 
Pflaster steckenden quadratischen Plinthe aus Bruchstein ruhen, bestehen aus 
drei Ziegelschichten, einer senkrechten zwischen einer oberen, welche angeschärft 
profilieii ist und ringförmig vortritt, und einer unteren, die als zu einem Plätt- 
chen abfallender Kamies geformt ist Oben tragen die Rundpfeiler über einem 
Ringe, welcher dem der Basis völlig entspricht, das charakteristische Trapez- 
kapitäl, welches überall mit einem aus Sandstein gearbeiteten, meist aus mehreren 
Stücken zusammengesetzten, wenig ausladenden Deckgliede abschliesst Die 
Profilierung dieses letzteren ist sehr mannigfaltig aus Platten, Plättchen, Hohl- 
kehlen und Rundstäben, letztere zum Teil von ovaler Form zusammengesetzt 
[Abb. Adler, Taf. XXII. Fig. 3 — G], zuweilen ist es aber auch eine einfache mit 
altertümlich steifem romanischen Blattornament versehene Schräge [Abb. das. Fig. 1]. 



Jericho*. 319 

Weshalb man hier in Jerichow diese, vereinzelt auch in Spandau und Schön- 
hauseo mit dem Trapezkapitäl Torkommenden, schwieriger herzustellenden Säulen 
statt der Pfeiler gewählt habe, wird schwer festzustellen sein; irgendwie eine 
Prämonstratenser- Eigentümlichkeit sind sie nicht, was durch die räumlich and 
zeitlich nächstliegenden Beispiele von Leitzkau, Havelberg und Brandenburg 
widerlegt wird; auch das Beispiel des Mutterklosters zu Magdeburg, dessen 
Hausteinpfeiler ursprünglich den Stützenwechsel zeigten, reicht nicht aus. In 
kleinerem Format finden sie sich aber auch in den romanischen Schallöffnungen 

der Türme der Stadtkircbc 

zu Sandau und der Dorf- 

' kirchen zu Redekin und 

Viesen , in achteckigen 
Varianten zu Schmetzdorf. 
Halbrunde Torlagen 
mit dem Trapezkapitäl 
finden sich auch an beiden 
westlichen Vienmgspfei- 
lem, während die öst- 
lichen ebenso wie die des 
Apsisbogens einfach aus- 
geeckt sind. Bemerkens- 
wert ist, dass sämtliche 
Vierungsbögen und der 
Apsisbogen nicht mehr 
Bundbögen, sondern ein 
wenig, aber sichtbar, an- 
gespitzt sind, und noch 
mehr, dass sowohl an den 
östlichen Vierungspfei- 
lern wie an denen für den 
Apsisbogen die abdecken- 
den Sandsteinkämpfer 

nicht ursprünglich für den 
Fig. 101. Jerichow. ..-.. n- . 

KIo.terkirche. Kämpfer de« .DdOstliehen VieruDgspfeikn.. gegenwartigen Oberbau 

gearbeitet sein können, 
nämlich an den ersteren 
(siehe Nr. 2 des Grundrisses) reichen sie über die Pfeiler in die Flügel, des Quer- 
st^iffes hinans, als wären sie auf Schildbögen an den Umfassungsmauern berechnet 
gewesen (siehe Fig. 101), an den letzteren aber (siehe Nr. 1 dos Grundrisses) sind 
sie zu karz (siehe Fig. 102). 

Die beiden Nebenchüre ergeben sich auch im Innern als eine spätere 
Hinzufügung. da ersichtlich die östliclie Bruchsteinwand der Querschiffaflügel — 
die man sich in dem ursprünglichen Bau ohne Nobenapsiden zu denken hat — 
um ihretwillen erst nachträglich rJurehbroehen ist, da femer die Eckpfeiler der 
Bögen, mit denen sie sich gegen das Querschiff öffnen, die einzigen in der 
ganzen Kirche sind, deren Kämpfer nicht in Sandstein sondern in Backstein 



320 Kreis Jerichoir II. 

herf^stellt sind und zwar in deutlicher Nachahmung des Profils an einem der 
Schiffspfeiler, da endlich, um ein Widerlager für die diese Nebenchöre deckenden 
Tonnengowölbe zu gewinnen, der Nord- wie der Südwand des Altarhauses zwei 
auf einem kräftigen Mittelpfeiler ruhende Schildbögen nachträglich vorgelegt siod. 
Der südliche Nebenehor ist in gotischer Zeit durch Einziehung einer Wölbung 
in zwei Geschosse geteilt worden, von denen das obere nur toid 
Oberchor aus zugänglich ist Diese Wölbung besteht aus zwei Jochen Kreuz- 
gewölbe und einem fünfteiligen Apsisgewölbe, deren bimenfÖrmigoBippen [Profil 
bei Adler S.41] auf Konsolen ruhen, deren zwei aus dem Kapital und der 
attischen Basis mit Eckblatt von einer kleinen Sandsteinsaule bestehen und 
vielleicht von der alten romanischen Füllung einer der Kreuzgangsöffnungen 
herrühren. 

Unter dem Altarhause und der Vierung erstreckt sich, wie im Dome zu 
Brandenburg, auch in der Oesamtanlage mit der dortigen fast identisch, eine 



Fig. 102. Jerichow. 
Klosterkirclie. KEinprer der Sädseite des ApaisbogenB. 

Krypta, die wenigstens in ihrem östlichen Teile schon zur ursprünglichen An- 
lage gehört haben muss, wenn auch über dessen ursprüngliche Eindeckung nichts 
gesagt werden kann. Gegenwärtig ist sie durch eine Säulenreihe in zwei Schiffe 
geteilt und mit quadratischen rippenlosen Kreuzgewölben zwischen einfachen 
Rundbogengurten bedeckt. Sie liegt, wie die Brandenburger, wohl wegen des 
feuchten Untergrundes, kaum 4' tiefer als derFussboden der Kirche in der Erde, 
ragt dagegen bis etwa 10' hoch in die Kirche hinein, so dass der Oberchor be- 
trächtlich hoch liegt. Deutlich unterscheiden sich in ihr zwei quadratische Teile; 
der östliche, unter dem Altarhause liegende, durch breitere, auf einem Säulen- 
paar in der Mitte ruhende Quei^urte vom westlichen geschiedene, hat an den 
Wänden, auch in der Apsis, besondere Sciiildbögen, die auf freistehenden Eck- 
und in der Mitte der beiden Wände auf gekuppelten Wand-Säulen aus Sandstein 
ruhen. An diesen letzteren Säulen sind nur die Basen mit Eckblättem fertig 
ausgearbeitet, die Kapitale und die Kämpfer, welche die Säulen mit den Wänden 
binden, sind rohe Klötze, die offenbar erst an Ort und Stelle nachträglich haben 



Jerichow. 321 

ausgearbeitet werden sollen, woza ein Anfang ausser in der Apsis nur an der 
Säule der nordöstlichen Ecke gemacht ist In der südöstlichen Ecke zwischen der 
Apsis und der Längswand ist ein Konsol als eine tragende nackte, nur mit einem 
Schurz nm die (weggeschlagenen) Lenden bekleidete menschliche Figur [die Abb. 
bei Adler S. 41 ist nicht sehr treu] ausgearbeitet, der entsprechende Klotz an 
der nordöstlichen Ecke ist ebenfalls anausgearbeitet geblieben. In dem west- 
lichen, unter der Vierung gelegenen Teile der Krypta fehlen diese Wandvorlagen; 
seine, wie man aussen deutlich sehen kann, ganz ausser Yerband mit den Yierungs- 
pfeilem aufgemauerten , daher die spätere Hinzufügung beweisenden Umfassungs- 
mauern öf&ien sich vielmehr beiderseits über einem massenhaften Uittelpfeiler in je 
zwei weiten Rundbögen gegen die Querschiffsflügel, aus denen man auf 8' breiten 
Treppen von 7 Stufen in die Krypta hinuntersteigt Ebensolche Treppen führen 
aus einem diesem Teile 
noch vorgelegten schmalen, 
mit zwei Tonnengewölben 

eingedeckten Vorräume 
durch ebensolche Kund- 
bögen in das Schiff der 
Kirche, ganz so, wie diese 
sechsfache Verbindung der 
Krypta mit der Kirche ur- 
sprünglich auch in Branden- 
bni^ vorhanden war. — Die 
Sandsteinsäulen der Mittel- 
reihe haben schlanke Schäfte, 
die sich nach oben etwas 

verjüngen ; der östlichste ^"8- ^'^- Jerichow, 

besteht .U8 fein poliertem Ki«..rB,.h.. K.piti. .i„, b«.i. *, Em^ 

grauem Granit. An den 
attischen Basen dominiert 

das über die Plinthe vortretende, an deren Ecken mit Bändern oder Blättern besetzte 
Unterpfühl. Die aus Platte und Flachkehle gebildeten, gedrungenen Kapitale sind ver- 
schieden dekoriert, vorwiegend mit vegetabilischem Ornament, in welchem Pal- 
metten, namentlich solche, die wie grosse dicke Kammmuscheln geformt sind, 
hervorragen [Abb. bei von Minutoli auf der Tafel mit Saulenkapitälen Fig.3 
und 4]. Figürliches findet sich nur an der östlichsten Säule, an welcher zwei 
gegenüberstehende Ecken — an den anderen muschelartige Eckblätter — je einen 
nach unten gerichteten Löwenkopf tragen, deren einer einen Itfenschen, von dem 
nur noch Bauch und Beine zu sehen sind, verschlingt, während der andere auf 
das auch unter den Palmetten erscheinende lilienblumenartige Ornament stösst 
[die Abbildung bei Adler, Taf. XXII, Fig. 7 ist irreführend ; berichtigt hier Fig. 103], 
aosserdem noch an der nächsten, welche an den Ecken kleine Menschenköpfe, 
und an der zweiten von Westen, welclie an der einen Ecke einen sitzenden Adler 
trägt — Die Aufgänge zum hohen Chor sind ganz vorn in den Ecken 
des in die erste Arkade des Schiffs hineinragenden Vorbaus der Krypta als enge 
,und steile Stiegen von kaum 3' Breite in der Mauerstärke angebracht; innen 

Dl« Knit* Jartckow. 21 



822 Kreis Jericbow II. 



sind über den Thüren derselben Sandsteinplatten eingefügt, welche mit ähnlichem 
altertümlich romanischem Blattornament, wie es an einigen der Kämpfer der Schiffs- 
säulen und Vierungspfeiler erscheint, verziert sind. Die Brüstungen gegen das 
Schiff und die Querschiffsflügel dagegen sind, wie die Orgelempore mit der tragenden 
skulptierten Mittelsäule, Zusätze der Restauration, welche das Innere von der 
Tünche befreit und ihm die ursprüngliche Backsteinfarbe zurückgegeben hat, 
freilich in allzu lebhaftem Tone, so dass, da auch das Pflaster in gänzlich unge- 
musterten grossen roten Backstein -Platten erneuert ist, der gesamte Farbenton 
des kahlen Inneren jetzt ein sehr unsympathisch monotoner ist 

Der hohe künstlerische Wert des nicht in einem Zuge errichteten, doch völlig 
harmonisch wirkenden Bauwerkes ist unbestritten. SchnaaseV S. 306 sagt: 
„Der ganze Bau ist zwar höchst einfach, giebt aber die feierliche und harmonische 
Wirkung, welche auch bei den späteren Wandlungen des Stiles^ den Gebäuden 
dieser Gegend blieb." Dohme S. 107: ,,Das Ganze ein Werk von hoher tech- 
nischer und künstlerischer Vollendung, wohl gegliedert in Disposition und Auf- 
bau; in der Entwickelung des Ausseren mit seinen Lisenen, Bogenfriesen, 
deutschen Bändern und namentlich der schlank aufstrebenden Fag^de steht es 

auf der vollen Höhe des durchgebildeten Stiles ein Werk so edel in 

den Verhältnissen und Formen, wie ähnliches erst die beginnende Gotik wieder 
in diesen Gegenden erzeugt." Nähere Ausführungen im einzelnen sind bei 
Adler nachzulesen. Desto schwieriger ist aber die Frage nach der Baugeschichte, 
um so schwieriger, als es an urkundlichen Nachrichten bis auf die wenigen, oben 
S. 309 und 31 1 angeführten gänzlich fehlt an dem Bau selbst aber weder eine Inschrift 
noch eine Jahreszahl Auskunft giebt. Nach Adlers Untersuchungen erschien 
es als das mit überzeugender Sicherheit festgestellte und danach in der kunst- 
geschichtlichen Litteratur anerkannte Ergebniss, dass die Kirche in der 
Hauptsache der von 1149 bis ca. 1159 ausgeführte, daher sicher datierte älteste 
und zugleich technisch vollendetste Backsteinbau im nordöstlichen Deutschland 
sei, dass dann im Anfange dos XIII. Jahrhunderts eine mehrjährige erweiternde 
und verschönernde Bauthätigkeit gefolgt sei, welche die Krypta hergestellt, die 
Hauptapsis erneuert und die beiden Nebenchöre hinzugefügt habe. Endlich aber 
weise die Westfront mit ihrem flüssigen und reifen Ubergangsstile auf eine 
dritte Bauperiode in der Mitte des XIII. Jahrhunderts. In neuerer Zeit aber ist 
diese Aufstellung in entschiedenster Weise von Schäfer (s. oben S. 307 Anm.) an- 
gefochten und vielmehr folgendes Bild der Baugeschichte entworfen worden: der 
gegenwärtige Bau (denn von dem 1149 begonnenen wisse man nichts) sei bald nach 
1200 angefangen mit Krypta, Hauptapsis, Haupt- und Nebenchören. Ihnen folgten 
das Kreuzschiff und die vier östlichen Felder des Schiffs. An dieser Stelle an- 
gelangt habe der Bau eine Zeit lang stille gelegen. Dann sei im Zusammenhang das 
fünfte Schiffsfeld und der Unterbau der Türme entstanden. Nur dessen westüche, 
das Portal enthaltende Mittelwand sei eine Zeit lang auf Fundamenthöhe liegen 
geblieben, weil man möglichst lange sich eine offene Einfahrt in den im Gange 
befindlichen Neubau bewahren wollte. Etwa 1230 sei diese Portalwand ge- 
schlossen, und der Weiterbau der Turmfa<^ade bis zum Beginn der Turmhelme 
beendet; die ursprünglich nur auf die Länge des Chors berechnet gewesene 
Krypta aber bald nach Fertigstellung des Kreuzschiffes unter der Vierung hin 



Jerichow. 323 



verlängert Der von beiden Seiten in ziemlieh scharfem Tone geführte Streit ist 
abgebrochen worden, ohne zum Austrage gebracht zu sein. Eine massgebende 
Autorität aber hat nicht weiter eingegriffen. Dehio- von Bezold referieren 
nur ohne sich selbst zu entscheiden; nur Dohme äussert sich S. 107: ,4149 be- 
gann hier der Bau einer Kirche. Aber dies kann nicht das heutige Werk sein, 
dessen Formen vielmehr die volle Reife des Ziegelbaus und auch sonst Details 
zeigen, welche auf die Wende des Jahrhunderts als Erbauungszeit deuten.^' Es 
ist bei dem Zustande des Urkundenmaterials und dem rein hypothetischen Kon- 
straktionscharakter der bisherigen Aufstellungen überaus schwer in dieser Frage 
eine gesicherte Stellung zu nehmen. Nach sorgfältiger Prüfung der gesamten 
litteratur und wiederholter eingehendster Untersuchung des Bauwerks, zum Teil 
in Gemeinschaft mit dem bautechnischen Freunde, der den grösseren Teil der 
Zeichnungen dieses Heftes geliefert hat, wage ich folgendes der Begutachtung 
der urteilsberochtigten Leser darzubieten. Zuzugeben ist Schäfer unbedingt, dass 
an dem gegenwärtigen Bau irgendwelche Spuren der von Adler behaupteten Er- 
neuerungsbauten am Oberbau nach einem Brande und besonders am Ostgiebel 
mit der Hauptapsis schlechterdings nicht aufzufinden sind. Ebenso ist die Hypo- 
these von der Ausführung des Baus durch die niederländischen Kolonisten als 
ein Phantasieprodukt preiszugeben (s. oben S. llf.). Andererseits ist ein Zweifel 
nicht wohl möglich, dass die Formengebung des Baus lombardischen Vorbildern 
nachgebildet ist, und sowohl die Formengebung als die Maurertechnik tritt von 
vornherein so ausgebildet und fertig auf, dass dies wohl nicht anders als durch 
Herbeiziehung geschulter italienischer Bau-Leiter und Arbeiter zu erklären sein wird.^ 
Indessen über das Wann? und Wie? derselben fehlt es an jeder Andeutung. Auf 
alle Fälle muss man es aufgeben, dieselben mit den Persönlichkeiten Anselms 
und Hartwigs in direkte Verbindung bringen zu wollen. Es fehlt nicht nur an 
jeder Spur, dass Anselm sich persönlich um diesen Bau gekümmert habe, er 
hatte vielmehr dazu schlechterdings keine Zeit, da er bereits 1152 durch seine 
staatsniännischen Aufgaben seiner Diözese gänzlich entfremdet wurde; zudem an 
seiner eigenen Kathedrale zu Havelberg, die ihm doch vielmehr am Herzen 
liegen musste, hat er sich des Bruchsteinbaus bedient. Ebenso fehlt es an jeder 
Spur, dass Hartwig, nachdem er sich in vornehm kirchlicher Manier seines ost- 
elbischen Familienbesitzes an Magdeburg und Havelberg entledigt hatte, um da- 
mit desto kräftigere Unterstützung für seine westelbischen Lande zu gewinnen, 
sich noch irgend weiter um die Klosterstiftung bekümmert habe. Hätten aber beide 
wirklich dem Bau dieses Klosters ein persönliches Interesse gewidmet, so wäre 
es doch nicht der gegenwärtige Backsteinbau gewesen, dem das zu gute ge- 
kommen wäre. Denn, darin ist Dohme beizupflichten, das ist nicht der 1149 be- 



* Hierauf ist bereits von v. Quast hingewiesen; die neueren eingehenden Spezial- 
UnterBUchungen von O. Stiehl, Zur Technik des Backsteinbaus im XII. Jahrhundert (Centr. 
Bl. der Ban-Verw. 1892 8.886—338) und: Der Einfluss Oberitaliens auf die Entstehung des 
Backst^inbans im XII. Jahrb. (das. 18ö4 S. 634—687) haben besonders das Verdienst, eine 
gröBsere Anzahl von bestimmt datierbaren und danach in beträchtlich spätere Zeit, als man 
früher angenommen, zu setzenden lombardischen Bauten zur Vergleichung herbeigezogen zu 
haben, wonach es völlig ausgeschlossen ist, falls man nicht die Priorität der Erfindung in 
Jerichow annehmen will, für dessen Bau die Adlersche Datierung festzuhalten. 

21* 



324 Kreis Jeriebow 11. 



gonnene Bau. Schäfers Behauptung, dass man von dem letzteren gar nichts 
wisse, nicht einmal, ob er an Stelle des gegenwärtigen gestanden habe, erscheint 
als kritische Übertreibung. Man kann sich von diesem Bau sehr wohl eine Vor- 
stellung machen. Denn der Unterteil der gegenwärtigen Schiff smauem ist nicht sowohl 
eine für den Backsteinbau neugeschaffene Plinthe, als vielmehr der für den Back- 
stein-Neubau bis auf etwa Manneshöhe stehengebliebene Rest der Umfassungsmauern 
eines älteren Baus, der sich als eine kreuzförmige Pfeilerbasilika ohne Neben- 
apsiden am Querschiffe aus Plötzkyer Bruchsteinen (wie Leit^zkau und Havelbei^) 
darstellt. Die Arkadenpfeiler und die Höhe der Bögen in ihm sind etwa wie die 
gegenwärtigen westlichsten vorzustellen, die Weiler aber waren wie in derLeitz- 
kauer Klosterkirche und im Brandenburger Dome mit teils profilierten, teils 
skulptierten Sandsteinkämpfem abgedeckt, die später in dem auf den alten 
Grundmauern aufgeführten Backsteinbau wieder Verwendung fanden. Daher das 
obenerwähnte Nichtpassen der Kämpfer am östlichen Vierungsbogen und Apsis- 
bogen und die Ersetzung von im alten Vorrat nicht vorhandenen Sandstein- 
Kämpfern durch solche aus Backstein an den Pfeilern der Eingangsbögen der 
erst bei dem Neubau zugefügten Nebenchöre. Denn dass dies in der That dem 
ursprünglichen Bruchsteinbau erst später hinzugekommene Erweiterungen sind, ist 
aus den oben S.316 u.319 angeführten Gründen gegen Schäfer festzuhalten; seine 
gegen Adler geltend gemachten Gründe würden nur unter der Voraussetzung etwas 
bedeuten, dass die Querschiffsflügel bereits am alten Bau Nebenapsiden gehabt haben 
sollten, wovon aber nicht die Rede ist, wie sie auch am Brandenburger Dome 
gefehlt haben. Für die folgende Entwickelung fehlt es an jedem in Jahreszahlen 
sicher auszudrückenden Anhalt Ich denke mir, dass das ursprünglich nur 
soweit die Bruchsteinuntermauerung geht reichende, in seinem Mittelschiffe daher 
genau zwei Quadrate beschreibende Langhaus im Westen provisorisch abgeschlossen 
war und vorläufig der Turmfacjade entbehrte, dass man daher, als man zum 
Weiterbau schritt, zunächst auf Gewinnung eines Turmbaus bedacht war und hier 
mit der Anwendung des Backsteins begann, der bereits an dem meiner Ansicht 
nach eigentlichen massgebenden Backsteinbau der nordöstlichen Lande, dem 1165 
gegründeten Dome von Brandenburg zur konsequenten Anwendung gelangt war, 
in dessen Krypta, welche nachher das Vorbild für die Jerichower wurde, 
bereits 1173 die Markgräfin Judith hatte beerdigt werden können. Ich sehe daher 
die ältesten, nicht die jüngsten Backsteinteile des Baues in dem Unterbau der 
Türme und dem westlichsten Teile des Langhauses und gründe diese Vermutung 
sowohl auf das gänzlichste Fehlen des Bruchsteinunterbaus an diesem Teile, als auf 
die geringe Höhe des westlichsten Arkadenbogens und die schlichte, des Kapitals 
und Sandsteinkämpfers entbehrende Form des dazu gehörigen Arkadenpfeilers, 
von welchem beiden man, falls dieser Teil der jüngste des Schiffbaus sein sollte, 
das grade Gegenteil erwarten müsste, endlich darauf, dass die Technik des Back- 
steinbaus an diesem Teile noch nicht auf derselben Höhe steht wie am östlichen 
Schiff und Chor. Während man noch mitten in diesem Westbau begriffen war, 
muss dann der Gedanke entstanden sein, den ganzen Bau in Backstein zu 
erneuern, sei es nun aus der, jener Zeit eigenen leidenschaftlichen Baulust, sei 
es dass der Bruchsteinbau, weniger solide aufgeführt als der Leitzkauer, bereits 
baufällig geworden war. Bei diesem Bau, der von Osten nach Westen fortschritt, 



Jerichow. ^^ 

benutzte man die alten Bnichsteingrundmauern, nahm die alten Sandstainkämpfer 
wieder in Vorwendung und fügte sogleich die Nebenchöre hinzu, deren untere 
Partien, soweit die alten Bnichsteinraauern stehen geblieben waren, nicht mit diesen 
in Verband gebracht werden konnten. Erst nachdem dieser Bau den Anschluss an 
den Westbau erreicht hatte, ging man dann mit dem Weiterbau der Turmpartie 
vor, die abgesehen von dem Eindringen der gotischen Formen, weiter nach oben 
hinauf eine sichtbar unordentlicher werdende Technik und auch in der schwäch- 
lichen Blendnischen-Dekoration und dem unschönen Klecblattbogenfries ein 
augenfälliges Kachlassen der baukünstlerischen Kraft erkennen lässt. Den Teil 
des Schiffs mit den Säulen mit Trapezkapitäl möchte ich, da es mir das Natür- 
lichere scheint, das vereinzelte Auftreten derselben in Sandau und Schönbausen, 
zumal daselbst in primi- 
tiverer Form, als das frü- 
here anzunehmen, nach 1212 
setzen. Die Ansetzung der 
Vollendung der Westfront 
in die Mitte des Xlll. Jahr- 
hunderts wird wohl nirgend 
Widerspruch finden. 

An mittelalterlichen Aus- 
gtattungs- Gegenständen ist 
die Kirche au ssorord entheb 
arm, das Innere macht da- 
her bei aller edlen Schön- 
heit der Vei^ältnisse einen 
sehr kahlen Eindruck. Er- 
halten ist die Mensa des 
alten Hochaltars. Sie 
ist aus Sandsteinplatten zu- 
sammengesetzt, an der Schauseite mit 5 einfachen Rundbogennisclien gegliedert, 
und die Deckplatte, deren schräge Ausladungen weggemeisselt sind, misst noch 
2^m in der Länge und 1,22 m in der Tiefe. 

In der Krypta steht der Stumpf eines mit 11 Bundstegen gewundenen 
steinernen Sänlenschaftes mit einem achteckigen Fussc, dessen senkrechte Flächen 
in Rundbogennischen mit sehr rohen Reliefs, zwei von Biattomament die übrigen 
von menschlichen Figuren in Kniestück, teils in betender Haltung, teils mit 
Schriftrollen und Büchern, gefüllt sind (siehe Fig. 104) — wohl der Fuss eines 
ehemaligen Osterleuchters, 

Aß der Ostwand des Pfeilers zwischen den nach dem Mittelschiffe hinauf- 
führenden Treppen ist ein seiir zerstörtes querrechteckiges Relief eingelassen, 
welches die Krönung der Maria durch Christus in einer von vier sich vorn 
über beugenden Engeln mit ausgebreiteten Armen getragenen spitzovalen Man- 
dorla darstellt, in den Ecken die vier Evangelistensymbole. 

Ton den Glocken hat die grössere von 1,50m Durchmesser am Halse 
zwischen Doppelreifen in grossen, doppellinigen, etwas verzierten Umrissmajuskeln 
die zweizeilige Umschrift: 1. ® ORöX GliORia ■ XM ■ vam - OVm . 



326 Kreis Jerichow II. 



PÄOÖ - ÄOiaß OSÄRRA II 2. ÄRRODHID i aOOLim (1364). Die kleinere 
zuckerhutförmige von 0,65 m Durchm. hängt unerreichbar daneben. 

Grabsteine. 1. In der Krypta zwischen den beiden östlichsten Mittelsäulen 
mit dem Kopfe nach Osten : eingegrabene Umrissfigur eines barhäuptigen bart- 
losen Bitters in langem Mantel, mit der Rechten das Schwert schulternd, die 
Linke auf den Schild vor dem Leibe gestüzt Umschrift in Majuskeln: +ÄRRO- 

6Ri||fli . aaa ni (läos) m. oqtavä - onUT - sdöl. 0. dHjsiiio- 
iiÄNRas • MI II Las. Dns - ae • wayeNaöiF - oRÄxa. p^ ao. 

2. In der SO-Ecke eine viel grössere und breitere Platte mit dem abgetretenen 
Flachrelief eines Priesters. Von der Majuskelumschrift ist noch zu lesen - • - - 
RI - öl - aaa - XLII (I342) (darunter ÄöiaR). IR || DM. BOÄTI. BÄR- 
TIiOLOaiai. ÄPOSTOLI. II . 

3. Dieser gegenüber in der NO-Ecke die ebenfalls sehr abgetretene grosse 
und breite Platte des Erzbischöflichen Rats und Hauptmanns Hans von Kruse- 
mark f 156?, ein barhäuptig, betend stehender Geharnischter, vor ihm zu den 
Füssen sein sehr grosser Wappenschild mit dem dreiarmigen Leuchter der von 
Krusemarks. 

4. An der Südseite des nördlichen Turmpfeilers stark zerstörtes Relief- 
Epitaph zweier Ritter. Ihre Köpfe und zum Teil auch die Beine sind abgeschlagen, 
beide halten mit der einen Hand (der eine nach der rechten, der andre nach der 
linken Seite) ihren Wappenschild am Schwertgriffe herunterhängend, mit der 
andern aber ein einfaches kleines Kreuz empor. Zwischen ihnen befindet sich 
eine roh ausgetiefte längliche, oben trapezförmig geschlossene Nische mit einem 
Dübelloch in der Mitte, in welcher wohl ehedem eine Bronze- oder Marmorfigur 
etwa der stehenden Gottesmutter eingelassen war. Über dem zur Rechten is^ 
oben in der Schräge der Platte in Minuskeln eingegraben: ItClIi' )c irtkct <> (das 

Folgende weggeschlagen) ftMll.^ Über dem zur Linken: nu |cii||' 

tX9ft (n dorf ?) fttMlI.^ Darunter folgende fünf nicht überall mit Sicherheit zu 
lesende Zeilen: 

Ino liT m'' tu lii in oiiilit yrtri 7 |ii> 
li npVH- 1» Jii ittrrfccti |iit T Mli ( |iit 
|Ki9 tut pptiii 1'?) tu t|li0 htkttHu fknii 
t^mitkt pptrr fioüT tp caMiferit iifri 
liMittK ppirtati)^ Mi^ tttt.^ 

5. Endlich liegen auf der Stufe hinter dem Hochaltar zwei sehr abgetretene 
quadratische Backsteinreliefplatten, die eine das Bruststück eines Priesters 
in der Mozetta, die andere einen reichen spätgotischen Masswerksbaldachin dar- 
stellend, Bruchstücke eines aus solchen figurierten Platten mit umgebenden 
Inschriftplatten zusammengesetzten Grabsteins, wie deren einige schlecht erhaltene 
noch im Dome und in der Petrikirche zu Brandenburg zu finden sind. 



* Zu lesen : Anno dotnini 1370 in vigilia petri et paiUi apastolorum [28. Juni] hi duo 
interfecli sunt in hello quod habuit huius ecclesiae praepositus cum istis [oder strmuis] de 
hredow et konigesmarke propter spolium guod commiserunt infra districtum proprietatis huks 
ecclesiae. Urkundliches über diese Ereignisse giebt es nicht. 



Jerichow. 327 



Yon den westwärts von der Klosterkirche stehenden alten Kloster baulich- 
keiten, die auf den Abbildungen von Strack und Essenwein noch zu sehen 
sind, ist nichts mehr erhalten, auch der auf Adlers Ansicht der Nordfront 
unmittelbar an den Turm sich anschliessende Maueransatz ist in neuester Zeit ganz 
abgebrochen. Es war der Rest eines in schwachem Winkel die Flucht der Kirche 
verlassenden spätgotischen Thorbaus, nämlich ein zuerst im Stichbogen, darüber 
im Spitzbogen reichster spätgotischer Profilierung geschlossener Durchgang für 
Fussganger, an den sich wohl ehemals weiter nordwärts eine breitere Durchfahrt 
angeschlossen hatte. In die Vermauerung der Öffnung war früher eine Sand- 
steinreliefplatte eingelassen, welche eine von dem Pedum gekreuzte Mitra mit 
der Unterschrift in lateinischen Kapitalbuchstaben SEDE VACANTE 1603 trug.^ 
Dieselbe ist beim Abbruch dieses Baurestes erhalten und steht jetzt frei an die 
Westfront der Kirche gelehnt Wenn in Hermes-Weigelt II S. 170 gesagt 
ist: „Auf der Amtsfreiheit steht noch ein sehr alter und hoher Turm, der zwei 
beträchtliche Spitzen hat," so ist das, da auf von Alvenslebens Prospekt von 
einem solchen Turme nichts zu sehen, auch sonst nirgends etwas von ihm er- 
wähnt ist, offenbar nur eine Verwechselung mit der zweispitzigen Turmfa^ade 
der Kirche. 

Die noch vorhandenen, leider durch vielfältige Zerstörung und Benutzung 
als Kohlenställe, Brennereiräume und sonst zu profanen Zwecken entwürdigten, 
in ihrer hohen künstlerischen Vollendung aber einer durchgreifenden Wieder- 
herstellung im höchsten Masse würdigen Klosterbaulichkeiten gruppieren sich um 
die westlich mit der Tunnfa<jade, östlich mit der Westniauer des Querschiffs in 
einer Flucht liegenden Flügel des Kreuzganges an der Südseite der Kirche. 
Von diesen ist jedoch der an die Kirche gelehnte nördliche Flügel gänzlich zer- 
stört, auch die Abbruchsspuren an der Kirchenmauer sind giündlich entfernt, 
doch erkennt man noch die Linien der ehemaligen Schildbögen der Gewölbe. 
Von den übrigen drei Flügeln ist der westliche in Bruchstein ausgeführt, die 
beiden anderen in Backstein. Die Gewölbe sind durchgehends scharfgratige 
Kreuzgewölbe zwischen starken rechteckigen Quer- und Längsgurten im Rund- 
bogen, die auf einfachen aber mannigfach geformten Wandkonsolen ruhen. Die 
Gewölbe des östlichen Flügels sind fast sämtlich zerstört. Dagegen sind die 
sämtlichen Öffnungen des Kreuzganges spitzbogig und jetzt leer, von Minu- 
toli (S. 13) berichtet 1836, dass eine der schönsten gotischen Fensterrosen noch 
zu seiner Zeit darin erhalten gewesen, aber kurz vor seiner Arbeit zerstört 
worden sei. Nur in dem westlichsten Joche des Südflügels (Nr. 13 des Grund- 
risses) ist ein Rest eines gotischen Stabwerks wenigstens vermauert noch er- 
halten, sodass man hier sich eine annähernde Vorstellung davon machen kann, 
wie wenigstens ein Teil dieser Fensterfüllungen ausgesehen haben wird. 

An und über dem westlichen Flügel, der äusserlich sehr verdorben, innerlich 
wohlerhalten ist und zu milchwirtschaftlichen Zwecken dient, und dem an diesen 



^ Von 1598, wo Joachim Friedrich, nachdem er m die Brandenburger Kurwürde eingerückt 
war, kapitulationsmässig auf das Erzstift resigniert hatte, bis 1608, wo der neue Administrator 
Christian Wilhelm das 18. Lebensjahr erreichte, dauerte das Interim der Domkapitularischen 
Begiemsg. 



328 Kreis Jerichow I. 

Eich schlies&enden grossen, wie in Leitzkau zweischiffigen, durch eine später 
eingezogene Wand quergeteilten Keller erhebt sich in zwei Geschossen 
das Amtshaus, dessen lange 'Westfront nüchtern modernisiert ist, während 
die nördliche und namentlich die südliche noch ihre mit spätgotischem 
Nischenwerk reich dekorierten ßiebel tragen, und nach dem Klosterhofe das 
ßeschoss unmittelbar über dem Kreuzgange noch die alten breiten spätgotischen 
Stichbogenfenster bewahrt hat. Die andern Flügel des Ereuzgangs haben kein 
oberes Geschoss getragen; die nur vom Hofe aus durch rohe Holztreppen zu- 
gänglichen Fachwerkbauten vor den Obergeschossen der an den Kreuzgang ge- 
lehnten alten Klausurgebäude sind ihnen erst später aufgesetzt Im Erdgeschosse 
des südlichen Flügels tritt man von Westen her aus dem Kreuzgange zueist 
durch eine spätgotische Spitzbogenthür mit gewundener Tau- Umrahmung (Nr. 14 



flg. ICe. Jerichow. KloBtergeblude. Fig. 106. 

Sftalenkapilfile 

ans dem Winterrefektorium aus dem Sommerrefektoripm. 

des Grundrisses) in einen zweischiffigen Säulensaal (Nr. 1"2 des Grundrisses), 
dessen westlichstes Joch jetzt durch eine Zwischenmauer abgetrennt ist Seine 
scharf gratigen Kreuzgewölbe werden von drei Sandsteinsäulen getragen, deren 
Basen tief im jetzigen Pflaster stecken. Die Kapitale sind niedrige Würfelkapitäle 
über stark vortretenden Eingen; das eine zeigt innerhalb des Laubomaments an 
seiner Nordseite eine vielgewundene Schlange, die einem lövvenartigen Wesen 
mit Menschenkopf ins Ohr spricht, das andere auf seiner Südseite zwei mit den 
Schwänzen gegeneinander gekehrt sitzende Adler, das westlichste, zum Teil in 
die Zwischenwand vermauerte an den Ecken die nach unten stossenden mit dem 
Schnabel in den Ring beissenden Vögel, wie sie z. B. ähnlich im Kaisorpalast 
zu Gelnhausen vorkommen (s. Fig. 105). Zwischen diesem Saale und dem östlich 
folgenden befindet sich in der nördlichen Ecke eine Heizungsanlage und man darf 
ihn wohl als das Winterrefektorium ansehen. 

Dieser östlich daran stossende Saal (Nr. 1 1 des Grundrisses) ist ebenfalls zwei- 
schiffig und vierjochig, aber seine ebenfalls scharfgratigen, wie alle diese, nicht auf 
Schwalbenschwanz sondern den Schildbögen parallel reihenförmig gemauerten Kreuz- 



gewölbe aind zwischen rechteckigen, einen halben Stern starken Ourtbögen einge- 
spannt, dieiedochdenGewölben,ohDo Verband zu halten, nur untergelegt sind. Die 
mit zam Teil durchbrochen gearbeitetem reichsten Ijsuh- und Traubenschmuck 
bedeckten Kapitale der drei tragenden Säulen gehören zu dorn Vollendetsten, 
was die hochromanische Steinmetzkunst hervorgebracht hat [ungenügende Ab- 
bildungen bei von Minutoli a.a.O. Fig. 1 und 2. und bei Adler Tal XXII 
Fig. 9, daher hier neue Aufnahmen in Fig. 106 — 108], sind aber noch immer mit 
dicker Schimmelkruste von früherer Benutzung des Raumes als Küche für 
Schweinefutter her bedeckt. Dieser Saal ist gegen den Kreuzgang offen gewesen, 
die Bogen-Offnungen sind aber jetzt vermauert. Sie werden den 3 Säulen des 
Saales entsprechend von 3 Backsteinpfeilem mit Sandsteinkämpfem getragen, und 
zwar sind die beiden seitlichen quadratische Pfeiler mit nach allen Seiten vor- 



Fig. 107. Fig. lOH. 

Jericbow. Eloatergebinde. StLolcokapiläle bds dem Som merrefektori um- 
gelegten Halbrund säulen, der mittelste aber ein einfacher Rundpfeiler. In diesem 
Räume hat man wohl nicht, wie gewöhnlich angegeben wird, den Kapitelsaal, 
sondern das Sommer-Refektorium zu erkennen.' 

An diesen Saal schliesst sich in der SO-Ecke des Gebäudes, mit einem 
Fenster in den Ostflügel des Kreuzgange« schauend, ein jetzt als Maischraum 
benutzter (Nr. 10 des Gnindrissos) mit ganz schmucklosen niedrigen Gratgewölben 
auf einer wegen des hier sehr erhöhten Fussbodens sehr kurz und stämmig er- 
scheinenden Mittel-Säule mit schwerem Würfelkapitiü ; eine grosse Feuerungs- 
anlage mit rundem Schlot in der SW-Ecke lässt diesen Raum wohl als die 
Glosterküche erkennen. 

An den Ostflügel des Krouzgangs, der jetütal^ Holz- und Kohlenschuppen dient, 
ehnen sich zunächst nördlich von dieser Küche zwei schmale Räume (Nr. 9 und 8 des 
Grandrisses), die wegen der Steuerbcaufsiehtigung der Brennerei unzugänglich 
sind. Weiter folgt dann wieder ein zweischiffiger Säulensaal (Nr. 7 des Grund- 
risses), der von Westen nach Osten orientiert ist und nach Osten mit einem 
Doppeljoch in einem rechteckigen Vorbau vor die Flucht dieses Flügels 

' Die Baume des Obergeschoaaes über diese» SfiuIengäleD Bind zu neueren Wohaungs- 
iweckeu gäozUcb umgebaut und sehr vernacblSBaigt. 



330 Kreis Jerfcbow U. 

vorspringt. Dieser Torbau ist nach Osten mit zwei, nach N. und S. je mit einem 
breiten Rund böge nfenster versehen, von denen das nördliche vermauert, das 
südliche aber zu einem Eingange von aussen erweitert ist. Die sechs Krenz- 
gewölbe dieses Saales ruhen in der Mitte auf zwei Sandsteinsäuien , deren Basen 
tief im Pflaster stecken, während ihre Wiirfelkapitäle an den Ecken Palmetten 
tragen, wie diejenigen in der Krypta, an den Wänden aber überall aaf kurzen 
breiten Konsolen von mannigfaltiger Gliederung, nur an der Westwand auf einer 
achteckigen Säule auf hohem Sockel- Diese letztere ist, wie man aussen im 
Kreuzgange erkennt, die Teilungssäule für den jetzt vermauerten, aus einem 
doppelten Rundbogen bestehenden Eingang zu diesem Saale. Die Wandung 
dieses Portals ist beidei-seits dreimal ausgeeckt (ohne Ecksäulen aber mit figu- 
rierten Sandstein kämpfem, auf denen schreitende Löwen erscheinen); ebenso der 
die beiden Rundbogenöffnungen über- 
fangende Rundbogen. Vermauert sind 
auch die zu beiden Seiten dieses Portals 
in den Kreuzgang gebenden Fenster, ge- 
kuppelte Rundbogenfenster mit Teilungs- 
säulchen, über denen eine ornamentierte 
Sand stein platte den Überfangbogen ans- 
füUt. In diesem Räume ist nach Ana- 
logie der meisten Ktosteranlagen der Ka- 
pitelsaal zu erkennen. Allerdings wird 
er zugleich, wie eine solche Verbindung 
bei den Kapitelsälen der Klöster gewöhn- 
lich ist, die Maria-Hagdalenen-Eapelle 
sein, welche als am Kreuzgange gelegen 
1430 urkundlich erwähnt wird. 

Nordlich hieran schliessen sich zwei, 
je einem Joche des Ki-euzgangos ent- 
sprechende, jeder mit zweiJochen Kreuz- 
gewölbe bedeckte Räume (Nr. 6 imd 5 
des Grundrisses), die nur vom Kapitelsaale aus zugänglich und sehr niedrig sind, 
da unter ihnen ein ebenfalls vom Kapitelsaale aus zugänglicher Keller 
angelegt , ist Noch ein dritter ähnlicher Raum (Nr. 4 des Grundrisses), 
der unmittelbar an den Querschiffsflügel stösst, und nach dem Kreuz- 
gange wie nach aussen Thürcn hat, enthält noch einige Stufen der alten Treppe, 
welche in der Klosterzeit den einzigen Zugang zu dem Obergeschosse dieses 
Flügels gebildet hat. Dies letztere enthält einen einzigen, auch über den Üsl- 
lichen Ausbau in der Mitte dieses Traktes sich erstreckenden, völlig ungeglie- 
derten Raum und ist überall mit kleinen rundbogigen Fenstern versehen, auch 
gegen die dem Kreuzgangflügel aufgesetzte Fachwerkgallerie , deren spätere Hin- 
zufügung hierdurch erwiesen wird. Er dient jetzt als Schüttboden, war aber 
wohl ursprünglich durch Fachwerkeinbauten, wie sie z.B. in Bebenhausen Docli 
erhalten sind, als Dorment eingerichtet. Aussen an der Südseite des östlichen 
Ausbaus an der Ecke über der jetzigen Eingangstliür sind einige Backsteine mit 
dem Bruchstück einer in scharfgeschnittenen Minuskeln eingegrabenen Inschrift: 



Jerichow. Elietz. 331 



Im iiilili 1525 ftrii fcl't eingemauert. Dies darf man aber nicht für den 
Kest einer baugescbichtlichen Inschrift halten-, die denn etwa die Zeit der spät- 
gotischen Veränderung der Fenster des nördlichen Seitenschiffes der Kirche und 
der Erbauung des Amthauses bezeichnen könnte. Yiehnehr ist es nur der Rest 
der Umschrift eines aus Backsteinplatten zusammengesetzten Grabsteins, wie von 
einem solchen figürliche Reste in der Kirche (s. oben S. 326) noch vorhanden 
sind.* — Das nördlichste Joch der östlichen Kreuzgangsflügels, zugleich das öst- 
lichste des abgebrochenen nördlichen, legt sich in den Winkel zwischen dem süd- 
lichen Seitenschiffe und Querschiffsflügel der Kirche. Hier befinden sich zwei 
Rundbogen -Portale, von denen das einfachere östliche in den Querflügel führt, 
dagegen ist das in das südliche Seitenschiff führende nördliche (Nr. 3 des Grund- 
risses) mit zwei an den Schäften durch Facetten, Rankenwerk und Bestien sehr 
reich ornamentierten Sandsteinsäulen in den Ecken ausgestattet (s. Fig. 109), das 
Tjmpanum aber mit einer ganz schlichten Sandsteinplatte ausgefüllt. 

Klietz. 

[Bereits 1145 Clitzse, 1159 Klitzon, daher jedenfalls nicht, wie von Lede- 
bur und Riedel annahmen, das unter den zur Marienburg gehörigen Dörfern 
1145 Zmirclizii, 1150 Zmirdizca, 1179 Zmirdika genannte; 1337 Klytz, 1368 Clitz, 
1382 Klycze, 1476 Clytezk, 1562 Klitze.] 

Pfarrdorf unweit der Elbe am Klietzer See, gegenüber Arueburg, 8V2 km 
nördlich vom Bahnhof Schönhausen der Berlin -Lehrter Eisenbalm, zuerst 1145 
als im Besitze des Bischofs von Havelberg befindlicher Burgward und See er- 
wähnt, welcher die nördliche Grenze des Archipresbyterat-Sprengels von Kloster 
Jerichow bezeichnet, Mittelpunkt der (1337) terra Klytzesin quae nunc Klyte di- 
cUur, oder des „Landes to Clytz" (1375), zu welchem die Dörfer Qörne (Hohen- 
göhren) und Palstorf (eingegangen) gehörten, wurde noch 1337 durch Kaiser Ludwig 
als Besitz des Bischofs von Havelberg bestätigt und 1349 vom falschen Walde- 
mar, der es im Kriege erobert hatte, auf Bitten des Grafen Ulrich von Lindow 
dem Bischöfe zurückgegeben, von diesem aber 1375 den Grafen von Lindow 
verliehen, von welchen es die von MöUendorf in Afterlehen nahmen. 1401 wurde 
es jedoch vom Erzbischof Albrecht als zu Sandau gehörig an die von Quitzow 
verliehen und wiederum 1425 vom Erzbischof Günther der Bischof von Havel- 
berg damit belehnt; nachher erscheint es immer als zum Amte Sandau gehörig. 

Die Kirche, schon zur Zeit der ersten Visitation unter Patronat der Be- 
sitzer von Neuermark, in der Mitte des vielstrassigen Dorfes in der Kreuzung 
der hauptsächlichsten NS- und WO-Strasse im Kirchhofe gelegen, ist ein infolge 
eines Brandes von 1816 bis 1819 restaurierter und aufs Äussersto misshandelter, 
einschiffiger romanischer Backsteinbau nach Schema I mit gewölbtem Aitarhause 
imter Einfluss von Jerichow.^ Der Sockel des ganzen Baus ist einfach mit 
Viertelrundstab gebildet. Das Altarhaus ist jetzt gradlinig geschlossen , hatte ehe- 



^ Ein ähnlicher Backstein von 0,27 m Länge und 0,135 m Breite mit der Jahreszahl 
1° . IX . Hegt im Fuseboden des als Milchkelier dienenden westlichen Kreuzgangsflügels. 
' Kurz ei-wähnt von Wiggertund danach von Adler, Kolonien S. 6, und L 1 z 1 S. 325, 



332 Kreis Jerichow II. 



mals an der N- und S-Seite je zwei Rundbogenfenster, statt deren jetzt je ein 
grösseres eingebrochen ist, und darüber den gekreuzten Rundbogenfries, von 
dem aber nur noch ein kleines Fragment erhalten ist. In der Ostwand stehen 
jetzt drei pyramidal gruppierte Rundbogenfenster unter einem grossen über- 
f angbogen, darunter eine quer -rechteckige Wandnische, darüber unter dem 
fehlenden Dachsims der aus Zahnschnitt, Läuferschicht und Konsolschicbt mit 
konkaven Konsolen gebildete Pries; die Priesterthür an der Nordseite einfach 
rundbogig. Das beträchtlich breitere Schiff hat aussen in der Ostwand je eine 
schlanke Rundbogennische, darüber den gekreuzten Rundbogenfries. An den 
Langseiten erscheint über vier gänzlich veränderten Fenstern, [unter denen 
unregelmässig Ochsenaugen eingebrochen sind, der Fries von der Ostwand 
des Altarhauses, der an den Ecken des Baus von breiten Lisenen aufgenommen 
wird. Die Rundbogenthür an der Nordseite ist vermauert — Der sehr bau- 
fällige Westturm, der sich innen mit drei Rundbögen, von denen der 
mittelste höher war, gegen das Schiff öffnete, ging noch 1893 mit breiten 
Ecklisenen in die Höhe, zwischen denen sich in der Höhe der Schiffsraauem 
eine doppelte Zahnschnittreihe einspannte. Das Weitere oberhalb war zerstört, 
so dass eine Glockenstube nicht vorhanden und durch einen äusserst dürftigen 
Fachwerkbau ersetzt war (die darin befindlichen Glocken Neugüsse von 
Gebrüder Ulrich von 1872 aus französischem Kanonengut). In der Westfront 
befand sich unterhalb der Zahnschnitte nur ein einfach ausgeecktes längliches 
Rundbogenfenster. Unten in einem rechteckigen (hier aber nicht durch Ab- 
schrägungen mit der Wand verbundenen) Mauervorsprung ein dreimal ausgeecktes 
Rundbogenportal mit Ecksäulen in der Laibung und Wulstrundstäben in dem 
Bogen. Die Kämpfer desselben, sowie die Kapitale und Basen der Ecksäulchen 
waren gänzlich verwüstet. An demselben, wie an der ganzen Südseite von Turm 
und Langhaus sehr zahlreiche, zum Teil sehr tief ausgearbeitete Näpfchen und 
Rillen. Die Turmtreppe ging innerhalb der Nordmauer mit einmaliger 
Brechung in der Westecke in die Höhe. Dieser Turm ist im Jahre 1897 durch 
einen quadratischen, oben ins Achteck übergehenden und in eine Renaissance- 
Erkerspitze auslaufenden Neubau ersetzt worden. 

Das Innere ist dick übertüncht. In den Ostwänden des Schiffs sind die 
unteren Anfänge von flachen Nischen zu sehen, die aber in der Höhe der gegen- 
wärtigen Seitenemporen aufhören. Das Altarhaus ist mit einem Kreuzgewölbe in 
ganz dünnen Rundstabrippen eingewölbt. Die Diagonalrippen setzen auf Eck- 
säulchen auf, von deren Kapitalen man im gegenwärtigen Zustande nicht mehr 
erkennen kann, ob es vrürfel- oder trapezförmige gewesen sind; ihre Basen 
scheinen umgekehrte Würfelkapitäle gewesen zu sein, sind aber bis zur Unkennt- 
lichkeit verdorben. Die N- und S-Schildbögen von einfachem Rechteckprofil ruhen 
auf eben solchen Wand vorlagen, die 0- und W- Gurtbögen auf breiteren, deren 
Kämpfer ebenfalls nicht mehr zu erkennen sind. Der Triumphbogen ist jetzt 
ganz glatt, doch scheinen profilierte Kämpfer weggehauen zu sein. 

Klietznick. 

[Um 1368 Klyzenich, Klezenink, Kletzenik, Klysenik, 1385 Klesnick, 1563 
Klitzenick, auch Klitzemick.] 



Elietz. Elietznick. 333 



Kirchdorf unweit der Elbe, 3kra südlich von Jerichow, zum Burgward Jeri- 
chow gehörig, 1376 im Besitze des Henning von Barby, 1467 an die von Rede- 
kin verkauft, nach deren Aussterben in verschiedene Hände übergegangen, unter 
anderen bis 1659 eines Moritz Hahn, nachher der von Eatte. Dazu gehört das 
früher daneben gelegene, 1791 wegen Wassergefahr abgebrochene und hier neu 
aufgebaute Dorf Heidelbleck oder Heudebleck. 

Die Kirche, angeblich B. Mariae Virginis, Filial zu Ferchland, fiskalischen 
Patronats, im östlichen Teile des Dorfes, östlich einer NS- Strasse im Kirchhofe 
gelegen, ist ein kleiner Backsteinbau aus drei verschiedenen Perioden. Der west- 
lichste Teil ist romanisch unter Jerichowschem Einfluss, zwei (veränderte) 
Fenster lang, unter dem Dache der gekreuzte Winkelfriess, darüber Klötzchen- 
fries und Zahnschnittreihe; Rundbogenthür an der Nordseite. Daran schliesst 
sich östlich, durch zwei Strebepfeiler markiert, ein etwas jüngerer ebenfalls zwei 
Fenster langer Anbau, das ehemalige Altarhaus mit jetzt vermauerter spitzbogiger 
Priesterthür an der Nordseite. Dieser Teil hat innen eine Abschlusswand, die mit 
einem grossen, beinahe die ganze Fläche freilassenden Schildbogen auf einfachem, 
aus Plättchen und Yiertelrundstab zusammengesetztem Kämpfer gegliedert ist — 
dem ehemaligen Apsisbogen? In diese Ostwand ist dann wiederum später ein 
niedriger Triumphbogen roh eingebrochen und eine flachgedeckte % Apsis in 
der Breite des Altarhauses unten von Feldstein, oben von Backstein angefügt, 
die eigentlich auf Wölbung berechnet gewesen ist, da sich an allen Ecken Strebe- 
pfeiler befinden, die einmal mit einfacher Schräge zurückspringen und oben mit 
Satteldach endigen. Ob hier früher unter dem Dache Friese gewesen sind, ist 
nicht zu erkennen, da diese Partie roh geflickt ist Die kleinen Fenster der 
Apsis sind verändert, und die hier auf der Nordseite angebrachte jüngere Priester- 
thür (im Stichbogen) ebenfalls vermauert. 

Der 1859 abgebrannte und oben schlecht restaurierte Westturm hat unten 
auf der Westseite in oblonger Mauervorlage ein vermauertes Spitzbogenportal) 
in der Höhe des Schiffsdaches ein einfaches Rundfenster und diesem entsprechend 
auf der Nordseite eine Reihe von vier kurzen Blendnischen im Spitzbogen, auf 
der Südseite deren fünf, die aber nur durch Überkragung der Steine im Dreieck 
geschlossen sind. Lisenen -Reste unten auf der Süd- und Nordseite zeigen, dass 
ursprünglich etwas anderes beabsichtigt war. 

Im Innern befindet sich das mit alter Gitter- und Holz-Thür verschlossene 
Sakramentschränkchen an der Hinterseite des alten Backstein-Altars ohne 
Deckplatte. Auf dem Altaro stehen zwei von der überlieferten mittelalterlichen Form 
völlig emanzipierte, recht geschmackvolle 0,44 m hohe Altarleuchter in Qelbguss 
deren Fuss, scharfkantig im Dreieck konstruiert, auf Löwenfüssen ruht und mit 
flachem Barockomament und drei Engelsköpfen in Relief dekoriert ist, gestiftet 
laut Inschrift 1654 von dem obenerwähnten Moritz Han C. S. G. Gammerdiener. 

Die Sandsteintaufe hat die ausgesprochene Form eines Römerglases, oben 
sechzehneckig von 0,69 m Durchmesser übereck, die Beckenhöhlung 0,58, so dass 
die Steinwandung nur dünn ist 

Die Glocken sind Neugüsse von Ulrich in Ijaucha von 1860. 



334 Kreis Jericho w II. 



Knoblauch. 

[1197 Clobelock und Clebelock, 1303 Clebeloch, gegen 1400 Kleuelock, 1562 
Knobloch.] 

Kirchdorf, 14^2 km ostnordöstlich von Genthin; das ehemalige, seit 1460 im 
Besitze der Familie von Britzke gewesene Rittergut ist nach mamiigfachem 
Besitzwechsel im Laufe des XVIII. Jahrhunderts 1821 in Subhastation von der 
Bauerngeraeinde erkauft und parzelliert worden. 

Die Kirche, Filial zu Nitzahne, unter Patronat der Besitzer des ehemaligen 
Rittergutes, am SO-Ende des Dorfes, westlich von der SW- NO -Dorfstrasse 
gelegen, ist ein ärmliches Fachwerk-Rechteck mit eben solchem Westtürmchen. — 
Der 1603 gestiftete Altaraufbau mit Säulen und Flügelstticken mit Beschlag- 
omament enthält ein dürftiges Ölbild des heil. Abendmahls und im kleineren 
Aufsatze darüber ein Weltgericht, ähnlich, aber viel geringer als das in Zitz (s. 
Seite. 263). Die Kanzel ist ein noch geringeres, hässlich neu bemaltes Gegen- 
stück dazu. — Vor dem Altare liegen im Fussboden drei schmale Grabplatten 
mit Inschriften und Wappen von Gliedern der Familie von Britzke von 1656 und 
1688. — Von den Glocken hat die grössere von 0,78 m Durchmesser, laut Inschrift 
von Martin Heintz in Berlin 1677 gegossen, am Halse den Heintzeschen 
Totenschädelfries und darunter einen kleineren von Putten, Masken und Fnicht- 
gehängen ; der Guss ist für eine Heintzesche Glocke sehr unrein. — Die kleinere 
von 0,65m Durchmesser hat am Halse die Umschrift in Minuskeln: (Madonnen- 
relief) at + «arta + «H + tlaf + 11° (Abguss eines Pfennigs) tttCC + 
nl\ (1517). 

Beim Kirchenvorsteher eine silberne runde Oblaten schachtelt aus der 
Zeit der Heintzeschen Glocke von 0,087 m Durchmesser und 0,02 m Höhe. Auf 
dem Deckel eine sehr geschmacklose Gravierung der Einsetzung des h. Abend- 
mahls mit der Umschrift: + ESSET DAS IST MEIN LEIB . TRINCKET DAS IST 
MEIN BLVT ZVR VERQEBVNQ DER SVNDEN. — Gleichzeitig eine Patene von 
vergoldetem Silber mit Kreuzsignaculum und der Umschrift auf dem Rande: 
GOTT ERHALT DEIN WORT LVTHERI LEHR VNDT HEILIGES SACRAMENT 
VON NVN AN BIS AN DER WELT ENDT. — Beim Pfarrer in Nitzalme ein 
kleiner Kelch von versilbertem und vergoldetem. Messing, gestiftet laut Inschrift 
unter dem runden, aber innerhalb des Kreises sechsblättrig gegliederten Fusse 
am 1. September 1649 von Barbara Sibylla von Britzke geb. von der Lochau; 
ihre beiden Wappen auf dem Fusse zu den Seiten eines als signaculuni auf- 
genieteten Kruzifixes eingraviert. Am Becher unter dem Rande die Umschrift: 
GOT SEY VNS GNEDIG .VNDT BARMHERZIG . V: VERGIB VNS ALLE VNSERE 
SVND V. MISSETHAT. 



* Der durch den KesHelfiicker Paul Fromm aus Bernau am Mittwoch nach Lichtmeß 
6. Februar 1509 ausgeführte Diebstahl einer vergoldeten kupfernen Monstranz mit zwei 
Hostien aus der Kirche von Knoblauch fiihrte bekanntlich zu der letzten grossen Juden- 
verfolgung in der Mark Brandenburg. 



Knoblauch. Kuhlbaasen. Leopoldsburg. Tiebars. 335 



Kuhlhausen. 

[1420 Kulhuzen, 1476 Culhassen und Golhussen.] 

Pfairdorf. unweit der Havel 10 km östlich von Sandau, ehemals zum Amte 
Sandau gehörig. Das Dorf ist 1877 und 1881 fast vollständig abgebrannt, doch 
haben sich noch einige kleine Häuser mit dem Giebelspiess erhalten. Die 
Kirche, fiskalischen Patronats, ist ein turmloser Futzbau aus den dreissiger Jahren 
des gegenwärtigen Jahrhunderts, nach und W gleichmässig mit einer theater- 
massigen Oiebelfa^ade im nüchtern klassizistischen Stile jener Zeit versehen. 

Leopoldsburg. 

Kirchdorf an der Havel, südlich von Milow, mit demselben unmittelbar zu- 
sammenhängend, erst 1755 von dem Prinzen Moritz von Anhalt angelegt. Zu 
der, am südlichen Ende des Dorfes westlich von der Dorfstrasse gelegenen, 
ursprünglich für die seit 18.-J1 mit Milow zu einer unierten verbundene Gemeinde 
der reformierten anhaltischen Ansiedler gegründeten Kirche wurde der Grund- 
stein bereits 1755 gelegt, der Bau jedoch erst 1770 vollendet, ein ganz stattlicher 
aber nüchterner Zopf -Putzbau mit Westturm, der nichts Bemerkenswertes dar- 
bietet Die am Körper mit dem gekrönten Monogramm des Königs Friedrich I. 
von Preussen versehene Glocke von 0,62m Durchmesser, welche laut Inschrift 
1711 Johann Koch zu Berlin hat giessen lassen, wird wohl aus Milow hierher- 
gebracht sein. — Bemerkenswert ist eine silberne Taufwasserkanne, die viel- 
mehr einer offenen muschelförmigen Rokoko-Sauciere von oval geschweifter acht- 
rippiger Form gleicht, laut Inschrift 1770 „bei Neuweihung der Kirche" gestiftet 
von der Prinzessin Anna Wilhelmine zu Anhalt, mit dem Wappen derselben an 
Schale und Fuss. 

Liebars. 

[Auch noch jetzt vielfach Lübars geschrieben wie 1562, früher z. B. 1420 
Lübars, daher nicht mit dem bei Loburg gelegenen Gross- und Klein-Lübars zu 
verwechseln.] 

Pfarrdori, unweit der Elbe 6 km nördlich vom Bahnhof Schönhausen der 
Berlin-Lehrter Bahn gelegen, 1562 im Besitze der von Quitzow, 1785 der von 
Jagow auf Bühstädt, jetzt zu Neuermark gehörig. 

Die Kirche, unter Patronat der Besitzer von Neuerraark, in der nördlicheren 
Hälfte des langgestreckten Dorfes, westlich von der NS- Dorfstrasse gelegen, ist 
ein kleiner gotischer Backsteinbau mit verputzten, einfachen, einmal abgesetzten 
Strebepfeilern, also wohl einmal auf Wölbung berechnet gewesen ; Altarhaus und 
Apsis, zusammen l + Vßi siiid noch jetzt gewölbt in birnenförmigen Rippen auf 
klotzigen Konsolen. Die Fenster sind gänzlich verändert. Der Bau ist 1883 
renoviert unter Zuthat eines wunderlich ungefügen Kranzgesimses; der Fach- 
werkturm im Westen trägt in der neuen Wetterfahne die Jahreszahl 1885. Seine 
zwei Glocken sind Neugüsse von W. Engelcke in Halberstadt 1851 und G. Collier 
in Zehlendorf 1888. — Im Innern ist ein kleiner spätgotischer geschnitzter Flu gel - 
altar zu erwähnen. Dessen Staffel enthält eine tiefe leere Nische, ihre Flügel- 



336 Kreis Jerichow II. 



stücke sind überschmiert. Im Schrein stehen von rechts nach links: Magdalena, 
die Gottesmutter, S. Anna selbdritt, eine gekrönte weibliche Heilige, deren 
Attribut verloren gegangen ist, in ^'j Lebensgrösse auf rohen Postamenten. Sehr 
spätgotisches distelartiges Laubornament bildet den oberen Abschluss. In den 
Flügeln die zwölf Apostel in zwei Reihen, die Attribute meist verloren gegangen. 
Als Krönung oben eine kleine Kreuzgruppe. Die Rückseiten der Flügel je mit 
zwei sehr verdorbenen Einzelfiguren von Heiligen in Leimfarben bemalt, rechts 
Katharina und Barbara, links zwei nicht mehr erkennbare männliche. 

Mahlenzien. 

[1420 Malenczyn und Malentzyn, 1519 Molentzyn und Molentzein.] 
Kirchdorf mit Rittergut, 12V2 km nordöstlich von Ziesar, 1376 im Besitze der 
von Sandau, 1470 an die von Grabe w gekommen^ und in deren Besitz bis zu 
ihrem Aussterben, jedoch nach von Alvensleben bereits 1583 nach ver- 
schiedentlichen Mordthaten innerhalb der Familie an Friedrich von Schierstedt, 
Hauptmann von Giebichenstein u. s. w. verkauft; im Besitze dieser Familie ist es 
noch heute, war jedoch zu von Alvenslebens Zeit eine Zeitlang in dem der von 
Mandelsloh. 

Die Kirche, Filial zu Viesen, unter Patronat der von Schierstedt zuDahlen, 
an der NW-Ecke des Dörfchens, westlich von der Dorfstrasse im alten Kirchhofe 
dicht beim Gute belegen , ist ein schmuckloses Rechteck in Putzbau, über der 
Westthür ein Sandsteinrelief mit dem von Schierstedtschen Wappen und der Zahl 
1729. In dem Fachwerktürmchen über der Westfront zwei kleine völüg schmuck- 
und inschriftlose Glocken von ziemlich gestreckter Form, sicherlich noch 
mittelalterlich. — Der Altar hat noch die mittelalterliche Mensa mit den Weihe- 
kreuzen. Der Kanzelaufbau über demselben mit zwei Säulen und Flügelstticken 
in durchbrochenem Rankenwerk nebst denThüren für den Umgang der Komrauni- 
kanten und den sich hieran schliessenden Gestühlen für den Pfarrer und die 
Herrschaft mit Omamentbekrönung an der N- und S-Seite sind eine in unbe- 
maltem Kiefernholz ganz flott geschnitzte einheitliche Komposition. 

Melkow. 

[946 Milcuui, 1179 Melcowe, in den erzbisch. Lehnbriefen des XIV. Jahr- 
hunderts Melchow, Melcho und M&lkow, 1563 Melkaw.] 

Pfarrdorf, 7 km nordöstlich von Jerichow, als zum Burgward Marienburg- 
Kabelitz gehörig dem Bistum Havelberg gestiftet und von diesem nachher dem 
Kloster Jerichow gewidmet 

Die Kirche, 2 unter Patronat des Klosters Jerichow, das nachher mit anderen 
an die von Katte, jetzt auf Wust, überlassen ist, liegt in der Mitte des Dorfes westlich 
von der NS-Strasse. Sie ist ein kleiner, einschiffiger, romanischer Backsteinbau 



^ Vgl. über diese Familie und ihr Wappen vonMülverstedtin Gesch. Bl. IIL (1868) 
S.28 No. 1 und V (1870) S.278. 

* Vgl. Adler, I S.43, mit Abb. von Grundriss, Ansicht und Fries auf Taf 24, 5-7 nnd 
danach Lotz, I S.488. 



Mahlenzien. Melkow. S37 



nach Schema I.